Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick hat aufgeräumt. Seine Protokolle und Erinnerungen aus aller Welt und aus jeder Zeit haben sich zu einer unordentlichen Szenen-Folge mit dem Titel »Hessenmeister« zusammengefunden, die schräg und witzig ins Textland auf Faust-Kultur fließt.

Textland von Jamal Tuschick

Hessenmeister

22. Juni 2016

Hessenmeister

Daheim bei Seiner Königlichen Hoheit Wilhelm I.

Jedes Jahr zur Vorweihnachtszeit begingen die Studentinnen der Casseler Universität Zum Alten Kurfürst, angeführt von Gouverneur Coogan und Meister Musashi und begleitet von den Professoren Jacob und Wilhelm Grimm so wie von den Spezialisten Feridun Zaimoglu und Texas Thunderbolt (um einige nur zu nennen) die Wohnung des Kurfürsten in festlicher Stimmung und guter Kleidung. Die Studentinnen waren eine internationale Sensation, es gab weltweit sonst keine. Auch gesundheitliche Gründe waren gegen sie vorgebracht worden.

Zur Wohnung Seiner Königlichen Hoheit gehörte ein Spiegelkabinett. Die Kunst kleinerer Meister fand sich darin ausgestellt. Man kam dann in den Speisesaal mit seinen Officen. Eine reich dekorierte Treppe führte zum ersten Geschoss.

Unsere Studentinnen wagten kaum zu atmen, stand doch auf dem Treppengipfel der Fürst im Hausmantel eines Sultans. Wilhelm I. hatte eine osmanische Meise. Coogan bedeutete den Studentinnen in ihren Respektbezeugungen nicht nachzulassen. Meister Miyamoto Musashi sprang leichten Herzens über die Stufen und nahm den Fürsten unförmlich auf den Arm. Wir wunderten uns nicht, da wir nicht wussten, wie förmlich der Japaner an sich ist und wie vielschichtig seine Huldigungsformate sind. Letztlich hielten wir Meister Musashi für einen Wilden bloß und Japan für ein anderes Amerika.

Der Fürst und sein Gast überboten sich. Ein Wettbewerb des Frohsinns nahm seinen Lauf, bis ein Däumling (ganz in rotem Samte) seinen Herrn ungeniert auf eine Galeere dringlicher Geschäfte abführte. Wilhelm hob bedauernd die Schultern. Wir begaben uns in ein Vorzimmer, wo Herkules und Apoll regierten. Diverse Eingänge zu den kurfürstlichen Appartements ließen sich bewundern. Sensationsgier und die Lust an der Indiskretion sind keine Errungenschaften eurer armseligen Gegenwart. Ihr, die ihr sterblich seid, könnt euch nicht vorstellen, was es alles schon gegeben hat. Die Vorstellung da hinter dieser Tür wird der Wilhelm privat entfachte manchen Kiefernspan der Phantasie. Übrigens folgten wir einem Major, geschult in Repräsentation und zugleich ein Knilch wie von Georg Büchner* in die Hölle geschickt.

*Büchner hatte sich bei uns beworben und sollte bald angenommen werden.

Der Major hieß Gerber oder Müller. Er war wohl kein Hesse. Er führte uns in den Cour=Saal, welcher mit größter Eleganz meublirt (akkurate Schreibweise) war, und an dessen Wänden acht vortreffliche Landschaftsgemählde hingen, unter denen vier vom berühmten Hackert** und zwei von Rohden*** die vorzüglichsten waren.

_**Jakob Philipp Hackert (1737 – 1807) war Hof- und Landschaftsmaler. Sein Name verbindet sich mit dem deutschen Italien-Hype des 18. Jahrhunderts. Goethe reagierte auf Hackert mit Prosa. Die Männer trafen sich in Florenz - der Klassiker von wegen deutsche Künstler in Italien. _
***Johann Martin von Rohden, 1778 in Kassel geboren, starb 1868 in Rom.
  *

Im 18. Jahrhundert waren Reisen nicht mehr nur feudales Vergnügen. Es gab die Grand Tour für den bürgerlichen Nachwuchs. In Kassel besuchte der Geck den Höhenpark mit dem Herkules auf der Spitze und begriff die Sache als Sensation im englischen Stil. Beinah mühelos gelangte er in die Wohnung S.K.H. In einem Kabinett fand die Prüfung der Penelope statt – so wie sie Johann August Nahl der Jüngere (1752 – 1825) aufgefasst hatte.

Neben der Penelope hingen eine Madonna und eine mütterliche Liebe, beide nach Raffael und von Marianne von Rohden, verh. Hummel. Eine Bildunterschrift stellt fest: Von Madame Hummel, der Gattin des hießigen talentvollen Malers Ludwig Hummel. Marianne wurde in Kassel geboren, sie war eine Schwester des Malers Johann Martin von Rohden. Um die napoleonische Jahrhundertwende hummelte sie nach Paris und kopierte mit Ludwig im Louvre den heißesten Scheiß ihrer Gegenwart. Das waren die Warhols von Raffael.

Zur Besichtigung bot sich dem Reisenden ferner ein Schlosszimmer, welches sehr schöne Thierstücke in Lebensgröße von dem in diesem Fache vorzüglich geschickten Professor Range enthielt. Das hierauf folgende Kabinet (so schrieb man 1824) (war) mit Original=Zeichnungen in Sepia von Hackert, Anton Raphael Mengs und Nahl geziert, die von hohem Kunstwerthe waren. 

*

1723 kam im Londoner Leicester House eine Königstochter zur Welt. Maria machte weiter keinen Ärger und wurde rechtzeitig Landgräfin von Hessen-Kassel. Allerdings war sie mit dem einzigen kurhessischen Regenten nach Luther verwopft, der sich vom Katholizismus angezogen fühlte. Das Paar trennte sich. Von einer Scheidung sah man ab, so dass der Katholik auf dem kurhessischen Thron, ich spreche von Friedrich II., sich wieder nicht verheiraten konnte. Man schaffte Maria, übrigens eine Tochter der Caroline von Brandenburg-Ansbach, u.a. Kurfürstin von Hannover, mit ihren Plagen nach Hanau, um sie in der Reinheit des Protestantismus und in der Lieblichkeit der Mainsenke vor allen katholischen Übeln zu bewahren. In Hanau schlug die Stunde des 1743 zu Kassel geborenen Wilhelm IX. Mit siebzehn wurde er Graf von Hanau, Steinheim & Kesselstadt. Er folgte dem bedenklichen Vater auf den hessischen Thron und brachte es zum Kurfürsten als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation sich gerade in die letzte Kurve legte und es keinen Kaiser mehr von Kurfürsten zu wählen gab. Auch das ein Treppenwitz der Epoche. Als Kurfürst hieß der Landgraf Wilhelm I. von Hessen-Cassel und trieb Menschenhandel. Soldatenverkauf machte ihn reich und Amerika hessisch. Gern wäre Wilhelm „König der Chatten“* geworden, so wie er im Ganzen rückwärtsgewandt und absolutistisch empfand.

*Die Chatten siedelten im Kasseler Becken. Sie waren international die besten Germanen, hatten kaum Berührung mit den Römern und blieben ihrem Gebiet bis auf den heutigen Tag treu, so dass man im ächten Casseläner immer noch einen wahren Chatten vermuten darf.

Der Kurfürst empfing Gouverneur Coogan und das akademische Gefolge. Eine pharaonische Grablege-Phantasie in Ebenholz, Marmor, Gold und Bronze überließ den nobilitierten Besucher dem Zustand zwischen Schauer und Entzücken. Das egyptische Zimmer war vielmehr eine Staffel von Kabinetten, die den Eindruck von Pracht und Düsternis buchstäblich vertiefte. Ich sah Männer, die den Teufel nicht fürchteten und sich einer direkten und ungetrübten Abstammung von den Chatten gewiss sein konnten, den Schweiß von der Stirne tupfen, ob der phantasmagorischen Erregungen vor Ort. Ein Löwe an der Leine S.K.H. trug zu allgemeinem Unbehagen bei. Man bewundert solche Majestäten auf der freien Wildbahn, als Hausgenossen befürchtet man Unannehmlichkeit.

Wir betraten einen Cour=Saal, der wohl sechzig Fuß lang sein mochte. Vier dorische Säulen unterstützten den Plafond. Halbzirkelförmige Aussparungen fassten einen Divan nach dem anderen. Da war zum Sitzen nichts. Man sollte die Möbel nur bewundern – Designerdreck von 1820.

*

Keiner konnte hochmütiger erscheinen als Seine Königliche Hoheit – Landgraf Karl von Hessen-Cassel (1654 – 1730) herrschte länger als ein halbes Jahrhundert in einem ausufernden Kreis dynastischer Gliederpuppen.

Während des Siebenjährigen Krieges tat sich der Franzose in Kassel grob um. Wir fanden es richtig, Landgraf Friedrich II. von Hessen-Cassel nach Braunschweig zu schicken. Da ließ er sich das Carolinum zeigen und als Vorbild ans Herz legen. Wir richteten ihm nah der Fulle ein Medico-Chirugicum ein, es ging Uns bald kein Unstudierter mehr ins Feld, um zu pfuschen.

Pfuschen ja, aber mit Titel, das war der letzte Schrei.
Das Collegium Carolinum war von Friedrichs Vater, Landgraf Karl, zum Behufe eines Kollegs und im Stil einer Ritterakademie bezweckt worden. Unser aristokratischer Nachwuchs sollte im Verein mit den Besten unseres Volkes, den untadeligen Hessen, in zweijähriger Ausbildung für die drei hohen Fakuläten Rauchen, Trinken, Huren aka Theologie, Jura, Medizin die nötige Mathematik etc. mit auf den Weg kriegen. Bevor Coogan der akademischen Sache Pfiff gab, spottete sie jeder Beschreibung.
Am liebsten trieben sich Studiosos Collegii Carolini im Reinhardswald und gewissen Randgemarkungen herum. Da lagen Wüstungen* schon lange in ritterlicher Schwermut brach- und danieder. Zerfallene Kirchen und Burgen – die Studenten gingen in Ruinen auf Sauenhatz. Sie jagten mit schrecklichen Hunden, halben Bestien, die mit dem wilden Dasein liebäugelten, sie jagten nach alter Art mit Lanzen. Sie gingen sich gegenseitig an die Gurgel in der Festlichkeit des andauernden Rausches. Bauern beschwerten sich über die juvenile Elite, Wir dachten uns, wer sich dem Militair widmen will, soll zu fromm nicht sein. Das Hauen und Stechen ist nun einmal in der Welt und wer am besten haut und sticht, wird der Üblichen Vorgesetzter.

Wir ritten zum Ahlberg hin, einem von Zeit zu Zeit Lava gurgelnden Vulkan. In seinem Gebiete natterte die Esse. Man folgte ihr von Wüstung zu Wüstung, eine jede mit Urkunden gut belegt. Eisenzeitliche Wehre boten sich im Wechsel mit mittelalterlichen Burgruinen historischen Phantasien an.

Leider gibt es auch anrüchige Unsterblichkeit. Wir hatten einen Burgmann namens Rotger, der im 12. Jahrhundert aus den Nebeln der Weserauen aufgetaucht und zum Wiedergänger geworden war. Rotger besorgte einem Landgrafen nach dem nächsten die Mätressenwirtschaft, exotische Tiere/Menschen und das Opium. Rotger schloss jeden üblen Handel ab.
Er war verheiratet mit Hilleke, auch sie eine Unsterbliche aus dem Geschlecht des geknickten Liebreizes jener Burgfrömmigkeit im Wolfsthal des Habichtswalds. Nach der ersten Jahrtausendwende ritten durchs Wolfsthal noch chattische Partisanen. Ihre Padischahs (Herzöge) hatten den Franken schon unter Karl dem Großen die Gefolgschaft verweigert. Sie waren vom Kaufunger Wald in den Habichtswald emigriert und lebten so urhessisch, dass ständig eine Schwarte krachte.

Alle historischen Spezialitäten aus „Das geheime Buch der Hessen – Band LXV”, herausgegeben von Prof. Dr. Mara D. Neusel und Texas Double Action Thunderbolt dem Älteren, erschienen in der Krieger'schen Buchhandlung zu Cassel 1812

*

In den 1770er Jahren entstand auf dem Wilhelmsplatz das HÔPITAL DES FRANCOIS REFUGIÉS nach Plänen des Stadtbaumeisters Simon Louis du Ry. In dem französischen Armenhaus wurden nicht nur Hugenotten zusammengezogen. Landgraf Friedrich II. überließ Gouverneur Coogan die Aufsicht über den karitativen Betrieb. Coogan verließ sich im Wesentlichen auf Thunderbolt, ihm war beim Anblick der Syphilitiker und verkrätzten Gemütskranken nicht wohl. Das Institut diente Unterschichten, wer es sich leisten konnte, rief einen Arzt zu sich nach Hause.

Der brave Bürger verbrachte keinen Tag seines Lebens in so einer zwischen Kranken- Armen- und Findelhaus changierenden Einrichtung des Fortschritts. Doch der Armut lieferten bed & breakfast so wie die Aussicht nicht zu erfrieren bereits einen paradiesischen Vorgeschmack. Da gingen alle Lampen der Begeisterung an und das alleruntertänigste Gesabber los.

Es gab reichlich ausgesetztes Gesinde. Von seinenHerrschaften auf die Straße geworfen.

Eine Institution war der Drehkasten zur anonymen Säuglingsabgabe. Die Findelinge starben in Ammenobhut wie die Fliegen. Nicht zehn von Tausend erreichten das vierzehnte Lebensjahr.

Wir fühlten uns aufgeklärt und der Wohlfahrt verpflichtet, kamen aber nicht umhin, einen Missbrauch der landgräflichen Großzügigkeit festzustellen. Die liederlichsten Dirnen erreichten Casseler Gnadenstationen aus dem Ausland (Kurfürstentum Hannover, Herzogtum Braunschweig) um sich von ihrer Zuchtlosigkeit entbinden zu lassen.

Ein Kavalier unterschied nicht zwischen Arbeit und Sklaverei. Das Leben wollte von der passablen Seite angefasst werden, die Wände meines Wohnzimmers waren von carrarischem Marmor, den Plafond trugen acht Porphyr-Säulen. Professor Neusel ergab sich dem Raumgefühl in einem Wohnzimmer von vierhundert Fuß Länge, sechzig Fuß Breite und zweiundvierzig Fuß Höhe. Die Decke war von Glas. (Sollte es im Gespräch einmal wieder darum gegangen sein, bei jemandem den Himmel ins Haus zu lassen*, dann war das eine Umgangsprachlichkeit im Spektrum volkstümlicher Rechtsbegriffe gewesen.
 
*„Jemandem aufs Dach steigen”, kommt daher.)

Ihre Öfen waren mit größter Kunst in der Henschel’schen Gießerei aus Bronze gearbeitet worden. Sie hatten stückweise fünftausend Rthlr. Gekostet. Der Fußboden, die Türen und Lambris waren von Mahagonieholz und mit vergoldeter Bronze glänzend gemacht. Fünf Kronleuchter hatte Neusel anbringen lassen, der eindrucksvollste hatte eine Peripherie von dreiunddreißig Fuß. Sie hatte dafür den Pappenstiel von zwölftausend Rthlr. hingeblättert. Natürlich versahen das Geschäft des Leuchtens auch noch großartige Kandelaber.

*

Wir mussten Prinzessin Marianne an den Mann bringen. Sie wurde bald siebzehn. Marianne war eine rosige Person von ländlich-feierlichem Wesen. In der Schwälmer Tracht hätte man sie für Trampel Trulla halten können. Für Marianne wurde eine „Prinzessinnensteuer“ von 35.000 Rthlr. fällig. Aufzubringen hatten die Steuer die hessischen Landstände zur Aussteuerung der Braut. Man kann sich der Stände Freude vorstellen.

15. Juni 2016

Hessenmeister

Das Gesindel an der Spindel

Man trug Coogan den Vorsitz in der Hessen-Casselischen Gesellschaft des Ackerbaus und der freien Künste an. Er bat mich an seiner Stelle die Sache zu bestellen, ich beriet mich mit Gustav Casparson, dessen Studie „Abhandlung der Verhütung des Bettels“ in dieser Zeit maßgeblich wurde. Johann Wilhelm Christian Gustav Casparson war Dramatiker und Professor der historischen und schönen Wissenschaften. Seine Einsichten gipfelten in der Idee, jeden, der auf Kassels Straßen ein Almosen begehrte, ins Arbeitshaus zu stecken.

Casparson unterschied a) Arme, denen es an Gelegenheit zur Arbeit fehlte, von b) Müßiggängern und c) bettelnden Kindern.

Wie dämmt man die Bettelei in der Residenzstadt ein? war eine Frage von zentraler Bedeutung. Hierzu hörten wir Koryphäen aller Couleur. Die Termine fanden im Alten Teehaus am Elbenknick statt. Die Ritter von Elben zu Mohrenhofe waren ein niederhessisches Geschlecht, das sich zurückverfolgen ließ auf die Zeit früher fränkischer Besiedlung der nach heutigen Begriffen Thüringen vorgeschobenen Gebiete.
Das älteste Teehaus Hessens war ein Kleinod der Gartenarchitektur an der Fulda und ein Geschenk des japanischen Meisterspions, Schwertkampfmeisters und Highlanders Toranaga, das europaweit Schule machte. Toranaga erschien am kurhessischen Hof als Gesandter und Gartenbauexperte von Shogun Tokugawa Ieyasu (1543 – 1616). Er überlebte Reichseiniger Ieyasu um Jahrhunderte. Toranaga war Liebling einer Reihe von Fürsten und Frauen. Er unterstützte schließlich noch unseren Freund Akira Kurosawa beim Abdrehen der „Sieben Samurai“, eine Variation des Märchens von den „Sechs Schwänen“ oder „Sieben Raben“. Die neue Kasseler „Armen-Verpflegungs- und Werkhaus-Anstalt“ half dem Ansehen der Stadt auf die Beine. Reisende lobten die Anstalt auf Facebook. Bis dahin waren sie in Cassel auf Schritt und Tritt von Bettlern verfolgt worden.

Hastde ma' ne Laubthaler?

Wir setzten unsere Waisenkinder an Baumwollspinner, gaben ihnen ein Dippchen heiß gekochte Suppe zum Frühstück und des Abends und genossen so volle Anerkennung des internationalen Journalismus. Unsere Schulmeister und Seminaristen unterrichteten das Gesindel an der Spindel.

Bereits 1761 hatten wir ein Accouchier- und Findelhaus eingerichtet, das waren wir dem Fortschritt und der Aufklärung schuldig. Nicht, dass ledige Frauen ihre Kinder straffrei in die Welt setzen konnten. Das Wohl der Schwangeren war kein Ziel. Vielmehr ging es uns in der Hessen-Casselischen Gesellschaft des Ackerbaus und der freien Künste genauso wie auf der Hauptwache und im Haus der Kriminalpolizei um eine Verminderung der Säuglingsmorde.

Ein Mensch, der keinen Anlass weiß, sich anders als gering zu schätzen, wird auch alles Hervorkommen (von seiner Person) außer Beachtung finden. Gouverneur Grand Slam Coogan in einer Vorlesung vom 12. März 1784

Darüber war zu sprechen in der Moralischen Anstalt, die wir ins Kadettenhaus neben die Artillerie-Schule getan hatten. Das Kadettenhaus diente als Erziehungs- und Unterrichtsanstalt für das Kadetten-Corps und andere Jünglinge, die sich dem Militär-Dienste gewidmet hatten. Sie unterstanden Commandeur (und Dramatiker) Hardboiled Jim (Feridun) Zaimoglu und mehreren Offizieren (Thunderbolt, Burroughs, Colt, Freud). Auch andere Lehrer unterrichteten die Früchtchen in allen Wissenschaften und Kenntnissen, die zur militärischen Bildung gehörten, so daß keine anderen als vorzüglich unterrichtete Subjekte aus dieser Pflanzschule kamen, welche für die kurhessische Armee von wesentlichem Nutzen waren.***
 _*** Aus “Cassel und die umliegende Gegend – Eine Skizze für Reisende”, Cassel 1825 in der Kriegerschen Buchhandlung_
so wie
aus Karl Ernst Demandts „Geschichte des Landes Hessen”

*  

Du gehörst/kimmest nach Haina (wahlweise Merxhausen) war eine Kasseler Umschreibung für: Du beklopptes Aas.

Im Zuge der Reformation löste Landgraf Philipp der Großmütige das Zisterzienserkloster Haina auf und stellte die Anlage 1533 in den Dienst der Ärmsten und Irrsten unter uns Hessen. Das “Hohe Hospital” Haina war Männersache. Für die Frauenzimmer in den Flammen der Verzweiflung stiftete Philipp das Landeshospital Merxhausen.

„Armenpflege, meine Herren, war lange eine katholische Angelegenheit.“

Gouverneur Coogan äußerte sich so an einem Abend des 18. Jahrhunderts im Alten Teehaus vor der Hessen-Casselischen Gesellschaft des Ackerbaus und der freien Künste. Freilich fand Coogan bewegende Worte. In den Klöstern und ihren Spitälern waren die Armen und Irren abgespeist worden, ich erinnere an das Spital Merxhausen, oft hieß es in einer Casseler Kindheit, da kimmeste noh (da kommst du hin) so von Sinnen wie man war, da man alle Erwachsenen für Irre hielt.

Landgraf Philipp der Großmütige hatte Klöster und Stifte säkularisiert, folglich stellte sich die Frage, wohin und wozu mit den Waisen und Wirren.

Coogan explizierte den texanischen Therapieansatz. Gebt jedem ein Pferd, ein Gewehr und ein Messer und dann ab durch die Mitte nach Amerika. Da verflüchtigt sich jede Geisteskrankheit oder ist wurscht, falls sie einen nicht zum Schamanen der Apachen prädestiniert.

So klùg sprach Coogàn zur Cassèler Crème de la Crème.

Unser Coogan!
Die Reformation brachte es mit sich, dass man gesunde Findel- und Waisenkinder in Hospitäler tat, anstatt ihre Arbeitskraft gezielt auszubeuten. Wir trieben die Wohlfahrtspflege voran, mit der Idee, dass Armenfürsorge eine Erziehungsaufgabe war. Wer auf Wohlfahrt angewiesen war, hatte das Vermögen eines Kindes (Mündels, Unmündigen). Folglich war die Obrigkeit ihm zum Vormunde bestellt. Ab schufen wir die letzten Refugien des lebenslang sabbernden Freigangs.

Tagträumen und Verrücktspielen bei freier Kost & Logis. Das war gestern. Wir führten Disziplin und den Zwölfstundenarbeitstag für alle Bedürftigen ein. Wir gründeten (in dieser Schreibweise) das reformirte Waysen- und Armenhaus an einem Unterneustädter Rand als koedukative Einrichtung. An sie richteten wir klipp und klar einen Versorgungsauftrag. Unsere Waisen versorgten die Alten und andere unauffällig in ihren Wohnungen verwahrte, jedenfalls zu keiner Sache zu gebrauchenden Arme und Bekloppte.

Noch in den 1930/40er Jahren entdeckte man vereinzelt unbrauchbar Bekloppte in Wohnungsverstecken. Angehörige verbargen Angehörige im Widerstand gegen die öffentliche Ordnung und Wohlfahrt.

Nun, liebe Freunde der Straßenbahnen, wo kamen denn all die armen Kinder her? Sie kamen von den Soldaten, welche Casseler Zwillen (Mädchen) ins Unglück gestoßen hatten. Wir alle hatten sie in Gassen betteln oder gemeinsam mit den Irren in Spitälern hausen sehen. Sie besaßen jetzt ihr Eigenheim und zeigten mit Fleiß ihre Dankbarkeit. Davon war die Rede vor der Hessen-Casselischen Gesellschaft des Ackerbaus und der freien Künste im Alten Teehaus, das der geheimnisvolle Toranaga spendiert hatte.

Der in Cassel bei Hofe stationierte Elitediplomat und diplomierte Gartenfreund so wie unsterbliche Toranaga war bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr Rōnin* gewesen.
*herrenloser Bushi/Samurai – auf sich selbst gestellter Krieger

Toranaga löste in der kurhessischen Kapitale den Tee-Wahn aus. Hochstehende Casselänerinnen kleideten und gerierten sich wie Japanerinnen.

Im weiteren Verlauf der Ereignisse stellten wir eine Manufaktur zum Waisenhaus. Wir ließen die Waisen spinnen, weben, stricken und sticken. Wieder wurde das Militär wichtig – diesmal als Abnehmer von Socken etc.

Wir gewannen Gelände im Schleifgang der Festungswälle. Schon hieß es, wir ziehen hinter der Manufaktur eine Maulbeerplantage auf und steigen in die Seidenproduktion ein.

*

Wo der Lindenberg den Eichwald küsst, da stand die Papiermühle von Kassel-Bettenhausen im kühlen Grund des Eisenhammers beim Messinghof.

Die Brüderkirche schloss an den alten Kollegienhof. Karmeliter hatten sie in die Welt gesetzt, Heinrich I., ein Enkel der Heiligen Elisabeth, war daran gelegen gewesen, Karmeliter in Kassel zu haben. Ihre schlossnahe Ansiedlung an der Fulda datiert auf das Jahr 1262. Hermann, Vikar der Mainzer Karmelitervikarie, bekundet, daß der Prior Heinrich und die übrigen Karmeliterbrüder in Kassel (Cassele) von dem Landgraf Heinrich den Hof mit Häusern und Grundstücken in Kassel, den vormals die Jüdin Rechelin und zuletzt der Vogt (Johann) genannt Riedesel (Rietesel) bewohnt haben, für 100 Mark hessischen Silbers zu einem Wohn- und Gotteshaus gekauft haben und jährlich dafür dem Landgrafen zu Martini und am Johannistag je fünf Mark zahlen müssen, bis sie diesen Zins mit 100 Mark auslösen. Ferner bezeugt Hermann, daß die Kasseler Karmeliter gelobt haben, kein dem Landgrafen gehöriges Haus, Grundstück oder sonstiges weltliches Gut ohne seine besondere Erlaubnis als Schenkung oder Vermächtnis anzunehmen, sowie keinen weltlichen Bürger Kassels außer zur Zeugnisabgabe vor das geistliche Gericht zu fordern; nur für den Fall, daß sie vor dem Gerichte des Landgrafen oder seiner Schöffen ihr Recht nicht erhalten haben oder abgewiesen worden sind, dürfen sie an beliebigem Orte den geistlichen Richter anrufen. Auf Bitten der Kasseler Karmeliter bestätigt Hermann nach voraufgegangener Beratung mit dem Karmeliterprior Hermann zu Frankfurt (Francvordensis) und andern Ordensbrüdern diesen Vertrag.

Aus den Regesten der Landgrafen von Hessen

Heinrich I. von Hessen (1244 – 1308) hatte Kassel zu seiner Hauptstadt gemacht. Wir hatten ihm dazu geraten, nach Tischgesprächen und heimlichem Getue mit Sophie von Brabant aka Sophie von Thüringen in ihrer Eigenschaft als Heinrichs Mutter. So wurde sie denn Stammmutter des Hauses Hessen. Übrigens war Sophie eine Wartburgerin, wir erwarten die Abgabe der Wartburg an Hessen bis auf den heutigen Tag. Darüber wird noch zu streiten sein.

Jedenfalls wurde die Brüderkirche 1376 erst fertig und war Gotteshaus der Brüder des Ordens der heiligen Maria vom Berge Karmel bis 1526. Die Reformation erzwang die Auflösung des Klosters.

Neben der Kanzel paradierten in Stein geschlagene Brustbilder der Stadtkommandanten. Die Orgel hatte Georg Wilhelm Wilhelmi gebaut. Besonders gern spielen hörten wir Johannes Becker (1726 – 1804). Unser Wilhelm VIII. hatte ihn in Italien ausbilden lassen. Er versah die Orgeln auch in der Martins- und in der Altstädter Kirche. Zur Frau nahm er eine Tochter vom Andreas, dem herrschaftlichen Papiermacher (Bappiermacher) in der Papiermühle (Bappiermole) beym Messingshoff. Bis dahin hatte das Papierwissen einen weiten Weg von Samarkand über Mallorca und Ravenna nach Kassel-Bettenhausen gehabt.

Lange hatten sich die Landgrafen in Frankfurt am Main mit Papier eingedeckt.

Der Andreas nun, ein Becker wie viele, setzte den ersten „Holländer“ ein, eine verbesserte Maschine zur Herstellung des Zeuges. Er leimte, was das Zeug hielt. Den Leim lieferten pürierte Schafsfüße, Maulwurfohren und Schweineschnauzen. Miyamoto Musashi (offiziell 1584 – 1645) diktierte die Zutaten seinem Sekretär. Gemeinsam mit Toranaga vertrat er im Konvent der Unsterblichen, man dachte lange, unsterblich könnten nur Hessen, Schotten (?) und Texaner sein, den Block der Ausländer. Wir vermuteten sogar, dass Toranaga dem Musashi ein Sohn war. Dem Gremium galt der Meister (das Vorbild aller Schwertkämpfer) als unverheiratet und kinderlos. Doch wer weiß. Musashi lehrte den gleichzeitigen Einsatz von Lang- und Kurzschwert. Er focht einen unprätentiösen Stil, in dem Natürlichkeit Trumpf war. Dem unstudierten Beobachter erschien Niten Ichiryū kunstlos und sportlich. Das Ziel war eine Verschmelzung des Mannes mit seinen Waffen. Musashi sagte: Es wäre bedauerlich, mit einer nicht gezogenen Waffe zu sterben.

*

Das Frontispiz des kurfürstlichen Palais war mit vier korinthischen Pilastern geziert.

Die einseitige Bebauung der Bellevuestraße bot freye Aussicht nach der Orangerie, der Aue und dem Felde. Das Schloss bestand aus dem alten Palais eines zur Regentschaft nie berufenen und bedeutungslos verschiedenen Landgrafen Friedrich und zwei weiteren kurfürstlichen Häusern, die man architektonisch zur Einheit gepresst hatte. Die erweiternden Bauten waren Quartiere für die Schlosswache und die Besatzung der Sternwarte. Eine frey stehende Communikations=Arcade will besonders erwähnt sein. Die Arkade erlaubte den beschirmten Gang von einem Portal zum nächsten.

