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Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick hat aufgeräumt. Seine Protokolle und Erinnerungen aus aller Welt und aus jeder Zeit haben sich zu einer unordentlichen Szenen-Folge mit dem Titel »Hessenmeister« zusammengefunden, die schräg und witzig ins Textland auf Faust-Kultur fließt.

Textland von Jamal Tuschick

Hessenmeister

23. November 2016

Subarktischer Separatismus

Das 16. Jahrhundert ging seinem Ende längst entgegen/ als England Anstalten erst machte/ auf den Meeren sich zu bewähren. 1599 rief Elisabeth ihre besten Kaufleute, den Grafen von Cumberland so wie zweihundert Ritter zusammen und befahl die Gründung der Ostindischen Handelscompagnie. Compagnie bedeutet Brotgenossenschaft. Die Königin erstrebte mit der English East India Compagnie eine Brotgenossenschaft des Reiches.

Die Tochter Anne Boleyns gab einem Zeitalter ihren Namen. Ihren Zeitgenossen erschien sie fad. Selbst da, wo sie erfolgreich wirkte, verlor sie eine uncharmante Spitzmäusigkeit angeblich nicht. Trotzdem sagt man ihr nach, sie habe eine große Leidenschaft für sich selbst empfunden.

Reisende des 19. Jahrhunderts stellen den „Australneger” auf die niedrigste Zivilisationsstufe. Ihnen gelingen Herabsetzungen sogar in Vergleichen mit den Herabgesetzten Afrikas, die ich nicht zirkulieren lasse. Sie dramatisieren die Erbärmlichkeit der dem Einwanderungsdruck Erliegenden und übertreiben Opferzahlen.
Dreißigtausend Australier überleben die britische Invasion im ersten Durchgang von 1778 bis 1805. Ihnen begegnen die Verdammten Großbritanniens. Vornehmlich sind das junge Männer aus Elendsquartieren, die Krone exportiert den Youth Bulge.
Ein Sträfling macht an der australischen Ostküste, nahe der Bucht, die 1770 James Cooks Endeavour aufnahm und seitdem Botany Bay heißt, einen paläontologischen Fund. Thunderbolt ist sofort zur Stelle. Seinen Lesern verkauft der Journalist den Fund als fast vollständiges Skelett eines reißzahnbewehrten Beutelsäugers mit dem Aussehen einer Säbelzahnkatze. Seit Thylacoleo carnifex hat es in Australien nichts in der Art (von Sparassodonta) gegeben, doch weiß das noch kein Mensch. Thunderbolt dichtet eine steinzeitliche Knochenklinge in das Ensemble: zum Beweis, dass auch der ursprünglichste Australier als tödlicher Verdränger infolge technologischen Vorsprungs wirkte. Die Erfindung eines im Pleistozän auftretenden Raubbeutlers überzeugt wegen der vielen Koalas und Kängurus.
Die Fossilien bleiben lange unbestimmt, zuerst im Haus von Philip Gidley King, dem dritten Gouverneur von New South Wales. Auch er unterhält in die Vaterschaft führende Beziehungen zu einem weiblichen Sträfling, 1827 landet der Fund auf dem Dachboden des soeben in Sydney eröffneten Australian Museum. Später ordnet man ihn dem Riesenbeutler Diprotodon zu, der im Pleistozän an einem Megafaunamassensterben teilnahm.

Thunderbolt begleitet den indigenen Jäger Yayan, einmal vermutlich bis zu einem von Weißen kaum gekannten See (Cuddie Springs?) im Norden von New South Wales. Die Lebensweise seines Führers nennt er gemütlich. Thunderbolt schreibt: „Fast alles unterwirft Y. seinem Belieben. Mühsames überlässt er seiner Frau.”

Es gibt Nahrungsmittelvorschriften, die in ihren Verzweigungen Thunderbolt offenbar so kurios erscheinen, dass man seinen Überlieferungen wieder nicht trauen darf. So sei Mädchen der Verzehr von Schlangen verboten, während Jungen keine Jungtiere frisch aus dem Beutel der Mutter essen sollen.

Yayan bruncht am liebsten Larven. Er snackt Kakadus, Papageien, Schildkröten, Frösche und Eidechsen. Ab und zu steigt er auf einen Baum, ermutigt von Anzeichen, die sich Thunderbolt nicht zu erkennen geben. Yayan zieht dann ein Opossum aus einem hohlen Ast und wirft es mit so viel verwirbelndem Geschick zu Boden, das die Ratte tot ankommt. Den Einwanderern wird er als Wilderer lästig, der lässig in ihre Herden greift, weil der europäische Eigentumsbegriff ihm nichts sagt.

Man muss so viel Verständnislosigkeit gesehen haben, um sie für möglich zu halten, notiert Thunderbolt. Einmal begrüßt er seine Leser mit den Worten: Willkommen in der Steinzeit. Kurz zuvor hatte ihm Yayan einen Lagerplatz mit kultischer Bedeutung gezeigt. Angeblich handelte es sich um eine Ahnentafel. Thunderbolt entdeckt nahe dem Heiligtum Waffen und Werkzeuge, die ihm alt vorkommen. Eine Klinge jubelt er dem Fossilienfund in der Residenz des Gouverneurs unter. Sie beherrscht bis in die Gegenwart das Bild vom durchsetzungsfähigen Steinzeitjäger.

Thunderbolt trägt zusammen: Yayan erledigt beinah alles mit einem primitiven Wurfholz, das bei der Beute liegenbleibt. Er zieht diese Waffe dem (technisch anspruchsvollen) Bumerang vor. Bekehrte Landsleute verachtet er, auf Missionsstationen verbreitet er Unruhe. Er steht seiner Ausrottung ohne Absicht im Wege. Arbeiten geht überhaupt nicht. Kurz, als Kulturfolger sei jede Wanderratte effektiver als dieser Eingeborene. Thunderbolts Einlassungen stützen in den folgenden Jahrzehnten pessimistische Behauptungen. Freiherr v. Waldschmidt bezieht sich auf Thunderbolt, wenn er 1840 feststellt, jeder Kulturfolger sympathisiere erfolgreicher mit dem Kulturschaffenden als der gemeine Wilde in seiner Art. In Lateinamerika bewahrt die Kirche dem zahmen Indianer ein Daseinsrecht in seiner Verniedlichung. Sie stellt ihn als Kind hin.
Man wiederspricht ihr weltweit: „Gegen die Behörden (die es auf eine Vernichtung der ursprünglichen Bevölkerung abgesehen haben) soll nicht der leiseste Vorwurf erhoben werden. Denn gewiss wird der Zivilisation mehr mit der Ausrottung als mit der Erhaltung der Wilden gedient.“
Autoren setzen barbarisch und human vor Ausrottung und Erhaltung, doch barbarisch erscheint ihnen allein die Erhaltung. Sie fordern den Mut, die Sache zu Ende zu bringen. Sie nennen es Feigheit, den aus dem Kuckucksnest der Steinzeit gefallenen Wilden im Elend zu lassen, wo er doch nichts anderes als das Elend vererben kann.

Die Spanier unterscheiden zwischen Indio manso und Indio salvajes. Yayan kennt den Unterschied, er dient ihm zur Distanzierung von seinen sanftmütigen Landsleuten auf den Missionsstationen. Sie sind Gezähmte, er ist wild. Sie haben vielleicht eine Zukunft, er hat ganz bestimmt keine. Yayan beschreibt sich mit einem negativen Attributionsstil, zeigt dabei jedoch keinerlei Unzufriedenheit. Thunderbolt schreibt: Yayan und seine Leute scheinen die Weißen für Werkzeuge einer Zeitumstellung zu halten.


Noch hat Großbritannien allenfalls einen Fuß in der australischen Tür. Die britischen Ansprüche sind unbefestigt. Jederzeit könnten sie von Frankreich bestritten werden. Chinesen wandern einfach ein, graben britischen Siedlern das Wasser ab, graben Gold aus, und steigen mit einem Kleinvermögen in den Einzelhandel ein. In der Zwischenzeit scheitern amtsgewaltige Siedlungsgründungen hier und da an menschlichem Versagen. Das Übelste des Empires kommt in Australien zusammen, der schwache Gouverneur King wird von Bill “Bounty” Bligh abgelöst. Massiv geht Bligh gegen die Schwarzbrennerei vor, Rum ist eine Währung in der Kolonie. Bligh hat schon vorher bewiesen, dass ihm zur Diplomatie die Voraussetzungen fehlen. Er markiert den harten Hund bis zum Anschlag und hat gleich wieder eine Meuterei am Hals. Die Meuterer setzt ihn fest, das kennt er schon.

Thunderbolt sieht in Blighs einen Mann, der im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf der falschen Seite stand. In einer Schilderung gibt er seiner Abneigung keinen Raum. Stattdessen erinnert er daran, dass Bligh, der als Navigator und Karthograf James Cooks letzte Reise mitmachte, nach dessen Ermordung auf Hawaii das Flaggschiffkommando verlangte.

Das 16. Jahrhundert ging seinem Ende längst entgegen/ als England Anstalten erst machte/ auf den Meeren sich zu bewähren. 1599 rief Elisabeth ihre besten Kaufleute, den Grafen von Cumberland so wie zweihundert Ritter zusammen und befahl die Gründung der Ostindischen Handelscompagnie. Compagnie bedeutet Brotgenossenschaft. Die Königin erstrebte mit der English East India Compagnie eine Brotgenossenschaft des Reiches.
Die Tochter Anne Boleyns gab einem Zeitalter ihren Namen. Ihren Zeitgenossen erschien sie wenig besonders. Selbst da, wo sie erfolgreich wirkte, verlor sie eine uncharmante Spitzmäusigkeit angeblich nicht. Trotzdem sagt man ihr nach, sie habe eine große Leidenschaft für sich selbst empfunden.

Durch England ging ein Ruck. Kaufleute rührten die Nation. Sie produzierten divers für die überseeischen Märkte. Man reiste nicht überall mit dem gleichen Tinnef an. Hoheitlich erscheinende Unternehmer schlugen Münzen, hoben Truppen aus und rüsteten Faktoreien. Bis ins 17. Jahrhundert bestand ein kaufmännischer Gesandtschaftsbetrieb fort, der im Stil von Reiseregentschaften privilegienheischend Audienzen bei Potentaten anstrebte. Homo oeconomicus übernahm die Regie auch in der Umdeutung von Konflikten und bei der Verteidigung europäischer Interessen an diesem und jenem Hindukusch. Die Privatisierung griff um sich und mit ihr die bürgerliche Emanzipation. Elisabeths Kapitäne waren amtlich bestallte Piraten, aus ihnen sprach bürgerlicher Aufstiegswille. Wie Balzac sagt: Am Anfang jedes großen Vermögens … Die Kapitäne waren Pfadfinder auf See, Wegweiser, Quartiermacher. Ich nenne nur Richard Grenville wegen des eingestellten Gedichts von Lord Tennyson:
At Flores, in the Azores Sir Richard Grenville lay, And a pinnace, like a flutter’d bird, came flying from far away; Spanish ships of war at sea! we have sighted fifty-three!

Then sware Lord Thomas Howard: Fore God I am no coward; But I cannot meet them here, for my ships are out of gear, And the half my men are sick. I must fly, but follow quick. We are six ships of the line; can we fight with fifty-three?

Then spake Sir Richard Grenville: I know you are no coward; You fly them for a moment to fight with them again. But I’ve ninety men and more that are lying sick ashore. I should count myself the coward if I left them, my Lord Howard, To these Inquisition dogs and the devildoms of Spain.


Elisabeth machte einen Sheriff von London, Thomas Smythe, zum ersten Gouverneur der Ostindien Compagnie. Er managte ferner das englische Engagement in Amerika (Westindien). Den ersten vier Ostindienfahrten gewährte die Königin das Privileg der Abgabenfreiheit, um ein hohes Risiko nicht noch teurer zu machen. Ein Schiff taufte sie auf den Namen The Trade's Increase.

Unverzüglich kam es zu Schlägereien mit Niederländern und Portugiesen. Jede Partei spielte sich als Monopolist von Gottes Gnaden auf.
Wo ein Engländer sich einmal festgesetzt hatte, da ging er nicht mehr ab. Den lokalen Herrschern versprach der Wettbewerb Vorteile. Alles wurde zur Auktion, die Fürsten rieben sich die Hände. Sie wussten nicht, wie ihnen geschah. Portugal rutschte auf einem absteigenden Ast, im Zweifelsfall verbündeten sich Engländer mit Niederländern.

Elisabeths Nachfolger, Jakob I., Sohn der auf Elisabeths Geheiß hingerichteten Maria Stuart, verfügte im frühen 17. Jahrhundert über eine staatliche Handelsflotte von lediglich zwanzig Schiffen. Die Krone stand wie ein Bettlerhut vor ihren Pfeffersäcken. Jakob war König von England und Schottland. Er ließ blutige Gegensätze verschwimmen, indem er Britannien ausrief. Zweihundert Jahre später sollte nahezu alles britisch sein, was zu seiner Zeit in Ostindien noch weitflächig portugiesisch, spanisch, niederländisch und französisch war. Man darf Jakobs Anteil an diesem Prozess geringschätzen. Jene Kraft brauchte ihn nicht, deren Dynamik in protestantischen Ländern über die Ufer trat. Sie spülte die von Papst Alexander VI. aka Rodrigo Borgia im Vertrag von Tordesillas 1494 katholisch fundamentalisierte Weltordnung weg.

Nebenbei. Was wäre zum bewegenden Geschehen geworden, wenn Elisabeths Vater, Heinrich VIII., nicht eine eigene Kirche aufgemacht hätte?
Ich las eben, dass von zwölf englischen Kauffahrten vor 1612 acht unglücklich verliefen. Dennoch ergab sich ein Gewinn von durchschnittlich zweihundert Prozent. Zum kauf- und seemännisch-regulären Gelingen rechnete man illegale Erwerbungen. Raub und Diebstahl zu Lande und auf See bestanden gleichmäßig neben geschäftsförmigen Abwicklungen und wurden ordentlich vermerkt.

Karl I. folgte Jakob I., dann kam Karl II. Er war schon König von England, Schottland und Irland. Zeitweise war er ein König ohne Land, doch stellt er sich mir vor als ein Mann für den Tee noch eine exotische Kostbarkeit ist. Man nannte ihnen einen franzosenhörigen Stuart. Nach ihm katholisierte Jakob II. offen den Thron.

Der Katholizismus war im englischen Volksmund die Spanische Seuche. Engländer schmähten ihre Gegner als Hunde der Inquisition. Sie beschimpften ihre jakobischen Könige aus dem Haus Stuart. Es kursierte das Wort von der Stuart-Wirtschaft als einer verdrießlichen Angelegenheit, da sie den Franzosen in Ostindien Platz machte.
Die Bestimmer der English East India Compagnie waren de facto einflussreicher als Karl II. Ihnen unterstand in Übersee jede Gerichtsbarkeit und das Militär. Sie hatten das Recht, Krieg zu führen und Frieden zu schließen. Die im court of proprietors (of East India Compagnie) zusammengeschlossenen Direktoren setzten Könige ein. Anspielend auf die jungfräuliche (ledig/kinderlos gebliebene) Gründungsmutter Königin Elisabeth, nannte man die Handelsgesellschaft Hamamelis virginiana – Virginische Zaubernuss. Karl II. knackte die Nuss, indem er die Spielräume der Gesellschaft erweiterte und die Macht der Gesellschafter beschnitt.

Versuche, in den Niederlassungen Autonomie gegen den eingreifenden König zu behaupten, schlugen fehl. Vereinzelt füsilierten royalistische Kapitäne Renegaten. Sie gehorchten Josiah Child. Child war der Bankier des britischen Hochadels. Er verlor seine Bedeutung, als 1689 ein Niederländer in England König wurde – Wilhelm III. von Oranien-Nassau.
Ein Bild zeigt Child im Kreis der Direktoren. Die Kunsthistorikerin Geza Ronniger erinnert in der einfaltsreichen Studie „Kunst und Merkantilismus“ daran, dass für Einzeldarstellungen in den Schaubildern von Gilden und Milizen eine Gebühr anfiel. Das Bild stellte auch insofern eine Distinktionmarke auf. Deszendenz war ein entscheidendes Motiv. Gerda Prings-Zybowski unterstützt Ronniger, wenn sie feststellt, dass für die Gruppenbilder kein öffentlicher Rahmen vorgesehen war. Das auf See und in Übersee voranstürmende Britannien strebte daheim an den Herd. Es existierte in einer nationalen Blase.


Auf den Gesellschaftsinseln sieht Thunderbolt kaum hundert Jahre nach dem letzten Katholiken auf einem britischen Thron eine von Missionsbemühungen geschundene Ursprünglichkeit im Vergehen. Noch schwimmen die Begriffe zwischen Handel und Liebe. Auf jedem Markt suchen die Einheimischen sich Liebhaber und gehen mit ihnen Arm in Arm umher, als kennte man sich lange. Die zärtlichste Spekulation endet in der Verfolgung eines geschäftlichen Interesses, das in der nächsten Umarmung vergessen wird.

„Diese Archipelier sind so anders“, schreibt Thunderbolt, „das man ihnen jede Antwort erlässt, da doch sowieso nichts in Erfahrung zu bringen ist, was die Psyche erhellt. Sollte das Leben seinem anfänglichen Betriebe nach auch in unseren Breiten gleichsam vorbewusst sich vollzogen haben nach dem freien Pendel der Bedürfnisse und Notwendigkeiten?“

Doch so lustig ist das alles nicht mehr oft. Europäer verseuchen Einheimische mit Geschlechtskrankheiten. Der christliche Glaube verhakt sich schräg im Gemüt der Bekehrten. Säuglingstötungen finden weiter statt, nur mit schlechtem Gewissen. Die Entweihung der Götzen führt zu Verstellungen. Die Leute verlegen ihren heidnischen Dienst und treten in Verhandlung mit furchterregenden, kaum menschlich wirkenden, stelzenstolzen Kriegern, die ihr Haupthaar zwischen Rasurschneisen zu Teufelshörnchen aufbiegen. Sie sind vom Schädel bis zu den Füßen tätowiert und genarbt. Ihre Rückzugsräume sind eingeschlossene Vulkanfelsen, die sie mit Kolonien bildenden Nesseltieren teilen. Jeder Schiffer, der in ihre Gebiete fährt, muss sich für verloren halten. Es gibt keine Kette, die lang genug wäre, einen Anker da Grund fühlen zu lassen. Die Winde sind widrig, die Elemente laufen kreuz und quer.

Alles scheint sich gegen die christliche Seefahrt auszusprechen. Thunderbolt bleibt unverdrossen. Er flaggt seine französische Flotte um und startet mit lauter Franzosen die erste nautische Expedition der Vereinigten Staaten. Wer ihm nicht folgen will, erwartet seine Aussetzung auf der nächstbesten Øen af Mytteristerne in Ketten. Eine unberechenbare Brandung vereitelt die Landung auf einem roten Monolithen. Thunderbolt vermutet, an Pitcairn gescheitert zu sein. So heißt die von ihm für menschenleer gehaltene Insel nach dem Europäer, der sie zuerst sah. Die erste Positionsbestimmung von Philipp Carteret 1767 war so ungenau, dass die Insel wieder und wieder nicht gefunden wurde. Darauf setzte 1789/90 Fletcher Christian als Anführer der Bounty-Meuterer. Die Mannschaft irrte zwei Monaten über See, bis sich ihr Versteck zeigte. Sie fand es unbewohnt, doch nicht frei von Siedlungsspuren. Heute nimmt man an, dass ein Ökozid im 16. Jahrhundert zur plötzlichen Entvölkerung von Pitcairn führte.

Thunderbolt segelt weiter zur Norfolkinsel, einem Ausläufer der ersten britischen Kolonie in Australien. Seit 1788 konzentriert man da Verbrecher unter der Aufsicht von Philip Gidley King, einem der kommenden Männer des Empires. Ihm überlässt Admiral Thunderbolt seine den Gehorsam genauso wie die Freiheit verachtenden Franzosen.
Bei einem Abendessen lernt Thunderbolt den amerikanischen Walfahrer und Robbenschlächter Mayhew Folger kennen. Folger wird Pitcairn 1808 wieder einmal entdecken. Er trifft dann den einzigen weißen Überlebenden einer Mordserie, den auf Blutfesten bis zum Wahnsinn gläubig gewordenen John Adams im Kreis seiner Lieben.

Während die Französische Revolution vor ihrer Beruhigung dem Genre der Raserei neue Tapetenkompositionen und Tafelbilder liefert, befährt Thunderbolt auf der Exception die Frobisher Straße. Von Martin Frobisher war schon die Rede, doch drängt es mich, den Blick des Lesers auf eine überlebensgroße Erscheinung in der Gegenwart noch Größerer zu konzentrieren. Frobishers Bedeutung hing nicht vom Gelingen ab. Er scheiterte bei allen, mit den höchsten Erwartungen verbundenen und folglich extrem populären Erkundungen eines (nordwestlichen) Durchgangs zu den orientalischen Märkten. Trotzdem erschien Frobisher seiner Zeit enorm. Er zählte zu jenem dreckigen Dutzend erklärter Staatsfeinde, das in einem rehabilitierenden/nobilitierenden Verhältnis zu Elisabeth I. glänzend wurde. Man findet den Günstlingsbetrieb und die Argonauten-Patronage der ledig gebliebenen Königin nicht genug beleuchtet. Wer da wen anschmachtete. Wie Herz und Kalkül sich auf der Waage hielten.
Die Spanier und die ihnen zunächst überlegenen Portugiesen waren landläufigen arabischen Erpressungen und Preistreibereien auf einem Seeweg nach Indien entgangen. Um sich nicht weiter in die Quere zu kommen, hatten sie Papst Alexander VI. aka Rodrigo Borgia dazu bestimmt, im Vertrag von Tordesillas 1494 die Welt von Pol zu Pol aufzuteilen.

Borgia gab seiner Epoche das Gesicht, er war der Renaissancefürst. In der Frage, wie funktioniert Macht, bot sich Borgias Sohn Cesare B. Machiavelli als Zentralgestirn der Inspiration an. Was aber geschah der königlichen Kirchenmaus Elisabeth in ihrem Armenhaus England? Wollte sie Querelen vermeiden, brauchte sie eine eigene Route zu den Gewürzinseln und allem, was sagenhaft war im Fernen Osten. Ihre Piloten vermuteten eine Passage im arktischen Archipel des Nordpolarmeeres wie anderso auch. Man erlag bei den nördlichen Erkundungen den gleichen Irrtümern wie bei den südlichen. Immer wieder wurden atlantische Mündungstrichter für den Pazifik und Flüsse für Straßen zum Pazifik gehalten.

Frobisher begann seine Karriere als Brigant auf den Kanalinseln, er lernte das Grauen in portugiesischen Kerkern kennen, segelte als Vize-Admiral unter Francis Drake, verschleppte Menschen, heiratete über seine Verhältnisse, schlug in einer Seeschlacht einmal die Spanier fast im Alleingang, erhielt den Ritterschlag und verlor auf einem Raubzug unter Walter Raleighs Kommando ein Auge.
Das war alltägliche Exzellenz im 16. Jahrhundert, wir wüssten weniger, wäre Frobisher ab 1576 nicht drei Mal aufgebrochen, um die Nordwestpassage seiner Königin zu sichern. Nun steht im Jahr 1794 Thunderbolt an der Spitze einer Flotte, die er mit dem magischen Programm des Unsterblichen an sich gezogen hat. Er denkt an John Davis, der Frobisher im Scheitern folgte und doch weiter kam in seiner sachlichen, zur wissenschaftlichen Ansicht neigenden Art. 1607 passierte Henry Hudson das Land of Desolation (Grönland) mit dem Ziel, über den Pol zu rutschen. Halb erfroren und fast verhungert brach er vor Spitzbergen die Reise ab. Im nächsten Jahr segelte Hudson in den natürlichen Hafen des künftigen Nieuw Amsterdam und besichtigte die Insel Manhattan an der Mündung eines Flusses (dem Hudson River), dem er zutraute, im Stillen Ozean zu münden. 1611 endete seine letzte Expedition in einem atlantischen Becken, das so gewaltig ins Land (Labrador) greift, dass sich die Seefahrer schon wieder auf dem Pazifischen Ozean (Mare Magnum) wähnten. Wegen einer Versorgungsklemme nach achtmonatigem Eiseinschluss unmutig gewordene, von Hudsons mit einem hysterischen Optimismus verbundener Entdeckerausdauer verstörte Matrosen wagten eine Meuterei, als das Schiff wieder frei fuhr. Sie zwangen den Kapitän, dessen Sohn und alle Kranken in ein Boot. Ein Freiwilliger schloss sich an. Die Ausgesetzten trieben zwei Tage auf dem eisbehauchten Spiegel und landeten dann lediglich unterkühlt, aber überhaupt nicht festgefroren vor den Haustüren von Leuten, die sich Sakâw-iginiw-ok – Waldläufer nannten und für ihr Leben gern in Schwitzhütten berauschende Dämpfe einatmeten. Unter ihnen waren hellhäutige Nachkommen von Europäern. Der Begleittext erlaubte keinen Zweifel. Der genetische Einlauf war den Ansässigen in der Frobisher-Ära verpasst worden.

Hudson ordnete Quarantäne für die Hinfälligen an. Um sie ihrer Qualen zu berauben, brachte man sie bald um. Die Sakâw-iginiw-ok erkannten in Hudson und seinem Sohn Würdenträger und in dem Freiwilligen einen Diener. Entsprechend brachten sie die Gäste unter.
Der alte Hudson malte, als Thunderbolt im fünften Jahr der Französischen Revolution von blonden Sakâw-iginiw-ok an einem Ufer der Hudson Bay begrüßt wird, steht dem Admiral eine Überraschung bevor. Hudsons Werk beschreibt eine Verwandlung. Es überwindet den wie mit Eisenoxid patinierten Verherrlichungswillen von Kreuz und Krone im Gewinn einer nachlässigen Lebensauffassung. Der Scherz, die Arabeske, das Dekor triumphieren. Und so auch die dekorierte Dürftigkeit so wie der elitäre Putz … zwölfreihiger, schwer zu tragender Federschmuck in einem Arrangement mit Hörnern, Fellstreifen und Skalps.

Hudson studiert couples de personnes de même sexe … die Liebe in ihren muskulösen Spielarten.
Die Sakâw-iginiw-ok haben die Bilder kanonisiert. Sie gehören zum kulturellen Erbe eines Volkes, das in einem Geflecht verwandschaftlicher Verbindungen und regionaler Unterschiede über tausend Kilometer (wandernd und siedelnd) gesellschaftlich wirkt. Sie zählen zur Ayisiniwok-Gemeinschaft, von den Franzosen les Cris genannt. In einem weiten Begriffs von (auf jeden Fall nicht ethnisch definierter) Zugehörigkeit gibt es indigen-urbane Varianten, Aufschlüsse zu europäischen Gemeinden, tundrische Vermeidungen solcher Kontaminationen, subarktischen Separatismus, Fallensteller-Kooperativen und von Pferden abhängige Präriemonarchien.

Thunderbolt und seine Mannschaft wohnen bei Kanuten, die Aufgaben in dem Versorgungssystem einer Handelspostenkette (Hudson’s Bay Company) erfüllen. Sie treiben Zwischenhandel und verdienen als subunternehmerische Fernfahrer und Mietruderer.
Thunderbolt tauscht zwei für keinen Konsumenten bestimmte und von Prunkbegierde nicht beschädigte Hudsons gegen einen Akku-Zweigang-Boschbohrschrauber für 244.99 Euro. Seinen zuzeiten wegen Unfähigkeit auf Wasser und Brot gesetzten Marinemaler Arnus Babule lässt der Admiral freiliegende Felszeichnungen von Karibus kopieren. Er selbst hält sich mit Jagdszenen auf, die seit dem Jungpaläolithikum state of the art geblieben sind.

Lamellen und andere Abschläge von Rohstücken finden bei den Gastgebern die bewährte steinzeitliche Verwendung in heimwerklich hergestellten Kompositgeräten. Kein Fortschrittszwang treibt das Verhältnis von Bewusstsein und Entwicklung in die Ungleichzeitigkeit. Thunderbolt erkennt in Trennung & Teilung Indikatoren der Zivilisationsprozesse. In einem Flirt mit Rousseau geht er zu weit.
„Ich war kurz davor, den Wilden die schönsten Girlanden zu binden”, bekennt er 1874 als preußischer Professor in Deutschlands erstem Fachbereich für den Wilden Westen.

Er war Herzog der Normandie, Graf von Thunderbolt, Konstabler von Frankreich, der Trainer von Richard Löwenherz, erster James Bond der Vereinigten Staaten und Admiral der ersten nautischen US-Expedition. Er beteiligte sich an der Erfindung Amerikas und gründete Texas, die Texas Ranger so wie (gemeinsam mit Gouverneur Grand Slam Coogan) die Kasseler Gesamthochschule. Er berief sich zum ersten Lehrstuhlinhaber für den Wilden Westen und gewann sieben olympische Goldmedaillen. Vier Mal wurde er zum Sexiest Man Alive gewählt. 1965 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Truman „Texas” Capote das von Spezialisten als Autobiografie gehandelte Meisterwerk „Kaltblütig”. Manche Frauen kannten ihn nur als Stevie Ray Vaughan. Nun spielt der Unsterbliche den Förster in der Wetterau als Person of color.

„Da.“
Thunderbolt reicht Goya das Fernglas. In einer Auslage am Turm der Müllverbrennungsanlage horstet ein Wanderfalkenpaar. Es treibt Vorratshaltung. Eine Taube verwest im Gitter der hohen Randerscheinung. Der Nistplatz klebt unter dem Schlot und erscheint so ungemütlich wie eine mit mehr Müll als Möbeln übernommene Wohnung.
Abwärme beflügelt Segler. Thunderbolt bewundert den Lebensstil der Vögel, Goya fehlt der ornithologische Enthusiasmus. Mein Halbbruder packt das Fernglas in eine Fahrradtasche und kramt in Vorräten mit überschrittenen Verfallsdaten. Alles noch gut. Ein Tauchermesser reicht Goya für vieles. Rotz zieht er mit der Hand ab, die Kante trocknet in der Kniekehle.

Die Halbbrüder Goya Hesselbach und Hannes Fleckenstein sind Söhne des seit Jahrzehnten im Gebiet (Frankfurt-Nordend/Bornheim. Manche sagen auch Nordend-Ost zu Bornheim.) durchhängenden Wayne Raymond. (Seit Vietnam nicht mehr nüchtern. Sieht aus wie Charles Bronson als Squaw.) Für Goyas Mutter Marian O’Reilly, eine in Deutschland abgetauchte IRA-Aktivistin, war Wayne ein „politischer Rohling“ und Versager in der Vaterrolle. Sie verließ ihn für den Sponti-Beau Simon Hesselbach, heute Soziologie-Bluff an der Goethe Universität und Chef des Hauses Hesselbach-Fleckenstein.

Hannes’ Entstehung wird nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit weiter erzählt. Angeblich soll Monika Scharmico, Tochter der Volkstheaterlegende Bianca Scharmico, Wayne ohne Vorgespräch zu den Mülltonnen auf einen Eschersheimer Hinterhof gefolgt und unter alkoholdementem Zuspruch von einem Balkon befruchtet worden sein. Danach kannte man sich nicht mehr. Schwanger heiratete Monika einen Cousin von Simon H., den in der Regel- und Messtechnik (beim Ankermann) beschäftigten Hannes Fleckenstein. Hannes jun. ist Hessischer Filmpreisträger und Erfinder der Serie „Der Bembel des Todes”. Er spielt Aufsicht für den beschränkten Goya.

Wir erreichen das vor Jahren aufgegebene, nun von Kanak-A-Movement besetzte Schwesternheim. Kletterkraut überzieht die Fensterläden in rechtsgängiger Helix. Die Tür ist eingetreten.
Den Rumpf konziliant vorgesetzt, dass Kinn und Knie hochtief eine Linie bilden, die Beine übereinandergeschlagen, den rechten Ellenbogen auf der Madonna ihres erhabenen Knies, die Zigarette ragt aus der Hand, der ganze Mensch wie frisch vom Föhn, so eifrig wie eine Zwölfjährige aus neutralem Elternhaus, die gerade die katholische Kirche als Arena des Widerstands für sich entdeckt hat, widerspricht Jiménez sich selbst.

Sie ist weit und breit die einzige ausgebildete Schauspielerin. Kombattantinnen ihres Schlags leben in Frankfurt wie in einer Schleuse. Der unvermeidliche Don Mistmann und Finnland Orkan dienen Jiménez als Bewunderer. Joint attention nennt der Fachmann die geballte Aufmerksamkeit. Ohne dieses evolutionäre Format einer menschlichen Fähigkeit gäbe es kein Theater.
Mistmann spielt mit Jiménez in der Klamotte Das Schwein und die Stadt zurzeit einmal wieder sich selbst. Sein Komparsen-Hartz IV lässt er zu „Drehterminen” aufrauschen. Am liebsten bespricht Mistmann mit jungen Kolleginnen Zukunftsfragen. Ganz so, als hinge seine Zukunft nicht bei den vergessenen Sachen neben der Durchreiche an einem verbogenen Haken, sondern immer noch im Foyer des Staatstheaters Witzenhausen, wo Mistmann vierzig Jahre den Durchbruch verpasst hat. In der Zwischenzeit sind Menschen zum Mond geflogen, die DDR gab ihren Geist auf und der elektronische Tortenheber wurde erfunden. Finnland Orkan hat sich selbst zum Türken gemacht, ursprünglich aus Liebe. Die Liebe ging, doch Finnland blieb Türke.

Jiménez zieht eine Schau zwischen Bauchtanz und Headbanging ab. Noch ist sie meine Freundin und das Zentralmassiv einer „Rebellion der Minderheiten“. Bei dem regional divers gerahmten, polylokalpatriotischen Aufstand mag weltweit mitmachen, wer will. Es kommt sowieso die Internationale der Blinden und Lahmen zu spät. Es kommen die Nachhinkenden und die Verhedderten. Die Sprachlosen im Wickelkleid eines Jargons oder einer fixen Idee. Sie verbreiten den üblichen Muff, in der Hoffnung auf Erlösung sind sie schon überall gewesen.
Vor der Weißfrauenkirche beschützen Trinker ihre Gesichter mit den Händen. Der Glockenturm überragt wie ein Feuerwehrsprungturm die Anlage. Die Beziehungen zwischen Gott und dem Milieu eskalieren auf der Weserstraße, die wie eine Sackgasse des Schicksals auf die Gutleutstraße zuläuft. Auswüchse der legalen und der illegalen Migration, des schieren Elends, des hochfahrenden und des niederschmetternden Wahns, einer Kriminalität, die nach Mundraub und Totschlag riecht, sitzen Gott im Genick der Nachbarschaften.
Im Guantánamolook steht einer unter dem Zwang, in Mülltonnen für Ordnung zu sorgen. Im „Cardek“ hüllt man sich in Rauch und Schweigen. Im nächsten Loch seufzt eine gequälte Seele im Schlaf. Wer anschlussfrei gekommen ist, spricht bis zum Ende der Krise mit seinem Telefon.

