Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick hat aufgeräumt. Seine Protokolle und Erinnerungen aus aller Welt und aus jeder Zeit haben sich zu einer unordentlichen Szenen-Folge mit dem Titel »Hessenmeister« zusammengefunden, die schräg und witzig ins Textland auf Faust-Kultur fließt.

Textland von Jamal Tuschick

Hessenmeister

18. Mai 2016

Hessenmeister

Im Vergleich mit der Feenhölle Hessen war die Reise ins Herz der Finsternis ein Spaziergang am Kongo

Vom Redakteur auf einen überfälligen Artikel angesprochen, antwortete Joseph Roth: „Bei der Frankfurter Zeitung schreibt man nicht für den Leser, sondern für die Nachwelt.“
In den Pariser Scheunenvierteln zaristischer Emigranten bemerkte Roth „den Duft der Armut“.
„Je länger die Emigration dauert, desto näher kommen ihre Protagonisten den Klischees. Der Großfürst als Chauffeur eines Taxis steuert unmittelbar in die Literatur.“
Im Galopp der Begabungen löste Friedrich Sieburg Roth auf dem französischen Posten ab. Ich kam in ein Hotel, Raoul Schrott saß mit H.C. Artmann an der Bar. Artmann sollte am folgenden Tag den Büchner Preis kriegen, er fiel sich schwer.
Wenn schon H.C., dann Artmann.
Artmann sah aus wie Pound. Damals wollte ich noch glauben, dass solche Koinzidenz kein Zufall hinbog.
Schrotts Urwüchsigkeit ließ ihn wie Artmanns Knappen erscheinen. Zu seinem Tiroler Erbe gehörte eine Bergweltstatur. Der Mann war ein Berg hinter zwanglosem Gebaren. Obwohl er zum Debattenfürst taugte, gab sich Schrott lieber korporativ – eine Zöglingseigenschaft. Dass Schrott sich klar war, zeigt eine Zeile in Finis Terrae:
„Man antwortete, wenn man gefragt wurde, und hatte den anderen zu beweisen, daß man dasselbe unter Kameradschaft verstand wie sie.“
Schrott hatte eine umständliche Diktion. Für ihn war Artmann „bis heute der einzige Dichter geblieben, den ich ohne lange nachzudenken so apostrophieren würde“.
Sie waren sich in einer Wiener Bahnhofsgaststätte zum ersten Mal begegnet. Schrott erzählt das im Nachspann. Zuvor hatte er sich in der Erzählung beinah den Hals gebrochen.
„Ich sprach Artmann an. Ich mußte wohl etwas bleich ausgesehen haben, dem Tod von der Schippe gesprungen: jedenfalls schrieb er mir ein Vorwort.“
Schrott kannte den Indischen Ozean, den Pazifik und die China-See. Couchgruppen unterhielten sich. Sie achteten nicht auf die Autoren.

Schrott war überall gewesen. Allein seine Hochschullaufbahn hatte ihn von Innsbruck nach Norwich, Paris, Berlin und Neapel geführt. Er erinnerte mich an Wissenschaftsabenteurer des 19. Jahrhunderts. Er war polyglott bis ins Unwahrscheinliche. Segler und Wüstenwanderer. Von der Warte dreihundert Meter hoher Dünen hatte er den Spielraum der Sprache gemessen, um zu finden, dass im Sand kein Wort mehr traf.
„Die Erde (ist) ein Punkt, kaum größer als ein Korn im Universum, er malte es mit der Gabel auf das Tischtuch.“ Finis Terrae
Mit dreiunddreißig hatte Schrott zwanzig Titel zusammengeschrieben, seine Frau war im Hotel. Zwar schlug die Literaturmode von 1997 mit ihren lateinischen Überschriften und historisierenden Einschlägen auf die Produktion durch, doch ging Schrott weiter als die Kollegen.
Ich sah ihn starr vor Staunen an.
Die Vorhänge waren wie die Lampenschirme so orange: eine Farbfloskel, die sich oft mit schmiedeeisernem Stuss paarte. Schrott hatte gerade die Erfindung der Poesie veröffentlicht – Gedichte aus viertausend Jahren. Auswahl, Übersetzung, Kommentierung: Schrott. Was für ein Durchmarsch.
„Kein gelungenes Gedicht spricht von sich oder seinem Ich“, verrät die Erfindung. Da ist ein Watt aus Wörtern und Spurrillen in Zeiten als Götter noch selbst dichteten und menschliches Dasein sakral sich vollzog. Der Himmel, ein Dom über Ur.
„Die Sprache arbeitet den Kategorien der Logik entgegen.
Die Klarheit der Buchstaben bleibt eine scheinbare.
Die Silben können nicht die Grundelemente einer Grammatik der Welt sein.“
Ich füge ein, dass ich ausgerechnet bei den Grimmbrüdern einen Vorbehalt gegen Buchstaben fand. Buchstaben als Angriff auf das Gedächtnis/ Buchstaben als Profanisierungsmedium.
„Schreiben“, schreibt Schrott, „ist ein nüchterner Rausch, eine Anspannung, die etwas mit Glück zu tun hat.“
Sie hatten Hörner auf dem Kopf – Antilopenhörner, glaube ich.
Schrott war auf einem Schiff zur Welt gekommen. In österreichischen Handelsangelegenheiten hatte der Vater die Familie von São Paulo nach Tunis gescheucht. „Bücher im Haus“ waren das Beständige im Dasein der Wohlstandsvagabunden.

*

Coogan kantete eine Schädelkalotte mit der Hand auf, seine Studentinnen besahen die Dura, unwahrscheinlich, dass sie glauben konnten, Gefäße für etwas so Hässliches zu sein. Es führte in ihren Vorstellungen gewiss kein Weg vom grauen Gewebe zu Eudaimonia. Coogan verlangte von Colette (Peignot) eine Trennung des Klumpens von seinen Verbindungen.
Colette hob den Flutsch aus der Schale. Sie weigerte sich, den Flutsch Gehirn zu nennen. Das war doch lächerlich und noch unerfreulicher als einige Emanationen des Stoffwechsels.
„Als ginge man beim Abdecker in die Lehre“, wisperte Steffi von Salzmannshausen.
Colette rettete sich zu stiller Heiterkeit. Coogan rief das Faktotum, Quasimodo trieb die Studentinnen mit seiner bloßen Erscheinung zu den letzten Bänken. Coogan scheuchte Quasimodo mit Flutsch und Glutsch zur Hörsaaltür hinaus, er bat Hauke, die Fenster zu öffnen. Die Vögel sangen von ihrem Entzücken. Sie saßen Spalier auf der Fensterbank. Gute getarnte Spanner.
Colette genoss die besondere Aufmerksamkeit des Professors. Coogan führte sie zu ihrem Platz, die Vögel lachten sich einen Ast. Colette übertrieb ihre Schwäche.
„Die stimuliert nur“, petzte Steffi.
Coogan ließ ihr die phonetische Ungenauigkeit durchgehen. Er wusste, was von ihm erwartet wurde. Coogan versprach ein gutes halbes Stündchen Religionsgeschichte.
„Wer hat schon einmal von einer Anstalt gehört, die den in Einsamkeit wahnsinnig gewordenen Eremiten zur Frühzeit des Christentums vorbehalten war?“
Auf solche Stories standen die Studentinnen. Bloß nichts mit Anspruch. Barbara von Fallersleben gab die richtige Antwort. Der alte Theodosius hatte im 6. Jh. vor Bethlehem ein Kloster aufgezogen, in dem verknatterte Solisten zu einem Ensemble zusammengefasst wurden.

Am Nachmittag kamen Raoul Schrott und Feridun Zaimoglu von Sidi Bou Saïd herüber geritten, die Studentinnen erhoben sich zu einem Chor der Freude.
„Denken wir an Agatha“, sagte Zaimoglu. „Die Jungfrau widerstand dem Begehren eines Mächtigen, so dass man sie bei lebendigem Leib zerschneiden musste. Die Brüste, „klein und noch gar nicht voll ausgereift“, wurden dem Mädchen vor die Füße geworfen. Es äußerte milden Tadel:
„Errötest du nicht, den Teil eines Menschen zu zerreißen, der dir an deiner Mutter einmal Nahrung gegeben hat?““*
*Die Zitate stammen aus Albert Sellners „Immerwährenden Heiligenkalender“

„Oder Doris“, ergänzte Schrott. „Unserer lieben Doris, Schutzheilige der Brauer, war als Bräutigam nur der Erlöser recht. Wegen eines abgewiesenen Freiers musste sie zu siedendem Öl in einen Bottich – sie überstand die Prozedur ohne Schaden.
„Was also“, fragte Coogan die Studentinnen, „macht heilig?“
„Standhaftigkeit vor allen Anfechtungen“, antwortete Heidi (Edith) von Schauenburg-Lippspringe.
„Zudem eine Leidensfähigkeit, die von bodenloser Verachtung des Körpers rührt“, ergänzte Hauke von Dänemark und Holstein.
Von Zaimoglu wussten die Studentinnen schon alles, Schrott kannten sie noch nicht so gut. Sie baten ihn, von sich zu sprechen, einen größeren Gefallen könne er ihnen nicht tun.
„Wissen ist Lust“, verkündete Schrott. Ihn unterhielt eine Kristallstruktur, die in drei Dimensionen symmetrisch war genauso wie ein Tonzylinder, der Informationen aus undenkbarer Vergangenheit hieroglyphisch auf uns brachte.
Schrott hob eine Seite seiner philologischen Neigungen an. Er sprach von Erregung aus Sprache, die Studentinnen erröteten unter den Schleiern. Erotik hatte ihr ganzes Interesse. Nur wenn es darum ging, waren sie nicht faul und oberflächlich und ständig am Telefonieren oder Instagramen.
Das war die Zierde Hessens, versprochen unseren Besten als Bräute.
Zaimoglu seufzte. Coogan schüttelte bedenklich den Kopf. Er hatte die Germanistik (gemeinsam mit den Brüdern Grimm) erfunden in Sorge um den weiblichen Nachwuchs. Man konnte den schließlich nicht Kriegswissenschaften studieren lassen, Penthesilea hin oder her.
Schrott sprach von sich in der 3. Person: „Für den Heranwachsenden hieß zu sprechen immer wieder Fremdes sich aneignen. In Afrika hauten Buben ihm die Hucke voll. Er dichtete schon, als er aus dem Maghreb nach Landeck geriet. Dialekt half, sich in Vielsprachigkeit nicht zu verirren.
In Schwalbenform segelten die ersten Botschaften aus den letzten Reihen.
Haste heute Abend schon was vor? Ich warte bis sieben am alten Haupttor. Weeste, wo das alte Haupttor is? Gruß Prinzessin Conny v. Hessen-Nassau
Schrott wog die Beziehungen zwischen Hochsprache und Kopfhaltung. Die weltweit einzigartige Großschreibung der Deutschen rückte er neben jüdische Mystik.
„Großschreibung als verborgenes Akrostichon oder Anagramm einer verschlüsselten Nachricht Gottes.“
Mit vierzehn brannte Schrott durch. In Griechenland fand er das Licht seiner Kindheit.
„Ich saß jeden Abend in einer Bar auf einer venezianischen Festungsmauer, rauchte, ohne zu inhalieren, und trank Gin in großen Schlucken.“
Paris erreichte er mit einem Käse als Mundvorrat. Er strich an den Huren vorbei. Auf der Suche nach Stellen, wo Rimbaud den Rinnstein geküsst hatte, richtete er sich, ganz Navigator auf dem Eismeer der Kunst, nach den Sternen.
„Die hybriden Tauben auf den Masten von Paris“ wird er später bemerken, als Hilfsbuchhändler bei Shakespeare & Company, „heruntergekommen zum Touristenbums“, und als Sekretär des greisen, von Michael Jackson amüsierten Surrealisten Soupault.
Die Pilger hatten das Feuer mit ihren Winchester-Flinten eröffnet und streuten Blei ins Dickicht.

Joe Conrad verirrte sich in den Werra-Sümpfen. Er floh vor Waldmenschen, entlaufenen Sklaven, verwilderten Hunden und Bären. An der Grenze zu Niedersachsen wäre er beinah umgekommen. Sein Fazit: Im Vergleich mit der Feenhölle Hessen war die Reise ins Herz der Finsternis ein Spaziergang am Kongo.

Der fünfzehnjährige Roaul Schrott referiert Camus` Mythos von Sisyphos. Englisch ist die Sprache seiner Jugendprosa. Er spielt konzertreif Gitarre. Täuschte ich mich? Mir schien, als brächte so viel Tugend Coogans hochgeborenen Studentinnen nicht ins Träumen, sondern zum Gähnen. Die Mädchen dösten wohl hinter ihren Schleiern. Es wäre Hessen kein Schaden entstanden, hätten wir sie alle (einschließlich der Prinzessinnen) nach Kairo verkauft.
Sie sollten ja auch nur mit einem Anstrich in die Ehe geschickt werden, Bildung zierte nach der Mode, immer wieder lud Coogan Gelehrte ein. Im Jetzt dieser kleinen Erzählung sprach Roaul Schrott zu den Studentinnen. Er sah aus wie ein Pferdeknecht, der es zum Reitlehrer gebracht hatte.

Was weiß das Holz einer Geige. Auf der Heimfahrt saß ich mit Schrott und Joe (Conrad) in der Kutsche. Längst hatte sich die Landschaft im Nebel davongemacht. Wir hörten den Hund von Baskerville seine Memoiren heulen. Seit einiger Zeit gingen wieder Vampire um. Es gab auch Wiedergänger von Sklaven. Ich erinnere an Kapitän Müller, der sich einen Schock Unglücklicher von der Elfenbeinküste zu seinem Plaisir in den Finsterwald mitgebracht hatte und nun nicht allein von Heimsuchungen bedroht wurde. Die schwarzen Gespenster bewegten sich auf dem Territorium chattischer (kattischer) Hochländer – Häuptlinge, die wieder- und wieder kamen als Garanten hessischer Tapferkeit und Freiheit. So unsterblich wie unschlagbar. In Sarajevo verhalf das Fernsehen der Gestaltungskraft von Granaten zu international durchschlagender Wirkung. Die Stadt wurde mit Waffen skulpturiert, während Baudrillard Amerika als „erfüllte Utopie“ beschrieb und der hessische Kurfürst Friedrich Wilhelm I. eine Ehe zur linken Hand mit Gertrude geb. Lehmann, erhoben zur Fürstin von Hanau und Gräfin von Schaumburg, im zwanzigsten Jahr führte. Aus dieser Verbindung waren neun Kinder hervorgegangen. Ein wegen der morganatischen Ehe seiner Eltern nicht nachfolgefähiger Wilhelm hatte als Unterleutnant im Leibgarde-Regiment eine Tochter mit unserer Edith (Heidi) vollbracht, ich hebe nicht hervor, dass Edith dabei ledig blieb. Das doppelt illegitime Geschöpf von Willis Samen hatte nichts zu erwarten als den sauren Atem barmherziger Schwestern.

Auch Edith durfte nicht mehr hoffen. Wer sie nicht schnitt, dem warf sie sich an den Hals. Ich sah die ganze Person schwinden, die Tage wurden auch immer kürzer. Weihnachten rückte auf. In Zwehren, wo wir bei der Witwe Voss und einer Schwadron Töchter untergekommen waren, gab es seit dem Texanischen Unabhängigkeitskrieg (1835/36) die Motel Bar.

10. Mai 2016

Hessenmeister

Kölner Leichenschleim

Janet Flanner folgte alliierten Truppen im Auftrag des New Yorker. Im März Fünfundvierzig erreichte sie Köln. Flanner berichtete: (Die Stadt) „ist in die Luft gesprengt worden. Im Schutt und in der Einsamkeit völliger physischer Zerstörung lehnt Köln, bar jeder Gestalt und schmucklos, an seinem Ufer. … Die meisten Kölner haben nicht viel zu erzählen.“
Einer dafür um sie mehr. Heinrich Böll lieferte Flanners Bestandsaufnahmen Innenansichten:
„Aus dem Keller kam ihm schwüle, säuerliche Luft entgegen; er ging langsam die schleimigen Stufen hinunter und tastete sich in ein gelbliches Dunkel hinein. Von irgendwoher tropfte es; die Flüssigkeit vermengte sich mit Staub und Schutt.“
Aus „Der Engel schwieg“
Böll wusste, dass er Redakteuren mit Leichenschleim nicht kommen durfte. Der Scheu vor harten Stoffen trug er vorauseilend Rechnung. In seinen Zeitungsgeschichten verbreitete er eine biedere, von Euphemismen und Redundanz aufgetriebene Sprache:
„Auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen, muß ich hier eine Tatsache erwähnen, zu deren Verteidigung ich nur sagen kann, daß sie wirklich eine ist. In den Jahren 1939 bis 1945 hatten wir Krieg.“
Aus „Nicht nur zur Weihnachtszeit“

Bölls Post der frühen Jahre umkreist Beschaffungsprobleme und die Chancen der literarischen Mehrfachverwertung. Böll setzt dem Kolossal des Wiederaufbaus unbeabsichtigt ein günstiges Denkmal. Die ersten Mitteilungen an Freund Kunz, Ernst Adolf, sind Verständigungen in Landsermanier. Das Essen ist „beschissen“, Böll schwebt eine brüderliche „Tabakgemeinschaft“ vor.
Aus Herbert Hoven (Hg.): „Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier“, Kiepenheuer & Witsch 1994

Böll ist Hilfsarbeiter in der Tischlerei seines Bruders, 1945 verliert er einen Sohn im Säuglingsalter. Kunz kondoliert und stellt weiter fest, dass er jeden Preis für Tabak zu zahlen bereit sei, „ehe ich mir einen Tag verbiestere“.
„Das Leben ist fürchterlich, ich kann es gar nicht begreifen.“ H.B.

Großfamilie Böll übernimmt eine Ruine, Heinrich kommt mit Frau und zwei Kindern in zwei Räumen unter. Die Tagesordnung wird vom Mangel diktiert. Die Lage ist immer beinah unhaltbar. Böll schreibt, um zu überleben. Der Markt erzwingt Geschmeidigkeit; Böll knüpft vor allem kommerzielle Erwartungen an seine Produktion. Daneben entsteht Prosa, die seinen Ruhm vorbereitet.
Böll ist kein Künstler in der Klause. Er trommelt und trompetet für seine Sache.
„Im Grunde ist doch jede Kunst irgendwie Gebet.“
Böll beweist Sendungsbewusstsein und Familiensinn. Ihn trägt die Überzeugung, dass „die Leute auf mich warten“.