Man hatte Miyamoto Musashi als maßgeblichen Mann im Schloss Bellevue untergebracht. Des Fürsten Garde (Berater, Steigbügelhalter, Arschkriecher – Männer von Format & Fortune) unterrichtete Miyamoto Musashi bei jedem Wetter im Schlosspark. Hauke von Salzmannshausen und Colette Peignot unternahmen es, Gedanken und Einfälle des Meisters zu eckern. Er führte sie in die Kunst des Kampfes mit Haushaltsgegenständen ein. Die Schärfe trivialer Sachen zu erkennen und zu nutzen war ein beiläufig betriebenes Hobby. Unser Stand kettete uns an Etikette, Hauke und Colette wäre kein Blumentopf Gewinn geworden, so sie sich mit einer Forke oder zwei Essstäbchen aus einer Bredouille zu befreien gewusst hätten. Es gab Lagen im Leben, da konnten blaublütige Kurhessinnen nur noch eine Ohnmacht vorschützen.

Miyamoto Musashi fand das närrisch. Er ordnete Liegestütze und praktische Kleidung für Frauen an. Wer das Training verweigerte, wurde des Landes verwiesen. Die Begeisterung für den Japaner ließ bei den Lauen schnell nach. Die Tüchtigen aber erkannten in dem formidablen Lehrer ihr Glück.

Gern ging Meister Musashi mit unserem jungen Volk nach der Ertüchtigung vom Schlosspark zur Oberneustadt. Da nahm den ersten Rang unter allen Bauten sowohl in Rücksicht seiner Bestimmung als seiner inneren Pracht das Palais Seiner Königlichen Hoheit ein. Es lag am nördlichen Ufer des Friedrichsplatzes. Das Palais kehrte seine Hauptfassade dem Platz zu, während die Seitenfassaden der Königs- und Karlsstraße bestaunte Begrenzungen boten.

Das Frontispiz wurde von vier korinthischen Pilastern inszeniert. Beim Eintritt in das Vestibül fand man links ein geschmackvolles Versammlungs=Zimmer, und in diesem verschiedene, sehr vortreffliche Gemälde; zum Beispiel einen Pygmalion mit der durch die Venus schon halb belebten Bildsäule der Galathée. Das war Epochentrash, die olle Kamelle vom Künstler Neo Smoke Pygmalion, der nach zig Gangbangs mit den Propoetiden die Nase vom Geschlechtsverkehr voll hat und erst in der Inklusion eine Statue schafft, die ihm wieder Lust auf Bock macht. Venus, die lange schon scharf auf Superstar Pygmalion ist, bietet ihm an, den Stein zu erweichen, falls er nur eine Nacht mit ihr verbringt. Pygi sagt okay, aber mehr läuft def. nicht. Er begeht den Fehler, ein sagenhafter Liebhaber zu sein. Zwar erfüllt Groupie Venus ihr Versprechen, macht aber jede Menge eifersüchtige Sperenzchen, während unser Held voll auf seine Galatea, französisch Galathée, eingeht und sie auch ratzfatz mit dem Paphos schwängert.

Die Szene im Versammlungszimmer S.K.H. hatte unser Hofmaler Wilhelm Böttner barockt. Böttner war ein begnadeter Ziegenhainer und Meisterschüler von J. R. Tischbein-Thunderbolt d.Ä.

8. Juni 2016

Hessenmeister

Montreux

Montreux besaß die Autowerkstatt und ein paar prächtig verzwillingte Muskovit*-Aggregate
*Katzensilber

Bier kam und wurde getrunken.

Die Jungen hatten sich auf gekippten Stühlen hinter ihren Knien verschanzt; ihre Sohlen wetzten die Tischkante.
Sie hätten aufs Klo gehen können. Sie gingen vor die Tür und bestrichen eine Laterne im Einvernehmen. Ein Kanake schnürte vorbei. Für ein Fest im Freien war es zu kalt. Mehr als ein gewissenhaftes Dutzend Tritte kam (perspektivisch) überhaupt nicht in Frage. Das sollte eine normale Kriegsgeschichte werden, gut zu verbreiten in Brocken auf dem Schulhof.

Kein Mensch rechnete damit, dass der Türke die Bodenlosigkeit besitzen könne, sich von drei blauen Pfadfindern ohne Gegenwehr nicht niedermachen zu lassen. Mit einem leichten Hammer klopfte der Flüchtlingsschicksale recherchierende Schriftsteller Feridun „The Ugly“ Zaimoglu dem „Heizer“ Pit Montreux das Brett am Kopf fest. In der realistischen Annahme, dass sein Leben in den Nestern des Fichtelbergs nun erst recht nichts mehr wert war, türmte Zaimoglu. Bald hörte Montreux sen. von der Sache. Er verstand sie als Unterbrechung der Langeweile vor dem Fernseher. Er ließ sich den Hammermörder beschreiben.

„Der ist hässlich wie die Nacht. Den kann man gar nicht verfehlen.“
Um den Sohn in die Irre zu führen, alarmierte Montreux den fußkranken Schwager, der in den Containern nachzusehen versprach, wo die Einheimischen ihre Asylanten hielten. Seelenruhig stieg Montreux zu der ramponierten Tischtennisplatte, dem Eingemachten, der Steyr Mannlicher und dem Mosin Nagant in den Keller. Er legte gerade auf Kirschen an, als die Alte das Flurlicht auf die Treppe fallen ließ. Montreux sah flüchtig in eine von Kummer regierte Beule.

„Was hast du vor?“ fragte sie, als ob der Mann jemals etwas Aufschlussreiches zu ihr gesagt hätte.
„Geh ins Bett, du Uhu.“
Des Gatten Gleichgültigkeit war ein Abgrund, den Lisbeth Montreux nur lächelnd überwinden konnte. Lisbeths Lächeln erzählte das Märchen von der heimlichen Überlegenheit. Montreux schob sich seinen Lieblingsdolch in den Gürtel. Er bedachte eine von Hunden gestellte Sau, die er Tage zuvor auf einer Treibjagd abgefangen* hatte. Die Treiber waren Westler gewesen. Man hatte sie zu keinem Schuss kommen lassen.
*Abfangen bedeutet in der Jägersprache töten ohne zu schießen. Mit einem Saufänger wollte Montreux dem Türken Zaimoglu den Rest geben.

Montreux amüsierte sich noch immer über die Enttäuschung der Göttinger Korporierten, die von Forstfreunden des Erzgebirges zu Handlangern degradiert worden waren. Er holte den P3 aus der Garage. Er war aufgeräumt, den Flüchtling stellte er sich wehrlos vor. Sollte der Kanake in den Wald gelaufen sein, würde er ihn kriegen.

Montreux sah den fliehenden Zaimoglu. Erregung schnürte seine Kehle. Ihm war, als habe er einer witzlosen Wirklichkeit Ade gesagt. In Erwartung eines Ausbruchs der Beute ins Gelände, beschleunigte Montreux den Jeep.

Zaimoglu wich von der Piste. Montreux rüstete sich mit der Steyr Mannlicher* und dem Handscheinwerfer und setzte die Verfolgung zu Fuß fort. Der Scheinwerfer schnitt meterhohe Luftwurzeln aus. Der Jäger krachte durch den vom Unterholz bezwungenen Bestand.
*Aus der Produktwerbung: Eleganz in ihrer schönsten Form – Bayrische Backe mit Doppelfalz und ergonomisch bedienbarem Handspannsystem.

Lebte Zaimoglu noch? Oder hatte ihn der alte Montreux mit seiner Büchse und dem Browning Saufänger bereits in die ewigen Jagdgründe geschickt?

Ich nehme den Erzählfaden an anderer Stelle auf und überlasse den Leser der Ungewissheit. An einem Samstag Anfang Okt. machten wir uns auf den Weg – Grand Slam Coogan, Texas „Double Action” Thunderbolt, „One Finger Joe“ Conrad, Bill & Jake Grimm, Wild Bill Buffalo Burroughs, Jimmy „The Kid“ Freud, Hauke von Salzmannshausen, Edith von Hoyerswerda, Colette „Laure“ Peignot, die Weißrussin Lilija und wie unsere Freundinnen von der antifaschistischen Front (AfF) auch noch hießen.

Wir waren Helden, das ganze Kasseler Kollegium ohne Ausnahme. Ich nenne stellvertretend für viele an dieser Stelle noch einmal Präsident Coogan. Er hatte die Kasseler Hochschule im Handstreich gegründet und die Germanistik als Hobby für höhere Tochter erfunden.
Wenigstens regnete es nicht.
Wir passierten Alsfeld. Die Vogelsberger brachten ihre Bärenfelle und Biberpelze auf den Markt. In Alsfeld versorgten sie sich mit Süßigkeiten und Munition. Sie erstanden Tand und Spielzeug für die zottelige Sippe. Man sah Schnee- und Höhlenmenschen, sie gingen reihum wie du und ich.

Wir orientierten uns Richtung Eudorf. Bei Neukirchen begann der Anstieg in den Knüll. Basaltische Erhebungen schlichen sich wie Hünengräber an. Stoßtrupps der Melancholie überholten uns im gestreckten Galopp. Flagellanten veranstalteten im Verein mit Fackelträgern Trauerspiele. Vor den Häschern des Grafen von Ziegenhain geflüchtete Vogelfreie fielen vor unserem Zug in den Staub. Ein Himmel, der zu Gottesfurcht erzog, lastete auf den Giebeln stiller Gehöfte, die aneinandergedrängt, einsame Gemeinden abgaben.
Die Dorfjugend hielt ihre Zusammenkünfte an den Unterständen der Busstationen ab. Eine kilometerlange Abfahrt endete kurz vor Homburg/Efze an der B 253.

Wir hatten die Wabernsche Senke erreicht und wendeten uns entschlossen Felsberg zu. Endlich erreichten wir die Kartause Eppenberg. 1440 hatte Landgraf Ludwig biedere Erfurter Mönche in den Eppenberger Stift gesetzt. Sie verjagten die ansässigen Nonnen auf fürstlichen Geheiß. In den Wäldern waren die Abgemeierten zu Nonnen und Köhlerinnen, wie man sie auch in Grimm’schen Geschichten trifft. Im Siebenjährigen Krieg hatte man sich in der Kartause gegen den Franzosen verschanzt. Nur ein alter Imker lebte mit seiner siechen Tochter nun im zerfallenden Kloster.
Wir biwakierten im Hof.

Des Imkers Tochter drohte einer wenig erforschten Stoffwechselkrankheit zu erliegen. Coogan begab sich in Begleitung führender Köpfe und unserer Laternenträger zu einem traurigen Haufen Stroh, auf den der Vater das Mädchen gebettet hatte. Das Koma währte ein Jahr schon.

Der alte Scheich sprach sich aus. Es lag etwas Anstößiges in der ungezügelten Bereitschaft seinem Unglück Worte zu geben. Er prahlte mit einer Aufzählung grausamer Späße und abseitiger Gewohnheiten.
Hauke von Salzmannshausen warf einen Blick in die Runde. Sie warnte vor den Hexen.
Coogan befahl Aufbruch & Abmarsch. Ein bedrücktes Gefolge gehorchte schlaftrunken.

Wir lebten in der Residenz- und Hauptstadt des Kurfürstenthums Hessen. Die Lage der Kapitale fand man vortrefflich. „Die Schönheit seiner neueren Theile, die Seltenheiten, die sie enthielt und ihre reizenden Umgebungen (machten sie) zu einem Gegenstande der Aufmerksamkeit aller Reisenden.“*

Aus einem „weiten Thale erhob sich eine Anhöhe, welche der Fuldafluß durchschlängelte“. Über die Fulda führte eine 273 Fuß lange und 42 Fuß breite Steinbrücke über drei Bögen. Wir hatten sie (1788 – 1794) errichten lassen und sie nach dem höchstseeligen Kurfürsten Wilhelmsbrücke genannt.

Man darf nicht unerwähnt lassen, dass unsere Altstadt stark befestigt gewesen war. Coogan selbst hatte Landgraf Friedrich zum schleifenden Abtrag der Mauern geraten. So war es in der Zeit von 1767 bis 1774 geschehen. Wir brauchten Raum für Verschönerungen. Unsere Stadt sollte schöner werden.

Im Wettbewerb der Residenzen gelangte Kassel auf einen guten Platz. Gleichwohl zogen wir um die alte und die neue Pracht eine 18 Fuß hohe Mauer. Nur die Südostseite der Oberneustadt sparten wir Stein, der schönen Aussicht willen.

Die Kasseler Altstadt lag zwischen Oberneu- und Unterneustadt, die Fulda sonderte sie ab. Unsere Altstadt war nichts weniger als schön, da sie wie alle alten Städte krumme und enge Straßen hatte. Die Holzhäuser dienten als Beispiele schlechter Bauart. Vereinzelt fand man steinerne, in einem besseren Styl gebaute Häuser. Sie zeichneten sich vorteilhaft ab vom Ensemble und hätten es verdient an vorzüglicher Stelle zu stehen.

Das Quartier hatte neun freie Plätze und einundfünfzig Straßen. Coogan erklärte das unseren Studentinnen auf dem Marktplatz, der zur Fulda hin gelegen war. Das Altstädter Rathaus und der neue Stadtbau erwarteten die Neugier der Elevinnen. Die Frauen genossen den Ausflug in die Unterschicht mit parfümierten Taschentüchern vor der Nase. Man hielt sie sonst fern vom Volk.

Natürlich staunte auch das Volk – bucklige Marktweiber mit ihren tellerminengroßen Warzen auf den höckrigen Zinken. Drangsalierte Rotkäppchen. Buschige Selleriehändler, die sich noch nie gewaschen hatten. Rumpelstilzchen aller Couleur.

Flügellahme Schwäne, die behaupteten, Prinzen zu sein.
Die Mütter Courage jeder Fünften Kolonne.
Schwälmer Schweinehüterinnen in Tracht.
Studentinnen gab es damals weltweit nur in Kassel nach einem akademischen Modell, das „Grand Slam“ Coogan gemeinsam mit den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm und dem Einzelkind Samuel Single-Action Colt* entwickelt hatte. Colt prägte den ersten Hauptsatz der Vergleichenden Literaturwissenschaft:
The hammer must be cocked before the trigger will work.
*Sämtliche Angaben aus „Cassel und die umliegende Gegend – Eine Skizze für Reisende”, Cassel 1825 in der Kriegerschen Buchhandlung

Cassel im 19. Jahrhundert. Reiseführer und Regierungsräte sprachen von den drei Städten.
1) Die Altstadt
2) Die Unterneustadt (am rechten Ufer der Fulda)
3) Die Oberneustadt (auf der Anhöhe)
So wie von den acht Toren (Thoren).
1) Das Friedrichsthor (südostwärts)
2) Das Frankfurterthor (südwärts)
3) Das Wilhelmshöherthor (südwestwärts)
4) Das Königsthor (westwärts)
5) Das Köllnische Thor (nordwestwärts)
6) Das Holländische Thor (westwärts)
7) Das Weserthor (nordostwärts)
8) Das Leipziger Thor (ostwärts)
Alle Straßen und Plätze der landgräflichen und kurfürstlichen Residenz (in einigen Quellen geschildert als „Straßen und Plätze der drei Städte“) wurden von August bis April bei Nacht erleuchtet, die Hauptstraßen der Altstadt von mehr als hundert Réverbères. Un réverbère ou lampadaire extérieur est un dispositif d’éclairage public placé … , in Nebenstraßen brannten 778 Laternen. „Eine beträchtliche Zahl“ argantischer Lampen (nach Aimé Argand) illuminierte die Umgebung des kurfürstlichen Palais. In nächster Nähe lag die japanische Botschaft, zu den heimlichen Späßen des aristokratischen Nachwuchses gehörten Beobachtungen des Diplomaten Toranaga bei seinen Schwertkampfübungen im Garten der Botschaft. Es kursierte das Gerücht, die zu ihrer Erziehung in der Residenz weilende Prinzessin Hannelore vom Harz habe sich einmal als Göttinger Burschenschaftler ausgegeben, um Zugang zu erhalten und etwas Air & Aura von Toranaga Lifestyle zu erhaschen.

Wir hatten uns den Japaner zum Freund gemacht, die Leidenschaft für Hieb-, Stich- und Schusswaffen flocht uns in ein Band. Toranaga inspirierte (in der Konsequenz einer unbedachten Äußerung) eine Geschäftsidee, die in Hessen nicht zündete. Ich spreche in den nächsten Tagen einmal wieder über unsere Maulbeeren und Seidenraupen. Es gab einen Affekt gegen die Zucht, dagegen war kein Kraut gewachsen.
Als Geheime Staatsräthe waren wir eingeweiht bis in die marinierten Fingerspitzen. Gouverneur Coogan, Prof. Jimmy Freud und Prof. Jim (Feridun) Zaimoglu behandelten kollegial die amouröse Krankheit unseres Landesherrn. Dazu später mehr.

*

In der Altstadt standen 1183 Häuser, in der Unterneustadt 209, und in der Oberneustadt 168. Das machte 1560 Häuser im Ganzen. Dazu rechneten wir einiges aus der Wilhelmshöher und Leipziger Vorstadt. Bevölkert wurde Cassel (Kassel) von dreiundzwanzigtausend Seelen, zog man die Garnison in Betracht.

Das Gouvernementsgebäude imponierte zwischen Martinskirche und Hauptwache vor einem Platz, der nach dem Willen des Kurfürsten ständig in formidablem Zustand gehalten wurde. Der Bau bot Arbeit und Wohnung dem Gouverneur von Cassel. Ihm unterstanden mit beträchtlichen Aufgaben und leidenschaftlicher Hingabe die Germanisten und Texas Ranger Jacob & Wilhelm Grimm, Joe Conrad, Sam Colt, Bill Burroughs, Jimmy Freud, Hard Boiled Jim Zaimoglu, Fürst Metternich und als Minister für besondere Aufgaben Texas Double Action Thunderbolt.
Abends spazierten die Herrschaften etwa zum Marstall-Platz. Die Nordseite einer Baustelle begrenzte das Areal. Da entstand die Kattenburg als neues kurfürstliches Schloss. Wir visitierten die Krämerhalle beim Marstall mit ihren einander anhängenden Zirkelbögen. Frau Holle bediente beileibe uns gern persönlich. Schneewittchen pogte mit ihren sieben Zwergen. Aschenputtel machte ihre Moves, leidende Erlöserinnen groovten mit dem Geschmeiß, das nach Verwandlung schrie und den darbenden Königstöchtern ganze Fugen auf den Schoss reiherte. Das Volk stürmte zuhauf, um sich nicht zuletzt vom Glanz der Granden blenden und von diversen Gehenkten lustvoll erschrecken zu lassen.
Auch gab es revolutionäres (strafbares) Ausspucken von manchem Köhler, der für sich tief im Habichtswald daheim war, wo er mit seiner dissozialen Persönlichkeitsakzentuierung keinem auf die Ketten gehen konnte. Ich vertiefe das Thema in der nächsten Legislaturperiode, mein lieber Herr Schwanengesang. Oder wir verfolgten die Große Johannisstraße vom Gouvernements-Platz zum Markt. Ferner ergab sich zuzeiten zum 540 Fuß breiten und 530 Fuß tiefen Kasernenplatz ein Spaziergang, der von Exerzierexerzitien unserer lieben kurfürstlichen Infanterie gekrönt wurde.

Ich will nun die vornehmsten Straßen der Altstadt nennen. Da war die Fürstenstraße, vom Schlosse kommend als Magistrale, die Schlossstraße, im gemeinen Leben verrufen als „der Graben“, die Große (und schicke) Elisabetherstraße, die zum Hofhospital hin führte, die St. Martinsstraße, im Volksmund „Obere Gasse“, so wie die St. Dionysienstraße, berühmt wegen des ersten Großkaufhauses Europas.
Die geringeren Straßen zu nennen, wäre befreit von jedem Nutzen. Ein Fremder fand alles leicht, da jeder Straßenname an einem Eckhaus angeschrieben war.

Fragt mich nicht nach dem besten Haus am Platz. Ich müsste mit Rücksicht auf unseren Fürsten das Residenzschloss nennen – ein unerhebliches Werk.

Beachtung verdiente es allein mit Rücksicht auf seine Bilder und Tapeten. Während der Westphälischen Zwischenregierung brannte uns der östliche Flügel ab, unterstützt von den Kriminalräthen Zaimoglu und Thunderbolt ermittelte Gouverneur Coogan wegen Brandstiftung. Unter uns, ich hatte S.K.H. den Höchstseeligen Kurfürsten im Verdacht: Nero gespielt zu haben. Seiner königlichen Thorheit war das gothisch-veraltete Dings ein Greuel im Dorn. Nun brach er alles ab, um an nämliche Stelle die schönste Kattenburg zu setzen.

„Der Anfang dieses für die Ewigkeit berechneten Baues, welcher 552 Fuß lang, 402 Fuß breit ist und mit vierundachtzig Säulen geschmückt werden soll, wurde im Jahr 1815 nach dem Entwurf des Ober-Bau-Direktors Jussow gemacht, indessen konnte doch wegen der Beschaffenheit des Terrains nöthig gefundenen, außerordentlich tiefen Fundamente und theilweisen Pilotage das Werk nicht schleuniger betrieben werden, als daß der Grundstein von dem hohen Erbauer am 27. Juni 1820 mittelst einer besonderen Feierlichkeit gelegt wurde, und kurz vor dem im darauffolgenden Jahre erfolgten Ableben S.K.H. das Erdgeschoß nebst einem Theil der ersten Etage fertig war.“*
*Wir zitieren nach dem Handbuch zur Kurfürstlich Hessischen Hof- und Staatshaltung auf (auf – so steht es geschrieben) das Jahr 1865. Der Titel erschien im Druck und Verlag des reformierten Waisenhauses. Ich sag nur Kinderarbeit und Ausbeutung und ein Jahr später kamen die Preußen. Von da an standen Gouverneur Coogan und die Ranger unter der gefühlvollen Führung der Literaturwissenschaftler Texas Double Action Thunderbolt und Sam Single Action Colt im dauernden Kampfe.

Wir bedauerten alle den Abbruch der Kolonnade* vor dem abgebrannten Schloss. Das neue Schloss (die Kattenburg) war ein leidiges Thema. S.K.H. hatte die Bauarbeiten nach Fertigstellung des Erdgeschosses einstellen lassen. Unser Kurfürst konzentrierte sich auf eine Reform der Staatsverfassung, die Feder führte ihm Coogan in Absprache mit seinen Staatsrechtlern J. Conrad und J. Freud.**
*Der Ingenieur Friedrich von S. sicherte Statuen in abgesegneter Heimlichkeit bei Nacht und Nebel. Man findet sie heute im Superb der Orangerie.

Wir inspizierten den Marstall im plaudernden Gefolge hoher Herren. Der Marstall stand schlossunmittelbar seit dem 16. Jahrhundert auf seinem Platz. Er stand da seither mit vier Flügeln. Die Flügel behüteten zweihundert Pferde und eine Sattel- und Geschirrsammlung von europäischem Rang. Die Schönheit der kurfürstlichen Pferde trieb jeden Kenner mit dem Kopf gegen die Wand. Das Leibgespann S.K.H. von acht isabellefarbenen Hengsten löste Stampeden aus.
Nun zog es uns nach der Ostseite der Altstadt hin zur Unterneustadt jenseits der Fulda. Wir nahmen die Wilhelmsbrücke. Am östlichen Brückenende diente uns eine ehemalige Artillerie-Kaserne als Staatsgefängnis. Wir hatten die brave Anlage mit Wall und Graben zum jetzigen Behufe einrichten lassen von Spanndienstlern aus der Leipziger Vorstadt. Wir passierten das Leipziger Tor in einem herrlichen Auflauf. Alles war wie Flieder und da …
da war
ja
da war die Unterneustädter Kirche im guten Stil erbaut. Neben ihr hielt sich das Wachthaus des Leipziger Thors gerade und vis-à-vis rockte unser reformiertes Waisenhaus. Wir eilten in die Vorstadt zu den Schmuddelkindern und dem Siechenhof, der seine eigene Kapelle hatte.

*

Ohne eine dynastische Landesteilung im 16. Jahrhundert in der Verantwortung von Philipp dem Großmütigen (1504 – 1564) wäre Hessen so wie Preußen ein europäisch eindrucksvoller Militärstaat geworden. Kassel glänzte schon, als Berlin lange noch Grotte war und der preußische Adel in der Mark Brandenburg verzweifelte. Da gab es nichts, sah man ab von Sandstürmen und Klapperschlangen.

Kassel war die größte hessische Stadt und weltweit die schönste. Kein Wunder, dass wir eine Party nach der anderen feierten. Wir waren die Happy Few. Wir aspirierten auf die Kurfürstenwürde, die ganze Stadt aspirierte mit dem Landgrafen. Wir nahmen Flüchtlinge auf ohne Ende, sie hatten ihre eigene Stadt in den Grenzen Kassels. Das war unsere Villeneuve. Gottesdienste auf Französisch waren selbstverständlich! Selbstverständlich hatten der Franzos seine eigene BürgermeisterIn, Madame de Pompadour. Sie konferierte mit uns wie du und ich von Haus zu Haus nicht immer nur in großer Toilette. Da gab es ganz informelle Déjà-vus und Endurupplifuns.

*

Aus dem Alltag
Wenn wir zum Beispiel die Siebente Klasse bestellten, dann hatten wir zu bestellen:
Legations-Secretäre, Hofmedici, Außerordentliche Professoren, Ober-Berg-, Zoll-, Hütten-, Bau und dergl. Ober-Inspectoren. Hof-Baumeister. Polizei-Inspectoren. Staatsanwälte. Wirkliche Secretare (mal mit a, mal mit ä) und Archivare, sowie Ober-Buchhalter bei den oberen Behörden.

Auch den Kassierer der Landeskreditkasse mussten wir bestellen; Bibliothekare und Auditeure. Außerordentliche Stadt- und Kriminalgerichts-Assessoren. Den Jagd-Zeugmeister.
Ich saß im Gouvernement am Gouvernementsplatz und entschied von morgens bis abends, wer bei uns in der Stadt mitmachen durfte und wer nicht. Drei Chinesen brachten mir mittags mein Chop Suey und lobten immer auch die Aussicht, die mir Fenster und Balkon meines Büros boten. Nach dem Mittagessen machten wir einen Gang über den Platz: zu unserer St. Martinskirche, um sich ihre gothisch-schöne Bauweise“ vor Augen zu führen. Wir kannten die große Kirche seit dem 14. Jahrhundert. In ihr war das Erbbegräbnis der Landgrafen von Hessen-Cassel etabliert. Sehr ansehnlich war ein Monument, das unser Landgraf Wilhelm IV. seinen durchlauchtigsten Eltern errichten ließ als Andenken, nach einem Entwurf von E. v. Hoyerswerda. Es stand am Ende des Chors und war von Marmor und Alabaster. Hin reichte es beinah an den Kirchenhimmel. Zu Seiten des Monuments standen Statuen von Philipp dem Großmütigen und seiner Gattin in Lebensgröße. Philipp hatte die Stiftsbibliothek in die Sakristei gelegt. Man musste da durch, wollte man zum neuen Begräbnisgewölbe. Die (regierenden) Landgrafen seit Wilhelm IV. standen mit ihren Frauen in Stein Spalier.

Sich in der Martinskirche zu verewigen war aus der Mode gekommen. Landgraf Friedrich II.* hatte sich als Katholik vom kurhessischen Regentschaftsbetrieb abgesondert, Landgraf Wilhelm IX. (1743 – 1822) sich in die Löwenburg legen lassen. Wir waren mit seiner Lieblingsmätresse, der Karo von Schlotheim und Heckershausen (1766 – 1848), gut bekannt gewesen. Wilhelm hatte mit ihr dreizehn Kinder gehabt.
*Ein Katholik auf dem Thron – Friedrich II. von Hessen-Kassel (1720 – 1785) durchbrach den reformierten Regentschaftsbetrieb, indem er konvertierte. Man hatte ihm abgeraten und isolierte ihn nach Kräften.

1. Juni 2016

Hessenmeister

Ohnsgrond

„Ich hatte sehr wenig mit der Generation gemein, deren Stimme ich sein sollte.“ Bob Dylan

Thorsten Casmir litt schon unter jener Krankheit, der er mit vierunddreißig erlag, als er sich daran machte, ein Buch zu schreiben. Regina und ich redeten mit ihm in einem Kelkheimer Vereinsheim. Eine Freundin nutzte ihren Geburtstag, um in die Kindheit abzugleiten. Was ein paar Jahre später zur schicken Selbstverständlichkeit wurde, dass man Feste auf den Hartplätzen der Heimatgemeinde beging, erschien augenblicklich noch schrullig. Jedes Lächeln konnte verkehrt sein.

Viele kamen fluffig an. Bewährte Paare verteidigten Frankfurt gegen Offenbach. Casmir trug Kaschmir und bekannte sich zu Offenbach. Er überhörte Einwände, verströmte Überlegenheit. Casmir sah aus wie George Michael. Er hatte die Krankheit. Alle hatten Ansteckungsangst.

*

Casmirs Roman spielt auf einer norwegischen Insel. Zwei Familien beherrschen Ohnsgrond nach den Maximen archaischer Gemeinschaften. Das Leben der Bauern vollzieht sich in äußerster Armut und Unwissenheit. Ich korrigiere mich, das Leben erscheint weniger archaisch als vielmehr degeneriert. Der idealistische Doktor Finn gerät von Amts wegen auf die von Natur- und Menschengewalt verwüstete Insel. Sie stellt sich Finn als Zuflucht der Verdammten und Perversen dar.

Seine Tatkraft ändert alles. Den eingesessenen Profiteuren feudalistisch-finsterer Verhältnisse begegnet Finn als Vorhut des Jüngsten Gerichts.

Finn kann die Katastrophe einer Epidemie nicht aufhalten. Trotz einer bis zum Zusammenbruch praktizierten Fürsorge, behauptet er, „in allem zuerst das Abgründige zu sehen“ und von „allen Menschennormalitäten abgewiesen“ zu werden.

„Nur die Todkranken“ bleiben ihm, „die sich gar nicht gegen ihn wehren können“.

Finn bemüht sich, auf organische Zerfallsprozesse zielende Obsessionen mit Arbeit in Schach zu halten. Ihn lockt „Kot, Urin, Blut, Eiter und Nekrose“. Er ist bisexuell, sein Liebhaber einer „mit dem zweifelhaften Charme derer, die bei aller Ruhe, die sie ausstrahlen, vor Selbstbewunderung fast benommen sind“.

Thorsten Casmir, Ohnsgrond, Roman, Axel Dielmann Verlag, 445 Seiten hier

Drei Tage nach der Party in Kelkheim, ein Jahr bevor Ohnsgrond erschien, traf ich Milo Dor in einem aufgeheizten Zug. Die Heizung wurde zentral reguliert, die Hebel lagen im Hoheitsgebiet eines gnadenlosen Schaffners.