Im siebten Jahrhundert verlor das oströmische Reich Syrien, Mesopotamien, Nordafrika und viel von Kleinasien an den Islam. Konstantinopel musste Belagerungen widerstehen. Slawische Völker wanderten in den Peloponnes ein. Byzanz schien weder leben noch sterben zu können (Jacob Burckhardt) – und doch währte die römische Resterampe tausend Jahre. Tausend Jahre vergebliche instauratio imperii Romani. Byzanz hielt sein Leben der äußersten Verteidigung für Wert. Es träumte von Wiedergewinnung des Okzidents noch, als es schon ganz und gar dem Orient anheimgefallen war. Stonewall Thunderbolt schleust uns zu der ramponierten Tischtennisplatte, dem Eingemachten, der Steyr Mannlicher und dem Mosin Nagant in einen Bunker, der als Wurstküche getarnt ist. Er offeriert Schutz wie ein Sicherheitsunternehmer und empfiehlt alle möglichen Trutzkomponenten bis zum explosiven Stacheldraht. Wir reden über Mudschaheddin, die in der Türkei zu Flugleitspezialisten ausgebildet – und in Bosnien von Amerikanern übernommen werden.
Stonewall Thunderbolt ist Barbecue-Fanatiker, er schlachtet selbst. Bekenner rühmen seine geschmacksexplosiven Würste nach Westtexasart. Die Mudschaheddin werden keinen regulären Truppen inkorporiert. Eine Firma, die Regierungsaufträge erfüllt, wie eine Staatsstreitmacht auftritt und sich als Verstärkung der internationalen Schutztruppe, kurz KFOR (1999 zur Abdeckung von NATO-Interessen in Priština etabliert) darstellt, erscheint den afghanischen Gotteskrieger als Arbeitgeber. Im Kosovo steuern die Mudschaheddin Luftangriffe auf Serbien vom Boden ins Ziel. Man ist Mitglied der Kosovo Force und kämpft in der NATO, bis man wieder Mudschahid ist und gegen die NATO kämpft. Diese Flexibilität stößt Schwungräder der Verständnislosigkeit an, Stonewall Thunderbolt nennt das deutsche Doppelspiel aus Engagement und Distanzierung verdorben und angsthasig. Sein jeden Montgomery-Bus-Boycott und Trail-of-Tears beglaubigendes Gesichtsmassiv faltete sich erdgeschichtlich auf. In ihm kreuzt sich die Bürgerrechtsbewegung mit dem Hurrapatriotismus. Er ist bewandert im hessischen Münzwesen. In seiner Burg am Winterstein gräbt Stonewall Thunderbolt einen Schild-Louisdor (Caroline) aus dem Tresor. Er legt uns restaurierte Folianten vor, schlägt in kurfürstlichen Hof- und Staats-Handbüchern nach und rät zur Durchsicht einer Darstellung karolinischer Forstpolitik.

16. November 2016

Genies des Aufstands

Er sah sie kommen und er sah sie gehen – Der unsterbliche Herzog von Thunderbolt war Zuchtmeister von Ludwig XI., der den Absolutismus (und Zentralismus) in Frankreich salonfähig machte, und ein Augenzeuge der Hinrichtung von Ludwig XVI., mit dem der Absolutismus auf dem Place de la Révolution endete. Während der Scharfrichter von Paris das eben noch Undenkbare vollbrachte, blockierten in der Nationalversammlung Genies des Aufstands die Übergänge in geordnete Bahnen. Wie vor ihnen die Könige, behaupteten sie, das Schicksal Frankreichs wolle von ihnen bestimmt sein. Sie rechneten die Philosophie zur Politik, um großartiger zu erscheinen. Sie verschwiegen die Kosten der Unsicherheit, mit der sie ihre Macht befestigten. Die Gewinne waren längst flüchtig, Thunderbolt zählte zusammen, wer an der Revolution verdiente. Die Republik zählte nicht dazu.

12. August 1447, der Herzog von Thunderbolt zu sich am Abend: Talbots Mann hat Terbourg nach zweitägigem Sturm aufgegeben, obwohl die Festung ein halbes Jahr zu halten gewesen wäre. Das korrupte Schaf Llewelyn (Lord Warden of the Marches Thomas Ap L.) ließ sich gerade lang genug unter Feuer nehmen, um den Schein zu wahren, und übergab dann an den Ziegenbock Ary. Dessen Pinsel Messys gockelt seither, als sei er Pinsel eines bedeutenden Mannes.

Wie hoch die Magie bei bescheidenem Inhalt gehen kann. Der Konstabler von Frankreich wurde am Nachmittag von Clermont informiert. Clermont ist die Beflissenheit in Person. Zu seiner Bedeckung hält er sich zwei im ozeanischen Stil skarifizierte Spitzbuben, der eine lang und dumm, der andere kurz und abgefeimt. Seinen Servilitätssalat verdient Clermont nicht allein mit übler Nachrede. Er dient der von Condorcet persönlich zu Terbourg ins Leben gerufenen Pêcheur Stiftung als Stuhlgänger. Braucht jemand einen Stiftungsstuhl, beansprucht er Clermont. Die Sachknechtschaft hat sich ihm vollkommen eingeprägt. Zudem malt er; alles halbgroß gegen einen kindischen Himmel stellend.

Thunderbolt bewacht und schult den Dauphin de France, als Ludwig XI. wird jener 1461 den Thron besteigen. Der Dienst verbietet es Thunderbolt nicht, Ary zu inspizieren. Herrje, im Fort liegen vierzig Kanonen, siebentausendzweihundert Projectile d’artillerie, zwölftausend Bomben, vierzehnhundert Granaten, siebzehntausend Gargoussen und was nicht alles noch, abgesehen einmal von siebzigtausend Pfund Blei.

Thunderbolt will in der Sache die grotesken Züge galoppieren lassen und mit neuen Einzelheiten begreifen, dass bei gehäuftem Witz jedes weitere Ding eine Perle vor der Sau ist. Was vom Gelächter gedeckt ist, das rettet keine Mühe mehr.

Ludwig verlangt nach dem Connétable, auf Italienisch Consigliere, das kennt man von der Mafia. Der Kronprinz empfängt den Konstabler verstimmt von väterlichen Nachrichten. Die Herrschaften verstehen sich nicht, sie fußen im Trüben und fassen Vertrauen zu den Chancen offener Feindschaft. Ludwig ist klüger, kälter, fieser als der gekrönte Glückspilz Karl. Der nächste König von Frankreich wird kein Filou sein.

Ludwig residiert auf Le Rivau, der Burgherr buckelt in Karls Nähe. Das könnte viel bedeuten. Es bedeutet hier wenig, da seine Frau königlich versippt ist. Sie hat die Burg dem familiären Portfolio zugeschanzt. Der König liebt ihren Patron, unseren Jean II. de Bourbon. Das kränkt Ludwig, er entdeckt jeden Tag ein neues Versagen des Vaters. Einer Eingebung folgend, rät ihm Thunderbolt, Clermont und seine Halunken im Keller einmauern zu lassen. Vielleicht spioniert die farine saucisse für den Engländer. Gleichviel, la meilleure partie du courage, c’est la discrétion, zumal Talbots Haufen vor Terbourg sich sammeln. Sollte Talbot selbst den Stoß führen, gäbe es für Ary nichts zu hoffen.

Ludwigs Gemütserkältung lässt die Stunde verkarsten. Thunderbolt gibt an wegen eines freistehenden Magazins besorgt zu sein, es könnte dem Feind noch in der Nacht zufallen. Er entzieht sich dem Frost mit Fleiß. Bald reitet der Herzog geschwind durch Nacht und Wind. Die Versatilität seiner Stute lobt er mit einem dadaischen Wortspiel. Fragt nicht, wo der Sinn seine Haftung verloren hat. Vermutlich sind der blödköpfigen Kopistin Christine Römer bei der Übertragung der Aufzeichnungen aus dem Dialekt der Île-de-France die Pferde durchgegangen. Thunderboldts vortrefflicher Gegenspieler, John Talbot, könnte viel daran setzen, alle ihm gehorchenden Leiber auf die Errichtung eines Lagers nahe Terbourg zu werfen. Ihm gehen wohl dreißigtausend Mann zur Hand, schon sieht Thunderbolt Feuer am Ufer der Vienne. Talbot spielt mit Success, aber unter ihm kommandieren Leute, die Bankrott gemacht haben.

Das avancierte Elend, wie man es überall findet, denkt Thunderbolt. Die Stute Thomas zeigt sich beunruhigt, sie hat vor Aufregung schon viel Mist fallen lassen. Das Magazin ist völlig entblößt, kein Mann wurde als Schildwache zurückgelassen. Es liegt immerhin gut im Futter eines Felsens. Nur eine starke Tür zeigt den Bunker.

Thunderbolt verweigert sich das Recht, eigenhändig eine Tarnung aufzubauen. Fängt man einmal mit so was an, ist man ruckzuck der kriechende Fußschemel von sonst wem, der aus seinem Pilzbefall ein Prädikat geschunden hat. Siehe Ary. Der aktuelle Kommandant von Terbourg stammt aus dem Geschlecht der Eingepissten (Comte de Incontinente). Grottenolme (Proteus anguinis) besitzen mehr natürliche Grazie als diese Leute. Die Arys werden noch Jahrhunderte das Volk an der Nase herumführen, einen gelinden Blutzoll an die Revolution abführen und dann blutig weiter kaspern.

Thunderbolt reitet zur nächsten Köhlerkate und beruft vom Ross herab eine Versammlung der Sippe vor ihrer Notdurft ein. Die Verworfenen stolpern wie geblendet zusammen, kein Selbstbewusstsein zwingt sie empor. Sie dürfen haltlos staunen über den glänzenden Reiter, jeder Steigbügel an Thunderbolts Sattel ist kostbarer als alles, was hinter ihnen liegt.

„Untertanen des Königs von Frankreich, Wir sind der Herzog von Thunderbolt und … … … blabla … …

bla
… … … bla
… bla … … … blabla
… so wie der Konstabler von Frankreich, also der wichtigste, stärkste, klügste, reichste und schönste Mann auf Erden”, sagt Thunderbolt, seine Bedeutung auf einen Planeten sarkozyrend. Sein pädagogisches Genie empfiehlt ihm, die vom Ruß Diskriminierten nicht mit einem Hinweis auf seine transplanetarische Unsterblichkeit zu überfordern.

„Nun brauchen Wir zwei Gsellas, die das Waffendepot da hinten vor den Augen Talbots verbergen und sich dann selbst klandestin in Bereitschaft halten, bis Wir euch zu ersetzen belieben.”

Szene reiht sich an Szene. Die vom Vater mit kaum einem Wort dem Konstabler zugeteilten Söhne laufen zum Bunker und transferieren Unterholz vor die Tür. Der Rest rückt auf, Vater, Mutter, Schwestern, die Jüngsten und erschaffen ein drolliges Bild der Zusammengehörigkeit und der Bereitschaft, dem großen Augenblick sämtliche Sensationen abzugewinnen. Bis an ihr Lebensende wird das erzählt werden. Wie eines Nachts der Konstabler von Frankreich, ungemein prächtig auf einem Ross wie von Samt, sich herabließ, das Wort an sie zu richten wegen einer Kleinigkeit und ihnen weiter das Vergnügen gewährte, ihn anzubeten. Mit Rettich und Schnaps steigern sie sich zu stiller Raserei. Während jenseits eines Kammes englischer Schmähgesang das französische Ohr beleidigt.

Es singt wenig Hass und noch weniger Hoffnung. Jeder Mann wünscht sich zu seinem Besten einen raschen und vollständigen Tod. Bloß nicht verletzt und wehrlos den zombiegleichen Überlebenden eines malträtierten Dorfes in die Hände fallen. Bis zum Wahnsinn verkrätzten Gemüsehökerinnen, die sich nicht erklären können, warum sie noch leben. Die nichts mehr wissen.

„Sie hatten sogar vergessen, wie man stirbt”, schreibt Thunderbolt an anderer Stelle. Er beobachtet bei Köhlers eine geschulte Tüchtigkeit in den Verrichtungen. Sich im Zupackungseifer überholende Hände.

„Die komplette Bagage erlöste sich in der Geschäftigkeit. Thomas kräuselte indigniert die Nüstern.”

Mit der Freude an der Tätigkeit wird die Familie gesprächig, der nahen Gefahr von der gewaltig wirkenden Gegenwart des Herzogs entfremdet. Wo Thunderbolt ist, da duckt sich jede Gefahr. Der Konstabler treibt Thomas in den keimenden Tag, der Stunde des Angriffs entgegen. Talbot sollte jetzt den Befehl geben. Doch seine Soldaten singen nur.

Thunderbolt reitet vorbei an schwelenden Ruinen. Eine Jagdgesellschaft staubt über seine Bahn. Zum Vivat stoßen Reiter die Luft mit Lanzen. Thunderbolt registriert Spiel, Trunk und die furchtbarsten Verläufe der Liebessucht. Im Hinterland des Aufmarschgebiets schulzt und schnulzt das Leben kurios. Vor einer zusammengeschossenen Wachstube campieren fahrende Inder wie in einem Film über die ursprüngliche Lebensweise von Sinti und Roma.
„Jede geschichtliche Exactitude versagte.”

Scherzend passieren Ordonnanzen vom Wind bewegte Gehängte. Goya fängt die läppische Herzlosigkeit in der Vorläufigkeit eines Frühstarts ein, noch ist der verknechtete Mensch nicht weit entfernt vom Repertoire der Karolinger – christianisierter Germanen, die ihre Herzöge nicht mehr wählten, sondern schmachvoll einen Kaiser über sich bestimmen ließen. Wer sich noch rühren kann, bewegt sich auf ein Getümmel zu oder von einem Getümmel fort. Wie sinnlos alles ist, zeigt jeder Kampf um eine Standarte. Die Sinnlosigkeit bedeutet nichts.
Wie aberwitzig alles ist, zeigt die Herrlichkeit einer Kavallerieattacke. Immerhin hat man es bei einem Reiterüberfall mit Leuten zu tun, die unter Druck nicht nur das Einfachste (wenn überhaupt) vollbringen.

Zu den Verpflichtungen umfassender Staatsführung gehören Suspendierungen der Reinheit. Sind genug gute Münzen im Umlauf, darf aus royalen Beimischungen schlechter Münzen keine Staatsaffäre gemacht werden. Ein Volk allein mit vorbildlichem Verhalten zu beherrschen, kann nicht gelingen. Eine Verfassung ohne trügerische Zugaben gibt es nicht, sagt Seneca bündig. Um den Misstand zu überspielen, setzt man dem Mysterienspiel vom Ursprung alles zu, was ein einnehmender Prospekt braucht. Mit verdummenden Erzählungen und Verlegungen grundgesetzgebender Versammlungen (siehe die Zehn Gebote) in den Himmel lassen sich geduldige Gläubiger erziehen. Jeder Staat hält wenigstens einen Gott an der Spitze. Weiß der Staat nicht weiter, bemüht er seinen Gott (seine Götter). Cicero: Wie die Tragiker die Götter bemühen, wo sie den Knoten nicht selbst lösen können.
Nun zum Tod, fuhr der Herzog von Thunderbolt fort in der Unterweisung des Kronprinzen Ludwig. Eine königliche Aufgabe besteht darin, den Kriegern des Reiches das Sterben leicht und den Tod schmackhaft zu machen. In gelungener Gesellschaft wird man alle beweglichen Männer mutig finden. Sie sterben für ein Versprechen, das auf Erden nicht gehalten werden muss. Der König kann folglich nicht wortbrüchig werden.

Ludwig, genannt die Spinne, genehmigt dem Konstabler einen zweifelnden Blick. Seit Tagen pisst der zwanghafte Beischläfer Blut. Ludwigs Vorliebe für die niedrigen Stände hält das Gesinde in Aufregung. Ein lombardischer Kunsthändler antichambriert halb auf dem Bauch. Er negoziiert wie dull und präsentiert ein paar Mütter Gottes als Kraftakte epigonaler Gemüter und Produkte einer italienischen Bilderfabrik, in der eine verbrauchte Moderne nachgemacht wird. Dieser Verfall ist nicht verwerflich, weiß Ludwig, sondern Resultierende eines Niedergangs. Inzwischen hat die Renaissance sämtlichen Vorhänge gehoben. Der Kaufmann erlebt das Wunder einer persönlichen Ansprache des Dauphin de France:
Qu’on m’ôte ces magots-là.
In der Kunst kann die Berechtigung von Bedeutung (Ruhm) in Jahrhunderten fragwürdig bleiben. Das gilt in geringerem Maß für die Liebe, nur auf dem Schlachtfeld lässt sich in Echtzeit und für die Ewigkeit feststellen, wie der Hase gelaufen ist.

Die Kunst darf man von ihrem Zweck nicht beurlauben, sie wird sonst irre.

Ab und zu wartet die Welt auf einen, doch geschieht das selten.

Oheim Thunderbolt gibt mit Ovid zu bedenken: Was nur aus Furcht vor Schande vermieden wird, ist schon getan. Besinnt Euch nie lange, es kommt sowieso anders stets als Ihr denkt.
Ludwig stellt sich den Händler als toten Hasen mit strammgezogenen Läufen vor. Er malt sich aus, wie dem Crétin das Fell über die Ohren gezogen wird. Ihm leuchtet ein, was der Onkel sagt. Verwandt ist er um Ecken auch mit der femme hydropique, die im Château du Rivau Gastgeberin spielt. Anne de Fontenay leidet gut aufgehoben in einem Sessel. Eine schöne Wirkung erzielt ein streifender Lampenschein.
Der Prinz versteht das Ensemble als häusliche Allegorie. Er vernimmt den Herzog: Zu den guten Absichten. Sie verlangen besondere Mäßigung. Viel Übel kommt mit den guten Absichten. Wir empfehlen Euch, sie zu vermeiden.


Nehmt jene ernst, die sich scheuen, sich etwas anvertrauen zu lassen.

Man soll das nicht schmutzig nennen, was notwendig ist.
Anne de Fontenay entdeckt ihre Lebhaftigkeit, da Ludwig aufsteht. Alle müssen sich mit ihm erheben und ihn in diesem Vorgang überholen, so dass sie bereits krumm stehen, wenn des Prinzen Haupt sich anschickt über den gestreckten Gliedern ebenso vollkommen (schiefmäulig) wie missmutig zu erscheinen. Selbst Thunderbolt macht in flüchtigster Manier das Theater mit. Es gehört zur Fürstenerziehung, ihn zu lehren, solche zu achten, die sich nicht wegwerfen vor Hingabe und ihre Bereitschaft an einschränkende Bedingungen knüpfen, anstatt sich rücklings wie Ruderer vorwärts zu bewegen.

Bei Pferden ist das etwas anderes. Der Herzog behält eine gewisse Freude an seiner Stute Thomas, die ihn aufgezäumt erwartet, da er den englischen Feldherren Talbot gleich treffen will. Der Gaul verschleudert treuherzig Rotz, als ihn Thunderbolt zwischen seine totalitären Schenkel nimmt.

Erst unter französischem Einfluss definiert sich England. Bis dahin bestimmen Territorialfürsten seine politische Gestalt, deren Vorfahren das von Rom aufgegebene oder nie erreichte Britannia kämpfend zu ihrer Sache gemacht haben, ohne eine zentralgewaltige Instanz etablieren zu können. Man vergeht fünfhundert Jahre lang in angelsächsischen Familienfehden und in der Abwehr nachfolgender Usurpatoren. Königreiche und Grafschaften behalten den Charakter von Exklaven. Bis 1066 lassen sich in England dänische und norwegische Interessen durchsetzen. Ein Herzog der Normandie macht Schluss damit. Er kommt als Willi der Bastard und bleibt als Wilhelm der Eroberer. Ihm gelingt die Einrichtung einer bestandssteigernd um sich greifenden, das Angelsächsische im Normannischen dynastisch einschmelzenden Monarchie. Wilhelm folgt noch lange nicht, schließlich doch Adela, die erste Frau auf einem englischen Thron. Zwar ist sie nur eingeschränkt legitimiert, dafür aber Kaiserin als Gattin eines Deutschen, dessen Familie hundert Jahre Kaiser stellt. Nach dem Tod ihres, den männlichen Nachkommen entbehrenden Saliers Heinrich V. heiratet Adela ohne Begeisterung den schönen Gottfried. Er ist bloß Graf.

Nun nähern wir uns einer Sache, die mich heute noch so aufzieht wie ich als Kind von ihr hingerissen war. Ich rede von der Geschichte des Empire Plantagenêt. Jeder, der England so gern hat wie Frankreich, der in der Bretagne, der Normandie, auf den Îles Anglo-Normandes und im Kent der Unbesiegbaren (Invicta) zum Ritter von eigenen Gnaden wurde, affiziert von Richard Löwenherz, Chevalier-Memorabilien – und den Sagen der Nordmänner, die als Invasoren in England und Frankreich prekär unterschiedliche Karrieren absolvierten, muss fühlen wie ich. In England bewahren die norwegischen und dänischen Aristokraten ihren ursprünglichen Habitus, sie heißen Harald bis zum bitteren Ende; bis der Kontinentalnormanne Guillaume le Conquérant sie von der Platte tot ins Meer putzt. Solange bleiben sie die Larve in der Larve. In Frankreich wird aus dem Nordmann ein anderer. Die skandinavischen Räuber nehmen auf dem Festland die überlegene Kultur an. Ihre Chefs stärken und bedrohen jenes fränkische Geschlecht, aus dem ab Hugo (940 – 996) bis zum letzten Ludwig (gest. 1793) jeder französische König kommt. Herzöge der Normandie heißen Wilhelm Langschwert, Richard der Furchtlose, Robert das Sackgesicht, Porno Hasenfuß (Hasenfuß wegen der Jagdgeschicklichkeit) und Rollo mit der kurzen Hose.

William Ætheling, dessen Name einen alten Anspruch klingen lässt, ist aber ein Enkel vom Conqueror und der ungeschickte Bruder unserer Adela. Er säuft in jungen Jahren ab, so schließt sich der Kreis. Adela, die Notlösung auf dem Thron, an der Macht gehalten vom Prestige des Kaisers, ist nach des Saliers Tod keine erstklassige Partie mehr, gleichwohl irgendwie immer noch Königin von England und (wegen des Opas) mit deutlich mehr Durchschlagskraft Herrin der Normandie. Man verheiratet sie mit Gottfried von Anjou, (zuerst) scherzhaft Graf Plantagenêt. So wird sie zur Stammmutter eines anglo-französischen Fürstenhauses, das in Frankreich die Monarchie in Frage stellt und in England die Monarchie garantiert. Indem die Grafen von Anjou den Feudalismus auf die Spitze treiben, unterstützen sie eine Neigung der Kapetinger, den Machtanspruch absolutistisch zu formulieren.

Der Graf von Anjou trägt den Namen einer Region, eines Dialekts und einer stammesgeschichtlichen Erinnerung. Gottfried repräsentiert die Nachkommen keltischer Siedler, die sich so deutlich auswirkten, das man sich darauf berufen kann. Die Anjous aka Plantagenets begreifen sich als Erben dieser keltischen Kultur, die auf beiden Kanalseiten ihre Spuren hinterlassen hat.

Jede Gründungsgeschichte braucht einen mytischen Anker, Löwin Erna, die ein Lamm säugte, der mehrsprachige Affe Toto als aller Räte Klügster. Bei den Plantagenets ist es das kanaluntergrabende keltische Erbe und ein sagenhaft avalonisch-albionisches Königreich. Ihr angevinisches Revier hat ein keltisches Gesicht. In der nächsten Generation kommt wieder etwas dazu, schon spricht man von Aquitanien. Spricht von Richard Löwenherz in der dritten Generation, hundert Jahre nach Wilhelm dem Eroberer. Dreihundert Jahre nach der heidnischen Invasion stellen Nordmänner das christliche Abendland sicher, dessen zweitgrößte Bedrohung sie quasi gestern noch waren. Und schon naht der Herzog von Thunderbolt, Zucht- und Degenmeister des in der Lauerstellung eines Dauphin de France flach atmenden, jeden Treppenabsatz fickenden Ludwig XI. zuzeiten des Hundertjährigen Kriegs. Die Krone hat sich Territorien unter den Nagel nahezu unmittelbarer Verfügungsgewalt gerissen, die zu Adelas Zeiten als Lehen noch stark bewehrt und vor dem König viel sicherer war, Ludwigs Vater, der siebte Kapetinger-Karl, stutzt seine Vasallen, wo er sie trifft, Ludwig will ihn übertreffen, Thunderbolt reitet aber auf seiner Stute Thomas John Talbot entgegen, einem Mann, der seine Achtung verdient. Talbot führt seit zwanzig Jahren Krieg gegen Frankreich, ich meine, mit persönlichem Einsatz. Er ist ein Vorgänger jener elisabethanischen Verwegenen, die sich eine Welt in die Tasche steckten, um sie vor ihrer Königin aus dem Hut zu zaubern. Mit einer Geste, die alle Mühe verschwieg.

So viel Grandezza für eine fischige, selbst zur Megäre ungeeignete Person, deren Mutter noch auf dem Klotz die Gründe ihres Ungemachs nicht zu kennen wusste. …

Noch ist die stulle Betty Tudor nicht am Start. Talbot liegt mit dreißigtausend Mann vor Trebourg. Seine Überlegenheit erscheint ehrenrührig lächerlich. In der Festung hält Ary die Stellung. Ihm zur Seite steht ein dekorierter Esel namens Messys. Das Gespann hat den Waliser oder Schotten Ap Llewelyn, der als Kommandant von Fort Trebourg unrühmlich abdanken musste, in die Bequemlichkeit der Gefangenschaft gestürzt. Man nahm ihm seine Burg, quel malheur. Heul leiser in deinem Arrest.

Talbot erweist dem Unsterblichen vor einem Zelt nahe der Loire die Ehre. Beinah hätte er einen Knicks getan.

Thunderbolt stoppt einen Anflug von Jovialität. Hier stehen sich nun zwei seltene Männer gegenüber. Kein Staat hält so viele Titel im Vorrat, um ihre Verdienste in die Länge zu ziehen. Ihre Art bestürzt.

Kriegerische Völker der Antike verspotteten ihre Nachdenklichen als Griechen. Sie fürchteten das Wissen als Hemmschuh, sie lobten die Einfalt sogar bei ihren Führern. Sie verstanden nicht, dass Bildung Muskulatur sein kann, eine Potenz, die auf die Mechanik wirkt.

Es ist nicht falsch, zu sagen, ein Ölüberschuss, der die Lampe trifft, löscht sie wie Wasser. Doch versagt da nicht das Öl, sondern die Lampe. Thunderbolt und Talbot sind solche Leuchten, dass man ihnen das Öl direkt aus der Pipeline einschenken kann. Bevor sie es verbrauchen, verkaufen sie es drei Mal. … Hinter dem Herzog schnaubt Thomas, die sensible Stute. Kacken und Angst haben, das ist ihr Programm.

Wir schreiben das Jahr 14.., England und Frankreich haben sich mit tödlichem Eifer auf französischem Boden verkrallt. Die Verhältnisse liegen so bizarr, dass der angreifende englische König zugleich ein Lehnsmann des Angegriffenen ist. Man bemerkt Cousins, die im Streit ihre Fürstenerziehung vergessen und sich die Hälse verbiegen. Die Steaks werden immer blutiger serviert.

Man hat einen Tisch vorbereitet, Offiziere kehren belustigt von der Jagd zurück ins Lager. Den Eindruck einer Belagerung vermindern Szenen wie aus dem Wirtshaus oder einem Bordell. Wenig schöne Köpfe und kaum ein Ebenmaß an Gliedern spielt Geschehen. Man ist als Generalleutnant verdrossen, die Magensäure schießt über den Lippenrand, geraucht wird noch nicht. Man kann nicht einfach den Fernseher einschalten und Tagesschau gucken, während die Luftwaffe den Gegner rasiert und am Boden lediglich Auxiliartruppen ins Gras beißen.

Der Herzog von Thunderbolt und die Französische Revolution

Am Hof Ludwig XVI. verstand man das Geschäft des Speichelleckers als Lehrberuf. Unterwürfigkeit spielte mit Gelenkigkeit zusammen in Allianzen, die uns zwar nichts mehr sagen, den Damaligen aber bis zur Gleichgültigkeit geläufig waren und natürlich erschienen – da sie soziale Stoffwechselfunktionen erfüllten. Als dann der Hof weggefegt wurde, ergaben sich für seine Milieus oft nur Rinnsteinlösungen, wenigstens im Vergleich mit einem beim Sonnenkönig akkreditierten Speichellecker.

Wer zum Fintieren erzogen worden war, konnte sich als Spieler und Rummelplatzfechter durchbringen. Dealer ging auch, zu einer Zeit, als Drogen in allen Boutiquen der Anschauungen rasend angepriesene Gebrauchsgegenstände waren. In einem Beitrag vom 21. August 1793 rückt Thunderbolt den Alkohol in einen überzeitlichen Rahmen. Der Wein habe „Europa stärker verändert als das Schwert“. Thunderbolt vermutet, dass die verflossenen Jahrtausende Wirkungen des Weins schwächten. Der Unsterbliche erinnert an Weinfeste der Götter, die wie Kokainorgien über den Horizont gegangen waren. Er betrachtet den gelinden Rausch als kultivierendes Moos auf den Findlingen der Gewalt, die zu Völkern und Staaten führen. Er stellt Wein als eine Sache heraus, die Eroberungszüge überdauert.

Thunderbolt beobachtete die Revolution in Paris für die Virginia Gazette und die Gazzetta dello Sport. Er wirkte als Berater und Spion und residierte am Place de la Révolution (heute Place de la Concorde) im konfiszierten Palais des Herzogs von Crillon. Am Tag der Niederschrift köpfte man den König direkt vor der Tür auf dem größten Platz der Stadt. Thunderbolt machte ein Vermögen mit der Vermietung seiner Balkone und Terrassen an Schaulustige, die das Vergnügen der Hinrichtung mit Aristopunk steigerten.

Als Veteran des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges war Thunderbolt nichts weniger als zimperlich und schon gar nicht royalistisch. Karikaturen zeigen ihn unter ätzenden Überschriften als reitenden Boten der (oft als Brand dargestellten) Weltrevolution. Vorbemerkungen zu einem nie ausgeführten Gedicht tragen den Titel „Das Lächeln der Guillotine“. Man nimmt an, dass Thunderbolt den Zeitpunkt von Ludwigs Enthauptung mit einer Feder in der Hand, der Zigarre im Ohr und einem Speichellecker zu seinen Füßen begrüßte. Für ihn war, um auf den Artikel zurückzukommen, Tabak das „Geschenk Amerikas an Europa“. Er vermutete allerdings auch eine Verminderung der permanenten Umsturzbereitschaft „in der alkaloiden Sphäre“.

Dem Henker widmete Thunderbolt einen Aufsatz. Charles-Henri Sanson zählte zu den berühmtesten Männern Frankreichs. Er versah sein Amt ohne Freude, doch mit Fleiß. Er hatte in Paris keinen Kollegen. In den 1790er Jahren richtete er im Akkord hin. Er exekutierte Gegner und Anhänger der Revolution ohne Ansehen der Person. Das Amt war im Erbgang auf ihn gekommen und ging so weiter.

Thunderbolt nannte Paris die größte Favela Europas. Seinen Lesern begegnete er von oben herab. Nur wer belehrt werden wollte, wurde mit Thunderbolts Prosa glücklich. Alle anderen mussten sich von der Überheblichkeit des Autors abgestoßen fühlen.

Bis zur Revolution hatten nur Schranzen das königliche Privileg erhalten, ein Casino/Freudenhaus führen zu dürfen. Damit sollte Schluss sein, trotzdem betrieben und besuchten diese Orte 1793 dieselben Leute wie zuvor. Damit hielt sich Thunderbolt wochenlang auf. Er stiefelte durch die Akademien der Liederlichkeit und berichtete von Schnapphähnen mit am Leib schmählich verborgenen Waffen und manchen charmanten Compagnien mit Gefallenen aus der derangierten Oberschicht. Für einen Louisdor konnte man die Nacht durchtanzen und sein Elend vergessen. Parolen und Klopfzeichen dichteten das Geschehen gegen die Revolutionswächter ab. In den Verließen des Vergnügens kursierten noch die Titel des Ancien Régime. Gräfinnen trieben die Kuppelei soweit, dass sie ihre Töchter anboten. Thunderbolt fand die entmachtete Aristokratie ohne Halt und ganz bedeutungslos. Dass sie so schlapp und verworfen die Revolution einfach überleben würde, um bei der nächsten Restauration förmlich wieder aufzuerstehen, war für den Vorgänger von Gertrude Stein und Ernest Hemingway (als publizierenden Amerikaner in Paris) unvorstellbar.

1794 berichtete Thunderbolt von Stiergefechten in der Camargue. Er zählte zur Entourage eines mediatisierten Fürsten, der sich aus dem Abstieg viel weniger machte als seine Trabanten, die mit den Schranzen anderer Verlierer um Distinktionsgewinne im Millimeterbereich feilschten. Heruntergekommene Aristokraten lebten nun als Berufsspieler und Kaskadeure zwischen Pferden und Stieren und einem sehr eigenen, dem Wesen der Bukaniere verwandten Schlag im provencialischen Auenreich.

„Dem französischen Granden ist nur ein Anschein von Geltung geblieben. Der gemeine Mann buckelt gleichwohl vor ihm aus grauer Gewohnheit.“

Thunderbolt bemerkte natürliche Amphitheater, die von Eidechsen bespielt wurden wie zur Erinnerung an ihre gigantischen Vorgänger: „die Motivlieferanten für die Albträume der Menschheit.“ In dieser Gegend fasste keine Pariser Regierung Fuß. Genehmigungen erteilten Familienväter. Sie gaben sich als Fischer und Züchter aus, ihre wahre Profession erschöpfte sich im Widerstand gegen das Fremde, es sei denn, es kam ihnen gelegen wie diese Grafen und ihre Kleinstaaten im Stil wandernder Zirkusse. Wo sich die Verjagten niederließen, wurde ein Spielbetrieb aufgezogen.

„Entweder du verlierst alles an den Tischen oder ein Mädchen hakt sich ein, was aufs Gleiche hinausläuft.“

Man muss Thunderbolt als einen Mann der Aufklärung mit enzyklopädistischem Schwung verstehen. Er wähnte sich vom Fortschritt verhaftet und hielt die Enträtselung der Welt für so gewiss wie ein Sektierer die umgehende Ankunft des Jüngsten Gerichts. Inzwischen waren die ersten Robespierristen auf der Flucht vor dem eigenen Terror und trafen in der Camargue untergetauchte Indulgenten, die von Dantons Tod am 5. April gewarnt worden waren. Alle wussten von desaströsen Wahlbeteiligungen. Ein paar tausend Aktivisten besorgten das Demokratiegeschäft der Bürger bei absoluter Entbehrung von Achtung. Das Volk war zwar nach revolutionärer Auffassung rein, aber unaufgeklärt, während ehedem hohe Personen vom Lauf der Geschichte gelangweilt an Strohhalmen sogen.

Der Republikaner Thunderbolt begleitete Angehörige des hingerichteten Ludwigs nach Calais. Er reiste verwundert über die Nonchalance der verkleidet Emigrierenden. Niemand hatte damit gerechnet, dass sich die Revolution so hinzog. Jeder erwartete Diversion in seinem Fall, trotz des blutigen Unmuts jakobinischer Politik.

Woher nahmen diese Leute das? Lag es in ihrem Blut, leichtsinnig das Beste anzunehmen, wenn schon die Annahme von der Wirklichkeit widerlegt worden war? Thunderbolt korpulenzte darüber in Artikeln. Er kam zu dem Schluss, dass der Adel aus Erfahrung entspannte. Der Adel glaubte nämlich nicht an die Macht des Volkes wie sehr es sich auch aufführte. Er wartete auf den nächsten Caesar, der es praktisch finden würde, die alten Eliten zu reaktivieren.