Als kurz vor Deutschermark Honorare noch in der alten Währung beglichen werden, schreibt Böll: „Mich enttäuscht diese Haltung kaum, da ich die abgründige Verworfenheit der Literaturhändler zu Genüge kenne.“

Zunehmende Resonanz stachelt Bölls Geschäftssinn. Im Jahr der ersten Einzelpublikation (1949, „Der Zug war pünktlich“) verhandelt Böll mit mehreren Verlagen und Redaktionen. Er will die Marie, er glaubt an den materiellen Wert seiner Sache. (Während Benn kein Mark aus seiner Kunst schlägt.)

Böll trumpft auf, er nimmt den Debütantenstil von Generationen vorweg:
„Die ganze Literatur hängt mir kilometerweise zum Hals heraus und was ich wirklich möchte ist: spazierengehen. Ich scheiß auf alles.“
Das notiert Böll, nachdem er Himmel & Hölle in Bewegung gesetzt hat, um überhaupt veröffentlichen zu können.

Selbst schwanger vom Künstlerwahn, zwingt Künstlerpech Kunz zu einem Metierwechsel. Auf der ersten Stufe einer Kaskade gescheiterter Unternehmungen verkauft er Kugelschreiber.

*

Oft geht im Märchen körperlicher Verfall moralischem Bankrott voran. Das kehrt als Motiv deshalb so leichtfüßig wieder, weil es für eine Gemeinschaft leicht ist, auf solche zu verzichten, die beim Fruchtbarkeitstamtam sowieso keine Rolle (mehr) spielen.

Sage vergeht nie ganz … denn sie ist unsterbliche Göttin
Motto der Grimm’schen Hausmärchensammlung

Wir entnehmen das Vortext einer Nebenarbeit von Jacob G., der von Heinrich Böll wenig hielt. Da war kein bloßes Dasein, „das hinreichte“, ein Werk zu schützen, so wie die nackte Existenz der Märchen den Schutz der Sammlung selbstverständlich erscheinen ließ. Coogan, Zaimoglu, William & Jake Grimm, Thunderbolt, Conrad, Burroughs so wie die schönen Töchter der üblichen Witwe Voss (daheim in Niederzwehren) waren sich ohne ein Wort der zweifelnden Einrede einig. Die Tapferen waren zur See gefahren, hatten Bären im Nahkampf bezwungen, ein Vermögen im Sklavenhandel erworben, die Freiheit am Hindukusch verteidigt, Erfindungen gemacht, in der Nase nach Öl gebohrt und manches mehr. Dafür wurden sie von den Holden natürlich bewundert. Die Holden griffen in ihre Löcken. Sigmünd Freud erklärt euch gern, was das zu bedeuten hatte.

Wilhelm II. – Der Herr der Hessen nahm heimlich die Kutsche nach Niederzwehren, um im Haus der Witwe Voss jener Sonderkonferenz vorzusitzen, die nach dem wahren, den wenigstens Erdenwürmern nur bekannten Antlitz der Welt zum Anschluss Hessens an Texas führte.

Ihr dürft euch Coogan nicht ohne Colt am Gürtel vorstellen. Seiner Zeit voraus, verschoss das Prunkstück .5oo Wyoming Express Munition. Der Rückstoß hätte einem normal kräftigen Schützen den Arm aus der Schulter gerissen und manchen Finger von der Hand gelöst. Die Drachen und Riesen in den dunklen Wäldern längs der Fulda und Weser, der Eder und der Lahn sowie des Mains, der damals mehr Wasser als der Mississippi führte, fürchteten nichts mehr als die Durchschlagskraft solch ballistischer Körper.

Coogan war ein Mann kurzer Prozesse. Das Amt des Friedensrichters nahm er ein, wo immer hin er einen Arm ausstreckte.
Er gründete die hessische Texas Ranger Division und – Hand in Hand mit Bill & Jake Grimm – die Germanistik. Ferner gründete er die Kasseler Universität auf dem Weinberg. Hochstehenden Jungfrauen gewährte er Bildungsprivilegien. Sie durften ihm zuhören.
Da stand er vor der verschleierten Blüte des vornehmsten deutschen Landes und sprach: „Die Temperaturen und Temperamente der Mythen sind aristokratisch. Der Mensch ist das Maß, der Dichter formt die Götter nach seiner Gestalt. Seinen Stimmen gibt er ihre Namen. Noch kann ihn sein Platz im Universum nicht beleidigen.
Märchen sind Schrumpfformen von Mythen. Märchen kapriolen und schnurren, sie zeigen den enthronten Menschen, ob er König oder Köhler heißt. Oft ist von Dummheit die Rede. Darüber sprechen wir heute. Der Bauer in seiner Einfalt findet die Dummheit so weiblich wie ihr grammatisches Geschlecht. Dummheit kann gut oder schlecht sein. Der dümmste Bruder (Königssohn in brüderlicher Konkurrenz) mag einmal einen guten König abgeben. Gott kehrt lieber bei ehrlichen (gastfreien) Eseln ein. Soll Gott Schlaumichel drei Wünsche erfüllen, hilft das Wünschen nichts Gutem.

Die Studentinnen machten hinter ihren Schleiern lustige Gesichter. Es gehörte zum guten Ton, in Coogan verliebt zu sein.
Nehmen wir das Märchen von den klugen Leuten, fuhr Coogan fort. Da ist der Mensch männlich, das Weib ihm gegeben. Es kommt nach dem Vieh, das Vieh ist dem Bauern lieber als die Hausfrau. „Eines Tages holte ein Bauer seinen hagebüchnen Stock aus der Ecke und sprach zu seiner Frau Trine, ich gehe jetzt über Land und komme erst in drei Tagen wieder zurück. Wenn der Viehhändler in der Zeit bei uns einspricht und will unsere drei Kühe kaufen, so kannst du sie losschlagen, aber nicht anders als für zweihundert Taler, geringer nicht, hörst du?
Geh nur in Gottes Namen, antwortete die Frau, ich will das schon machen.
Ja, du! sprach der Mann, du bist als ein kleines Kind einmal auf den Kopf gefallen, das hängt dir bis auf diese Stunde nach. Aber das sage ich dir, machst du dummes Zeug, so streiche ich dir den Rücken blau an, und das ohne Farbe, bloß mit dem Stock, den ich da in der Hand halte, und der Anstrich soll ein ganzes Jahr halten, darauf kannst du dich verlassen.

Damit ging der tüchtige Mann seiner Wege.
Coogan fragte die Studentinnen nach ihren Ansichten. Das war unerhörter Fortschritt. Doch stand den ersten Germanistinnen das Bäurische so fern, dass sie wie leblos die kotigen Umstände der kleinen Leute ansahen. Kaum, dass sie in ihnen Menschen erkennen konnten. Die Mohren und Elefanten in landgräflichen Gehegen schienen eher als Gegenstände einer Überlegung geeignet. Die Studentinnen hatten den Hochmut im Blut, er schützte sie vor Mesalliancen. (Man kennt den Nutzen des Dünkels nicht mehr.)
Wofür sie sich begeisterten, das war Bram Stokers „Dracula“. Eine jede hielt ihr Exemplar unter der Bank. Die Sensationen tödlicher Bisse und Untoter Taten führten die Studentinnen Zuständen zu, über die an dieser Stelle bald Texas Ranger S. Freud zu euch sprechen wird. Stoker orientierte sich an einem nachtaktiven Aristokraten, der 1431 in Transsylvanien zur Welt kam. BILD sprach mit ihm, sein Name verkleinert Dracul. Dracula war der Sohn des Drachen. Der Senior verdiente sich den Beinamen mit Brutalität in wechselnden Allianzen und wurde deshalb von Kaiser Sigismund 1431 in den Drachenorden aufgenommen.

Dracula erweiterte das väterliche Repertoire der Grausamkeit. Man nannte ihn den Pfähler. Zu pfählen, das war seine liebste Hinrichtungsart. Wir wissen, dass Dracula eine Jugend in osmanischer Geiselhaft zubrachte, um den Vater gefügig zu halten. Wir nennen die unfreien Jahre „einen Schlüssel zum Verständnis seiner Persönlichkeit.“

Auf diese Persönlichkeit fuhren unsere angehenden Philologinnen ab. Für sie stand fest, dass bestimmte Wesen nicht sterben, sondern eine Transformation durchlaufen, in deren Konsequenz sie etwa wie ————-
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nun —- wie Coogan aussahen.
Ich gebe Coogan hier nur zum Beispiel an.

*

Zaimoglu berichtete von den Beschwerlichkeiten früher Hochseereisen. Wir hörten ihm mit Behagen zu, bequem wie wir es uns gemacht hatten in den Fauteuils der Witwe Voss. Es war die hohe Zeit der Shisha-Kultur und der überheizten Stuben voller Jagdtrophäen. (Was gab es Löwenköpfe in hessischen Haushalten. Afrika schien am Edersee zu liegen.) Rauchend ließen sich die Strapazen der mit unzureichendem nautischem Gerät den Elementen trotzenden Abenteurer am besten überstehen. Zaimoglu schilderte uns den verträglichen Charakter des Tischlers John Harrison (1693 – 1776). In unserem Kreis verkehrten Kapitäne, jeder Schiffsführer sang sein Loblied auf den Hobby-Uhrmacher, der das Längenproblem gelöst und die Seefahrt so voran gebracht hatte. König George I. hatte sich der Auslobung eines Preisgeldes für eine Längenproblemlösung nicht widersetzt, er regierte zunächst in der Opposition. Ich berichtete für die engl. Ausgabe der Frankfurter Rundschau: (vom 08.05. 1715) A series of riots occurred in England, protesting against the first Hanoverian King of Britain and his new Whig government.

Harrison hatte die Akribie und den Wahn der Autodidakten (auch Kalaschnikow war Autodidakt) er schuf mit einem seetauglichen Chronometer die Voraussetzung für eine exakte Bestimmung des Längengrads an Bord eines Segelschiffs.
Es gab in unserem Kreis keinen Mann, der Amerika nicht gesehen hätte. Wir wussten alle zu schätzen, was Harrison getan hatte. „Die gute Uhr“ (Captain Cook) hatte ihm zwanzigtausend Pfund Preisgeld eingebracht, entsprechend dem Longitude Act.

Täuschte ich mich? Heidi (Edith), eine der dreiunddreißig Voss‘schen Töchter, stieß anders als gewöhnlich an die Schicklichkeitsgrenze. Unser Freund Zaimoglu genoss den Applaus für seinen Bericht, ihm folgte der greise Kapitän Müller als Erzähler. Er hatte seinen Schnitt im Sklavenhandel gemacht, für jeden Matrosen, der sich verloren gab, waren ihm die Verpflegungskosten gutgeschrieben worden. Müller verdiente an den Toten und an den Lebenden, denn jeder überlebende Afrikaner brachte am Bestimmungsort einen Bonus.

Kapitän Müller war eine große Nummer im Sklaventransportgeschäft gewesen. Er hielt einige Unglückliche im dunklen Wald seines Ruhesitzes gefangen. Ihre Lieder und Klagen fanden Eingang in hessische Volksweisen. So erklärt sich die Affinität des Hessen zum Blues.

Dem schwarzen Elfenbein, der heidnischen Fracht galt größere Fürsorge als jenen, mit denen die auf ihren schwankenden Gebieten alttestamentarisch/gottgleich schaltenden Herren oft die Nationalität und immer die Religion verband.
„Alles was nicht blinder Gehorsam war, lief auf Meuterei hinaus“, dröhnte Kapitän Müller. Er lachte rostig.

Da konnte ein Seemann mit Selbstachtung leicht in Schwierigkeiten geraten. Müller rieb seine Nilpferdpeitsche, die er aus Gewohnheit mitführte als elegante Handarbeit. Müller kratzte sich mit einer Schrumpfhand, die auch zum Schuhlöffel taugte.
Den Voss’schen Töchtern war Müller unheimlich, doch uns gefiel er als guter Nachbar der Hessen und türkischen Texaner. Man munkelte, dass Müller sich einen Stall voll Sklaven in seinem Haus hielt, das tief im Finsterwald lag und laut Grimms Märchen bereits zum Schauplatz eines königlichen Verhängnisses geworden war.
Wieder und wieder waren Coogan und ich so wie Bill & Jake (Grimm) einer Einladung in das angeblich dreistöckige Hexenhaus nicht nachgekommen. Da war ein Hemmnis, das man sich kaum zugab. An der Tüchtigkeit des Kapitäns ließ sich nicht zweifeln. Etwas Abstoßendes verbarg sich aber vor der Analyse.

3. Mai 2016

Hessenmeister

Fundevogel Reloaded

„Sind sie immer noch hinter dir her?“ fragte Coogan.
„Ich schätze schon.“
„Diese dreckigen Arschgesichter“, choralierten Hauke & Steffi wie in einer Tragödie. Es war die Rede einmal wieder von den linksdrehenden Stimmenrauschrassisten, bei denen Gewalt und Gedichte Hand in Hand gingen.
Edith machte verschwiegene Handzeichen, da war was faul.
„Okay“, sagte Coogan gefährlich.

Joyce Lee Johnson war mit Jack Kerouac zusammen gewesen. Jack was known for his willingness to sleep with anything. (Dylan Foley) Joyce Lee kannte Coogan von früher.

Wieder gingen wir über die Gleise, Joyce Lee Johnson, Colette „Laure“ Peignot, Feridun „The Maverick“ Zaimoglu, „Grand Slam“ Coogan, Texas „Double Action“ Thunderbolt. Baustoffe streunten. Krähen salutierten. Kaninchen vagabundierten. Wind putzte Dreck gegen alle Ränder. So viel Angefangenes war nicht zu Ende gebracht worden.
Das Ostend ging im Brautkleid, Colette Peignot konnte nicht absehen von Zaimoglu. Ein Bundeswehrtarnnetz hing an der Decke der Galerie Fruchtig durch. Joyce Lee Johnson fragte Coogan: „Weißt du noch?“

Colette erzählte von ihrer zwanghaften Liebe zu Zimmermädchen und Waschfrauen mit brennenden Rücken und argentinischen Zuhälter, „eine … im Absinth ertränkte Liebe … im Herzen tragend“.
Ich fand das überspannt. In „harten Gesichtern“ erriet Colette „einen gewissen unmittelbaren Sinn des Lebens“.
Es war immer das Gleiche. „Auf der Suche nach dem wahren Leben“, war Joyce Lee dem Beat nach New York gefolgt. Eine Gitarre wurde ihr „Eintrittsticket für diese neue Welt downtown.“
Joyce Lee zitierte Thoreau: „Die Masse der Menschen führt ein Leben stiller Verzweiflung.“
Joyce Lee wollte eine junge Frau gewesen sein, die zu McCarthys Zeiten den Konventionen getrotzt und ihren Traum vom „selbstbestimmten Leben“ gegen Widerstände verteidigt hatte.
Coogan fragte: „Alles okay?“

„Es gab diese Waschfrauen, die ich glücklich glaubte, ihre Hände in die Seine zu tauchen” – Colette „Laure“ Peignot verließ Georges Bataille wegen Zaimoglu. Sie erlebte mit dem Maverick ihr tercio de muerte. Sie warf sich ihm an den Hals, um ihre Gefühle nicht länger durch ein Sieb pressen zu müssen. Michel Leiris kommentierte nüchtern: Vermutlich ist überhaupt keine erotische Erregung möglich ohne das wenigstens vage Suchbild einer grenzenlosen Schönheit … die wir degradieren möchten.

Das nördliche Mainufer verlor seinen Promenadencharakter vor dem Westhafen. Im Schatten der Friedensbrücke kreuzten Ratten die Spuren der Voortrekker. Colette und Zaimoglu erwarteten mich in einem hohlen Brückenpfeiler. Wilhelm und Jacob Grimm stießen bald dazu. Sie waren verfinstert wie vor einem Aufstand. Schnell ritten wir zu „einer altberühmten Gegend deutscher Freiheit“ (sämtliche Zitate aus der Vorrede zu den Kinder- und Hausmärchen, Ausgabe letzter Hand, Reclam 1980). Die Brüder lobten das Gedächtnis vor der Schrift, das Eigene vor dem Fremden, den Halm vor der Sichel. Sie redeten davon, dass Sitte immer weniger wurde zu Gunsten „leerer Prächtigkeit“. Sie erinnerten an das gallische Verbot, heiligen Gesänge aufzuschreiben, während sämtliche Angelegenheiten im Übrigen schriftlich zur Sprache gebracht wurden.

War uns ein Garten im Weg, ritten wir ihn nieder. Unter allgemeinem Bravo erreichten wir Zwehren und nahmen Quartier bei der Frau Voss, die von Berlin ins Dorf geheiratet hatte. Die gute alte Voss mit ihren gichtkruden Augen. Es wurde aufgetragen, vom Fasan bis zum Fisch viel, die Vettel (gute Hausmutter) sang das Lied der Hessen.

„Ein Ernst, eine gesunde, tüchtige und tapfere Gesinnung, die von der Geschichte nicht wird unbeachtet bleiben“, zeichnet uns Hessen aus. „Selbst die große und schöne Gestalt der Männer in den Chattengauen erhielt sich und ließ die Mängel der Thüringer und Sachsen deutlich erscheinen. „Überhaupt müssen die Hessen zu den Völkern unseres Vaterlandes gezählt werden, die am besten sind.“

Die blöde Nuss (umsichtige Wirtin) hatte drei ebenmäßig gewachsene, von Klugheit geschwängerte, jungfräuliche Töchter, sie hießen wohl Hauke, Steffi und Heidi (Edith). Wir sollten sie uns tüchtig einverleiben und Königreiche ergatten.

Im Fernsehen lief wieder nur Mist, ich sah nach den Pferden. Dem Knecht, ein vom Grind überwachsener, verhunzter Gnom, traute ich bis zum Rossraub alles zu. Er wurde mir bald lieb, wir schmauchten unsere Maiskolbenpfeifer halb im Unterholz seines Obdachs. Der Grindige hieß Vince Lopez, es sprach der germanische Geist geradezu aus ihm. In den Schwestern meinte er „mehr Schimmer als Nutzen“ zu erkennen.