Die Fenster ließen sich nicht öffnen.

Der Zug war überfüllt. Ich vermutete komplette Haushalte unter Decken und Planen. So reiste man in Zeiten großer Umbrüche. Die Unsicherheit in Bewegung gesetzter Massen griff nach der Sicherheit der Übrigen.

Einen Speisewagen würde es erst ab Brest geben. Für drei Rubel, wir saßen in einem russischen, von der Reichsbahn übernommenen Zug auf der Strecke Warschau – Minsk, servierte der Terrorschaffner Tee. Für fünfzehn Rubel brachte er Kaffee im Glas.

Es gab nirgends Platz für einen Kaffee in Ruhe.

Dor war 1923 in Budapest als Sohn von Serben geboren und im Banat aufgewachsen. Er ortete den breit gestreuten Glauben an eine kosmopolitische Lösung für Europa „in tiefer Enttäuschung“.

Das fand ich erstaunlich, Rumänisch war Dors erste Sprache gewesen. Seine griechische Großmutter hatte deutsche Lieder gesungen. Wollten die Eltern ihn ausschließen, sprachen sie ungarisch.

Als Gefangener der Wehrmacht gelangt Milo Dor 1942 nach Wien. Er wird von „rückwärtsgewandten Utopien“ überrascht, denen „Nachkommen des untergegangenen Vielvölkerstaates“ rauschhaft und fiebrig anhängen. Die ordnende Kraft der Habsburger Monarchie ist die beliebteste (abgegriffenste) Spielkarte der umlaufenden Klischees, Dor reagiert „angewidert“. Ihn „übersäuern“ die politischen Nostalgien. Zum Beispiel nennt man wieder und wieder „das vorbildliche Kataster“ zu Zeiten Maria Theresias über „Besitzverhältnisse in der Lombardei“.

Den Zug überfüllten Völker der ehemaligen Sowjetunion. Im CCCP-Standard war die 24-Stunden-Strecke ein Kurztrip. Man war heiter bis zur Ausgelassenheit. Westeuropäische Berührungsängste flutschten away, triefendes Gemüse regierte im Gewitter der Erscheinungen. Bürger saßen wie Turner im Schneidersitz. 

Wer konnte, schaute aus einem Fenster.

Dor und ich sprachen über „die positiven Wirkungen so wie den problematischen Rest multiethnischer und polyglotter Prägungen“. Dor war als Sohn von Serben in Budapest geboren und im Banat aufgewachsen – in einer Stadt, die zuerst ein türkisches Feldlager gewesen war. Man habe ihn zu einem serbischen Patrioten schmieden wollen. Das sei den Eltern nicht gelungen. Vielmehr setzte sich ein weit reichendes Misstrauen gegenüber „nationalen Gefühlen“ durch.

Dor verschränkte sein persönliches Schicksal mit der Entwicklung mitteleuropäischer Staaten, die zustande gekommen waren „durch Zufall und Gewalt“.

Mir war das damals zu viel Geschichte. Ich sah nur noch Barbarei und keinen Sinn mehr. Eine Erziehung zur Härte hielt mich gerade. Ich lief Gefahr, ein Junkie von Elend und Grauen zu werden. – Ein Vagabund des Nachrichtenwesens, der Eau de Toilette von Calvin Klein auf ein Taschentuch kübelte, wenn es zu sehr stank. Während der Belagerung von Sarajevo hatte man den Brennwert von Büchern ermittelt und einen Kubikmeter Holz für 350 Mark gehandelt.

Uns war wenig mehr erlaubt als auf dem Gang zu stehen oder zu schlafen.

Man rauchte in Waggonzwischenräumen. In Männergesellschaften. Ab und zu verirrte sich eine Frau in dem qualmenden Geschiebe. Nach ihren Begriffen fanden die Kolloquien wohl an europäischen Rändern statt. Sie hielten sich an den Grandseigneur Dor, zumindest an Männer in guten Anzügen. Ich hielt das zivile Betragen in vielen Fällen für Schieber-Fassade.

Die Scheiße tanzte auf ihren Tümpeln. Ich beobachtete  Postklogesichter. Ich sah Leute, die nichts aus der Ruhe brachte. In ihnen überlebte eine Gesundheit, mit der eine Rückkehr in die Steppe gegebenenfalls gut möglich sein würde.

Ich sprach mit einer Frau aus Kasachstan. Sie war nach Deutschland gefahren, nur um zu erfahren, dass eine Operation, die sie nötig hatte, für sie unbezahlbar war. Ihr Nationalstolz brach auf. Kasachstan sei wunderschön, Weißrussland langweilig und Russland am Ende. Sie zählte die mit Krieg überzogenen ehemals sowjetischen Gegenden auf, den Kaukasus, Tadschikistan. In Minsk bekam ich später das hohe Lied auf die Nation in der weißrussischen Version zu hören.

Im Umspurwerk von Brest wurde die Schienenspur von 132 auf 160 cm verbreitert. In einer doppelt gespurten Halle hob man die besetzten Waggons einzeln an.

Der Minsker Bahnhof hatte keine Bahnsteige. Im Dunklen meinte man auf freier Strecke zu halten. Die Schaffner bedrängten uns. Sie vertrieben die Reisenden in biblischen Szenen, die einen zeitgenössischen Exodus illustrieren konnten.

Masse und Herrschaft – Schaffner als Schergen.

Dass in Minsk zwei Millionen Menschen lebten, wurde einem nicht klar. Die Stadt war spakoino. Sie war bis auf die Grundmauern im 2. Weltkrieg zerstört worden. Man hatte das Regierungsgebäude originalgetreu wieder aufgebaut – im Stil sowjetischer Gigantomanie.  Die Altstadt war ein Fehlschlag der Restauration. Man musste sowjetische Architektur lieben, um Minsk schön zu finden.

Die Lenin-Statue stand noch. Der Platz hieß nun Unabhängigkeitsplatz. Bei 20 Grad minus waren Straßen spiegelglatt. Kinder spielten Eishockey auf der Straße. Gestreut wurde mit Sand, anscheinend planlos. Die Busse rappelten im Andrang, privaten Verkehr gab es wenig. Westmänner zahlten staatliche Leistungen nach wie vor in Valuta. Eine Übernachtung im Ausländerhotel kostete sechshundert Mark, dafür wurde nichts geboten.

Mir machte das Spaß, ich war jung und zynisch. Ich zahlte für ein Ballett-Ticket hundert Mark, mein Kontakt, die Germanistin Lilija, vierzig Rubel. In einem staatlichen Kaufhaus musste ich den Pass vorlegen. Lilija intervenierte, das bürokratische Geplärr war ihr peinlich. Sie schämte sich für die „Rückständigkeit“ ihrer Leute. Sie war selbst enorm altmodisch.

Lilija verglich ständig.

„Ihr habt Obst, aber wir haben Fleisch“, sagte sie und begrub gemeinsam mit der Schwiegermutter den Tisch unter Speisen. Ja. Ja, ich hatte Orangen und Bananen mitgebracht. Das wäre nicht nötig gewesen, war aber erwartet worden.

Die Versorgungslage sollte aus meinen Gastgebern in keinem Fall Bittsteller machen. Sie waren voller Scham und erfüllt von einem brennenden Verlangen, sich zu rechtfertigen und zu erklären.

Die Preise explodierten. Zwei Jahre zuvor hatte ich für die Metro oder den Bus fünfzehn Kopeken bezahlt. Nun zahlte ich drei Rubel.

Benzin in Liter: vierzig Kopeken/sechzig Rubel.

Der Brotpreis hatte sich verdreifacht. Zigaretten gab es auf Bezugsschein, ein Paket pro Woche und Person für zehn bis zwanzig Rubel. Wer mehr rauchen wollte, musste in Privatgeschäften bis zu dreihundert Rubel für eine Schachtel hinlegen. Zehnmal so viel wie 1990.

Die Löhne:
1990 – achthundert bis zweitausend Rubel.
1992 – achttausend bis zwanzigtausend.
Nur als Spitzenverdiener und alleinstehend Kinderloser kam man gut klar. Lilija und ihr Mann verfügten über achttausend Rubel. Sie gaben die Hälfte für Lebensmittel, vierhundert für die Miete und achthundert für den Kindergarten aus. Sie erklärten, dass die Versorgung ohne die in roten oder blauen Buden installierten Privatgeschäfte zusammenbrechen würde.

Man nötigte mich zu essen. Schon zum Frühstück gab es Würstchen und Kartoffeln und zu jeder weiteren Mahlzeit Wodka nach der Regel: Zwanzig Grad Kälte plus vierzig Grad Wodka ergibt zwanzig Grad.

Lilijas Mann war Physiker. Er spottete, dass im Physikalischen Institut der Minsker Universität das Zusammenschrauben von Kochplatten an die Stelle der Grundlagenforschung getreten sei. Gemeinsam fuhren wir Bus. Ungarische Busse erkannte man an den (auch von innen) vereisten Scheiben. Kälte stieg vom Fußboden auf. Sibirische Busse waren besser.

Wir besichtigten eine Wodka- und Weinfabrik. Die Arbeiter hielten uns für Kontrolleure. Sie waren sehr freundlich. Die Anlage war baufällig. Auf dem Werkhof stand Lenin.

Die Produktion lief hochtourig, trotz acht Millionen Flaschen Ausstoß pro Monat gab es zu wenig Wodka. Man zeigte uns die gesamte, ein langes Regal füllende Produktpalette; in den Geschäften fand man nur zwei Sorten.

Im Gästesaal wurden wir mit Wurst, Speck, Käse und der aktuellsten Kreation des Hauses, einem Magenbitter bewirtet. Man hielt uns gnadenlos an.

„Humanitäre Hilfe“ – das war ein Wort, das die Leute schüttelte. Niemand wollte humanitäre Hilfe.

Die Religion erstarkte. 1990 hatte ich nur kaputte und ihrem Zweck entfremdete Kirchen in Minsk gesehen. Jetzt rockte der Gottesdienst.

Wir betraten eine Kirche der Orthodoxen. Nicht-Orthodoxe dürfen das nicht, es scherte keinen. Die Kirche war brechend voll. Emphatische vor Kreuzen.

Ein großes Thema war der Nationalismus. Lilija grenzte sich von Russland ab, sie sah in der Abhängigkeit von russischer Energie eine Gefahr für die weißrussische Unabhängigkeit. Das kam flammend und dringend, als stünde der Russe mit dem Sturmgewehr vor der Tür.

Lilija rechnete mit einem weiteren Putschversuch in Moskau. Im Fall seines Gelingens würden die neuen Machthaber – Großrussen – unweigerlich und unverzüglich die unlängst gegründeten Kleinstaaten an der russischen Peripherie kassieren.

Da war Hitze und Unversöhnlichkeit …

Im Schattenreich ihrer Sehnsüchte strebte Lilija nach einer Verabredung mit dem Schicksal Weißrusslands. Ihr Mann, der Physiker, schien von vaterländischer Liebe wenig zu wissen. In seinem Institut schraubte er Komponenten zusammen und erdachte Billiglösungen. Der Professor erwartete Angebote aus dem Westen wie eine lockere Braut. Zu Lande, im Meer und am Himmel starben Männer, weil kein Mensch mehr für sie zuständig war. Wissenschaftler verhökerten das akademische Tafelsilber, sie erlebten den freien Fall der Forschung wie in einem Delirium von Dostojewski.

Der Physiker gab vor, sich aus Wodka gar nicht so viel zu machen. Er war ein Scharlatan, der sogar seiner Frau nach dem Mund redete. Mit Schnurren und Grillen entzog er sich.
Lilija fand überall die nationale Identität bedroht. Sie pochte auf die Einführung von Weißrussisch als Amtssprache, obwohl Weißrussisch von kaum einem geschäftsmäßig beherrscht wurde. Sie schleuste mich durch unterirdische Versorgungslabyrinthe.

Im Begriffskarneval und Blut- und Bodenrausch wurde die Landbevölkerung zum Salz der Erde. Flotte Knilche aus der Kreisstadt griffen ins Rad der Geschichte. Sie putzten ihre moralische Indifferenz mit Weltläufigkeitsformeln.
Ich beobachtete die strangulierende Wirkung einer ständig alarmierten Wahrnehmung von Machtverhältnissen.

Lilijas Schwiegermutter strich die Hände an der Schürze ab. So deutete sie an, dass sie im Leben nicht mehr ausrichten konnte als Speck auf den Tisch zu bringen. Ihr Mann taugte immerhin als Monument der Unbeweglichkeit.

25. Mai 2016

Hessenmeister

Der schwarze Osmane

Der schwarze Osmane Kadir Rauf Bey aka Hamed bin Juma bin Rajab bin Mohammed bin Said el-Murjebi hatte sieben Mal zehntausend Mann unter Waffen und konnte mitunter grimmig werden

„Wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden“, dichtete 1658 Andreas Gryphius in der Rechtschreibung seiner Zeit. Auf der bebenden Flanke der Gegenwart zeigte sich nichts anderes. Wir ritten mit Pierre Jean Jouve (1887 – 1976), „dessen Existenz in einem fast quälenden Verhältnis zu den reißenden Strömungen des Boulevard stand.“ (Grand Slam Coogan in der Vorlesung vom 07.04. 1920, nach Notizen von Hauke v. Salzmannshausen)

Bei Heinrich Mann, dem alten Lebemann und Bettelbruder, riefen Jouves Prosa jene „unbestimmten Nostalgien“ hervor, „die uns ein Buch lieben lassen“.

Wir lasen im Sattel die „Abenteuer der Catherine Crachat“. Catherine ist „von Berufs wegen schön“. Sie hält sich in einer Mittellage zwischen gesellschaftlichem Erfolg und künstlerischer Bedeutungslosigkeit. Von ihrer „Bereitschaft mit einem Mann … Dinge bis zum Morgen zu treiben“, fängt sie ständig an. Jouve selbst irrlichtet im Geschehen, er wartet mit bizarren und banalen Einzelheiten des mondänen Lebens auf. Catherine verliebt sich in Pierre, einem männlichen Model, das sich mit „philosophischer Mathematik“ befasst, wir erreichten Kapitän Müllers dreistöckiges Hexenhaus im Finsterwald (Föhrenweg/keine Hausnummer oder PLZ). Eine Band begrüßte uns mit Stormy Monday. Nachkommen der von Müller in den hessischen Urwald verschleppten Afrikaner hatten eine Kommune aufgezogen, geblendet von Pierres Erscheinung rechnet Catherine ihn „einer außergewöhnlichen Rasse“ zu. Gemeinsam verkehren sie im Jack, „einem Tanzlokal, in dem Schwarze arbeiten“ und amerikanische Touristinnen „kreischen“. Paul Morand sitzt am Tresen, Josephine Baker an seiner Seite. Da kommt Gertrude Stein, die Liebe schüchtert Catherine ein. Im Taumel des Nachtbetriebs zweifelt sie an sich.

„Konnte Pierre ein Mädchen wie mich lieben?“ fragt sie ohne Hoffnung und bekennt mit der Großartigkeit von Betrunkenen, dass ihr „erster gründlicher Fehler“ sich in „der Sünde“ erschöpfte, „zu existieren“.

Catherine verliert Pierre an eine andere Schauspielerin, sie trifft ihn wieder in Wien, wo ein Film gedreht wird. Ihr begegnet ein monumentaler Adelsmann in Lederhosen,
„schlicht und schön wie eine Scheibe Weißbrot“;
während Pierres Mutter sich an die schöne Französin heranmacht. Fünfzig Jahre später bietet ein Mann in ordentlichen Verhältnissen einer Streunenden die Wohnung seiner reisenden Eltern als einmaliges Nachtquartier an. Er überlässt sie rasch der Stille und dem Staub auf abgedeckten Möbeln und eilt zu einem Rendezvous ins Restaurant. TV-Nachrichten eröffnen ihm die Identität des Gastes. Einer Entsprungenen hat dieser Herr mit Affären und Vermögen sein Kinderzimmer überlassen. Er wird noch mehr für Edith (Heidi) tun.
Erst gefallen, dann entsprungen – so geht es den Leichtherzigen! Der nächste (nach dem kurfürstlichen, von der Thronfolge wegen einer bürgerlichen Mutter ausgeschlossenen Leutnant, der Edith zwar schwängerte, aber nicht heiratete) war ein Sarde mit dem Gemüt eines Bluthundes – Murati. Er residierte als Bordellbesitzer in Bechar. Seinen Betrieb führte er direkt neben dem Raketenstartplatz.

Er verlangte von Edith, dass sie den Freiern Komplimente machte. Die fiebrigen Legionäre erachteten Edith als etwas Besonderes, im Bordell erwarteten sie sonst nur einheimische Frauen im Zustand der Teilnahmslosigkeit.

Drogen, Läuse, Pilze, Depressionen, Langeweile, um jetzt nicht von schwerwiegenden Dingen anzufangen.

Edith hatte Nonnen ihr Kind gegeben, sie hielt sich für verdammt. Ich widerspreche ihr nicht. Vor dem Bordell verelendete Oleander. Ein Geländer lag wie abgebrochen neben der Veranda. Es war nie angebracht worden.

Föhn zog um die Häuser und raschelte im Stacheldraht. Die Wüste kam näher. Die Legionäre sehnten sich nach Europäerinnen. Das Departement d’outre-mer organisierte zwar alles, einschließlich des Bordellbetriebs. Man hielt das bewaffnete Personal in Schuss. Aber eben nur mit dem, was da war.

Aberrationen können Leben retten. Die weiße Frau bot sich einer Obsession an. Die Legionäre hatten sich ans Erzwingen gewöhnt. Korporal Willi, der ganze Mann: ein Brustkorb, wettete mit den Kameraden.

Zu prahlen, es fiel ihm leicht. So ein Willi trumpfte an der Rummelplatzschießbude auf. Der trennte einen Teddybär von seinen Knopfaugen und erntete selbstverständlich Bewunderung.

Edith erlag Willis Knallchargencharme. Nun musste noch ein Mord geschehen, Willi zeigte Lust, zu desertieren. Man setzte ihn fest, eins kam zum anderen. Edith riss sich los. Sie wurde gesucht – nicht nur von der Polizei. Die Sarden waren sauer. In Paris spielte Edith ihrem Gastgeber eine Amour fou vor, dass er sie weiter versteckt hielt in der Wohnung seiner Eltern. Vor der Tür fand ein Entwurzelungsfestival statt, mit trister Notzucht, milieugerechten Trottoir-Erpressungen und schillernden Härteauftritten. Die Leute scharten sich um brennende Tonnen.

*

Nie waren sie die ersten, aber nach europäischem Verständnis galt als entdeckt nur, was Weiße gesehen hatten. Über die Quellen des Nils spekulierte man seit der Antike. Herodot bemerkte 450 vor unserer Zeitrechnung, dass keiner die Quellen kenne. Nero sandte Soldaten zur Erkundung des Verlaufs. Schwimmende Grasinseln hielten sie auf. Fortan sagte der Römer, wollte er etwas Aussichtsloses anfangen: Caput Nili quaerere.

Der Fluss bot Anlass zu fantastischen Vermutungen. Die Ägypter nannten ihn Jeter-o (Iteru), sie hielten den Nil für einen Gott. Und warum sollte man nicht für Gott halten, was einen erhob und erhielt? Auf einer Länge von 6397 Kilometern floss der Nil durch vier Reiche, um schließlich in dem 270 Kilometer breiten und 170 Kilometer langen Nildelta Mittelmeer zu werden.

Wir wussten schon einiges, als uns der Schotte James Bruce dazu ermutigte, Verstand, Mut und Vermögen in die Erkundung der Nilquellen zu investieren. Klar war, dass im Erfolgsfalle alles England zugeschlagen würde, man sollte uns nicht für kleinlich halten. Also schifften wir uns mit James ein und wähnten uns im November des Jahres 1770 nach einer strapaziösen Reise, der Champagner war ausgegangen, Joe (Conrad) hatte sich das afrikanische Fieber eingefangen, Bill (Wilhelm Grimm) einen Fuß verloren und Jim (Zaimoglu) litt unter chronischem Nasenbluten, an einer der Quellen. James erklärte sie erwartungsgemäß dem König von England zu Eigen, die Leute aus der Gegend fassten sich an den Kopf. Nach ihren Begriffen konnte kein Mensch Land „besitzen“.
Wie soll das gehen? fragten sie.
Wir erklärten es ihnen später mit mancher Bleilektion. Fürs erste brauchten wir die Leute aber noch als Träger, Ruderer und Pfadfinder so wie zur Aufrechterhaltung des Feldküchenbetriebs. Schließlich konnte man nicht alles selbst machen.

Ich zitiere aus Nilfieber, dem 107. Band der Anderen Bibliothek. Ediert und eingeleitet von Georg Brunold. Die Rede ist von den herausragenden Protagonisten des Wettlaufs zu den Nil-Quellen. Ihre Namen kannte jedes Kind. Im kollektiven Bewusstsein ihrer Epoche kam den Afrikareisenden die gleiche Bedeutung zu wie dann den Astronauten. Keiner war populärer als der englische Missionar David Livingstone, abgesehen von dem amerikanischen Journalisten Henry Morton Stanley.

Tatsächlich lag die Quelle (des blauen Nils), die wir glaubten gefunden zu haben, 1500 Kilometer entfernt. Unser Standort war außerdem schon 150 Jahre zuvor von einem Portugiesen beschrieben worden. So zermürbend die Anreise gewesen war, so katastrophal wurde der Rückmarsch. Beraubt, ausgezehrt und krank auf den Tod betraten wir endlich wieder hessischen Boden, nur um, ob der unglaublichen Kunde, ausgelacht und als Bramarbasse geschnitten zu werden. Gründlicher konnte man nicht scheitern.

Alternativ: Man empfing uns überall mit Hurra und ehrte uns bis über sämtliche Ohren. Man feierte uns als große Sportsmänner.

*

Einmal ritten wir von Málaga nach Norden. Noch in Andalusien rasteten wir auf einem Flecken, der aus einer Tankstelle, einer Herberge und einem Parkplatz bestand. Im Schatten der Arkaden fürchtete sich ein Schock Nonnen. Es waren bäurische Bräute, sie lunsten herüber. In ihrer Mitte verbargen sie beinah ein Mädchen in Schuluniform. Es kam mir vor wie eine Gefangene.

Joe (Conrad) sprach durch den Rauch seiner Pfeife: „Diese … Wesen brauchen eine starke Verzweiflung, da sie sonst nichts sind.“

Coogan spuckte zustimmend. Jake (Grimm) nickte zustimmend. Auch unserer Pferde Schnauben ließ sich als Zustimmung nur deuten.

Ennio Morricone trommelte sein Orchester zusammen.
Wir betraten die Herberge, einen kühlen, dunklen Raum. Gepfeffert mit Alkoven. Erschöpfte Reisende verdämmerten an den Tischen. Der Patron bat uns, die Waffen abzulegen, James (Bruce) versetzte ihm einen verächtlichen Tritt. Seit den Tagen des texanischen Unabhängigkeitskrieges trennte uns kein Anlass mehr von unseren Waffen.

Am Tresen würfelten verelendete Landarbeiter.
Plötzlich.
Plötzlich sickerten die Nonnen in die Szene. Sie gingen zu zweit oder zu dritt und es sah so aus als würden sie sich um die Reisenden kümmern wie um Verletzte in einem Lazarett.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei James (Bruce). Wir nannten ihn Jim, er war Geograph, Astrophysiker, Historiker, Linguist, Botaniker, Ornithologe, Kartograph, Feldjäger und Mediziner.
Alan Moorehead liefert folgende Charakterisierung:
„Bereits der oberflächliche Blick auf das Leben von Bruce enthüllt den Abgrund, der zwischen uns und den privilegierten Klassen im England des 18. Jahrhunderts klafft. Jim ist Teil einer Welt, die längst versunken erscheint – dazu gehören Familienwappen und ererbter Grundbesitz, klassische Bildung, Patronatsrechte und heftige Vorurteile. Jim hasste. Er hasste Papisten, wie manche Leute Schlangen oder Ratten hassen, und war, auch wenn er nicht an das göttliche Recht der Könige glaubte, Monarchist aus tiefstem Herzen.“

Das waren wir gewiss alle und zugleich waren wir Demokraten und Revolutionäre. Wir glaubten an die Gleichheit der Menschen, trotzdem stellten wir uns mit unserem Dünkel und der hohen Herkunft über alle. Wir verfassten die freiheitlichste Verfassung, wuschen aber nie ein Hemd selbst.

Alle Menschen werden Brüder, doch wir waren ganz klar was Besseres.
Ein zweitklassiger Romancier hätte Jim sich nicht besser erfinden können. Er verkörperte die Tugenden eines Haudegens. Er maß beinah zwei Meter, eher mehr noch. Muss ich euch sagen, dass er athletisch war, mit rotem Haar und lauter Stimme, ein ausgezeichneter Reiter, Maler, Mathematiker, Ringer und Schütze,
„und wo immer er auftrat“, so der olle Moorehead, „schien selbstsichere Überlegenheit von ihm auszustrahlen. Seine angeborene Sprachbegabung versagte nicht einmal vor arabischen Dialekten. Überdies war er ohne jeden Zweifel außerordentlich mutig und entschlossen.“

Zu unserer Gruppe zählten Burton und Speke. Burton beherrschte neunundzwanzig Sprachen und war Kenner arabischer Erotica. Man schimpfte ihn einen „Romantiker“, einen „Liebhaber der islamischen Welt“ und „hingerissenen Dilettanten“.

Die Grausamkeit abessinischer Herrscher überschritt alle Begriffe. Wahllos marterten und verstümmelten sie ihre Untertanen ebenso wie andere Feinde, um die Leichen Staubpistenkötern zum Fraß vorzuwerfen.
Coogan schilderte unsere Abenteuer den hessischen Prinzessinnen. Sie kannten Aufschneidereien von ihren englischen Cousins. Coogan erzählte aber weniger als die Wahrheit. Der Äthiopier verspeiste das Rind bei lebendigem Leib. Mit Löchern in den Flanken kehrte das Vieh auf die Weiden zurück und wurde da zum Fest für Fliegen. Kühe verschwanden in den Wolken. Die Schwärme loopten mit der Startakustik von Tornados.

Von der Ignoranz des britischen Publikums gekränkt, hatte sich James Bruce, wir nannten ihn Bad Luck Jim, an die Kasseler Universität zurückgezogen, wo der Lehrkörper nun von Bill (William Seward) Burroughs und Jimmy (Sigmünd) Freud verstärkt wurde.

Liste der Texas Ranger-Professoren aus dem Jahr 1843
Texas „Grand Slam“ Coogan, Germanist (Präsident)
Texas „Double Action“ Thunderbolt, Germanist (Dean)
Wilhelm „Bigfoot Bill“ Grimm, Germanist
Jacob „Crazy Jake“ Grimm, Germanist
Joseph „One Finger Joe“ Conrad, Soziologe
James „Bad Luck Jim“ Bruce, Geograph, Astrophysiker, Historiker, Linguist, Botaniker, Ornithologe, Kartograph, Feldjäger, Mediziner
Feridun „Hardboiled Jim“ Zaimoglu, Germanist
William „Buffalo Bill“ Burroughs, Germanist
Sigmund „Jimmy the Kid“ Freud, Germanist

1857 startete eine Expedition zu den Quellen des weißen Nils, die Kasseler Universität schloss sich auf Sansibar an. Sansibar war damals ein Zentrum des Sklavenhandels.

„Zu jener Zeit lebten etwa fünftausend Araber auf Sansibar, einige besaßen nicht weniger als zweitausend Sklaven.“*
* Ich zitiere aus Nilfieber, dem 107. Band der Anderen Bibliothek. Ediert und eingeleitet von Georg Brunold.

Wir logierten beim schwarzen Osmanen Kadir Rauf Bey, dessen richtiger Name Hamed bin Juma bin Rajab bin Mohammed bin Said el-Murjebi der Welt lange verschwiegen blieb. In seiner Jugend war er mit meinem Vater unter Marshall Greg-Coogan Austin geritten, ich kannte ihn als einen Mann von äußerster Herzlichkeit und Treffsicherheit.

„Bei beinah allen Bewohnern der Insel gab es eine natürliche Neigung zu Alkohol & Drogensucht – entweder Opium oder Haschisch – und ein ganz selbstverständliches Abgleiten in die Wollust.“

Der schwarze Osmane war der größte Sklaven- und Elfenbeinhändler seiner Epoche. Sein Palast stand in einem Park. In einem Parkhaus brachten wir unsere Studentinnen unter, um sie keinen weiteren Gefahren ausgesetzt zu wissen. Nur Hauke sollte als Isabelle Eberhardt nach Art des müslüman oder musulmano mit uns in die Wildnis gehen. Hamed bin Juma bin Rajab bin Mohammed bin Said el-Murjebi bewirtete und supportete sämtliche Expeditionen, er war Vertrauter des belgischen Hand-ab-Königs und des Deutschen Reiches (in Gründung) im Rang eines Ministers für besondere Aufgaben. In Ostafrika führte an Hamed bin Juma bin Rajab bin Mohammed bin Said el-Murjebi aka Kadir Rauf Bey genannt der schwarze Osmane kein Weg vorbei. Ihm folgten zweimal zehntausend Mann, die westlich des Tanganyikasees jeden Strauch mit Zöllen belegten.

Eine so beherrschende Stellung weckte in ihrer Einmaligkeit Begehrlichkeiten. Sultane schickten ihre Heere gegen den ehrlichen Kaufmann, der selbst in seiner Uneigennützigkeit die historische Begegnung von Stanley und Livingstone
„Dr. Livingstone, I presume?“
arrangierte.

*
Richard Francis Burton trat 1842 in das 18. Regiment der Bombay Native Infantry ein. In den folgenden sieben Jahren lernte er Hindustani, Gujarati, Sindhi, Panjabi, Marathi und Persisch. 1849 ging Burton nach Ägypten und lernte Arabisch. Im April 1853 reiste er, verkleidet als Pilger, nach Mekka.