Thunderbolt erzählte die Fluchtgeschichte als eine Wallfahrt von Invaliden, die kaum stehen und schon gar nicht gehen oder reiten wollten. Sie lagen mehr als sie saßen in der Kutsche und erwarteten alles auf einen Fingerdeut hin. Interessanter noch fand der Amerikaner, dass sie es auch kriegten von einer Dienerschaft, die stolz darauf war, seit Jahrzehnten der wallfahrenden Herrschaft zu gehorchen.

Thunderbolt kehrte nach Paris zurück, wo er am Place de la Révolution zuhause war. In seiner Abwesenheit hatte sich die Stadt verwandelt. Genies des Aufstands blockierten in der Nationalversammlung die Übergänge in geordnete Bahnen. Wie vor ihnen die Könige, behaupteten sie, das Schicksal Frankreichs wolle von ihnen bestimmt sein. Sie rechneten die Philosophie zur Politik, um großartiger zu erscheinen. Sie verschwiegen die Kosten der Unsicherheit, mit der sie ihre Macht befestigten. Die Gewinne waren längst flüchtig, Thunderbolt zählte zusammen, wer an der Revolution verdiente. Die Republik zählte nicht dazu. Sie verlor eine Kolonie nach der nächsten, da wurde Robespierre gestürzt. George Washington zog seinen Supermann ab nach Australien.

Ich möchte die Überfahrt nutzen, um eine Kuriosität der Kolonialgeschichte zu verbreiten, namentlich die wiederholte Entdeckung. Manches Land wurde in den Jahrhunderten zwischen Magellan und Cook mal von dieser, mal von jener europäischen Macht entdeckt und manchmal mehr als einmal von derselben. Ich erinnere an die ausführlich besprochene Entdeckungsgeschichte Neufundlands ab 1450. Australien war bereits im 16. Jahrhundert ein europäisches Ziel, blieb aber zweihundert Jahre lang Niemandsland in der europäischen Perspektive. Es gab eine ozeanische Vergesslichkeit, die einsetzte, wenn kein Missionseifer und keine wirtschaftlichen oder strategischen Interessen Engagement forderten; wenn nicht Eifersucht und Konkurrenz zwischen Staaten der Alten Welt stimulierend wirkten. Manchmal reichte ein Besiedlungsungeschick, um eine Insel von der Karte des Begehrens zu nehmen. Der niederländische Kapitän Abel Tasman bezeichnete die begehbaren Flächen im Pazifik als vorbewusste Räume der Welt. Er fand schlafende Länder, Stein- und Traumzeitreservate, die der Empfindung Vorschub leisteten: in einer anderen Zeit gelandet zu sein. Er passierte Inselflure und beschrieb sie als poly nēsoi. 1642 erreichte Tasman Neuseeland, nachdem er das seit der Antike sagenhafte Südland (terra australis) umfahren hatte. Er segelte für die Dutch East India Company von Batavia aus, wieder ging es um Durchgänge und Abkürzungen … während sich Thunderbolt 1794 auf einem Schiff der British East India Company verleugnete. Er markierte einen Briten. Als erster US-Geheimagent kannte er das 1855 nach Tasman benannte Land noch unter dem Namen eines Generalgouverneur von Niederländisch-Indien – Van Diemen’s Land (Vandiemensland).

Das hatten wir schon im Großen und Groben. Thunderbolt glaubte noch, Van Diemen’s Land sei die südlichste Festlandkante, die insulare Eigenständigkeit Tasmaniens wurde erst 1798 von dem Schiffsarzt George Bass festgestellt. In Australien stand alles auf Anfang: seit man den alten Admiral Arthur Phillip, einen halben Hessen in britischen Diensten, dazu bewegt hatte, Vormund für siebenhundertzweiundneunzig von England nach Australien verbrachte Verbrecher zu spielen. Heute bringt man mit den Deportationen (umgangssprachlich: Transportation) zuerst Van Diemen’s Land in Verbindung, siehe den gleichnamigen Film. Macquarie Harbour Penal Station wurde zur Heimat für solche, die in überseeischer Gefangenschaft straffällig geworden waren. Man isolierte sie von den in der ersten australischen Kolonie New South Wales nahe Port Jackson (Sydney) Arrestierten. Von 1788 bis 1793 gab es da nur Gefangene und Soldaten, abgesehen von der ursprünglichen Bevölkerung. Thunderbolt reiste mit dem zweiten Schwung freier Einwanderer. Er war noch in Australien, als der Marineoffizier John Bowen 1803 im Alter von zweiundzwanzig Jahren das Kommando auf Vandiemen’s Land übernahm. Das erste Sträflingslager lag an einer Bucht namens Risdon. Bowen gründete eine Werft und stieg mit seinen Delinquenten in den Bergbau ein. Zu Ehren des 4. Earl of Buckinghamshire, der als Kolonial- und Kriegsminister Bowens berufliche Laufbahn bestimmte, taufte er den Schauplatz seines Unternehmungsgeistes Hobart Town. Heute ist Hobart die Hauptstadt von Tasmanien.

Bowen nahm die Tochter einer Gefangenen zur Geliebten. Martha Hayes bekam zwei Kinder vom Chefaufseher, der sich bald weiter in der Welt umsah. Martha blieb auf der Insel und heiratete einen Landwirt. Sie erreichte höchstes Ansehen in Verhältnissen, die, so Arthur Phillip in seinem Bericht „Kommodore Phillip’s Reise nach der Botany-Bai auf Neuholland. Nebst einer genauen Nachricht von der neuen englischen Niederlassung zu Jacksons-Port und einer kurzen Geschichte und Beschreibung von Neuholland“, der Teufel in der Maske des Zufalls am Kochen hielt.

9. November 2016

Die Niederlande ergattern ihren Platz an der Sonne

Tokugawa Iemitsu, dritter Shogun der Tokugawa-Dynastie, schloss Japan 1633 von der Welt ab. Das Shogunat beschränkte den Kontakt zu Europäern auf Vertreter der „Verenigden Oostindischen Compagnie”, die ab 1640 als Expatriierte auf einer stinkenden, aus dem Meerbusen vor Nagasaki ragenden, mühsamer Landgewinnung abgetrotzten Erhebung namens Dejima konzentriert wurden.

Die ungenaue Küstenlinie Australiens wurde auf Karten des 17. Jahrhunderts neuholländisch genannt. Die Niederlande rivalisierten mit den fusionierten Supermächten Spanien und Portugal und waren doch selbst spanischer Herrschaft unterworfen. Niederländer rückten nach und auf, sie profitierten vom lateinischen Despotismus, der ganze Völker in die Halsstarrigkeit trieb und sie zugleich empfänglich machte für angenehmere Umgangsformen. Die Portugiesen prügelten mit ihrer Religion auf alles ein und sorgten so dafür, dass im Gedächtnis der Erpressten Katholizismus und Habgier zur Einheit verklumpten. Überseeische Zugewinne erhöhten den Freiheitsdrang der Niederländer, die dem Habsburger Weltreich Eingegliederten traten in den Kolonien als Bedränger ihrer Herren auf. Mancher Philipp von Spanien fand Anlass zur Beschwerde über die Provinzen Niederlande, Belgien und Luxemburg. Cornelis de Houtman, ein Mann aus Gouda, der vor Ablauf des 16. Jh. sein Leben auf Sumatra ließ, entriss den Portugiesen das Pfeffermonopol mit mehr List als Gewalt. Zum ersten Stützpunkt machte er Bantam auf Java. Im Gefecht verlor er zwei Schiffe und fast alle Matrosen, eine Bucht heißt seitdem „Friedhof der Holländer”. Nun besassen die Niederländer ihren Platz an der Sonne. In Indonesien übernahmen sie das traditionelle Verwaltungsgefüge, dem sie einen Beamten aus Utrecht oder Texel vorsetzten. Dem sollte dann zum Beispiel der Sultan von Bantam berichten. Daran musste sich der Sultan erst gewöhnen, Houtman jedenfalls wurde noch wegen Anmaßung die Kehle durchgeschnitten. Pieter Both, Admiral der Brabant’schen Compagnie-Flotte, wurde erster Gouverneur von Niederländisch-Ostindien. Die Kolonie war eine Geschäftsidee der Dutch East India Company. Das erste Fort des Handelshauses entstand an der Mündung des Ciliwung (Blattbeißer schreibt Tschiliwing) zwischen einer portugiesischen Festung und der Hafenstadt Jayakarta. Wie viele seinesgleichen hieß es Nassau. In einem langen Kampf mussten die Niederlande gegen Spanien, Portugal und England immer wieder ihren Standpunkt behaupten. Selbst als der Kaiser von Java und der König von Jayakarta aufstanden, um mit englischer Hilfe den Neuen Stöße zu versetzen, widerstand die Mannschaft der schon über die Wälle gewachsenen, alles Ältere einnehmende, eine Stadt in ihrer künftigen Gestalt andeutende Siedlung. Die Niederländer waren entschlossen, notfalls an Ort und Stelle zu verderben. Mit ihrer Art brachten sie den König von Jayakarta so aus der Fassung, dass er abdankte und zum Eremiten wurde.

Fort Nassau war die Keimzelle von Batavia (Jakarta), dem Zentrum von Niederländisch-Ostindien. Brackwasser führende Kanäle durchzogen die Kapitale. Die von der Dutch East India Company zur Verstärkung des zivilisatorischen Vorpostens angeworbenen Handwerker starben im Fieberwahn. Die Stadt war zwar ungesund, lag aber günstig. Die Verhältnisse verbesserten sich wenig, es hagelte Kritik in Reisetagebüchern. Nur die chinesischen Einwanderer fühlten sich in Batavia wohl, bis zu einem Pogrom.

Tokugawa Iemitsu, dritter Shogun der Tokugawa-Dynastie, schloss Japan 1633 von der Welt ab. Der Abschluss war beinah die erste Amtshandlung im Zuge einer vollständigen Machtübernahme nach dem Tod des Vaters. Das Tokugawa-Shogunat beschränkte den Kontakt zu Europäern auf Vertreter der “Verenigden Oostindischen Compagnie”, die ab 1640 als Expatriierte auf einer stinkenden, aus dem Meerbusen vor Nagasaki ragenden, mühsamer Landgewinnung abgetrotzten Erhebung namens Dejima konzentriert wurden. So kläglich und unhygienisch da alles war, es bot sich doch einer Monopolstellung, die erst von amerikanischer Kanonenbootpolitik 1853 gebrochen wurde, zur Nachsicht an. Dass die kleinen Niederlande Portugal ausstachen, verdankte sich vielen verdeckten Bemühungen und hatte jedenfalls auch diesen Grund: die Holländer missionierten nicht. Anders als die katholischen Imperialisten, die Japan „entdeckt” hatten und ihr Programm nach Schema F betrieben. – Und auch wieder nicht. Die besonderen kulturellen Formate Japans wurde von allen Reisenden geschildert. Im Gegenzug studierten Japaner europäische Vorsprünge (nach der Abschottung im Rahmen der Hollandkunde-Rangaku).
Die Dutch East India Company hatte keinen hoheitlichen Status. Japan unterhielt diplomatische Beziehungen zu einem Handelshaus. Die niederländische Regierung erwartete von den jährlich wechselnden Faktoreivorstehern, dass sie über den Betrieb hinausreichende Interessen wahrnahmen und die Vorteile abfischten, die sich aus dem Alleinvertretungsanspruch ergaben. Einmal im Jahr hatte der Vorsteher mit Geschenken in Edo am Hof zu erscheinen.

Tokugawa Iemitsu betrieb unter seinen Leuten Christenverfolgung im römischen Stil. Viel weiß man über den im Reichseinigungskampf erfolgreichen Shogun von François Caron. Der Sohn hugenottischer Flüchtlinge kam zuerst als Küchenhelfer auf einem holländischen Schiff nach Japan. Er bildete sich zum Dolmetscher aus und fand in dieser Rolle Gelegenheit, dem Fürsten nahezukommen. 1639 wurde Caron Chef der Niederlassung. Später orientierte er sich nach Batavia. Er kämpfte gegen die Portugiesen auf Ceylon (Sri Lanka). Als Gouverneur auf der Insel Formosa erreichte Caron einen Karrierehöhepunkt. Schließlich entkleidete er sich seiner niederländischen Würden und trat in französische Dienste. In Frankreich nimmt man ihn als Franzosen und so auch als den ersten Franzosen, der in Japan zum Schriftsteller wurde.
Kaufleute erfüllten Aufgaben der Krone. Sie bestimmten die Kolonialpolitik und verwischten die Grenzen zwischen privatem Handel und öffentlicher Verwaltung. Sie hoben Truppen aus und erhoben Tributforderungen. Den ostindischen Dienst ließen sie auf der ganzen Linie zu einer Söldnersache herunterkommen. Zu Carons Zeiten als CEO brachte eine Ladung der Dutch East India Company-Retourflotte bei einem Einsatz von sechshunderttausend Gulden auf dem Amsterdamer Markt zwei Millionen. Wegen solcher Spannen grassierte Spekulationsfieber bei japanischem Kuper und javanesischem Schwefel. Um keine Schmälerungen des Kredits zu erleiden, bediente das Unternehmen seine Aktionäre so lange fürstlich, bis es im späten 18. Jahrhundert mit einem Ausfall von hundertsechzig Millionen Gulden dem Staat zufiel.

Das Nachlassen der niederländischen Spannkraft rief Großbritannien auf den Plan. Die britische Ostindien-Company griff nach allem, was in Asien niederländisch war, während Holland unter Napoleon französisch wurde. Blattbeißer spricht von Kämpfen um “Eilandkorridore zwischen ozeanischen Fahrbahnen”. Auch Freiherr von Zierenberg zu Zaimoglu-Weißenstein nimmt Abstand zum robusten Stil der Hessenranger, da die Rede auf Pulo Pinang und die Straße von Malakka kommt. Es regnet Blüten auf Schaumkronen … malayische Könige verdienen ihre Unabhängigkeit mit dem Argwohn, der Großbritannien und die Niederlande dazu bestimmt hat, die Eigenständigkeit von Staaten an den Grenzen ihrer Dömanen unangetastet zu lassen.

Staatliche Souveränität als Puffer, Menschenfresser im Bergbau. Auf Sumatra bauen die Niederländer im 19. Jahrhundert Steinkohle in der Heimat gut aufgelegter Kannibalen ab. In der Regenzeit ruht der Betrieb, die Gegend wird Sumpf. Zierenberg vermutet dreihundert Millionen Kubikmeter Kohle unter schwierigem Zugang in sieben Lagern. Allein, es fehlen gute Wege. Zukunftstrunken rät Zierenberg zur Verlegung von Schienen so wie zu einer vollständigen Erschließung der niederländischen Residenzen. Er beteiligt sich an der Unterwerfung aufständiger Javanesen im Gefolge des Prinzen Dipanegara, einem Sohn des Hamengkubuwono III. In seinen „Aufzeichnungen eines Ostindienfahrers aus guten Hause” wird Zierenberg dem Freiheitskampf kaum gerecht. Er sieht nur die muslimische Gefahr in ihrer Ausbreitung. Sind alles Islamisten, diese Javansen.

2. November 2016

George Washington – Ein Sklavenhalter kämpft für die Freiheit

Die britische Sache steht nicht zum Besten, als im Geleit des britischen Generals Cornwallis’ der Aufstieg eines nach der Lederstrumpfmode gekleideten neunzehnjährigen Milizführers beginnt. George Washington verkörpert das neuenglische Ideal. In ihm verbindet sich die Fortschrittsgläubigkeit eines jungen Pioniers mit dem selbstgenügsamen Temperament des Waldläufers und der Tüchtigkeit des rundum beschlagenen Landnehmers. Sein oberster Dienstherr ist der englische Kolonialbeamte Bob Dinwiddie. Für den stellvertretenden Gouverneur von Virginia hat Washington die französische Insel Cape Breton investigativ durchstreift.

Zur Abwehr französischer Expansionsabsichten übernimmt Edward Cornwallis im Juli 1749 an der Spitze neuenglischer Siedlermilizionäre die atlantische Halbinsel Chebucto und veranlasst ein Schanzwerk, das als Fort Halifax in die Geschichte eingeht. Heute ist Halifax Hauptstadt der kanadischen Provinz Nova Scotia. Ich erinnere an den Stockfisch. Auf präkolumbianischen Seekarten ist mitunter eine Insel eingezeichnet, die als terra do bacalhau, bacalhau wie Stockfisch, bezeichnet wurde. Man ordnet sie einem neuschottischen Küstenstreifen zu. 1497 landete da John Cobot, bretonische Fischer nannten die Gegend Île du Cap-Breton.

Das größte deutsche Unglück waren die Bauernkriege, denn sie kamen zu früh, sagt Berthold Brecht. In der Gegenwart von Cornwallis als General einer rechtzeitigen Bauernarmee ist sie zwar weitreichend britisch, doch besiedelt von katholischen Nachfahren französischer Einwanderer. Diese Akadier verweigern England die Gefolgschaft. Man versucht sie mit Kontingentprotestanten zu neutralisieren.

Auch katholische Schotten und Iren im britischen Nouvelle-Écosse könnten sich mit separatistischem Impetus Frankreich anschließen. Die britische Sache steht nicht zum Besten, als im Geleit Cornwallis’ der Aufstieg eines nach der Lederstrumpfmode gekleideten neunzehnjährigen Milizführers beginnt. George Washington verkörpert das neuenglische Ideal. In ihm verbindet sich die Fortschrittsgläubigkeit eines jungen Pioniers mit dem selbstgenügsamen Temperament des Waldläufers und der Tüchtigkeit des rundum beschlagenen Landnehmers. Sein oberster Dienstherr ist der englische Kolonialbeamte Bob Dinwiddie. Für den stellvertretenden Gouverneur von Virginia hat Washington die französische Cape Breton Island investigativ durchstreift. Der Adoleszent tritt schon als Gesandter auf. Er gründet bald die ersten amerikanischen Special Forces, The Minutemen, die in ihren Stiefeln schlafen, die Pennsylvania Rifle im Arm.

Cornwallis verliert Washington an die Aufgabe eines Festungsbaus am Ohio. Auf dem Marsch sammelt Washington Freiwillige ein. Er setzt Fort Prince George vor einen strategisch relevanten Pass in den Allegheny Mountains. Die Bauarbeiten werden gestört, die Neuengländer vertrieben. Die Sieger vollenden das Trutzwerk und nennen es Fort Duquesne. Der Historiker Hieronymus Blattbeißer spricht vom Franzosen in Notwehr. Washington habe sich, dabei Dinwiddie gehorchend, in einer französischen Wade verbissen. Er sei allgemein unerwünscht gewesen, auch den Geschäftsbetrieb angloamerikanischer Händler und Trapper irrritierte die Intervention. Nahe dem verlorenen Posten lässt er einen Palisadenverhau errichtet – Fort Necessity. Dahin zieht er sich nach einem Scharmützel zurück. Der Kommandant von Duquesne erzwingt seinen Abzug. Ein weiterer Versuch, das Fort wieder zu gewinnen, mündet 1755 in einer britischen Niederlage. Blattbeißer spricht von der einzigen Schlacht, in der Washington unterliegt. Das Desaster widerfährt ihm im Rang eines Lieutenant Colonels der Kolonialarmee. Die Auseinandersetzung liefert dem Siebenjährigen Krieg einen Auftakt. In dessen Folge verliert Frankreich viel Land.

Die neuenglischen Milizen erleben die Schwäche Neufrankreichs an allen Enden, überall empfiehlt es sich durchzustoßen und aufzurücken. Die Zurückhaltung der Krone erscheint den zu Carpe diem und Hic Rhodus, hic salta erzogenen Pionieren sträflich. Männer aus Connecticut, Massachusetts, New Hampshire und Virginia rüsten gegen königliche Order und unter Missachtung von Friedensschlüssen. Zu Lande und auf See bedrängen sie den nachlassenden Feind. Washington nennt den britischen Standpunkt engherzig. Er legt Feuer an die Lunten entlang der Grenze zu Kanada. Georg III. lässt sich nötigen und veranlasst die Aufbringung französischer Schiffe ohne eine Kriegserklärung abzugeben. Gleichzeitig versucht der englische König den Vorwitz der Kolonisten zurückzustutzen. Sein Gegenspieler, Ludwig XVI., regt sich so auf, dass er England eine Invasion im normannischen Stil verspricht. Georg verlangt verängstigt nach seinen in Hannover stationierten Soldaten und kauft dazu vom hessischen Schwager Landgraf Friedrich II. ein Korps ein.

Neuenglische Provokationen gehen in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg über.

Noch einmal trete ich zurück, um einen längeren Anlauf zu haben. George Washington zeigt zunächst einen verbindlichen Herkunftsstolz. Seine Feinde sind die Feinde des Empires. Frankreich und England stehen überall auf der Welt im Kampf. Man trifft sich in Ostindien und Afrika. Der in Herrenhausen bei Hannover geborene englische König Georg II. verbündet sich mit Friedrich II. von Preußen. Washington und seine Männer entreißen der konkurrierenden Großmacht Ringburgen mit das Entlegene illustrierenden Namen wie zum Beispiel Ticonderoga, Crown Point und Niagara. Die militärischen Stützpunkte waren ursprünglich Handelsniederlassungen. In der Umgebung nordamerikanischer Festungen findet man stets Hinweise auf einen Hudson oder einen Trent, dessen Erwerbstrieb allen und allem wie ein Spürhund vorauseilte.

Das in die Insolvenz rutschende Frankreich hält sich zäh, das französische Selbstverständnis weiß noch nichts von der Inferiorität im Verhältnis zu den nachsetzenden neuenglischen Formationen. Es steckt Gemeinheit in einer neuenglischen Politik der Nadelstiche. Die stürzenden Franzosen profitieren noch von guten Beziehungen zur ursprünglichen Bevölkerung. In diesen Verhältnissen herrscht nicht la langue de bois steinerner Herzen, vielmehr eine dekorative Verbundenheit.

Auf dem Lac Champlain geht die französische Flotte unter Saint-Véran 1759 baden. Der Marquis unterliegt General James Wolfe. Dass bald alles vom Lorenzstrom bis zum Mississippi britisch ist, verdankt sich den neuenglischen Milizen in erster Linie oder nicht zuletzt, je nachdem, wer überliefert, doch ergibt sich keine unverbrüchliche Bündnistreue. Ein paar Jahre später schlagen Briten am Lake Champlain die soeben aus der Taufe gehobene, im ersten Einsatz scheiternde amerikanische Marine.

1763 tritt Frankreich formell und bis in alle Ewigkeit Akadien (Neuschottland), Cape Breton Island und Kanada ab. Eine wenig beachtete Konsequenz dieser Totalität: der französische Verzicht verändert die amerikanische Perspektive. Neuenglische Kolonisten wenden sich nun von den kultivierten Räumen im Osten dem wenig erschlossenen Westen zu.

1767 beschließt das britische Parlament eine zusätzliche Besteuerung der Kolonien mit Einfuhrzöllen. Die Townshend Acts, so genannt nach einem britischen Finanzminister, verteuern Tee. Interessanterweise werden die Gesetze als Durchsetzungsmaßnahmen mit Strafcharakter gehandelt. Der sie verfolgende Unmut richtet sich gegen das Dominanzgebaren im Mutterland. Die Kolonisten wollen in Belangen, die sie angehen, mitentscheiden. Der demokratische Wille steht in einem schiefen Verhältnis zu der Tatsache, dass in den Südprovinzen der künftigen Union auf jeden Neuengländer ein Sklave kommt.

26. Oktober 2016

Nautische Feldzüge, narrative Prisen und Formen der Herrschaft

Vespuccis Reisebericht inspiriert einen Verwandten namens Niccolò Machiavelli. Der (von den Medici) kaltgestellte Stratege erkennt: „Sind die Lebensumstände leicht, sind dies auch die Formen der Herrschaft.
Machiavelli vergleicht den kindlichen Zuschnitt eines amerikanischen Paradiesvorstandes mit der Doppelgesichtigkeit eines Cesare Borgia, halb Mann, halb Tier, ein Viertel Löwe, ein Viertel Fuchs, von glänzender Herkunft beinah nur und stets nicht ebenbürtig und doch so lange mächtig wie es seinem Vater, dem Papst, am Leben zu bleiben gelingt.
Ein Irrtum bedeutet Untergang.

Es gab Flottenmaler und Flottenschriftsteller. Sie wurden von höchster Stelle eingesetzt und rangierten als technisches Personal in einer Mittellage. Der Maler an Bord erfüllte die Funktion eines Fotografen. Sein Verhältnis zum Flottenführer war eine Delikatesse. Er hatte die Kenntnisse eines Chirurgen und konnte bei der Bestimmung von Pflanzen dem Bordbotaniker zur Hilfe kommen.
Der Flottenschriftsteller reiste als Chronist und betrieb doppelte Buchführung. Er schilderte den Expeditionsverlauf in einem Exklusivbericht für die Königin, das war sein Job. Außerdem strich er narrative Prisen ein. Der poetische Mehrwert ergab sich zumal aus Beobachtungsgewinnen, die der Zeit voraus waren, da sie in einer Piloten*-Zukunft stattfanden.
*Ein wichtiger Mann an Bord war der Pilot. Die Piloten des 16. Jahrhunderts sind in Begriffen der Gegenwart nur mit Astronauten zu vergleichen. Ihre Wissensvorsprünge waren Klippen, auf denen Geschichte gemacht wurde.

Pero Vaz de Caminha nahm als Schriftsteller an einem nautischen Feldzug teil, der als diplomatische Mission deklariert war und zur „Entdeckung“ Brasiliens führte. Er führte ferner zu einer Verschiebung der Machtverhältnisse im Welthandel. Wir verbinden die Expedition mit dem Namen des Flottenführers Pedro Álvares Cabral.
Zu den Aufgaben eines Flottenschriftstellers gehörte die Sicherung von Staatsgeheimnissen. In seinem Bericht las die Königin, wie der Wind auf dem Atlantik weht und Küstenlinien verlaufen. Das war Herrschaftswissen.

Reisende Zivilisten zu Caminhas Zeit fanden Amerika himmlisch. Manche glaubten, das Paradies oder zumindest einen Vorort erreicht zu haben. Die Renaissance zeichnete ihre Ansichten schwungvoll. Amerigo Vespucci, dessen Name zum Namen eines Kontinents und dessen Lebensstil nach seiner Geburtsstadt Florenz – florentinisch – sprichwörtlich wurde, schreibt:
„Als ich die wunderbare Fruchtbarkeit des Landes sah, meinte ich, nicht weit mehr vom Paradiese zu sein.“
Caminha nennt Vespucci den „treuherzigsten“ aller begabten Träumer.
Zugleich bestätigt er Vespucci: „Jeder, der dieses Land geschaut, wird die überschwängliche Begeisterung der Schwärmer wohl begreifen.“
Vespucci war schwärmender Realist, Agent der Medici, Geschäftsmann und Navigator (Pilot) – ein früher Saint-Exupéry.
„In der Tat, dieses reiche, wechselvolle, oft zauberhaft schöne Landschaftsbild, diese mächtigen Ströme, die ihre Fluten dem Ozean entgegen rollen, diese ungezählten Palmenriesen, deren Kronen den Urwald in jenes zauberhafte (steht so da) Dunkel hüllen und mit unvergleichlicher Majestät verkleiden …“
Das geht so seitenlang und soll nur zeigen: es gab eine europäische Perspektive, die Amerika nicht zum Plündern freigab.
Vespucci überschreibt 1500 einen amerikanischen Aufsatz: „Oh Herr und Gott, wie wunderbar sind deine Werke!“ („Deine“ tatsächlich klein, ich hab noch mal geguckt.)
Die Idee vom Paradies Amerika konkurriert mit trockenen Darstellungen: „Brasilien liegt größtenteils in der heißen Zone.“

Vespucci sah die Amazonasmündung vor Cabral. Caminha erwähnt die prestigeträchtige Voraussicht. Er markiert den nördlichsten Punkt der brasilianischen Küstenlinie am Kap d‘Orange. Da bemerkt er eine einzigartige Kolonie hookender Flamingos.
Um 1520 stellt Thackeray Bigfoot Thunderbolt fest: „Die Küste schweift in den Atlantik aus bis zum La Plata. Ihre Buchten und Mündungen bieten der Schifffahrt sichere Häfen. Sie legen es auf Handel und Verkehr an.“

Vespuccis Reisebericht inspirierte einen Verwandten namens Niccolò Machiavelli. Auch dessen Kumpel, der Schlachtenmaler Leonardo da Vinci, reagierte angeregt auf Vespucci
Amerigo Vespucci und Pero Vaz de Caminha gehörten der Renaissance. Sie kannten den Nutzen der Schönheit und trennten die Kunst nicht von Handel. Was ihr Interesse hatte, hatte ihre Intelligenz. Sie setzten in jede Beschäftigung so viel Sorgfalt wie möglich.
Vespucci und Caminha sahen Brasilien aka Vera Cruz, bevor der Rummel an der Copacabana los ging. Caminha beobachtete „die reichste Stromentwicklung der Welt“. Er schilderte Wasserläufe mit biblischem Schwung. Zugleich erkannte und exponierte er die Bedeutung der Wasserstraßen für den Welthandel.
Vespucci hatte zwei Jahre vor Caminha an der Amazonasmündung geangelt und noch nicht Hunderte von Nebenflüssen (bemerkt), „die dem stolzen Herrscher (Amazonas) ihre Wasser (zuführen), bis er endlich in überwältigender Siegeskraft mit den salzigen Wogen des Atlantik zu ringen scheint“. (Willi Sibelius Blattschneider) Vespucci glaubte, das Wasser des Atlantiks sei in Äquatornähe trinkbar. Man verstand das Meer nicht mehr, wo der Amazonas den Atlantik tränkt.
Vespucci wählte das Wort „Regierungsform“ zum Titel einer ethnologischen Skizze. Die Inder am Amazonas „bilden keine einheitlichen Völkerschaften, sondern lösen sich in Horden auf, die höchsten hundert Familien stark sind. Jede Horde hat einen Kaziken. Selten zählen diese Kleinfürsten ihre Untertanen nach Tausenden. Man findet leichter tausend Kaziken als einen Kaziken mit tausend Untertanen.“
Vespuccis Reisebericht inspirierte einen Verwandten namens Niccolò Machiavelli. Auch dessen Kumpel, der Schlachtenmaler Leonardo da Vinci, reagierte auf Vespucci. Die Männer verband gemeinsame Sorgen, da Vinci zeichnete Pläne, nach denen in der Regie von Machiavelli Florenz’ens Feinden das Wasser abgegraben werden sollte. Womit wir wieder beim Thema wären – die Bedeutung von Wasser für Wandel und Schwandel.

Machiavelli tun die Knie weh. In seinem Arbeitszimmer zieht es. Eine Kerze funzelt wenig Licht auf den Schreibtisch. Mit besseren Augen könnte er seinen alten Arbeitsplatz im Großen und Ganzen des Palazzo Vecchio sehen.
Er steckt in der Verbannung, im Hof schreien die Plagen. Frau Machiavelli bringt Wein, sie sucht die Nähe des Denkers. Nach sechs gemeinsamen Kindern wohnt Machiavelli der Frau immer noch bei. Der Vorgang regt seine Verstandeskraft an, er ist Empiriker. Machiavelli weiß: „Mit Nachgiebigkeit erreicht man nichts.“
Er liest in den Aufzeichnungen von Vespucci. Der Vetter gehört zu dem Kartell, das schon Kolumbus mit Mitteln für die erste Westindien-Expedition versorgt hat und seitdem transkontinental in der Königsklasse mitmischt. Vespucci eröffnete auf Espanola die erste Zweigstelle, er ist Major Player im Big Business.
Er stellt die Wasserwaage auf den Sims der Schönheit. Er wiegt, misst und bewertet.

Entdecker. Erforscher. Navigator. Kartograph. Ethnologe – als ich beim Abendbrot Vespucci skizziere, fasziniert von seiner Homo-Faber-Modernität, ist er nicht ein Typ wie von Max Wolfe oder Tom Frisch ins Rennen geschickt? quittiert Regina den Vortrag mit einem Wort: „Mafia.“

„Der Kazike begnügt sich mit Kleingeld, man kann ihn abspeisen und schäbig halten wie einen Schulmeister. Die Leute knallen ihm Fischreste und seltsame Vögel auf die Fußmatte. Das sind Lieferungen für die königliche Tafel. Er kann immerhin müßig gehen. Man tut und macht für ihn, was sonst im Rahmen der Arbeitsteilung jedem einzelnen obbleibt.
Man bestellt seinen Acker. Sonst sind die Wilden frei von allen Steuerlasten. Kommt es zum Kampf, kann wiederum ein anderer als der Kazike zum Feldherrn bestimmt werden. Dieser Rang scheint eine Frage der Beredsamkeit zu sein und bedeutet nicht zwangsläufig die Entmachtung des Kaziken.

Die Familie des Kaziken bildet den Adel der Horde. Selbst die Spanier bemerken an ihnen eine Noblesse, die sie bei aller barbarischer Eigenart vor dem niedrigen Volk auszeichnet. Der Fürst verlangt wenig und ist den Leuten angenehm bis egal. Er organisiert seiner Sippe Premiumkonditionen, die als Wettbewerbsvorteile in der nächsten Generation weiter wirken. Ihn qualifiziert eine Befähigung (virtú) zum Nichtstun. Ein Kazike geht spazieren. Er versäumt es nicht, freundlich zu grüßen. Jemand reicht ihm eine Tasse heiße Schokolade …

Ein Fußmarsch von zwei Stunden trennt den kaltgestellten Machiavelli von der Stadt seiner Triumphe. Er brennt noch und will nicht vor dem Fernseher oder in der neuen Kaffeestube, die als gute Geschäftsidee von der Bäckerin aufgezogen wurde, abhängen. Etwas Gewürzkuchen ist vom zweiten Abendbrot übriggeblieben.
Was sich alles Morgen nennen darf, denkt Machiavelli. Längst sind die Tätigen in Gang, wie aufgezogen von ihrer Herrin, der Notwendigkeit.
Vespucci: „Der Landbau (der Stämme an der Amazonasmündung) entspricht dem trägen Charakter und der Unvollkommenheit ihrer Werkzeuge. Sie roden, indem sie Bäume niederbrennen, mit der Asche düngen sie. Sobald es regnet, graben sie mit einem spitzen Holz Löcher, säen Hirse und Maniol, und ohne weitere Arbeit lohnt der Boden die Mühe mit Ernte.“
Machiavelli: „Sind die Lebensumstände leicht, sind dies auch die Formen der Herrschaft. Der Kazike, dem sich eine Horde bereitwillig unterstellt, ist vielmehr eine geachtete als eine gefürchtete Person. Vielleicht droht man Kindern mit seiner Autorität. Mehr Macht kann man in diesem Kreis nicht erwerben.“
Machiavelli bedenkt den kindlichen Zuschnitt eines Paradiesvorstands. Setzt man dagegen die Doppelgesichtigkeit eines Cesare Borgia, halb Mann, halb Tier, ein Viertel Löwe, ein Viertel Fuchs, von glänzender Herkunft beinah nur und stets nicht ebenbürtig und doch so lange mächtig wie es seinem Vater, dem Papst, am Leben zu bleiben gelingt.
Ein Irrtum bedeutet Untergang.
Vespucci: „Die Nomadenstämme verändern ihren Standort, sobald Jagd und Fischfang an einer Stelle nicht mehr ergiebig sind. Zelt, Küchen- und Hausgerät werden von Weibern geschleppt. Dafür haben sie das Vorrecht, das Marschtempo zu bestimmen. Während die Weiber, müde vom Marsch, das Zelt errichten und Speisen zubereiten, liegen die Männer im Gras und schauen der Eilfertigkeit zu. Erst wenn das Essen fertig ist, werden sie munter und greifen zu, ohne Rücksicht, ob für das Weib und die Kinder etwas übrigbleibt.“

Frau Machiavelli erscheint als Aufsicht des Hausmädchens. Sie ordnet an, das Fenster zu öffnen. Auf einem Eisstrahl straddlen Grand Slam Coogan und Texas Double Action Thunderbolt in die gute Stube. Sie sind futuristisch im Stil der Lone-Star-Milizionäre um 1840 gekleidet, jeder Sporn ist aus einem Golddollar geschnitten. Weltweit handelt es sich bei Coogan und Thunderbolt um die Großartigsten aller unsterblichen Texaner. Die texanische Küste wurde von Alonso Álvarez de Pineda erfasst, zurzeit des Gesprächs im Landkreis von Florenz ist Texas spanisch. Weiter im Norden der Neuen Welt haben sich Franzosen festgesetzt. Frau Machiavelli beeilt sich, für die Supermänner Spucknäpfe bereitstellen zu lassen.
Man spricht Englisch, wir sind nicht in einem Italo-Western.