*

Die Witwe Voss sandte ihre Töchter nach dem Kasseler Markte und wenn sie nicht genug einbrachten, setzte es was. Das war gemein, wir berieten, was da zu tun sei.
„Heiratet uns“, baten die Töchter verzweifelt.
„Heiratet uns und tut uns fort von hier.“
Nun, wir hatten andere Pläne. Wir standen im Kampf gegen die Linksrassisten und wollten die jungen Frauen nicht als Witwen verderben lassen. Sie hätten sich dann vielleicht hergegeben an Prahlhälse, die weiblicher Tandsucht nichts zu wünschen übrig ließen.
Wir setzten „am Gebrauch der Sprache“ an, Coogan gefiel allen mit seiner gesunden Freude an Ausrufen und Schallwörtern.
Rums, Bums, Autsch, Peng.

Die Witwe Voss (das elende Weib/die brave Hausmutter) rief Coogan „Stimmenrauschers Pissblume“. Wilhelm und Jacob Grimm hatten noch manch anderes anstöszige Wort in ihren Hornistern.

Es traf sich eines Tages, dass wir in den dunklen Wald bei Zwehren ritten, da hörten wir Geschrei von einem Kinde. Wir stellten die Telefone lautlos und starteten die Mondraketen. So gerüstet, erreichten wir den Tanganjikasee. Der Teich lag da wie ein Sinnbild von Stille. Das Kind aber war von einem Vogel „mit dem Schnabel weggenommen“ worden.

Wir sahen uns bedenklich an, wackere Männer in der Blüte ihrer Hüte. Eine Frau trat vor uns, knickste gefällig und fasste ihren Mut zusammen. Ob wir dem Kinde Vater und Mutter sein wollten, da es für sie nun ans Sterben ginge.
„Gute Frau“, rief Wilhelm, „wir haben auch einen leibhaftigen Arzt in unserer Mitte, den ehrwürdigen Doktor Coogan von Amerika. Er will Euch wohl untersuchen. Legt Euch nur rasch ins grüne Gras (da auf die Lichtung neben dem Teich).“
„Ach nein“, schluchzte das Weib, „mir ist das Leben ganz verleidet. Geht nur, ihr braven Herren, und nehmet das Kind (den Wechselbalg/Bankert) mit Euch.“
Wir entspannten die Hähne unserer vortrefflichen Büchsen, es wäre doch zu toll gewesen, die rußige Köhlerin über den Haufen zu knallen, und besprachen den Deal. Ein Hirsch kam des Weges und verlangte, dass wir seine Tochter heirateten. Da stieg Coogan auf den Baum und nahm das Kind mit nach Hause, „um es gemeinsam mit seinem Lenchen aufzuziehen“. Dem Wildling wuchsen bald Federn aus dem Kopf, deshalb hieß er Fundevogel.
Die alte Haushaltshilfe der Witwe Voss wollte den Fundevogel rupfen und braten wie er sieben Jahre alt und so ansehnlich wie ein Pfau geworden war. Die fleißige Person sagte niemandem etwas von ihrem Plan, bloß dem Lenchen, das mit dem Fundevogel verschworen war, vertraute sie die arge Absicht an.
„Kuhl“, sagte das Lenchen, indem es sich eiskalt verstellte, „ich nehme auf jeden Fall einen Schlegel und einen Flügel.“
Die listige Köchin versprach dem Lenchen einen Schlegel und einen Flügel vom Fundevogel.

In Wahrheit aber wollte die Alte dem Lenchen gar nichts abgeben und das Lenchen wollte in Wahrheit den Fundevogel vor dem Kochtopf bewahren. „Des anderen Morgens in aller Früh“ gingen Coogan, Zaimoglu, Thunderbolt, Jacob und Wilhelm wieder in den Wald, um zu rülpsen, da sprach das Lenchen zum Fundevogel:
„Verlässt du mich nicht, so verlass ich dich nicht.“
„Ist geritzt“, antwortete der Fundevogel. „Gib mir Fünf.“
Die beiden flohen vor dem Kochtopf der furchtbaren Witwe Voss und ihrer Spießgesellin Gisela Wurmfortsatz in den Wald, wo der alte König mit seiner hochmütigen Tochter, die nichts tat als ihre Freier zu verspotten, in einem Schloss wohnte. Der König hatte ein Woodstock nach dem anderen organisieren lassen, dass die Tochter unter die Haube kam, aber Sophia hatte an jedem Freier etwas auszusetzen. Das erzürnte den König und so sprach er:
„Der nächste Bettler, der mir das Parkett einsaut, soll dein Gemahl werden. Dann gnade dir Gott, bei mir haste nämlich verschissen.“
Der Fundevogel, der von dieser Sache überhaupt nichts wusste, kam ins Schloss, wurde für einen Bettler gehalten und mit der edlen Schabracke, die nicht kochen und nicht spinnen und nicht Körbe flechten konnte, vermählt und in einer Köhlerhütte tief im Wald vergraben. Das Lenchen, das ihm heimlich gefolgt war, wohnte dann auch da. Das waren die ersten Hippies. Sie verdienten sich in Wetzlar und Gießen „geringe Almosen“ und verhökerten Geschirr. Dazu sangen sie: Hare Kṛṣṇa Hare Kṛṣṇa Kṛṣṇa Kṛṣṇa Hare Hare Hare Rāma, Hare Rāma Rāma Rāma Hare Hare. (Zitiert nach Wikipedia.)

Eines Tages ritt ein Königssohn von edlem Wuchs vor die Köhlerhütte und nahm die Unfähige (zarte Jungfer) zur Sophia. Der Königssohn war verwachsen und hatte einen schlechten Fuß und war deshalb recht traurig. Da sprach das Lenchen, welches als Zofe am Hof diente:
„Gebt mir den Fundevogel zum Mann, so will Euch schon helfen.“
Die Hochzeit ging im kleinen Kreis über die Bühne …

*

Wörter benutzten die Brüder wie Nägel. An früher hingen sie alles, was ihnen richtig erschien. Gravität und Gier, Biedersinn und Bauernschläue. Bis zu idiomatischen Nuancen schilderte uns Jacob den Charakter eines Köhlers, wie er ihm von Odysseus dargestellt worden war. Den Köhler verdonnerte man zum Wächter eines Kız Kulesi im bayrischen Wald. Er verliebte sich in jenes Rapunzel, welches von seinem königlichen Gatten in den Turm gesperrt worden war, da eine Weissagung so ging, dass es ihm keine Söhne wohl aber eine Tochter gebären würde. Deren Sohn hatte das Schicksal zum Mörder seines Großvaters bestimmt. Um sich dagegen zu versichern, hatte der König Rapunzel in den Turm getan, abgesperrt und den Köhler davor gestellt. Den Turmschlüssel aber hatte er in den Bosporus geworfen.
Rapunzel sang jeden Abend die Tiere des Waldes ins Koma. Betört von der schönen Singstimme: bat der grimmige Köhler um ein Stelldichein im Sturmstübchen.
„Wie willst du bei mir landen, du Fliegenfranz?“ fragte Rapunzel artig.
Der Köhler ging der Frage auf den Grund und fand die Lösung. Ihr kennt sie – Extensions. Kleiner Scherz. Bis Rapunzels Haupthaar von der Höhe des Gefängnisses bis zum Boden sich lockte, vergingen eher weniger als sechs Wochen. Nun wurde die Tochter gemacht, die den Sohn kriegen sollte, der … Auch fing hier der Krautrock an.

*

„Aber zu welchem Zweck ist die Erde denn erschaffen worden?“ fragte Candide. „Um uns rasend zu machen“, lautete die Antwort. Voltaire 1758
„Alle Welt spricht von Schönheit, obwohl doch Schmerz das Gefühl der Epoche bestimmt“, erklärte die Witwe Voss in ihrem Niederzwehren. Wir saßen behaglich am gemauerten Ofen, ich hielt den Ausspruch der Witwe für „eine Abdichtung der Information gegen die Erfahrung“ (Walter Benjamin). Die ebenmäßigen Jungfrauen, die als Töchter der bösen Voss Arges zu erleiden hatten, warteten uns hurtig auf. Sie waren krass erfreut, uns wieder einmal bewirten zu dürfen. Alle hofften noch, dass wir sie im Hochzeitswege erlösen könnten, und so gurrten und kokettierten sie, soweit das schicklich war.
Der Grindgnom und die schlimme Haushaltshilfe lagen unter dem Tisch. Da lagen auch Fundevogel, Lenchen, ein Hirsch, zwei Hexen, serbische Waffenschieber, osmanische Unterhändler und weltanschaulich entgleiste Büttel.
„Nur der Text zählt“, behauptete der Hirsch.
Die Eroberung Niederzwehrens schien unabwendbar. Vor der Tür übergab sich der Schultheiß den Büschen.
Die Verknüpfung von Strom und Bewusstsein hatte ihre Karriere zum Allgemeinplatz noch vor sich. Die Psyche war ein „unerschlossener Kontinent“.
„In uns ist Afrika“, sagten die serbischen Waffenschieber.
Es gab immer eine Märchenvariante, die vom Tod der Heldin erst beglaubigt wurde. Ein Dreh bloß und etwas narrativer Budenzauber … und schon heiratet Allerleirauh doch den Vater, dessen falsches Begehren es (das Allerleirauh) in Armut und Hässlichkeit (vorgeblich) zu entgehen versucht hatte.

Ich bemerkte bei Wilhelm eine verstohlene Freude an der Valeurmannigfaltigkeit seiner Fundstücke. Legt sich Rotkäppchen bewusst zum Wolf und stellt sich dumm, wenn es Oma sagt?
Die Märchenampeln leuchteten von den befestigten Ufern einer der Tat verpflichteten Lebenspraxis in Gegenden, wo Tiere Menschen berieten und Drillinge einander „wie ein Tautropfen dem nächsten“ glichen.

Coogan suchte Abkürzungen im Dickicht der Verrätselungen. Er fragte: Warum schaffen es manche Märchen nicht bis in die Gegenwart? Obwohl sie doch nichts anderes transportieren als ihre berühmten Tanten. Jacob legte Coogan eine Hand auf die Schulter, da sprach ein Rabe durchs Fenster.
„Märchen“, hub der Rabe an, …

27. April 2016

Hessenmeister

Gastronomie mit der Brechstange

Donnerstag gegen drei tat es Schläge in Cargo-City Nord (Rheinmain-Power-Power). Mit zweihundert Sachen brach Coogan in seinem schwarzgelben Camaro durch die Sperrschranke der Zufahrt am Tor Fünfundzwanzig.

Er spielte Autoscooter mit dem Fuhrpark und rammte eine Rampe, an der zwei Lastwagen beladen wurden. Irgendwas störte Coogan am frühen Fleiß, er hielt an und stieg aus. Infernalisch brüllend und blutend … Flughafensicherheitskräfte überwältigten Coogan mit „äußerster Mühe“. So stand es dann in der Frankfurter Rundschau. Eine Glastür barst beim Einsatz. Zeugen meldeten sich, die Coogan am Frankfurter Kreuz beobachtet hatten, wo er den Abzweig Basel verpasst und auf der Flughafenausfahrt vergeblich zu wenden versucht hatte.

Man schaffte Coogan in eine unterirdische Besenkammer der Bundespolizei, eingerichtet für Leute, die am regulären Abfertigungstingeltangel vorbei einreisen durften.
Doktor Patriot sedierte Coogan und informierte mich. Man überließ ihn mir, wir fuhren zu seinem Lieblingswasserhäuschen im Riederwald. Am nächsten Tag flogen wir nach Manila, unser Informant markierte den vom Glauben abgefallenen kanadischen Katholiken. Er war weiter nichts als ein leergedroschener Halbfranzose.

Der Veteran verpasster Gelegenheiten nannte sich Montreal. Manila griff um sich, der Landesrest war Bereitstellungsraum, ein unterversorgter Versorgungspark. Taifune schlugen in die Peripherie, oft ging nichts mehr, kein Flug, keine Fähre.

Auf den Philippinen herrschte eine mörderische Kanaille. Ständig stürzten halbfertige Häuser ein, man ließ dem Beton nicht genug Zeit zum Abbinden. Da die Arbeiter in den Rohbauten schliefen, wurden die Baustellen zu Massengräbern. Soldaten erzwangen die Fortsetzung der Bauarbeiten. Leichen wurden kurzerhand einbetoniert.
Vermutlich steckte auch in unserem Hotel nicht nur Arbeit.

*

Immer gab es einen Perser, der deutsche Tugenden rühmte, und Sven auf der Flucht vor Gläubigern. Den Boris im Alimente-Rückstand, ungefragt Besserung gelobend. Es gab falsche Fröhlichkeit und echten Neid. Soziale Wucherungen, die Bildung von Randgewächsen. Verfallserscheinungen. Im Neunundneunziger Sommer fanden Wochenmärkte nachts statt. Kegel von Flakscheinwerfern unterhielten sich über den Leuten. Die Zeit hatte einen Sprung in der Schüssel, manche Genossen nahmen die Hitze zum Vorwand, um das Bekleidungsminimum zu unterschreiten. Dagegen schritt der Freiwillige Heimatschutz ein. Trotzdem sah man Angehörige der neuen Stämme mit hochgebundenen Penissen. Ich erinnere an die Barfüßer, die nach dem Gesetz lebten und sich nicht waschen durften.

Edith ging blau in blau, sie gab sich fern jener Maschinenstürmerei und dem Quatsch von wegen Fahrradfahren ist politisch, mit dem sie sonst davon ablenkte, dass sie eine Geisel ihres Gatten war. Der irre Wanz hatte seine Frau im Café erwischt, gerade als sie mir ihre Zuneigung zeigte. Edith betrachtete ihre Verhaftung als Familienangelegenheit. Wanz machte Bemerkungen in meine Richtung, während er Edith abführte. Sogar in dieser Szene reizte mich die geknickte Grazie der fitten Heulsuse.

Ein Schock indischer Schriftsteller montierte sich ins Gruppenbild, ich erkannte Adyasha Dash, Gagan Gill, Shafi Shauq und Kiran Nagarkar. Indien war zum Wahrzeichen der globalisierten Zukunft geworden, indian vibes benoteten den ewigen Sommer.

*

Marktmeister Günter Gerster sah aus wie Gregory Peck als Kapitän Ahab. Er bearbeitete in Unter-Ostern siebzehn Hektar land- und forstwirtschaftliche Nutzflächen. Sein Vater war noch echter Waldbauer gewesen. GG schlachtete und kelterte. Arbeitsfrei kannte er nicht. Er war ein bisschen vertrackt und um die Ecke. Mitteilen musste er sich nicht. Sogar seinen Humor konnte GG für sich behalten.

Er verlieh Privilegien und bestimmte Treueverhältnisse. Die Leute flutschten überhastet am Angebot der anderen vorbei, mit nur einem heißen Wunsch, zum kultischen Kern zu gelangen und sich GG da zu unterwerfen.

GG besaß 5600 Apfelbäume. Ferner erntete er Birnen, Sauerkirschen, Walnüsse und Zwetschgen. Auf drei Hektar stand Getreide und Mais, auf acht Hektar wuchs Gras.

GG hielt Rinder und Schweine. Das wusste jeder, der sein Nachtgebet an einem der siebenhundert Tische verrichtete, die von GG aufgestellt worden waren.

GG trat mit dem heiligen Bembel an unseren Tisch, Edith maunzte. GG flirtete nicht oder vielleicht doch so im Verborgenen, dass es keine bemerkte.

*

Die Belebung Frankfurter Rückseiten ist das Geschäft von Entdeckern, die seit Jahr und Tag ökonomisch robusten Nachfolgern den Boden bereiten. Das Spiel läuft immer gleich. Zuerst nisten sich Künstler und Galeristen an einem der öffentlichen Wahrnehmung fernen Ort ein. Dann kommen die Partymacher, ihnen folgen Studenten. Werber trudeln ein. Die Strategen tauchen zuletzt auf und bauen nach den Regeln einer Gastronomie mit der Brechstange alles um.

Neunundneunzig hatte die Hanauer Landstraße dieses Schicksal schon erlitten. Es wimmelte Ateliers und Agenturen. Eine Insel der Seligen blieb Annette Glosers Schuppengalerie Fruchtig an der Südlichen Zufuhr. Der Asphaltgrat lief parallel zu einem stillen Gleis.
Jemand hatte einen Steg vor dem Schuppen verlegt. Glosers Einrichtungsentscheidungen vibrierten wie ein in der Luft stehender Kolibri zwischen vagant und flüchtig.

Jemand sagte: „Ich habe drei quotes genommen für liner-notes.“

Ich ging über die Gleise. Bahnhofsgestrüpp bleichte, es trieb mehr Dornen aus als früher. Der Aids-Hospiz-Verein hatte an einem Hang Tulpen gegen Hoffnungslosigkeit gepflanzt. Nichts konnte hoffnungsloser sein als die Tulpen in ihrem Kasten.

Ein neuer Stamm tanzte in Formation. Die Tänzer bekannten sich zu einem Getränk ihrer Großväter. Sie huldigten dem Jägermeister im Sambaschritt. Sie beteten die grüne Flasche an.

MC-Stimmenrauscher fuhren im Schritt, sie bestrichen mit den Kegeln ihrer Maschinen die Dürre am Wiesensaum.
„Du alter Habak, wir wissen, dass du da bist. Zeig dich, dass wir dir die Beine brechen und die Ohren abschneiden können.“
Ich stand auf der Wiese und war doch allem Anschein nach nicht zu sehen.

Wir folgten dem Apenninen-Kamm nach Norden auf einer Wolfsroute. Luigi Boitani erklärte, wie man reine Wölfe von Mischlingen und den vielen verwilderten Haushunden unterschied. Damals schätzte man die Zahl italienischer Vaganten auf zweihunderttausend. Die Hälfte war zu den Modalitäten echter Wildhunde zurückgekehrt; sie verhielt sich, als hätte es Domestikation für sie nie gegeben. Absolute Menschenscheu war in manche Verbände zurückgekehrt. Boitani behauptete, dem afrikanischen Wildhund sei der Sprung über das Mittelmeer gelungen. Hauke, die selbst viel vom Hund hatte, bezweifelte die Anwesenheit des afrikanischen Wildhundes auf dem europäischen Kontinent.