Speke war aus anderem Holz, ein guter Organisator und Gesundheitsfanatiker. Die beiden harmonierten wenig, Speke verhielt sich dem sehr viel gebildeteren Burton gegenüber rebellisch. Das sollte Burton zum Verhängnis werden.
„Er brauchte einen Jünger und erhielt einen Rivalen.“

In Tansania bestaunten uns die Bürger des Landes wie jeden Faschingsumzug. Wir klapperten närrisch durchs Gelände, Burton litt unter einem vereiterten Kiefer. Speke war so gut wie blind. Das hielt ihn von nichts ab. Die Weggefährten stritten, gelegentlich gestattete sich ein Expeditionsteilnehmer eine Bemerkung zur _Schönheit der Schöpfung_. Dann kam etwas Verächtliches von Speke. Für ihn war der Dschungel ein Fitness-Parcours.

Wir erreichten den Victoriasee und dachten einmal wieder am Ursprung des Nils angekommen zu sein. Burtons Skepsis ging im Taumel unter, es wurde getrunken wie in den Führungsstäben der Nationalen Volksarmee. Wir trafen Sam Baker, er reiste mit Gattin. Sam und Florence waren in Karthum aufgebrochen, den Nil hinaufgefahren und von Moskitos bis aufs Blut gequält worden. Halbtot hatten sie den Albert-See erreicht und sich da an der Nilquelle vermutet. Gemessen an den Verirrungen vieler „Entdecker“, waren sie ziemlich dicht dran gewesen. Auf dem Heimweg verloren sie ihr letztes Kanu, ein Nilpferd bootete sie aus.
Wir nahmen die Bakers in unsere Mitte, längst pilgerten wir in zwei Abteilungen. Die Streitenden stritten, die Gelassenen rückten im Sonderzug vor. Vorsätzlich verloren wir Burton und Speke aus den Augen, doch hörten wir noch lange das Geschrei.

Wir folgten einem Karawanenweg, den die europäische, indische und amerikanische Gier nach Elfenbein zur Hochfrequenzstrecke gemacht hatte. Tausende von Trägern liefen im Geschwindschritt durch die Gegend.

Im Geschwindschritt durch den Wald - Nichts war billiger als Arbeitskraft. Weiß zu sein war eine Qualifikation für Führungsaufgaben.

An der Mündung des Rowuma trafen wir Livingstone.
„Wir sind es gewöhnt, uns Livingstone als alten Mann vorzustellen, doch als er zu seiner letzten Reise aufbrach, war er gerade zweiundfünfzig und verfügte mehr denn je über jene Gabe, die die Araber baraka nennen: Er konnte auch unter den widrigsten Umständen jedem das Gefühl vermitteln, das Leben sei gerade jetzt reicher und besser als sonst. Seine bloße Anwesenheit scheint auf alle, die mit ihm zu tun hatten, wie eine Wohltat gewirkt zu haben.“*
* Ich zitiere aus Nilfieber, dem 107. Band der Anderen Bibliothek. Ediert und eingeleitet von Georg Brunold.

Livingstone, aller Spekulationen überdrüssig und entschlossen, die Koordinaten der Quellen endgültig auf eine Landkarte zu bringen, lehnte unsere Beteiligung an seinem Vorhaben ab. An der Grenze zwischen Tanganjika und Portugiesisch-Ostafrika begann er jene unglaubliche Serie von Wanderungen, die sich über sieben Jahre hinziehen und mit einem Fehlschlag enden sollte, der zugleich ein Triumph seines unbesiegbaren Geistes war.

„Selten dürfte ein Unternehmen auf so viele Fehleinschätzungen begründet gewesen sein. Livingstone suchte die Quellen eines Stroms in einem Gebiet, wo es den Strom gar nicht gab.“
Livingstone glaubte:
„er könne allein, unbewaffnet und ohne Unterstützung Afrika durchqueren.“
Unterwegs erkrankte der Reisende schwer, er überlebte mit Hilfe arabischer Sklavenhändler. 1869, drei Jahre nach seinem Aufbruch, inzwischen galt er als verschollen, erreichte er, körperlich in erbärmlicher Verfassung, Ujiji, eine am Ostufer des Tanganyikasees gelegene Ortschaft.

Nachtrag
Als ich die kleine Sache vor einer Ewigkeit zum ersten Mal wohl noch aus einer Schreibmaschine zog, um Wort für Wort zu prüfen, wie es mir die Eitelkeit vorschrieb, stolperte ich über manche sprachliche Unebenheit, doch nicht über Eingeborene. Ich schrieb „Eingeborene“ wie jeder Kolonialsekretär seiner Majestät dem Hunnen-Wilhelm.
Im Original steht: „Der zivilisierten Welt galt Livingstone als verschollen.“

So schrieb ein weißer Mann im Geist arabischer Sklavenhändler. Ich will mich dem Thema bald hermeneutisch zuwenden. Wir müssen uns befragen, so wie ich den schwarzen Osmanen Kadir Rauf Bey aka Hamed bin Juma bin Rajab bin Mohammed bin Said el-Murjebi einst auf Sansibar fragte, was ihn eigentlich von seiner Ware unterscheiden würde. Er hatte sieben Mal zehntausend Mann unter Waffen und konnte mitunter grimmig werden.

Er war der uneheliche Sohn eines Hausmädchens, ein Bastard nach den Begriffen seiner Zeit. – Gegenstand schrecklicher Fürsorge. Mit fünf kam er ins Arbeitshaus, mit siebzehn brachte er den Atlantik zwischen sich und das Elend. In Amerika erfand sich das walisische Heimkind als Draufgänger neu. Er gab sich den Namen Henry Morton Stanley.

*Henry Morton Stanley fand den sagenhaften Afrikaforscher David Livingstone am Ostufer des Tanganyikasees – 1871 die Sensation weltweit!* 

„Härte, Hitzigkeit und Egozentrismus (waren) seine hervorstechenden Eigenschaften.“*
Im Sezessionskrieg verfocht Stanley die Sache des Südens. Später ritt er mit Generalmajor Winfield Scott Hancock gegen die Seminolen. Diese Bürger Floridas hatten unser besonderes Interesse. Sie boten sich der Kasseler Universität zur Untersuchung einer Ethnogenese an. Aus ihren ursprünglichen Verbreitungsgebieten verdrängte und dezimierte indigene Völker fusionierten im 18. Jahrhundert zu einer neuen Nation. Sie integrierten afrikanische Flüchtlinge (entsprungene Sklaven). Die schwarzen Seminolen stellten einen zumal von Prof. Feridun Zaimoglu erforschten historischen Sonderfall dar. Die englischen Sklavenhalter nannten die Afrikaner auf Freiheitsfüßen verächtlich Maroons, eine fiese Ableitung des spanischen (Negro) Cimarrón.

1871 schickte der Verleger James Gordon Bennett junior Stanley nach Afrika, um den verschollenen Livingstone in die Schlagzeilen zu bringen. Stanley fand den Entdecker der Vicoriafälle in einem Strandkaff am Tanganyikasee.

„Nirgendwo in der weiten Welt dürfte es zwei so gegensätzliche Charaktere wie Livingstone und Stanley gegeben haben – aber auch nirgendwo zwei Männer, die einander im Moment dermaßen dankbar waren. Livingstone brauchte Medizin, Nachschub, Nachrichten, und sein junger Besucher verfügte über all das.“*

Stanley hatte Cochones und brauchte kudos – Ruhm. Livingstone brachte ihm viel mehr ein als Ruhm. Das afrikanische Intermezzo wurde zum entscheidenden Erlebnis in Stanleys Leben. Livingstone gefunden zu haben, verlieh dem grandiosen Egoisten die Statur einer moralischen Autorität.

Die Begegnung der Männer am Ostufer im Dorfe Ujiji bildet die berühmteste Szene der Afrikaliteratur. Erreicht wird sie allenfalls von dem Bild des toten Livingstone, dessen Leichnam Fans 1600 Kilometer durch den Wald zur Küste trugen. Das vollzog sich acht Monate nach dem sagenhaften Treffen. Mit Medikamenten versorgt, war Livingstone kurz soweit genesen, dass er glaubte, seine Suche nach den Quellen des Nils fortsetzen zu können. Das nenne ich zielstrebig. Stanley war inzwischen ans Mittelmeer marschiert, um die gute Nachricht und Livingstones Tagebücher an die große Glocke zu hängen. 1874 leistete er mit einer äußerst verlustreichen Expedition einen entscheidenden letzten Beitrag zur Klärung des Nil-Ursprungs.

18. Mai 2016

Hessenmeister

Im Vergleich mit der Feenhölle Hessen war die Reise ins Herz der Finsternis ein Spaziergang am Kongo

Vom Redakteur auf einen überfälligen Artikel angesprochen, antwortete Joseph Roth: „Bei der Frankfurter Zeitung schreibt man nicht für den Leser, sondern für die Nachwelt.“
In den Pariser Scheunenvierteln zaristischer Emigranten bemerkte Roth „den Duft der Armut“.
„Je länger die Emigration dauert, desto näher kommen ihre Protagonisten den Klischees. Der Großfürst als Chauffeur eines Taxis steuert unmittelbar in die Literatur.“
Im Galopp der Begabungen löste Friedrich Sieburg Roth auf dem französischen Posten ab. Ich kam in ein Hotel, Raoul Schrott saß mit H.C. Artmann an der Bar. Artmann sollte am folgenden Tag den Büchner Preis kriegen, er fiel sich schwer.
Wenn schon H.C., dann Artmann.
Artmann sah aus wie Pound. Damals wollte ich noch glauben, dass solche Koinzidenz kein Zufall hinbog.
Schrotts Urwüchsigkeit ließ ihn wie Artmanns Knappen erscheinen. Zu seinem Tiroler Erbe gehörte eine Bergweltstatur. Der Mann war ein Berg hinter zwanglosem Gebaren. Obwohl er zum Debattenfürst taugte, gab sich Schrott lieber korporativ – eine Zöglingseigenschaft. Dass Schrott sich klar war, zeigt eine Zeile in Finis Terrae:
„Man antwortete, wenn man gefragt wurde, und hatte den anderen zu beweisen, daß man dasselbe unter Kameradschaft verstand wie sie.“
Schrott hatte eine umständliche Diktion. Für ihn war Artmann „bis heute der einzige Dichter geblieben, den ich ohne lange nachzudenken so apostrophieren würde“.
Sie waren sich in einer Wiener Bahnhofsgaststätte zum ersten Mal begegnet. Schrott erzählt das im Nachspann. Zuvor hatte er sich in der Erzählung beinah den Hals gebrochen.
„Ich sprach Artmann an. Ich mußte wohl etwas bleich ausgesehen haben, dem Tod von der Schippe gesprungen: jedenfalls schrieb er mir ein Vorwort.“
Schrott kannte den Indischen Ozean, den Pazifik und die China-See. Couchgruppen unterhielten sich. Sie achteten nicht auf die Autoren.

Schrott war überall gewesen. Allein seine Hochschullaufbahn hatte ihn von Innsbruck nach Norwich, Paris, Berlin und Neapel geführt. Er erinnerte mich an Wissenschaftsabenteurer des 19. Jahrhunderts. Er war polyglott bis ins Unwahrscheinliche. Segler und Wüstenwanderer. Von der Warte dreihundert Meter hoher Dünen hatte er den Spielraum der Sprache gemessen, um zu finden, dass im Sand kein Wort mehr traf.
„Die Erde (ist) ein Punkt, kaum größer als ein Korn im Universum, er malte es mit der Gabel auf das Tischtuch.“ Finis Terrae
Mit dreiunddreißig hatte Schrott zwanzig Titel zusammengeschrieben, seine Frau war im Hotel. Zwar schlug die Literaturmode von 1997 mit ihren lateinischen Überschriften und historisierenden Einschlägen auf die Produktion durch, doch ging Schrott weiter als die Kollegen.
Ich sah ihn starr vor Staunen an.
Die Vorhänge waren wie die Lampenschirme so orange: eine Farbfloskel, die sich oft mit schmiedeeisernem Stuss paarte. Schrott hatte gerade die Erfindung der Poesie veröffentlicht – Gedichte aus viertausend Jahren. Auswahl, Übersetzung, Kommentierung: Schrott. Was für ein Durchmarsch.
„Kein gelungenes Gedicht spricht von sich oder seinem Ich“, verrät die Erfindung. Da ist ein Watt aus Wörtern und Spurrillen in Zeiten als Götter noch selbst dichteten und menschliches Dasein sakral sich vollzog. Der Himmel, ein Dom über Ur.
„Die Sprache arbeitet den Kategorien der Logik entgegen.
Die Klarheit der Buchstaben bleibt eine scheinbare.
Die Silben können nicht die Grundelemente einer Grammatik der Welt sein.“
Ich füge ein, dass ich ausgerechnet bei den Grimmbrüdern einen Vorbehalt gegen Buchstaben fand. Buchstaben als Angriff auf das Gedächtnis/ Buchstaben als Profanisierungsmedium.
„Schreiben“, schreibt Schrott, „ist ein nüchterner Rausch, eine Anspannung, die etwas mit Glück zu tun hat.“
Sie hatten Hörner auf dem Kopf – Antilopenhörner, glaube ich.
Schrott war auf einem Schiff zur Welt gekommen. In österreichischen Handelsangelegenheiten hatte der Vater die Familie von São Paulo nach Tunis gescheucht. „Bücher im Haus“ waren das Beständige im Dasein der Wohlstandsvagabunden.

*

Coogan kantete eine Schädelkalotte mit der Hand auf, seine Studentinnen besahen die Dura, unwahrscheinlich, dass sie glauben konnten, Gefäße für etwas so Hässliches zu sein. Es führte in ihren Vorstellungen gewiss kein Weg vom grauen Gewebe zu Eudaimonia. Coogan verlangte von Colette (Peignot) eine Trennung des Klumpens von seinen Verbindungen.
Colette hob den Flutsch aus der Schale. Sie weigerte sich, den Flutsch Gehirn zu nennen. Das war doch lächerlich und noch unerfreulicher als einige Emanationen des Stoffwechsels.
„Als ginge man beim Abdecker in die Lehre“, wisperte Steffi von Salzmannshausen.
Colette rettete sich zu stiller Heiterkeit. Coogan rief das Faktotum, Quasimodo trieb die Studentinnen mit seiner bloßen Erscheinung zu den letzten Bänken. Coogan scheuchte Quasimodo mit Flutsch und Glutsch zur Hörsaaltür hinaus, er bat Hauke, die Fenster zu öffnen. Die Vögel sangen von ihrem Entzücken. Sie saßen Spalier auf der Fensterbank. Gute getarnte Spanner.
Colette genoss die besondere Aufmerksamkeit des Professors. Coogan führte sie zu ihrem Platz, die Vögel lachten sich einen Ast. Colette übertrieb ihre Schwäche.
„Die stimuliert nur“, petzte Steffi.
Coogan ließ ihr die phonetische Ungenauigkeit durchgehen. Er wusste, was von ihm erwartet wurde. Coogan versprach ein gutes halbes Stündchen Religionsgeschichte.
„Wer hat schon einmal von einer Anstalt gehört, die den in Einsamkeit wahnsinnig gewordenen Eremiten zur Frühzeit des Christentums vorbehalten war?“
Auf solche Stories standen die Studentinnen. Bloß nichts mit Anspruch. Barbara von Fallersleben gab die richtige Antwort. Der alte Theodosius hatte im 6. Jh. vor Bethlehem ein Kloster aufgezogen, in dem verknatterte Solisten zu einem Ensemble zusammengefasst wurden.

Am Nachmittag kamen Raoul Schrott und Feridun Zaimoglu von Sidi Bou Saïd herüber geritten, die Studentinnen erhoben sich zu einem Chor der Freude.
„Denken wir an Agatha“, sagte Zaimoglu. „Die Jungfrau widerstand dem Begehren eines Mächtigen, so dass man sie bei lebendigem Leib zerschneiden musste. Die Brüste, „klein und noch gar nicht voll ausgereift“, wurden dem Mädchen vor die Füße geworfen. Es äußerte milden Tadel:
„Errötest du nicht, den Teil eines Menschen zu zerreißen, der dir an deiner Mutter einmal Nahrung gegeben hat?““*
*Die Zitate stammen aus Albert Sellners „Immerwährenden Heiligenkalender“

„Oder Doris“, ergänzte Schrott. „Unserer lieben Doris, Schutzheilige der Brauer, war als Bräutigam nur der Erlöser recht. Wegen eines abgewiesenen Freiers musste sie zu siedendem Öl in einen Bottich – sie überstand die Prozedur ohne Schaden.
„Was also“, fragte Coogan die Studentinnen, „macht heilig?“
„Standhaftigkeit vor allen Anfechtungen“, antwortete Heidi (Edith) von Schauenburg-Lippspringe.
„Zudem eine Leidensfähigkeit, die von bodenloser Verachtung des Körpers rührt“, ergänzte Hauke von Dänemark und Holstein.
Von Zaimoglu wussten die Studentinnen schon alles, Schrott kannten sie noch nicht so gut. Sie baten ihn, von sich zu sprechen, einen größeren Gefallen könne er ihnen nicht tun.
„Wissen ist Lust“, verkündete Schrott. Ihn unterhielt eine Kristallstruktur, die in drei Dimensionen symmetrisch war genauso wie ein Tonzylinder, der Informationen aus undenkbarer Vergangenheit hieroglyphisch auf uns brachte.
Schrott hob eine Seite seiner philologischen Neigungen an. Er sprach von Erregung aus Sprache, die Studentinnen erröteten unter den Schleiern. Erotik hatte ihr ganzes Interesse. Nur wenn es darum ging, waren sie nicht faul und oberflächlich und ständig am Telefonieren oder Instagramen.
Das war die Zierde Hessens, versprochen unseren Besten als Bräute.
Zaimoglu seufzte. Coogan schüttelte bedenklich den Kopf. Er hatte die Germanistik (gemeinsam mit den Brüdern Grimm) erfunden in Sorge um den weiblichen Nachwuchs. Man konnte den schließlich nicht Kriegswissenschaften studieren lassen, Penthesilea hin oder her.
Schrott sprach von sich in der 3. Person: „Für den Heranwachsenden hieß zu sprechen immer wieder Fremdes sich aneignen. In Afrika hauten Buben ihm die Hucke voll. Er dichtete schon, als er aus dem Maghreb nach Landeck geriet. Dialekt half, sich in Vielsprachigkeit nicht zu verirren.
In Schwalbenform segelten die ersten Botschaften aus den letzten Reihen.
Haste heute Abend schon was vor? Ich warte bis sieben am alten Haupttor. Weeste, wo das alte Haupttor is? Gruß Prinzessin Conny v. Hessen-Nassau
Schrott wog die Beziehungen zwischen Hochsprache und Kopfhaltung. Die weltweit einzigartige Großschreibung der Deutschen rückte er neben jüdische Mystik.
„Großschreibung als verborgenes Akrostichon oder Anagramm einer verschlüsselten Nachricht Gottes.“
Mit vierzehn brannte Schrott durch. In Griechenland fand er das Licht seiner Kindheit.
„Ich saß jeden Abend in einer Bar auf einer venezianischen Festungsmauer, rauchte, ohne zu inhalieren, und trank Gin in großen Schlucken.“
Paris erreichte er mit einem Käse als Mundvorrat. Er strich an den Huren vorbei. Auf der Suche nach Stellen, wo Rimbaud den Rinnstein geküsst hatte, richtete er sich, ganz Navigator auf dem Eismeer der Kunst, nach den Sternen.
„Die hybriden Tauben auf den Masten von Paris“ wird er später bemerken, als Hilfsbuchhändler bei Shakespeare & Company, „heruntergekommen zum Touristenbums“, und als Sekretär des greisen, von Michael Jackson amüsierten Surrealisten Soupault.
Die Pilger hatten das Feuer mit ihren Winchester-Flinten eröffnet und streuten Blei ins Dickicht.

Joe Conrad verirrte sich in den Werra-Sümpfen. Er floh vor Waldmenschen, entlaufenen Sklaven, verwilderten Hunden und Bären. An der Grenze zu Niedersachsen wäre er beinah umgekommen. Sein Fazit: Im Vergleich mit der Feenhölle Hessen war die Reise ins Herz der Finsternis ein Spaziergang am Kongo.

Der fünfzehnjährige Roaul Schrott referiert Camus` Mythos von Sisyphos. Englisch ist die Sprache seiner Jugendprosa. Er spielt konzertreif Gitarre. Täuschte ich mich? Mir schien, als brächte so viel Tugend Coogans hochgeborenen Studentinnen nicht ins Träumen, sondern zum Gähnen. Die Mädchen dösten wohl hinter ihren Schleiern. Es wäre Hessen kein Schaden entstanden, hätten wir sie alle (einschließlich der Prinzessinnen) nach Kairo verkauft.
Sie sollten ja auch nur mit einem Anstrich in die Ehe geschickt werden, Bildung zierte nach der Mode, immer wieder lud Coogan Gelehrte ein. Im Jetzt dieser kleinen Erzählung sprach Roaul Schrott zu den Studentinnen. Er sah aus wie ein Pferdeknecht, der es zum Reitlehrer gebracht hatte.

Was weiß das Holz einer Geige. Auf der Heimfahrt saß ich mit Schrott und Joe (Conrad) in der Kutsche. Längst hatte sich die Landschaft im Nebel davongemacht. Wir hörten den Hund von Baskerville seine Memoiren heulen. Seit einiger Zeit gingen wieder Vampire um. Es gab auch Wiedergänger von Sklaven. Ich erinnere an Kapitän Müller, der sich einen Schock Unglücklicher von der Elfenbeinküste zu seinem Plaisir in den Finsterwald mitgebracht hatte und nun nicht allein von Heimsuchungen bedroht wurde. Die schwarzen Gespenster bewegten sich auf dem Territorium chattischer (kattischer) Hochländer – Häuptlinge, die wieder- und wieder kamen als Garanten hessischer Tapferkeit und Freiheit. So unsterblich wie unschlagbar. In Sarajevo verhalf das Fernsehen der Gestaltungskraft von Granaten zu international durchschlagender Wirkung. Die Stadt wurde mit Waffen skulpturiert, während Baudrillard Amerika als „erfüllte Utopie“ beschrieb und der hessische Kurfürst Friedrich Wilhelm I. eine Ehe zur linken Hand mit Gertrude geb. Lehmann, erhoben zur Fürstin von Hanau und Gräfin von Schaumburg, im zwanzigsten Jahr führte. Aus dieser Verbindung waren neun Kinder hervorgegangen. Ein wegen der morganatischen Ehe seiner Eltern nicht nachfolgefähiger Wilhelm hatte als Unterleutnant im Leibgarde-Regiment eine Tochter mit unserer Edith (Heidi) vollbracht, ich hebe nicht hervor, dass Edith dabei ledig blieb. Das doppelt illegitime Geschöpf von Willis Samen hatte nichts zu erwarten als den sauren Atem barmherziger Schwestern.

Auch Edith durfte nicht mehr hoffen. Wer sie nicht schnitt, dem warf sie sich an den Hals. Ich sah die ganze Person schwinden, die Tage wurden auch immer kürzer. Weihnachten rückte auf. In Zwehren, wo wir bei der Witwe Voss und einer Schwadron Töchter untergekommen waren, gab es seit dem Texanischen Unabhängigkeitskrieg (1835/36) die Motel Bar.

10. Mai 2016

Hessenmeister

Kölner Leichenschleim

Janet Flanner folgte alliierten Truppen im Auftrag des New Yorker. Im März Fünfundvierzig erreichte sie Köln. Flanner berichtete: (Die Stadt) „ist in die Luft gesprengt worden. Im Schutt und in der Einsamkeit völliger physischer Zerstörung lehnt Köln, bar jeder Gestalt und schmucklos, an seinem Ufer. … Die meisten Kölner haben nicht viel zu erzählen.“
Einer dafür um sie mehr. Heinrich Böll lieferte Flanners Bestandsaufnahmen Innenansichten:
„Aus dem Keller kam ihm schwüle, säuerliche Luft entgegen; er ging langsam die schleimigen Stufen hinunter und tastete sich in ein gelbliches Dunkel hinein. Von irgendwoher tropfte es; die Flüssigkeit vermengte sich mit Staub und Schutt.“
Aus „Der Engel schwieg“
Böll wusste, dass er Redakteuren mit Leichenschleim nicht kommen durfte. Der Scheu vor harten Stoffen trug er vorauseilend Rechnung. In seinen Zeitungsgeschichten verbreitete er eine biedere, von Euphemismen und Redundanz aufgetriebene Sprache:
„Auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen, muß ich hier eine Tatsache erwähnen, zu deren Verteidigung ich nur sagen kann, daß sie wirklich eine ist. In den Jahren 1939 bis 1945 hatten wir Krieg.“
Aus „Nicht nur zur Weihnachtszeit“

Bölls Post der frühen Jahre umkreist Beschaffungsprobleme und die Chancen der literarischen Mehrfachverwertung. Böll setzt dem Kolossal des Wiederaufbaus unbeabsichtigt ein günstiges Denkmal. Die ersten Mitteilungen an Freund Kunz, Ernst Adolf, sind Verständigungen in Landsermanier. Das Essen ist „beschissen“, Böll schwebt eine brüderliche „Tabakgemeinschaft“ vor.
Aus Herbert Hoven (Hg.): „Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier“, Kiepenheuer & Witsch 1994

Böll ist Hilfsarbeiter in der Tischlerei seines Bruders, 1945 verliert er einen Sohn im Säuglingsalter. Kunz kondoliert und stellt weiter fest, dass er jeden Preis für Tabak zu zahlen bereit sei, „ehe ich mir einen Tag verbiestere“.
„Das Leben ist fürchterlich, ich kann es gar nicht begreifen.“ H.B.

Großfamilie Böll übernimmt eine Ruine, Heinrich kommt mit Frau und zwei Kindern in zwei Räumen unter. Die Tagesordnung wird vom Mangel diktiert. Die Lage ist immer beinah unhaltbar. Böll schreibt, um zu überleben. Der Markt erzwingt Geschmeidigkeit; Böll knüpft vor allem kommerzielle Erwartungen an seine Produktion. Daneben entsteht Prosa, die seinen Ruhm vorbereitet.
Böll ist kein Künstler in der Klause. Er trommelt und trompetet für seine Sache.
„Im Grunde ist doch jede Kunst irgendwie Gebet.“
Böll beweist Sendungsbewusstsein und Familiensinn. Ihn trägt die Überzeugung, dass „die Leute auf mich warten“.

Als kurz vor Deutschermark Honorare noch in der alten Währung beglichen werden, schreibt Böll: „Mich enttäuscht diese Haltung kaum, da ich die abgründige Verworfenheit der Literaturhändler zu Genüge kenne.“

Zunehmende Resonanz stachelt Bölls Geschäftssinn. Im Jahr der ersten Einzelpublikation (1949, „Der Zug war pünktlich“) verhandelt Böll mit mehreren Verlagen und Redaktionen. Er will die Marie, er glaubt an den materiellen Wert seiner Sache. (Während Benn kein Mark aus seiner Kunst schlägt.)

Böll trumpft auf, er nimmt den Debütantenstil von Generationen vorweg:
„Die ganze Literatur hängt mir kilometerweise zum Hals heraus und was ich wirklich möchte ist: spazierengehen. Ich scheiß auf alles.“
Das notiert Böll, nachdem er Himmel & Hölle in Bewegung gesetzt hat, um überhaupt veröffentlichen zu können.

Selbst schwanger vom Künstlerwahn, zwingt Künstlerpech Kunz zu einem Metierwechsel. Auf der ersten Stufe einer Kaskade gescheiterter Unternehmungen verkauft er Kugelschreiber.

*

Oft geht im Märchen körperlicher Verfall moralischem Bankrott voran. Das kehrt als Motiv deshalb so leichtfüßig wieder, weil es für eine Gemeinschaft leicht ist, auf solche zu verzichten, die beim Fruchtbarkeitstamtam sowieso keine Rolle (mehr) spielen.

Sage vergeht nie ganz … denn sie ist unsterbliche Göttin
Motto der Grimm’schen Hausmärchensammlung

Wir entnehmen das Vortext einer Nebenarbeit von Jacob G., der von Heinrich Böll wenig hielt. Da war kein bloßes Dasein, „das hinreichte“, ein Werk zu schützen, so wie die nackte Existenz der Märchen den Schutz der Sammlung selbstverständlich erscheinen ließ. Coogan, Zaimoglu, William & Jake Grimm, Thunderbolt, Conrad, Burroughs so wie die schönen Töchter der üblichen Witwe Voss (daheim in Niederzwehren) waren sich ohne ein Wort der zweifelnden Einrede einig. Die Tapferen waren zur See gefahren, hatten Bären im Nahkampf bezwungen, ein Vermögen im Sklavenhandel erworben, die Freiheit am Hindukusch verteidigt, Erfindungen gemacht, in der Nase nach Öl gebohrt und manches mehr. Dafür wurden sie von den Holden natürlich bewundert. Die Holden griffen in ihre Löcken. Sigmünd Freud erklärt euch gern, was das zu bedeuten hatte.

Wilhelm II. – Der Herr der Hessen nahm heimlich die Kutsche nach Niederzwehren, um im Haus der Witwe Voss jener Sonderkonferenz vorzusitzen, die nach dem wahren, den wenigstens Erdenwürmern nur bekannten Antlitz der Welt zum Anschluss Hessens an Texas führte.

Ihr dürft euch Coogan nicht ohne Colt am Gürtel vorstellen. Seiner Zeit voraus, verschoss das Prunkstück .5oo Wyoming Express Munition. Der Rückstoß hätte einem normal kräftigen Schützen den Arm aus der Schulter gerissen und manchen Finger von der Hand gelöst. Die Drachen und Riesen in den dunklen Wäldern längs der Fulda und Weser, der Eder und der Lahn sowie des Mains, der damals mehr Wasser als der Mississippi führte, fürchteten nichts mehr als die Durchschlagskraft solch ballistischer Körper.

Coogan war ein Mann kurzer Prozesse. Das Amt des Friedensrichters nahm er ein, wo immer hin er einen Arm ausstreckte.
Er gründete die hessische Texas Ranger Division und – Hand in Hand mit Bill & Jake Grimm – die Germanistik. Ferner gründete er die Kasseler Universität auf dem Weinberg. Hochstehenden Jungfrauen gewährte er Bildungsprivilegien. Sie durften ihm zuhören.
Da stand er vor der verschleierten Blüte des vornehmsten deutschen Landes und sprach: „Die Temperaturen und Temperamente der Mythen sind aristokratisch. Der Mensch ist das Maß, der Dichter formt die Götter nach seiner Gestalt. Seinen Stimmen gibt er ihre Namen. Noch kann ihn sein Platz im Universum nicht beleidigen.
Märchen sind Schrumpfformen von Mythen. Märchen kapriolen und schnurren, sie zeigen den enthronten Menschen, ob er König oder Köhler heißt. Oft ist von Dummheit die Rede. Darüber sprechen wir heute. Der Bauer in seiner Einfalt findet die Dummheit so weiblich wie ihr grammatisches Geschlecht. Dummheit kann gut oder schlecht sein. Der dümmste Bruder (Königssohn in brüderlicher Konkurrenz) mag einmal einen guten König abgeben. Gott kehrt lieber bei ehrlichen (gastfreien) Eseln ein. Soll Gott Schlaumichel drei Wünsche erfüllen, hilft das Wünschen nichts Gutem.