Die patriotische Geschichtsschreibung ignoriert eine wirkungsvolle Umgebung angelsächsischer Anstrengungen, wenn sie behauptet, dass mit der Landung der Mayflower die Erschließung Nordamerikas ihren Anfang nahm. Im November 1620 erreichen Vertreter des Handelsvereins Plymouth-Compagnie hundertfünfzig Jahre nach João Vaz Corte-Real die Neue Welt, mit dem Ziel Virginia zu verstärken. Doch ergibt sich für sie ein anderer, von Ungemach aufgewühlter Bewährungsort. Im heutigen Massachusetts gründen sie am 22. Dezember 1620 Plymouth Colony. Am Penobscot errichtet Joe Thunderbolt eine Sägemühle, die zur Attraktion für die eingesessene Bevölkerung wird. Man trifft sich zum Sportangeln und zieht weiter zu Joe’s Mühle, auf eine Nachmittagspfeife im Kreis der Nachbarn. Hilfreich ist ein sprachbegabter Inder, der große Nasenbluter Squanto. Den können die Manieren der Engländer nicht aus der Fassung bringen, hat er doch in London gelebt und da auf Geheiß der Plymouth-Company-Granden Gorges und de Briouze eine Dolmetscherausbildung genossen. Die indigene Aristokratie orientiert sich in Stilfragen am Einwanderer. So setzt man sich modisch ab vom Fußvolk. Wasamegin, Regierungschef der Wampanoag, geht soweit, seinen Söhnen von weißen Würdenträgern (zusätzlich) englische Namen geben zu lassen. Er sucht die Nähe zu den Kolonisten auch, um mit ihrer Unterstützung angestammte Feinde wie die Narraganset und Pequot auszurotten. Ihm folgt in den 1660er Jahren sein Sohn Metacom als König Philip, der Bruder heißt Wamsutta-Alexander, auf den Thron. Philip kleidet sich in Boston ein, er lässt sich närrisch von europäischen Stilblüten einnehmen. Er endet auf der Schlachtbank. Seinen Kopf stellen die Puritaner zwanzig Jahre lang vor den Palisaden von Plymouth zur Schau. Das Abschreckungsspektakel zeigt die gewünschte Wirkung. Diese kirchenzüchtigen Eiferchristen sind unduldsam wie die Spanier. Hochmut, Rachsucht und Verfolgungslust treiben sie an, von Nächstenliebe und Demut ist nur die Rede. Unter dem religiösen Mantel verbergen sie politische Unzufriedenheit. An Arbeit gewöhnte Männer (im Gegensatz zu den der Sklaverei zuneigenden adligen Landnehmern) fordern Selbstbestimmung und freie Verfügung über ihre Erträge. Schließlich ordnet die englische Krone den Zusammenschluss rabiater Pilgrimväter- söhne und -enkel der größeren Massachusetts-Company unter.

Ich muss noch eine Geschichte anbringen, um den pittoresken Charakter der Kolonisierung, Stammesführer im Pyjama auf dem Kriegspfad, Puritaner im Vollrausch, pietistisch vernagelte Landsknechte, Sklaven auf dem Thron, Kinderrepubliken im Herr-der-Fliegen-Stil, polyglotte Analphabeten … zu unterstreichen. Der brave Müller Thunderbolt trifft Anne Marbury verh. Hutchinson kurz bevor man sie im März 1638 aus der Kolonie jagt.

Annes Kritik an der puritanischen Praxis wird von keiner versöhnlichen Note gemildert. Auch machtpolitisch geht Annes Anhängerschaft mit der Brechstange vor. Die Angegriffenen erwidern das Feuer, indem sie Anne sexuell denunzieren. Sie werfen ihr Promiskuität vor. Der Vorwurf kommt nicht allein aus der Not, dass man im Land der Religionsfreiheit keiner weißen Seele die gottesdienstlichen Einzelheiten vorschreiben kann. Die Puritaner dürfen keinen Präzedenzfall schaffen, nach dem sie selbst gerichtet werden können. Annes Ausschluss gelingt trotzdem. Thunderbolt beschützt die Verbannte, bis sie ihrem Sendungsbewusstsein einen neuen Tempel in arkadischer Landschaft gebaut hat. Sie nennt das Anwesen Rhode Island.

18. Oktober 2016

Epochale Pole-Position

Kolumbus suchte, Vasco da Gama fand den Seeweg nach Indien. 1498 umschiffte er das Kap der guten Hoffnung. So erlöste der Portugiese sein Land vom preistreibenden Zwischenhandel auf der Gewürzroute. Als Instrument der Expansion war die christliche Seefahrt eine bewaffnete Angelegenheit. Sie griff arabische (und venezianische) Monopole und Vormachtstellungen an. Die Verdrängung gelang, da Gama erzwang neue Verhältnisse in Indien.

Die Männer ließen ihre Pferde zurück und schwankten in eine Gegend zwischen Buschland und Sumpf. Ein Schritt trennte manchmal nur wippenden Moorgrund von fester Scholle. Kaimane, Schlangen und Jaguare belebten das Lagunenmilieu. Entlaufene vegetierten an dieser Peripherie. Die Lagunen lockten mit zeitweise zugänglichen Weiden Bauern in die Nutzung. Mitunter trieben die Bauern auch das Vieh anderer Leute in die strotzende Öde. Da trafen sie Ozelotjäger, die kaum weniger scheu waren als ihre Beute.
Thunderbolt enthusiasmierte ein Aufkommen der Santa-Cruz-Riesenseerose – eine amerikanische Einzigartigkeit mit dem akademischen Namen Victoria. Die Spanier nannten sie Irupé. Irala missachtete die Wunder, die zu den Wahrzeichen des lateinischen Mesopotamiens gezählt wurden.

Englische Schriftstellerinnen fanden das Land zwischen den Zwillingsströmen Paraguay & Uruguay in rüschen Schilderungen „eher schön als großartig“. Wahrscheinlich hatten sie es nie betreten. Es war eine Herausforderung an den Mut, ein Paradies für das Pekari. Eine Rotte schoss durch Thunderbolts Blickfeld und ließ den Boden vibrieren.
Auf einer Hallig stand Vieh. Salz würzte das Ufergras. Nach der Fleischernte musste man dem Steak nichts zusetzen. Hirtinnen lagerten an einem schwachen Feuer, sie gehörten zur Bande der Abgebrühten Spuckerinnen. Spanien schaffte seine Verbrecherinnen in die Kolonien. Gebrandmarkte Frauen lebten so wild wie die Nachkommen der durchgegangenen Kavalleriepferde. Die Spuckerinnen erbleichten beim Anblick der Mächtigen. Sie warfen sich vor dem brausenden Gouverneur auf die Erde.
Thunderbolt gab dem Don Deckung. Vielleicht lagen Männer im Moor lang wie Leichen. Die Spuckerinnen konnten selbst jederzeit zum Angriff übergehen.
„Wozu rät Ihr?“ fragte Irala. Thunderbolt hob die Schultern, der belesene Reiter war ein Mann des Selbstgesprächs und mit sich in bester Gesellschaft.
Die Frauen stammten aus den Gossen von Saragossa. Feuermale und Tätowierungen verrieten die Herkunft.
„Mit welchem Gewinn könnte man sie am Leben lassen?“ fragte Thunderbolt zurück.

Es gab die Zeit der Hagelernte. Niederschläge erschlugen Gänse und Störche. Man las das Vieh von Stränden nicht weit vom Schlaraffenland.
Manchmal überstieg der Paraná sein gemeines Maß um fünf Meter. Er überschwemmte das Land der Herden, in Kähnen überfuhr man die Weiden. Konstante Feuchtigkeit drang in die Haut. Thunderbolt band das Elend, mit dem die Wirtin Larifa in der Regenzeit ihre Gäste zum Einkaufen schickte, an eine Krone, die wie ein Busch auf dem Spiegel zu schwimmen schien. Er genoss das Spiel der Trugbilder mit dem Stamm und seinen ertrunkenen Ästen. In einem späteren Leben sollte er bei der Gründung von Texas eine tragende Rolle spielen, doch im Jahr 1612 ging er hauptsächlich müßig im Vizekönigtum Neuspanien.
Er legte sich flach in den Kahn. Die Leine verdrehte. Der Kahn trieb in die Krone und blieb stecken.
Thunderbolt lag unter einer Laubhaube.

Die ursprüngliche Bevölkerung der Gegend widersetzte sich dem apostolischen Segen und wurde auch von höher stehenden Indigenen nur verachtet. Man versklavte sie nicht, die Gleichmäßigkeit eines christlichen Daseins und jede Arbeit tötete sie zu rasch. Thunderbolt hatte ein vorzeitliches Entsetzen bei den Leuten beobachtet. Mit ihnen ging die Steinzeit in die Verlängerung. Sie waren bei weitem nicht so geschickt wie nach einem Aberglauben der Zivilisation angeblich.
Thunderbolt hob den Kopf in unbekümmerter Vorsicht. Zwei Spuckerinnen erschraken, sie hatten den Kahn für herrenlos gehalten. Ihre Brandmale waren in Tätowierungen gefasst, die sie gemeiner noch als Waldmenschen aussehen ließen. Sie führten den Tomahawk des Südens – die Macana. Ihre Ohrläppchen waren ausgeleiert, die Lippen durchstoßen. Sie trugen Schweineklauen an Schnüren. Ihre rechtliche Stellung war umstritten. Manche hielten sie für vogelfrei.
Sie hatten in Alt- und Neu-Spanien gemordet …
„Fürchtet euch nicht“, befahl Thunderbolt.

Anders als Waldmenschen, die sich niemandem widersetzen konnten, lebten die Stämme südlich und westlich des La Plata bis zu den Anden, von Anbeginn der „Entdeckung“ ihrer Spielräume im Kampf. Sie waren mit ihren Pampapferden zu Zentaurn verschmolzen. Sie raubten weiße Kinder und erzogen sie zu Wilden, die bald schrecklicher als ihre Stammesgenossen gegen Weiße eingestellt waren.
„Die alten Weiber haben das Vorrecht, den erschlagenen Feinden die Zähne auszubrechen, ein Zahnhalsband geht dem Wilden über Goldschmuck.“
Die Ankunft der Europäer hatte viel Volk durch Morast und Dornenwälder dahin getrieben, wo sich ein unabhängiges Leben bewahren ließ. Die Scharen hatten Unversöhnlichkeit zur Religion gemacht. Blattkneifer: „Ihre Namen trugen sie mit blutigen Lettern in die Kolonialgeschichte ein.“
Die Spanier verglichen sie mit den Völkern, „die Gott als Geiseln eines undankbaren, halsstarrigen Israel in Kanaan belassen hatte“.
Ich erwähnte Araukaner, die christliche und heidnische Sektionen unterhielten. Es gab sie vom Río de la Plata bis zu den bolivianischen Anden und überall sprachen sie dieselbe Sprache. Manche lebten nomadisch, andere bäurisch.

Fünf mächtige Mündungsarme packten das La Plata-Becken voll. Die Flussinseln barsten vor Fruchtbarkeit. In alle Richtungen kreuzten Kanäle. Die Kolonisten setzen auf dem Paraná ein Postboot ein; an Bord hatte man touristische Empfindungen bis zu Vergleichen mit holländischen Stimmungen.
Man reiste schon zur „Gemütserfrischung“. Nicht jeder ackerte. Es gab Männer, die mit den üblichen Absichten gekommen waren, in der Neuen Welt jedoch zu Müßiggängern geworden waren und ihre Gewinne in landschaftlicher Schönheit suchten.
„An solide Unterscheidungen ist nicht zu denken“, schreibt Zierenberg, als Unsterblicher Zeitgenosse nicht zuletzt von Juan de Torres de Vera y Aragón (1527 – 1613), Adelantado und Gouverneur am Río de la Plata. Torres war ferner Gouverneur von Paraguay, die Titel wurden getrennt geführt. Er gründete Corrientes -  Fluchtpunkt für die in Concepción de Buena Esperanza Gescheiterten.
„Stauden, Unterholz, Büsche und Hecken gehen bis zur Verwirrung der Eindrücke ineinander über. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Ich schule mein Auge, indem ich an jeder möglichen Differenz feile.“
Zierenberg freut sich über eine Nähe von Palmen und Lorbeer. Er sieht Zitronen neben „uns unbekannten Früchten“.
Alle „italienischen Lustgärten und Springbrunnen Frankreichs“ und, wie kommt man auf so was? „fürstlichen Fischteiche in Deutschland“ erschienen läppisch im Vergleich zum Paraná.
Zierenberg sprach jedem „das ausschließliche Besitzrecht“ an dem Fluss und seinen Erscheinungen ab. Die Einsicht war ihm billig, Zierenberg suchte sein Vermögen nicht am Río de la Plata. Es zog ihn nach Corrientes, er querte „von Bächen zerrissenes Tafelland“ und folgte „einer überraschend langen Inselkette“.
Zierenberg schildert das schlammüberzogene Uferrelief mit seinen liegenden Stämmen, Wurzelstöcken, Bambus und Lianen. Das Programm bietet seinen traurigen Anblick über Hunderte von Kilometern. Bei niedrigem Wasserstand schießt Vegetation durch die Schlammdecke. Steigt das Wasser wird insulare Faunamigration dramatisch. Auf schlossparktgroßen Inseln trifft verwildertes Rindvieh Hirsche und Jaguare.
Zierenberg entdeckte „liebliche Einfassungen“. Ein Milchbaum „leiht der Landschaft seinen Zauber. Bei Hochwasser reißt die Strömung das Ufer in Stücke.“
Zierenberg ordnete Corrientes nicht nur die Bedeutung eines Siedlungsnamens zu. Für ihn war Corrientes ein Landschafts- und ein Provinzbegriff. Er sah „eine von Lagunen getränkte Ebene, die bis zum Hügelland der misiones occidentales sich hinzieht“.
Zierenberg singt die ganze Schilfarie und das hohe Lied der Lilien. Er vergisst zu erwähnen, dass die Lagunen Vorhöllen unpassierbarer Sümpfe sind.

Im südlichen Paraguay stehen Orangen- und Feigenbäume dem Reisenden Spalier. Zierenberg bewundert eine Versammlung von Johannisbrotbäumen. In ihrem Kreis ragt ein Lapacho auf. In der Nachbarschaft wächst Taquara, ein Bambus von solcher Härte, dass er im Ochsenhautüberzug zum Kanonenrohr taugt.

Epochale Pole-Position

Kolumbus suchte, Vasco da Gama fand den Seeweg nach Indien. 1498 umschiffte er das Kap der guten Hoffnung. So erlöste der Portugiese sein Land vom preistreibenden Zwischenhandel auf der Gewürzroute. Als Instrument der Expansion war die christliche Seefahrt eine bewaffnete Angelegenheit. Sie griff arabische (und venezianische) Monopole und Vormachtstellungen an. Die Verdrängung gelang, da Gama erzwang neue Verhältnisse in Indien. Sechshundert Jahre später schildert ihn die Geschichtsschreibung noch als großen Mann. Immerhin hat da Gama echte Inder vorgeführt, anders als Kolumbus.
Der nächste, der Portugal in eine epochale Pole-Position brachte, war Pedro Álvares Cabral. Kolumbus, da Gama, Cabral – Alle wollten und sollten nach Indien. Cabral war Chef einer diplomatischen Mission des Königs von Portugal. Er sollte in Indien die Mienen der Mächtigen aufhellen. Unterwegs kam ihm Brasilien in die Quere. Im Jargon der Zeit „entdeckte (er) ein unbekanntes Land“.
„Ein Sturm ergriff die Flotte … und endlich am 24. April, in der Oktav von Ostern (erblickte Cabral) Land – und Leute von einer Farbe wie Gerberlohe, wohlgewachsen, doch nackt. Man konnte sich mit ihnen nicht verständigen.“ (Pero Vas de Caminha in einem Brief an König Manuel, genannt der Glückliche. Caminha war „Schriftführer der Flotte“. Seine Tagebücher sind Weltkulturerbe.)
Admiral Cabral nahm das unbekannte Land für seinen König „in Besitz“ und taufte es. Er setzte siebzehn Priester aus, ein Hinweis darauf, dass seine Entdeckung kein Zufall war, sondern ein Schachzug im Duell mit Spanien. Jedenfalls hatte der florentinische Reisende Amerigo Vespucci bereits 1499 die Mündung des Amazonas beschrieben.
Caminha: „Was die Blicke besonders auf sich zog, war ein hoher Kegel, dessen Südseite den Anfang einer bewaldeten Hügelkette abgab. Der Admiral hielt dafür, dass man diesen Berg mit dem Namen eines Festes innerhalb des Oktav benennen solle, und so gaben wir ihm den Namen Monte Pascoal. Das Land aber nannten wir Vera Cruz.“
Da erreicht man eine ferne Weltecke, am Strand sind viele Leute und jemand sagt: Ihr seid jetzt Untertanten von dem Manuel. Fühlt euch alle geküsst.
Die „Eingeborenen“ nennen Vera Cruz Ibirapitanga. Die Portugiesen übersetzen Ibirapitanga mit pao do brasil. Brasilien heißt nach einem Färbholz.
„Wir überraschten zwei Eingeborene in ihrer Pirogge und ergriffen sie. Sie waren starr vor Staunen, ängstlich waren sie nicht. Ihre Unterlippen schmückten Knochenstücke. Sie trugen Perücken aus Federn, die mit Wachs am Hinterkopf klebten. Sie führten Hieb- und Stichwaffen aus dem Kiefer des Palometa. Man brachte sie vor den Admiral, der sein bestes Gewand und die Amtskette angelegt hatte. Sancho de Tovar, Simao de Miranda, Nicolau Coelho und Aires Correia imponierten neben ihm. Die Wilden befeuerten in Palmblätter gedrehten Tabak und sahen sich ungeniert um. Einer zeigte Interesse an der Amtskette. Er trat vor, um sie genau zu betrachten. Dem Kommandanten blies er Rauch ins Gesicht. Cabral hustete, die Wilden verhehlten ihm nicht, wie läppisch sie die Husterei fanden.
Einem Hammel schenkten sie keine Beachtung.
Sie ließen sich nicht aus ihrer kindlichen Ruhe bringen. Schließlich legten sie sich ohne jeden Umstand zwischen die Fremden; mit nur einer Sorge, ihren Federschmuck nicht zu verletzen.

Wir erreichten eine Bai (Porto Seguro) der Flottenrat setzte die Wilden in Freiheit. Sie schienen sich kaum als Gefangene wahrgenommen zu haben; jedenfalls gab sich keine Anspannung zu erkennen. Wir überließen ihnen Ribeiro, der als Staatsverbrecher aus Portugal verbannt worden war, und in der Dorfschaft der Wilden verbleiben sollte. Er machte allerdings ein klägliches Gesicht, während seine Gefährten wieder nur Gleichmut zeigten.“

Vera Cruz – Wahres Kreuz. „Den Heiden das Evangelium zu verkünden“, war Staatsziel. Man stellte „geistliche Waffen“ auf eine Stufe mit weltlichen. Kirchenväter waren auf Eroberungen genauso scharf wie Feldherren.
Die Priester begriffen die Missionierung als dringendstes Geschäft auf Erden.
Caminha beobachtet „drollige Szenen“. Vater Diaz liest die Messe, das lockt die Wilden. Sie beleben die Szene „mit ihren sakralen Tänzen“.
Ein Gitarrist verführt zu Begeisterung. Der Almo-Sheriff (Zollinspektor) der Flotte unterhält das Publikum mit Kunststücken.
Cabral lässt ein Riesenkreuz aufstellen, die Besatzungen versammeln sich. Die Wilden kommen an und fahren auf den Ritus ab. Das ist mal was anderes, ein bisschen wie Karneval.
Mit Fahnen, Kreuzen und Prozessionen schinden die Missionare Eindruck. Cabral verlangt die Errichtung eines weiteren Kreuzes, „an einem weithin sichtbaren Punkt“.
Die Übertragung gerät zum Massenspektakel – Jesus Christ Superstar.
„Dreihundert Wilde knieten mit uns. Aufmerksam folgten sie der heiligen Handlung. Als man zum Evangelium kam und wir uns erhoben, da standen auch sie auf, taten, was sie uns tun sahen.“
Cabral lässt die Flotte zur Weiterfahrt nach Indien unter Segel setzen. Ribeiro beklagt sein Schicksal am Strand, die Wilden trösten ihn. In ihrer Gesellschaft darf geflennt werden.
Caminha erwähnt vier entsprungenen Schiffsjungen.

12. Oktober 2016

La langue de bois steinerner Herzen

Die Kolonisten sahen Grund zu Klage: Die ursprüngliche Bevölkerung sei an Arbeit nicht zu gewöhnen. Sie verweigere den Sklavendienst aus „Unlust“ und könne dem Christentum nichts abgewinnen.
Das wird unterschlagen, wo der spanische Einmarsch als durchrauschender coup de force zur Darstellung kommt. In Wahrheit war indigener Widerstand wirkungsvoll mitunter da auch, wo er passiv stattfand und methodisch auf den Raum zurückgriff.

Der alte Seb Cabot war bei seinem Vater, dem venezianischen, vielleicht auch genuesischen Navigator Giovanni Caboto aka John Cabot aka Zuan Caboto, in die Lehre gegangen. Caboto hatte sich um 1490 in den englischen Handel mit Island eingeschaltet. Ihm wurde ein portugiesischer Staatsschatz in die Hände gespielt, die Seekarte des João Vaz Corte-Real, dem ersten portugiesischen Statthalter auf den Azoren. Man vermutet, dass der Ritter vor dem Jahr 1450 allgemein unbeachtet Neufundland erreichte. Manche nehmen ihn als Entdecker der terra do bacalhau, einer nach dem Stockfisch benannten Phantominsel, die in Erzählungen des 15. und 16. Jahrhunderts Gestalt annimmt. Den historischen Kern der Sage lokalisieren nüchterne Leute auf einer nordatlantischen Insel, die heute zur kanadischen Provinz Nova Scotia gehört. Eine Weile nannte man sämtliche Inseln des Lorenzgolfes „das Land der Cortereals“ (João Vaz Corte-Real folgten drei Söhne auf See) und auch Bacalhau-Eilande. Französische Fischer gaben den Zuschreibungen mit Île Royale und Île du Cap-Breton ab 1504 eine durchsetzungsfähige Richtung.
1497 landete Coboto an der Küste Neufundlands und nahm die tundrische Natur für Heinrich VII. als terra de prima vista in Besitz. Der englische König wähnte sich bereits von den Spaniern und Portugiesen abgehängt. Die Unternehmung wurde von Spanien mit Bezug auf die päpstliche Weltaufteilung von 1494 als Eingriff in fremde Hoheitsrechte gerügt. Zu einem besonderen Engagement konnte sich aber niemand entschließen, Eisbären und Inuits stellten keine Verlockungen dar.
Sebastian Cabot war auf der ersten Neufundlandfahrt des Vaters dabei, er wechselte in spanische Dienste und wieder zurück unter Heinrich VIII. 1514 führte er eine Expedition zur Hudson Bay. Damals unterschied man noch zwischen Kanada, Neu-Wales und Labrador. Doch nannte man alles zusammen bald Cabotia.
Die zweite und dritte Erschließungswelle spülte maßgebliche Männer aus Saint-Malo über den Atlantik. Darüber haben wir schon geredet, ich rufe hier nur Jacques Cartier auf, der den Lorenzstrom beinah prophetisch als großen Abfluss der kanadischen Seen bezeichnete. Cartier konnte die Dimensionen nur ahnen. Im 1535er-Winter verlor er seine Mannschaft an Skorbut, Wahnsinn und Wölfe. Er überlebte in volkstümlicher Obhut und taufte den Schauplatz seiner Kläglichkeit Mont Royal. Daraus wurde Montreal. Das muss man sich immer wieder klarmachen. Da zittert und zagt einer, dem sämtliche Voraussetzungen des Überlebens so wie alle Zähne fehlen, er blüht auf in der Opferrolle, seine Beischlafkompetenz ist bescheiden. Was soll man noch sagen. Den Ort seiner Häufchen nennt er Mont Royal und wir sagen heute noch Montreal, während alle Leute, die Cartier unter die Arme griffen, keine freundliche Zukunft hatten.
Morgen beschäftigen wir uns mit einer weiteren Phantominsel, und zwar mit Bimini, mit den Europamüden am Mississippi und den wagenden Kaufleuten. Das waren Männer, die hanseatisch auf eigene Gefahr handelten. Sie brachten den Pelzhandel in Schwung. Ich erinnere an Chauvin und Champlain, die ein Glasperlenspiel beherrschten, das ihnen Rauchwaren einbrachte, den indigenen Jägern aber nichts. Außerdem müssen wir über Religionsflüchtlinge reden, die sich in Amerika staatlichem Zugriff entziehen wollten, da dann aber doch wieder eingeholt wurden von der englischen und französischen Obrigkeit.
Während die Goldlager Südamerikas im staatlichen Auftrag ausgebeutet wurden, blieb die Erschließung des armen Nordens weitgehend Privatsache. Seefahrer nahmen zwar in ständiger Praxis Gebiete für ihre Kronen in Besitz, sie errichteten Kreuze, schnitten Königsnamen in Bäume und ließen wie die Mondfahrer Flaggen zurück, belebt wurden die überseeischen Départements aber von Leuten ohne anmaßende Absichten. Sie wollten nicht erobern und raffen, sondern lediglich ungestört siedeln. Sie entgingen religiöser Verfolgung nach Amerika. Sie gründeten Handelshäuser an äußersten Linien. Sie folgten Giovanni da Verrazano, der für Franz I. eine Riesenfläche von Florida bis Neufundland Frankreich eingliederte. Nun schlug die Stunde des Entrepreneurs und seiner Compagnie, siehe Hudson’s Bay Company. Man nannte Leute, die auf eigene Rechnung Geschäfte unter erschwerten Bedingungen machten, dabei den Kontinent kartografierend, Venturer. Neben ihnen nahmen Hugenotten Land, so in Carolina und Louisiana. Die französischen Ansprüche wurden im Ganzen von Spanien bestritten. Jedoch gingen Spanier gegen die französischen Ketzer besonders hart vor. (Zudem war die katholische Kirche die alles bestimmende Kraft in Neufrankreich.) Der erste Statthalter des französischen Königs, Jean-François de La Rocque de Roberval, war immerhin Protestant, wenn auch nicht durchgängig. Genauso freibeuterisch wie nach Vergeltungsrecht überfiel er im Rang eines Generalleutnants erfolgreich spanische Siedlungen. Als Siedlungsgründer scheiterte er.

La Rocque war ein Original. Eine quengelnde Verwandte setzte er mit ihrem Liebhaber in der Wildnis aus. Nach ihrer Rettung wurde sie zur Ferrante. So viel Glück hatte der Vormund nicht. Der indigene Adel machte Fisimatenten. Engländer rückten auf. Der Puritanismus griff um sich. Nichts nahm erhöhten Aufschwung und brachte Geld im großen Stil. Ältere Autoren sprechen von einem Siegeszug der germanischen Rasse, um die Kläglichkeit dieses Anfangs (einer romanischen Episode) in Nordamerika zu verschweigen. Engländer, Holländer, Norweger, Schweden und Dänen drängten an den großmächtigen Franzosen und Spaniern vorbei erträumten Bodenschätzen und tatsächlicher Freiheit entgegen. Sie erschöpften sich im langsamen Erringen von Geringem oft in Kooperationen mit der ursprünglichen Bevölkerung. Kein staatlicher Wille lenkte sie mehr. Die besiedelten Räume galten als Provinzen im hinterländischsten Sinn, hieß doch die Hauptstadt für jeden Mann und jede Maus in la Nouvelle-France Paris. Und dann kam Francis Drake. 1578 entschleierte er die Küstenlinie Kaliforniens. San Francisco entging ihm jedoch im Nebel. Der natürliche Hafen blieb noch Jahre unentdeckt.
Und dann kam Frobisher, wieder so ein sechzehntes Kind. Durch und durch Pirat – erst gegen die englische Krone, dann für sie. Die Krone trug eine Tochter des Blutsäufers Heinrich VIII. als Jungfrau auf dem Thron. Hundert Jahre nach John Cabots, Heinrich VII. geschuldetem Auftritt in der Neuen Welt, landete mit Frobisher ein Engländer mit Fortune in Amerika. Was er 1578 für Elisabeth I. zusammenfasste, das bot bald nach ihm Walter Raleigh einen mit eigenen Augen nie gesehenen Spielraum. Elisabeth zu Ehren nannte Raleigh 1584 Frobishers Niederlassung Virginia. Auch der Boden galt als jungfräulich. Man zog aus ihm hauptsächlich Tabak. Der Tabak bewährte sich als Währung. Wir kennen den Preis für ein Frauenzimmer als Hausgenossin. 1601 brachte man schlankweg zweihundertsiebzehn Jungfrauen in die Kolonie, um sie für hundert Pfund Tabak pro Kopf an den Mann zu bringen. Kein Mensch ahnte Virginias Bedeutung für die Zukunft. Die Gründung änderte das politische Gefüge der Welt. Sie führte zu einer zunächst unvorstellbaren, schließlich totalen Entmachtung der lateinischen Staaten im überseeischen Betrieb. Britannia rule the waves. Los ging das mit der Kartoffel. Drake hatte die Idee, damit die Lage der von einer frühen Pauperismus-Variante gewürgten irischen Bevölkerung zu verbessern. Er schickte sie Walter Raleigh, der für Elisabeth Irland aufräumte und sie so zur Königin von zwei Inseln machte. Die Kartoffel bewirkte eine Bevölkerungsexplosion, die im 19. Jahrhundert in Hungersnöten mündete und Monsterwellen der Auswanderung nach Nordamerika hervorrief.

Die Spanier gaben ihren Siedlungen bombastische Namen. „La Villa Real de la Santa Fé de San Francisco de Asis“ hieß ein Nest, dass die Gründer neben einen Dolmen setzten. Die Eingesessenen packten ihre Sachen und zogen sich zurück.
Heute ist Santa Fe Hauptstadt von New Mexico. Im 17. Jahrhundert ging die Amtsgewalt im Königreich Neuspanien von Santa Fe aus. Neuspanien war riesig und unregierbar. Dazu gehörte Wyoming genauso wie Borneo.
Santa Fe erhielt sein Stadtrecht 1573, Buenos Aires 1580. Wer aufgepasst hat, erinnert sich wie Concepción de Buena Esperanza entstanden ist. Das Kaff wurde 1585 Stadt.
Eben fand ich die Bemerkung, man habe Concepción de Buena Esperanza wegen ständiger „Belästigungen durch Indianer“ aufgegeben. Die gescheiterten Siedler zogen 1632 höchst widerwillig nach Corrientes um. Concepción de Buena Esperanza war Amtssitz des Gouverneurs. Die Stadt hatte strategische Bedeutung, sie lag auf dem Macomita Weg, einer Kommunikationslinie in undurchdringlichen Wäldern. Es gab keine andere Ost-West-Verbindung. Deshalb war die Preisgabe der Siedlung ein Totalverlust mit dem Fazit: der Landkreis von Concepción de Buena Esperanza konnte der Krone nicht unterworfen werden.
Die Kolonisten sahen Grund zu Klage: Die ursprüngliche Bevölkerung sei an Arbeit nicht zu gewöhnen. Sie verweigere den Sklavendienst aus „Unlust“ und könne dem Christentum nichts abgewinnen.
Das wird unterschlagen, wo der spanische Einmarsch als durchrauschender coup de force zur Darstellung kommt. In Wahrheit war indigener Widerstand wirkungsvoll mitunter da auch, wo er passiv stattfand und methodisch auf den Raum zurückgriff. Ich rede von Arbeitsverweigerung und von der Undurchdringlichkeit der Wälder. Ein geringer Abstand zu den Spaniern reichte für unerreichbar. Bot sich eine Gelegenheit zum Vorstoß, konnte man den in einem bequemen Modus zur nicht vertanen Chance werden lassen.
In einer jesuitischen Narration schiebt „ein vorsichtiger Schöpfer“ Barrieren zwischen die Kommenden und die Vergangenen. Befriedigt stellt der geistliche Autor fest: „Bis jetzt konnten die Goldgierigen keinen Tritt in unsere Reduktionen setzen.“
Das ist eine machtpolitische Feststellung. Reduktionen waren Reservate, in denen Jesuiten die ursprüngliche Bevölkerung (vor den Kolonisten) abschirmte und sie wie in einem Freistaat regierte. Sie verwalteten vor allem Guarani.

Die letzten waffenfähigen Guarani rieb Irala auf. Der eingeregnete Rest verkam zu Mündeln seiner Feinde.
„Der Guarani von heute zeigt sich indolent bis zur blödsinnigen Stumpfheit. Er ist kein zulässiger Typus mehr. Wie wenig er seinen Ahnen entspricht, beweist die einstige Machtstellung der Guarani in einem Gefüge kriegerisch-tüchtiger Stämme.“

Irala gründete Städte wie im Fieber. Man nannte ihn „tatgewaltig“. Er setzte den Kondor in sein Wappen. Vielleicht träumte er davon, jene rheinriesigen Ströme aus der Kondorperspektive zu sehen, die als Vasallen im Dutzend von ihrem Fürsten la Plata nach Osten gerufen wurden. Es gab auch andere.
Zierenberg bemerkt: „Wegen ihrer Schmächtigkeit erfüllt von Scham, stürzen sich viele Flüsse in den nächsten See, bevor sie es zu einem Namen gebracht haben.“
Auf der Ebene zwischen dem Mündungstrichter und den Anden warfen sich Stämme in Sensen des Erbarmens. Sie starben zu ihrem Glück, bevor sie im Jahrtausendverbrechen Kolonisation Statistik werden konnten.
Ich habe von den Araukanern in Patagonien erzählt. Es gab sie auch im Land der Guarani. Sie leisteten indigenen Usurpatoren Widerstand, wie dann auch dreihundert Jahre lang europäischen.
„Jeden Araukaner hätte man auf ein Postament stellen können“, schreibt Zierenberg in seinen Erinnerungen, die ich auf dem Dachboden der Kasseler Witwe Voss fand.

