„Die offenen Adern Lateinamerikas“ machten Eduardo Galeano vor mehr als vierzig Jahren weltberühmt. Das Buch wurde zur meistgelesenen Analyse der Unterentwicklung Lateinamerikas. Auch wenn Galeano sich als Linker verstand, verschonte er seine politischen Freunde nicht mit Kritik. Galeanos langjähriger Verleger Hermann Schulz erinnert sich an den Autor, der im April 2015 in Montevideo starb.

Erinnerung an Eduardo Galeano

Ein Werk voller Geschichten und Geschichte

Von Hermann Schulz

Nicht immer steht hinter großen Bucherfolgen die konzeptionelle Leistung des Verlegers. Manchmal spielen Zufälle eine Rolle, und Neugierde auf Neues. Man ist im richtigen Moment am richtigen Ort. Und immer ist ungewiss, was sich aus einer Begegnung entwickelt.

Im Herbst 1972 erhielt ich eine Einladung, an einem Autorenkongress in Costa Rica teilzunehmen. Am ersten Abend drückte mir ein damals noch unbekannter junger Autor aus Uruguay sein neuestes Buch in die Hand. „Vielleicht guckst Du da mal rein!“ Ich las noch in der ersten Nacht große Teile, im Sommer 1973 erschien im Peter Hammer Verlag von Eduardo Galeano „Die offenen Adern Lateinamerikas“.

In meiner Vorstellung sollte es das Flaggschiff des Lateinamerikaprogramms werden. Vielleicht lag es an der geringen Durchsetzungskraft des Verlags, dass das Buch nicht sogleich erfolgreich war. Dass es schließlich ein Kultbuch der Dritte-Welt- und der Studentenbewegung wurde, verdankten wir auch Heinrich Böll. Vor einer seiner Lesungen in Köln ließ er mich in die Garderobe rufen und kündigte an, er würde statt eigener Texte zuerst einmal aus dem „Galeano“ lesen, das sei ja ein phantastisches Buch! Das sprach sich herum, bald gingen die Absatzzahlen in die Höhe; der Titel ist auch nach über 40 Jahren noch erfolgreich.

Galeanos Begabung als politischer Autor, der sich in Zeiten der Diktaturen Lateinamerikas und auch später immer wieder unbeliebt machte, zeigte sich früh. Mit 20 wurde er Chefredakteur der Zeitschrift Marcha und Direktor von Epoca, bis er 1973 ins argentinische Exil musste. Hier gründete er das großartige politisch-kulturelle Magazin Crisis; 1976 vertrieb ihn die Militärdiktatur nach Spanien.

Mit der ersten Begegnung begann für uns eine jahrzehntelange Zusammenarbeit. Seine Briefe und Signaturen in Büchern kennzeichnete er mit einem kleinen Schweinchen, das eine Blume im Maul hält. Als ich ihn nach der Bedeutung fragte, sagte er: „Das ist mein Kennzeichen, mehr nicht! Eigentlich wollte ich Grafiker oder Maler werden. Dann bin ich Schriftsteller geworden. Wenn man die Frau, die man liebt, nicht bekommen kann, heiratet man die Schwester!“ Er hatte einen umwerfenden Humor; seine Bücher sind von Humor und geistreichen Sarkasmen durchdrungen.

In den Jahren des Exils ging es ihm finanziell vergleichsweise gut. Seine politischen Beiträge, die die Weltpolitik und die Situation der „unterentwickelten“ Länder behandelten, wurden in vielen Ländern gedruckt. Er hatte unter den Intellektuellen in aller Welt zahlreiche Freunde, aber er suchte nie die Kumpanei, weder zu politischen Gruppierungen, die ihm nahestanden, noch der Prominenten, die häufig seine Nähe suchten.

Natürlich war er ein „Linker“, aber nie ideologisch verbohrt und immer mit einem klaren Blick für die Opfer der Herrschenden. Seine Kritik machte auch nicht Halt vor Freunden. In Nicaragua traf ich ihn 1985. „Die Revolution nimmt keinen guten Weg!“, sagte er und berichtete von der Praxis des Geheimdiensts der Sandinisten, justiert von der DDR. „Stell dir vor, bei Tomás Borge (damals Innenminister) habe ich Listen gesehen aller Leute, die man überwachen oder einsperren sollte!“ Leider behielt er recht mit seiner Prognose. Er war unbestechlich!

Anekdoten von Weisheit, Verbrechen und Hinterlist

„Die offenen Adern …“ blieb sein einziges zusammenhängendes Prosawerk. Seine Form, mit der er die Ärmsten und Ausgebeuteten zu Wort kommen ließ, war die kurze erhellende Episode. Als ihm in einer Lesung ein wohlmeinender Zuhörer sagte: „Sie sind die Stimme der Unterdrückten!“, wie er das zurück. „Sie haben selbst ihre Stimmen! Ich zeichne nur auf, was sie sagen!“

Beispielhaft, wie hintersinnig er den nicaraguanischen Arzt und Dichter Fernando Silva charakterisierte, der seine Erlebnisse nie ohne literarische Zuspitzung vortrug: „Die Wahrheit ist eine Lüge, die Fernando Silva erzählt!“

Eduardo Galeano hinterlässt ein reiches Werk voller Geschichten und Geschichte, pathetische, sanfte und harte Anekdoten von Weisheit, Verbrechen und Hinterlist der Jahrhunderte und scheinbar nebensächlichen Beobachtungen. Niemand weiß, wie viel Zeit er in den Archiven der Welt verbrachte. Um einen erhellenden Satz, eine wichtige Episode zu finden, las er hunderte Seiten alter Handschriften und Berichte. Er förderte für uns Schätze zu Tage, die uns schlüssig zeigen, wo der Zustand unserer Welt herkam und wie die Herrschenden mit Macht und Reichtum umgehen. Zugleich war er umtriebig, die politischen Bewegungen der Gegenwart wahrzunehmen. So konnte die Revolution Nicaraguas auf seine Sympathie rechnen, ebenso wie auf die des großen Argentiniers Julio Cortázar.

Cortázar war verliebt in diese Revolution. Galeano aber sang keine Elogen! Er stellte Fragen, was denn außer Pathos und Versprechen für die Menschen des Landes herausspringen würde. Er glaubte nicht an die Phrasen vom „Neuen Menschen“, sondern dass die Herrschenden fast immer verführbar sind von der Macht.

Gegen sie, und für das Recht der Armen und ihre Würde hat er seine Bücher geschrieben, Verfolgung auf sich genommen und lächelnd akzeptiert, dass ihm trotz Bemühungen seiner Freunde viele Ehrungen und Preise nicht zuerkannt wurden; auch nicht der „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“. Er war für alle Mächtigen und Prominenten ein unbequemer Autor. Und stolz darauf, Taxifahrer in Buenos Aires oder Mexiko anzutreffen, die seine Bücher lasen.

Zuerst erschienen in der Zeitschrift Südlink 172 vom Juni 2015.

Hermann Schulz leitete von 1967 bis 2001 den Peter Hammer Verlag in Wuppertal.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 08.1.2016

Eduardo Galeano
Eduardo Galeano

Eduardo Hughes Galeano
Die offenen Adern Lateinamerikas. Die Geschichte eines Kontinents
Aus dem Spanischen von Angelica Ammar
Broschiert, 400 Seiten
ISBN: 978-3-7795-0271-5
Peter Hammer Verlag, Wuppertal

Buch bestellen

Weitere Bücher von Eduardo Galeano