Die Studentinnen machten hinter ihren Schleiern lustige Gesichter. Es gehörte zum guten Ton, in Coogan verliebt zu sein.
Nehmen wir das Märchen von den klugen Leuten, fuhr Coogan fort. Da ist der Mensch männlich, das Weib ihm gegeben. Es kommt nach dem Vieh, das Vieh ist dem Bauern lieber als die Hausfrau. „Eines Tages holte ein Bauer seinen hagebüchnen Stock aus der Ecke und sprach zu seiner Frau Trine, ich gehe jetzt über Land und komme erst in drei Tagen wieder zurück. Wenn der Viehhändler in der Zeit bei uns einspricht und will unsere drei Kühe kaufen, so kannst du sie losschlagen, aber nicht anders als für zweihundert Taler, geringer nicht, hörst du?
Geh nur in Gottes Namen, antwortete die Frau, ich will das schon machen.
Ja, du! sprach der Mann, du bist als ein kleines Kind einmal auf den Kopf gefallen, das hängt dir bis auf diese Stunde nach. Aber das sage ich dir, machst du dummes Zeug, so streiche ich dir den Rücken blau an, und das ohne Farbe, bloß mit dem Stock, den ich da in der Hand halte, und der Anstrich soll ein ganzes Jahr halten, darauf kannst du dich verlassen.

Damit ging der tüchtige Mann seiner Wege.
Coogan fragte die Studentinnen nach ihren Ansichten. Das war unerhörter Fortschritt. Doch stand den ersten Germanistinnen das Bäurische so fern, dass sie wie leblos die kotigen Umstände der kleinen Leute ansahen. Kaum, dass sie in ihnen Menschen erkennen konnten. Die Mohren und Elefanten in landgräflichen Gehegen schienen eher als Gegenstände einer Überlegung geeignet. Die Studentinnen hatten den Hochmut im Blut, er schützte sie vor Mesalliancen. (Man kennt den Nutzen des Dünkels nicht mehr.)
Wofür sie sich begeisterten, das war Bram Stokers „Dracula“. Eine jede hielt ihr Exemplar unter der Bank. Die Sensationen tödlicher Bisse und Untoter Taten führten die Studentinnen Zuständen zu, über die an dieser Stelle bald Texas Ranger S. Freud zu euch sprechen wird. Stoker orientierte sich an einem nachtaktiven Aristokraten, der 1431 in Transsylvanien zur Welt kam. BILD sprach mit ihm, sein Name verkleinert Dracul. Dracula war der Sohn des Drachen. Der Senior verdiente sich den Beinamen mit Brutalität in wechselnden Allianzen und wurde deshalb von Kaiser Sigismund 1431 in den Drachenorden aufgenommen.

Dracula erweiterte das väterliche Repertoire der Grausamkeit. Man nannte ihn den Pfähler. Zu pfählen, das war seine liebste Hinrichtungsart. Wir wissen, dass Dracula eine Jugend in osmanischer Geiselhaft zubrachte, um den Vater gefügig zu halten. Wir nennen die unfreien Jahre „einen Schlüssel zum Verständnis seiner Persönlichkeit.“

Auf diese Persönlichkeit fuhren unsere angehenden Philologinnen ab. Für sie stand fest, dass bestimmte Wesen nicht sterben, sondern eine Transformation durchlaufen, in deren Konsequenz sie etwa wie ————-
——-
———-

nun —- wie Coogan aussahen.
Ich gebe Coogan hier nur zum Beispiel an.

*

Zaimoglu berichtete von den Beschwerlichkeiten früher Hochseereisen. Wir hörten ihm mit Behagen zu, bequem wie wir es uns gemacht hatten in den Fauteuils der Witwe Voss. Es war die hohe Zeit der Shisha-Kultur und der überheizten Stuben voller Jagdtrophäen. (Was gab es Löwenköpfe in hessischen Haushalten. Afrika schien am Edersee zu liegen.) Rauchend ließen sich die Strapazen der mit unzureichendem nautischem Gerät den Elementen trotzenden Abenteurer am besten überstehen. Zaimoglu schilderte uns den verträglichen Charakter des Tischlers John Harrison (1693 – 1776). In unserem Kreis verkehrten Kapitäne, jeder Schiffsführer sang sein Loblied auf den Hobby-Uhrmacher, der das Längenproblem gelöst und die Seefahrt so voran gebracht hatte. König George I. hatte sich der Auslobung eines Preisgeldes für eine Längenproblemlösung nicht widersetzt, er regierte zunächst in der Opposition. Ich berichtete für die engl. Ausgabe der Frankfurter Rundschau: (vom 08.05. 1715) A series of riots occurred in England, protesting against the first Hanoverian King of Britain and his new Whig government.

Harrison hatte die Akribie und den Wahn der Autodidakten (auch Kalaschnikow war Autodidakt) er schuf mit einem seetauglichen Chronometer die Voraussetzung für eine exakte Bestimmung des Längengrads an Bord eines Segelschiffs.
Es gab in unserem Kreis keinen Mann, der Amerika nicht gesehen hätte. Wir wussten alle zu schätzen, was Harrison getan hatte. „Die gute Uhr“ (Captain Cook) hatte ihm zwanzigtausend Pfund Preisgeld eingebracht, entsprechend dem Longitude Act.

Täuschte ich mich? Heidi (Edith), eine der dreiunddreißig Voss‘schen Töchter, stieß anders als gewöhnlich an die Schicklichkeitsgrenze. Unser Freund Zaimoglu genoss den Applaus für seinen Bericht, ihm folgte der greise Kapitän Müller als Erzähler. Er hatte seinen Schnitt im Sklavenhandel gemacht, für jeden Matrosen, der sich verloren gab, waren ihm die Verpflegungskosten gutgeschrieben worden. Müller verdiente an den Toten und an den Lebenden, denn jeder überlebende Afrikaner brachte am Bestimmungsort einen Bonus.

Kapitän Müller war eine große Nummer im Sklaventransportgeschäft gewesen. Er hielt einige Unglückliche im dunklen Wald seines Ruhesitzes gefangen. Ihre Lieder und Klagen fanden Eingang in hessische Volksweisen. So erklärt sich die Affinität des Hessen zum Blues.

Dem schwarzen Elfenbein, der heidnischen Fracht galt größere Fürsorge als jenen, mit denen die auf ihren schwankenden Gebieten alttestamentarisch/gottgleich schaltenden Herren oft die Nationalität und immer die Religion verband.
„Alles was nicht blinder Gehorsam war, lief auf Meuterei hinaus“, dröhnte Kapitän Müller. Er lachte rostig.

Da konnte ein Seemann mit Selbstachtung leicht in Schwierigkeiten geraten. Müller rieb seine Nilpferdpeitsche, die er aus Gewohnheit mitführte als elegante Handarbeit. Müller kratzte sich mit einer Schrumpfhand, die auch zum Schuhlöffel taugte.
Den Voss’schen Töchtern war Müller unheimlich, doch uns gefiel er als guter Nachbar der Hessen und türkischen Texaner. Man munkelte, dass Müller sich einen Stall voll Sklaven in seinem Haus hielt, das tief im Finsterwald lag und laut Grimms Märchen bereits zum Schauplatz eines königlichen Verhängnisses geworden war.
Wieder und wieder waren Coogan und ich so wie Bill & Jake (Grimm) einer Einladung in das angeblich dreistöckige Hexenhaus nicht nachgekommen. Da war ein Hemmnis, das man sich kaum zugab. An der Tüchtigkeit des Kapitäns ließ sich nicht zweifeln. Etwas Abstoßendes verbarg sich aber vor der Analyse.

3. Mai 2016

Hessenmeister

Fundevogel Reloaded

„Sind sie immer noch hinter dir her?“ fragte Coogan.
„Ich schätze schon.“
„Diese dreckigen Arschgesichter“, choralierten Hauke & Steffi wie in einer Tragödie. Es war die Rede einmal wieder von den linksdrehenden Stimmenrauschrassisten, bei denen Gewalt und Gedichte Hand in Hand gingen.
Edith machte verschwiegene Handzeichen, da war was faul.
„Okay“, sagte Coogan gefährlich.

Joyce Lee Johnson war mit Jack Kerouac zusammen gewesen. Jack was known for his willingness to sleep with anything. (Dylan Foley) Joyce Lee kannte Coogan von früher.

Wieder gingen wir über die Gleise, Joyce Lee Johnson, Colette „Laure“ Peignot, Feridun „The Maverick“ Zaimoglu, „Grand Slam“ Coogan, Texas „Double Action“ Thunderbolt. Baustoffe streunten. Krähen salutierten. Kaninchen vagabundierten. Wind putzte Dreck gegen alle Ränder. So viel Angefangenes war nicht zu Ende gebracht worden.
Das Ostend ging im Brautkleid, Colette Peignot konnte nicht absehen von Zaimoglu. Ein Bundeswehrtarnnetz hing an der Decke der Galerie Fruchtig durch. Joyce Lee Johnson fragte Coogan: „Weißt du noch?“

Colette erzählte von ihrer zwanghaften Liebe zu Zimmermädchen und Waschfrauen mit brennenden Rücken und argentinischen Zuhälter, „eine … im Absinth ertränkte Liebe … im Herzen tragend“.
Ich fand das überspannt. In „harten Gesichtern“ erriet Colette „einen gewissen unmittelbaren Sinn des Lebens“.
Es war immer das Gleiche. „Auf der Suche nach dem wahren Leben“, war Joyce Lee dem Beat nach New York gefolgt. Eine Gitarre wurde ihr „Eintrittsticket für diese neue Welt downtown.“
Joyce Lee zitierte Thoreau: „Die Masse der Menschen führt ein Leben stiller Verzweiflung.“
Joyce Lee wollte eine junge Frau gewesen sein, die zu McCarthys Zeiten den Konventionen getrotzt und ihren Traum vom „selbstbestimmten Leben“ gegen Widerstände verteidigt hatte.
Coogan fragte: „Alles okay?“

„Es gab diese Waschfrauen, die ich glücklich glaubte, ihre Hände in die Seine zu tauchen” – Colette „Laure“ Peignot verließ Georges Bataille wegen Zaimoglu. Sie erlebte mit dem Maverick ihr tercio de muerte. Sie warf sich ihm an den Hals, um ihre Gefühle nicht länger durch ein Sieb pressen zu müssen. Michel Leiris kommentierte nüchtern: Vermutlich ist überhaupt keine erotische Erregung möglich ohne das wenigstens vage Suchbild einer grenzenlosen Schönheit … die wir degradieren möchten.

Das nördliche Mainufer verlor seinen Promenadencharakter vor dem Westhafen. Im Schatten der Friedensbrücke kreuzten Ratten die Spuren der Voortrekker. Colette und Zaimoglu erwarteten mich in einem hohlen Brückenpfeiler. Wilhelm und Jacob Grimm stießen bald dazu. Sie waren verfinstert wie vor einem Aufstand. Schnell ritten wir zu „einer altberühmten Gegend deutscher Freiheit“ (sämtliche Zitate aus der Vorrede zu den Kinder- und Hausmärchen, Ausgabe letzter Hand, Reclam 1980). Die Brüder lobten das Gedächtnis vor der Schrift, das Eigene vor dem Fremden, den Halm vor der Sichel. Sie redeten davon, dass Sitte immer weniger wurde zu Gunsten „leerer Prächtigkeit“. Sie erinnerten an das gallische Verbot, heiligen Gesänge aufzuschreiben, während sämtliche Angelegenheiten im Übrigen schriftlich zur Sprache gebracht wurden.

War uns ein Garten im Weg, ritten wir ihn nieder. Unter allgemeinem Bravo erreichten wir Zwehren und nahmen Quartier bei der Frau Voss, die von Berlin ins Dorf geheiratet hatte. Die gute alte Voss mit ihren gichtkruden Augen. Es wurde aufgetragen, vom Fasan bis zum Fisch viel, die Vettel (gute Hausmutter) sang das Lied der Hessen.

„Ein Ernst, eine gesunde, tüchtige und tapfere Gesinnung, die von der Geschichte nicht wird unbeachtet bleiben“, zeichnet uns Hessen aus. „Selbst die große und schöne Gestalt der Männer in den Chattengauen erhielt sich und ließ die Mängel der Thüringer und Sachsen deutlich erscheinen. „Überhaupt müssen die Hessen zu den Völkern unseres Vaterlandes gezählt werden, die am besten sind.“

Die blöde Nuss (umsichtige Wirtin) hatte drei ebenmäßig gewachsene, von Klugheit geschwängerte, jungfräuliche Töchter, sie hießen wohl Hauke, Steffi und Heidi (Edith). Wir sollten sie uns tüchtig einverleiben und Königreiche ergatten.

Im Fernsehen lief wieder nur Mist, ich sah nach den Pferden. Dem Knecht, ein vom Grind überwachsener, verhunzter Gnom, traute ich bis zum Rossraub alles zu. Er wurde mir bald lieb, wir schmauchten unsere Maiskolbenpfeifer halb im Unterholz seines Obdachs. Der Grindige hieß Vince Lopez, es sprach der germanische Geist geradezu aus ihm. In den Schwestern meinte er „mehr Schimmer als Nutzen“ zu erkennen.

*

Die Witwe Voss sandte ihre Töchter nach dem Kasseler Markte und wenn sie nicht genug einbrachten, setzte es was. Das war gemein, wir berieten, was da zu tun sei.
„Heiratet uns“, baten die Töchter verzweifelt.
„Heiratet uns und tut uns fort von hier.“
Nun, wir hatten andere Pläne. Wir standen im Kampf gegen die Linksrassisten und wollten die jungen Frauen nicht als Witwen verderben lassen. Sie hätten sich dann vielleicht hergegeben an Prahlhälse, die weiblicher Tandsucht nichts zu wünschen übrig ließen.
Wir setzten „am Gebrauch der Sprache“ an, Coogan gefiel allen mit seiner gesunden Freude an Ausrufen und Schallwörtern.
Rums, Bums, Autsch, Peng.

Die Witwe Voss (das elende Weib/die brave Hausmutter) rief Coogan „Stimmenrauschers Pissblume“. Wilhelm und Jacob Grimm hatten noch manch anderes anstöszige Wort in ihren Hornistern.

Es traf sich eines Tages, dass wir in den dunklen Wald bei Zwehren ritten, da hörten wir Geschrei von einem Kinde. Wir stellten die Telefone lautlos und starteten die Mondraketen. So gerüstet, erreichten wir den Tanganjikasee. Der Teich lag da wie ein Sinnbild von Stille. Das Kind aber war von einem Vogel „mit dem Schnabel weggenommen“ worden.

Wir sahen uns bedenklich an, wackere Männer in der Blüte ihrer Hüte. Eine Frau trat vor uns, knickste gefällig und fasste ihren Mut zusammen. Ob wir dem Kinde Vater und Mutter sein wollten, da es für sie nun ans Sterben ginge.
„Gute Frau“, rief Wilhelm, „wir haben auch einen leibhaftigen Arzt in unserer Mitte, den ehrwürdigen Doktor Coogan von Amerika. Er will Euch wohl untersuchen. Legt Euch nur rasch ins grüne Gras (da auf die Lichtung neben dem Teich).“
„Ach nein“, schluchzte das Weib, „mir ist das Leben ganz verleidet. Geht nur, ihr braven Herren, und nehmet das Kind (den Wechselbalg/Bankert) mit Euch.“
Wir entspannten die Hähne unserer vortrefflichen Büchsen, es wäre doch zu toll gewesen, die rußige Köhlerin über den Haufen zu knallen, und besprachen den Deal. Ein Hirsch kam des Weges und verlangte, dass wir seine Tochter heirateten. Da stieg Coogan auf den Baum und nahm das Kind mit nach Hause, „um es gemeinsam mit seinem Lenchen aufzuziehen“. Dem Wildling wuchsen bald Federn aus dem Kopf, deshalb hieß er Fundevogel.
Die alte Haushaltshilfe der Witwe Voss wollte den Fundevogel rupfen und braten wie er sieben Jahre alt und so ansehnlich wie ein Pfau geworden war. Die fleißige Person sagte niemandem etwas von ihrem Plan, bloß dem Lenchen, das mit dem Fundevogel verschworen war, vertraute sie die arge Absicht an.
„Kuhl“, sagte das Lenchen, indem es sich eiskalt verstellte, „ich nehme auf jeden Fall einen Schlegel und einen Flügel.“
Die listige Köchin versprach dem Lenchen einen Schlegel und einen Flügel vom Fundevogel.

In Wahrheit aber wollte die Alte dem Lenchen gar nichts abgeben und das Lenchen wollte in Wahrheit den Fundevogel vor dem Kochtopf bewahren. „Des anderen Morgens in aller Früh“ gingen Coogan, Zaimoglu, Thunderbolt, Jacob und Wilhelm wieder in den Wald, um zu rülpsen, da sprach das Lenchen zum Fundevogel:
„Verlässt du mich nicht, so verlass ich dich nicht.“
„Ist geritzt“, antwortete der Fundevogel. „Gib mir Fünf.“
Die beiden flohen vor dem Kochtopf der furchtbaren Witwe Voss und ihrer Spießgesellin Gisela Wurmfortsatz in den Wald, wo der alte König mit seiner hochmütigen Tochter, die nichts tat als ihre Freier zu verspotten, in einem Schloss wohnte. Der König hatte ein Woodstock nach dem anderen organisieren lassen, dass die Tochter unter die Haube kam, aber Sophia hatte an jedem Freier etwas auszusetzen. Das erzürnte den König und so sprach er:
„Der nächste Bettler, der mir das Parkett einsaut, soll dein Gemahl werden. Dann gnade dir Gott, bei mir haste nämlich verschissen.“
Der Fundevogel, der von dieser Sache überhaupt nichts wusste, kam ins Schloss, wurde für einen Bettler gehalten und mit der edlen Schabracke, die nicht kochen und nicht spinnen und nicht Körbe flechten konnte, vermählt und in einer Köhlerhütte tief im Wald vergraben. Das Lenchen, das ihm heimlich gefolgt war, wohnte dann auch da. Das waren die ersten Hippies. Sie verdienten sich in Wetzlar und Gießen „geringe Almosen“ und verhökerten Geschirr. Dazu sangen sie: Hare Kṛṣṇa Hare Kṛṣṇa Kṛṣṇa Kṛṣṇa Hare Hare Hare Rāma, Hare Rāma Rāma Rāma Hare Hare. (Zitiert nach Wikipedia.)

Eines Tages ritt ein Königssohn von edlem Wuchs vor die Köhlerhütte und nahm die Unfähige (zarte Jungfer) zur Sophia. Der Königssohn war verwachsen und hatte einen schlechten Fuß und war deshalb recht traurig. Da sprach das Lenchen, welches als Zofe am Hof diente:
„Gebt mir den Fundevogel zum Mann, so will Euch schon helfen.“
Die Hochzeit ging im kleinen Kreis über die Bühne …

*

Wörter benutzten die Brüder wie Nägel. An früher hingen sie alles, was ihnen richtig erschien. Gravität und Gier, Biedersinn und Bauernschläue. Bis zu idiomatischen Nuancen schilderte uns Jacob den Charakter eines Köhlers, wie er ihm von Odysseus dargestellt worden war. Den Köhler verdonnerte man zum Wächter eines Kız Kulesi im bayrischen Wald. Er verliebte sich in jenes Rapunzel, welches von seinem königlichen Gatten in den Turm gesperrt worden war, da eine Weissagung so ging, dass es ihm keine Söhne wohl aber eine Tochter gebären würde. Deren Sohn hatte das Schicksal zum Mörder seines Großvaters bestimmt. Um sich dagegen zu versichern, hatte der König Rapunzel in den Turm getan, abgesperrt und den Köhler davor gestellt. Den Turmschlüssel aber hatte er in den Bosporus geworfen.
Rapunzel sang jeden Abend die Tiere des Waldes ins Koma. Betört von der schönen Singstimme: bat der grimmige Köhler um ein Stelldichein im Sturmstübchen.
„Wie willst du bei mir landen, du Fliegenfranz?“ fragte Rapunzel artig.
Der Köhler ging der Frage auf den Grund und fand die Lösung. Ihr kennt sie – Extensions. Kleiner Scherz. Bis Rapunzels Haupthaar von der Höhe des Gefängnisses bis zum Boden sich lockte, vergingen eher weniger als sechs Wochen. Nun wurde die Tochter gemacht, die den Sohn kriegen sollte, der … Auch fing hier der Krautrock an.

*

„Aber zu welchem Zweck ist die Erde denn erschaffen worden?“ fragte Candide. „Um uns rasend zu machen“, lautete die Antwort. Voltaire 1758
„Alle Welt spricht von Schönheit, obwohl doch Schmerz das Gefühl der Epoche bestimmt“, erklärte die Witwe Voss in ihrem Niederzwehren. Wir saßen behaglich am gemauerten Ofen, ich hielt den Ausspruch der Witwe für „eine Abdichtung der Information gegen die Erfahrung“ (Walter Benjamin). Die ebenmäßigen Jungfrauen, die als Töchter der bösen Voss Arges zu erleiden hatten, warteten uns hurtig auf. Sie waren krass erfreut, uns wieder einmal bewirten zu dürfen. Alle hofften noch, dass wir sie im Hochzeitswege erlösen könnten, und so gurrten und kokettierten sie, soweit das schicklich war.
Der Grindgnom und die schlimme Haushaltshilfe lagen unter dem Tisch. Da lagen auch Fundevogel, Lenchen, ein Hirsch, zwei Hexen, serbische Waffenschieber, osmanische Unterhändler und weltanschaulich entgleiste Büttel.
„Nur der Text zählt“, behauptete der Hirsch.
Die Eroberung Niederzwehrens schien unabwendbar. Vor der Tür übergab sich der Schultheiß den Büschen.
Die Verknüpfung von Strom und Bewusstsein hatte ihre Karriere zum Allgemeinplatz noch vor sich. Die Psyche war ein „unerschlossener Kontinent“.
„In uns ist Afrika“, sagten die serbischen Waffenschieber.
Es gab immer eine Märchenvariante, die vom Tod der Heldin erst beglaubigt wurde. Ein Dreh bloß und etwas narrativer Budenzauber … und schon heiratet Allerleirauh doch den Vater, dessen falsches Begehren es (das Allerleirauh) in Armut und Hässlichkeit (vorgeblich) zu entgehen versucht hatte.

Ich bemerkte bei Wilhelm eine verstohlene Freude an der Valeurmannigfaltigkeit seiner Fundstücke. Legt sich Rotkäppchen bewusst zum Wolf und stellt sich dumm, wenn es Oma sagt?
Die Märchenampeln leuchteten von den befestigten Ufern einer der Tat verpflichteten Lebenspraxis in Gegenden, wo Tiere Menschen berieten und Drillinge einander „wie ein Tautropfen dem nächsten“ glichen.

Coogan suchte Abkürzungen im Dickicht der Verrätselungen. Er fragte: Warum schaffen es manche Märchen nicht bis in die Gegenwart? Obwohl sie doch nichts anderes transportieren als ihre berühmten Tanten. Jacob legte Coogan eine Hand auf die Schulter, da sprach ein Rabe durchs Fenster.
„Märchen“, hub der Rabe an, …

27. April 2016

Hessenmeister

Gastronomie mit der Brechstange

Donnerstag gegen drei tat es Schläge in Cargo-City Nord (Rheinmain-Power-Power). Mit zweihundert Sachen brach Coogan in seinem schwarzgelben Camaro durch die Sperrschranke der Zufahrt am Tor Fünfundzwanzig.

Er spielte Autoscooter mit dem Fuhrpark und rammte eine Rampe, an der zwei Lastwagen beladen wurden. Irgendwas störte Coogan am frühen Fleiß, er hielt an und stieg aus. Infernalisch brüllend und blutend … Flughafensicherheitskräfte überwältigten Coogan mit „äußerster Mühe“. So stand es dann in der Frankfurter Rundschau. Eine Glastür barst beim Einsatz. Zeugen meldeten sich, die Coogan am Frankfurter Kreuz beobachtet hatten, wo er den Abzweig Basel verpasst und auf der Flughafenausfahrt vergeblich zu wenden versucht hatte.

Man schaffte Coogan in eine unterirdische Besenkammer der Bundespolizei, eingerichtet für Leute, die am regulären Abfertigungstingeltangel vorbei einreisen durften.
Doktor Patriot sedierte Coogan und informierte mich. Man überließ ihn mir, wir fuhren zu seinem Lieblingswasserhäuschen im Riederwald. Am nächsten Tag flogen wir nach Manila, unser Informant markierte den vom Glauben abgefallenen kanadischen Katholiken. Er war weiter nichts als ein leergedroschener Halbfranzose.

Der Veteran verpasster Gelegenheiten nannte sich Montreal. Manila griff um sich, der Landesrest war Bereitstellungsraum, ein unterversorgter Versorgungspark. Taifune schlugen in die Peripherie, oft ging nichts mehr, kein Flug, keine Fähre.

Auf den Philippinen herrschte eine mörderische Kanaille. Ständig stürzten halbfertige Häuser ein, man ließ dem Beton nicht genug Zeit zum Abbinden. Da die Arbeiter in den Rohbauten schliefen, wurden die Baustellen zu Massengräbern. Soldaten erzwangen die Fortsetzung der Bauarbeiten. Leichen wurden kurzerhand einbetoniert.
Vermutlich steckte auch in unserem Hotel nicht nur Arbeit.

*

Immer gab es einen Perser, der deutsche Tugenden rühmte, und Sven auf der Flucht vor Gläubigern. Den Boris im Alimente-Rückstand, ungefragt Besserung gelobend. Es gab falsche Fröhlichkeit und echten Neid. Soziale Wucherungen, die Bildung von Randgewächsen. Verfallserscheinungen. Im Neunundneunziger Sommer fanden Wochenmärkte nachts statt. Kegel von Flakscheinwerfern unterhielten sich über den Leuten. Die Zeit hatte einen Sprung in der Schüssel, manche Genossen nahmen die Hitze zum Vorwand, um das Bekleidungsminimum zu unterschreiten. Dagegen schritt der Freiwillige Heimatschutz ein. Trotzdem sah man Angehörige der neuen Stämme mit hochgebundenen Penissen. Ich erinnere an die Barfüßer, die nach dem Gesetz lebten und sich nicht waschen durften.

Edith ging blau in blau, sie gab sich fern jener Maschinenstürmerei und dem Quatsch von wegen Fahrradfahren ist politisch, mit dem sie sonst davon ablenkte, dass sie eine Geisel ihres Gatten war. Der irre Wanz hatte seine Frau im Café erwischt, gerade als sie mir ihre Zuneigung zeigte. Edith betrachtete ihre Verhaftung als Familienangelegenheit. Wanz machte Bemerkungen in meine Richtung, während er Edith abführte. Sogar in dieser Szene reizte mich die geknickte Grazie der fitten Heulsuse.

Ein Schock indischer Schriftsteller montierte sich ins Gruppenbild, ich erkannte Adyasha Dash, Gagan Gill, Shafi Shauq und Kiran Nagarkar. Indien war zum Wahrzeichen der globalisierten Zukunft geworden, indian vibes benoteten den ewigen Sommer.

*

Marktmeister Günter Gerster sah aus wie Gregory Peck als Kapitän Ahab. Er bearbeitete in Unter-Ostern siebzehn Hektar land- und forstwirtschaftliche Nutzflächen. Sein Vater war noch echter Waldbauer gewesen. GG schlachtete und kelterte. Arbeitsfrei kannte er nicht. Er war ein bisschen vertrackt und um die Ecke. Mitteilen musste er sich nicht. Sogar seinen Humor konnte GG für sich behalten.

Er verlieh Privilegien und bestimmte Treueverhältnisse. Die Leute flutschten überhastet am Angebot der anderen vorbei, mit nur einem heißen Wunsch, zum kultischen Kern zu gelangen und sich GG da zu unterwerfen.

GG besaß 5600 Apfelbäume. Ferner erntete er Birnen, Sauerkirschen, Walnüsse und Zwetschgen. Auf drei Hektar stand Getreide und Mais, auf acht Hektar wuchs Gras.

GG hielt Rinder und Schweine. Das wusste jeder, der sein Nachtgebet an einem der siebenhundert Tische verrichtete, die von GG aufgestellt worden waren.

GG trat mit dem heiligen Bembel an unseren Tisch, Edith maunzte. GG flirtete nicht oder vielleicht doch so im Verborgenen, dass es keine bemerkte.

*

Die Belebung Frankfurter Rückseiten ist das Geschäft von Entdeckern, die seit Jahr und Tag ökonomisch robusten Nachfolgern den Boden bereiten. Das Spiel läuft immer gleich. Zuerst nisten sich Künstler und Galeristen an einem der öffentlichen Wahrnehmung fernen Ort ein. Dann kommen die Partymacher, ihnen folgen Studenten. Werber trudeln ein. Die Strategen tauchen zuletzt auf und bauen nach den Regeln einer Gastronomie mit der Brechstange alles um.

Neunundneunzig hatte die Hanauer Landstraße dieses Schicksal schon erlitten. Es wimmelte Ateliers und Agenturen. Eine Insel der Seligen blieb Annette Glosers Schuppengalerie Fruchtig an der Südlichen Zufuhr. Der Asphaltgrat lief parallel zu einem stillen Gleis.
Jemand hatte einen Steg vor dem Schuppen verlegt. Glosers Einrichtungsentscheidungen vibrierten wie ein in der Luft stehender Kolibri zwischen vagant und flüchtig.

Jemand sagte: „Ich habe drei quotes genommen für liner-notes.“

Ich ging über die Gleise. Bahnhofsgestrüpp bleichte, es trieb mehr Dornen aus als früher. Der Aids-Hospiz-Verein hatte an einem Hang Tulpen gegen Hoffnungslosigkeit gepflanzt. Nichts konnte hoffnungsloser sein als die Tulpen in ihrem Kasten.