Texas Double Action Thunderbolt erinnert sich: „Wochenlang ritten wir im Geleit Iralas durch Gras, in dem Sümpfe und Salzsteppen, nicht aber Bäume oder Findlinge für unterhaltende Abwechslung sorgten.“
Abwechslung lieferten Jahreszeiten. Im Frühjahr schoss die Distel mit affenartigem Blitz auf fünf Meter. Die Distel baute einen Wald. Der Sommer verbrannte den Distelwald zu einem Stoppelfeld voller Brüchigkeitsgeknister.
Die erhebungsfreien Gegend diente als Trift. Thunderbolt sah Rinder in Herden bis zum Horizont. Die Schlachtrösser jener Kavaliere, die in der Pampa ihren Geist aufgegeben hatten, waren als massenhaft auftretende Pampapferde zu der Wildheit ihrer Ahnen zurückgekehrt.
Die Reiter erreichten die erste Pulperia südlich des Río Grande, die alte Witwe Larifa und ihr wahrheitsverachtender Liebhaber Carlos Castaneda wunderten sich. Seit Jahren hatte sich kein Gast mehr ins „Gelbe Huhn“ verirrt, die Männer um Don Irala verlangten prompte Bedienung. Coogan drückte Lieder in die Jukebox. Das Fernsehballett der DDR sprang aus der Kiste, wo kam das nur so plötzlich her?
Iralas Gefährte Salazar hatte 1555 den ersten Stier und sieben Kühe aus Spanien eingeführt, nun trennte nur noch ein geladener Zaun die Herden vom Himmel.

5. Oktober 2016

Alter Adel versus neues Geld

Der Raubritter- und Aufsteigerreichtum der Konquistadoren verschob in Spanien die Gewichte. Sprösslinge großartiger Familien bekamen Konkurrenz von Hinz und Kunz. Nun spielten Söhne von Reinigungskräften mit. Neue Allianzen boten sich an. So verstehe ich die Verbindung zwischen dem Abenteurer Cabot und des Kaisers sagenhaft reichen Oberschenk Pedro de Mendoza.

„Sein Gruß kam einer Beförderung gleich.“
Mendoza konnte eine eigene Flotte auf den Grund des Meeres schicken, ohne pleite zu gehen. Am 24. August 1534 spuckte er zum letzten Mal in das Hafenbecken von Sevilla. Er startete mit vierzehn „stolzen Gallionen“. Mendoza brachte zweiundsiebzig Pferde, hundertfünfzig Deutsche und Holländer unter dreitausend gemeinen Männern, achtzehn Missionare und die Blüte seines Landes in die Neue Welt. Mit ihm fuhren zweiunddreißig Mayorazgo – blanker Uradel. Mancher Superaristokrat wäre lieber zuhause geblieben, um gelegentlich von zu viel Förmlichkeit Abstand in einer Inkognitobar zu nehmen.
Mendoza hatte einen Freibrief. Ihm waren Länder versprochen. Er lebte mit der Aussicht auf Prämien für jeden erschlagenen Kaziken. Ein Sturm zerstreute seine Schiffe. Sein weiches Fleisch verdarb. Der Flottenführer erschlug einen Schiffsjungen mit dem beinernen Schuhlöffel. Eine kritische Bemerkung kostete einen Matrosen den Schmerz und die Schmach von fünfzig Hieben. Mendoza ließ Delinquenten zur Abschreckung an Pranger stellen und in den Vorrichtungen verrotten.
Ein zu geringer Grad der Unterwürfigkeit konnte bereits Insubordination sein. Im Zweifelsfall stand Mendoza allein gegen eine See von Plagen. Die Marinepädagogik riet zur Vorbeugung von Meutereien auf den Wegen der Mannschaftserniedrigung.
Die Flotte fand sich wieder im „süßen Meer“, wie manche den Río de la Plata nannten. Die Strandinder erschreckte „das stolze und gewaltsame Auftreten der Fremden“ so, dass Annäherungen ausblieben. Keine Pocahontas in Sicht.
Mendozas hochnäsiges Terrorregime reizte seine Leute zu Gewalttaten gegen die Bevölkerung. „Horden kriegerischer Guarani“ kreisten die Entdecker weiträumig ein. Mendoza kannte nur ein Rezept. Der Kriegsherr schickte Fußvolk und Ritterschaft, vierhundert Mann im Ganzen. Die Expedition führte sein Bruder Diego an. Drei Tage später kehrten zwölf Klägliche zurück, alle anderen bereiteten den Geiern ein Fest in der Pampa. Die Guarani hatten einen Sumpf genutzt, eine Engstelle, die dem Korps geringen Spielraum bot. Da entfalteten sich die Nachteile komplizierter Waffen und die Vorteile unterkomplexer Lösungen. Die Pulverpfannen wurden nass, die Musketen versagten. Die dem Zügel auf der Überfahrt entwöhnten Pferde bockten. Umsonst warf sich Diego mit seinen Kavalieren auf den Feind. Mehr als ein altes Geschlecht erlosch an diesem Tag.
Wie die Germanen kämpften die Guarani mit ihren Leibern mehr als mit anderen Streitmitteln. Sie zerschellten dann an der Monotonie eines Mannes, der es für seine Aufgabe hielt, einen Posten nach dem nächsten in ihrem Gebiet aufzustellen. Es waren Leute am Verhungern, mit denen er Nuestra Senora Santa Maria del Buen Aire gründete. Man sagt, Pedro de Mendoza habe Fleisch vom Leichnam einer Geliebten nicht verschmäht, so heruntergekommen sei dieser „zum Herrschen geborene“ Kolonist endlich gewesen. Die Guarani rannten gegen den Zaun, den die Neubürger in die Landschaft gepflanzt hatten. Sie zerlegten Buenos Aires erst einmal. Die Spanier wichen zurück und gründeten Corpus Christi an der Stelle, wo Cabot sein Eldorado direkt vor der Palisade vermutet und deshalb den Solís-Fluss“ in Rio de la Plata (Silberfluss) umbenannt hatte.

Von Cabots erster Station war ein zerfallener Turm übrig. In Erwartung heiterer Stunden nannten ihn die Flüchtlinge Buenas Esperanza. Mendoza näherte sich seinen letzten Amtshandlungen. Er machte Don Juan d'Oyola zum Kommandanten eines Erkundungstrupps. Oyola war auch so ein jüngster, zu seinem Glück wenigstens legitimer Sohn mit großem Namen. Mit dem Namen konnte er keinen Job annehmen. Also, woher nehmen und nicht stehlen? Es ging beinah nichts für einen armen Adligen. Außer Krieg war alles unter seiner Würde.
D'Oyola und sein illegitimer Halbbruder Alano unterstellten sich Domingo Martínez de Irala, der den Zug mit der Nachricht einholte, der erste Gouverneur von Paraguay, Pedro de Mendoza y Luján sei geistig umnachtet in den Tod gegangen. Bis zum letzten Atemzug habe er sein überseeisches Unternehmen verflucht.
Irala war ein Mann, der sich selbst zu einer Vollmacht verhelfen konnte. Die neue Kolonie regierte er ohne Mandat. Das zeichnete sich ab, als er sich zum Generalkapitän ernannte und „eine infernale Soldatenherrschaft anfing“. Irala folgte dem Río Paraguay und gründete Asunción. Er konzentrierte den Inder. „Die harte Willkürherrschaft und das Aussaugesystem des Irala ließen keine gedeihlichen Zustände aufkommen“, schreibt Priv. W. Blechbeißer in seiner „Geschichte Paraguays“.

Blechbeißer, ein Niedersachse vom alten Schlag, gelangt im April 1810 zu der Feststellung: „Mit Pedro de Mendoza schwand die letzte Stütze gesetzlicher Ordnung aus der schwer heimgesuchten Kolonie Paraguay.“
Karl V. hatte Mendoza zum Statthalter am Río de la Plata bestimmt. Domingo Martínez de Irala beerbte den Oberschenk de facto. Für die ursprüngliche Bevölkerung verwandelte er Paraguay in eine Strafkolonie. Er herrschte mal mit und mal ohne Zustimmung der spanischen Krone. Ihn unterschied von den iberischen Mandarinen, dass er keinen über sich duldete. Die Geschichtsschreibung übergeht diese Variante. Man sagt, nach Mendoza habe Álvar Núnez Cabeza de Vaca den Gouverneur von Paraguay und Irala einen wichtigen Mitarbeiter gegeben. Irala sei zwar ein tüchtiger Menschenschinder gewesen, darüber hinaus jedoch noch nicht mal kabinetttauglich.
Das stimmt. Irala fehlte die Geschmeidigkeit der Schranze. Er hatte keinem König mit einem Parapluie die Sonne vom Leib gehalten und sich von keiner Königin hinter den Paravant ziehen lassen. Irala warb nicht. Er befahl. Joseph Conrad hatte ihn vor Augen, als er Marlow dem weißen Fürsten Kurtz und dem Grauen am Kongo begegnen ließ.
Ja, Kurtz ist Irala. Er gründete Siedlungen wie im Fieber, lebte selbst aber in einer Dschungelfestung am Paraguay.

Noch gab es in Hülle und Fülle nur Not. Heuschrecken vernichteten Ernten. Familien sanken unter die Bedeutung, die sie in Spanien hatten. Irala nahm sich ihre Söhne und erzog sie zu Waldläufern. Sie lernten Hinterhalte zu vermeiden und feindliche Fronten aufzureißen. Irala lehrte sie, immer in Bewegung zu bleiben, sich nie von ihren Waffen zu trennen, einfache Dinge komplizierten vorzuziehen und keinem Mann zu gestatten, einen bestimmten Abstand zu unterschreiten. Gesellig konnten sie mit diesem Konzept nicht werden. Sie vermischten sich mit einheimischen Frauen. Das Nötige taten sie in abkürzender Eile und nach den Regeln der Cucina povera, um dann wieder die Geduld zu haben, das Gesellschaftsleben von Ameisen zu studieren.
Ein nicht ganz erstorbenes christliche Bewusstsein sah in den Verheerungen der Kolonie Gottes strafende Hand bei der Arbeit, Irala kamen alle Heimsuchungen gelegen. Sie sorgten für Verschleppungen im feudalen Gefüge. Die Besten des Vaterlandes wussten Besseres, als in Paraguay Missernten und Angriffe zu überstehen.
Für Karfreitag 1540 setzte Irala eine Geißelprozession in Asunción an. Er kam erst in der Nacht vor dem Festival aus dem Wald. Blechbeißer schreibt: „Die Besatzung von Asunción, einschließlich des Stadtkommandanten Salazar, erwartete den Generalkapitän barhäuptig, mit bloßen Füßen und bereits entblößten Schultern. Irala ritt um den Block, er hatte sich von einer Teilnahme an der Prozession suspendiert. Ihm schwebte eine Einkehr bei José vor, dem einbeinigen Wirt des „Weißen Hirschs“. Der „Weiße Hirsch“ war das erste durchgängig geöffnete Lokal in Lateinamerika. Irala wollte wohl gerade aus dem Sattel rutschen, als die Indianerin Abhilasha nahte und nach einem Steigbügel griff.
„Was ist dir, Kind?“ fragte Irala gutmütig.
„Hoher Herr“, rief Abhilasha, „die wildesten Guarani planen einen Überfall auf den Flagellantenexpress um high noon.“
„Du Brave sollst nicht ohne Belohnung für den Verrat an deinem Volk dich schleichen.“
Generös warf Irala der Abhilasha eine Münze zu. Dann wendete er sein Pferd und ritt hin zum Salazar.
„Die Abhilasha hat mir gerade gesteckt, dass um Zwölfe der Bürger den Aufstand probt.“
„Was schlagt Ihr vor?“ fragte Salazar. Wusste er doch, dass Irala keinen Vorschlag akzeptierte, der nicht von ihm war.
„Tauscht die Geißel gegen das Schwert und folgt mir“, befahl Irala. In diesem Augenblick griffen die Guarani an. Abhilasha hatte sich uhrzeitlich vertan. Dreitausend Inder stürmten den Platz der Prozession. Die Spanier hatten nichts als ihre Geißeln zur Hand. So ungepanzert wie sie waren, gingen sie normalerweise nicht mal unter die Dusche oder zum Strand.
Spanier im Hemd, die Zehen krumm und verpilzt von der Stiefelknechtschaft, mit einer Kordel nur bewaffnet … Irala breschte aus der Stadt, die Gerechtigkeit nahm ihren Lauf. Dann ging der Gerechtigkeit die Puste aus, Irala setzte zweihundert Mann gegen die Hausbesetzer von Asunción in Gang. Am Ende hingen die Verschworenen am Palisadenwall. Der Vorfall zeigte, wie traurig es um die sittlich-religiösen Zustände bestellt war.

Das lateinische Mesopotamien

Das spanische Vizekönigreich La Plata fasste Argentinien, Uruguay und Paraguay zusammen. Das Staatsgebiet war sechs Mal größer als das deutsche Kaiserreich bis 1918 und ging als das lateinische Mesopotamien in die Geschichte ein. Offiziell hieß es nach einem atlantischen Mündungstrichter, den Juan Diaz de Solís 1515 mit der Erwartung entdeckt hatte, einen Durchgang zum Stillen Ozean gefunden zu haben. Dreißig Jahre später beherrschte Irala die Gegend am Silberfluss. Der alte Punk unterstand förmlich Álvar Núnez Cabeza de Vaca, die Konstellation bot Anlass zu Spott. Zaimoglu nennt den kaiserlichen Vizekönig Vaca „den edelsten Spanier“, der je Paraguay verrödelte. Vaca repräsentierte den Typus des Spitzenbeamten ohne Albträume. Er betrieb die Auflösung des separatistischen Konquistadoren-Regimes und setzte kaiserliche Interessen durch. In seiner Amtszeit wurden aus Granden von eigenen Gnaden Desperados. Mancher Gebietsfürst starb wie ein ausgelaugter Ex-Despot auf der Flucht.
Vaca bestand auf Rechtssicherheit für die ursprüngliche Bevölkerung. Ziemlich offen beteiligte sich Irala an Umsturzversuchen, schließlich verhaftete er den Indianerfreund auf dem Thron und ließ ihn einem Gericht in Spanien zuführen. Da kam es sogar zu einer Verurteilung. Vaca überlebte sein Amt in Ketten.
Wie konnte es dahin kommen? Wie konnte Irala nur so frei schalten? Ich dringe durch einen Wust märchenhafter Darstellungen zum historischen Kern vor. Irala zählt zum Gefolge von Pedro de Mendoza y Luján. Mendoza hat zwei Aufgaben. Erstens muss er die staatliche Ordnung gegen Widerstände früher Oligarchen installieren. Die zweite Großbaustelle – Mendoza dient Karl V. als Adelantado. Er besitzt einen erblichen Landnahme- und Gründungsauftrag, in den er selbst ein Vermögen gesteckt hat.
Mendoza kann es keinem recht machen, dem fernen Kaiser so wenig wie den Kolonisten. Knapp gesagt, Mendoza hat ein Vermögen in seinen Ruin gesteckt.
Irala begreift das Dilemma. Er übernimmt die Gründungsvorhaben und wird zum ersten Architekten Argentiniens. Stets geht er auf die gleiche Weise vor. Zuerst errichtet Irala ein Fort, dann befriedet/säubert er die Umgebung. Jeder Doppelschlag ruft Siedler auf den Plan. Irala ist immer der erste Bürgermeister. Er überträgt das Amt, das stützt seine Macht und entkräftigt Mendoza.
Mendoza ist längst ein kaltgestellter Wahnsinniger, als man ihn umbringt. Sein Amtsnachfolger hat es schon mit Eingesessenen und mit Eingeschliffenem zu tun. Die Pioniere fühlen sich von Irala besser repräsentiert als von Vaca.
Vaca stammt aus einer vornehmen Familie, in Spanien bietet die Herkunft Argumente. In Amerika nicht. Da findet ein Kulturkampf statt. Aufsteiger schotten sich gegen den Dünkel des alten Adels mit neuem Geld ab. In älteren Jahrhunderten hätten die neuen Vermögen Herzogtümer entstehen lassen. Die Loyalität der Herzöge wäre kostbar gewesen als Voraussetzung königlicher Macht.
Darauf will ich hinaus. Der spanische Staatsbegriff ist nicht elastisch genug, um mit dem Zeitgeist Tango zu tanzen. Die Krone setzt auf bewährte Garanten. Und was machen die Kolonisten? Sie setzen auf Irala und regieren sich unter ihm selbst.
Irala stützt sich vor allem auf die Stadtkommandanten Juan de Salazar y Espinosa und Juan d'Oyola y Somalia. Blechbeißer charakterisiert die drei als „Parteigänger selbstsüchtiger Pläne“. Für die alte Ordnung ist das Kartell verloren.

28. September 2016

Der Seeweg nach Indien

Mit Amerika hatte Europa nicht gerechnet. Der Kontinent lag einer überkommenen Vorstellung von Welt & Handel im Weg. Nachdem klar geworden war, dass Kolumbus nicht in Westindien gestrandet war, erwarteten Kapitäne auf großer Fahrt im Geleit der Naturschauspiele einen Durchgang zum Pazifik zu entdecken.

Zwischen dem Start (Spanien/Portugal) und dem Ziel (den Molukken) war nicht nur viel mehr Wasser, sondern auch viel mehr Land als erwartet. Als nun Juan Díaz de Solís, nach einer Liebespleite an Melancholie und Fernweh erkrankt, 1515 sein Schiff in eine Bucht der südlichen Ostküste Amerikas steuerte, glaubte er die Wasserstraße seines Ruhms erreicht zu haben. „Entdeckt“ hatte er den Río de la Plata: ein Mündungsbecken. Überlebende der Mannschaft nannten die Gegend in ihren Erinnerungen „ungastlich“. Die örtliche Bürgerwehr begrüßte Solís mit Speeren.

Der Offenbacher Botaniker Orhan Blattschneider macht daraus eine Oper:
„Mit dem Stolz des Entdeckers gab Solís dem Fluss seinen Namen: Río de Solís. Kaum aber hatte er den Fuß auf Land gesetzt, fingen die wilden, das Ufer verrödelnden Charrúas hinterlistig den Unglücklichen. Sie brieten und aßen ihn vor den Augen der in einer Schaluppe in vorläufiger Sicherheit zurückgebliebenen Gefährten. Irritiert überließ die führerlose Flotte das unfreundliche Ufer seinem Schicksal.“
Blattschneider ignoriert, dass Solís nicht in der Einsamkeit des versprengten Spießbratens starb. Mit ihm starben Führungsstab und Liebeskummer.
Alle wollten dahin, wo der Pfeffer wächst. Weiterhin richteten sich königliche Erwartungen auf den „Seeweg nach Indien“. Kapitäne erkundeten die südamerikanische Ostküstenlinie mit dem Ziel, eine Passage zum Pazifik zu finden. Die Mündung hieß noch Solís-Fluss, als Sebastian Cabot sie zum Ankerplatz bestimmte. Er verbrauchte das Holz von zwei Schiffen für ein Fort. Er erkundete den Uruguay, mit der Hoffnung, der Uruguay gestatte den Durchgang vom Atlantik zum Stillen Ozean. Indigene Milizen zwangen Cabot immer wieder in sein Fort. Er revanchierte sich mit Strafexpeditionen am Río Paraná. Er folgte dem Zwillingsstrom des Uruguay. In die Gegend von Cara-Cara (heute Río Tercero) stellte Cabot vorausschauend das nächste Fort. Der Festungsbau zog die Stämme der Umgebung zusammen, die Spanier waren so exotisch wie Aliens auf einer Lichtung. Da kommen Blechkameraden in den Wald und bauen erst einmal einen Riesenzaun um ihre Scheißhäuser. Wie verrückt sind die denn.
Wieder tauschten die Einheimischen Gold und Silber gegen Abfall. Cabot vermutete Erzadern direkt vor der Palisade. Den Solís-Fluss“ benannte er in Rio de la Plata (Silberfluss) um. Das war ein Propagandacoup. Indem Cabot sich beeilte, in Spanien Erwartungen hochzuschrauben, machte er „die Welt um eine Täuschung reicher“.

Vierhundert Jahre später irrt Blattschneider durch den Oriente von Ecuador. Überall ist nach Gold gegraben worden. Leute verbergen sich in aufgegebenen Stollen. Viele Weiße und Halbweiße sind wilder als die Wilden.
Vereinzelt erinnern Avocado- und Zimtbäume an Plantagen, die nach Überfällen aufgegeben wurden.
Die Reisenden verlieren ihre Sachen. Unfälle häufen sich in einer überwältigenden Natur. Je beschwerlicher die Reise, umso azuriger die Flügelfarbe von Schmetterlingen. Ein Fluss rauscht wie ein Siegeszug durch eine lachende Landschaft. Eine natürliche Allee gestattet es einen grünen Triumphbogen zu unterschreiten. Alles ist herrlich, das überwältigende Gefühl des Hungers entreißt Blattschneider seinen Schwelgereien. Ausgesprochen träge Typen hängen in Blattschneiders Nähe ab. Sie sehen nicht hilfsbereit aus. Besser, man spricht sie nicht an.
Alfonso verschwindet. Blattschneider hält sich an seinen Beobachtungen fest, Alfonsos Bedeutung wächst in seiner Abwesenheit. Er war ein guter Kamerad und der Teddybär zum Einschlafen.
Blattschneider schwankt auf eine Lichtung zu und erstarrt, bevor er sie erreicht. „Dürftig bekleidete Wilde taten etwas, das ich zuerst für rituell hielt. Sie imitierten Tierstimmen.“
Blattschneider unterscheidet den Brunstschrei des Panthers vom Trasch der Truthennen. Bald tobt auf der Lichtung der Bär.
Plötzlich ist Blattschneider obenauf, das Land flacht ab, alles ist Smaragd, die Flora berauscht den Reisenden. Dornen allein hindern den Weg; das Beil zur Hand, bringt er sich weiter. Er tötet jede Schlange auf seiner Strecke, wie er es von den Huaorani gelernt hat.
„Kleine Schlangen fürchten die Huaorani mehr als große, da man sie leicht übersehen kann. Jede zu töten, ist Dienst an der Gemeinschaft, denn da, wo man selbst nicht gebissen wird, trifft es den nächsten vielleicht.“
Blattschneider erreicht Pfahlbauten. So sieht Zivilisation aus – Kloster, Kirche, Zuckerrohr und ein Slum aus Pfahlbauten.
„Kinder bestaunten mich, ich vermisste die oft beobachtete Scheu vor Weißen.“
Blattschneider besucht die Messe. Die Klosterleitung erwartet, dass er der Farce mit zügiger Abreise ein rasches Ende bereitet.
„In der ersten Reihe saß der Kazike mit seinem Hauptmann. Beide waren von Kopf bis Fuß gemustert.“
Die Jesuiten betrachten den Kaziken als Beamten, der ihrem Belieben untersteht. Dieser Bedeutungsarmut steht ein hohes Ansehen im Stamm entgegen. Der Kazike kann jederzeit und ohne Diskussion einen Angriff auf die Missionsstation veranlassen. Die Missionare haben es nach ihren Begriffen mit einem unberechenbaren Kind zu tun, dem sie seine Verfügbarkeit gern deutlicher vor Augen führen wollen als die Umstände es ratsam erscheinen lassen.
 
Nach der Andacht stürzen die getauften Wilden in den Wald, ohne dass ein Grund für die Eile erkennbar wäre.

Auf der Station im Oriente von Ecuador trotzen die Missionare ihrer von Misstrauen gekrönten Abneigung eine notdürftige Gastfreundschaft ab. Der deutsche Protestant steht ihnen ferner als alle Heiden, einschließlich der getauften. Umgekehrt verhält es sich ärger. Blattschneider findet die Station „grob zusammengehauen“. Ihn stört die gestauchte Virilität seines Aufsehers. Jorge Salamanca ist ein im Ernst lodernder, monoton vollblütiger Mann. Der geborene Inquisitor. Die dramatische Erscheinung passt für Blattschneider aber nur zu einer Reisetheatergruppe ohne Pferd. Die ursprüngliche, zu regelmäßiger Arbeit im Zustand der Vollbekleidung angehaltene Bevölkerung nennt Blattschneider furchtsam. Im Vergleich zu den Huaorani stimmt das. Die Leute haben vielmehr ihren Mut als ihre Wildheit verloren. Unbewaffnet sich ihnen anzuvertrauen, ist unklug. Dreihundert Jahre Misshandlung machen ihre Auftritte schwergängig. Ihre Ausbrüche sind aber fürchterlich.
Salamanca führt den Fremden in die Asservatenkammer. Sie bewahrt den Kriegsschmuck Bekehrter. Es ist keine hundert Jahre her, dass die letzten Einheimischen in einem Ornat aus Eidechsenhaut und Kaninchenfell unterwegs waren.
Was konnte sie mäßigen?

„Die Wilden bleiben große Kinder in allem“, behauptet Salamanca. Blattschneider nimmt eine frische Arbeit näher in Augenschein. Die Sache unterscheidet sich unheimlich von älteren Beispielen archaischen Kunstgewerbes.
„Sind das Zähne eines Menschen?“ fragt Blattschneider.
„Einige darf man wohl dafür halten“, entgegnet der Experte.

In Begleitung des im Busch aufgetriebenen Burschen Fierro besucht Blattschneider Indianer, die anders sind als die Betschwestern in der Urwaldstation.
„Alles zeugt von Ungestüm und einer Liebe zum Streit, die Haltung, der Schritt, die Lanze, die sie nie aus der Hand geben und im Gespräch schwingen oder auf den Boden stoßen.“
Angeblich sind sie so wegen „ewiger Nachstellungen“ der „heidnischen Jibaros“.
Blattschneider sieht Krieger, die mit Regenschirmen und Krawatten den Dschungel unsicher machen. Dem Zivilisationskram wird Zauberkraft zugeschrieben.
„Die Hütte des Salucca-Indianers ist typischerweise ganz zur Verteidigung eingerichtet. Neben dem Lager stehen Lanzen, mit giftigen Pfeilen gut gefüllte Köcher und Sarbacane, deren Mundstücke ebenso zu Klarinetten gehören könnten. Der Salucca lebt im Entsetzen vor dem Jibaro. Der Jibaro mordet, um zu morden. Findet er keinen Christen, fällt er die eigenen Leute an. Ist sonst niemand da, nimmt er eine seiner Frauen, um seinen Blutdurst zu stillen. Seine Familie ist eine Pflanzschule sämtlicher Laster. In dieser verpesteten Atmosphäre wird ein Heranwachsender zwangsläufig zum Zeugen jeder Gemeinheit. Von der Arbeit kommt der Vater mit den Schädeln Erschlagener. Sofort kehrt wahnsinnige Freude in der Hütte ein, die Gattinnen stürzen zu den Trophäen, um sie anzuspucken. In die Verhöhnung steigern sie sich hinein, bis sie ganz von Sinnen sind und auseinander getrieben werden müssen, dass sie sich gegenseitig nicht zu sehr verletzen. Mit dem Veitstanz versuchen sie ihrem Versorger zu gefallen und unter den Konkurrentinnen hervorzustechen.
Sie häuten ihre Feinde und nutzen die Häute für Handtaschen, Tabakbeutel und Muschelgeldbörsen. Über Krieg und Frieden entscheidet die Wahrsagung eines blauen Kaziken. Was er im Rausch sieht, nimmt der Stamm für bare Münze.“
Blattschneider findet von Wurzeln in die Luft gehobene Ruinen, die auf Städte eines namenlosen Volkes verweisen. Lange vor den Inkas kolonialisierte es den Urwald. Blattschneider hält die Jibaros für degenerierte Nachkommen der Bauherren.
Was fehlte den Altvorderen zum anhaltenden Erfolg?
Erst als er sich in Sicherheit weiß, gesteht sich Blattschneider ein, wochenlang auf der Flucht gewesen zu sein. An Alfonso denkt er nicht mehr. Er tauft Fierro auf den Namen Alexander. Bald verliert er ihn beim Würfelspiel. Allein entdeckt er den Tropf der Welt.
„Kein Land auf Erden muss sich so ungeliebt wie Feuerland fühlen.“
Ein klassischer Blattschneider. Berge bedauern, dass sie kahl sind. Außerdem ist ihnen kalt. Da das Klima außerordentlich rau ist, sind rau auch die Wilden.
„Man zählt den Feuerländer zu den geringsten Menschen. Er leidet an entzündeten Augen. Er lebt von Schwämmen und wildem Sellerie. Fischen beißt er ein Loch in den Kopf und isst sie roh mit Stumpf und Petersilie. Er hüllt sich in schmutzige Seehundfelle, die Felle dienen ihm auch als Segel. Don Boscos Missionare bemühen sich sehr um diese Versprengten der Menschheit.“

Jahre nach den lateinamerikanischen Exzessen des Offenbacher Botanikers Orhan-William Seward Blattschneider trifft Friedrich von Zierenberg-Zaimoglu Bismarck in Kassel. Vor einem Kamin im Schloss Wilhelmshöhe bittet der Reichskanzler den Sonderbotschafter um die Sondierung der deutschen Lage in Chile.
„Chile hat ein gewisses Anrecht auf die Anteilnahme des Reichs, finden sich doch aus alle Gauen unseres Vaterlandes Auswanderer da.“
Bismarck koloriert das „Unheil leichtfertiger Auswanderung“, Zierenberg verprellt einen antipreußischen Affekt. Bismarck hat gegen den erbitterten Widerstand nicht zuletzt der Brüder Grimm Hessen an Preußen gebunden, nur Kassel bewahrt sich die Freiheit im Bündnis mit Texas.
Katholische Kreise steuern die Anwerbung deutscher Kolonisten. Im Zuge der Reisevorbereitungen wird Zierenberg in Berlin erwartet. Er fährt vor, plötzlich heißt es, Chile muss vorerst selbst sehen, wo es bleibt. Man braucht Zierenberg auf den Falklandinseln. Frankreich hat die Inselgruppe England überlassen, Nordamerika und Argentinien sind interessiert. *
„Englishmen, come on shore.“
„Vor Anbruch des Tages ließ der alte Kapitän Krömer Boote ausrüsten und besetzen. Er unterstellte die Abordnung Friedrich von Zierenberg, während die Leute am Strand nicht müde wurden, „Englishmen, come on shore“ zu rufen. Bald stellte sich heraus, dass sie mehr in einer zivilisierten Sprache nicht zu sagen wussten.“
Zierenberg hat Araukaner vor sich. Sie überragen und übertreffen in männlicher Wirkung jeden Matrosen. Die Delegation nehmen sie in einen Schwitzkasten der Freundlichkeit. Dies geschieht in dringender Erwartung von Geschenken. Zierenberg verteilt Spiegel und Bänder. Mit Tand will er einen Tauschhandel auslösen. Er präsentiert eine Säge und deutet auf eine Jagdstrecke. Die Wildbeuter winken ab.
„Die Patagonier zeigten keine Mangelerscheinungen. Sie strotzten in ihren Lederstrümpfen. Ihre Hauptwaffe war die Bola.
Zierenberg begehrte einen Beweis der Jagdgeschicklichkeit, man gehorchte gutmütig, als er zum Wettbewerb rief.“ (Conny Blattschneider)
Die Schleuder ist ein einfaches Ding. Zwei in Beuteln verwahrte Steine sind mit einem Riemen verbunden. Der Jäger nimmt einen Stein zur Hand und schwingt den anderen Stein am Riemen erst über dem Kopf. Dann schnellt er die Waffe im Ganzen nach einem Gegenstand.
„Die Araukaner trafen gut. Man sah keine Anstrengung oder besondere Konzentration. Fehlwürfe fanden wenig Beachtung.“
Zierenberg schickt die Matrosen zum Schiff und eilt sich selbst voraus zum Lager der Araukaner. Die Frauen empfangen ihn ohne Lärm. Ihre Plagen stehen Spalier vor ordentlich gesetzten Zelten und halten Hunde dazu an, still zu staunen.
Zierenberg erlaubt seine Bewirtung in der Unterkunft eines Stammesfürsten.
„Die Arbeit blieb den Frauen, die Männer leisteten keine Hilfe. Die Frauen schminkten sich mit Kohle. Sie nutzten Fett und Mark des Guanaco zum Schutz der Haut.
Es war keine Freude, den Leuten beim Essen zuzusehen. Sie schlangen rohes Fleisch. Sie zeigten keine Neigung, Krieg zu führen. Kam es zum Streit, bot jede Partei hundert Reiter auf, die nach dem ersten Ausfall den Rückzug antraten. Ein Toter und schon war Frieden. Jeder Frieden wurde mit einem Fest gefeiert.

Starb einer, dann hob ein schreckliches Geschrei an. Man tat den Leichnam in einen Mantel und tötete die Hunde und Pferde des Verstorbenen. Seinen Besitz verbrannte man auf dem Grab.“

22. September 2016

Im Oriente von Ecuador

Oft steht Orhan-Julius Blattschneider ratlos vor dem alltäglichsten Geschehen. Der greise Junggeselle tendiert trotzdem zu der Ansicht, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Den Stein des Weisen vermutet er in seiner Heimatstadt Offenbach.

Blattschneiders Abstieg vom Chimborazo gleicht einer Depression. Der Reisende setzt seine Wanderung im Oriente von Ecuador fort. Er notiert: „Der Boden liegt wüst da. Sand trifft Lehm. Die Felder geben uns die traurigsten Begriffe von der indianischen Gemeinheit. Der Mais wächst nur zwei Fuß hoch und braucht dreizehn Monate zum Gedeihen, die Kartoffel noch länger. Rinder laufen frei auf Weiden, die Gemeindeeigentum sind.“

Blattschneider erreicht Quito. Die Stadt liegt so im Verborgenen, dass man hineinläuft wie in eine Falle. Ihre Festigkeit hatte die Konquistadoren dazu ermutigt, die Inkakapitale als Regierungssitz zu übernehmen.
„Quito hat sehr wohl den Charakter eines geräumigen, für den Touristen geputztes Bergdorf so wie bei uns Berchtesgaden.“
Man baut nicht hoch wegen der Erdbeben. Man wohnt im ersten Stock zweigeschossiger Häuser. In Parterre sind Läden und Werkstätten.
Kein Karren taugt für die steilen Pisten.
Der zwölffache Vater Alfonso zwingt sich dem Touristen als Träger auf. Blattschneider bemerkt nun in Begleitung Ruinen, „im Zustand fortgeschrittener Verwitterung“. Was gut und fest steht, zeigt Vorlieben der Renaissance, stets fällt das Licht von oben ein. Was weniger gut ist, beweist „die schwache Seite des Barock“.
Blattschneider, Pendant und Protestant, begegnet dem spanisch-katholischen Kolonialdekor mit den Abneigungen eines Prüden. Er verspricht ein alter Junggeselle zu werden, von der Art, die bei kaum wohlhabenden Witwen logieren und deren Nachlass in zwei Kartons passt. Solchen sagt man nach: der hat sich im Leben nicht breit gemacht und Frauen waren seine Sache nicht gewesen. Der guckt sich Fassaden an und motzt wegen „gesimsloser Flächen“. Blattschneider vermisst Ornament. Glanzziegeln wie in Lima, Mosaike wie sonst wo. Da ist ihm zu wenig Ausdruck und Lebhaftigkeit im Spiel der Wände.

Blattschneider lobt Fresken und beschuldigt Altäre der Arroganz. Der falkengleiche Konquistadoren-Hochmut war lange stilbildend und wird in Beispielen bewahrt. (Dass sich eine unverbrüchlich erschienene Ordnung einfach umstoßen ließ, hatte die „Eroberer“ erschüttert, bis sie das Knie nur noch pro forma beugen konnten.) Blattschneiders Wahrnehmung denunziert Quito. Eine Militärkapelle unterhält das Publikum vor dem Palast des Erzbischofs, Blattschneider findet die Musik „geschwätzig“, die Uniformen „pompös“. „Auf die armen Kirchenglocken drischt man mit Knüppeln ein“, schreibt er.