„Ich wüsste es, wäre er da“, sagte sie.

Die Streuner richteten größere Schäden an als alle Wölfe, aber die Hirten und Bauern brauchten für ihren Aberglauben blutige Wolfslefzen. Die Regierung entschädigte sie für jedes gerissene Schaf.

Wölfe paarten sich nur selten mit Hunden, dies geschah immer zum Nachteil der Wölfe. Unter dem Vorwand der Forschung näherte sich Boitani seiner zweiten Natur, manchmal heulte er vor Sehnsucht nach den Brüdern.

Die Kontakte zur Bevölkerung waren Lehrstunden. Zwischen hospitalité und hostilité lag nichts. Die Bauern hassten uns.

20. April 2016

Hessenmeister

Ornithologischer Enthusiasmus

„Da.“

Hauke reichte mir das Fernglas. In einer Auslage am Turm der Müllverbrennungsanlage horstete ein Wanderfalkenpaar. Ich sah einen Jung- und einen Altvogel. Hauke behauptete, es sei der Vater mit dem Sohn. Sie wusste jetzt immer alles ganz genau. Die Falken trieben Vorratshaltung. Eine Taube verweste im Gitter der hohen Randerscheinung. Der Nistplatz klebte unter dem Schlot und sah so ungemütlich aus wie eine mit mehr Müll als Möbeln übernommene Wohnung.

Abwärme beflügelte Segler. Angeblich waren drei Junge geschlüpft. Hauke bewunderte den Lebensstil der Vögel, Speichel flutete das Kinn. Mir fehlte der ornithologische Enthusiasmus.

Hauke packte das Fernglas in ihre Fahrradtasche und kramte in Vorräten. Überschrittene Verfallsdaten waren eine ihrer Spezialitäten, seit sie von einem Stimmenrauscher am Kopf getroffen worden war. Das Trauma forcierte eine Tendenz zum Bio-Aktivismus und zur utopischen Autarkie. Hauke reichte das Tauchermesser für alle Belange. Rotz zog sie mit der Hand ab, um die Kante im Kniekehlenbereich an der Multifunktionshose trocken zu wischen.

Wir erreichten das aufgegebene Schwesternheim von Nied. Kletterkraut hatte die Fensterläden in rechtsgängiger Helix überzogen. Die Tür war eingetreten. Zur Bewachung oder Verteilung gammelnder Äpfel hatte man Schwester Gisela zurückgelassen.

„Alle noch essbar“, frohlockte Gisela.

Sie zog uns in die berstende Kleiderkammer. Hauke packte ein, es war nicht immer leicht mit ihr. Sprunghaft redete sie über Gianni Versaces Mörder, der wie Bruce Lee aussah. Dem Gazettenleser wurde Andrew Phillip Cunanan als ein vom Zwang zur überinszenierten Selbstdarstellung bedrängter Partyfürst geschildert.

Gisela begleitete uns in das örtliche Jugendkulturzentrum. Zaimoglu las*, das Rahmenprogramm wurde von Vierzehnjährigen bestritten.
„Der Murat hat kein‘ Bock heute hier vorn rumzumachen, weil sein Leben so Scheiße ist“, erzählte einer. Ich fragte mich, wo Eva Demski blieb, Ulrike Kolb, Frank Schirrmacher und Achim Vandreike. Alle hatten uns volle Unterstützung im Kampf gegen die Stimmenrausch-Rassisten zugesagt.

Zaimoglu tat seine Pflicht, der Sozialarbeiter wirkte überangepasst. Ein Journalist stellte Fragen, wir lösten uns vom Geschehen. Die Gemeinde, als deren Sprecher Zaimoglu im Feuilleton gehandelt wurde, sah uns ratlos nach. Wenigstens blieb Schwester Gisela.

*versöhnlich sei das mal mit zack, die kreatur glaubt, sie sei betrachter des superdings auf ner strecke zwischen haustür und verrichtung. gott is ne pauschalkraft und himmel und hölle sind verwandte huren: sagt die gosse oder es blackt mal sone derrickfigur heran und n kanakster der weiß was n revier fürn krauskopp bringt zischt ihm zu: ihr habt angst vor unserm sperma.

meine hässlichkeit war unumstritten, mich hätt man auch ins feld stellen können als dohlenscheuche (…) ich wollt ne schandtat losmachen was hochkalkuliertes und fand im raum der pauker nur ne üble toleranz für rocker. es waren diese 2 inner klasse: der eine warf nen apfel hoch und als die frucht einer christa auffe kalotte krachte bog sich der hundesohn vor schnappdieluft: s äußerste an hardcore. der andere ne nazisau saß ausgerechnet neben mir: immer diese scheiß filmreifen batzen erinnerung. dem schwein sollte ich in 3 bis 5 fächern gedankengänge öffnen dabei hätt er schon gern aus meiner haut riemen geschnitten. die wucht reißt s trübe auf. manchs reichtn schmaler schlag oder das wunder eines minimalen schnappkicks und sone hebelmotte kriegts inner sprache wieder die sie schlägt gnadenlos. mann keine reue! da warn aus dem plotz die feinde brigade und doch bloß blöde bagage und arierpack, jede youngmiss sprach tingeltangelliesig daher so mit purpurschleifen zöpfchenmonster arschwich! kirchenstiege bricht nicht, bin die rechte braut nicht das war nun mitnemmal ihre neue fassong. heute sagt man schmollmund dazu ist aber lallfallera mit ner küßmichmasche. die sah aus als würde sie ihr beutel tugend beim pfaffen zurren lassen. kommt die mir mit dem stubensentiment, dachte ich bei mir diese puppe was geht hier nicht? Für ne puppe is gelenkigkeit gefühlshöchstes und so ner puppe posenpopperei is partyknutschen mit nem passablen. die erste erfahrung die sone puppe macht: dass man gefühl knüllen kann. jeden kann man mit miezmiez locken jeder kann anner mittelbewegten straßenecke plötzlich auf vulgär machen von wegen leben is n kummergeber und ich frickel mal aus der rolle.

Tuschick/Zaimoglu 1999

9. April 2016

Hessenmeister

Ich sprach mit Edith in der Katakombe unter der Bornheimer Keksdose

Edith kursierte als Frankfurts dienstälteste Fahrradbotin. Massiv litt sie unter ihrem Mann, dem Disponenten und Psychopathen Ingo Wanz. Er schrieb jeden Morgen ein politisches Gedicht. Wanz lebte nicht nur in seiner Lyrik und unter dem Pseudonym In Digo Gewaltfantasien aus. Der Psycho-Poet wanzte Edith beileibe. Er verdammte Demokratie & Rechtsstaat. Mal drosch er von links, mal von rechts auf unsere Grundordnung ein. Er korrespondierte mit den Berliner „Stimmenrauschern“, die „Linksrassismus“ als german-pro style propagierten. Die Stimmenrauscher“ hatten geschworen, Zaimoglu zur Strecke zu bringen.

In Ediths Firma gab es eine sportliche Fraktion, Triathleten, die mit einem 35er-Schnitt unterwegs waren, und Leute mit einem politischen Begriff vom Kurierwesen. Die voll eingetütete Edith hielt sich für politisch.
Fahrradfahren als Straßenkampf.
„Viele Verkehrsteilnehmer wissen nicht, was ein Radweg ist“, klagte Edith. Zugeparkte Radwege/ Rechtsabbiegende Autofahrer.
„Die übersehen uns absichtlich.“
Mir wurde die Sache klar. In einer Welt rabiater Autofahrer fiel Wanz nicht auf. Seine Drohungen und Ausbrüche gingen im allgemeinen Handgemenge unter.
„Die schneiden einem vorsätzlich den Weg ab.“
Dann war eine Schreierei immer schon das nächste und auch ganz schnell der steile Finger gerichtet.
„Oder du haust mit der flachen Hand aufs Dach.”
Keks kam mit Getränken und setzte sich zu uns. Zurzeit „entschlüsselte“ er „Mitteilungsfelder, die man in sich trägt.“

*

Im ewigen Sommer Neunundneunzig schossen die Temperaturen durch die Decke, es gab keine historische Wetterbeobachtung, die dergleichen überlieferte. Die Bevölkerung arabisierte. Frauen verschleierten sich vor der sengenden Sonne. Leute zogen mit Monsterkühlboxen über die Dächer.

Hauke hatte eine Verabredung und wusste nicht, was sie anziehen sollte. Das war neu nach Jahrzehnten im Sweater. Eine Kehrseite des Wohlstands, der über uns gekommen war. Hauke verschüttete Gin, das Paar neben uns setzte sich zu Liedern der Spencer Davis Group unter Drogen. Keep on Running. Die Hitze hatte viele Trennungen verdampfen lassen, die Leute wohnten praktisch mit uns zusammen. Er war Maler, sie Galeristin. Ihr Dreh und Schnapp war art for rent, so dass die Agenturen immer wieder neue Sachen im Foyer hatten, den Mist aber nicht kaufen mussten. Horst und Heike waren Sachsenhäuser Hippies gewesen, richtige Schmorenten, die den Arsch nicht hochbekommen und Tag und Nacht im „Schwarzmarkt“ abgehangen hatten – bis zu ihrer Geschäftsidee. Zuerst sammelten sie Bilder ihrer Freunde ein und schoben sie der Geschäftswelt für ein paar Groschen unter. Die Groschen läpperten sich.

Nun waren Horst und Heike reich und liebten sich immer noch. Sie hingen aneinander, sie klebten zusammen. Sie hatten nach fünfzehn Jahren gemeinsamem Abhängens Sex miteinander. Horst wollte trotzdem mit Hauke swingern. Hauke betrachtete die Angelegenheit in Abhängigkeit von den Fortschritten, die Edith machte.
Hauke und ich hatten uns die Wahrheit versprochen. Es war uns beiden unheimlich, dass wir so aufeinander abfuhren. Hauke war keine Schmuserin, sie hatte nie jemandem einen Rosengarten versprochen. Sie war leise gespielter Rock and Roll. Ich spürte, wie es ihr immer schwerer fiel, die Worte nicht zu sagen, mit denen man sich bindet.
Hauke täuschte Unabhängigkeit vor. Ich nutzte das aus. Ich zwang Hauke, kuhl zu bleiben.

Horst kam angewanzt, wir lebten auf unseren Terrassen. In einer Pose nachlässiger Beweglichkeit lehnte er gegen die Brüstung. Seit er Schotter hatte, baute er seinen Körper auf. Hauke brachte ihm aromatisiertes Wasser, die Aufmerksamkeit ging gegen mich.
Horst näherte sich Hauke wie ein Miettänzer. Heike rückte auf und fragte nach meiner Arbeit. Sie hängte sich an meine Schulter.
„Ich habe einen harten Rücken“, sagte sie.
Ich entzog mich und zerrte einen Heimtrainer aus dem Bestand von Horst und Heike unter das Sonnensegel.
Hauke fragte: „Soll ich hierbleiben?“
Ich hatte vergessen, mit wem sie verabredet war.

Leute aus der Musikbranche kamen über das Dach auf die Terrassenflucht. Sie brachten eine Kühlbox voller Cocktails mit. Die Cocktails mischten Vietnamesen in ihren Telefonläden. Es gehörte zum new style mit einer Monsterkühlbox durch die Gegend zu laufen.
Die Produzenten übernahmen die Geräte, wir hatten auch Hanteln für den Hausgebrauch. Man legte den Oberkörper frei, machte drei, vier athletische Bewegungen und slammte dann ein Mischgetränk. Manchmal blieb der Besuch Tage und die Eigentümer oder Besitzer suchten sich eine andere Terrasse und manchmal auch einen anderen Partner.

*

Edith trat im Gefolge von Wanz auf. Sie glaubte mit einem Strindberg geschlagen zu sein. Der von Kunstanstrengung gebändigte Wahnsinn war als Idee ihre Zuflucht. Sie rettete sich zu der Legende vom kranken Genie und verwirrten Einzeltäter.
Wanz war aber kein Einzeltäter. Seine Lyrik entstand nicht selten in Kollaborationen. Er kam den Leuten gern zu nah, lief auf, fasste an.
Wanz gehörte zu einem bundesweit aktiven, vor allem in Berlin randalierenden Syndikat linksdrehender Rassisten und psychotischer Lyriker. Sie verbanden Gedichte mit Gewalt. Den Rechtsstaat wollten sie abschaffen. Sie kriegten die Junge Freiheit, die taz und das Faustrecht unter einen Hut. Dreschen nannten sie „günthern“ nach ihrem Obergassenhauer Günther. Ihr Stammlokal hieß nach Hitler Wolfsburg.
Zaimoglu und mich sprach Wanz in seinem Werk mit „Berber“ oder „Straßenköter“ an, wenn er freundlich sein wollte. Er schrieb, als habe man G. Benn, E. Pound und W.H. Auden auf die Galeere einer Dichtergemeinschaft gezwungen und das Ensemble unter A. Artauds Kuratel gestellt. Seine Begabung retardierte den Irrsinn. Interessanterweise wiederholte sich das im physischen Apparat. Wanz wartete auf seine Wirkung. Er erwartete sie wie einen Zug mit Verspätung. Kam die Wirkung nicht an, sah ich ihn manchmal mit hängenden Armen dastehen als Denkmal einer Vergeblichkeit.

*

Hauke und Horst schmackten sich auf meiner Seite der Terrasse ab, das war die Quittung für Edith. Heike schaukelte zwei Terrassen weiter in einer Hängematte den „Spiegel“.
„Bist du okay?“ fragte sie.
„Ich bin okay“, antwortete ich.
„Möchtest du einen OMMK*?“
*Orange-Maracuja-Minz-Kiwi-MK
„Ein OMMK kommt jetzt, glaube ich, sehr okay.“
Heike drehte sich aus der Matte, sie sah an sich herab.
„Findest du mich okay?“
Was sollte ich sagen? Heike verschleierte sich von der Hüfte abwärts, sie beeilte sich, den OMMK zu bringen. Der OMMK schmeckte wie ein Wassereis meiner Kindheit. Mein Geschmack und seine Knospen verweigerten jeder exotischen Note das Existenzrecht.
Heike konkurrierte im erotisch Lapidaren. Ihr trüber Ehrgeiz, mit Horst gleichzuziehen und mit meiner Hilfe einen Ausgleich in ihrem Liebesspiel zu erzielen, strotzte vor Routine. Die Routine raffinierte eine Bettelprosa zum Erbrechen. Ich war Heike vielleicht nicht völlig egal.
Well as well him as another sagt Molly Bloom im Ulysses. Zum Glück kam Horst und fragte:
„Alles okay bei euch?“
Heike bot ihm keinen OMMK an. Im Augenblick war sie verbitterte Dreiundvierzig. Umgehend würde sie dafür sorgen, dass Horst seelisch auf dem Zahnfleisch kroch.
„Man lebt nur einmal“, sagte Horst. Im ewigen Sommer Neunundneunzig sagten das alle ständig. Die apokalyptischen Reiter hatten sich gezeigt so wie Räuber Hotzenplotz. Ganze Horizonte waren aufgerissen worden. Es herrschten denkwürdige Zeiten.
Ich drückte Horst meinen OMMK in die Hand.
„Ist noch kalt.“
Hauke erweiterte den Freundeskreis.
„Alles okay bei dir?“ fragte ich.
Würde sie sich jetzt auch in eine verbiesterte Alte verwandeln, die swingern musste, um sich lebendig zu fühlen?
Eine Nachbarin namens Urschel eilfertigte Honigmelonenschnitzel.
„Seid ihr okay?“ fragte Urschel. Es hatten einmal wieder alle alles mitgekriegt. Die Phase der Moderation lief an. Man wusste, dass Hauke und ich keine bewährten Swinger waren, sondern Anfänger, die vielleicht nie Fortschritte machen würden. Ich suchte Anschluss an meine Einheit. Ich wäre gern mit Hauke allein gewesen, doch Hauke suchte Gemeinschaft. Horst hatte seine Badehose liegengelassen, Hauke hinterher sie ihm getragen.
Die Nachbarschaft wuchs sich auf der Terrasse aus. Knowbot*-Grills machten sich ans Werk. Die Party konnte beginnen. *Knowledge Robots

6. April 2016

Hessenmeister

Mirko, der Fahrradbote

Seit mich Mirko beinah umgefahren hatte, interessierte ich mich für sein Metier. Was ein Fahrradbote verdiente, sagte er, hing nicht allein vom Tempo ab. Wichtig wären Adressengedächtnis und Ortskenntnisse. Zwischen zehn und sieben fuhr Mirko achtzig bis hundert Kilometer. An einem gewöhnlichen Tag war der Wetterbericht falsch und du wirst von der ersten Minute an mit Aufträgen zugeschissen. Und wegen des falschen Wetterberichts trägst du die falschen Klamotten.