Ein neuer Stamm tanzte in Formation. Die Tänzer bekannten sich zu einem Getränk ihrer Großväter. Sie huldigten dem Jägermeister im Sambaschritt. Sie beteten die grüne Flasche an.

MC-Stimmenrauscher fuhren im Schritt, sie bestrichen mit den Kegeln ihrer Maschinen die Dürre am Wiesensaum.
„Du alter Habak, wir wissen, dass du da bist. Zeig dich, dass wir dir die Beine brechen und die Ohren abschneiden können.“
Ich stand auf der Wiese und war doch allem Anschein nach nicht zu sehen.

Wir folgten dem Apenninen-Kamm nach Norden auf einer Wolfsroute. Luigi Boitani erklärte, wie man reine Wölfe von Mischlingen und den vielen verwilderten Haushunden unterschied. Damals schätzte man die Zahl italienischer Vaganten auf zweihunderttausend. Die Hälfte war zu den Modalitäten echter Wildhunde zurückgekehrt; sie verhielt sich, als hätte es Domestikation für sie nie gegeben. Absolute Menschenscheu war in manche Verbände zurückgekehrt. Boitani behauptete, dem afrikanischen Wildhund sei der Sprung über das Mittelmeer gelungen. Hauke, die selbst viel vom Hund hatte, bezweifelte die Anwesenheit des afrikanischen Wildhundes auf dem europäischen Kontinent.

„Ich wüsste es, wäre er da“, sagte sie.

Die Streuner richteten größere Schäden an als alle Wölfe, aber die Hirten und Bauern brauchten für ihren Aberglauben blutige Wolfslefzen. Die Regierung entschädigte sie für jedes gerissene Schaf.

Wölfe paarten sich nur selten mit Hunden, dies geschah immer zum Nachteil der Wölfe. Unter dem Vorwand der Forschung näherte sich Boitani seiner zweiten Natur, manchmal heulte er vor Sehnsucht nach den Brüdern.

Die Kontakte zur Bevölkerung waren Lehrstunden. Zwischen hospitalité und hostilité lag nichts. Die Bauern hassten uns.

20. April 2016

Hessenmeister

Ornithologischer Enthusiasmus

„Da.“

Hauke reichte mir das Fernglas. In einer Auslage am Turm der Müllverbrennungsanlage horstete ein Wanderfalkenpaar. Ich sah einen Jung- und einen Altvogel. Hauke behauptete, es sei der Vater mit dem Sohn. Sie wusste jetzt immer alles ganz genau. Die Falken trieben Vorratshaltung. Eine Taube verweste im Gitter der hohen Randerscheinung. Der Nistplatz klebte unter dem Schlot und sah so ungemütlich aus wie eine mit mehr Müll als Möbeln übernommene Wohnung.

Abwärme beflügelte Segler. Angeblich waren drei Junge geschlüpft. Hauke bewunderte den Lebensstil der Vögel, Speichel flutete das Kinn. Mir fehlte der ornithologische Enthusiasmus.

Hauke packte das Fernglas in ihre Fahrradtasche und kramte in Vorräten. Überschrittene Verfallsdaten waren eine ihrer Spezialitäten, seit sie von einem Stimmenrauscher am Kopf getroffen worden war. Das Trauma forcierte eine Tendenz zum Bio-Aktivismus und zur utopischen Autarkie. Hauke reichte das Tauchermesser für alle Belange. Rotz zog sie mit der Hand ab, um die Kante im Kniekehlenbereich an der Multifunktionshose trocken zu wischen.

Wir erreichten das aufgegebene Schwesternheim von Nied. Kletterkraut hatte die Fensterläden in rechtsgängiger Helix überzogen. Die Tür war eingetreten. Zur Bewachung oder Verteilung gammelnder Äpfel hatte man Schwester Gisela zurückgelassen.

„Alle noch essbar“, frohlockte Gisela.

Sie zog uns in die berstende Kleiderkammer. Hauke packte ein, es war nicht immer leicht mit ihr. Sprunghaft redete sie über Gianni Versaces Mörder, der wie Bruce Lee aussah. Dem Gazettenleser wurde Andrew Phillip Cunanan als ein vom Zwang zur überinszenierten Selbstdarstellung bedrängter Partyfürst geschildert.

Gisela begleitete uns in das örtliche Jugendkulturzentrum. Zaimoglu las*, das Rahmenprogramm wurde von Vierzehnjährigen bestritten.
„Der Murat hat kein‘ Bock heute hier vorn rumzumachen, weil sein Leben so Scheiße ist“, erzählte einer. Ich fragte mich, wo Eva Demski blieb, Ulrike Kolb, Frank Schirrmacher und Achim Vandreike. Alle hatten uns volle Unterstützung im Kampf gegen die Stimmenrausch-Rassisten zugesagt.

Zaimoglu tat seine Pflicht, der Sozialarbeiter wirkte überangepasst. Ein Journalist stellte Fragen, wir lösten uns vom Geschehen. Die Gemeinde, als deren Sprecher Zaimoglu im Feuilleton gehandelt wurde, sah uns ratlos nach. Wenigstens blieb Schwester Gisela.

*versöhnlich sei das mal mit zack, die kreatur glaubt, sie sei betrachter des superdings auf ner strecke zwischen haustür und verrichtung. gott is ne pauschalkraft und himmel und hölle sind verwandte huren: sagt die gosse oder es blackt mal sone derrickfigur heran und n kanakster der weiß was n revier fürn krauskopp bringt zischt ihm zu: ihr habt angst vor unserm sperma.

meine hässlichkeit war unumstritten, mich hätt man auch ins feld stellen können als dohlenscheuche (…) ich wollt ne schandtat losmachen was hochkalkuliertes und fand im raum der pauker nur ne üble toleranz für rocker. es waren diese 2 inner klasse: der eine warf nen apfel hoch und als die frucht einer christa auffe kalotte krachte bog sich der hundesohn vor schnappdieluft: s äußerste an hardcore. der andere ne nazisau saß ausgerechnet neben mir: immer diese scheiß filmreifen batzen erinnerung. dem schwein sollte ich in 3 bis 5 fächern gedankengänge öffnen dabei hätt er schon gern aus meiner haut riemen geschnitten. die wucht reißt s trübe auf. manchs reichtn schmaler schlag oder das wunder eines minimalen schnappkicks und sone hebelmotte kriegts inner sprache wieder die sie schlägt gnadenlos. mann keine reue! da warn aus dem plotz die feinde brigade und doch bloß blöde bagage und arierpack, jede youngmiss sprach tingeltangelliesig daher so mit purpurschleifen zöpfchenmonster arschwich! kirchenstiege bricht nicht, bin die rechte braut nicht das war nun mitnemmal ihre neue fassong. heute sagt man schmollmund dazu ist aber lallfallera mit ner küßmichmasche. die sah aus als würde sie ihr beutel tugend beim pfaffen zurren lassen. kommt die mir mit dem stubensentiment, dachte ich bei mir diese puppe was geht hier nicht? Für ne puppe is gelenkigkeit gefühlshöchstes und so ner puppe posenpopperei is partyknutschen mit nem passablen. die erste erfahrung die sone puppe macht: dass man gefühl knüllen kann. jeden kann man mit miezmiez locken jeder kann anner mittelbewegten straßenecke plötzlich auf vulgär machen von wegen leben is n kummergeber und ich frickel mal aus der rolle.

Tuschick/Zaimoglu 1999

9. April 2016

Hessenmeister

Ich sprach mit Edith in der Katakombe unter der Bornheimer Keksdose

Edith kursierte als Frankfurts dienstälteste Fahrradbotin. Massiv litt sie unter ihrem Mann, dem Disponenten und Psychopathen Ingo Wanz. Er schrieb jeden Morgen ein politisches Gedicht. Wanz lebte nicht nur in seiner Lyrik und unter dem Pseudonym In Digo Gewaltfantasien aus. Der Psycho-Poet wanzte Edith beileibe. Er verdammte Demokratie & Rechtsstaat. Mal drosch er von links, mal von rechts auf unsere Grundordnung ein. Er korrespondierte mit den Berliner „Stimmenrauschern“, die „Linksrassismus“ als german-pro style propagierten. Die Stimmenrauscher“ hatten geschworen, Zaimoglu zur Strecke zu bringen.

In Ediths Firma gab es eine sportliche Fraktion, Triathleten, die mit einem 35er-Schnitt unterwegs waren, und Leute mit einem politischen Begriff vom Kurierwesen. Die voll eingetütete Edith hielt sich für politisch.
Fahrradfahren als Straßenkampf.
„Viele Verkehrsteilnehmer wissen nicht, was ein Radweg ist“, klagte Edith. Zugeparkte Radwege/ Rechtsabbiegende Autofahrer.
„Die übersehen uns absichtlich.“
Mir wurde die Sache klar. In einer Welt rabiater Autofahrer fiel Wanz nicht auf. Seine Drohungen und Ausbrüche gingen im allgemeinen Handgemenge unter.
„Die schneiden einem vorsätzlich den Weg ab.“
Dann war eine Schreierei immer schon das nächste und auch ganz schnell der steile Finger gerichtet.
„Oder du haust mit der flachen Hand aufs Dach.”
Keks kam mit Getränken und setzte sich zu uns. Zurzeit „entschlüsselte“ er „Mitteilungsfelder, die man in sich trägt.“

*

Im ewigen Sommer Neunundneunzig schossen die Temperaturen durch die Decke, es gab keine historische Wetterbeobachtung, die dergleichen überlieferte. Die Bevölkerung arabisierte. Frauen verschleierten sich vor der sengenden Sonne. Leute zogen mit Monsterkühlboxen über die Dächer.

Hauke hatte eine Verabredung und wusste nicht, was sie anziehen sollte. Das war neu nach Jahrzehnten im Sweater. Eine Kehrseite des Wohlstands, der über uns gekommen war. Hauke verschüttete Gin, das Paar neben uns setzte sich zu Liedern der Spencer Davis Group unter Drogen. Keep on Running. Die Hitze hatte viele Trennungen verdampfen lassen, die Leute wohnten praktisch mit uns zusammen. Er war Maler, sie Galeristin. Ihr Dreh und Schnapp war art for rent, so dass die Agenturen immer wieder neue Sachen im Foyer hatten, den Mist aber nicht kaufen mussten. Horst und Heike waren Sachsenhäuser Hippies gewesen, richtige Schmorenten, die den Arsch nicht hochbekommen und Tag und Nacht im „Schwarzmarkt“ abgehangen hatten – bis zu ihrer Geschäftsidee. Zuerst sammelten sie Bilder ihrer Freunde ein und schoben sie der Geschäftswelt für ein paar Groschen unter. Die Groschen läpperten sich.

Nun waren Horst und Heike reich und liebten sich immer noch. Sie hingen aneinander, sie klebten zusammen. Sie hatten nach fünfzehn Jahren gemeinsamem Abhängens Sex miteinander. Horst wollte trotzdem mit Hauke swingern. Hauke betrachtete die Angelegenheit in Abhängigkeit von den Fortschritten, die Edith machte.
Hauke und ich hatten uns die Wahrheit versprochen. Es war uns beiden unheimlich, dass wir so aufeinander abfuhren. Hauke war keine Schmuserin, sie hatte nie jemandem einen Rosengarten versprochen. Sie war leise gespielter Rock and Roll. Ich spürte, wie es ihr immer schwerer fiel, die Worte nicht zu sagen, mit denen man sich bindet.
Hauke täuschte Unabhängigkeit vor. Ich nutzte das aus. Ich zwang Hauke, kuhl zu bleiben.

Horst kam angewanzt, wir lebten auf unseren Terrassen. In einer Pose nachlässiger Beweglichkeit lehnte er gegen die Brüstung. Seit er Schotter hatte, baute er seinen Körper auf. Hauke brachte ihm aromatisiertes Wasser, die Aufmerksamkeit ging gegen mich.
Horst näherte sich Hauke wie ein Miettänzer. Heike rückte auf und fragte nach meiner Arbeit. Sie hängte sich an meine Schulter.
„Ich habe einen harten Rücken“, sagte sie.
Ich entzog mich und zerrte einen Heimtrainer aus dem Bestand von Horst und Heike unter das Sonnensegel.
Hauke fragte: „Soll ich hierbleiben?“
Ich hatte vergessen, mit wem sie verabredet war.

Leute aus der Musikbranche kamen über das Dach auf die Terrassenflucht. Sie brachten eine Kühlbox voller Cocktails mit. Die Cocktails mischten Vietnamesen in ihren Telefonläden. Es gehörte zum new style mit einer Monsterkühlbox durch die Gegend zu laufen.
Die Produzenten übernahmen die Geräte, wir hatten auch Hanteln für den Hausgebrauch. Man legte den Oberkörper frei, machte drei, vier athletische Bewegungen und slammte dann ein Mischgetränk. Manchmal blieb der Besuch Tage und die Eigentümer oder Besitzer suchten sich eine andere Terrasse und manchmal auch einen anderen Partner.

*

Edith trat im Gefolge von Wanz auf. Sie glaubte mit einem Strindberg geschlagen zu sein. Der von Kunstanstrengung gebändigte Wahnsinn war als Idee ihre Zuflucht. Sie rettete sich zu der Legende vom kranken Genie und verwirrten Einzeltäter.
Wanz war aber kein Einzeltäter. Seine Lyrik entstand nicht selten in Kollaborationen. Er kam den Leuten gern zu nah, lief auf, fasste an.
Wanz gehörte zu einem bundesweit aktiven, vor allem in Berlin randalierenden Syndikat linksdrehender Rassisten und psychotischer Lyriker. Sie verbanden Gedichte mit Gewalt. Den Rechtsstaat wollten sie abschaffen. Sie kriegten die Junge Freiheit, die taz und das Faustrecht unter einen Hut. Dreschen nannten sie „günthern“ nach ihrem Obergassenhauer Günther. Ihr Stammlokal hieß nach Hitler Wolfsburg.
Zaimoglu und mich sprach Wanz in seinem Werk mit „Berber“ oder „Straßenköter“ an, wenn er freundlich sein wollte. Er schrieb, als habe man G. Benn, E. Pound und W.H. Auden auf die Galeere einer Dichtergemeinschaft gezwungen und das Ensemble unter A. Artauds Kuratel gestellt. Seine Begabung retardierte den Irrsinn. Interessanterweise wiederholte sich das im physischen Apparat. Wanz wartete auf seine Wirkung. Er erwartete sie wie einen Zug mit Verspätung. Kam die Wirkung nicht an, sah ich ihn manchmal mit hängenden Armen dastehen als Denkmal einer Vergeblichkeit.

*

Hauke und Horst schmackten sich auf meiner Seite der Terrasse ab, das war die Quittung für Edith. Heike schaukelte zwei Terrassen weiter in einer Hängematte den „Spiegel“.
„Bist du okay?“ fragte sie.
„Ich bin okay“, antwortete ich.
„Möchtest du einen OMMK*?“
*Orange-Maracuja-Minz-Kiwi-MK
„Ein OMMK kommt jetzt, glaube ich, sehr okay.“
Heike drehte sich aus der Matte, sie sah an sich herab.
„Findest du mich okay?“
Was sollte ich sagen? Heike verschleierte sich von der Hüfte abwärts, sie beeilte sich, den OMMK zu bringen. Der OMMK schmeckte wie ein Wassereis meiner Kindheit. Mein Geschmack und seine Knospen verweigerten jeder exotischen Note das Existenzrecht.
Heike konkurrierte im erotisch Lapidaren. Ihr trüber Ehrgeiz, mit Horst gleichzuziehen und mit meiner Hilfe einen Ausgleich in ihrem Liebesspiel zu erzielen, strotzte vor Routine. Die Routine raffinierte eine Bettelprosa zum Erbrechen. Ich war Heike vielleicht nicht völlig egal.
Well as well him as another sagt Molly Bloom im Ulysses. Zum Glück kam Horst und fragte:
„Alles okay bei euch?“
Heike bot ihm keinen OMMK an. Im Augenblick war sie verbitterte Dreiundvierzig. Umgehend würde sie dafür sorgen, dass Horst seelisch auf dem Zahnfleisch kroch.
„Man lebt nur einmal“, sagte Horst. Im ewigen Sommer Neunundneunzig sagten das alle ständig. Die apokalyptischen Reiter hatten sich gezeigt so wie Räuber Hotzenplotz. Ganze Horizonte waren aufgerissen worden. Es herrschten denkwürdige Zeiten.
Ich drückte Horst meinen OMMK in die Hand.
„Ist noch kalt.“
Hauke erweiterte den Freundeskreis.
„Alles okay bei dir?“ fragte ich.
Würde sie sich jetzt auch in eine verbiesterte Alte verwandeln, die swingern musste, um sich lebendig zu fühlen?
Eine Nachbarin namens Urschel eilfertigte Honigmelonenschnitzel.
„Seid ihr okay?“ fragte Urschel. Es hatten einmal wieder alle alles mitgekriegt. Die Phase der Moderation lief an. Man wusste, dass Hauke und ich keine bewährten Swinger waren, sondern Anfänger, die vielleicht nie Fortschritte machen würden. Ich suchte Anschluss an meine Einheit. Ich wäre gern mit Hauke allein gewesen, doch Hauke suchte Gemeinschaft. Horst hatte seine Badehose liegengelassen, Hauke hinterher sie ihm getragen.
Die Nachbarschaft wuchs sich auf der Terrasse aus. Knowbot*-Grills machten sich ans Werk. Die Party konnte beginnen. *Knowledge Robots

6. April 2016

Hessenmeister

Mirko, der Fahrradbote

Seit mich Mirko beinah umgefahren hatte, interessierte ich mich für sein Metier. Was ein Fahrradbote verdiente, sagte er, hing nicht allein vom Tempo ab. Wichtig wären Adressengedächtnis und Ortskenntnisse. Zwischen zehn und sieben fuhr Mirko achtzig bis hundert Kilometer. An einem gewöhnlichen Tag war der Wetterbericht falsch und du wirst von der ersten Minute an mit Aufträgen zugeschissen. Und wegen des falschen Wetterberichts trägst du die falschen Klamotten.

„Schönes Auto.“
Mirko musste sich die Anerkennung abpressen. Ich fand, dass er es sich unnötig schwer machte.
„Hass mich doch“, munterte ich ihn auf.
Wir saßen vor dem Grössenwahn, bis zu einer Holzstauballergiediagnose hatte Mirko Schreiner gelernt. Gemeinsam sahen wir Steffi nach, die zum Klo schwebte.
Jeder Kellner war eine umfassende Persönlichkeit, manche waren berühmt. Was ein Fahrradbote verdiente, sagte Mirko, hing nicht allein vom Tempo ab. Wichtig wären Adressengedächtnis und Ortskenntnisse, die in Gebäude hineinreichen mussten.
War das nicht Frankfurt, wie wir die Stadt liebten? Die Marie strich ein, wer sich besser zurechtfand.
Ein 3D-Spiel mit der Wirklichkeit – zwischen zehn und sieben fuhr Mirko achtzig bis hundert Kilometer. Klar, dass am Wochenende der Arsch klemmte.
Mirko hatte Knoten im Gesicht, einen Bart wie Stacheldraht. Das Haupthaar empörte sich. Die Frage war doch, warum hatten solche durchhängenden Figuren Allergien und Steffi hatte nichts. Nicht mal Schnupfen.
Steffi kam vom Klo und machte, als müsse sie kotzen. Der Koch erschien, mein alter Freund Brunky, er wollte, dass ich für ihn einen siebenstöckigen Wodka bestellte. Er hatte Alkoholverbot im Dienst, zum Glück gab es so was nicht für Journalisten.
Ich bestellte, Hauke tauchte auf. Ich fand sie immer noch schön.
Mirko brachte Zeitungen zu Abonnenten, wenn der reguläre Zustellservice das verbockt hatte. Banken ließen Hauspost zwischen ihren Filialen kursieren. Fand die Musikbearbeitung eines Spots an einem anderen Ort als die Textbearbeitung statt, wurde dazwischen ein Bote geschaltet.
Private Kunden waren selten.
Unangenehm war wenig. Manchen Kunden durfte Mirko kein Rad auf den Hof stellen. Im Messeturm durften Kuriere Personenaufzüge nicht benutzen. Sie mussten Lastenlifte nehmen.
„Dir kann passieren, dass du zur Hintertür geschickt wirst, weil du vorn nicht ins Erscheinungsbild passt.“
Mehrere Anlaufstationen (Portale) und internes Wuschwusch-Dingeldong konnten eine Übergabe erschweren. Wartezeiten beim Kunden waren unerfreulich, wurden aber bezahlt.
Mirko riet mir, Wanz zu befragen.

*

Wanz war Disponent. Er sagte: „Für einen Brief, der zehn Gramm wiegt, muss nicht gleich eine Tonne Stahl bewegt werden.“
Ich war Beobachter in einem Prozess gewesen, den man Wanz gemacht hatte. Er hatte in unüblichen Formaten seine Ex bedrängt, ich hatte mit der Frau geredet. Sie war demoralisiert gewesen, ein Wrack.
Ich fragte Wanz nach seinem Familienleben.
„Alles paletti.“
Wir saßen in einer Hinterhofklitsche mit Gartenmöbeln vom Flohmarkt. Vorn im Haus war ein Bäckerladen, wo es alles gab. Eine Kiste Bananen stand zur Grundversorgung neben dem Disponententisch. Allwetterkleidung roch fies nach Weltanschauung. Ladestationen für die Akkus der Funkgeräte standen dekorativ in Reihe.
Eine Fahrerin meldete per Funk: „Hab nen Platten.“
„Meld dich, wenn du weiter kannst“, sagte Wanz gemütlich.
Ein Fahrer sollte Autokaufverträge in einem Formulargeschäft besorgen. Die Auftragsentgegennahme erfolgte in einer Kette nahezu identischer Aussagen. Aufrechterhaltung der Illusion von just in time hieß das Prinzip. Selbst wenn alle Fahrer auf der Strecke geblieben waren, nahm Wanz dem Kunden die Terminlast von den Schultern.
„Es kommt gleich jemand.“

Ich trat auf den Hof und traf die Frau, die Wanz bis zum Nervenzusammenbruch drangsaliert hatte. Sie war zu ihm „zurückgekehrt“ (nachdem sie ein Annäherungsverbot durchgesetzt hatte).
Sie hieß Edith und war zum zweiten Mal mit Wanz verheiratet. Glücklich sah sie nicht aus. Das interessierte mich …

*

Bornheim am frühen Abend. Albatrosse landeten auf der ruinierten Erde, um diese Zeit tranken sie Castro Cooler, das Getränk der Avantgarde im endlosen Sommer Neunundneunzig.
Edith sagte: „Autofahrer sind meine Feinde.“
Sie hatte nur einen Feind, den eigenen Mann. Aber lieber hasste sie Autofahrer, das war einfacher. Wanz wusste nicht, ob er links oder rechts war. Er brannte darauf, großartig zu sein. Den Unterschied zwischen Anzünden und Beschützen von Flüchtlingsunterkünften kannte Wanz nicht. Er schrieb rassistische Gedichte und verstand sie als Beitrag zur internationalen Solidarität. Und auch wieder nicht. Diesem verworren sein war Edith ausgeliefert. Sie hatte sich ergeben. Wanz war ihr Schicksal, ein Irrer, der noch nie in nennenswerten Zusammenhängen veröffentlicht hatte und sich für verkannt hielt.
Das alles hatte der Prozess ergeben und war im Urteil berücksichtigt worden. Mich erinnerte Wanz an die Berliner Stimmenrauscher, Papenfüßler, Schleimbeutler und Lindenblütler. Hinter den harmlosen Namen verbarg sich eine Verschwörung wider alle Vernunft. Diese Leute wachten als Hooligans auf und gingen als Punks zu Bett. Sie waren links, rechts, rassistisch, solidarisch in wirrem Durcheinander. Ihr Wort für Dresche war „günthern“ oder „franzkissen“ (von french kiss). Manche erkannten sich an hochgekrempelten Hosenbeinen, dass andere sie daran auch erkannten, war ihnen bis zu den ersten Verhaftungen nicht in den Sinn gekommen.
Edith folgte mir wie zufällig und frei von jeder Absicht in die „Sonnenuhr“. Die „Sonnenuhr“ hätte man für ein Café halten können. Sie bot jedoch nur einer Handvoll Bornheimern Lebensraum. Diese Leute waren von morgens bis abends in der „Sonnenuhr“. Sie spielten, lasen und unterhielten sich. Sie bedienten die Kaffeemaschine, belegten Brötchen, brieten Eier vom Geiger. Ihr Aufenthaltsraum gehörte dem Geburtsbornheimer Keks. Der Name Keks hatte in Frankfurt einmal Klang besessen. (Dazu später mehr.)
Unter der Küche lag eine verborgene Welt, aus der Zeit, als man noch keine Kühlschränke kannte. Edith und ich verzogen uns in eine Katakombe, Keks reichte mir einen Karabiner. Es gab jede Menge Gänge unter Bornheim, man konnte sich nie sicher sein.
„Wenn Wanz das herausfindet, bringt er mich um“, bebte Edith.
„Warum ist er so grässlich?“ fragte ich investigativ.
„Ich glaube, er hat zu viele Absagen gekriegt.“
Ich will das jetzt nicht vertiefen, zum Ausgleich für ihre sklavische Abhängigkeit von Wanz erlebte sich Edith als Maschinenstürmerin.

30. März 2016

Hessenmeister

»Ich bin vollkommen antidemokratisch.«

Gerald Zschorsch donnerte gegen „allgemeine Seichtigkeit“. Leichtigkeit war Seichtigkeit, war unverbindliches Gehabe, war ein Geschäft der Vermeidung. So schmucklos wie schneidig zwang Zschorsch sich in den kurzen Satz:
„Ich bin vollkommen antidemokratisch.“
Das wurde variiert: „Ich bin nicht konsensfähig.“
Wir saßen in einem Westendcafé, tranken Kakao mit Sahne, mir war fad von so viel Rigorismus.
Zschorsch kam aus Plauen im Vogtland. Sein Vater war Diplomat gewesen, die DDR eine Ecke Deutschlands, an der Zschorsch sich gestoßen hatte. Man hatte ihm die Kettenburg angetan.
Die Eltern hatten sich losgesagt.
„Vom Westen freigekauft“, wurde Zschorsch Weihnachten Vierundsiebzig.
Zu lang her sei das, um zu zundern.
Steffi spielte mit einem Löffel, Zschorsch fühlte sich um seine Wirkung betrogen. Wir verkörperten den Westen und die Seichtigkeit, Zschorsch war Deutschland in seiner Tragik. Er meinte es ernst. Er warnte vor den Gefahren des Unernst, er warnte uns vor uns. Er rauchte Steffis Nelkenzigaretten. Seine Bemerkungen stießen Pforten zu Erinnerungen auf: an frühe Tatorte und den jungen Egon Bahr.
Willie rief an, sie wollte wissen, wo wir waren.
„Wir sitzen mit einem Dichter im Café“, antwortete ich klassisch. Es hätte keinen Sinn gehabt, den Dichter beim Namen zu nennen. Man sah Willie überall auf Plakaten, eine Lingerie-Matrone und Kneipenchefin mit einer Schwäche für fußballverrückte, armdrückende Broker – Hool-Banker, ein Fach für sich und nur echt mit dem Gütezeichen Made in England.
„Klingt wie sitzengeblieben“, sagte Willie. Sie hängte mich ab. Auf ihre Art war sie so rigoros wie Zschorsch.
Meine Routine der biografischen Auffassung seiner Person missfiel Zschorsch. Er wollte nicht mit links abgehandelt werden. Ich konnte nicht anders. Ich war Ende Dreißig und lebte wie ein betuchter Fünfundzwanzigjähriger. Was nicht leicht von der Hand ging, kam mir vor wie eine Krankheit. Wie etwas, dass nach Abstand schrie.
Steffi spielte das auf dem Teppich gebliebene Mädchen aus Bad Soden. Sie war eine Marktführerin, sie gab sich Mühe, Zschorsch nicht mit Gleichgültigkeit zu verletzen.
Nach Frankfurt kam er Zweiundachtzig.
„Hier war der Verlag“, also Suhrkamp.
Zschorsch stellte ein Bild mit Zschorsch, Johnson, Unseld scharf, Literaturgeschichte vor dem Verlagshaus in der Lindenstraße.
Nie krank gewesen, nie verheiratet. Zschorsch berief sich auf „die alte Garde der konservativen Revolution“, weil sie ein gutes Deutsch schrieb.
„Die Linke hat ja kein Verhältnis zur Sprache.“
„Das ganze reaktionäre Pack“ war Zschorsch recht, so kamen Stefan George und William Burroughs zusammen. Er rührte gern die Kriegstrommel.
„Ich bin ein alter Minenleger.“
„Alle großen Armeen wurden von Partisanen besiegt.“
„So langweilig wie heute war die Welt noch nie.“
„Jeder kann nur eine Sache.“
„Ich schöpfe aus dem Wahnsinn.“
Steffi malte in Zucker und Krümel. Sie verlangte die Rechnung.
Sie fragte den Dichter: „Können wir Sie irgendwo absetzen?“

22. März 2016

Hessenmeister

Die Heilpraktikerin als Kopfgeldjägerin

Um die Jahrtausendwende trieb Hauke für eine auf Ugly Casting spezialisierte Agentur weltweit schräge Gesichter und Figuren auf. Gefragt war nicht satirische Extravaganz.
Wir konnten uns an keine andere Jahreszeit erinnern, so lange währte schon Sommer. Hauke las eine Herbstgeschichte vor, während ich Lammlachse zubereitete.
An den Wänden hingen aufgeblasene Karteikartenbilder von Ugly-Stars. Hauke hatte ihre fünf Jobs gekündigt und machte nur noch ugly-scouting für Steffi. Steffi handelte weltweit mit schrägen Typen, ausgefallenen Gesichtern und jeder Art physiognomischer Extravaganz. Gefragt waren nicht satirische Varianten, das Lachen sollte im Hals des Verbrauchers steckenbleiben.
Hans Herbst schilderte schwarze Schönheit aus einer fernwehkranken Perspektive, ab und zu rief der Amerikaner an, mit dem Hauke vor mir angeblich schon lange nicht mehr zusammen gewesen war. Man war nur noch einmal gemeinsam in den Urlaub gefahren, bis auf Weiteres sozusagen.
Manchmal sprach ich mit Warren. Er war Biologe in der Armee, ein Trekker zwischen Wildwasser und Marihuana. Zurzeit stationiert auf Hawaii.
Hauke nannte Warren einen cunt hunter, sie war zu hell für Hitze:
„Der Afrikaner bewegte seine langgliedrigen, kräftigen Hände, während er sprach, und wenn er lachte, legte er sie zusammen wie zum Gebet, ließ sie wieder fallen wie große Schmetterlinge.“
Hauke schmolz förmlich, auf den Terrassen wurden Sonnensegel hochgezogen.
„Die alte dumpfe Furcht der weißen Rasse vor den Mysterien Afrikas“, schrieb Herbst.
„Keksdosenprosa“, sagte Hauke, die Leute kamen maritim über die Dächer. Man trug Tropenhelm, wenn man gut angezogen sein wollte, und dazu imperialistische Shorts. Für alte Wurlitzer Musiktruhen wechselten Vermögen ihre Besitzer. Wer eine Wurlitzer Musiktruhe besaß, war ganz weit vorn.
Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt …
Freddy Quinn hatte seinen Künstlernachnamen an eine Freddy-Manie verloren. Jeder sagte Freddy, selbst Hauke mit ihren ungepolsterten Grundsätzen. Sich bloß nicht anbiedern! Das war so wichtig für Hauke.
Auf ihre Art wollte sie auch was Besonderes sein, obwohl sie das immer abstritt. Während ich ganz normal sagte, komm, lass uns Porsche fahren. Das liegt im Trend, so ein alter Porsche. Darin sieht man auf jeden Fall gut aus.