„Es fehlt eine gute Volksschule.“

„In einem produktiven Sinne tätig, so wie ein Deutscher es versteht, ist kein Mensch.“

„Die Leute sind in Erwartung von Naturkatastrophen fatalistisch geworden.“

„Damen lassen sich, wann immer es ihnen anzeigt erscheint, inne zu halten, von dem Mädchen, welches sie stets begleitet, einen Teppich unter die Sohlen legen und mitunter die zur Ambulanz gehörende Sitzbank aufstellen. Sie erscheinen in schwarzen Mantillen.“

„Mein Bursche ist durchaus nicht wacker. Er hält sich schlecht, wäscht sich wenig und missachtet seine Familien.“
Das beschäftigt Blattschneider. Alfonso klappert im Verlauf des Jahres ein halbes Dutzend von ihm zu ihrem Nachteil abhängiger Mütter seiner Kinder ab und strebt bei jedem Aufenthalt eine weitere Schwangerschaft an. Seine Kinder ignoriert er. Vor Kirchen macht er heimliche Zeichen. Er isst lieber auf einem freien Platz als an einem Tisch.
Er kann nicht stillsitzen. … Alfonso verachtet mich. Er lässt sich nicht zu einem passablen Burschen erziehen. Er will sein eigener Zeitgenosse sein.“


„Überall lauern Jesuiten und gucken, was ich mache.“
Der Orden ist für Blattschneider des Teufels. Dass der Islam in Spanien blieb, weiß Blattschneider genau. Der Islam hat sich lediglich einen katholischen Mantel angezogen. Gepflogenheiten „bekehrter Mauren und christlicher Juden“ bieten nur die Ansicht einer Eisbergspitze. Und so fort. Ob Muslim, Katholik, Moriske oder Marrane: ist doch alles nix, fragt man den Offenbacher. Dessen Verfolgung ist breit angelegt, die Jesuiten sehen in ihm Ärgeres noch als einen Spion. Blattschneider reist ab nach Ibarra, wo ihm ungelernte Hilfskräfte der Ordenspolizei observieren. Die personelle Peripherie wird zur Gewohnheit. Alfonso dreht den Nachläufern lange Nasen.

„Man kann dem Indianer einen größeren Schimpf nicht antun, als ihm zu sagen, er sei gar kein Christ. Aus den entlegensten Winkeln bringen die Leute ihre Kinder zur Taufe. An der Kommunion haben sie aber kein Interesse. Sie leben und sterben ohne Beichte. Ihren Toten stellen sie eine Speise als Proviant hin.“
Jede Andacht endet auf einem Markt mit Zurschaustellungen. Das Angebot ist bescheiden, Monstrosität Mangelware. Alfonso nutzt die Belustigungen, um Bekanntschaften zu machen. Er setzt Blattschneider als Attraktion ein.

Blattschneider verliert seine Verfolger im Wald. Plötzlich ist das Paradies da oder nah und der Indianer hat eine Hütte für den Besuch, eine für seine Vorräte und noch eine „ist seine eigentliche Behausung. Während die Frauen die Speisen und Getränke bereiten, besorgen die Männer die Jagd“.
Blattschneider stellt keine Verbindung her zu einer kaum älteren Feststellung: „Der Indianer fürchtet die Rache von Tieren, die er getötet hat oder die in seiner Gegenwart getötet wurden.“
Es ist immer nur von dem Indianer die Rede, der Indianer fürchtet die Rache der Tiere, der Indianer geht auf die Jagd, seine Frau hat ihm ein gutes Frühstück mit auf den Weg gegeben. Keine Arbeit nimmt viel Zeit in Anspruch, in der Freizeit schlendert der Indianer von einer Hütte zur nächsten und „tötet trommelnd und pfeifend die Zeit“.

„Im Allgemeinen lebt der Indianer sehr einfach“, meldet Blattschneider im August 1837. „Ihn ernährt die Banane und ein süßer Kartoffelbrei.“
Blattschneider bereist das Amazonastiefland, seine Beobachtungen macht er auf dem Territorium der Huaorani. Er rechnet den Stamm grundlos einem größeren Volk zu. Gelegentlich spricht Blattschneider vom „Napo-Indianer“. Napo heißt ein Fluss in der Gegend seiner Irrtümer. Huaorani pendeln zwischen Ecuador und Peru. Dem Ehrengast und seinem Bademeister Alfonso zeigt man Trophäen.
Der Ethnologe schildert die Huaorani als Feiervolk. Blattschneider mäkelt: „Vorratshaltung kennen sie nicht. In den Haupthütten leben Familien zusammen. Da die Hütten nur eine Abteilung haben, häufen sich im nämlichen Raum diverse Ehepaare, halb und ganz erwachsene Jünglinge, Jungfrauen, Knaben und Mädchen. Eine Absonderung der Unverheirateten von den Verheirateten findet nicht statt.


An anständige Kleidung ist nicht zu denken.“
Die Wilden machen einen verwilderten Eindruck auf Blattschneider.
„Anderen Indianern wurde das Gesetz gegeben, wenigstens eine Schürze aus Blättern zu tragen.“
Die Huaorani haben ihre eigenen Gesetze. Sie sind einander in Blutfehden zugetan, die Männer behalten ihre Speere in Reichweite.
„Fremden begegnen sie mit mordbereiter Gleichgültigkeit“, behauptet Blattschneider. Ihm und Alfonso krümmen sie trotzdem kein Haar. Sie kennen ein geistiges Getränk, gewonnen von der Puca. Sie kochen und rühren Blätter zu Brei und setzen der Masse ihren Speichel zu, um die Gärung anzuregen.
„Sie kauen den Brei und spucken ihn in Krüge.“
Die Huaorani machen Branntwein aus Bananen und Zuckerrohr. Sie reisen auf dem Napo und besuchen Inseln im Strom. Nie übernachten sie unter freiem Himmel, stets werden Unterstände aufgebaut und die Einrichtung aus den Kanus geholt.
Blattschneider bewundert Handfertigkeiten, oft steht er ratlos vor dem Geschehen. Er tendiert zu der Ansicht, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und vermutet den Stein des Weisen in Offenbach.
Am Rio Napo ist alles anders als in Offenbach. Blattschneider stellt fest: „Schon die Kinder beweisen außerordentliche Kraft und Ausdauer, gilt es, den breiten, manchmal reißenden Main zu durchschwimmen. Sie machen sich einen Sport daraus, obwohl sie Bewegung sonst nur mit Nützlichem verbinden.“
Blattschneider erkennt, dass der Urwald keine Überflussgesellschaft hervorbringt. Schließlich zieht es ihn in die Berge, bei seinem Alfonso diagnostiziert er „basale Unlust“ und „eine bedenkliche Lethargie“. Der Gehilfe führt ihn in verschneites Gebiet, die Seilschaft übersteigt Eisfelder, sie gelangt zum Papallacta-Pass, wo sie in einer Köhlerklause willkommen ist.
Blattschneider notiert „ein trostloses Obdach“, deprimiert von einer „Indianerfamilie“. Der Hausherr ist „erkältet“. Die Gastgeberin ist ein „herkulisches, vom Ruß schwarzes Weib mit fliehendem Kinn.“
Blattschneider fällt über die Bleibe her – „elende Baracke du/ ohne Türen und Kamin/ allen Winden offen.“
Kein Tisch, kein Stuhl, kein Bett. Hunde halten Wache gegen Wölfe, die nachts in den Pass schleichen. Alles rückt auf und macht Platz. Die Gastfreundschaft grenzt an Raserei. Blattschneider fragt: „Leute, warum baut ihr keine ordentliche Hütte?“
Das nenne ich Takt.
„Ja, freilich“, entgegnete das Oberhaupt, „ein Männchen“, so Blattschneider, „von greisen-kindlichem Wesen und Wuchs“, „hinge es nur von uns ab, wollten wir uns längst einen schmucken Bungalow neben die private Therme gesetzt haben. Doch gehört uns die Luft nicht zum Atmen und kein Fuder Holz, den man hier zusammenschlagen könnte.“
Leibeigenschaft herrscht auf dem Berg. Jeder Vogel baut sich sein Nest wie er will, aber der Mensch hat es geschafft, die Natur zu hintergehen.
„Wo wohnt denn euer Herr?“
„Ach, der wohnt weit weg und sieht uns nie. Doch hat er einen Jäger, der auf uns mit der Knute achtet.“
Nach den Begriffen der Zeit lebt die Köhlersippe „unter Weißen“. Zwar abgeschieden von -, aber noch viel abgeschiedener von „wilden Indianern“. Blattschneider: „Diese zivilisierten Indianer sind eine tief gesunkene, verachtete Rasse. Auch, wo es gegen das Gesetz ist, ist der Indianer Sklave, eine Ware, die man kauft, verschachert, vererbt oder einem zahlungsunfähigen Schuldner abnimmt.“
Der Indianer kann sich auch selbst verkaufen, um von Schulden herunter zu kommen.
Die Leute am Pass sind fromm, ihr Gott ist verreist. Sobald er wieder da ist, wird gewiss alles gut.
Ich habe keine Lust mehr, das Unglück der Kolonisierten weiter auszumalen. Blattschneider reicht am nächsten Morgen ein Almosen, dann geht es weiter „auf einem endlos sich windenden Hohlweg“. Blattschneider besichtigt „Heilquellen“.
Als Nächstes lobt er regelmäßige Gesichtszüge und erkennt, dass die Indigenen in dem Grad nicht entwurzelt sind, in dem sie Abstand halten zur Zivilisation. Bei manchen Völkern kann ein natürliches Misstrauen gegenüber Weißen von der christlichen Religion nicht aufgehoben werden. Sie bleiben bei ihrem alten Glauben und gehorchen Priestern nur zum Schein. In ihren Dörfern halten sie Erinnerungen an die Vertreibung und Ermordung früher Missionare mit Erzählungen wach. Es besteht eine Traditionslinie des Ressentiments gegen die Agenturen der Unterdrückung.
Blattschneider klagt über Moskitos, der Protestant übernimmt ein katholisches Motto, das in diesem fernen Osten unter Missionaren kursiert: Sursum corda. Missionare sehen den Deutschen nicht gern in dem schwierigen Gelände. Die Wirkungen ihrer Sendung führen seit Jahrhunderten zu Szenen wie in einem failed state.

14. September 2016

Ein Offenbacher im Land der Anthropophagen

Fünfunddreißig Jahre nach Alexander von Humboldt erreichte der Offenbacher Orhan-Julius Blattschneider (im August 1837) den Fuß des Chimborazo. Er stieg ein ordentliches Stück den Berg hinauf, kein Ehrgeiz trieb ihn. Er war bloß gern allein guter Dinge.
Blattschneider meldet in seinen Aufzeichnungen „seit Menschengedenken untätige Feuerspeier“ in der Nachbarschaft des Chimborazo. Er schlug sein Lager in frischer Höhe auf, tief unter ihm weideten Lamas. Blattschneider widmete dem Mondschein das Gedicht „Oh Chimborazo“. Es wurde zu einem Klassiker der lateinamerikanischen Romantik. Als Blattschneider am nächsten Morgen talwärts ausschritt, sah er wie Vieh getriebene Frauen. Blattschneider fürchtete, sie könnten Ausgestoßene eines in Isolation inzüchtig gewordenen Stammes sein. Vielleicht hatten sie etwas Schreckliches getan oder eine Krankheit hatte es dem Häuptling zur Notwendigkeit gemacht, die Verworfenen von der gesunden Mehrheit zu entfernen.

Was, wenn Anthropophagen im Anmarsch waren? Der Bergsteiger beschloss, sich vor den Verstoßenen zu verbergen. Er wählte eine skulpturale Reihe von Steindauben zur Deckung. Die Dauben überstanden Dolme, die in ein natürliches Amphitheater gesetzt worden waren.

Reinheit der Absichten. Das liest man oft. Wulle Kammschneider überschlägt sich: Nach den „goldgierigen Konquistadoren“ kam die Reinheit der Absichten. „Um nicht mit der Annahme von Geschenken einen Schatten auf die Reinheit seiner Absichten fallen zu lassen, (kehrte) Gasca arm nach Spanien zurück.“
Wer in der letzten Stunde nicht geschlafen hat, kennt die engelsgleiche Wirkung des „Priesters im Waffenrock“, den der spanische König zur Befriedung seiner amerikanischen Kolonie eingesetzt hatte. Pedro de la Gasca betete mit seinen Feinden und hielt sie an, als Christen zu sterben. Das bedeutete, im Werk des Scharfrichters Gutes zu erkennen.
Mit den Konquistadoren war die Gesellschaft Jesu nach Peru gekommen. Seither sind hundert Jahre ins Land gegangen. Gutmeinende (Kammschneider spricht von „den Vornehmen in Quito“) schenkten den Missionaren 50.000 Goldstücke, die in den Mühlen „der Missionstätigkeit“ aufgebraucht werden. An der Spitze der Gesellschaft Jesu steht Nikolaus Ovale, eine Art Rocker des Herrn. Er handelt mit Gott auf Erden seinen Platz im Himmelreich aus. Er betet ihm vor, was er alles tut für die fast verlorenen Seelen „der Eingeborenen“. Er erzieht eine Generation ehrgeiziger Halbspanier. Das ist eine Klasse für sich. Sie steht über anderen Kombinationen. Ihre Inferiorität im Verhältnis zu „blutreinen“ Spaniern wird tragisch empfunden.
Die Spanier zeugen die legitimen Söhne mit spanischen Importbräuten. Dieser Nachwuchs wird den gemischten Halbgeschwistern vorgezogen. Trotzdem hat es etwas zu bedeuten, Halbspanier, wenn nicht sogar Halbedelspanier zu sein. Auf einer Skala der Reinheit von eins bis zehn ist jeder Halbspanier eine Zwei. In der Schule kann jeder Zweite Erster werden. Viele bombastische Unterschriften und Vertragstexte haben etwas mit dem Kastenwesen und seinen Dressuren zu tun.
Ovale „verlangt nichts für sich“, um die Reinheit seiner Absichten nicht zu gefährden, er setzt nur eine Legion effektiver kolonialer Interessenvertreter in Gang. Ovale diktiert „seine Gedanken“, dass man nach ihm ein Schema hat. Hieronymus de Vargas kommt zum Diktat, der Lehrer und sein Schüler sehen sich täglich. Der Transfer von Wissen im Druckbetankungsstil ist Fest & Abenteuer. Eine keusche Liebesgeschichte macht die Runde in Gerüchten.
Ovale und Vargas verehren die „Lilie von Quito“, eine charismatische Mystikerin „spanisch-aristokratischer Herkunft“. Mariana de Parédes y Flores ließ sich von Jesuiten leiten. Sie verweigerte den Schlaf zugunsten der Buße. 1645 rang sie mit der Pest zu Quito. Die Seuche eiferte um die Wette mit einem Vulkanausbruch und einem Erdbeben. Die Lilie bat Gott, Quito zu beruhigen. Ein Blattschneider der Lilienzeit schreibt: „Mariana erkrankte bald nach ihrem Gebet, da schlich sich die Epidemie gebeugten Hauptes aus der Stadt. Das Erdbeben hatte ein Einsehen und der Vulkan sattelte auf Spucknapf um.“

Vargas steigt auf, bis zu den „Grenzen des ewigen Schnees“ im Zuge seiner Missionstätigkeit. Er führt „Entlaufene (aus Fiebertälern) zurück“, verstärkt vom „übernatürlichen Beistand“. Belegt ist Vargas` „Gabe der Sprachen, so dass die Indianer seine Predigten verstanden, obschon er spanisch zu ihnen redete“.
Vargas ist endlich Vertrauter des Bischofs von Lima. Ein Superjob mit hohem Stressfaktor. Immer noch kämpft die Kirche gegen solche Kolonisten, die Nicht-Weiße auf eine Stufe mit ihren Maultieren stellen. Das ist nicht nur eine Dünkelsache. Vargas setzt Bestimmungen zum Schutz „der Indianerfreiheit und der religiösen Rechte von Negersklaven“ durch. Er legt sich zu Verpesteten und erzählt ihnen von der hl. Rosa, bürgerlich Isabella Flores, die sich ihren Eltern widersetzte, indem sie sich zu dauerhafter Jungfräulichkeit entschloss. Sie stellte eine Hütte in den Garten der Eltern und geißelte sich da. Die Haut verbrannte sie sich mit ungelöschtem Kalk.
„Herr, vermehre mein Leiden, aber auch meine Liebe“, betete sie. Dem Hüttenbau folgte die Errichtung des Klosters „der Katharina von Siena“. Rosa ging in die Krankenpflege und starb als Heilige.
Kammschneider rühmt „die liebliche Gesichtsfarbe der Gesegneten.“ Sie rühre von Prozeduren mit der Rinde des „indianischen Pfeffers“.
„Als ihren Hauptfeind erkannte Rosa die ungeordnete Eigenliebe und erklärte ihr einen unerbittlichen Krieg. Demut, die vollkommene Verleugnung des eigenen Willens und kindlicher Gehorsam …“
Und so weiter.
„Da man Rosa mit Heiratsanträgen verfolgte, obwohl sie ihrem Heiland durch das Gelübde ewiger Keuschheit verlobt war (ja, verlobt steht hier) floh sie endlich in das Kloster der Dominikanerinnen.“
Die Rose von Lima, die Lilie von Quito, 1820 separierte sich unter Antonio José de Sucre und Simón Bolívar das nördliche Peru um Quito und fand Anschluss in Kolumbien, das Neu-Granada hieß und größer war als heute. Es entriss sich 1831 dem Bund und wurde Ecuador. Kammschneider: „Zu Ecuador gehört die merkwürdige Gruppe der Galapagosinseln, welche 1200 Kilometer von der Westküste entfernt unter dem Äquator liegt. Kegelberge schroffen, wo sie nicht ragen. Lava ist ihr Elixier, Kratern gehört ihre Leidenschaft. Krötige Viertonner geben der Gruppe ihren Namen.“
Willi (Sibelius) Blattschneider der Jüngere traf Charles Darwin in jenem von grüngrauen Wogen gekosten Gebiete. Der Geist von W.A. Cowley erwachte vom Mittagsschlaf und machte sich über die Kormorane vor Ort lustig, die ihre Flugfähigkeit verloren hatten, weil keine Feinde am Start waren.
„Wie kann man nur seine Flugfähigkeit aufgeben. Für mich ist das Faulheit und sonst gar nichts. Guckt euch die Gurkentruppe an, von denen ist doch einer hässlicher als der andere.“
Die Inselgruppe wurde von Bukaniers, Walfängern und Sträflingen genutzt.

Fünfunddreißig Jahre nach Alexander von Humboldt erreichte Julius Blattschneider im August 1837 den Fuß des Chimborazo. Er stieg ein ordentliches Stück den Berg hinauf, kein Ehrgeiz trieb ihn. Er war bloß gern allein guter Dinge.

Blattschneider meldet in seinen Aufzeichnungen „seit Menschengedenken untätige Feuerspeier“ in der Nachbarschaft des Chimborazo. Er schlug sein Lager in frischer Höhe auf, tief unter ihm weideten Lamas. Blattschneider widmete dem Mondschein das Gedicht „Oh Chimborazo“. Es wurde zu einem Klassiker der lateinamerikanischen Romantik. Als Blattschneider am nächsten Morgen talwärts ausschritt, sah er wie Vieh getriebene Frauen. Blattschneider fürchtete, sie könnten Ausgestoßene eines in Isolation inzüchtig gewordenen Stammes sein. Vielleicht hatten sie etwas Schreckliches getan oder eine Krankheit hatte es dem Häuptling zur Notwendigkeit gemacht, die Verworfenen von der gesunden Mehrheit zu entfernen.

Was, wenn Anthropophagen im Anmarsch waren? Der Bergsteiger beschloss, sich vor den Verstoßenen zu verbergen. Er wählte eine skulpturale Reihe von Steindauben zur Deckung. Die Dauben überstanden Dolme, die in ein natürliches Amphitheater gesetzt worden waren.

Die geschundenen Frauen erreichten vor ihren Aufsehern die neolithischen Artefakte. Die Aufseher befreiten sie bald von ihren Kuhstricken, Blattschneider verstand nicht warum. Er erwartete einen gefährlichen Blödsinn. Blattschneiders Erwartungen wurden übertroffen. „Nun tanzten die Männer gegen Bäume und Felsen, während ihre Gefährtinnen mit wachsender Expression im Kreis sich bewegten, zu den Aufforderungen einer Trommel.“

Blattschneider sieht den Sangay. Der Offenbacher erwartet einen Ausbruch des Cotopaxi. Ein Gletscher bemäntelt den Krater. Feuer und Schnee treffen auf unwahrscheinliche Weise zusammen.

Da ist ein Entdeckergefühl. Der Entdecker sieht etwas, das zum Alltag für Millionen gehört und fühlt sich von Gott persönlich angesprochen, weil er es auch sieht, so wie Blattschneider einen aktiven Vulkan on the rocks. Schon Alexander von Humboldt sah wie ein erdgeschichtlicher Hochofen rasend schnell seinen Krater vom Schnee befreite.
„In dunkelroter Gluth erhob sich die Feuersäule des aufsprühenden Schlackenregens zu gewaltiger Höhe. Der Berg empörte sich so furchtbar, dass man seine Beschwerde (im kolumbianischen) Honda vernahm“ – eine Entfernung von achthundert Kilometer in der Luftlinie.
Eine leichtfertige Bestellung von Feldern in gefährdeten Gebieten konnte hundert Jahre lang hinhauen, dann schoss von jetzt auf gleich glühender Auswurf die Hazienda zu Klump und Essig war es mit den „paradiesischen“ Myrtengärten und Orangenhainen.

7. September 2016

Hilfe, die Beamten kommen

Die Empörung gegen den indianerfreundlichen, königstreuen und administrativ ambitionierten Statthalter Blasco Núnez de Vela setzt Gonzalo Pizarro an die Spitze. Wir reden immer noch von der ersten und zweiten Einwanderergeneration – 1546 entscheidet sich die Angelegenheit zugunsten der Rebellen. Man enthauptet de Vela und nagelt seinen Kopf an einen Galgen. Ich erwähne das nur, um einen Begriff davon zu geben, mit wie viel Liebe zur Sache die Prozesse der Zivilisation in Pizarros Peru vorangetrieben werden.

Almagro, Pizarros größter Widersacher, unterliegt 1538 bei der Entscheidungsschlacht nicht zuletzt deshalb, weil sein bester Gefolgsmann, der normannische Edelmann Verlaine, genannt Longue Èpée, ihm in den Rücken fällt. Die Niederlage überlebt er nicht.
Pizarro stößt Almagros Testament um. Selbstherrlich setzt er die Krone als Alleinerbin ein, um unter der Hand die Werte einzustreichen und aufzuteilen unter den Komplizen. Verlaine verdient gut am Verrat. Er feiert auf der langen Bank im „Roten Ochsen“ zwischen dem einäugigen Francisco de Orellana, Guillaume de Conquérant und Gonzalo Pizarro. Alle bewundern die Schwertkunst des Normannen. Verlaines japanische Erzählungen sind unglaublich. Jeder liebt den Verräter. Keiner denkt, was doch jeder denken sollte: Wenn dieser Ritter Almagro zum aufgeschmissenen Mann gemacht hat, was haben wir dann zu erwarten?
Mit Hohn und Häme rückt man gegen Almagros Anhänger vor. Man vertreibt sie aus ihren Häusern, erniedrigt ihre Töchter, bestreicht die Veilchen vor ihren Türen mit Pisse. Pizarro immer vorneweg. Völlig enthemmt.
„Das machte sein Maß voll“, schreibt Blattschneider.
An einem Sonntag im Juni 1541 stürmen die Gedemütigten den Palast des Vizekönigs. Als es hart auf hart kommt, steht Picasso, genannt El Feo, zu seinem Herrn und geht mit in den Tod.
Doch wo steckt Verlaine? Während Pizarro stirbt, flutscht der Sauhund um die nächste Ecke. Seine Spur könnte sich verlieren.
Was habe ich euch gesagt. Man könne keinen Verräter von seiner Krankheit kurieren, behauptet Kammschneider in seinem überflüssigen Spätwerk.
Bereits das Frühwerk war überflüssig. Dazu äußerte ich mich zuletzt in einer Vollversammlung der Royal Geographical Society in London. Bei dieser Gelegenheit warnte dann noch Nihan Jiménez vor einer nationalististischen Unterwanderung des Hip Hop. Ich schweife kurz ab in eigener Sache. Der rechtsradikale Übergriff auf die Jugendkultur hat sich seinen eigenen Untergrund geschaffen. An den demokratischen Rändern brechen Leute Lanzen für reaktionäre Politiker. Dass man mit Hip Hop Rassismus transportieren kann … in London sahen wir die Ausstellung „Heimweh – Young German Art“ in die Galerie Haunch of Venison. Fascho-Symbole. Kruden Schnickschnack. Die Geschichte als Wurst im Darm von Hauptsache heftig. Die Galerie ist zum Ableger des Auktionshauses Christie’s geworden, vor der Tür standen Sechzigerjahre-Rolls-Royce-Coupés. Als einfacher Millionär verkörperte man den kleinen Mann. Unser Verbindungsmann, ein Hamburger Dennis, der sich Deniz nannte, lebte in No-Go-Bow. Es war klar, dass er uns für Poser hielt und sich für den Mann mit der Zugangsberechtigung für Realness. Er brachte uns ins Bett. Plötzlich war da kein Platz mehr. Man musste darauf achten, nicht über die Clubkante vor die Tür geschoben zu werden. Troubadoure spielten die Musik der Dhoad. Sie folgten einer Tradition vagabundierender Virtuosen, die Maharadscha-Heimstätten abgeklappert hatten wie in Europa Minnesänger auf Burgen vorstellig geworden waren. Als Magic Carpets nomadisierten sie mit zwei Tänzerinnen und einem Fakir. Der Fakir sah aus wie ein Mörder von Agatha Christie. Er schluckte Feuer, wälzte sich auf einem Scherbenbett bis zum blanken Grund und kratzte sich ausgiebig. Seine Fähigkeiten langweilten ihn offenbar. Vielleicht entstammte er einer Fakirfamilie und war vom Vater zur Ausübung seines Berufs gezwungen worden. Unverblümt brachten sich die Tänzerinnen animierend ins Spiel, die Sache hatte Methode. Wahrscheinlich war das Bett deshalb so voll.
Wir hörten ursprüngliche trance music; als unterhielten sich Grashüpfer.
„Lass uns zusammen eine Novelle* schreiben“, schlug ich vor. „Novelle ist als Gattungsbezeichnung ein echter Stutzer.“
Mir schwebte ein Abriss des Kulturkampfs gegen die von Max Pfeifer, Bert Papenfuß und Gerhard Falkner angeführten „Stimmenrauscher“ vor. Die Linksrassisten gehen uns seit Jahren auf die Nerven. Ich habe der gerechten Sache einen Schleimbeutel geopfert und fünf Tage im Krankenhaus verbracht. Zweifellos war das eine unerhörte Begebenheit.
*Denn was ist eine Novelle anderes als eine unerhörte Begebenheit – so auf den Punkt brachte Goethe die Novelle in einer von Eckermann 1827 festgehaltenen Bemerkung. Die Novelle ist eine Form der Neuzeit ohne antikes Vorbild. Sie verlangt das Ereignis von schicksalhafter Bedeutung als Neuigkeit. Attraktiv erscheint die Vorgabe deutschen Autoren nicht, 2012 erschienen siebzehn Titel, die als Novellen ausgewiesen waren.

Ihren Anfang hatte unsere unerhörte Begebenheit an einem Dezembertag genommen. Während ich meine Übungen im Schlosspark von Schönhausen mache, ich swinge zwischen Frankfurt und Berlin als Staatsratsvorsitzender von Textland, bemerke ich einen Mann im Zustand gereizter Geringschätzung. Er verlangt Aufmerksamkeit, er will als außerordentliche Erscheinung wahrgenommen werden. Da nimmt ein Blinder Maß, denke ich. Es hat Drohungen gegeben, sollte er es sein, den Worten Taten beizubringen. „Der Stimmenrausch“ ist ein lyrisches Rassismusprojekt u.a. von Max Pfeifer, dem für den Deutschen Literaturpreis nominierten Gerhard Falkner und Lawandorder-Bernd Kröll. Es richtet sich explizit gegen Jiménez, Zaimoglu und mich. In Elaboraten zwischen Gedicht und Manifest werden moralische Begründungen für die Gewalt gegen uns festgeschrieben. Wieder und wieder – wir haben es mit Besessenen zu tun. Beleidigungen paaren sich mit Belehrungen. Die Belehrungen erfüllen die Aufgabe, die Beleidigungen zu rechtfertigen. Es gibt die verdoppelte Stimmenrauschsuggestion: Wir wissen, wo eure Häuser wohnen. Wir kennen eure Tag und deine Wege. Das ist hyperpessimistischer Aktionismus. Foucault entwickelt den Begriff in einer Auseinandersetzung mit dem Terrorismus. Das passt, Stimmenrauscher lehnen den Rechtsstaat ab.

Zurückt zu Verlaine. Seine Spur verliert sich nicht, er ist dabei, als Spanier zum ersten Mal den Amazonas befahren. Der Fluss hat seinen Namen von den Amazonen. Die europäischen Stromer geraten an Kriegerinnen, denen unbedeutende Männer folgen.
„Sie imprägnieren ihre Klingen und Spitzen mit Gift“, schreibt Francisco de Orellana. „Sie stechen Frösche an und gewinnen so ihr Gift.“
Orellana steht in der Gunst des neuen Statthalters. Cristóbal Vaca de Castro ist vielmehr Beamter als Eroberer. Er wird in Spanien sterben, das sagt alles. Kein Pizarro schafft es vor einem gewaltsamen Tod bis in die alte Heimat.
Zu Castros Aufgaben zählt die Verfolgung des amtierenden Inka, der Mann heißt Cápac. Ihm ist es gelungen, Pizarro zu überleben. Vor dem Hintergrund eines beträchtlichen Verfolgungseifers war das nichts weniger als eine Kleinigkeit. Ferner verbessert Castro im Namen des Königs die Lage der ursprünglichen Bevölkerung. Das treibt Kolonisten auf Palmen. Castro sieht sich zur schroffen Durchsetzung der königlichen Verfügungen gezwungen. Die Empörung gegen den Neuen setzt Gonzalo Pizarro an die Spitze.
Als Führer des Siedleraufstands gegen den humanitären Quatsch der Regierung, der ferne König verlangt eine geregelte Behandlung der ursprünglichen Bevölkerung, tritt Gonzalo Pizarro aus dem Schatten ins Licht der Geschichte. Castro wird in Ketten abberufen, keine Sorge, das ist ständige Praxis und ändert daran nichts, dass Castro hoch geachtet stirbt, es übernimmt Blasco Núnez de Vela. Der Vizekönig verzockt sich, die Sympathien der spanischen Siedler (wir reden immer noch von der ersten und zweiten Einwanderergeneration) gewinnt er nicht. 1546 entscheidet sich die Angelegenheit zugunsten der Rebellen. Man enthauptet Vela und nagelt seinen Kopf an einen Galgen. Ich erwähne das lediglich, um einen Begriff davon zu geben, mit wie viel Liebe zur Sache die Prozesse der Zivilisation in Pizarros Peru vorangetrieben werden.
Das Altreich steht unter Druck. Die Kräfte der Krone werden von den Türken gebunden, Byzanz ist Geschichte, das Osmanische Reich übernimmt die Rolle des Bedrängers der Christen in Europa. Kaiser Karl V. (König von Spanien) regt eine neue Reconquista an. Sein Konzept ignoriert den osmanischen Ansatz. Süleyman der Prächtige treibt kein „türkisches“ Heer nach Westen. Vielmehr sammelt er und gliedert ein, wer immer ihm über den Weg durch Europa läuft. Balkanvölker stellen Verbände, um die Vorherrschaft in ihren Gebieten zu erlangen. Man muss nicht Muslim sein, um mitmachen zu dürfen. So vermeidet der Padischah Feldzügen immanente Widrigkeiten.
Karl ist nicht so modern.

Wie führt man ein empörtes Reich zum Gehorsam zurück? Der Kaiser schickt Pedro de la Gasca in sein Vizekönigtum Peru. G. Pizarros neuer Gegenspieler ist Jurist, Soldat, Theologe, zum Priester geweiht. Das Zerschlagen von Aufständen liegt ihm. Schon als Student hat er sich als handfester Royalist bewährt.
„Als Valencia von Korsaren angegriffen wurde, rettete seine Umsicht die Stadt.“
Hervorgehoben wird, dass Gasca für seine schwierige Sendung keinen Titel fordert, anders als von Kolumbus bis Pizarro jeder „Entdecker“. Er fällt als Priester in Peru ein und droht mit einem Buch. Gasca verkleidet seine Härte mit Stola und Soutane.
Es gibt eine abschätzig auf Gasca gemünzte Bemerkung von Figo de Cervantes, der damals den Isthmus von Panama im Griff hatte und Befehlshaber von Nombre de Dios war, wo die Beute aus den Silberbergwerken alljährlich verschifft wurde. (Die Silberzüge starteten u.a. an einer Stelle, die Pobre Diablo – Armer Teufel hieß. Spanier vernichteten Einheimische mit Arbeit. Afrikaner ersetzten die Zerschundenen.) Cervantes meinte, der Gesandte des Königs sei ein Witz, den er Gonzalo Pizarro nicht vorenthalten könne.
G. Pizarro macht den Vizekönig, bleibt alles in der Familie. Auch Diego de Almagro, Sohn des ermordeten Diego de Almagro, setzt als Rivale eine Familientradition fort. Alles wie gehabt in geringfügig variierter personeller Konstellation. Das geht dann noch zwei, drei Generationen so und schon ist man eine ganz alte, hoch dekorierte Dynastie. Man braucht oft nur einen potenten Totschläger am Anfang und am Ende ist man so verfeinert, dass Umgang mit Normalsterblichen nicht mehr möglich ist. Dann lebt man mit einem Taschentuch vor der Nase und sieht aus wie der späte Michael Jackson.
Gasca gewinnt Leute mit dem Gewicht seiner Gründe, sagt die Legende. Der Glaube sei seine Stärke.
Pizarro bietet Gasca Geld für Passivität. Über die Summe müssen wir nicht streiten, zwei oder drei Millionen, das sind im 16. Jahrhundert Oligarchenpeanuts.
„Gasca brachte mit seinen Briefen und Gesandten die Städte Quito, Cuzco und Lima zum Gehorsam.“
Mit seinen Briefen und Büchern. Was kommt als nächstes? Mit Tanz und Gesang? Weihrauch und Myrrhe? Ich gehe zu Bett mit der Vorstellung, in Wahrheit hebt Gasca Truppen aus und zwingt die Bürgermeister auf die Knie. Ich wache mit der Vorstellung habe, es ist so (gewesen) wie Blattschneider schreibt. Gasca schickt Briefe und Abgeordnete herum. Er macht nachrangigen Bestimmern die Konsequenzen ihres Ungehorsams klar. Er feilscht für eine gute Sache. Er nimmt die Erklärungen der Königstreuen entgegen. Auf einer Seereise überfällt ihn ein Orkan, der Kapitän will wenden, Gasca sagt schlicht: „Zu sterben bin ich bereit, nicht aber umzukehren.“
Eine Quelle paart „unglücklich“ – das Gefecht verlief unglücklich – mit „unentmutigt“.
Anfang April 1548 treffen sich Truppen bei Xaquixaguana. Gasca betet das feindliche Heer nieder. Es ergibt sich den frommen Wünschen eines zukünftigen Bischofs. Ich wollte das erst auch nicht glauben. Pizarro hat bis dahin so viele richtige Personalentscheidungen gefällt. Nun ist er im Eimer.
Die Überläufer werfen sich vor dem neuen Vizekönig in den Dreck.
„Das war ein erbärmlicher Anblick“, schreibt Verlaine. Zum ersten Mal hängt er seine Fahne nicht in den Wind.
„Pizarros Getreue zerstreuten sich“, heißt es bei Blattschneider.
Verlaine: „Am Ende waren wir sieben Mann, nicht mehr als eine Bande, die man irgendwo hängen würde.“
Der Plural schloss ihn aus. Verlaine aka Ritter Longue Èpée überliefert weiter: „Er (Gonzalo Pizarro, immerhin Vizekönig von eigenen Gnaden) fragte mich, was zu tun sei. Ich entgegnete: Lasst uns sterben wie die Römer.“
Pizarro findet sich dazu nicht bereit. Er ergibt sich Gasca nach Tages des Herumirrens. Vogelfrei nach Jahrzehnten der Selbstherrlichkeit.
Es heißt, Pizarro ergibt sich Gasca. In Wahrheit greift man ihn auf. Nicht an. Der alte Sack ist so zermürbt, dass man ihn einpacken kann. Man berührt sein Pferd am Hals, übernimmt die Zügel. Verlaine guckt sich das aus sicherer Entfernung an. Er denkt, erledigt sich doch alles von selbst.
Ja, wo Aas ist, da sind auch Geier und dienen der Hygiene. Gonzalo P. ist der letzte Konquistador. Mit ihm endet ein Lebensstil auf dem Schafott neuer Ansichten.
„Ihr Werk war Frevel“, schreibt Blattschneider. Er meint die zwei Generationen anmaßender Schweinehirten, deren kleinadeligen Väter Mägde zu ihren Müttern bestimmt hatten. In Spanien chancenlos, waren sie über „Westindien“ hergefallen, um einen Kontinent zu pflügen.
Gonzalo Pizarro kennt die Höllen auf Erden, er fürchtet sich nicht. Der Tod kommt als Erlösung.
„Ihm war die Kraft ausgegangen“, schreibt Verlaine. Pizarro sei dem Priester (Gasca) dankbar für die Abkürzung gewesen.“
Gonzalo Pizarro glaubte wenig an den Himmel. Er bezweifelte, dass die Missachtung des Menschen durch den Menschen mit einer Aufsicht verbunden ist.