„Schönes Auto.“
Mirko musste sich die Anerkennung abpressen. Ich fand, dass er es sich unnötig schwer machte.
„Hass mich doch“, munterte ich ihn auf.
Wir saßen vor dem Grössenwahn, bis zu einer Holzstauballergiediagnose hatte Mirko Schreiner gelernt. Gemeinsam sahen wir Steffi nach, die zum Klo schwebte.
Jeder Kellner war eine umfassende Persönlichkeit, manche waren berühmt. Was ein Fahrradbote verdiente, sagte Mirko, hing nicht allein vom Tempo ab. Wichtig wären Adressengedächtnis und Ortskenntnisse, die in Gebäude hineinreichen mussten.
War das nicht Frankfurt, wie wir die Stadt liebten? Die Marie strich ein, wer sich besser zurechtfand.
Ein 3D-Spiel mit der Wirklichkeit – zwischen zehn und sieben fuhr Mirko achtzig bis hundert Kilometer. Klar, dass am Wochenende der Arsch klemmte.
Mirko hatte Knoten im Gesicht, einen Bart wie Stacheldraht. Das Haupthaar empörte sich. Die Frage war doch, warum hatten solche durchhängenden Figuren Allergien und Steffi hatte nichts. Nicht mal Schnupfen.
Steffi kam vom Klo und machte, als müsse sie kotzen. Der Koch erschien, mein alter Freund Brunky, er wollte, dass ich für ihn einen siebenstöckigen Wodka bestellte. Er hatte Alkoholverbot im Dienst, zum Glück gab es so was nicht für Journalisten.
Ich bestellte, Hauke tauchte auf. Ich fand sie immer noch schön.
Mirko brachte Zeitungen zu Abonnenten, wenn der reguläre Zustellservice das verbockt hatte. Banken ließen Hauspost zwischen ihren Filialen kursieren. Fand die Musikbearbeitung eines Spots an einem anderen Ort als die Textbearbeitung statt, wurde dazwischen ein Bote geschaltet.
Private Kunden waren selten.
Unangenehm war wenig. Manchen Kunden durfte Mirko kein Rad auf den Hof stellen. Im Messeturm durften Kuriere Personenaufzüge nicht benutzen. Sie mussten Lastenlifte nehmen.
„Dir kann passieren, dass du zur Hintertür geschickt wirst, weil du vorn nicht ins Erscheinungsbild passt.“
Mehrere Anlaufstationen (Portale) und internes Wuschwusch-Dingeldong konnten eine Übergabe erschweren. Wartezeiten beim Kunden waren unerfreulich, wurden aber bezahlt.
Mirko riet mir, Wanz zu befragen.

*

Wanz war Disponent. Er sagte: „Für einen Brief, der zehn Gramm wiegt, muss nicht gleich eine Tonne Stahl bewegt werden.“
Ich war Beobachter in einem Prozess gewesen, den man Wanz gemacht hatte. Er hatte in unüblichen Formaten seine Ex bedrängt, ich hatte mit der Frau geredet. Sie war demoralisiert gewesen, ein Wrack.
Ich fragte Wanz nach seinem Familienleben.
„Alles paletti.“
Wir saßen in einer Hinterhofklitsche mit Gartenmöbeln vom Flohmarkt. Vorn im Haus war ein Bäckerladen, wo es alles gab. Eine Kiste Bananen stand zur Grundversorgung neben dem Disponententisch. Allwetterkleidung roch fies nach Weltanschauung. Ladestationen für die Akkus der Funkgeräte standen dekorativ in Reihe.
Eine Fahrerin meldete per Funk: „Hab nen Platten.“
„Meld dich, wenn du weiter kannst“, sagte Wanz gemütlich.
Ein Fahrer sollte Autokaufverträge in einem Formulargeschäft besorgen. Die Auftragsentgegennahme erfolgte in einer Kette nahezu identischer Aussagen. Aufrechterhaltung der Illusion von just in time hieß das Prinzip. Selbst wenn alle Fahrer auf der Strecke geblieben waren, nahm Wanz dem Kunden die Terminlast von den Schultern.
„Es kommt gleich jemand.“

Ich trat auf den Hof und traf die Frau, die Wanz bis zum Nervenzusammenbruch drangsaliert hatte. Sie war zu ihm „zurückgekehrt“ (nachdem sie ein Annäherungsverbot durchgesetzt hatte).
Sie hieß Edith und war zum zweiten Mal mit Wanz verheiratet. Glücklich sah sie nicht aus. Das interessierte mich …

*

Bornheim am frühen Abend. Albatrosse landeten auf der ruinierten Erde, um diese Zeit tranken sie Castro Cooler, das Getränk der Avantgarde im endlosen Sommer Neunundneunzig.
Edith sagte: „Autofahrer sind meine Feinde.“
Sie hatte nur einen Feind, den eigenen Mann. Aber lieber hasste sie Autofahrer, das war einfacher. Wanz wusste nicht, ob er links oder rechts war. Er brannte darauf, großartig zu sein. Den Unterschied zwischen Anzünden und Beschützen von Flüchtlingsunterkünften kannte Wanz nicht. Er schrieb rassistische Gedichte und verstand sie als Beitrag zur internationalen Solidarität. Und auch wieder nicht. Diesem verworren sein war Edith ausgeliefert. Sie hatte sich ergeben. Wanz war ihr Schicksal, ein Irrer, der noch nie in nennenswerten Zusammenhängen veröffentlicht hatte und sich für verkannt hielt.
Das alles hatte der Prozess ergeben und war im Urteil berücksichtigt worden. Mich erinnerte Wanz an die Berliner Stimmenrauscher, Papenfüßler, Schleimbeutler und Lindenblütler. Hinter den harmlosen Namen verbarg sich eine Verschwörung wider alle Vernunft. Diese Leute wachten als Hooligans auf und gingen als Punks zu Bett. Sie waren links, rechts, rassistisch, solidarisch in wirrem Durcheinander. Ihr Wort für Dresche war „günthern“ oder „franzkissen“ (von french kiss). Manche erkannten sich an hochgekrempelten Hosenbeinen, dass andere sie daran auch erkannten, war ihnen bis zu den ersten Verhaftungen nicht in den Sinn gekommen.
Edith folgte mir wie zufällig und frei von jeder Absicht in die „Sonnenuhr“. Die „Sonnenuhr“ hätte man für ein Café halten können. Sie bot jedoch nur einer Handvoll Bornheimern Lebensraum. Diese Leute waren von morgens bis abends in der „Sonnenuhr“. Sie spielten, lasen und unterhielten sich. Sie bedienten die Kaffeemaschine, belegten Brötchen, brieten Eier vom Geiger. Ihr Aufenthaltsraum gehörte dem Geburtsbornheimer Keks. Der Name Keks hatte in Frankfurt einmal Klang besessen. (Dazu später mehr.)
Unter der Küche lag eine verborgene Welt, aus der Zeit, als man noch keine Kühlschränke kannte. Edith und ich verzogen uns in eine Katakombe, Keks reichte mir einen Karabiner. Es gab jede Menge Gänge unter Bornheim, man konnte sich nie sicher sein.
„Wenn Wanz das herausfindet, bringt er mich um“, bebte Edith.
„Warum ist er so grässlich?“ fragte ich investigativ.
„Ich glaube, er hat zu viele Absagen gekriegt.“
Ich will das jetzt nicht vertiefen, zum Ausgleich für ihre sklavische Abhängigkeit von Wanz erlebte sich Edith als Maschinenstürmerin.

30. März 2016

Hessenmeister

»Ich bin vollkommen antidemokratisch.«

Gerald Zschorsch donnerte gegen „allgemeine Seichtigkeit“. Leichtigkeit war Seichtigkeit, war unverbindliches Gehabe, war ein Geschäft der Vermeidung. So schmucklos wie schneidig zwang Zschorsch sich in den kurzen Satz:
„Ich bin vollkommen antidemokratisch.“
Das wurde variiert: „Ich bin nicht konsensfähig.“
Wir saßen in einem Westendcafé, tranken Kakao mit Sahne, mir war fad von so viel Rigorismus.
Zschorsch kam aus Plauen im Vogtland. Sein Vater war Diplomat gewesen, die DDR eine Ecke Deutschlands, an der Zschorsch sich gestoßen hatte. Man hatte ihm die Kettenburg angetan.
Die Eltern hatten sich losgesagt.
„Vom Westen freigekauft“, wurde Zschorsch Weihnachten Vierundsiebzig.
Zu lang her sei das, um zu zundern.
Steffi spielte mit einem Löffel, Zschorsch fühlte sich um seine Wirkung betrogen. Wir verkörperten den Westen und die Seichtigkeit, Zschorsch war Deutschland in seiner Tragik. Er meinte es ernst. Er warnte vor den Gefahren des Unernst, er warnte uns vor uns. Er rauchte Steffis Nelkenzigaretten. Seine Bemerkungen stießen Pforten zu Erinnerungen auf: an frühe Tatorte und den jungen Egon Bahr.
Willie rief an, sie wollte wissen, wo wir waren.
„Wir sitzen mit einem Dichter im Café“, antwortete ich klassisch. Es hätte keinen Sinn gehabt, den Dichter beim Namen zu nennen. Man sah Willie überall auf Plakaten, eine Lingerie-Matrone und Kneipenchefin mit einer Schwäche für fußballverrückte, armdrückende Broker – Hool-Banker, ein Fach für sich und nur echt mit dem Gütezeichen Made in England.
„Klingt wie sitzengeblieben“, sagte Willie. Sie hängte mich ab. Auf ihre Art war sie so rigoros wie Zschorsch.
Meine Routine der biografischen Auffassung seiner Person missfiel Zschorsch. Er wollte nicht mit links abgehandelt werden. Ich konnte nicht anders. Ich war Ende Dreißig und lebte wie ein betuchter Fünfundzwanzigjähriger. Was nicht leicht von der Hand ging, kam mir vor wie eine Krankheit. Wie etwas, dass nach Abstand schrie.
Steffi spielte das auf dem Teppich gebliebene Mädchen aus Bad Soden. Sie war eine Marktführerin, sie gab sich Mühe, Zschorsch nicht mit Gleichgültigkeit zu verletzen.
Nach Frankfurt kam er Zweiundachtzig.
„Hier war der Verlag“, also Suhrkamp.
Zschorsch stellte ein Bild mit Zschorsch, Johnson, Unseld scharf, Literaturgeschichte vor dem Verlagshaus in der Lindenstraße.
Nie krank gewesen, nie verheiratet. Zschorsch berief sich auf „die alte Garde der konservativen Revolution“, weil sie ein gutes Deutsch schrieb.
„Die Linke hat ja kein Verhältnis zur Sprache.“
„Das ganze reaktionäre Pack“ war Zschorsch recht, so kamen Stefan George und William Burroughs zusammen. Er rührte gern die Kriegstrommel.
„Ich bin ein alter Minenleger.“
„Alle großen Armeen wurden von Partisanen besiegt.“
„So langweilig wie heute war die Welt noch nie.“
„Jeder kann nur eine Sache.“
„Ich schöpfe aus dem Wahnsinn.“
Steffi malte in Zucker und Krümel. Sie verlangte die Rechnung.
Sie fragte den Dichter: „Können wir Sie irgendwo absetzen?“

22. März 2016

Hessenmeister

Die Heilpraktikerin als Kopfgeldjägerin

Um die Jahrtausendwende trieb Hauke für eine auf Ugly Casting spezialisierte Agentur weltweit schräge Gesichter und Figuren auf. Gefragt war nicht satirische Extravaganz.
Wir konnten uns an keine andere Jahreszeit erinnern, so lange währte schon Sommer. Hauke las eine Herbstgeschichte vor, während ich Lammlachse zubereitete.
An den Wänden hingen aufgeblasene Karteikartenbilder von Ugly-Stars. Hauke hatte ihre fünf Jobs gekündigt und machte nur noch ugly-scouting für Steffi. Steffi handelte weltweit mit schrägen Typen, ausgefallenen Gesichtern und jeder Art physiognomischer Extravaganz. Gefragt waren nicht satirische Varianten, das Lachen sollte im Hals des Verbrauchers steckenbleiben.
Hans Herbst schilderte schwarze Schönheit aus einer fernwehkranken Perspektive, ab und zu rief der Amerikaner an, mit dem Hauke vor mir angeblich schon lange nicht mehr zusammen gewesen war. Man war nur noch einmal gemeinsam in den Urlaub gefahren, bis auf Weiteres sozusagen.
Manchmal sprach ich mit Warren. Er war Biologe in der Armee, ein Trekker zwischen Wildwasser und Marihuana. Zurzeit stationiert auf Hawaii.
Hauke nannte Warren einen cunt hunter, sie war zu hell für Hitze:
„Der Afrikaner bewegte seine langgliedrigen, kräftigen Hände, während er sprach, und wenn er lachte, legte er sie zusammen wie zum Gebet, ließ sie wieder fallen wie große Schmetterlinge.“
Hauke schmolz förmlich, auf den Terrassen wurden Sonnensegel hochgezogen.
„Die alte dumpfe Furcht der weißen Rasse vor den Mysterien Afrikas“, schrieb Herbst.
„Keksdosenprosa“, sagte Hauke, die Leute kamen maritim über die Dächer. Man trug Tropenhelm, wenn man gut angezogen sein wollte, und dazu imperialistische Shorts. Für alte Wurlitzer Musiktruhen wechselten Vermögen ihre Besitzer. Wer eine Wurlitzer Musiktruhe besaß, war ganz weit vorn.
Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt …
Freddy Quinn hatte seinen Künstlernachnamen an eine Freddy-Manie verloren. Jeder sagte Freddy, selbst Hauke mit ihren ungepolsterten Grundsätzen. Sich bloß nicht anbiedern! Das war so wichtig für Hauke.
Auf ihre Art wollte sie auch was Besonderes sein, obwohl sie das immer abstritt. Während ich ganz normal sagte, komm, lass uns Porsche fahren. Das liegt im Trend, so ein alter Porsche. Darin sieht man auf jeden Fall gut aus.

*

„Was haltet ihr von den Drei Spinnerinnen?“, fragte ich.
Das Märchen ist so sinnlos wie viele Fernsehsachen. Es hat ein läppisches Happy End. Eine ursprüngliche Moral könnte im Zuge Grimm’scher Stoffverharmlosung verschütt gegangen sein.
Wir stromerten durch unsere Gebiete und deren Nachbarschaften, es ging einmal wieder um die Ugly Story. Ich kann euch das nicht ersparen. Die ultimative Ugly Story war „ein TV-Format der Zukunft“.
Ich wollte auf jeden Fall ganz vorn dabei sein. Permanent Performance – Steffi führte die Agentur in einem Hinterhaus. Vorn residierte Willie in der Kneipe gleichen Namens. Andere Kneipen hießen nach dem Sandweg „Sandsturm“ und „Sandbar“. Wir kamen über das Willie’s selten hinaus. Wir wohnten in einem „gefühlten Bornheim“, das nach den harten topografischen Tatsachen im Ostend lag.
Willie verdiente gut als korpulentes Unterwäschemodell. In ihrem Metier war Seltsamkeit Alltag. Eines Tages brachte sie Steffi einen Strauß Dark Metal-Swinger, der sich „künstlerisch“ fotografieren lassen wollte. Beruflich swingten die Paare in der Sozialarbeit. Sie lebten einigermaßen unauffällig unter der Woche. Am Wochenende feierten sie in ihren Kreisen. Sie vertraten konventionelle Ansichten. Über Gothic redeten sie wie über eine märchenmonarchische Gesellschaftsform.
Sie wollten sich „ausleben“. Überschreitungen waren Formalitäten, für die es Regeln gab. Körperbehaarung ging gar nicht, Übergewicht war kein Problem.
Man kratzte am S/M-Portfolio. Ich dachte, eine Kombination von Brüder Grimm und Gothic-Paartherapie könnte uns die erste echte Ugly Story liefern. Ich redete mit Hauke, ihr gruselte vor Hemmungslosigkeit nach Plan. Sie glaubte damals noch, dass andere Leute sich für Verhaltenswidersprüche interessieren würden.
Dass sie für ihr Glück Analyse brauchten.
Ich war das beste Gegenbeispiel, Frankfurt swingte, ich swingte mit. Ich trat vor die Tür, ein Fahrradkurier konnte es eben noch vermeiden, mich umzunieten. Anstatt die Ikone der Informationsgesellschaft anzuschreien, sagte ich:
„Sie sehen gut aus. Sie sollten sich fotografieren lassen.“

„Ich erbringe eine Dienstleistung.“
Er sagte das zu Steffi vor dem Gewächshausdschungel im Hof. Mirko saß auf meine Veranlassung und in Vernachlässigung seiner beruflichen Pflichten vor der Agentur und freute sich über ein zweites Frühstück. Er fand es kuhl, dass Steffi Fleischwurst aß und …

11. März 2016

Hessenmeister

Im Journalismus gehörte Ausschlafen zur Berufstätigkeit

Katja Lange-Müller beherrschte die Kunst, beim Ausatmen von Rauch ihre Rede nicht unterbrechen zu müssen.
„Guck mal“, sagte ich zu Hauke im Club Voltaire, wo alle am langen Tisch saßen, „was die kann.“
Lange-Müller war in den Neunzigern Stadtschreiberin gewesen, ich hatte ihr die Streuobstwiesen auf dem Berger Kamm gezeigt. Sie fand mich angenehm normal und schrieb mir sogar Postkarten. Von mir als Autor hielt sie wenig und damit nicht hinter dem Berg. Heute weiß ich, wie recht sie hatte. Damals dachte ich, die Katja hat keine Ahnung.
Birgit Vanderbeke war auch da, und Eva Demski. Demski gangelte mit einem Hünen … dunkle Brille/heller Mantel … der halb auf ihr lag.
Hauke fragte mich: „Ist das jetzt ein verrückter Lord oder kommt der vom Flohmarkt.“
Es sah so aus, als würde Demski ihn füttern.
„Das ist der Peter Kuper“, hörte ich mich sagen, „früher hat er Autos geklaut und später das Buch geschrieben.“
Das Buch kannte Hauke – „Hamlet“. Eine gute Geschichte von einem Seckbacher Buben, der die Gesellschaft zockender Metzgerssöhne und Metalldiebe der bürgerlichen Kulisse seiner Herkunft vorzog und mit Knast für seine Vorlieben zahlte. Gelegentlich kam er in den Genuss einer besonderen Gunst bei besonderen Frauen. Seinen Nom de guerre auf allen Pisten hatte er weg von einem geplatzten Statistenjob in einer Shakespeare-Inszenierung. Eine Sache des Scheiterns im Fritz Rémond Theater am Zoo.
Hamlet spielte eine größere Rolle auf den Bühnen des Nachtlebens, wo die Demimonde dem Mondänen begegnete. Er hatte etwas anzubieten, das gab es im Dutzend nicht billiger. Ein kompromissloser Kommunikationsstil sicherte ihm das Interesse jener gierigen Party-Society, die sich nach dem Krieg auf Rheinmain etabliert hatte.
Knast und Literatur – Für die Kombination war an erster Stelle Henry Jaeger zuständig. Jaeger war ein echter Bornheimer (Bernemer Bub) und Gangster mit eigener Bande gewesen, bevor er Großschriftsteller geworden war.