*

„Was haltet ihr von den Drei Spinnerinnen?“, fragte ich.
Das Märchen ist so sinnlos wie viele Fernsehsachen. Es hat ein läppisches Happy End. Eine ursprüngliche Moral könnte im Zuge Grimm’scher Stoffverharmlosung verschütt gegangen sein.
Wir stromerten durch unsere Gebiete und deren Nachbarschaften, es ging einmal wieder um die Ugly Story. Ich kann euch das nicht ersparen. Die ultimative Ugly Story war „ein TV-Format der Zukunft“.
Ich wollte auf jeden Fall ganz vorn dabei sein. Permanent Performance – Steffi führte die Agentur in einem Hinterhaus. Vorn residierte Willie in der Kneipe gleichen Namens. Andere Kneipen hießen nach dem Sandweg „Sandsturm“ und „Sandbar“. Wir kamen über das Willie’s selten hinaus. Wir wohnten in einem „gefühlten Bornheim“, das nach den harten topografischen Tatsachen im Ostend lag.
Willie verdiente gut als korpulentes Unterwäschemodell. In ihrem Metier war Seltsamkeit Alltag. Eines Tages brachte sie Steffi einen Strauß Dark Metal-Swinger, der sich „künstlerisch“ fotografieren lassen wollte. Beruflich swingten die Paare in der Sozialarbeit. Sie lebten einigermaßen unauffällig unter der Woche. Am Wochenende feierten sie in ihren Kreisen. Sie vertraten konventionelle Ansichten. Über Gothic redeten sie wie über eine märchenmonarchische Gesellschaftsform.
Sie wollten sich „ausleben“. Überschreitungen waren Formalitäten, für die es Regeln gab. Körperbehaarung ging gar nicht, Übergewicht war kein Problem.
Man kratzte am S/M-Portfolio. Ich dachte, eine Kombination von Brüder Grimm und Gothic-Paartherapie könnte uns die erste echte Ugly Story liefern. Ich redete mit Hauke, ihr gruselte vor Hemmungslosigkeit nach Plan. Sie glaubte damals noch, dass andere Leute sich für Verhaltenswidersprüche interessieren würden.
Dass sie für ihr Glück Analyse brauchten.
Ich war das beste Gegenbeispiel, Frankfurt swingte, ich swingte mit. Ich trat vor die Tür, ein Fahrradkurier konnte es eben noch vermeiden, mich umzunieten. Anstatt die Ikone der Informationsgesellschaft anzuschreien, sagte ich:
„Sie sehen gut aus. Sie sollten sich fotografieren lassen.“

„Ich erbringe eine Dienstleistung.“
Er sagte das zu Steffi vor dem Gewächshausdschungel im Hof. Mirko saß auf meine Veranlassung und in Vernachlässigung seiner beruflichen Pflichten vor der Agentur und freute sich über ein zweites Frühstück. Er fand es kuhl, dass Steffi Fleischwurst aß und …

11. März 2016

Hessenmeister

Im Journalismus gehörte Ausschlafen zur Berufstätigkeit

Katja Lange-Müller beherrschte die Kunst, beim Ausatmen von Rauch ihre Rede nicht unterbrechen zu müssen.
„Guck mal“, sagte ich zu Hauke im Club Voltaire, wo alle am langen Tisch saßen, „was die kann.“
Lange-Müller war in den Neunzigern Stadtschreiberin gewesen, ich hatte ihr die Streuobstwiesen auf dem Berger Kamm gezeigt. Sie fand mich angenehm normal und schrieb mir sogar Postkarten. Von mir als Autor hielt sie wenig und damit nicht hinter dem Berg. Heute weiß ich, wie recht sie hatte. Damals dachte ich, die Katja hat keine Ahnung.
Birgit Vanderbeke war auch da, und Eva Demski. Demski gangelte mit einem Hünen … dunkle Brille/heller Mantel … der halb auf ihr lag.
Hauke fragte mich: „Ist das jetzt ein verrückter Lord oder kommt der vom Flohmarkt.“
Es sah so aus, als würde Demski ihn füttern.
„Das ist der Peter Kuper“, hörte ich mich sagen, „früher hat er Autos geklaut und später das Buch geschrieben.“
Das Buch kannte Hauke – „Hamlet“. Eine gute Geschichte von einem Seckbacher Buben, der die Gesellschaft zockender Metzgerssöhne und Metalldiebe der bürgerlichen Kulisse seiner Herkunft vorzog und mit Knast für seine Vorlieben zahlte. Gelegentlich kam er in den Genuss einer besonderen Gunst bei besonderen Frauen. Seinen Nom de guerre auf allen Pisten hatte er weg von einem geplatzten Statistenjob in einer Shakespeare-Inszenierung. Eine Sache des Scheiterns im Fritz Rémond Theater am Zoo.
Hamlet spielte eine größere Rolle auf den Bühnen des Nachtlebens, wo die Demimonde dem Mondänen begegnete. Er hatte etwas anzubieten, das gab es im Dutzend nicht billiger. Ein kompromissloser Kommunikationsstil sicherte ihm das Interesse jener gierigen Party-Society, die sich nach dem Krieg auf Rheinmain etabliert hatte.
Knast und Literatur – Für die Kombination war an erster Stelle Henry Jaeger zuständig. Jaeger war ein echter Bornheimer (Bernemer Bub) und Gangster mit eigener Bande gewesen, bevor er Großschriftsteller geworden war.

*

Wilhelm Genazino hatte bei „Pardon“ angefangen. Er lachte über die allgemein gewordene Forderung nach dem grandios die deutsche Vereinigung spiegelnden Roman. Genazino überraschte mit Entschiedenheit. Für seine Ansichten fand er kräftige Formulierungen, die defensives Gebaren kontrastierten. Am „öffentlichen Selbstdarstellungsgemetzel“ wollte er nicht teilnehmen.
Anders als ich. Zurückhaltung lag mir fern. Wir brachen einmal wieder auf, Hauke und ich, ich glaube, es war schon spät. Nun begann auch für Hauke der Arbeitstag branchentypisch nach zehn. Kein Mensch war vor zehn im Büro, wenn er in einem Verlag oder in einer Redaktion arbeitete. Im Journalismus gehörte Ausschlafen zur Berufstätigkeit, was hatte es mich schon genervt, wenn Hauke mit ihren fünf Jobs morgens um sechs angefangen hatte zu rumoren. Inzwischen arbeitete sie für Steffi als Ugly-Scout, das brachte viertausend im Monat. So viel hatte Hauke zuvor mit sämtlichen Job nicht verdient. Nicht mal die Hälfte hatte sie mit der ganzen Maloche von früh bis spät zusammengekratzt. – Und ich konnte ihr natürlich das Nachtleben nicht ersparen. Wir waren immer bis drei zugange, feiern war für mich auch Berufstätigkeit.
Allmählich ging Hauke Frankfurt auf, ich merkte manchmal schon Vorformen der Gerissenheit und der gemütlichen Gemeinheit.

5. März 2016

Hesenmeister

Kurzeck knatterte sein Oberhessisch mit dem Romrod-R

Peter Kurzeck hatte mehr Literaturpreise gewonnen als jeder andere. Inzwischen erfand man Preise für ihn. Unter seinem Schädeldach brannten die Reichsbahnhöfe noch. Der Krieg ging munter weiter in der Besenkammer seines Seins.
Ich traf Rumpelstilzchen, wie es sich die Hände rieb, in der HR-Kantine. Kurzeck war zum Abstauben bei Rosie Altenhofer von HR 2 Kultur im Haus. Er war ein Fall für Förderer. Er besaß das Talent in seiner Umgebung Großherzigkeit hervorzurufen. Einer, der in der Rolle des Hilfsbereiten nicht scheiterte, war Herbert Heckmann – Geburtsfrankfurter und Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Er trug einen Kolossalkopf auf dem breiten Hals des in die Jahre gekommenen und den Fleischtöpfen ergebenen Athleten. Heckmann hatte geboxt und gerudert. Er kam aus dem Kuhwald, einer Ecke vor Nied. Die Frisur war wie mit Absicht nie ganz in Ordnung, der Mann im Ganzen ein Beispiel für handfeste Lässigkeit. Ansehen genoss er als Freizeitfleischer. Er sprach eine Frankfurter Mundart, man konnte mit ihm gut über Wurst und Wein reden.
Heckmann gab S. Fischer den Vorzug. Da war was mit Suhrkamp über Kreuz. Geduldig wie ein Kaltblüter ließ sich Heckmann an unserem Tisch von armen Schreibleuten bequatschen, zu seinen Füßen lagerten Bücher in Säcken, Heckmann klapperte Antiquariate ab. Die Beute würde von Frankfurt bis nach Bad Vilbel getragen werden. Heckmanns Bibliothek bedrohte die Statik seines Hauses.
Wir waren leidenschaftliche Fußgänger, schon hatten Kurzeck und ich den Plan gefasst, Heckmann nach Vilbel zu begleiten. Wir malten uns die Route aus, jeder Umweg war uns recht. Es herrschte Vorfreude.
„Ihr Süßen habt es gut“, sagte Rosie Altenhofer.
Rosie sagte „ihr Süßen“, das müsst ihr mir schon glauben.
Der große, dicke Heckmann, der kleine, dünne Kurzeck und der allerdings athletische Texas Tuschick zogen nun los, um bei Eschersheim die Nidda zu gewinnen. Ich machte mir einen Sport daraus, die Bücherbeute zu schleppen.
Heckmann seichte seine Frankfurterisch, Kurzeck knatterte sein Oberhessisch mit dem Romrod-R, da waren lauter Verträgliche beisammen. Wie sie so gemeinsam zur Nidda hin ausschritten, lief ihnen Hauke über den Weg. Meine Freundin Hauke aus dem Land der Hauken. Einer ihrer fünf Jobs hatte sie ins Gebiet unserer Begegnung geführt. Sie jubelte, als man ihr eröffnete, welchen Willens und Weges wir waren.
„Da kümm' ich doch gleich mit“, rief Hauke zur Freude der Schriftstellerschar.
Leise fügte sie an: „Der Kurzeck hat ein Gesicht für Steffi wie gemalt.“

*

Steffi war formidabel im Geschäft. Wir führten Kurzeck zu ihrer Hinterhof-Agentur. Steffi war hellauf von Kurzecks verschrägter Flüchtlings- und Vertretervisage begeistert. Sie schickte den Assistenten Andi, damit er Willie herbei hole. Willie war nicht nur korpulentes Dessousmodell, sondern führte zudem die Kneipe gleichen Namens im Vorderhaus – „Zum Willie“.
Im „Willie“ betranken sich vor allem Engländer, die kurz vor Burnout standen. Sie waren einmal Wunderkinder gewesen und wollten immer noch bewundert werden.
Willie war von Kurzeck entzückt.
„Super, dass ihr den Steffi gebracht hat“, sagte Willie und fasste mich nach ihrer Gewohnheit scharf ins Auge. Sie war ein weiblicher Stecher mit durchgreifendem Jagdtrieb.
Ich brachte Haukes Verdienst an, Hauke hatte Kurzecks „Ugly“-Potential zuerst gesehen.
Steffi fragte Hauke unumwunden: „Willst du das nicht hauptberuflich machen und für mich Schrägis scouten?“
Haukes Blick bat mich um Rat.
Ich kniff ein Auge, ein Haukeauge kniff zurück. Das war Liebe.

29. Februar 2016

Hessenmeister

Ugly Casting

Steffis Spezialität war die Vermittlung schräger Gesichter und Figuren an Fotografen und Werbeagenturen. Gesucht wurden „humane Formate“, die nicht im Traum auf die Idee gekommen wären, sich optisch wertvoll zu finden.
„Wir sehen sie jeden Tag auf Straßen und im Fernseher. Nur hier sehe ich sie zu selten“, klagte Steffi.
Wir saßen vor der Agentur und genossen es, so prall am Leben zu sein.
Steffi nahm Maß, die Luft brannte.
Assistent Andi kam vor die Tür und sagte: „Puh.“
Steffi scheuchte ihn zurück, fast gleichgültig. Sie entschuldigte sich für den Trottel. Andi sei „zwanghaft unangemessen“.
Wir sahen die Schrägen jeden Tag, ohne daran zu denken, dass es in den Prozessen bis zur Publikationsreife einer Reklame immer einen Moment gab, in dem Berufskreative nach der waschmittelfesten B-Promimutti-Darstellerin oder einem schläfenschläfrigen Mann Mitte Vierzig riefen. Steffis Karteikartensammlung war eine unerschöpfliche Ressource des seltsam Normalen.
Steffi hatte zu internationalen Produktionen beigetragen. Sie beschrieb den Aufwand für einen Neunzigsekundenfilm, den jeder wegdrückte.
Hauke sagte: „Das ist doch Zuhälterei.“
Steffi war begeistert. Gleich morgen wollte sie sich zuhälterisch zurechtgemacht fotografieren lassen.
„Du hast einen tollen Blick“, sagte Steffi blasiert.
Sie rief Andi, er sollte Karteikarten herbeischaffen und aus Willies Gaststätte Getränke bringen. Inzwischen tranken die Bestien Caipirinha aus Bembeln.

Steffi kommentierte Karten: „Das ist die Anna. Die macht viel Wäsche.“
„Das ist die Bella. Die ist totfotografiert. Mit der geht gar nichts mehr.“
In Steffis Sachlichkeit turnte Schickeriasadismus. Im letzten Jahr des Jahrtausends standen fähige Despotinnen hoch im Kurs. Man konnte viel Geld verdienen, wenn man den Nerv hatte, Leute in Clubs auszupeitschen. Gutes Aussehen war Voraussetzung. Die Dompteure erwarteten ihre Kunden auf Decks.
Der Sommer Neunundneunzig war eine okkulte Großveranstaltung mit viel Sterndeuterei.

*

Wir waren über Nacht geblieben, Steffi hatte im Hinterhaus eine Wohnung. Nichts Spektakuläres. Nun beobachtete ich sie wieder im Dienst, während Hauke am Cityring den Süchtigen gefiel. Gegen neun erschien Schneewittchen. Es rauschte mit einem Schminkkoffer ins Bad. Viersprachig laut eigenen Angaben und einem ordentlichen Stand zugehörig, zeigte es eine verstörende Bereitschaft zur Kooperation mit der routiniert erniedrigenden Steffi. Den Ursprung der Verfügbarkeit, vermutete ich in einem Hoffnungsschlund, in den ich nicht gucken wollte. Der klickenden Kamera schenkte Schneewittchen das Lächeln der Verliebten, da Steffi es von ihr verlangte.
Willie kam verquollen vorbei, singende Engländer hatten sie die ganze Nacht auf Trab gehalten. Sie hätte die Kneipe einer Angestellten überlassen können, Schuld am Kater hatte ihre Vorliebe für singende Engländer.
Wir setzten uns zum zweiten Frühstück. Ein Ring Fleischwurst musste daran glauben. Die Frauen hatten viel zur Verfügung.
Eine Familie rückte an. Das Mädchen hatte sein Debüt in der Sparte Teil-Casting. Sie reüssierte mit einer Hand, die abgenagter Fingernägel wegen gebucht worden war.
Wie annoncierte man so was?
Ich fragte nicht. Im Teil-Casting lieferte Steffi neben kräftigen Unterarmen für das Titelbild eines Gewerkschaftsorgans vor allem Augen. Etwas „Selbstbewusst-Starkes“ in den Augen zu haben, konnte jemanden für einen Augen-Job qualifizieren.
Der Ernährer der Hand-Darstellerin erschien als vollbärtiger Jeansmann unter seiner Kappe. Seine Frau schob ihn auf den Schießplatz. Um Gestik gebeten, probierte er Steuerbewegungen. Nachdem die Familie gegangen war, analysierte Steffi: „Der taugt zum Angler, falls wir mal einen brauchen.“

*

Mit dem Ostpark hatte Gartenbaudirektor Karl Heicke den ersten echten Frankfurter Volkspark verwirklicht. Alle anderen Parks waren übernommener Privatbesitz.
Ich traf Hauke im Ostpark. Mädchen übten American Football. Taschen markierten Torräume.
Hier wollte ich alt werden als einer der grauen Männer, die bei jedem Wetter Bier am Wasserhäuschen tranken. Manchmal rollte ein Cadillac mit getönten Scheiben vor, man konnte sicher sein, dass der Fahrer allen bekannt war.
Wir stellten uns auf die Schwedlerbrücke und sahen hin zum Ostbahnhof. Auf der Südlichen Zufuhr klopfte Annette Gloser Teppiche. (Später mehr dazu.)
Wir durchmaßen den Riederwald und das Enkheimer Ried. So lebten wir miteinander, Hauke und ich, im Stundenlang des Einvernehmens. Manchmal traf ich Hauke im Bethmannpark. Schon im frühen 19. Jahrhundert, als der Anlagenring seine Gestalt empfing, dachte man über die Fortsetzung der Begrünung entlang des Mainufers nach. 1860 wurde „das Nizza“ angelegt.
Hauke war fremd in Frankfurt, ich konnte ihr die Stadt erzählen, ohne auf Widerspruch zu stoßen. Ich sah Genazino. Klar, dass er keine Bodenunebenheit oder kaputte Plastikgabel auslassen konnte. Alles würde Text werden.
Ich unterbrach meinen Vortrag und sagte zu Hauke:
„Guck mal, da ist der Genazino.“

19. Februar 2016

Hessenmeister

Mit Hauke auf dem Hauptfriedhof

Wäre das von zahllosen Motoren als Geräuschsumme erzeugte Rauschen in der Luft nicht gewesen, wir hätten uns an einer der verkehrsreichsten Frankfurter Ecken im Wald fühlen dürfen.
Ich erzählte meinen Tag, beschrieb das Drehortgeschehen so genau, bis ich keine Psychologie mehr zur Verfügung hatte. Das war eine Leidenschaft.
„Alle sehen sich im Wettbewerb. Die letzten Pfeifen halten sich für effektiv“, sagte ich.
Ich holte aus: „Bringer konkurrieren nicht.“
„Das glaube ich nicht“, widersprach Hauke. „Der Punkt ist, dass es für vieles ganz früh zu spät ist. Bestraft wird die Verspätung und vergütet wird Rechtzeitigkeit. Rechtzeitig gewusst zu haben, was man will und nicht erst mit vierzehn oder fünfzehn.“
So redete Hauke über sich. Sie gehörte zu jenen, die probierten. Gitarre, Extremferien, Atemtherapie – Hauke hatte zwei Jahre Yoga und ein halbes Jahr Karate gemacht und außerdem zwanzig Sachen angefangen. Das rächte sich.
Auf dem Friedhof lagen bedeutende Leute genauso tot in der Erde wie andere. Wir besuchten das Grab von Ricarda Huch, uns zuvor gekommen war Peter Härtling. Er klappte auf einem Stuhl vom Segeltuch. Die Arme stützten den Rumpf strebengeometrisch, die Hände hingen raumfordernd vor dem Leib in der Luft. Der schwäbische Liebling aller Buchhändlerinnen zog eine Versenkungsdemo ab.
Eine Frau in der Aufmachung privat musizierender Lehrerinnen, eine von Selbstzucht verbogene Schwärmerin, schlich sich zur Kontemplationsschau.
Ja, wir nahmen uns an die Hände in diesem Neunundneunziger Sommer. Der Sommer stand bullig in der Tür zum Herbst, es gab kein Durchkommen für den kleinen Dicken. So nannte Hauke den Herbst.
Sie spielte gern und lockte mich auf ihre Spuren.
Aus Monumenten sprach ein fantastischer Bürgerstolz.

*

Wir überflogen die Friedberger Landstraße und landeten in dem 1891 von der Stadt Frankfurt erworbenen Park der Günthers. Die Günthers waren vortreffliche Hessen gewesen. Das Geschlecht der Günthers fand im Nibelungenlied Erwähnung. Darin erinnerte die Nibelungenschänke. Im Günthersburgpark traf der deutsche Anwalt, die schrille Tochter an der Hand, seinen spanischen Gemüsehändler. Wir trafen Wilhelm Genazino, den alten Mannheimer, und folgten ihm zu seiner Wohnung an der Rohrbachstraße.
Ein Blechkäfer schmückte die Berührungslinie versetzt gestellter Beistelltische.
Die Wohnung war dunkel und wirkte wie ein Schrankflur, den keiner mag.
Hauke und Genazino redeten über Heimatgefühle. Heimatgefühle entstünden, wenn man sich freuen könne, in einem Geschäft, wo man gestern freundlich begrüßt wurde, heute noch erkannt zu werden.
Die Geschäfte und ihre jungen Inhaber wechselten rasch, während die Verbraucher im Nordend vergilbten. (Damals war das so.) Genazino erzählte von einem Raum in seiner Nähe, in dem von der chemischen Reinigung bis zum Gemüseladen schon alles Laden gewesen sei.

*

Ich springe in den Ostpark. Ich könnte Hauke bei Genazino lassen, sie könnte auch um die Ecke Alissa Walser oder Ulrike Kolb besuchen. Schriftstellerinnen hatten wir im Nordend wie Sand am Strand im Schuh. Nein, Hauke kommt mit. Der Ostpark wurde 1906 entworfen und bis 1911 mit großen Wiesen, einem Teich und Schulgarten gestaltet. Bodo Kirchhoff kreuzte unsere Bahn. Er zog einen zum Mantel passenden Koffer hinter sich her. Kirchhoff hatte seine Deutschstunde in meinem Leben gehabt, als er noch nicht der große Romancier auf den Klippen des Trivialen gewesen war, sondern ein Autor für Liebhaber von Egomanenprosa mit Bahnhofsviertel-Hautgout.
Kirchhoff litt unter einer unglücklichen Liebe zum eigenen Bart. Ich empfand ihn als Virtuosen. Vielleicht verwechselte er den Park mit einem Flughafen.
Ein Bettler sprach ihn an. Das war keiner von der Haste-ma-ne-Mark-Fraktion. Er agierte im Trenchcoat. Ihm fehlte Kleingeld für eine Fahrt nach Bad Homburg. Unter der Verkleidung als abgebrannter Verkehrsteilnehmer platzte die soziale Haut.
Kirchhoff ignorierte das Begehren, umging den Wegelagerer, ganz der Metropole, der jeden Abend, bevor er zu Bett geht, noch einmal aus den Fenstern nach den Pennern schaut. Nach ein paar Metern schlug ihn das Gewissen. Er wandte sich um und eilte auf den Bettler zu, der Kirchhoff abgeschrieben hatte und vor der unerwarteten Annäherung zurückwich – die Kläglichkeit in Abwehrhaltung. Kirchhoff manövrierte mit Koffer und Geldbeutel. Er schaffte es, ein Almosen loszuwerden. Der Beschenkte wollte etwas sagen, aber Kirchhoff wollte nichts hören. Er machte das klar mit einer Geste. Die Geste sagte: Keine Lügen. Erzähl mir bitte keine Lügen.
Diese Ästhetenangst vor der armseligen Fantasie beschränkter Schwindler, die im allgemeinen Kreislauf des Gebens und Nehmens einfach nur mitmischen wollen, ohne Erwägungen und Raffinesse.

*

Im Vorderhaus war ein Lokal für fünfunddreißigjährige Bringer. Verbrauchte Broker schrien ihren Siegeswillen heraus. Ihr Sport war Rugby. Manchen reichte es mit der Trainingstasche in die Kneipe zu kommen.
Für dauerhaft galten kurze Fristen. Wer zwölf Monate durchgehalten hatte, kriegte einen Traditionswimpel ins Fenster gestellt, das war Haukes fünfte Nebenbeschäftigung. Hauptberuflich war sie blonder Engel der Malteser, gab Methadon ab und nahm Urinproben an. Sie arbeitete in der Burg, schob den Dienst der Aufsicht über die Dinosaurier im Senckenberg Museum, half im Altenheim und verteilte die Traditionswimpel von Unsere Stadt soll schöner werden und Kauft im Kiez. Die Vereine gaben Rabattmarkenhefte aus, das war der letzte Schrei im verröchelnden Jahrtausend. Rabattmarken waren todschick. Der geilste Schnickschnack. Hauke stellte ihre Wimpel in unerzählbare Hipster-Schwemmen und Frisör-Stuben mit piefigem Pfiff. Sie platzierte Wimpel auf Umschlagplätzen für gebrauchte Tonträger. Ich war immer dabei, Hauke und ich klebten zusammen. Wir waren ein Paar, das keiner kapierte.

*

Im Hinterhof stand ein Bassin getarnt als Teich. Es gab das Klappstuhlensemble und den kaputten Grill und eine Begrünung, die im Herbst dramatisch rot zu werden versprach. Stefanie nahm den Wimpel von Hauke entgegen, sie gewährte uns ihre Gastfreundschaft. Vielleicht ging ihr Interesse an Hauke weiter als sie zuzugeben bereit gewesen wäre.
Steffi hatte sich auf schräge Sachen spezialisiert – Ugly Casting. Sie kam aus Bad Soden und war normal geblieben.
Steffi hakte nicht in die Luft, um etwas in Anführungszeichen zu setzen. Sie war privilegiert bis hin zur vornehmen Handschrift.
Im Vorderhaus war ein Lokal für die fünfunddreißigjährigen Bringer. Verbrauchte Broker schrien ihren Siegeswillen heraus. Ihr Sport war Rugby. Manchen reichte es mit der Trainingstasche in die Kneipe zu kommen.
In Steffis Studio stand ein Weltraumfahrrad. Die Studioleitungen lagen auf dem Putz. In Metallschränken verwahrte Steffi sechstausend Karteikarten. Sie rauchte am offenen Fenster eine exotische Marke. Die Zigarette roch nach Nelke. An der Pinnwand klemmten das Pilates-Flugblatt und die Thai-Speisekarte.
Das Geschäft mit dem Foto, das sogar dich reich und berühmt machen konnte, übte enorme Anziehungskraft nicht nur auf die Siebzehnjährige aus, die keinen Zweifel daran hatte, dass ihr Karriere-Glück in naher Zukunft wie in einem Überraschungsei steckte. Ein paar Gepiercte erwarteten den Kamerablitz stoisch im Vorraum.
Steffi nahm den Nachwuchs mit, ihr Hauptgeschäft war die Vermittlung von in Perückenbenutzung versierten Rentnerinnen mit Spaß an krauser Performance. Wichtig war Willie, Wirtin von Beruf und Darstellerin aus Passion. Typ Sägebrecht.
Willie galt als gut für schräg.
„Wollt ihr sie sehen?“ fragte Steffi. Sie würde die Gewissheiten ihrer Eltern vielleicht nie entbehren müssen.
Es gab Anfragen für leicht schräg und ein bisschen witzig.
Willie führte das Lokal im Vorderhaus, für den Traditionswimpel war sie zu lang im Geschäft. Sie kam aus der Küche, eine glühende Brumme.
„Auf eine Zigarette“, sagte Willie. „Dann muss ich wieder.“
Steffi zeigte mir die Kartei eines kahlen Profi-Pantomimen.
„Der geht und kommt gut“, sagte Steffi. „So wie Willie.“
Willie hisste halbe Ärmel über den Oberarmen, die durchhingen wie ältere Schenkel mitunter.
„Warum fragst du mich nichts?“ fragte Willie. „Ich meine, weshalb bist du sonst hier?“
„Wir haben den Traditionswimpel von Unsere Stadt soll schöner werden und von Kauft im Kiez vorbeigebracht und sind hängengeblieben.“
„Du willst nicht über mich schreiben?“
Viel gebucht wurde ein junggeselliger Fliesenleger mit Familienvaterausstrahlung. Steffi beschrieb ihn als begnadeten Gesichtsgymnastiker. Ein Naturtalent der Lebensfreude.
Willie warf mir einen bezwingenden Blick zu.
„Ich schätze, du bist okay. Ihr kommt, wenn ihr mit Steffi fertig seid, zu mir ins Lokal. Sagt der Bedienung Bescheid, dass ihr es seid.“
Hauke nahm eine Nelkenzigarette und verzog sich in die Idylle vor der Tür. Ein Assistent arbeitete die nächsten Topmodelle ab. Eine Karteikarte anzulegen, war leichter und ging schneller, als die Mädchen abzuwimmeln.
„Die verstehen das nicht. Dass es nicht um sie geht. Es wird nie um sie gehen, aber das verstehen sie auch nicht“, sagte Hauke. „Erst strolchen sie zum Casting, dann sitzen sie bei mir in der Methadon-Vergabe. Unsere Kinder lassen wir erst gar nicht vor die Tür.“
Ich freute mich über den Heiratsantrag.