1. September 2016

More Danico

Kaiser Karl V. verfügt die Aufteilung des überseeischen Vizekönigreichs. Im Norden soll Pizarro Neu-Kastilien ausbeuten so wie im Süden Almagro Neu-Toledo. In jedem Fall garantiert der Fürst die Erblichkeit der Ansprüche seiner Gouverneure/Vizekönige. Doch „die alten Waffenbrüder nahmen sich kein Vorbild am guten Willen ihres Herrn. Sie wollten im Streit sterben.“ (Sibelius Blattschneider) Almagro vergrößert seine Flotte und die Zahl seiner Männer. Pizarro gerät ins Hintertreffen. Der Vorsprung kostet Almagro ein Vermögen. Er träumt den Doctornotraum von der Weltherrschaft. Er schmiedet ein Bündnis mit einem französischen Abenteurer von zweifelhaften Adel. Verlaine hat ein normannisches Erbe.

Führende Wikinger, die sich vor dem Jahr Tausend in Westeuropa festgesetzt hatten und da zu Christen und Grafen geworden waren, durften sich ihrer Verpflichtung zur Polygynie noch lange nicht entledigen. „Nach dänischer Sitte“ (more danico) waren Söhne aus Friedelschaften den Söhnen der für die Fortsetzung der Dynastie wichtigsten Frau gleichgestellt. – Und auch wieder nicht. Man konnte glänzende Vorfahren haben und doch nur ein Tramp der Welt sein. Verlaine trägt den Beinamen Longue Èpée – Langschwert. Er ist der erste Mann auf dem Mond Amerika, der zwei Schwerter nach dem Bushido* führt.
-*Japanischer Weg des Kriegers –

Verlaine kennt Japan im Jahr 1535! Der erste verbürgte Kontakt zwischen Japanern und Barbaren fand 1543 statt. Japaner unterschieden die Barbaren (Europäer) zunächst nur nach Himmelsrichtungen. Die Portugiesen, die von Magellans Entdeckung der Estreito de Todos los Santos (Allerheiligenstraße) an einer Südspitze profitierten, waren Südbarbaren und wurden keine hundert Jahre später aus dem Land gejagt. Wie Longue Èpée als erster Barbar Japan erreichte, ist eine Geschichte für sich.

Kaiser Karl V. verfügt die Aufteilung des überseeischen Vizekönigreichs. Im Norden soll Pizarro Neu-Kastilien ausbeuten so wie im Süden Almagro Neu-Toledo. In jedem Fall garantiert der Fürst die Erblichkeit der Ansprüche seiner Gouverneure/Vizekönige. „Die alten Waffenbrüder“ schreibt Blattschneider „nahmen sich kein Vorbild am guten Willen ihres Herrn. Sie wollten im Streit sterben.“
Sie gestatten sich keine Einigkeit bei der Feststellung des Grenzverlaufs. Pizarro will Cuzco als Hauptstadt für sich. Wie die Germanen nach Seneca, findet er es schmählich, mit Schweiß und guten Worten zu erringen, was sich leichter noch mit Blutvergießen einrichten lässt. Pizarro hat Staaten in den Staub getreten.

Am 12. Juni 1535 beißt die Hitze den ganzen Tag. Longue Èpée putzt sich die Stiefel diskret am Vorhang. Die Geräusche des Hofes sind gedämpft. Man erwartet einen Aufstand. Der amtierende Inka hat sein Volk zu den Waffen gerufen. In einer Ansprache sagte er: „Ich kenne keine Partei mehr. Ich kenne nur noch Peruaner. Darum auf zu den Waffen. Jedes Zögern, jedes Zagen wäre Verrat am Vaterlande.“

So ungefähr. Verlaine hat nur mit einem Ohr hingehört, während seine Aufmerksamkeit von der Fingerfertigkeit einer Kosmetikerin gefangen genommen wurde. Angeblich befiehlt der Kazike zweihunderttausend Mann.
Verlaine kontrolliert den Zustand der Nägel. Tadellos ist Dreck dagegen. In diesem Augenblick gerät das Regierungspräsidium unter Brandpfeilbeschuss. Die Pfeile schaden kaum, da eine Feuerwehr an Ort und Stelle etabliert ist. Es müsste noch in der Nachbarschaft gelöscht werden.
„Dürfen wir Leben retten?“ fragt der Feuerwehrhauptmann.
„Sonst noch was?“ fragt Pizarro angewidert zurück.

Zum ersten Mal findet eine Belagerung der Spanier statt. Nach fünf Monaten geht den Peruanern der Proviant aus. Doch gibt es Neuigkeiten an der Opferzahlenfront. Nun heißt es nicht mehr: „Zweitausend Tote, aber von uns war wieder keiner dabei.“
In Lima sterben siebenhundert Kolonisten, das ist herb. Als Verlust von Funktionsträgern. Blattschneider unübertroffen: „Obschon natürlich mehr als zehnmal so viele Indianer fielen.“
Zu den Relationen: Ein Adelantado verpflichtet sich gegenüber dem König für die Krone ein Land gegen den Strich zu bürsten, den fünften Teil der Beute abzudrücken und, darauf will ich gerade hinaus, zwei Siedlungen mit je hundert „Weißen“ zu gründen. Ich versuche es noch mal anders: Es gibt rund vierzig Jahre nach Kolumbus‘ „Entdeckung“ so viele Weiße in den Anden, dass man sie in einer Kleinstadt konzentrieren könnte.

Pizarro und Almagro streiten weiter um Cuzco. Sie streiten mit der Halsstarrigkeit (geistigen Unbeweglichkeit) greiser Anführer. Jeder konnte zu oft seinen Willen durchsetzen und nach Gutdünken über Menschen verfügen. Almargo hat eine fehlgeschlagene Expedition hinter sich, ihm platzt der Kragen. In der Nacht vom 8. auf den 9. April 1537 überrumpelt er im Verein mit Verlaine und einem Dutzend Gedungener die Pizarrobrüder Gonzalo und Fernando in einem Gewölbekeller des Reuerinnenklosters. Die Schergen fassen die Brüder in Gesellschaft zockender Nonnen, Almagro glaubt, mit einem Handstreich den Streit entschieden zu haben. Er hat schon vorher falsch gelegen als ewiger Zweiter im Wettbewerb mit Pizarro.

Als der normannische Ritter Verlaine, genannt Longue Èpée, in Peru 1535 die Sache eines Verlierers vertrat, kannte außer ihm kein Europäer japanische Gepflogenheiten. Er hatte sich einem Fürsten gegenüber einsichtig und geschickt gezeigt, einen federnden Kampfstil adaptiert und im Gegenzug den Fürsten und seine Elite an der Arkebuse geschult. Sein Gastgeber, Daimyo Takeda Nobutora, fand die Waffe nicht ehrenhaft, doch nützlich. Ein Ding für die Infanterie – so dachte man damals als japanischer Aristokrat. Zweihundert Jahre später gab es in Japan ein singuläres Ereignis: das Verbot von Feuerwaffen. Meines Wissens bietet dieser Vorgang das einzige Beispiel einer dem Verkehr entzogenen Technik, die bereits effektiv eingesetzt wurde. In den Jahren des Einsatzes hatte man auf die Fitness der Schützen mit speziellen Übungen zumal zur Bewältigung des grandiosen Rückstoßes einwirkt; so wie alles vermessen, ritualisiert, verschult wurde.
Japan hatte das deutsche Problem. Es zerfiel in lauter Fürstentümern. Reichseinigkeit tat Not. Verlaine unterrichtete Takedas Söhne, vor allem den pubertierenden Shingen, dem noch eine wesentliche Rolle in Richtung Zentralisierung der Staatsgewalt zukommen sollte. Nun dient Verlaine dem „Vizekönig“ Diego de Almagro el Viejo. Ich zeige ihn euch an einem sonnigen Sonntagmorgen, er hat gut geschlafen und genießt ein Fußbad und das Handwerk seines Masseurs Eduardo Deuser. In Palastverließen dösen Gonzalo und Hernando Pizarro. Almargos größter Widersacher, Franz Pizarro, spielt sich als seiner Halbbrüder Hüter auf, er fordert ihre bedingungslose Freilassung.
Almargo verlangt Cuzco als Preis für die Brüder.
„Verzieh dich nach Lima, dann schick ich dir die Kretins nach.“
Interessant sind die Unterbrechungen der Handfestigkeiten in Begegnungen am runden Tisch. Schiedsrichter Guillaume de Conquérant empfiehlt den Einsatz eines Lotsen. Dieser soll eine Gradmessung vornehmen, um herauszufinden, zu welcher Statthalterei Cuzco gehört.
Mich erinnert die Mischung aus Meucheln und Mauscheln an das Verhalten der Eichhörnchen. Das erscheint planlos und von jedem Wind und Halm beeinflussbar. Von höherer Warte wirkt menschliches Verhalten gewiss genauso hin- und hergestoßen. Sklaven servieren Kaffee und Gebäck, die Luft zirkuliert angenehm.
Guillaume de Conquérant stammt aus dem Geschlecht der Grafen von Rouen. Er wurde als Bastard geboren und so auch gerufen. Einen seiner Ahnen, Wilhelm der Eroberer, traf bei Hastings 1066 der Ruhm. Er sei im Alter beleibt gewesen, aber nicht behäbig geworden, sagt man dem normannischen Jarl nach, der es auf dem Schlachtfeld zum König von England brachte. Sein Anspruch auf den Thron war dürftig befestigt. Schon die Bestellung zum Herzog der Normandie war schwer zu begründen gewesen. Sein Vater war zwar wer gewesen als „großartiger“ Robert (le Magnifique), doch die Mutter ließ zu wünschen übrig. Schon vor jenem Guillaume galten normannische Herzöge und Grafen als Männer sans peur – ohne Furcht.
Verlaine lebt im Überfluss. Männer seines Schlages sind selten und Machthabern unentbehrlich. Man muss jemand losschicken können, der gern und gekonnt grob wird. Ohne deshalb gleich aus der Fasson zu geraten.
Man könnte einen Lehrberuf daraus machen, Berufsschulen einschalten, Volkshochschulkurse anbieten.
Verlaine vernimmt Pizarros Gereiztheit im Vestibül. Im Keller liegt die bucklige Verwandtschaft auf Eis, das treibt den Kleinkönig zur Raserei. Hinter Pizarro steht der alte Leibwächter Picasso. Ihm tun die Knie weh, er spürt das Wetter in den Knochen.
Seefahrt macht gichtig. Alle haben zu viel Magensäure und Heimweh nach einem spanisch-heimatlichen Schweinekoben, den Ferne verklärt.
Guillaume de Conquérants Vorschlag findet breite Zustimmung, ein Lotse soll kommen. Jemand brüllt den Befehl in die Gegend, Verlaine fühlt sich nicht angesprochen. Am Ende vom Lied werden die Verhandlungen vertagt und – deshalb mache ich mir die Mühe, euch das zu erzählen – Almargo gibt seine Trümpfe ohne Gegenleistung aus der Hand.
Ein Treppenwitz der Weltgeschichte. Er lässt die Pizarrobrüder holen, bietet ihnen eine Flasche Wein zum Ersatz entgangener Freuden an und sieht zu, wie sie mit ihrem großen Bruder Franz abziehen.

Der Hass könnte so oder so nicht größer sein. Pizarro hasst Almargo. Pizarro war jahrelang seinem „Waffenbruder“ (Sibelius Blattschneider) immer einen Schritt voraus. Er hatte das Cortés-Konzept kapiert. Marschiere ein, schnapp dir den Chef der Chefs und erklär ihn zur Geisel. So kann man ein mannschaftliches Gefälle von 1:5000 ausgleichen. Cortés hatte seinen Moctezuma, Pizarro hielt sich an Atahualpa. Almagro ging leer aus.
Willi Kammschneider, auch Cornelius K., schreibt unverdrossen: „Almagro bot sich die historische Großchance nicht, die ein Pizarro so vollendet zu nutzen gewusst hatte.“
Almagro steht in Feldherrenpose am Panoramafenster seines Salons, der runde Tisch verwaist in seinem Rücken, und schwelgt in der Illusion, seine Verhandlungsposition nicht bis in einen Abgrund geschwächt zu haben. Verlaine ist sofort klar, was die Stunde geschlagen hat.
„Ich verließ den Palast plötzlich“, meldet er in seinen Aufzeichnungen. „Mir war bewusst, dass mein Herr vom Leben bereits geschieden war.“
Verlaine reitet aus der Stadt, er folgt seinem Instinkt und kommt richtig an bei den Pizarros.
„Wie kann man nur so blöd sein?“
Francisco P. stellt die Frage dem willkommenen Neuzugang im Hinblick auf Almagro. Verlaine leiht seiner Verachtung keinen Wimpel, schließlich hat er in Japan studiert. Er wendet sein Pferd und reitet mit den Daltons zur Entscheidungsschlacht gen Las Salinas. Die Auseinandersetzung datiert auf den 26. April 1538 und endet mit Almagros Niederlage.
Blattschneider schreibt: „Die Rache der Pizarros forderte sein Blut.“

25. August 2016

Die Ermordung Atahualpas und ihre Folgen

Die katholische Kirche betrachtet die lokale Bevölkerung als gente sin razón – Entrechtung via Rechtsprechung. Aus einer Verbindung zwischen einheimisch und afrikanisch geht der „Zambo“, aus der Verbindung von spanisch-indigen und indigen-indigen ein „Coyote“ hervor. „Blutreinheit“ ist ein spanischer Leitbegriff. Die Vergewaltiger verachten die Kinder der Vergewaltigten.

Picasso war niemand in der Alten Welt. Jetzt ist er Hauptmann mit dem Privileg, Pizarros Abschirmung organisieren zu dürfen. Wird einer auch nur laut in der Gesellschaft des Granden, immerhin ist Pizarro lebenslänglich Gouverneur von allem, was den Spaniern schon in die Hände gefallen ist, antwortet Picasso gewissenhaft mit dem Schwert.

Diego de Almagro el Viejo wurde als Ausgestoßener geboren. Seine Mutter war ledige Magd, schlechter kann man nicht starten. Vielleicht doch. Almagro, der weiß, was ein Stigma ist, hat sich einen Killer von abstoßender Erscheinung herangezogen. Giacomo kam mit einer Fehlbildung zur Welt. Man glaubte, der Teufel habe den Knaben geküsst, selbst die Verworfensten in den Subkulturen der Häfen mieden Giacomo mit seinem Wolfsrachen.
Die ursprüngliche Bevölkerung der Neuen Welt stößt sich nicht an Giacomo. Kein „Wilder“ erschrickt vor ihm. Giacomo hat nur den Ekel und die Gemeinheit der eigenen Leute gegen sich. Das verbittert. Der tierisch behaarte, gebrandmarkte und außerdem entstellte Flügelmann des Gouverneurs verstand Giacomos Not besser als Almagro einem Nutzen zuzuführen. Picasso drehte den Verdammten um, er machte ihn zu seinem persönlichen Gefolgsmann. Oh Heimtücke.

Almagro baut sich vor Pizarro auf, blind vertraut er dem Mann an seiner Seite. Da steht Giacomo wie ganz und gar nicht von dieser Welt.
In Amerika ist Giacomo zum Casanova geworden. Er hat heute noch eine Verabredung.
Pizarro besitzt die Machtvollkommenheit eines Königs. Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, Widerstand im Keim zu ersticken. Er schließt einen Nasenflügel und schießt die Ladung aus dem offenen Rohr. Das hat er geübt. Das kann er.
Der kann dir punktgenau vor die Füße aulen seit seinem siebten Lebensjahr.
Pizarro ist so illegitim wie Almagro. Darüber zerreißt sich der elendste Stallbursche das Maul. Das ist was Schlimmes: unehelich geboren zu sein. Zwei unehelich geborene, rasend ehrgeizige, von Skrupeln befreite Banditen im Staatsdienst haben ihr Treffen in der belagerten Hochland-Kapitale Cajamarca. Pizarros Rotz trocknet auf einer Stiefelspitze. Almagro hält es für angebracht, die Demütigung zu übersehen.
Ist doch nichts passiert.
Es sieht so aus, als stünden sich auf der Stellvertreterebene Giacomo und Picasso gegenüber. Hinter den Elitekampfhähnen füllen Parteigänger den Platz, wo sonst immer Kopfball (Fußball mit Köpfen) gespielt wird. Die Köpfe stammen von Hälsen der Saison. Sie kommen in Weidenkörben aufs Feld. Steht so in den Spielregeln.
Pizarro nennt Almagro einen Bastard und hijo de puta.
Das ist zwar geschmacklos, funktioniert aber. Almagro entblößt seinen Zorn und wird vom eigenen Leibwächter festgenommen. Man sperrt ihn in einen Tempel zu „erwählten Jungfrauen“. Was es mit dem Tempel auf sich hat, erzähle ich später. Ich habe den Verlauf der Auseinandersetzung in abgekürzter Schilderung wiedergegeben und das Blut nicht erwähnt, das floss im Streit der Parteien. Pizarro behält die Oberhand mit Straßenkampfmethoden. Er denkt, was alle denken. Wenn es reicht, einen Mann zu reizen, um ihn zu einem Fehler zu überreden, dann taugt der Mann nichts.
Drei Tage später lässt Pizarro den bis auf die Knochen blamierten Vize frei und schickt Almagro als Emissär nach Quito.
Fast alle Expeditionsteilnehmer kommen in rascher Folge ums Leben. Nachdem ihnen das Unwahrscheinlichste gelungen ist, die Vernichtung der Inka-Streitmacht ohne Verluste, rutschen die Männer auf Bananenschalen aus und brechen sich das Genick beim Turnen auf der Matte. Zweifellos sind sie verflucht.
Giacomos Verrat erscheint lässlich. Jeder ist Söldner. Loyalität ist eine Frage des Preises und der Attraktivität des Arbeitgebers.
Die „Eroberer“ müssen ihre Ausflüge selbst finanzieren. Pizarro und seine Brüder sind Verpflichtungen eingegangen, während ihre Haudegen und Laufburschen ohne Besitz und Belastungen an Land kamen. Die hatten ein Schwert, ein Schild und ihre Badehose als Gepäck.
Nun haben sie sehr viel mehr. In der Zivilisation würde die Nachfrage Angebote schaffen und Hurenhäuser wie Pilze aus dem Boden schießen lassen. In der Wildnis heißt es aber nur: money for nothing and chicks for free.
Almagros Gefolge durchstreift altes Siedlungsland. In den Dörfern herrschen Kaziken, Politik ist Markgeschehen. Man trifft sich in der Mitte zwischen Rummel und Wochenmarkt. Die Allgewalt Atahualpas wird abstrakt.
Das sind andere Leute als in Cajamarca, denkt Almagro. Er vermutet ein Inka-Gegenreich, eine andere Großmacht in der Gegend von Quito.
Atahualpas eingeengte Lage wirkt sich aus. Ein Inka-General bedrängt selbstermächtigt die lokalen Herrscher, er reagiert auf ein Machtvakuum. Almagro rekrutiert Hilfstruppen und sucht das Gespräch mit Sebastián de Belalcázar, der eine Vorhut angeführt hat, die immer wieder in Scharmützel verwickelt wurde.

Schon spekulieren alte Kaufmannsfamilien auf amerikanische Gewinne. Sie rüsten militärisch gestraffte Expeditionen aus. Das Kommando übertragen sie nur ihnen rechenschaftspflichtigen Feldhauptleuten. In der Regie dieser Vasallen spielen hoheitliche Maßnahmen keine Rolle. Ihre Interessen kollidieren mit den Interessen der Konquistadoren, die offiziell für Gott und Vaterland antreten.

Protestantismus ist ein weiterer Reizpunkt. Amerika bietet sich zur ungehemmten, nicht staatlich gesteuerten Religionsausübung an. Nicht mit uns, sagt die Inquisition und zieht ihre Kreise. Sie etabliert sich in Lima. Die katholische Kirche betrachtet die lokale Bevölkerung als gente sin razón – Entrechtung via Rechtsprechung. Ein Kastensystem sichert die institutionalisierte Diskriminierung. Aus einer Verbindung zwischen einheimisch und afrikanisch geht der „Zambo“, aus der Verbindung von spanisch-indigen und indigen-indigen ein „Coyote“ hervor. „Blutreinheit“ ist ein spanischer Leitbegriff. Die Vergewaltiger verachten die Kinder der Vergewaltigten. Sie schließen sie aus der gesellschaftlichen Mitte und verwalten ihre Kriterien willkürlich.

Die Ermordung Atahualpas löst das Inkareich auf. Pizarro setzt ein Kind auf den Thron, das rasch zu Schaden kommt und für die Farce nicht mehr zur Verfügung steht. Die Entdecker ziehen eine Blutspur durch Peru, sie foltern jeden Kaziken. Sie erreichen Euzco „ohne nennenswerten Widerstand anzutreffen“. (Jefferson Blattschneider in „Amerikanische Abenteuer“.

Pizarro lässt Inkagräber öffnen (entweihen). Er gibt Euzco das Gepräge einer spanischen Stadt. Belverde macht den Bischof. Er verwandelt die Häuser der Sonnenjungfrauen in Klöster und spendiert die Villen der Inka-Aristokratie spanischen Glücksrittern, die darin mit ihren Pferden hausen. Später zieht die Bande nach Lima um. Die Stadt entstand als spanische Gründung in der Konsequenz verkehrstechnischer Entscheidungen und strategischer Überlegungen.

Die Spanier stehen immer kurz vor Bürgerkrieg. Es sei schwer, Leute, die dauernd kämpfen, für zivile Lösungen einzunehmen, schreibt der Bischof dem Sinn nach in seinen Erinnerungen. Das klingt lapidar. Ein Delegierter der Cortés-Fraktion kommt mit zweihundertsiebenundzwanzig Reitern und zweihundertzwölf Fußgängern an und will Belalcázars Schnapp kassieren.

Der Cortés-Kumpel heißt Alvarado, ich finde die schöne Formulierung: „Das Unvernünftige seines Beginnens einsehend“, suchte Pedro de Alvarado bald die Verständigung mit dem Kollegen im gegnerischen Führungsstab. Das ist natürlich eine vom Wunschdenken gezeugte Fabel. Den „Eroberern“ erscheint Gewalt vernünftig – und gerechtfertigt, da man im Akkord Heiden von der ewigen Verdammnis bewahrt. Der verstockteste Götzendiener bettelt auf dem Scheiterhaufen um Erdrosslung. Für den gnädigen Tod muss allerdings etwas getan werden. Nach vollzogener Bekehrung wischt sich der Seelenführer den Schweiß von der Stirn. Das war mal wieder knapp, denkt er. Der arme Teufel hing schon halb in der Hölle.

17. August 2016

Hessenmeister

Adlerfront

Der Genuese Picasso Planterra aka Jerónimo Caballo Famoso ist als Pizarros Flügelmann dabei, als der Inka Atahualpa den Gott der Christen schmäht, indem er eine Bibel in den Staub stürzt. Pizarro macht den Kaziken in einem Blutbad zu seinem Gefangenen.

„Der Festgesetzte bewies Gelassenheit“, schreibt Picasso. „Unsere Reiter setzten den Fliehenden nach, bis die Nacht keine Verfolgung mehr erlaubte. Zweitausend waren tot, doch unter den Toten war keiner von uns.“

Atahualpas Arrestierung glückt Pizarro im Herbst 1531. Er leint den Mann an, dem ein Volk hündisch gehorcht. Eine hochgezogene Herrscherbraue und alles fiebt und zittert. Die Peruaner fürchten Atahualpa wie einen blutsaufenden Gott. In den „Prozessen der Zivilisation“ klassifiziert Norbert Elias Machthunger und Gewalt als Motoren des Fortschritts. Zur Kuriosa kolonialer Vergewaltigungspolitik gehört, den lokalen Königen zu wenig Schliff und zu viel plumpes Kopfab in der Staatsführung vorzuhalten.

Pizarro weiß, dass Arrest die gottkönigliche Autorität Atahualpas untergräbt, das Phänomen kennt man aus Mexiko. Moctezuma hielt Cortés für einen Altvorderen. Das erklärt seine Kooperationsbereitschaft, die in Gefügigkeit mündete und den Tod zur Folge hatte. Seine Untertanen nahmen einem Unfreien die Göttlichkeit nicht ab, Moctezuma wurde gesteinigt.
Er hatte in seinem größten Feind einen Opa gesehen. So verträumt ist Atahualpa nicht. Der Inka rechnet den Zwischenfall, was für ein Wort für das Desaster, man erkennt den Diplomaten, die exzellente Ausbildung und Vorbereitung für das höchste Amt, zum Kriegsgeschick.
Atahualpa geht mit großem Gefolge in Gefangenschaft, er kann sich nicht einmal die Nägel selbst kürzen. Er betreibt seinen Freikauf. Gleichzeitig steht eine athletische Armee zu Atahualpas Befreiung bereit – die Adlerfront. Vor den Toren der Residenzstadt Cajamarcas warten hünenhafte Hochländer, die sich beweisen wollen. Sie laufen dreißig Kilometer vor dem Frühstück und spielen dann noch drei Stunden faserrissfrei Fußball mit den Köpfen ihrer Feinde.
Der Inka hatte sich strategisch nach Cajamarca zurückgezogen, um „die Eroberer“ zu isolieren. Der letzte koloniale Außenposten liegt tausend Meilen hinter Pizarro.
Atahualpas mannschaftliche Überlegenheit ist erdrückend. Die Hooligans des Königs rasieren sich gegenseitig die Schädel mit ihren Streitäxten. Sie warten auf ein Zeichen des gefangenen Gottes.
Zählt man das lahmende Fußvolk bis zum letzten Stümper mit, dann hat Pizarro keine zweihundert Mann, Spanier, Italiener, Portugiesen, Franzosen, Staatenlose, Entlaufene, Freigelassene, Schulabbrecher, Perverse, Stimmenrauscher, Inkontinente, Indiskutable. Süchtige. Dealer. Ein Volkssturm und letztes Aufgebot. Leute, die an ihre Helme Stützräder montiert haben …
Picasso: „Atahualpa hätte uns jeden Tag zermalmen lassen können.“ Dies bei angenehmen Temperaturen. Mit Thermalbädern in Ausflugweite.
Atahualpa befiehlt den Angriff nicht, er veranlasst die Verwandlung eines Zimmers in eine Schatzkammer.
„Der Raum maß zweiundzwanzig Fuß in der Länge und siebzehn in der Breite. Unser Längster erreichte mit ausgestrecktem Arm die Decke nicht.“
Das ist reine Angabe. Pizarro hat als Lösegeld nur verlangt, den Boden mit Gold zu belegen. Da streckte sich der Inka zur Decke und sagte von oben herab:
„Ich mach Euch die Bude voll mit Tempelgold.“

Ein Volk sucht die Nähe zu seinem Gott. Familien streben Cajamarca in einer sternförmigen Prozession entgegen. Die Pilger besetzen die Anhöhen vor der Stadt – in Erwartung einer Offenbarung.
Die Opposition macht ihre Angebote. Töte Atahualpa und wir legen noch was auf den Haufen. Atahualpa hat seinen Bruder Huàscar auf dem unbelasteten Gewissen, die abgehalfterten Profiteure des Huàscar-Regimes trennten sich nicht gern von ihren Pfründen.
Die peruanische Nomenklatura sucht die Konfrontation. Das interessiert Pizarro wenig. Zu den Aufgaben eines Eroberers gehören die Gründung von Siedlungen, die Christianisierung und Versklavung der Einheimischen so wie der Raub von allem Wertvollen.
Pizarro hat also andere Sorgen. Tag und Nacht brennen Feuer auf den Hügeln vor der Stadt. Immer mehr Königstreue treffen ein. Nur Atahualpas Autorität gebietet ihnen Zurückhaltung. Ihre Aufstandsbereitschaft ist aber eine Totalität.
„Die Anspannung löste ein Fieber unter den Christen aus.“
Atahualpa prahlt und buckelt vor seinem Bezwinger. Er bietet Pizarro alles an, so wie er an Pizarros Stelle von einem Unterlegenen alles nehmen würde. Er kriegt noch ein Problem, da Almagro mit der Nachhut aufkreuzt.
Zweihundert Verkrätzte zu Pferde. Leute mit schlechter Laune, schlechten Manieren und fürchterlichen Ausschlägen. Längst ist Cajamarca zum Gefängnis auch für die Eindringlinge geworden; ein Wunder, dass Atahualpas Krieger Diego de Almagro el Viejo durchgelassen haben.
Almagro ist ein „Bastard“ nach den Maßstäben seiner Zeit. Ledig zur Welt gekommen, abgegeben von der Mutter. Früh wird Almagro zum Trebegänger, als Trossknecht schifft er sich ein. Die Neue Welt bringt ihm Glück. Er verbündet sich mit Pizarro und ist sein größter Gegenspieler.
Ich sagte, Almagro verbündet sich mit Pizarro. Das stimmt nicht. Pizarro ist Almagros Vorgesetzter.
Wir müssen uns kurz Pizarros rechtliche Stellung ansehen. Euch erscheint er als Dieb und Mörder, als Vergewaltiger ganzer Völker und Vernichter von Kulturen. Doch seiner Epoche begegnet er als Gouverneur von „Nueva Castilla“. In der Arbeitsplatzbeschreibung steht: Befriede und bevölkere Peru. Das ist kein Witz. Ein Sohn der „wahnsinnigen Johanna“ ist sein König (von Kastilien und Aragón) & Kaiser (des Heiligen Römischen Reiches). Der Mann heißt Karl. Erst sein Sohn wird sich König von Spanien nennen. Das erklärt die Standortbestimmung Nueva Castilla. Pizarro hat folglich einen Mordsposten, Almagro wäre auch gern Capitán general. Der Untergebene fängt unverzüglich einen Zank an, glaubt er doch, den gleichen Teil wie Pizarro von der Beute beanspruchen zu können.
Pizarro sagt njet auf Spanisch. Hinter ihm zieht Picasso blank. (Es wird noch nicht durchgeladen, auch wenn das natürlich besser käme auf der Hasta-la-vista-Arschloch-Schiene). Picasso unterstützen Gonzalo, Juan, Hernando und Francisco. Sie sind bloß nicht so schnell wie Picasso.
Gonzalo, Juan, Hernando und Francisco sind Pizarros Brüder. Da geht eine ganze Familie auf Raubzug. Ihr zu Hand geht Hernando de Soto. Auch der Hauptmann kriegt bald Krach mit Pizarro.
Almagro ist sauer.
„Diego de Almagro, so genannt nach der Geburtsstadt eines Hundsfott, trug nach der Abfuhr die Würde eines geköpften Huhns durch das Inka-Kaff.“
Pizarro schickt seinem Auftraggeber das „königliche Fünftel“ vom Lösegeld, mit dem Atahualpa seine Freiheit doch nicht erkaufen kann. Dem Inka steht die Hinrichtung bevor, er hat einen hohen Preis dafür bezahlt.
Was für ein Irrsinn! Eine Armee steht zu seiner Befreiung bereit. Die fittesten Typen des Reichs drehen ihre Runden um einen Schauplatz königlichen Scheiterns. Atahualpa müsste nur die Hand heben und ein Sturm bräche los. Frauen und Kinder würden die Krieger mit Haushaltsgegenständen unterstützen. Kochtöpfe und Nachtgeschirre geben klasse Wurfgeschosse ab.
Aber nichts! Erst lässt der König sein Volk plündern, um sein Leben zu retten und dann lässt er sich erdrosseln. Dafür erhält Pizarro 57.220 Pesos in Gold und die Thronplatte. Er wird sich auch noch rührend um Almagro kümmern.

Jeder Reiter kriegt neuntausend Pesos in Gold und dreihundert in Silber, ein Fußknecht die Hälfte.
Ist alles geregelt. Raub und Mord nach Tarif. Auf der Ebene der Hauptleute, ich erwähnte Hernando de Soto und Fernando Pizarro (Halbbruder des Heerführers Franz P.) ist das Blutgeschäft Verhandlungssache, eine Frage des Geschicks. Im Generalstab garantiert die Gier der Hauptleute den vollen Einsatz.

11. August 2016

Hessenmeister

Im 18. Jahrhundert übernahmen Briten die Bahamas

Pizarro verspricht jedem labilen Mann einen peinlichen Tod. Er sagt: El fracaso no es una opción. – Failure is not an option.

Im 18. Jahrhundert übernahmen Briten die Bahamas. Die Verlierer reisten im Schwall der Beschwerde ab, sie fühlten sich von der Geschichte hintergangen. Sie rühmten klagend ihre Aufbauleistungen. Die Rede war von Verschleppung, Ausbeutung, organisiertem Missbrauch. Die neuen Herren übernahmen den Estancia-Stil und verfeinerten die Exploitation. Wilhelm III. von Oranien-Nassau, Agnat eines ursprünglich deutschen Fürstenhauses, gab einem Flecken seinen Namen – Nassau, Hauptstadt der Bahamas.

1785 rechnete man da bewohnte Gebiete auf 13.960 Quadratkilometer zusammen. Die nahezu vollständig aus Afrika importierte Bevölkerung wurde auf 60.000 „Seelen“ geschätzt. Seit Kolumbus 1492 die Bahamas „entdeckt“ hatte, waren Spanier eifrig damit beschäftigt gewesen, „Westinder“ nach Hispaniola (Haiti) zu schaffen, wo sie in Minen zugrunde gerichtet wurden.