*

Wilhelm Genazino hatte bei „Pardon“ angefangen. Er lachte über die allgemein gewordene Forderung nach dem grandios die deutsche Vereinigung spiegelnden Roman. Genazino überraschte mit Entschiedenheit. Für seine Ansichten fand er kräftige Formulierungen, die defensives Gebaren kontrastierten. Am „öffentlichen Selbstdarstellungsgemetzel“ wollte er nicht teilnehmen.
Anders als ich. Zurückhaltung lag mir fern. Wir brachen einmal wieder auf, Hauke und ich, ich glaube, es war schon spät. Nun begann auch für Hauke der Arbeitstag branchentypisch nach zehn. Kein Mensch war vor zehn im Büro, wenn er in einem Verlag oder in einer Redaktion arbeitete. Im Journalismus gehörte Ausschlafen zur Berufstätigkeit, was hatte es mich schon genervt, wenn Hauke mit ihren fünf Jobs morgens um sechs angefangen hatte zu rumoren. Inzwischen arbeitete sie für Steffi als Ugly-Scout, das brachte viertausend im Monat. So viel hatte Hauke zuvor mit sämtlichen Job nicht verdient. Nicht mal die Hälfte hatte sie mit der ganzen Maloche von früh bis spät zusammengekratzt. – Und ich konnte ihr natürlich das Nachtleben nicht ersparen. Wir waren immer bis drei zugange, feiern war für mich auch Berufstätigkeit.
Allmählich ging Hauke Frankfurt auf, ich merkte manchmal schon Vorformen der Gerissenheit und der gemütlichen Gemeinheit.

5. März 2016

Hesenmeister

Kurzeck knatterte sein Oberhessisch mit dem Romrod-R

Peter Kurzeck hatte mehr Literaturpreise gewonnen als jeder andere. Inzwischen erfand man Preise für ihn. Unter seinem Schädeldach brannten die Reichsbahnhöfe noch. Der Krieg ging munter weiter in der Besenkammer seines Seins.
Ich traf Rumpelstilzchen, wie es sich die Hände rieb, in der HR-Kantine. Kurzeck war zum Abstauben bei Rosie Altenhofer von HR 2 Kultur im Haus. Er war ein Fall für Förderer. Er besaß das Talent in seiner Umgebung Großherzigkeit hervorzurufen. Einer, der in der Rolle des Hilfsbereiten nicht scheiterte, war Herbert Heckmann – Geburtsfrankfurter und Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Er trug einen Kolossalkopf auf dem breiten Hals des in die Jahre gekommenen und den Fleischtöpfen ergebenen Athleten. Heckmann hatte geboxt und gerudert. Er kam aus dem Kuhwald, einer Ecke vor Nied. Die Frisur war wie mit Absicht nie ganz in Ordnung, der Mann im Ganzen ein Beispiel für handfeste Lässigkeit. Ansehen genoss er als Freizeitfleischer. Er sprach eine Frankfurter Mundart, man konnte mit ihm gut über Wurst und Wein reden.
Heckmann gab S. Fischer den Vorzug. Da war was mit Suhrkamp über Kreuz. Geduldig wie ein Kaltblüter ließ sich Heckmann an unserem Tisch von armen Schreibleuten bequatschen, zu seinen Füßen lagerten Bücher in Säcken, Heckmann klapperte Antiquariate ab. Die Beute würde von Frankfurt bis nach Bad Vilbel getragen werden. Heckmanns Bibliothek bedrohte die Statik seines Hauses.
Wir waren leidenschaftliche Fußgänger, schon hatten Kurzeck und ich den Plan gefasst, Heckmann nach Vilbel zu begleiten. Wir malten uns die Route aus, jeder Umweg war uns recht. Es herrschte Vorfreude.
„Ihr Süßen habt es gut“, sagte Rosie Altenhofer.
Rosie sagte „ihr Süßen“, das müsst ihr mir schon glauben.
Der große, dicke Heckmann, der kleine, dünne Kurzeck und der allerdings athletische Texas Tuschick zogen nun los, um bei Eschersheim die Nidda zu gewinnen. Ich machte mir einen Sport daraus, die Bücherbeute zu schleppen.
Heckmann seichte seine Frankfurterisch, Kurzeck knatterte sein Oberhessisch mit dem Romrod-R, da waren lauter Verträgliche beisammen. Wie sie so gemeinsam zur Nidda hin ausschritten, lief ihnen Hauke über den Weg. Meine Freundin Hauke aus dem Land der Hauken. Einer ihrer fünf Jobs hatte sie ins Gebiet unserer Begegnung geführt. Sie jubelte, als man ihr eröffnete, welchen Willens und Weges wir waren.
„Da kümm' ich doch gleich mit“, rief Hauke zur Freude der Schriftstellerschar.
Leise fügte sie an: „Der Kurzeck hat ein Gesicht für Steffi wie gemalt.“

*

Steffi war formidabel im Geschäft. Wir führten Kurzeck zu ihrer Hinterhof-Agentur. Steffi war hellauf von Kurzecks verschrägter Flüchtlings- und Vertretervisage begeistert. Sie schickte den Assistenten Andi, damit er Willie herbei hole. Willie war nicht nur korpulentes Dessousmodell, sondern führte zudem die Kneipe gleichen Namens im Vorderhaus – „Zum Willie“.
Im „Willie“ betranken sich vor allem Engländer, die kurz vor Burnout standen. Sie waren einmal Wunderkinder gewesen und wollten immer noch bewundert werden.
Willie war von Kurzeck entzückt.
„Super, dass ihr den Steffi gebracht hat“, sagte Willie und fasste mich nach ihrer Gewohnheit scharf ins Auge. Sie war ein weiblicher Stecher mit durchgreifendem Jagdtrieb.
Ich brachte Haukes Verdienst an, Hauke hatte Kurzecks „Ugly“-Potential zuerst gesehen.
Steffi fragte Hauke unumwunden: „Willst du das nicht hauptberuflich machen und für mich Schrägis scouten?“
Haukes Blick bat mich um Rat.
Ich kniff ein Auge, ein Haukeauge kniff zurück. Das war Liebe.

29. Februar 2016

Hessenmeister

Ugly Casting

Steffis Spezialität war die Vermittlung schräger Gesichter und Figuren an Fotografen und Werbeagenturen. Gesucht wurden „humane Formate“, die nicht im Traum auf die Idee gekommen wären, sich optisch wertvoll zu finden.
„Wir sehen sie jeden Tag auf Straßen und im Fernseher. Nur hier sehe ich sie zu selten“, klagte Steffi.
Wir saßen vor der Agentur und genossen es, so prall am Leben zu sein.
Steffi nahm Maß, die Luft brannte.
Assistent Andi kam vor die Tür und sagte: „Puh.“
Steffi scheuchte ihn zurück, fast gleichgültig. Sie entschuldigte sich für den Trottel. Andi sei „zwanghaft unangemessen“.
Wir sahen die Schrägen jeden Tag, ohne daran zu denken, dass es in den Prozessen bis zur Publikationsreife einer Reklame immer einen Moment gab, in dem Berufskreative nach der waschmittelfesten B-Promimutti-Darstellerin oder einem schläfenschläfrigen Mann Mitte Vierzig riefen. Steffis Karteikartensammlung war eine unerschöpfliche Ressource des seltsam Normalen.
Steffi hatte zu internationalen Produktionen beigetragen. Sie beschrieb den Aufwand für einen Neunzigsekundenfilm, den jeder wegdrückte.
Hauke sagte: „Das ist doch Zuhälterei.“
Steffi war begeistert. Gleich morgen wollte sie sich zuhälterisch zurechtgemacht fotografieren lassen.
„Du hast einen tollen Blick“, sagte Steffi blasiert.
Sie rief Andi, er sollte Karteikarten herbeischaffen und aus Willies Gaststätte Getränke bringen. Inzwischen tranken die Bestien Caipirinha aus Bembeln.

Steffi kommentierte Karten: „Das ist die Anna. Die macht viel Wäsche.“
„Das ist die Bella. Die ist totfotografiert. Mit der geht gar nichts mehr.“
In Steffis Sachlichkeit turnte Schickeriasadismus. Im letzten Jahr des Jahrtausends standen fähige Despotinnen hoch im Kurs. Man konnte viel Geld verdienen, wenn man den Nerv hatte, Leute in Clubs auszupeitschen. Gutes Aussehen war Voraussetzung. Die Dompteure erwarteten ihre Kunden auf Decks.
Der Sommer Neunundneunzig war eine okkulte Großveranstaltung mit viel Sterndeuterei.

*

Wir waren über Nacht geblieben, Steffi hatte im Hinterhaus eine Wohnung. Nichts Spektakuläres. Nun beobachtete ich sie wieder im Dienst, während Hauke am Cityring den Süchtigen gefiel. Gegen neun erschien Schneewittchen. Es rauschte mit einem Schminkkoffer ins Bad. Viersprachig laut eigenen Angaben und einem ordentlichen Stand zugehörig, zeigte es eine verstörende Bereitschaft zur Kooperation mit der routiniert erniedrigenden Steffi. Den Ursprung der Verfügbarkeit, vermutete ich in einem Hoffnungsschlund, in den ich nicht gucken wollte. Der klickenden Kamera schenkte Schneewittchen das Lächeln der Verliebten, da Steffi es von ihr verlangte.
Willie kam verquollen vorbei, singende Engländer hatten sie die ganze Nacht auf Trab gehalten. Sie hätte die Kneipe einer Angestellten überlassen können, Schuld am Kater hatte ihre Vorliebe für singende Engländer.
Wir setzten uns zum zweiten Frühstück. Ein Ring Fleischwurst musste daran glauben. Die Frauen hatten viel zur Verfügung.
Eine Familie rückte an. Das Mädchen hatte sein Debüt in der Sparte Teil-Casting. Sie reüssierte mit einer Hand, die abgenagter Fingernägel wegen gebucht worden war.
Wie annoncierte man so was?
Ich fragte nicht. Im Teil-Casting lieferte Steffi neben kräftigen Unterarmen für das Titelbild eines Gewerkschaftsorgans vor allem Augen. Etwas „Selbstbewusst-Starkes“ in den Augen zu haben, konnte jemanden für einen Augen-Job qualifizieren.
Der Ernährer der Hand-Darstellerin erschien als vollbärtiger Jeansmann unter seiner Kappe. Seine Frau schob ihn auf den Schießplatz. Um Gestik gebeten, probierte er Steuerbewegungen. Nachdem die Familie gegangen war, analysierte Steffi: „Der taugt zum Angler, falls wir mal einen brauchen.“

*

Mit dem Ostpark hatte Gartenbaudirektor Karl Heicke den ersten echten Frankfurter Volkspark verwirklicht. Alle anderen Parks waren übernommener Privatbesitz.
Ich traf Hauke im Ostpark. Mädchen übten American Football. Taschen markierten Torräume.
Hier wollte ich alt werden als einer der grauen Männer, die bei jedem Wetter Bier am Wasserhäuschen tranken. Manchmal rollte ein Cadillac mit getönten Scheiben vor, man konnte sicher sein, dass der Fahrer allen bekannt war.
Wir stellten uns auf die Schwedlerbrücke und sahen hin zum Ostbahnhof. Auf der Südlichen Zufuhr klopfte Annette Gloser Teppiche. (Später mehr dazu.)
Wir durchmaßen den Riederwald und das Enkheimer Ried. So lebten wir miteinander, Hauke und ich, im Stundenlang des Einvernehmens. Manchmal traf ich Hauke im Bethmannpark. Schon im frühen 19. Jahrhundert, als der Anlagenring seine Gestalt empfing, dachte man über die Fortsetzung der Begrünung entlang des Mainufers nach. 1860 wurde „das Nizza“ angelegt.
Hauke war fremd in Frankfurt, ich konnte ihr die Stadt erzählen, ohne auf Widerspruch zu stoßen. Ich sah Genazino. Klar, dass er keine Bodenunebenheit oder kaputte Plastikgabel auslassen konnte. Alles würde Text werden.
Ich unterbrach meinen Vortrag und sagte zu Hauke:
„Guck mal, da ist der Genazino.“

19. Februar 2016

Hessenmeister

Mit Hauke auf dem Hauptfriedhof

Wäre das von zahllosen Motoren als Geräuschsumme erzeugte Rauschen in der Luft nicht gewesen, wir hätten uns an einer der verkehrsreichsten Frankfurter Ecken im Wald fühlen dürfen.
Ich erzählte meinen Tag, beschrieb das Drehortgeschehen so genau, bis ich keine Psychologie mehr zur Verfügung hatte. Das war eine Leidenschaft.
„Alle sehen sich im Wettbewerb. Die letzten Pfeifen halten sich für effektiv“, sagte ich.
Ich holte aus: „Bringer konkurrieren nicht.“
„Das glaube ich nicht“, widersprach Hauke. „Der Punkt ist, dass es für vieles ganz früh zu spät ist. Bestraft wird die Verspätung und vergütet wird Rechtzeitigkeit. Rechtzeitig gewusst zu haben, was man will und nicht erst mit vierzehn oder fünfzehn.“
So redete Hauke über sich. Sie gehörte zu jenen, die probierten. Gitarre, Extremferien, Atemtherapie – Hauke hatte zwei Jahre Yoga und ein halbes Jahr Karate gemacht und außerdem zwanzig Sachen angefangen. Das rächte sich.
Auf dem Friedhof lagen bedeutende Leute genauso tot in der Erde wie andere. Wir besuchten das Grab von Ricarda Huch, uns zuvor gekommen war Peter Härtling. Er klappte auf einem Stuhl vom Segeltuch. Die Arme stützten den Rumpf strebengeometrisch, die Hände hingen raumfordernd vor dem Leib in der Luft. Der schwäbische Liebling aller Buchhändlerinnen zog eine Versenkungsdemo ab.
Eine Frau in der Aufmachung privat musizierender Lehrerinnen, eine von Selbstzucht verbogene Schwärmerin, schlich sich zur Kontemplationsschau.
Ja, wir nahmen uns an die Hände in diesem Neunundneunziger Sommer. Der Sommer stand bullig in der Tür zum Herbst, es gab kein Durchkommen für den kleinen Dicken. So nannte Hauke den Herbst.
Sie spielte gern und lockte mich auf ihre Spuren.
Aus Monumenten sprach ein fantastischer Bürgerstolz.

*

Wir überflogen die Friedberger Landstraße und landeten in dem 1891 von der Stadt Frankfurt erworbenen Park der Günthers. Die Günthers waren vortreffliche Hessen gewesen. Das Geschlecht der Günthers fand im Nibelungenlied Erwähnung. Darin erinnerte die Nibelungenschänke. Im Günthersburgpark traf der deutsche Anwalt, die schrille Tochter an der Hand, seinen spanischen Gemüsehändler. Wir trafen Wilhelm Genazino, den alten Mannheimer, und folgten ihm zu seiner Wohnung an der Rohrbachstraße.
Ein Blechkäfer schmückte die Berührungslinie versetzt gestellter Beistelltische.
Die Wohnung war dunkel und wirkte wie ein Schrankflur, den keiner mag.
Hauke und Genazino redeten über Heimatgefühle. Heimatgefühle entstünden, wenn man sich freuen könne, in einem Geschäft, wo man gestern freundlich begrüßt wurde, heute noch erkannt zu werden.
Die Geschäfte und ihre jungen Inhaber wechselten rasch, während die Verbraucher im Nordend vergilbten. (Damals war das so.) Genazino erzählte von einem Raum in seiner Nähe, in dem von der chemischen Reinigung bis zum Gemüseladen schon alles Laden gewesen sei.

*

Ich springe in den Ostpark. Ich könnte Hauke bei Genazino lassen, sie könnte auch um die Ecke Alissa Walser oder Ulrike Kolb besuchen. Schriftstellerinnen hatten wir im Nordend wie Sand am Strand im Schuh. Nein, Hauke kommt mit. Der Ostpark wurde 1906 entworfen und bis 1911 mit großen Wiesen, einem Teich und Schulgarten gestaltet. Bodo Kirchhoff kreuzte unsere Bahn. Er zog einen zum Mantel passenden Koffer hinter sich her. Kirchhoff hatte seine Deutschstunde in meinem Leben gehabt, als er noch nicht der große Romancier auf den Klippen des Trivialen gewesen war, sondern ein Autor für Liebhaber von Egomanenprosa mit Bahnhofsviertel-Hautgout.
Kirchhoff litt unter einer unglücklichen Liebe zum eigenen Bart. Ich empfand ihn als Virtuosen. Vielleicht verwechselte er den Park mit einem Flughafen.
Ein Bettler sprach ihn an. Das war keiner von der Haste-ma-ne-Mark-Fraktion. Er agierte im Trenchcoat. Ihm fehlte Kleingeld für eine Fahrt nach Bad Homburg. Unter der Verkleidung als abgebrannter Verkehrsteilnehmer platzte die soziale Haut.
Kirchhoff ignorierte das Begehren, umging den Wegelagerer, ganz der Metropole, der jeden Abend, bevor er zu Bett geht, noch einmal aus den Fenstern nach den Pennern schaut. Nach ein paar Metern schlug ihn das Gewissen. Er wandte sich um und eilte auf den Bettler zu, der Kirchhoff abgeschrieben hatte und vor der unerwarteten Annäherung zurückwich – die Kläglichkeit in Abwehrhaltung. Kirchhoff manövrierte mit Koffer und Geldbeutel. Er schaffte es, ein Almosen loszuwerden. Der Beschenkte wollte etwas sagen, aber Kirchhoff wollte nichts hören. Er machte das klar mit einer Geste. Die Geste sagte: Keine Lügen. Erzähl mir bitte keine Lügen.
Diese Ästhetenangst vor der armseligen Fantasie beschränkter Schwindler, die im allgemeinen Kreislauf des Gebens und Nehmens einfach nur mitmischen wollen, ohne Erwägungen und Raffinesse.