12. Februar 2016

Hessenmeister

Feridun Zaimoglu verweigert dem Handkäs die letzte Ölung

Plaudernde Menschen im Hintergrund: das war die Aufgabe von fünfzehn Komparsen. Man hatte sie weggestellt, um den Wahnsinn und die Not ihres fehlgehenden Ehrgeizes nicht ertragen zu müssen.
Jede hielt sich für eine Schauspielerin. Die Lage im Verließ einer Kellerbar zersetzte mich auf Anhieb.
Ich hatte mich in das Zufallsensemble geschleust, um darüber zu schreiben. Die Komparsen gaben voreinander an. Ihre Angaben standen im abenteuerlichen Gegensatz zu der Nullreputation im TV-Produktionsgeschehen. Der Widerspruch zog Konfliktketten nach sich und sorgte für idiosynkratische Reaktionen. In Spezialtaschen mitgeführte Sachen wurden auf einem abgedeckten Billardtisch der Ansicht zur Verfügung gestellt.
Beiläufige Materialprüfungen. In Kennerschaft vorgeschobene Unterlippen. Stoffe zwischen Daumen und Zeigefinger.
Ich sah lauter schicke Waschweiber. Gesten der Empfindsamkeit ergaben ein Makeup der ebenso allgemeinen Aggressivität. Vor den Frauen lagen zehn Stunden Bedeutungslosigkeit. Dafür gab es hundert Mark.
Männer waren „lecker“.
Ich beobachtete mimisch verschleierte Feindseligkeit. Der Gesprächsfluss nahm sexuelle Frachten auf, eine Münchnerin brachte die „Besetzungscouch“ ins Spiel. Sie würde im Raum fehlen, könne jedoch vom Billardtisch ersetzt werden. Das klang wie eine Denunziation besser untergebrachter Darstellerinnen.
Die technische Einweisung lieferte eine Regie-Assistentin, die, von Arbeit wie gerupft, beinah schmutzig, vor den geleckten Komparsen um Hochmutsbegrenzung sich bemühte.
Die zarten Modelle musterten sie mit den Augen der Menschenfresserinnen.
Während der Dreharbeiten dürften wir nicht in die Kamera schauen. Wir sollten tonlose Redebeiträge liefern. Unser Warten nannte die Assistentin eine unvermeidliche stand-by-Situation.
Die Zeit der Komparsen ist billiger als jedes andere Modul einer Fernsehserienfolge. Ich glaube, das sagte die Assistentin auch.
Ab und zu jaulte ein Spielautomat auf.
Plötzliche Lautlosigkeit auf Anweisung, nach drei Stunden Geplapper. Es wurde gedreht, noch ohne uns. Manche hielten die Spannung nicht aus, begannen zu flüstern und zu kichern wie in der Schule. Die Szenen liefen von „Bitte“ bis „Danke – Aus.“
Nach vier Stunden in Ecken wurden wir aufs Set geschmissen, in eine Geschichte mit Mischgetränken aus Farbstoffen, Wasser und Lametta: für Männer, die nach Feierabend noch Krawatte tragen, und Frauen, die ihre Chefs aufregend finden. Männliche Komparsen mussten sich so setzen, dass die Kamera ihre Rücken, allenfalls das Profil zeigte, während die weiblichen Kollegen frontal zur Kamera platziert wurden. Gesichtsprostitution. Verlangt wurde, dass die Frauen ihre Gesichter hergaben zur Belebung einer Szene, in der ein richtiger Schauspieler (Jacques) eine auf Hure getrimmte Joanna zurückwies.
Meine Situationspartnerin war wie erschlagen von der Nähe zu Fernsehpersönlichkeiten. Sie konnte den Blick von Jacques und Joanna nicht abwenden, obwohl sie nur mich angucken sollte. Sie war Fotomodell (nicht Schauspielerin) und fest entschlossen, berühmt zu werden. Deshalb war sie schon in der SAT 1-B.Kerner-Schau zum Thema „Ich will ein Star sein“ gewesen.
Die Schauspieler machten ihren Job, ich konnte nicht sagen, ob gut oder schlecht, die Regie-Assistentin schmierte um den Regisseur herum. In seiner heiteren Macht- und Leibesfülle glich er einem zynischen Buddha. Die Assistentin kniete und kroch vor ihm, um dieses oder jenes in der Regiekladde zu notieren oder um an Kabeln zu zupfen.
In der Mittagspause wurden die Schauspieler vor den Komparsen in einem Restaurant nebenan versorgt. Bestimmt hatten sie eine Wahl, im Gegensatz zu uns. Ich freute mich über Nudeln in Pilzsoße. Meine Situationspartnerin verblüfft mit Appetit. Das superschlanke Modell hielt weder Diät noch trieb es Sport. Todernst erläuterte es seinen Karriereplan. Mir gegenüber saß die einzige Ältere. Ich schätzte sie auf Ende Zwanzig. Vielleicht war sie mal wer gewesen, zumindest kultivierte sie die Aura einer glorreichen Vergangenheit. Sie nannte, was sie tat, „semi-professionell“. Ihre Ansichten fußten auf Nüchternheit und waren von Melancholie überschattet.
Am Nachmittag zerfiel die strikte Trennung zwischen Komparsen und den wichtigen Menschen. Es kam zu einem Andachtsmoment, als Barbara Wussow zum ersten Mal auftrat. Meine Partnerin bewunderte Wussows Rokoko-Korkenzieherlocken hemmungslos. Sie hieß auch Barbara und hielt das für ein gutes Zeichen.
Hauke holte mich ab, sie musterte die Modelle, sie konnte stinkig werden. Angeblich hatte ich den Tag angenehm mit „geilen Bräuten“ verbracht, während sie gearbeitet hatte.
„Es war lähmend“, sagte ich.
„Augen auf bei der Berufswahl“, wiederholte Hauke einen alten Stalburg-Spruch. Sie kämpfte sich durch vier Jobs und war schon einmal vor Erschöpfung vom Fahrrad gefallen.
Wir stießen hart durch die Händelstraße auf die Nibelungenallee vor. Wir überquerten den Alleenring ohne Rücksicht auf Verluste und stürmten auf den Hauptfriedhof. Als „Friedhof vor den Toren“ war die Anlage 1828 nach Plänen von Sebastian Rinz geschaffen worden.

Hessenmeister

5. Februar 2016

Zaimoglu nimmt seinen The bei Frau von Holzhausen

„Unsere Wohnung ist wunderstill und allein. Es ist übrigens eine sehr närrische Wohnung. Der ganze Bezirk, in dem sie liegt, heißt Mohrengarten.“

Das schrieb 1830 ein Nachbar der Holzhausens. Er hieß Wilhelm von Humboldt und wurde gemeinsam mit seinem Gemeinschaftsgenossen Feridun von Zaimoglu von Frau Holzhausen „von Zeit zu Zeit zu einem Thee“ gebeten. Der Gatte der Gastgeberin, das überliefert Zaimoglu, „verachtet das bürgerliche Gewerbe und tut, als ginge es ihn nichts an.“

1030 ha Grünflächen entfielen in Frankfurt auf Parks. Die Liga, eine Splittergruppe der Nordend Kanakster Lauf- und Literaturgruppe, gab die Parole Kanakster sind Grün aus. Das war ein Aufbruch ins bürgerliche Lager, wirkte zuerst aber wie eine Veganisierung des Kanakstertums. Eine KG-AG betrieb dann die erste und einzige Kanak-A-Movement-Hausbesetzung. Auch sie scheiterte im Erfolg.

Der größte Park der Stadt lag an der Nidda, mit Spazierwegen über zwanzig Kilometer. Auf diesen Strecken entstand die Idee zu Kanakster studieren Germanisti, der Urform unserer NK-Lehrergruppe (NKL). Kontrovers besprochen wurde die Frage, ob es gegenüber unseren Kanakas unhöflich sei, „deutsche“ Freundinnen zu haben. Murat legte mir seine Ansichten dar, er begriff mich als Zaimoglu für den Hausgebrauch.

*

Am Oeder Weg stand einsam ein Portal. Soweit ragte der Holzhausenpark historisch ins Nordend.

Wir marschierten auf der Fürstenbergerstraße. Sie drängte mit der Hammanstraße in einen rechten Winkel. Da betraten wir den Holzhausenpark. Wir hatten die ursprüngliche Parkausdehnung auf Stichen uns angesehen. Auch Nihan war im Stadtarchiv „fündig“ geworden.

Fündig war ein Nihan-Wort. „Pfundig“ fand ich noch schlimmer.

Straßennamen bezeugten die Herrlichkeit einer Familie. Die Hammanstraße war nach Hamman von Holzhausen benannt, der 1503 das Anwesen in/auf der Oede erworben hatte. Parallel zur Hammanstraße verlief die Justinianstraße. Justinian hieß Hammans Sohn. Justinian heiratete Anna von Fürstenberg.

Es gab eine KA-Initiative zur Nutzung des Wasserschlösschens im Holzhausenpark. De la Fosse hatte sich da um 1728 als Architekt bewährt. Der war auch Ausländer in Frankfurt. Einige NK-Gruppen und KA-AGs nutzten das Schlösschen für Veranstaltungen. Anderen erschien die Kulisse zu bourgeois.

Das Selbstgefühl entschlossener Städter verströmte im Park. Die Leute verband eine Happy-End-Variante der alten Geschichte von Auflehnung und Anpassung. – Vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer. – Vom Anarchiegedöns zur Pensionsberechtigung.

*

Haukes Sachlichkeit trug Sommersprossen, ich war schon sehr verliebt. Hauke las zu ihrem Vergnügen und nicht, so wie die Kanakster, um sich aufzuladen und sich der Muskel-APO überlegen zu fühlen. Für uns waren Schriftsteller Mitarbeiter der Gegenwart. In Ingo Schramms „Fitchers Blau“ entdeckten wir eine vorgetäuschte Manie und eine Realitätssucht am Blindenstock der Moderne. Karl K. ist Schramms Mann fürs Grobe, ein kurzweiliger Kolonnen-Kuli und „Engerling im Arsch der Erde“. Der Ostberliner weiß: „Woraus getrunken wird und was trinkt, muss eines Tages zerbrechen.“

Neunundachtzig beschleunigte sein Absinken. Der letzte Sturz steht an. In der Regie des echten Zaimoglu folgten die Kanakster Karl durch ein Revier der Trinkgelegenheiten in Prenzlauer Berg. Gemeinsam trafen wir die sozialistische Soziologiestudentin Janni und Aynur, den Türken. So lasen wir, so eingehend und hingerissen.

„Wir werden Türken bleiben“, sagte Murat.

„So wie die Ossis auch“, antwortete Hauke gekonnt ungenau.

*

Der Sommer nahm kein Ende, ich schleuste mich als Komparse in eine Filmproduktion. Der Job war ein Angriff aufs Ego. Ich stieß zu einer Truppe, die bei Gelegenheit die Aufgabe plaudernde Menschen im Hintergrund erfüllen sollte. Das war erst einmal eine Versammlung von zehn Frauen und fünf Männern, die im Spielzimmer einer Kellerbar wie weggeschlossen ihren Einsatz erwarteten. Wer nicht Schauspielerin war oder werden wollte, war Modell. Die Komparsen verharrten in Duldungsstarre. Ihre Ambitionen schufen einen extremen Gegensatz zu ihrer Funktion. In den Hierarchien der TV-Welt waren sie die Letzten.

29. Januar 2016

Hessenmeister

Zaimoglu informiert Bill Gates

Der Tag begann mit SUB (Schwul, Unabhängig, Bunt), dem „ersten schwulen Frühstücksradio Frankfurts“. „Coming out als Hörspiel“ – Hauke brauchte Minderheiten, um frei atmen zu können. Das ging morgens los mit Radio X-Mix auf 107.5. Alle hörten HR3, Hauke hörte unabhängiges Stadtradio. Sie störte sich nicht an den herumlungernden Aufklärungsabsichten der Programmmacher, die auf dem Sprung ins Establishment waren und ihr Publikum mit „liebe Zielgruppe“ ansprachen.
Nach SUB kam Gameboy Günther und dann eine Stunde Mosern über die täglichen Glanzleistungen der Presse. Hauke hatte den Vormittag frei und wollte nach dem Frühstück noch mal mit mir ins Bett. Im Bett redeten wir über „Microsklaven“, den zweiten Roman von Douglas Coupland, und über die Earth Tones in „Generation X“. Den Eltern der Earth Tones war der amerikanische Traum zum Fetzen geraten. Ihre Deklassierung ertrugen sie in batikbunten Kostümen – schwul, unabhängig, bunt. Man konnte sich drehen und wenden wie nur was: bunt war überall.
Die Eltern verwandelten ihre Enttäuschungen in Weltanschauungstheater, das ihre Chancenlosigkeit wie eine Sichtblende kaschieren sollte.
In „Microsklaven“ spielen Armutssubkulturen keine Rolle. Es geht um Geeks, die für Bill Gates oder bei Nintendo arbeiten. Geeks träumen davon, mit ihren Rechnern sprechen zu können.
„Geek impliziert Geld“, schreibt Coupland. „Geeks vergleichen sich mit Rechnern. Sie beschreiben sich als „menschliche Festplatten“.
„Mir wurde klar, dass die Menschen voll mit Bazillen und Viren sind, genau wie ein extrem vollgestopfter Quadra. Wir sind alle zweibeinige Terrarien.“
„Was, wenn der Rechner doch sein eigenes Unbewusstes hat?“
Hauke wollte die Übung unterbrechen, das duldete ich nicht. Geeks orientieren sich an Comic- und TV-Helden. Sie überbieten sich im Spleen. Sie erfinden Marotten. Nur Schlaf und Spiele unterbrechen die Arbeit. Computerprogramme erscheinen den Twens forever als „die Architektur der Neunziger“. Ausländer erkennen sie auf Anhieb, weil die immer noch rauchen.
Dan ist ein e-mailsüchtiger Microsoft-Bug-Tester, ein Kind, das in die Jahre gekommen ist. Mit einem Vater bei IBM. Microsoft ist für Dan nicht ganz nur ein großer Bürobedarfshersteller. Der Kult um Bill macht den Unterschied.
Dan lebt mit den Kollegen zusammen.
„Das sollten wir auch tun“, verlangte Hauke. „Lass uns im Namen von Kanak-A-Movement ein Haus besetzen.“
In diesem Augenblick unterbrach Murats Erscheinen das Gespräch. Wir hatten ihn zwar erwartet, aber nicht damit gerechnet, dass er durchs Fenster einsteigen würde, während Hauke und ich uns im Bett mit Coupland beschäftigten. Die Idee, im Namen von Kanak-A-Movement ein Haus zu besetzen, fand Murat großartig. Vielleicht galt seine Begeisterung viel mehr Hauke.
„Möchtest du Kaffee?“ fragte Hauke.
„Bist du wahnsinnig?“ fragte Murat. Er kannte von Friede keine Verwöhnung. Wie alle Konvertiten übertrieb Friede. Ihr Aktionismus ging jedem echten Kanakster auf die Nerven.
Hauke befleißigte sich der Eile, dass Murat zu einem Kaffee kam.
„Du hast es gut mit Hauke“, sagte Murat.
Ungefragt hatte er sich auf die Bettkante gesetzt.
„Du steigst auch noch dahinter“, tröstete ich den jungen Aktivisten.

*

Wir setzten unseren Frankfurter Lern-Spaziergang fort in folgender Besetzung: Hauke, Zaimoglu, Murat und Friede. Ich verstehe mich von selbst als Chronist der Ereignisse, die unerhörten Höhepunkten entgegen strebten. Wir erreichten nun den Rothschildpark, der im frühen 19. Jahrhundert als Hinterland eines Palais angelegt worden war.
„So hat man damals gewohnt“, sagte Zaimoglu zu seiner kleinen Schar. Er lud dazu eine Geste aus, die sich mühelos mit den Zehen am Ohr kratzen konnte. Hauke und Friede fanden das empörend: Wie konnte eine Familie so viel Raum beanspruchen! Auch der Grüneburgpark war eine Rothschildgründung. Der Park geht auf ein Gut des 14. Jahrhunderts zurück.
Ich fand, dass Friede nach Verwesung ein wenig roch, die Rothschilds erwarben das Anwesen 1837. Er diente jetzt verschiedenen Gruppen und Interessen gleichermaßen.
Bedachte man, dass eine Sonnenbrille spielend mehr gekostet haben konnte als mein Fahrrad. Ach so, wir waren auf Rädern unterwegs. Plastikdeckel flogen uns um die Ohren. Eine kaum gezügelte Kopulationsbereitschaft des Parkmenschen machte Hunde biestig. Sie schnappten nach den Waden der Läufer. Für Frankfurt wurden unter Berücksichtigung der Friedhöfe über 15.000 ha Grünflächen ausgewiesen.
„Wisst ihr, was Alienation of Affection bedeutet?“ fragte Murat im Palmengarten, den vom Grüneburgpark nur eine Straße trennt, benannt nach einem Gestalter beider Anlagen, dem Landschaftsarchitekten Siesmayer.
Zaimoglu wusste es nicht, die Frauen reagierten erst gar nicht. Reiner Zufall, dass ich wusste, wovon Murat sprach. Mir war nicht klar, warum Murat das amerikanische Gesetz ins Gespräch brachte. Er sah aus wie ein Schauspieler, mit dem die DDR ihre Indianerrollen besetzte. Ich kramte in meinem Gedächtnis, ja, Murat erinnerte an den Häuptling aller Sachsen – Gojko Miti?.

22. Januar 2016

Hessenmeister

Zaimoglu begrüßt Johann Christian Senckenberg

Harkan passte seine Preise den Möglichkeiten der Kunden an. Mit einem Blick erfasste er Spielräume. Seit Jahr und Tag stand er mit seinem Gemüse vor der Zoo-Passage. Aus einem Schacht strömten die Verbraucher zur Auslage. Auch Straßenbahnen hielten förmlich davor. Harkan hatte den besten Platz der Stadt. Das war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Analyse. Harkan war Geburtsfrankfurter und Nordend Kanakster der ersten Stunde.
Es gab Leute, die bloß einen Apfel brauchten, den sie mit Kennermiene angelten, am Ärmel polierten, um wie in einem Spot die Zähne ins Fleisch zu schlagen. Andere hatten für Familien einzukaufen und schleppten Harkans 1-B-Gemüse tonnenweise weg.
Jede Lebensäußerung wurde gedeckt von echter und vorgetäuschter Gleichgültigkeit der Übrigen. Man ging einfach vorbei. An den Junkies im Windfang der Passage. An den vor Fremdheit und Zurückweisung Gestauchten. An in ihren Gehzelten Verborgenen.
Trinker beschützten ihre Gesichter. Das war im Ostend Alltag.
Hauke kam zu uns, sie arbeitete in der Methadon-Vergabestelle der Malteser, ihr letzter Chef war als Hochstapler aufgeflogen. Ein Junkie, der den Arzt gespielt hatte.

Zurzeit leitete Hauke die Einrichtung. Sie ignorierte ihre Kundschaft auf der Straße, sie betete den Herbst in einem Rollkragenpullover herbei.
An einer Hauptverkehrsstraße wähnte sich Harkan an der frischen Luft. Er nannte die frische Luft einen Vorzug seiner Arbeit. Nur an den kältesten Tagen verlor er seine Gemütlichkeit. Dann fing sich der Wind im Verschlag, die Eilenden im grauen Frost nahmen eine sich selbst umarmende Jammergestalt wahr.
Im ewigen Neunundneunziger Sommer verdunstete jeder Gedanke an Abkühlung. Wer es sich leisten konnte, quartierte sich in einem Hotel mit klimatisierter Lobby ein. Wir ließen Harkan stehen. Hauke begleitete Murat und mich, Süchtige grüßten den Engel der Malteser. Wie viele Drogenhelferinnen war auch Hauke ein halber Junkie. Der Underdog in ihr schlug ständig an. Hauke konnte sich nur gehen lassen, wenn keine Bürgerlichkeit im Spiel war. Sie verkehrte fast intim mit den lottrigsten Typen. Zwei Brüder umkreisten uns. Die Jungen lebten seit Jahren auf der Straße, sie hatten beide einen schweren Hau, überstanden sich aber gut im brüderlichen Schutz- und Trutzbund.
Diese Jungen würde keiner mehr auf eine gesellschaftliche Bahn kriegen, Hauke war für sie sowohl Mutterersatz als auch Objekt der Begierde. Die Drei verständigten sich in einem Kode.
„Kannst du sie nicht abschütteln?“
Hauke pfiff und die Jungen stoben davon.

*

Zaimoglu kam oft in die Burg ohne Namen, wo die Nordend Kanakster Sing- und Spielegruppe sich im alten Singsaal gegenseitig aus Romanen vorlas. Das brachte die jungen Leute weg von der Straße, das war zu loben und zu preisen. Zaimoglu und ich versahen Ehrenämter, da gabs keine Zuschüsse vom Land Hessen für unser Kanakster-für-Deutschland-Engagement.
Wir trafen Zaimoglu in dem kleinen Garten am Eschenheimer Turm. Die Anlage schien vom Verkehr wie in die Ecke gedrückt. Hier entstand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Stiftsgarten, als erster Botanischer Garten Frankfurts vom Stadtphysikus Johann Christian Senckenberg gegründet und später in die Siesmayerstraße verlegt.
Wie mit Gewalt schien die Bauwut vor den Wällen zum Stehen gebracht. Zaimoglu wusste, dass das Wallservitut die Bebauung beschränkte. Morgen erklärt Zaimoglu das Wallservitut. Es gilt bis heute.

17. Januar 2016

Hessenmeister

Zaimoglu trifft den Eismann

Gärten über Gärten! – Als Robert Schumann 1829 nach Frankfurt kam, hörte er am Main die Nachtigallen schlagen und der flatternde Flieder und die wogenden Akazien dufteten stark. Das entspricht dem Grundton vieler Beschreibungen durch die Jahrhunderte. Man fand Frankfurt reizvoll, reich an Promenaden und Terrassen. Von seiner geografischen Lage ebenso wie von einem milden Klima begünstigt, glänzte „der große Kanal, durch den alles Gold Europas fließt“, so Johann Kaspar Riesbeck 1780. Die enge Judengasse, blutige Fleisch-Schirne und der Morast Sachsenhausens verdorben den Eindruck nicht. Biederer Bürgersinn beobachtete darin ohnehin nur objektive Bedingungen städtischen Fortschritts.
„Biederer Bürgersinn!“
So sprach Friede, unsere Friede aus Friedberg. Eine überzeugte Zugfahrerin.
Im Jahr Neunundneunzig wollte sich der Sommer nicht schmal machen für den Herbst. Die Hitze trieb die Frankfurter in die Gärten. Wir lasen „Das Zimmer der Signora“ von Hansjörg Schertenleib, sechs Ungerührte, die sich gegenseitig Wasser einschenkten. Vor den Toren der Burg bogen sich der Schenken Bänke unter der Last des Bürgers in seiner Mehrzahl. Wir blieben lieber für uns im Singsaal, Stefano heißt Schertenleibs Held in der „Signora“. Der Tod des Vaters zwingt den Ich-Erzähler zu einer Reise. In Cremona läßt er sich von einer dominanten Gefährtin seiner Jugend zur Brust nehmen.
„Auf dem Nachtischchen lag die Bibel. Der Teppich war dunkelgrau. Ich konnte Carla auch im Dunkeln zusehen.“
So wird das Thema umrissen: Tod & Sex bei aufgeklappter Sadomaso-Kiste plus etwas Blasphemie.
„Stefanos Unglück ist seine Nachlässigkeit“, sagte Friede. Sie spielte sich immer mehr in den Vordergrund und förderte bei anderen ein Unbehagen, das Hala oder Murat und selbst Nihan nicht herzustellen vermochten. Eine unausgesprochene Frage lautete: Was will „diese Deutsche“ bei „uns“.
Die Nachlässigkeit führt dazu, dass Stefano eingezogen wird. Den Dienst leistet er ab in einem von greisengeilen Inkontinenzfällen und alzheimernden Duce-Verehrern bevölkerten Veteranenheim. Die Huster und Spucker erinnern entfernt an ein mit der Fettschürze beschwertes Beckettsches Personal.
Wir hatten Schertenleib dazwischen geschoben, zu viele Kanakster waren im Urlaub. Die Nordend Kanakster Sing- und Spielgruppe war von Sang- und Klanglosigkeit bedroht.
Wäre da nicht Friede gewesen. Die Unentwegte. Murat dackelte vor ihr, selbst das schien Friede nicht zu stören. Der halbierte Restder Gruppe bestand aus Murat, Friede und mir. Wir lobten einen Abend in der Havanna Bar. Da war Karibik am Main. Aschenbecher leisteten einen berechneten Beitrag zum Gesamtbild. Die Wirte ließen sich poetisch zur Ader, Ceri Kavaklar und Radu Rosetti, bekennende Offenbacher beide, sagten: „Für die Farben der Karibik braucht man ihre Sonne.“
Kavaklar und Rosetti machten die Sonne klar. Im Sommer Neunundneunzig schien sie auch nachts. Der Himmel über Frankfurt kehrte im Blau des Kneipenhimmels ein.
Kanakster tranken Castro Cooler, Friede gab sich einer Sache hin, die von Amaretto und Apfelsaft süß war wie ein Gestank.

*

Man sagt, das alte Frankfurt sei 1944 in drei Tagen untergegangen. Die Stadt habe sich bis zur Unkenntlichkeit des Ursprünglichen gewandelt. Ich vergab die Aufgabe, Plätze zu finden, die Vorkriegsschilderungen illustrierten. Murat und ich bereisten die Wallanlagen, das war ein fünfzig bis hundertfünfzig Meter breites mit Bäumen und Denkmälern bestandenes Band. Den Stadtkern schloss das Band auf einer Länge von 5.3 Kilometer ein. Zur Begrünung mit Linden und Nussbäumen war man ab 1765 übergegangen, nachdem die Evolution der Waffentechnik den Wällen ihre militärische Funktion genommen hatte. Darum drehte sich das Gespräch so wie um Douglas Coupland. Ich förderte ausschwärmendes Denken, ich verlangte, dass jeder Kanakster drei, vier Bälle in der Luft halten konnte. „Microsklaven“, Couplands zweites Buch, stand auf der Leseliste der Nordend Kanakster Lauf- und Literaturgruppe, am 17. Sept. war die Besprechung des Titels in großer Runde fällig. Nihan war der Vortrag versprochen, zu uns gehörte es, dass sich einer immer genauso gut wie der Vortragende vorbereitete. Earth Tones heißen jugendliche Vegetarier (Kiffer, Vinyl-Fanatiker) in Couplands ersten Bestseller „Generation X“.
„Wie heißen die Kiffer in Generation X?“ fragte ich Murat vor einem Eiswagen. Der Checker sah aus wie Ice-Raymond in „Ghost Dog“.
„Earth Tones“, antwortete Murat. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Bollwerke geschliffen und das Gelände (die „Spaziergänge“) in Parzellen abgegeben: mit der Auflage vom Besitz etwas öffentlichem Zugang zu überlassen. Wir beobachteten Transaktionen. Süchtige füllten die Drogenlücke auf, die das Methadon riss, das Hauke* in ihrem vierten Nebenjob als Ordensschwester der Malteser direkt am Alleenring abgab.

*Eine Geliebte und norddeutsche Sächsin aus dem Land der Hauken ursprünglich, hauptsächlich beschäftigt in der sagenhaften Burg ohne Namen.

6. Januar 2016

Hessenmeister

Texas im Gespräch mit Doktor Schiwago und Professor Grzimek

Im Affenhaus herrschte Ruhe. Ein Mantelpavian lag prächtig vor dem Gitter. Hinter ihm hielten sich zwei Desolate. Die Nordend Kanakster Lauf- und Literaturgruppe im Zoo – Friede (Murats neue Freundin) hielt die Einführung, zwischen Murat und Hala glühte etwas nach. Die beiden hatten ihre Zeit gehabt. Sie hatten sich geprägt, für sie würde die NKLuLg einmal das sein, was für mich Holgers Rasenkraftsportgruppe und Meister Tung gewesen waren. Quellen der Kraft. Lebensstilentscheidungshilfen. Andere gingen nachmittags ins Café und zogen nachts von Bar zu Bar, unsere NKLuLgler lernten und liefen. Die Geschichte des Frankfurter Zoos mochte einen jungen Menschen dahin führen, über Völkerschauen zu forschen. So jemand war dann für die Straße verloren, er hatte ein vernünftiges Ziel und Kanak-A-Movement wieder einen Aktivisten mehr in Academia. In einer Käfigecke summte ein Männchen, dessen Putz an eine geglättete Einfach-Ausführung der Löwenmähne denken ließ, mit einer, die ihre Stirn auf seiner Brust entspannte. Plötzlich schoss ein Winzling aus der Trutzburg dieser Umarmung.

Diese Art der Tierhaltung würde bald strafbar – und mit Massentierhaltung in Legebatterien in einen Zusammenhang gebracht werden. Nachkommende würden fragen: Was habt ihr gewusst?

Der Winzling wirkte kahl, trotz vollständiger Behaarung. Er bot dem Kindchenschema ein Beispiel.

Wie ein Sinnbild der Trauer: ein ruhender Siamang.

Vier aus den Baumkronen eines Regenwaldes gefallene Geoffroys Klammeraffen bildeten ein Knäuel. Ihre Augen waren blitzblau. Die Köpfe steckten zwischen den Knien. Die Schwänze rahmten die Füße.

Mäuse sausten über Futterinseln. Ein Geoffroy hob das Haupt. Sein Interesse erlosch augenblicklich. Ein Solist beanspruchte den höchsten Punkt des Klettergerüsts. Um da zu dösen.

Wie ein verkleideter Mensch erschien ein kleiner Gorilla. Einer Bekannten tappte er ins Gesicht. Er setzte sich und kaute Pappe. Er zog mit den Zähnen Rinde von einem Ast.

„Sieht aus, als würde er Querflöte spielen“, sagte Friede.

Unsere Kanakster waren still vor Erstaunen über das solide Familienleben der Gefangenen. Indem jeder für sich seine Vergleiche zog, wurde jeder der eigenen Gebundenheit gewahr. Was würde aus den jungen Leuten werden? Sie durften nicht ewig an meinen Rockschößen hängen.

Es schien nur noch Eingeschlossene zu geben. Von der Gruppe separiert, ruhte ein Silberrücken. Friede verglich seine Handflächen mit Lackbeuteln. Manchmal hob er ein Lid, so langsam, als sei das im Prinzip schon zu viel, und maß die Kanakster mit einem Ausdruck ganz und gar menschlicher Verständnislosigkeit. (Friede sagte das so.)

Ein hagerer Orang-Utan führte die Hand an den Nacken und zauste sich ein wenig.

Friede: „Bestimmt könnte ich mit ihm leichter Freund sein als mit den meisten Menschen.“

Murat suchte Anschluss, Friede ließ ihn abfahren. Ihr gefiel die herausgehobene Rolle der empfindungsstarken Gruppensprecherin (mit einer ethnischen Differenz zu unserer Mehrheit). Vor dem Affenhaus standen Kraniche im Gras. Die Natur als Seidenmalerin. Grau war die Luft, grün die Wiese und überirdisch die lebenden Fossilien, wie sie da stelzten.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 06.1.2016