*

Im Vorderhaus war ein Lokal für fünfunddreißigjährige Bringer. Verbrauchte Broker schrien ihren Siegeswillen heraus. Ihr Sport war Rugby. Manchen reichte es mit der Trainingstasche in die Kneipe zu kommen.
Für dauerhaft galten kurze Fristen. Wer zwölf Monate durchgehalten hatte, kriegte einen Traditionswimpel ins Fenster gestellt, das war Haukes fünfte Nebenbeschäftigung. Hauptberuflich war sie blonder Engel der Malteser, gab Methadon ab und nahm Urinproben an. Sie arbeitete in der Burg, schob den Dienst der Aufsicht über die Dinosaurier im Senckenberg Museum, half im Altenheim und verteilte die Traditionswimpel von Unsere Stadt soll schöner werden und Kauft im Kiez. Die Vereine gaben Rabattmarkenhefte aus, das war der letzte Schrei im verröchelnden Jahrtausend. Rabattmarken waren todschick. Der geilste Schnickschnack. Hauke stellte ihre Wimpel in unerzählbare Hipster-Schwemmen und Frisör-Stuben mit piefigem Pfiff. Sie platzierte Wimpel auf Umschlagplätzen für gebrauchte Tonträger. Ich war immer dabei, Hauke und ich klebten zusammen. Wir waren ein Paar, das keiner kapierte.

*

Im Hinterhof stand ein Bassin getarnt als Teich. Es gab das Klappstuhlensemble und den kaputten Grill und eine Begrünung, die im Herbst dramatisch rot zu werden versprach. Stefanie nahm den Wimpel von Hauke entgegen, sie gewährte uns ihre Gastfreundschaft. Vielleicht ging ihr Interesse an Hauke weiter als sie zuzugeben bereit gewesen wäre.
Steffi hatte sich auf schräge Sachen spezialisiert – Ugly Casting. Sie kam aus Bad Soden und war normal geblieben.
Steffi hakte nicht in die Luft, um etwas in Anführungszeichen zu setzen. Sie war privilegiert bis hin zur vornehmen Handschrift.
Im Vorderhaus war ein Lokal für die fünfunddreißigjährigen Bringer. Verbrauchte Broker schrien ihren Siegeswillen heraus. Ihr Sport war Rugby. Manchen reichte es mit der Trainingstasche in die Kneipe zu kommen.
In Steffis Studio stand ein Weltraumfahrrad. Die Studioleitungen lagen auf dem Putz. In Metallschränken verwahrte Steffi sechstausend Karteikarten. Sie rauchte am offenen Fenster eine exotische Marke. Die Zigarette roch nach Nelke. An der Pinnwand klemmten das Pilates-Flugblatt und die Thai-Speisekarte.
Das Geschäft mit dem Foto, das sogar dich reich und berühmt machen konnte, übte enorme Anziehungskraft nicht nur auf die Siebzehnjährige aus, die keinen Zweifel daran hatte, dass ihr Karriere-Glück in naher Zukunft wie in einem Überraschungsei steckte. Ein paar Gepiercte erwarteten den Kamerablitz stoisch im Vorraum.
Steffi nahm den Nachwuchs mit, ihr Hauptgeschäft war die Vermittlung von in Perückenbenutzung versierten Rentnerinnen mit Spaß an krauser Performance. Wichtig war Willie, Wirtin von Beruf und Darstellerin aus Passion. Typ Sägebrecht.
Willie galt als gut für schräg.
„Wollt ihr sie sehen?“ fragte Steffi. Sie würde die Gewissheiten ihrer Eltern vielleicht nie entbehren müssen.
Es gab Anfragen für leicht schräg und ein bisschen witzig.
Willie führte das Lokal im Vorderhaus, für den Traditionswimpel war sie zu lang im Geschäft. Sie kam aus der Küche, eine glühende Brumme.
„Auf eine Zigarette“, sagte Willie. „Dann muss ich wieder.“
Steffi zeigte mir die Kartei eines kahlen Profi-Pantomimen.
„Der geht und kommt gut“, sagte Steffi. „So wie Willie.“
Willie hisste halbe Ärmel über den Oberarmen, die durchhingen wie ältere Schenkel mitunter.
„Warum fragst du mich nichts?“ fragte Willie. „Ich meine, weshalb bist du sonst hier?“
„Wir haben den Traditionswimpel von Unsere Stadt soll schöner werden und von Kauft im Kiez vorbeigebracht und sind hängengeblieben.“
„Du willst nicht über mich schreiben?“
Viel gebucht wurde ein junggeselliger Fliesenleger mit Familienvaterausstrahlung. Steffi beschrieb ihn als begnadeten Gesichtsgymnastiker. Ein Naturtalent der Lebensfreude.
Willie warf mir einen bezwingenden Blick zu.
„Ich schätze, du bist okay. Ihr kommt, wenn ihr mit Steffi fertig seid, zu mir ins Lokal. Sagt der Bedienung Bescheid, dass ihr es seid.“
Hauke nahm eine Nelkenzigarette und verzog sich in die Idylle vor der Tür. Ein Assistent arbeitete die nächsten Topmodelle ab. Eine Karteikarte anzulegen, war leichter und ging schneller, als die Mädchen abzuwimmeln.
„Die verstehen das nicht. Dass es nicht um sie geht. Es wird nie um sie gehen, aber das verstehen sie auch nicht“, sagte Hauke. „Erst strolchen sie zum Casting, dann sitzen sie bei mir in der Methadon-Vergabe. Unsere Kinder lassen wir erst gar nicht vor die Tür.“
Ich freute mich über den Heiratsantrag.

12. Februar 2016

Hessenmeister

Feridun Zaimoglu verweigert dem Handkäs die letzte Ölung

Plaudernde Menschen im Hintergrund: das war die Aufgabe von fünfzehn Komparsen. Man hatte sie weggestellt, um den Wahnsinn und die Not ihres fehlgehenden Ehrgeizes nicht ertragen zu müssen.
Jede hielt sich für eine Schauspielerin. Die Lage im Verließ einer Kellerbar zersetzte mich auf Anhieb.
Ich hatte mich in das Zufallsensemble geschleust, um darüber zu schreiben. Die Komparsen gaben voreinander an. Ihre Angaben standen im abenteuerlichen Gegensatz zu der Nullreputation im TV-Produktionsgeschehen. Der Widerspruch zog Konfliktketten nach sich und sorgte für idiosynkratische Reaktionen. In Spezialtaschen mitgeführte Sachen wurden auf einem abgedeckten Billardtisch der Ansicht zur Verfügung gestellt.
Beiläufige Materialprüfungen. In Kennerschaft vorgeschobene Unterlippen. Stoffe zwischen Daumen und Zeigefinger.
Ich sah lauter schicke Waschweiber. Gesten der Empfindsamkeit ergaben ein Makeup der ebenso allgemeinen Aggressivität. Vor den Frauen lagen zehn Stunden Bedeutungslosigkeit. Dafür gab es hundert Mark.
Männer waren „lecker“.
Ich beobachtete mimisch verschleierte Feindseligkeit. Der Gesprächsfluss nahm sexuelle Frachten auf, eine Münchnerin brachte die „Besetzungscouch“ ins Spiel. Sie würde im Raum fehlen, könne jedoch vom Billardtisch ersetzt werden. Das klang wie eine Denunziation besser untergebrachter Darstellerinnen.
Die technische Einweisung lieferte eine Regie-Assistentin, die, von Arbeit wie gerupft, beinah schmutzig, vor den geleckten Komparsen um Hochmutsbegrenzung sich bemühte.
Die zarten Modelle musterten sie mit den Augen der Menschenfresserinnen.
Während der Dreharbeiten dürften wir nicht in die Kamera schauen. Wir sollten tonlose Redebeiträge liefern. Unser Warten nannte die Assistentin eine unvermeidliche stand-by-Situation.
Die Zeit der Komparsen ist billiger als jedes andere Modul einer Fernsehserienfolge. Ich glaube, das sagte die Assistentin auch.
Ab und zu jaulte ein Spielautomat auf.
Plötzliche Lautlosigkeit auf Anweisung, nach drei Stunden Geplapper. Es wurde gedreht, noch ohne uns. Manche hielten die Spannung nicht aus, begannen zu flüstern und zu kichern wie in der Schule. Die Szenen liefen von „Bitte“ bis „Danke – Aus.“
Nach vier Stunden in Ecken wurden wir aufs Set geschmissen, in eine Geschichte mit Mischgetränken aus Farbstoffen, Wasser und Lametta: für Männer, die nach Feierabend noch Krawatte tragen, und Frauen, die ihre Chefs aufregend finden. Männliche Komparsen mussten sich so setzen, dass die Kamera ihre Rücken, allenfalls das Profil zeigte, während die weiblichen Kollegen frontal zur Kamera platziert wurden. Gesichtsprostitution. Verlangt wurde, dass die Frauen ihre Gesichter hergaben zur Belebung einer Szene, in der ein richtiger Schauspieler (Jacques) eine auf Hure getrimmte Joanna zurückwies.
Meine Situationspartnerin war wie erschlagen von der Nähe zu Fernsehpersönlichkeiten. Sie konnte den Blick von Jacques und Joanna nicht abwenden, obwohl sie nur mich angucken sollte. Sie war Fotomodell (nicht Schauspielerin) und fest entschlossen, berühmt zu werden. Deshalb war sie schon in der SAT 1-B.Kerner-Schau zum Thema „Ich will ein Star sein“ gewesen.
Die Schauspieler machten ihren Job, ich konnte nicht sagen, ob gut oder schlecht, die Regie-Assistentin schmierte um den Regisseur herum. In seiner heiteren Macht- und Leibesfülle glich er einem zynischen Buddha. Die Assistentin kniete und kroch vor ihm, um dieses oder jenes in der Regiekladde zu notieren oder um an Kabeln zu zupfen.
In der Mittagspause wurden die Schauspieler vor den Komparsen in einem Restaurant nebenan versorgt. Bestimmt hatten sie eine Wahl, im Gegensatz zu uns. Ich freute mich über Nudeln in Pilzsoße. Meine Situationspartnerin verblüfft mit Appetit. Das superschlanke Modell hielt weder Diät noch trieb es Sport. Todernst erläuterte es seinen Karriereplan. Mir gegenüber saß die einzige Ältere. Ich schätzte sie auf Ende Zwanzig. Vielleicht war sie mal wer gewesen, zumindest kultivierte sie die Aura einer glorreichen Vergangenheit. Sie nannte, was sie tat, „semi-professionell“. Ihre Ansichten fußten auf Nüchternheit und waren von Melancholie überschattet.
Am Nachmittag zerfiel die strikte Trennung zwischen Komparsen und den wichtigen Menschen. Es kam zu einem Andachtsmoment, als Barbara Wussow zum ersten Mal auftrat. Meine Partnerin bewunderte Wussows Rokoko-Korkenzieherlocken hemmungslos. Sie hieß auch Barbara und hielt das für ein gutes Zeichen.
Hauke holte mich ab, sie musterte die Modelle, sie konnte stinkig werden. Angeblich hatte ich den Tag angenehm mit „geilen Bräuten“ verbracht, während sie gearbeitet hatte.
„Es war lähmend“, sagte ich.
„Augen auf bei der Berufswahl“, wiederholte Hauke einen alten Stalburg-Spruch. Sie kämpfte sich durch vier Jobs und war schon einmal vor Erschöpfung vom Fahrrad gefallen.
Wir stießen hart durch die Händelstraße auf die Nibelungenallee vor. Wir überquerten den Alleenring ohne Rücksicht auf Verluste und stürmten auf den Hauptfriedhof. Als „Friedhof vor den Toren“ war die Anlage 1828 nach Plänen von Sebastian Rinz geschaffen worden.

Hessenmeister

5. Februar 2016

Zaimoglu nimmt seinen The bei Frau von Holzhausen

„Unsere Wohnung ist wunderstill und allein. Es ist übrigens eine sehr närrische Wohnung. Der ganze Bezirk, in dem sie liegt, heißt Mohrengarten.“

Das schrieb 1830 ein Nachbar der Holzhausens. Er hieß Wilhelm von Humboldt und wurde gemeinsam mit seinem Gemeinschaftsgenossen Feridun von Zaimoglu von Frau Holzhausen „von Zeit zu Zeit zu einem Thee“ gebeten. Der Gatte der Gastgeberin, das überliefert Zaimoglu, „verachtet das bürgerliche Gewerbe und tut, als ginge es ihn nichts an.“

1030 ha Grünflächen entfielen in Frankfurt auf Parks. Die Liga, eine Splittergruppe der Nordend Kanakster Lauf- und Literaturgruppe, gab die Parole Kanakster sind Grün aus. Das war ein Aufbruch ins bürgerliche Lager, wirkte zuerst aber wie eine Veganisierung des Kanakstertums. Eine KG-AG betrieb dann die erste und einzige Kanak-A-Movement-Hausbesetzung. Auch sie scheiterte im Erfolg.

Der größte Park der Stadt lag an der Nidda, mit Spazierwegen über zwanzig Kilometer. Auf diesen Strecken entstand die Idee zu Kanakster studieren Germanisti, der Urform unserer NK-Lehrergruppe (NKL). Kontrovers besprochen wurde die Frage, ob es gegenüber unseren Kanakas unhöflich sei, „deutsche“ Freundinnen zu haben. Murat legte mir seine Ansichten dar, er begriff mich als Zaimoglu für den Hausgebrauch.

*

Am Oeder Weg stand einsam ein Portal. Soweit ragte der Holzhausenpark historisch ins Nordend.

Wir marschierten auf der Fürstenbergerstraße. Sie drängte mit der Hammanstraße in einen rechten Winkel. Da betraten wir den Holzhausenpark. Wir hatten die ursprüngliche Parkausdehnung auf Stichen uns angesehen. Auch Nihan war im Stadtarchiv „fündig“ geworden.

Fündig war ein Nihan-Wort. „Pfundig“ fand ich noch schlimmer.

Straßennamen bezeugten die Herrlichkeit einer Familie. Die Hammanstraße war nach Hamman von Holzhausen benannt, der 1503 das Anwesen in/auf der Oede erworben hatte. Parallel zur Hammanstraße verlief die Justinianstraße. Justinian hieß Hammans Sohn. Justinian heiratete Anna von Fürstenberg.

Es gab eine KA-Initiative zur Nutzung des Wasserschlösschens im Holzhausenpark. De la Fosse hatte sich da um 1728 als Architekt bewährt. Der war auch Ausländer in Frankfurt. Einige NK-Gruppen und KA-AGs nutzten das Schlösschen für Veranstaltungen. Anderen erschien die Kulisse zu bourgeois.

Das Selbstgefühl entschlossener Städter verströmte im Park. Die Leute verband eine Happy-End-Variante der alten Geschichte von Auflehnung und Anpassung. – Vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer. – Vom Anarchiegedöns zur Pensionsberechtigung.

*

Haukes Sachlichkeit trug Sommersprossen, ich war schon sehr verliebt. Hauke las zu ihrem Vergnügen und nicht, so wie die Kanakster, um sich aufzuladen und sich der Muskel-APO überlegen zu fühlen. Für uns waren Schriftsteller Mitarbeiter der Gegenwart. In Ingo Schramms „Fitchers Blau“ entdeckten wir eine vorgetäuschte Manie und eine Realitätssucht am Blindenstock der Moderne. Karl K. ist Schramms Mann fürs Grobe, ein kurzweiliger Kolonnen-Kuli und „Engerling im Arsch der Erde“. Der Ostberliner weiß: „Woraus getrunken wird und was trinkt, muss eines Tages zerbrechen.“

Neunundachtzig beschleunigte sein Absinken. Der letzte Sturz steht an. In der Regie des echten Zaimoglu folgten die Kanakster Karl durch ein Revier der Trinkgelegenheiten in Prenzlauer Berg. Gemeinsam trafen wir die sozialistische Soziologiestudentin Janni und Aynur, den Türken. So lasen wir, so eingehend und hingerissen.

„Wir werden Türken bleiben“, sagte Murat.

„So wie die Ossis auch“, antwortete Hauke gekonnt ungenau.

*

Der Sommer nahm kein Ende, ich schleuste mich als Komparse in eine Filmproduktion. Der Job war ein Angriff aufs Ego. Ich stieß zu einer Truppe, die bei Gelegenheit die Aufgabe plaudernde Menschen im Hintergrund erfüllen sollte. Das war erst einmal eine Versammlung von zehn Frauen und fünf Männern, die im Spielzimmer einer Kellerbar wie weggeschlossen ihren Einsatz erwarteten. Wer nicht Schauspielerin war oder werden wollte, war Modell. Die Komparsen verharrten in Duldungsstarre. Ihre Ambitionen schufen einen extremen Gegensatz zu ihrer Funktion. In den Hierarchien der TV-Welt waren sie die Letzten.

29. Januar 2016

Hessenmeister

Zaimoglu informiert Bill Gates

Der Tag begann mit SUB (Schwul, Unabhängig, Bunt), dem „ersten schwulen Frühstücksradio Frankfurts“. „Coming out als Hörspiel“ – Hauke brauchte Minderheiten, um frei atmen zu können. Das ging morgens los mit Radio X-Mix auf 107.5. Alle hörten HR3, Hauke hörte unabhängiges Stadtradio. Sie störte sich nicht an den herumlungernden Aufklärungsabsichten der Programmmacher, die auf dem Sprung ins Establishment waren und ihr Publikum mit „liebe Zielgruppe“ ansprachen.
Nach SUB kam Gameboy Günther und dann eine Stunde Mosern über die täglichen Glanzleistungen der Presse. Hauke hatte den Vormittag frei und wollte nach dem Frühstück noch mal mit mir ins Bett. Im Bett redeten wir über „Microsklaven“, den zweiten Roman von Douglas Coupland, und über die Earth Tones in „Generation X“. Den Eltern der Earth Tones war der amerikanische Traum zum Fetzen geraten. Ihre Deklassierung ertrugen sie in batikbunten Kostümen – schwul, unabhängig, bunt. Man konnte sich drehen und wenden wie nur was: bunt war überall.
Die Eltern verwandelten ihre Enttäuschungen in Weltanschauungstheater, das ihre Chancenlosigkeit wie eine Sichtblende kaschieren sollte.
In „Microsklaven“ spielen Armutssubkulturen keine Rolle. Es geht um Geeks, die für Bill Gates oder bei Nintendo arbeiten. Geeks träumen davon, mit ihren Rechnern sprechen zu können.
„Geek impliziert Geld“, schreibt Coupland. „Geeks vergleichen sich mit Rechnern. Sie beschreiben sich als „menschliche Festplatten“.
„Mir wurde klar, dass die Menschen voll mit Bazillen und Viren sind, genau wie ein extrem vollgestopfter Quadra. Wir sind alle zweibeinige Terrarien.“
„Was, wenn der Rechner doch sein eigenes Unbewusstes hat?“
Hauke wollte die Übung unterbrechen, das duldete ich nicht. Geeks orientieren sich an Comic- und TV-Helden. Sie überbieten sich im Spleen. Sie erfinden Marotten. Nur Schlaf und Spiele unterbrechen die Arbeit. Computerprogramme erscheinen den Twens forever als „die Architektur der Neunziger“. Ausländer erkennen sie auf Anhieb, weil die immer noch rauchen.
Dan ist ein e-mailsüchtiger Microsoft-Bug-Tester, ein Kind, das in die Jahre gekommen ist. Mit einem Vater bei IBM. Microsoft ist für Dan nicht ganz nur ein großer Bürobedarfshersteller. Der Kult um Bill macht den Unterschied.
Dan lebt mit den Kollegen zusammen.
„Das sollten wir auch tun“, verlangte Hauke. „Lass uns im Namen von Kanak-A-Movement ein Haus besetzen.“
In diesem Augenblick unterbrach Murats Erscheinen das Gespräch. Wir hatten ihn zwar erwartet, aber nicht damit gerechnet, dass er durchs Fenster einsteigen würde, während Hauke und ich uns im Bett mit Coupland beschäftigten. Die Idee, im Namen von Kanak-A-Movement ein Haus zu besetzen, fand Murat großartig. Vielleicht galt seine Begeisterung viel mehr Hauke.
„Möchtest du Kaffee?“ fragte Hauke.
„Bist du wahnsinnig?“ fragte Murat. Er kannte von Friede keine Verwöhnung. Wie alle Konvertiten übertrieb Friede. Ihr Aktionismus ging jedem echten Kanakster auf die Nerven.
Hauke befleißigte sich der Eile, dass Murat zu einem Kaffee kam.
„Du hast es gut mit Hauke“, sagte Murat.
Ungefragt hatte er sich auf die Bettkante gesetzt.
„Du steigst auch noch dahinter“, tröstete ich den jungen Aktivisten.

*

Wir setzten unseren Frankfurter Lern-Spaziergang fort in folgender Besetzung: Hauke, Zaimoglu, Murat und Friede. Ich verstehe mich von selbst als Chronist der Ereignisse, die unerhörten Höhepunkten entgegen strebten. Wir erreichten nun den Rothschildpark, der im frühen 19. Jahrhundert als Hinterland eines Palais angelegt worden war.
„So hat man damals gewohnt“, sagte Zaimoglu zu seiner kleinen Schar. Er lud dazu eine Geste aus, die sich mühelos mit den Zehen am Ohr kratzen konnte. Hauke und Friede fanden das empörend: Wie konnte eine Familie so viel Raum beanspruchen! Auch der Grüneburgpark war eine Rothschildgründung. Der Park geht auf ein Gut des 14. Jahrhunderts zurück.
Ich fand, dass Friede nach Verwesung ein wenig roch, die Rothschilds erwarben das Anwesen 1837. Er diente jetzt verschiedenen Gruppen und Interessen gleichermaßen.
Bedachte man, dass eine Sonnenbrille spielend mehr gekostet haben konnte als mein Fahrrad. Ach so, wir waren auf Rädern unterwegs. Plastikdeckel flogen uns um die Ohren. Eine kaum gezügelte Kopulationsbereitschaft des Parkmenschen machte Hunde biestig. Sie schnappten nach den Waden der Läufer. Für Frankfurt wurden unter Berücksichtigung der Friedhöfe über 15.000 ha Grünflächen ausgewiesen.
„Wisst ihr, was Alienation of Affection bedeutet?“ fragte Murat im Palmengarten, den vom Grüneburgpark nur eine Straße trennt, benannt nach einem Gestalter beider Anlagen, dem Landschaftsarchitekten Siesmayer.
Zaimoglu wusste es nicht, die Frauen reagierten erst gar nicht. Reiner Zufall, dass ich wusste, wovon Murat sprach. Mir war nicht klar, warum Murat das amerikanische Gesetz ins Gespräch brachte. Er sah aus wie ein Schauspieler, mit dem die DDR ihre Indianerrollen besetzte. Ich kramte in meinem Gedächtnis, ja, Murat erinnerte an den Häuptling aller Sachsen – Gojko Miti?.

22. Januar 2016

Hessenmeister

Zaimoglu begrüßt Johann Christian Senckenberg

Harkan passte seine Preise den Möglichkeiten der Kunden an. Mit einem Blick erfasste er Spielräume. Seit Jahr und Tag stand er mit seinem Gemüse vor der Zoo-Passage. Aus einem Schacht strömten die Verbraucher zur Auslage. Auch Straßenbahnen hielten förmlich davor. Harkan hatte den besten Platz der Stadt. Das war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Analyse. Harkan war Geburtsfrankfurter und Nordend Kanakster der ersten Stunde.
Es gab Leute, die bloß einen Apfel brauchten, den sie mit Kennermiene angelten, am Ärmel polierten, um wie in einem Spot die Zähne ins Fleisch zu schlagen. Andere hatten für Familien einzukaufen und schleppten Harkans 1-B-Gemüse tonnenweise weg.
Jede Lebensäußerung wurde gedeckt von echter und vorgetäuschter Gleichgültigkeit der Übrigen. Man ging einfach vorbei. An den Junkies im Windfang der Passage. An den vor Fremdheit und Zurückweisung Gestauchten. An in ihren Gehzelten Verborgenen.
Trinker beschützten ihre Gesichter. Das war im Ostend Alltag.
Hauke kam zu uns, sie arbeitete in der Methadon-Vergabestelle der Malteser, ihr letzter Chef war als Hochstapler aufgeflogen. Ein Junkie, der den Arzt gespielt hatte.

Zurzeit leitete Hauke die Einrichtung. Sie ignorierte ihre Kundschaft auf der Straße, sie betete den Herbst in einem Rollkragenpullover herbei.
An einer Hauptverkehrsstraße wähnte sich Harkan an der frischen Luft. Er nannte die frische Luft einen Vorzug seiner Arbeit. Nur an den kältesten Tagen verlor er seine Gemütlichkeit. Dann fing sich der Wind im Verschlag, die Eilenden im grauen Frost nahmen eine sich selbst umarmende Jammergestalt wahr.
Im ewigen Neunundneunziger Sommer verdunstete jeder Gedanke an Abkühlung. Wer es sich leisten konnte, quartierte sich in einem Hotel mit klimatisierter Lobby ein. Wir ließen Harkan stehen. Hauke begleitete Murat und mich, Süchtige grüßten den Engel der Malteser. Wie viele Drogenhelferinnen war auch Hauke ein halber Junkie. Der Underdog in ihr schlug ständig an. Hauke konnte sich nur gehen lassen, wenn keine Bürgerlichkeit im Spiel war. Sie verkehrte fast intim mit den lottrigsten Typen. Zwei Brüder umkreisten uns. Die Jungen lebten seit Jahren auf der Straße, sie hatten beide einen schweren Hau, überstanden sich aber gut im brüderlichen Schutz- und Trutzbund.
Diese Jungen würde keiner mehr auf eine gesellschaftliche Bahn kriegen, Hauke war für sie sowohl Mutterersatz als auch Objekt der Begierde. Die Drei verständigten sich in einem Kode.
„Kannst du sie nicht abschütteln?“
Hauke pfiff und die Jungen stoben davon.

*

Zaimoglu kam oft in die Burg ohne Namen, wo die Nordend Kanakster Sing- und Spielegruppe sich im alten Singsaal gegenseitig aus Romanen vorlas. Das brachte die jungen Leute weg von der Straße, das war zu loben und zu preisen. Zaimoglu und ich versahen Ehrenämter, da gabs keine Zuschüsse vom Land Hessen für unser Kanakster-für-Deutschland-Engagement.
Wir trafen Zaimoglu in dem kleinen Garten am Eschenheimer Turm. Die Anlage schien vom Verkehr wie in die Ecke gedrückt. Hier entstand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Stiftsgarten, als erster Botanischer Garten Frankfurts vom Stadtphysikus Johann Christian Senckenberg gegründet und später in die Siesmayerstraße verlegt.
Wie mit Gewalt schien die Bauwut vor den Wällen zum Stehen gebracht. Zaimoglu wusste, dass das Wallservitut die Bebauung beschränkte. Morgen erklärt Zaimoglu das Wallservitut. Es gilt bis heute.

17. Januar 2016

Hessenmeister

Zaimoglu trifft den Eismann

Gärten über Gärten! – Als Robert Schumann 1829 nach Frankfurt kam, hörte er am Main die Nachtigallen schlagen und der flatternde Flieder und die wogenden Akazien dufteten stark. Das entspricht dem Grundton vieler Beschreibungen durch die Jahrhunderte. Man fand Frankfurt reizvoll, reich an Promenaden und Terrassen. Von seiner geografischen Lage ebenso wie von einem milden Klima begünstigt, glänzte „der große Kanal, durch den alles Gold Europas fließt“, so Johann Kaspar Riesbeck 1780. Die enge Judengasse, blutige Fleisch-Schirne und der Morast Sachsenhausens verdorben den Eindruck nicht. Biederer Bürgersinn beobachtete darin ohnehin nur objektive Bedingungen städtischen Fortschritts.
„Biederer Bürgersinn!“
So sprach Friede, unsere Friede aus Friedberg. Eine überzeugte Zugfahrerin.
Im Jahr Neunundneunzig wollte sich der Sommer nicht schmal machen für den Herbst. Die Hitze trieb die Frankfurter in die Gärten. Wir lasen „Das Zimmer der Signora“ von Hansjörg Schertenleib, sechs Ungerührte, die sich gegenseitig Wasser einschenkten. Vor den Toren der Burg bogen sich der Schenken Bänke unter der Last des Bürgers in seiner Mehrzahl. Wir blieben lieber für uns im Singsaal, Stefano heißt Schertenleibs Held in der „Signora“. Der Tod des Vaters zwingt den Ich-Erzähler zu einer Reise. In Cremona läßt er sich von einer dominanten Gefährtin seiner Jugend zur Brust nehmen.
„Auf dem Nachtischchen lag die Bibel. Der Teppich war dunkelgrau. Ich konnte Carla auch im Dunkeln zusehen.“
So wird das Thema umrissen: Tod & Sex bei aufgeklappter Sadomaso-Kiste plus etwas Blasphemie.
„Stefanos Unglück ist seine Nachlässigkeit“, sagte Friede. Sie spielte sich immer mehr in den Vordergrund und förderte bei anderen ein Unbehagen, das Hala oder Murat und selbst Nihan nicht herzustellen vermochten. Eine unausgesprochene Frage lautete: Was will „diese Deutsche“ bei „uns“.
Die Nachlässigkeit führt dazu, dass Stefano eingezogen wird. Den Dienst leistet er ab in einem von greisengeilen Inkontinenzfällen und alzheimernden Duce-Verehrern bevölkerten Veteranenheim. Die Huster und Spucker erinnern entfernt an ein mit der Fettschürze beschwertes Beckettsches Personal.
Wir hatten Schertenleib dazwischen geschoben, zu viele Kanakster waren im Urlaub. Die Nordend Kanakster Sing- und Spielgruppe war von Sang- und Klanglosigkeit bedroht.
Wäre da nicht Friede gewesen. Die Unentwegte. Murat dackelte vor ihr, selbst das schien Friede nicht zu stören. Der halbierte Restder Gruppe bestand aus Murat, Friede und mir. Wir lobten einen Abend in der Havanna Bar. Da war Karibik am Main. Aschenbecher leisteten einen berechneten Beitrag zum Gesamtbild. Die Wirte ließen sich poetisch zur Ader, Ceri Kavaklar und Radu Rosetti, bekennende Offenbacher beide, sagten: „Für die Farben der Karibik braucht man ihre Sonne.“
Kavaklar und Rosetti machten die Sonne klar. Im Sommer Neunundneunzig schien sie auch nachts. Der Himmel über Frankfurt kehrte im Blau des Kneipenhimmels ein.
Kanakster tranken Castro Cooler, Friede gab sich einer Sache hin, die von Amaretto und Apfelsaft süß war wie ein Gestank.

*

Man sagt, das alte Frankfurt sei 1944 in drei Tagen untergegangen. Die Stadt habe sich bis zur Unkenntlichkeit des Ursprünglichen gewandelt. Ich vergab die Aufgabe, Plätze zu finden, die Vorkriegsschilderungen illustrierten. Murat und ich bereisten die Wallanlagen, das war ein fünfzig bis hundertfünfzig Meter breites mit Bäumen und Denkmälern bestandenes Band. Den Stadtkern schloss das Band auf einer Länge von 5.3 Kilometer ein. Zur Begrünung mit Linden und Nussbäumen war man ab 1765 übergegangen, nachdem die Evolution der Waffentechnik den Wällen ihre militärische Funktion genommen hatte. Darum drehte sich das Gespräch so wie um Douglas Coupland. Ich förderte ausschwärmendes Denken, ich verlangte, dass jeder Kanakster drei, vier Bälle in der Luft halten konnte. „Microsklaven“, Couplands zweites Buch, stand auf der Leseliste der Nordend Kanakster Lauf- und Literaturgruppe, am 17. Sept. war die Besprechung des Titels in großer Runde fällig. Nihan war der Vortrag versprochen, zu uns gehörte es, dass sich einer immer genauso gut wie der Vortragende vorbereitete. Earth Tones heißen jugendliche Vegetarier (Kiffer, Vinyl-Fanatiker) in Couplands ersten Bestseller „Generation X“.
„Wie heißen die Kiffer in Generation X?“ fragte ich Murat vor einem Eiswagen. Der Checker sah aus wie Ice-Raymond in „Ghost Dog“.
„Earth Tones“, antwortete Murat. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Bollwerke geschliffen und das Gelände (die „Spaziergänge“) in Parzellen abgegeben: mit der Auflage vom Besitz etwas öffentlichem Zugang zu überlassen. Wir beobachteten Transaktionen. Süchtige füllten die Drogenlücke auf, die das Methadon riss, das Hauke* in ihrem vierten Nebenjob als Ordensschwester der Malteser direkt am Alleenring abgab.

*Eine Geliebte und norddeutsche Sächsin aus dem Land der Hauken ursprünglich, hauptsächlich beschäftigt in der sagenhaften Burg ohne Namen.

6. Januar 2016

Hessenmeister

Texas im Gespräch mit Doktor Schiwago und Professor Grzimek

Im Affenhaus herrschte Ruhe. Ein Mantelpavian lag prächtig vor dem Gitter. Hinter ihm hielten sich zwei Desolate. Die Nordend Kanakster Lauf- und Literaturgruppe im Zoo – Friede (Murats neue Freundin) hielt die Einführung, zwischen Murat und Hala glühte etwas nach. Die beiden hatten ihre Zeit gehabt. Sie hatten sich geprägt, für sie würde die NKLuLg einmal das sein, was für mich Holgers Rasenkraftsportgruppe und Meister Tung gewesen waren. Quellen der Kraft. Lebensstilentscheidungshilfen. Andere gingen nachmittags ins Café und zogen nachts von Bar zu Bar, unsere NKLuLgler lernten und liefen. Die Geschichte des Frankfurter Zoos mochte einen jungen Menschen dahin führen, über Völkerschauen zu forschen. So jemand war dann für die Straße verloren, er hatte ein vernünftiges Ziel und Kanak-A-Movement wieder einen Aktivisten mehr in Academia. In einer Käfigecke summte ein Männchen, dessen Putz an eine geglättete Einfach-Ausführung der Löwenmähne denken ließ, mit einer, die ihre Stirn auf seiner Brust entspannte. Plötzlich schoss ein Winzling aus der Trutzburg dieser Umarmung.

Diese Art der Tierhaltung würde bald strafbar – und mit Massentierhaltung in Legebatterien in einen Zusammenhang gebracht werden. Nachkommende würden fragen: Was habt ihr gewusst?

Der Winzling wirkte kahl, trotz vollständiger Behaarung. Er bot dem Kindchenschema ein Beispiel.

Wie ein Sinnbild der Trauer: ein ruhender Siamang.

Vier aus den Baumkronen eines Regenwaldes gefallene Geoffroys Klammeraffen bildeten ein Knäuel. Ihre Augen waren blitzblau. Die Köpfe steckten zwischen den Knien. Die Schwänze rahmten die Füße.

Mäuse sausten über Futterinseln. Ein Geoffroy hob das Haupt. Sein Interesse erlosch augenblicklich. Ein Solist beanspruchte den höchsten Punkt des Klettergerüsts. Um da zu dösen.

Wie ein verkleideter Mensch erschien ein kleiner Gorilla. Einer Bekannten tappte er ins Gesicht. Er setzte sich und kaute Pappe. Er zog mit den Zähnen Rinde von einem Ast.

„Sieht aus, als würde er Querflöte spielen“, sagte Friede.

Unsere Kanakster waren still vor Erstaunen über das solide Familienleben der Gefangenen. Indem jeder für sich seine Vergleiche zog, wurde jeder der eigenen Gebundenheit gewahr. Was würde aus den jungen Leuten werden? Sie durften nicht ewig an meinen Rockschößen hängen.

Es schien nur noch Eingeschlossene zu geben. Von der Gruppe separiert, ruhte ein Silberrücken. Friede verglich seine Handflächen mit Lackbeuteln. Manchmal hob er ein Lid, so langsam, als sei das im Prinzip schon zu viel, und maß die Kanakster mit einem Ausdruck ganz und gar menschlicher Verständnislosigkeit. (Friede sagte das so.)

Ein hagerer Orang-Utan führte die Hand an den Nacken und zauste sich ein wenig.

Friede: „Bestimmt könnte ich mit ihm leichter Freund sein als mit den meisten Menschen.“

Murat suchte Anschluss, Friede ließ ihn abfahren. Ihr gefiel die herausgehobene Rolle der empfindungsstarken Gruppensprecherin (mit einer ethnischen Differenz zu unserer Mehrheit). Vor dem Affenhaus standen Kraniche im Gras. Die Natur als Seidenmalerin. Grau war die Luft, grün die Wiese und überirdisch die lebenden Fossilien, wie sie da stelzten.

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erstellt am 06.1.2016