Die Zeit nahte, da François-Dominique Toussaint Louverture Haiti in die Freiheit führte, während die Ära der karibischen Korsarengesellschaften endete. Die Bahamas waren Zuflucht und Labor effektiver Außenseiter der Kolonialmächte. Kapitän Blackbeard hatte in der Gegend von Nassau ein Hauptquartier. Er war auf einem Kaperfahrer der Krone zum Korsaren geworden und hatte sich schließlich jede hoheitliche Partizipation an seinen Gewinnen verbeten.


Kein Glück hatten die Plantagenbesitzer auf den Bahamas mit Baumwollpflanzungen. Geld verdienten sie mit Ananas, Trauben, Orangen, Limonen.

Ich fand gerade folgenden Eintrag zu Chinesen und „Kulis“ (Tagelöhner/Lastenträger).

„Die Kulis bleiben nur wenige Jahre, dann kehren sie in ihre ostindische Heimat zurück. Da sie filigran gewachsen sind, eignen sie sich kaum zu dem, was doch ihr einziger Nutzen sein könnte. Daher macht man sie oft zu Gärtnern und stellt sie gewissermaßen den Chinesen gleich.“ (Cornelius Kammschneider)

Der Riesenklugscheißer und Verfälscher der Zierenberg’schen Geheimaufzeichnungen erzählt in frei erfundenen „Memoiren eines West- und Ostindienfahrers“ von kompletten „Kulidörfern“ auf Jamaika, wohin sich Texas Double Action Thunderbolt einschiffte.

Jamaika war „die zweite britische Besitzung in Westindien“. Kammschneider siedelte sie hundertfünfzig Kilometer südlich von Kuba an. Er verglich die Größe der „Besitzung“ mit dem kurzlebigen Königreich Westphalen. Er nannte sie unterbevölkert und schied die schwarze Mehrheit von „den Braunen“, die er auf 109.000 bezifferte.

„Die Schwarzen sind von mittlerer Statur und kräftig im Aufbau, sie haben eine plattgedrückte Nase, bedenklich aufgeworfene Lippen und wolliges Haar; sie sind nicht unbegabt … Der Charakter ist lebendig. … Durchschnittlich sind die Schwarzen arm.“

Für Thunderbolt war jeder Schwarze Sklave.
Was sollte er sonst sein? Es gab kein Nachdenken darüber, auch bei einem skeptischen Mann nicht. Thunderbolt vereinte die Fürstenverachtung des Amerikaners mit der hervorragenden Grundausstattung eines Kurhessen. Zweifellos war er unbesiegbar. Dazu kam seine Unsterblichkeit.

„Sie (die Jamaikaner) leben nicht in Dörfern, vielmehr baut jeder seine Hütte in den Wald. Die Behausungen sind von einfacher Beschaffenheit. Es ist aber auch überflüssig für die Schwarzen, bessere Häuser zu besitzen; denn sie sind den lieben langen Tag im Freien.“ (Kammschneider)

Da ist er, der Rastafari in seiner Urform – der Kiffer, wie er im Buch steht. – Der Weltrekordläufer. – Ein Usain Marley von damals in seiner Mehrzahl.
„Von einem Bett ist natürlich keine Spur vorhanden. Die Leute schlafen auf „schlechten Matten“. Sie ernähren sich von der Palmwurzel, die sie grillen.“
Kammschneider findet die Wurzel „dem Geschmack unserer Kartoffel ähnlich“.
Wo kommt denn „unsere Kartoffel“ her, du Stoffel?
Schön finde ich: „Es gibt Früchte (auf Jamaika), die in Europa nur für schweres Geld zu haben sind.“
Dazu zählt Kammschneider Birnen und Melonen. In dem „großen Reichtum an Früchten“ entdeckt der Reiseschriftsteller den Grund, dass „die Schwarzen sehr wenig arbeiten und deshalb arm sind.“
„Tagelang liegen sie im Schatten und singen und rauchen.“
„Am Sonntag aber essen sie Schweinefleisch.“
„Der Fleischverkauf geschieht gewöhnlich am Samstagmorgen.“
Der Schweinefleischverkäufer kündigt sich mit einer Trompete an.
„Er bläst sie mit Todesverachtung.“
Von den Hängen strömt das Volk aus diesen und jenen Paradiesen, da es die Trompete wissen lässt, heute ist Samstag.
„Die Backen des Trompeters sind zum Zerspringen aufgeblasen.“
Die ambulante Theke wird zum gesellschaftlichen Treffpunkt, „die Kinder balgen sich Kobolden gleich“.
Am Sonntag „sitzen alle im Kreis, bis die schwarze Frau Mama eine Schüssel voll … unter die kleine Schar stellt; wie die Habichte fallen sie darüber her und greifen beidhändig nach dem größten Stück.“
Ja, „die schwarze Frau Mama“. So steht es geschrieben bei Kammschneider. Man ahnt den abgespreizten Finger, die spitzen Lippen. Doch wenden wir uns kurz Pizarro zu, der 1530 von einem Grat der Westkordilleren seinen erschöpften Hengst in ein Hochtal lenkt, wo ein bewehrter Marktplatz ist. Die Spanier hinter Pizarro erschrecken angesichts kasernenförmiger, eine Festung suggerierende Häuser. Sollten sie in eine Falle gestolpert sein?
Pizarro erschrickt nicht. Er verspricht jedem labilen Mann einen peinlichen Tod.

Nun fällt ein Schlüsselsatz der Raumfahrt:
„El fracaso no es una opción.“ – Failure is not an option.
Pizarro penetriert das Territorium des Inka Atahualpa. Er will den Kaziken in seine Gewalt bringen, in Nachahmung des Kollegen Cortéz, der in Mexiko Aztekenchef Moctezuma zehn Jahre zuvor zum Gefangenen und Spielball seiner Interessen gemacht hat.

Pizarro folgen hundertelf Mann zu Fuß und siebenundsechzig Reiter. Das ist nicht viel. Die Bereitschaft „der Wilden“, sich abschlachten zu lassen, hat erheblich nachgelassen. Die abergläubische Angst vor den gepanzerten Göttern schwindet. Das weiß Pizarro. Im Gefolge reitet ein Italiener, der die Blutnacht von 1521 mitgemacht hat – als die Cortés-Bande aus Moctezumas Hauptstadt Tenochtitlán fliehen musste. Picasso Planterra aka Jerónimo Caballo Famoso stammt aus Genua wie viele Italiener in spanischen Diensten. Seine häuslichen Verhältnisse waren dürftig. Man tat Picasso auf ein Schiff, kaum dass er entwöhnt war. Mit Arbeit verdiente er sich manche Tracht Prügel. Der Gouverneur von Kuba erhob Picasso zum Trossknecht einer Expedition, die von Kariben aufgerieben wurde.

Picasso geriet in Gefangenschaft und lernte Sprachen. Er genoss die Jahre der Unfreiheit als gemütliche Zeit. Nie war es ihm besser ergangen, nie hatte er mehr Anerkennung gekriegt. Dann kam wieder ein Eroberer und verlangte vom örtlichen Kaziken die Auslieferung sämtlicher Europäer. Picasso war nicht der einzige, der als Palurdo Vorzüge der Zivilisationsferne genossen hatte. Der Eroberer unterstand dem kubanischen Gouverneur und als jener Cortés befahl, das mexikanische Gold zu stehlen, schickte er Picasso mit.
Aus den „Erinnerungen eines Dreschflegels“: „Als wir am 21.Sept. von San Miguel aufbrachen, glaubten selbst die Narren im Zug nicht, dass unsere Sache gelingen könne. Wir hatten drei Geschütze, allen erschien es voll balordo, damit Krieg gegen Zehntausend zu führen.


Ich ritt als Pizarros Flügelmann neben der Kotspur seines Rosses. …
Atahualpa fing uns in einem Hochtal ab, das er zu seinem Thingplatz gemacht hatte. Zu einem Schauplatz für das Marktgeschehen von der Hinrichtung bis zu den Zeremonien am Pranger. Pizarro versuchte, Atahualpa mit seinem Pferd zu erschrecken, doch der Inka bewahrte Ruhe. Er ließ alle erwürgen, die sich beunruhigt zeigten. Pizarro zog die obligatorische Bekehrungsnummer ab, er hatte dafür den Dominikaner Balverde im Gepäck.“


Balverde ist naturtrüb bis zur Schlammigkeit. Er stellt sich vor den Kaziken und macht das Kreuzzeichen.

Atahualpa fragt: „Was soll der Scheiß?“
Balverde rät ihm, dem Götzendienst zu entsagen. Die Dolmetscherin murmelt die Übersetzung in den Staub. Sie liegt flach vor dem Inka und wagt es nicht, den Kopf zu heben.
Balverde gibt den Missionar mit der Brechstange. Er irritiert Atahualpa, so dass der Inka kurzerhand wieder hundert Leute umbringen lässt. Er guckt, wie das ankommt beim Balverde. Pizarro steht kurz vor einem Anfall, die Verhandlungen gehen ihm zu schleppend über die Bühne. Es ist beklemmend heiß, die vielen Menschen dünsten tüchtig  … Belverde reicht Atahualpa eine Bibel.

Der Inka hält sich das Buch ans Ohr, er schüttelt es erwartungsvoll. Das Buch macht nix. Enttäuschung zeichnet sich ab. Belverde verlangt von Atahualpa die Anerkennung eines Herrschers. Atahualpa vergleicht den Christengott mit der Sonne. Die Sonne scheint eindrucksvoller. Verächtlich wirft Atahualpa die Bibel zu Boden.

„Das Ding ist dumm“, sagt er. Vielleicht ist das ein Übersetzungsfehler und in Wahrheit sagt Atahualpa: „Das Ding ist stumm.“

Nun ist der Ofen aus, der Heide hat dem Heiland sein Vadder geschmäht. Pizarro gibt das Zeichen zum Angriff, indem er sich an die Nase fasst wie später Bruce Lee, bevor der Bär zum Punk wurde. Die Trompeter stoßen sich einen Wolf, die Kavallerie macht die Menge nieder. Die Geschütze geben ihr Bestes.

Pizarro schnappt sich Atahualpa.

3. August 2016

Hessenmeister

La Liberté ou la Mort!

Bald passierte die „Graue Gans“ den 18. Grad nördlicher Breite. Der Botaniker Texas Double Action Thunderbolt meldet:
„Am 17. August 16.. erreichten wir eine große Antille, die früher Goldfunde wegen Porto Rico genannt wird. Die Insel ist halb so groß wie Württemberg und erträgt annähernd fünfzigtausend Indianer, die uns zugetan sind.“
Der Hauptstadthafen war stark befestigt, die Anlage lag vom Festland geschieden als vorgeschobener Posten da. Eine wegdrehbare Brücke erlaubte in ruhigen Zeiten den Übergang zur Stadt.
Thunderbolt erfasste die Militärarchitektur im Zitadellenstil. Das Ensemble fand er durchdacht und vorausschauend gebaut. Vierzig Jahre nach seiner Errichtung genügte es den wohltätigen Zwecken noch. Zwanzig Kanonen wandten sich gutmütig dem Meer zu. Auf einem Wehrgang patroullierten Spießbürger. Die Kolonialmiliz unterstützte reguläre Truppen. Spanien sparte Soldaten. Soldaten kosteten nur, anders als Siedler. Siedler wurden von den Strategen an der Staatsspitze als Sturmspitze der Kolonisierung angesehen, sofern sie spurten. Immer wieder lehnten sich die zu Gutsherren aufgestiegenen Schweinehirten gegen die lokale Repräsentanz der Krone auf. Dann kam ein Nicolás de Ovando y Cáceres und ließ alles zusammenschlagen, bis wieder Ruhe war und die an ihrer Macht irregewordenen, über Nacht aus jahrhundertelanger Leibeigenschaft entlassenen, vom Sklaven zu Sklavenhaltern verkommenen Einwanderer furzten vor Langeweile, während sie Wache schoben.
Thunderbolt nahm die Kapitale San Juan in Augenschein. Die Häuser standen sturmfest oder im Leichtbau zum gefahrlosen Abflug bereit in einer Ordnung, die vom (religiösen) Zentrum ausging. Zehntausend Seelen waren in San Juan zusammengefasst seien und es gab noch größere Städte auf der Insel.
Exportiert wurde Zucker, Kaffee, Honig und Tabak. So hatte man sich die Exploitation Westindiens ursprünglich nicht vorgestellt. So als bäurische Angelegenheit. Das war ja mühsam, die Indigenen hatten längst schlapp gemacht.
Auf Hispaniola (Haiti) gab es keine ursprüngliche Bevölkerung mehr. Die „Inder“ waren mit Arbeit vernichtet worden. Cornelius K. Kammschneider: „An ihrer Stelle vermehren sich die als Sklaven eingeführten Neger.“

Schwarze Umsiedler formulierten die Grundsatzerklärung für eine Geheimgesellschaft, die weiter existiert. Vor allem steht: La Liberté ou la Mort!
Wer konnte, ließ sich unter Briganten gehen. Auf Tortuga bestand ein Korsarenstaat, der den Spaniern auf Haiti so zu schaffen machte, dass sie den Inselwesten Frankreich überließen. Die französischen Kolonisten arrangierten sich mit den republikanischen Räubern, sie überflügelten ihre spanischen Nachbarn in der Plantagenwirtschaft. Der merkantile Furor bot den Possen feudaler Nachahmungen jede Menge Mittel und griff die Piratendemokratie stärker an als das geharnischte Fußvolk diverser Kronen. Ich greife vor. Erst die französische Revolution entfesselte die Landbevölkerung, Heiner Müller: „Die Farbigen gewannen die Oberhand, die Insel erklärte sich unter Jean-Jacques Dessalines für unabhängig und verjagte noch den letzten Franzosen. Dessalines ließ sich zum Kaiser ausrufen. Man brachte ihn gleich um. Ein Streit zwischen Mulatten und Negern entbrannte. Diese gründeten im Norden, jene im Süden Staaten. Die Gesellschaften bekämpften sich munter, bis ein unbewohnter Streifen zu ihrer Trennung eingezogen wurde.“
Zwei Erbmonarchien entstehen aus einem Schrei nach Freiheit. Der weißen Unterdrückung folgt die schwarze. „Die Geschichte ist ein Albtraum“, sagt Joyce. Ein Potentat namens Henri Christoph besteigt als Heinrich I. den Thron in seinem Sans-Souci. Kein Scherz, so heißt das Schloss, ich sah es verfallen. Im Schlosspark wimmelte es von Süchtigen. Sie schickten Kinder vor, um Reisende zu prellen.
1820 beging Heinrich I. von Haiti Selbstmord. Er wäre sonst von den eigenen Streitkräften umgebracht worden.
Kammschneider: „Fleiß und Ordnungsliebe bedeuten nichts. Das Volk hat gegen jede Arbeit das volle Maß der Abneigung. Es beweist kindische Eitelkeit und blöden Ehrgeiz. Ein Regiment von Feldherren befiehlt einer barfüßigen Armee. Die Truppe ist in einem unsäglichen Zustand, hat aber nicht weniger als fünfzehnhundert Generale.

Man tut nichts in der Verwaltung. Es gibt keine Industrie. Was funktioniert, ist übriggeblieben von den Franzosen.“
Kammschneider ignoriert den Grund der Verwerfungen. Leute seines Schlages waren meine Lehrer. Die Verbrechen der Kolonialmächte wurden einem als Segnungen eingetrichtert. Der Schlager ging so: Wo die koloniale Disziplin/Administration ihre Wirkungen nicht mehr entfalten durfte, versagte das Gemeinwesen. So ein Kammschneider stand als leutseliger Hanswurst vor jungen Leuten, der Vortrag wurde besonders süffig, kam die Rede auf Namibia.   

Thunderbolt bestellte einen Führer, ein Pferd und zwei Maultiere. Der Führer hieß Diego. Ihm folgte ein Tross mit eigener Menagerie. Diego führte alle über abfallende Felswände – auf Pfaden, die nicht breiter als ein starker Bindfaden waren.
Nicht ratsam war es, selbst einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Aufgabe des Überlebens übertrug jeder einem Tier. Keiner saß aufrecht im Sattel, alle hingen dem Tier am Hals. Den Höllenritt belohnte ein nächtliches Landschaftsbild, das die Natur im Rausch malte.
Thunderbolt bewunderte die Ungezwungenheit der Mannschaft. Sie betete, spielte, agitierte, kochte, kriegte sich in die Wolle und brachte sich mit Halluzinogenen in Form. Ein weißer Hase zeigte sich begeistert, von Thunderbolt in eine andere Welt geschickt zu werden.
Thunderbolt schlug eine kleine Strecke aus der Decke. Jesús, angeblich Diegos Jüngster, lobte Thunderbolts Geschick. Jesús sah nicht jünger aus als sein Vater. Eins führte zum anderen. Schon bewiesen Jesús und Thunderbolt einander handfeste Gelenkigkeit. Wie ausgreifend nach allen Seiten Thunderbolts Geschicklichkeit war …
Auf den Kämmen über Port-au-Prince bot ein überwältigender Ausblick lediglich dem nächsten das Vorspiel. Es war alles zu viel, der Reisende verdross das natürliche Überwältigungstheater.
Thunderbolt träumte Lieder, die erst Gene Vincent singen sollte. Fehltritte, die zu Abstürzen und Schwangerschaften geführt hatten, gaben Motive in Märchen der Einheimischen ab. Man war rasend katholisch. Zugleich war Voodoo überall.
Thunderbolt stellte sich vor, wie es wäre, aus den Stiefeln zu kommen und ein Fußbad zu nehmen. Er vermutete sich und das Gefolge acht Stunden fern jeder Herberge. Ein schwacher Schein lag über Dörfern in fantastischer Ferne. 
Nach den Schluchten verlangten die Flüsse Geduld. Man reiste langsam. Nun verstand Thunderbolt, wozu Diego den Tross unterhielt. Die Leute besorgte Diegos Bequemlichkeit. Sie klagten, wenn sie ihren Vorstand verstimmt fanden. Er unterrichtete sie schroff in seinen Bedürfnissen.
Haiti war das „Paradies der Franzosen“, „die Königin der Antillen“, ein Kurort. Viele landeten mit Lungengeschichten und blieben, da sie Luft fassen konnten wie Gesunde auf einem Zauberberg der Insel.
„Das Volk blieb träge“, schreibt Müller. Schon wahr, der Schlendrian kam und ging als Saboteur. Der harte Kern der afrikanischen Freiheitsbewegung, die sich schlicht Résistance nannte, hintertrieb die Ökonomisierung von Betriebsabläufen. Es war nicht gut, sich gegen die Résistance zu stellen. Generationen später trieb sie es so weit, dass kein Weißer auf Haiti Eigentum erwerben konnte. Man duldete Weiße noch nicht einmal als Besitzer (Mieter) einer Datsche, zu der man maison de vacances sagte.
Diego hatte seine Datsche nicht weit von Port-au-Prince, dahin lud er den Reisenden ein. Thunderbolt war Amerikaner. Geboren in der angelsächsischen Neuwelt. Ein native american nach eigener Anschauung. Diego verstand unter americano nativo etwas anderes, doch erlaubte er sich keine Kritik an dem Touristen (Naturforscher/Auftragskiller). Diego wünschte sich Thunderbolt als Schwiegersohn. Er hatte vier Töchter zur Auswahl.
„Nehmt Kensia“, flehte Diego.
Thunderbolt floh durch die Schönholzer Heide von Haiti nach Kuba. Er erreichte den Hafen von Habana, einen Festungsbau von 1519. Siebzehn Jahre nach Kolumbus‘ „westindischer Entdeckung“ hatten sich die Spanier auf Kuba schon dermaßen festgesetzt, dass sie die nachdrängenden Engländer, Niederländer und Franzosen leicht zurückschlagen konnten. Die „innere Stadt“ („Intra Muros“ – in den Mauern) unterschied sich kaum von einer europäischen Großanlage. Die Besatzung verkörperte den ethnischen Antillen-Mix, Quatschkopf Kammschneider spricht von „einer neuen Rasse“.

28. Juli 2016

Hessenmeister

Die Havarie der Santa Maria als Zeichen Gottes

Die neununddreißig von Kolumbus in der Neuen Welt Zurückgelassenen fühlten sich von der Sitteneinfalt der Eingesessenen ins Paradies gestoßen. Sie hatten bis dahin in der Zivilisation ein mühsames und unhygienisches Leben geführt. Das waren verkümmerte Menschen, diese spanischen Schiffer, voller Geschwüre und Beulen. Ihr Glaube war ohne Liebe, so wie sie selbst ohne Liebe zu leben gelernt hatten. Nun wohnten sie Menschen bei, die sich Lieblosigkeit gar nicht vorstellen konnten.

1594 kehrt Zierenberg einmal wieder in der Korsarenhochburg Saint-Malo an der Smaragd-Küste der Bretagne ein. Die Leute von Saint-Malo sind Freibeuter durch die Bank. Sie folgen dem Wahlspruch: Ni Français, ni Breton, Malouin suis – Nicht Franzose, noch Bretone, ein Mann von Saint-Malo bin ich. Nach einer durchzechten Nacht bricht Zierenberg in die Karibik auf. Seinen Kampfname, „Hessen-Fritz“ (in verschiedenen Schreibweisen) kennt in den Hafenkneipen von Tortuga und Tortilla jedes Kind. Zierenberg rühmt in seinen Aufzeichnungen „die lichtstarken und warmen Klimate (so wie) die wundersame Mannigfaltigkeit der Fauna.“

Siebzig Jahre nach dem Tod der kastilischen Isabella 1504 ist die Neue Welt zum Rummelplatz geworden. Ich sage nur Sodom und Gorgonzola. Italienische Gangster ziehen die erste amerikanische Mafia auf, Meyer Lansky eröffnet ein Casino auf dem Alexanderplatz der Insel, Vollidioten brüsten sich auf Brunnenrändern, Flagellanten vereinen sich zu Prozessionen, Zierenberg beobachtet Möwen, die vom Fang der anderen leben. Wie Diebe in der Nacht bemächtigen sie sich fremder Fische. Zierenberg fragt sich, warum nicht alle Möwen dem Beispiel der Piraten folgen.

Kolumbus hatte Kuba für eine asiatische Halbinsel gehalten, nun fallen die kubanischen Stutzer zum Zocken auf Tortuga ein. Seit Jahrzehnten schickt man spanische Gangster nach Hispaniola, „so kam der Abschaum des Menschengeschlechts nach Westindien.”

Zierenberg zähmt ein Gürteltier und schenkt es der Hafenhure Larifa. Larifa verbeutelt das Tier und denkt sich unglaubliche Lügen aus.
Zierenberg bemerkt „ein buntes Gemisch“, „grämliches Laubwerk“, „glanzüberzogene Blätter“, „Federn in den Farben des Regenbogens“, „hochrote Flamingos“, „nobiles Gefieder“ und – jetzt spreizt sich die Gazelle – „die tiefklare Bläue des Himmels in den prächtigsten Tinten“.
Fritz, der mit Drake (Sir Francis) um Kap Hoorn gesegelt ist und den Schatz des alten Kaziken Guacanagari gehoben hat, neigt zu poetischen Hochdosierungen, da er den Rum in der „Grünen Laterne“ nicht alt werden lässt. Er trinkt in Gesellschaft von August Magon, corsaire du roi. Nun bricht die Tür aus dem Rahmen und ein Mann erfüllt die Kneipe mit seiner Anwesenheit. Ich begrüße Robert Surcouf, Kommandant der „Créole“ und Chevalier de la Légion d`Honneur. – Ein Rock`n`Roller der ersten Stunde. Der französische Strand- und Seeräuber wechselt Flaggen wie Heinrich von Navarra Konfessionen. Im Grunde seines Herzens hält er es aber mit den Engländern. Er nennt seine Heimat Britannia/Breizh und begreift sich als Nachkomme kriegerischer Bagauden. Er hat eine Geschichte der Unabhängigkeit hinter sich noch nicht lange. Sein Nordwesten wird von Paris kaum als Provinz (seit 1532) viel mehr als Nation (der Armoricaner) wahrgenommen. Die Armoricaner lassen keine Gelegenheit verstreichen, ihre unter dem Kind auf dem Thron (Karl IX. (1550 -1574)) errungene Sonderstellung zu betonen. Ihr Thinktank ist das Kloster Mont-Saint-Michel, eine in Felsen gehauene und darüber hinausgewachsene Hochburg des sakralen Mittelalters. Das trutzige Kloster widerstand englischen Angriffen, es wird zu gegebener Zeit zu einer Zentrale der Gegenrevolution avancieren. Da wird vorher das Edikt von Fontainebleau formuliert. 

Für Piraten wie Drake, Bobby Surcouf, Grand Slam Coogan, Texas Double Action Thunderbolt, Hardboiled Slim (Feridun) Zaimoglu, the Grimmbrothers Jake & Bill und Ritter Zierenberg ist Tortuga „ein Elysium“. Nirgendwo lässt sich besser über den Ursprung des Lebens nachdenken, Gymnastik treiben und eine Ohrwurmsammlung anlegen.
„Es liegt ein Zauber in tropischen Nächten“, schreibt Cornelius Kammschneider. Er erwähnt „die hin- und herfahrenden Lichtfunken phosphoreszierender Käfer.“
Er behauptet, Zierenbergs Naturbetrachtungen seien nicht frei von Selbsttäuschung gewesen, wo es aufs Praktische ging.


Wir sehen Surcouf förmlich Hof halten in der „Grünen Laterne“. Man nutzt die aus den Angeln gerissene Tür als Platte. Surcouf nagelt einen Mann darauf, der das Andenken der Marie Marchand mit einer Bemerkung schändete. Marie war eine Tochter der Karibik. Sie verriet Korsaren eine günstige Gelegenheit, flog auf und wurde festgesetzt. Giant (Timor) Greystone persönlich fand es angebracht, Marie zu befreien. Als Vogelfreie nannte sie sich Marie la Sanglante (Bloody Mary). Greystone wollte sie zur Frau. Er warb bis zum Tag ihres Todes auf See. 

Zierenberg notiert: „Ein Orkan beunruhigt die Großen Antillen.“ Wetterphänomene handelt der Hochseesegler seitenlang ab. Anders als Kolumbus, dessen Einbildungskraft die Dämme der sachlichen Naturbetrachtung durchbrach und deshalb bei jedem Schritt Gegenstände auftrieb, die ständig alle Erwartungen übertrafen, so wie Gewürzpflanzen, die von Botanikern zwar als hübsch, aber geschmacklos klassifiziert wurden, beliebige Kalkschalen, die der Admiral für aufgegebene Schatzkammern hielt, vermeidet Zierenberg Spekulationen.
Allgemein vergleicht man das karibische Meer mit einem Mann, der nicht leicht zum Zorn gereizt werden kann, dessen Ausbrüche ebenso heftig wie selten sind. So sei der Atlantik vor den Antillen: furchtbar, wenn er einmal erregt ist. Er bricht und überschwemmt alles.
Zierenberg und seine Freundin („Freundin“ in freier Übersetzung von cautiva) trotzen dem Sturm auf ihrem Weg zum „Zum alten Hut“ in der Grätengasse. Die Grätengasse ist Tortugas Reeperbahn. Im ältesten Karibikreiseführer, Moritz Christian Streumers „Westindische Adventures für den Chevalier du monde“, erschienen 1743 bei Lüders zu Schmalkalden, behauptet der Autor „tropische Lüderlichkeit in den schaudervollen Mondfarben des Veitstanzes“ beobachtet zu haben. Streumers berichtet von „konvulsivischen Kopulationen“, bei denen „Gliedmaße wunderbar geschleudert, gekrümmt und hingeschnellt“ wurden.
Der Ritter und „diese Person“ (Zierenbergs Biograf, Verfälscher und Epigone Cornelius Kurt Kammschneider setzt Larifa so wiederholt herab) erreichen einen zierlichen Bau „nach Art javanischer Pavillons.“ Zierenberg listet im Lokal „mit viel Geschick gemachte Bildsäulen“. Er sieht eine höhere Kunst und Kultur durch das Habitat der Säulenbildner geistern. Seit Larifa ihn begehrt, findet der Wissenschaftler kaum noch aus dem Tran.

Keine zweihundert Jahre später

Von Kassel gingen sie eine starke Stunde westwärts. Schon lag vor ihnen auf der Verkrümmung des Karlsbergfußes das Luftschloss Wilhelmshöhe. Es war 1787 an die Stelle eines alten Klosterkastens (Weißenstein) gesetzt worden. Gouverneur Coogan, Professor Thunderbolt und der kurhessische James Bond seiner Königlichen Hoheit*, Friedrich von Zierenberg, nahmen bei jedem Wetter sonntags die kerzengerade aus der Wilhelmshöher Vorstadt aufsteigende Allee, um den Schlosspark fußläufig zu erreichen.
*Die Anrede war käuflich, wenn auch nicht für jeden.

Oberbaudirekter Du Ry hatte das neue Schloss für Landgraf Wilhelm IX. entworfen. Es diente dem Sommeraufenthalt mit überschaubarem Gefolge, man hatte die Sache erst klein gehalten; sie dann aber doch zu beschränkt gefunden und klassizistisch nachgelegt. Oberbaudirekter Jussow hatte das Werk seines Vorgängers Du Ry weitergeführt in der Art einer architektonischen Inszenierung von Strenge. Die Decken lagen achtzig Fuß über den Böden. Vor seinem Portal imponierten fünf Fuß dicke, freistehende Säulen.

Als Friedrich II. v. Hessen-Kassel aus der Braunschweiger Kur, die ihm seine Räte im Siebenjährigen Krieg verordnet hatten, in die angestammte Residenz zurückkehrte, hatte er nicht nur Pläne für eine Technische Hochschule nach dem Vorbild des Braunschweiger Collegium Carolinum im Gepäck, sondern auch einen indischen Elefanten im Gefolge. Der Elefant war die Sensation in Friedrichs Menagerie. Er starb dann an Altersschwäche oder Heimweh und der Landgraf ließ ihn ausstopfen. Das Präparat übertraf in seinem Schauwert alles je Dagewesene. Der tote Elefant wirkte dramatisch urzeitlich. Jeder Fürst hatte sein archäologisches Institut und eine Ausgrabung vor der Tür.

Der Elefant fuselte im Schloss Wilhelmshöhe. Neben ihm standen zwei Leoparden und ein Kamel. Das Kamel hatte die Reise von Afrika nach Kassel nicht überlebt. Fledermäuse komplettierten das Ensemble in Gesellschaft ausgestopfter Vögel vom Strauß bis zum Kolibri.
Zierenberg hatte aus der Karibik Seesterne, Korallen, Schildkröten, Klapperschlangen und Wallrosszähne mitgebracht. Auch seltene Hölzer auf Geheiß. Landgraf Wilhelm IV. war ein Liebhaber von Holzbüchern gewesen. Ihre Rücken bestanden aus Rinde, die Titel bargen Samen, Frucht und Blätter eines Baumes. Nachkommende Landgrafen vernachlässigten die Bibliothek, sie investierten lieber in das Amphibienzimmer oder vergrößerten die Schmetterlingssammlung. Es gab eine drei Zentner schwere Noahschulpe und uraltes Altes Testament. In Ehren gehalten wurde das Creditiv eines persischen Gesandten, der 1600 bei Landgraf Moritz vorstellig geworden war.

Wilhelm IX. besaß sechzigtausend Bücher. „Das historische Fach ist am reichsten besetzt“, heißt es in einem Katalog. Cornelius Kammschneider bemerkte zweihundert wertvolle Bibeln, einen Koran so wie „die arabische Geschichte eines Muhamed“.
Neben der Bibliothek war das Observatorium in einem von den Festungswerken der Altstadt übriggebliebenen Turm mit fünf Geschossen und einem Kupferdach.

Coogan, Thunderbolt und Zierenberg beherbergten den Wunscheines ewigen Lebensabends in Sichtweite des Schlosses. Da gab es ein apartes Palais, die Löwenburg, und „das Jägerhaus“. Alle Landgrafen seit Heinrich von Brabant hielten einen besonderen Jäger in ihren Diensten, einen Scharfschützen und meisterlichen Waidmann, mehr Mohikaner als Hesse. Selten kam er aus dem Wald. Der Landesherr arrangierte für ihn eine Ehe in der Forstamts- und Gartenbausphäre. Er gab ihm die Tochter eines grünen Mannes. Sie gebar Kinder, die selbst gute Jäger wurden oder Frauen guter Jäger. Immer wieder hatten Töchter eines besonderen Jägers den Himmel und die Frau Holle angerufen, damit sie doch noch zu Knaben wurden und folglich die Chance bekamen, selbst zumindest gute Jäger zu werden. Eine Hexe hatte ihr Geschäft deshalb ganz in der Nähe unter den „Drei Eichen“ an einem sprunghaften Bachlauf eingerichtet. Sie gaukelte den armen Mädchen die Aussicht auf Besserung ihres Schicksals vor, mit dem Ziel sie vollends zu verderben. Die amtierende Hexe war mit dorianischer Jugend gestrafft, sie hatte einen karibischen Teint und hieß nach ihrer Mutter Larifa. Die alte Larifa war eine Betörerin des Ritters von Zierenberg auf Tortuga gewesen. Der Ritter hatte die Welt bereist, er war mit dem Großkorsar Diamant Drake gesegelt und in hundert Gefechten verletzt worden, ohne Schaden zu nehmen. Steinreich und weltberühmt genoss er in seiner Heimatstadt Kassel (Cassel) die Ehrenbürgerschaft mit lebenslangem Freifahrtschein.

Das Haus des besonderen Jägers stand im Schatten der „Achtzehn Buchen“. Seit unsere Ahnen, die Chatten, für alle Germanen vorbildlich geworden waren, lebte an dieser Stelle im Wald ein Repräsentant der niederhessischen Großartigkeit mitunter als Eremit. Nun wohnte da Joachim mit seiner Frau. Sie hieß Alsuna und war die Schönste in der Grafschaft.

Man sprach über den Katholiken auf dem Thron. Friedrich II. hatte bei beinharten Protestanten kein Stein im Brett. Die Geheimen und unsterblichen Räte Coogan, Thunderbolt, Zaimoglu und Zierenberg ließen sich eine ausgezeichnete Bedienung gefallen, für die Weitgereisten war eine Granatapfelsuppe nicht besonderes. Zierenberg bedauerte, nicht ein karibisches Kleinod für Alsuna aufgespart zu haben. Alle fünfzig Jahre verliebte er sich und da er das Antlitz und den Gang eines Jünglings beibehalten hatte, kannte der Ritter die unerwiderte Liebe nicht.
Alsunas aufrichtige Erregung, sie biss sich in die Wangen und saugte heftig am Eigenfleisch, blieb keinem Tischgenossen verborgen. Der Gatte zog bedächtig an seiner Pfeife, Gouverneur Coogan ließ Friedrich II. thematisch fallen. Er erzählte von den Nationalspielen und Tänzen in seiner amerikanischen Heimat. Wilhelm IX. hatte zwei Amerikaner, einen Osmanen und einen Österreicher in sein Geheimes Kabinett gerufen, doch alle waren im Grunde ihrer Herzen so wie ihrer ehrlichen Abstammung nach von kurhessischem Geblüt, also tadellos.
Coogans Geschichten aus dem spanisch-mexikanischen Südwesten luden Zierenberg ein, von der Karibik zu reden: da sie beinah noch in jenem Zustand gewesen, dessen Zerstörung Kolumbus eingeleitet hatte. Im Dezember 1492 verlor der Admiral sein Flaggschiff, die schiffbrüchige Mannschaft blieb in der Obhut des Kaziken Guacanagari. Die neununddreißig von Kolumbus in der Neuen Welt Zurückgelassenen, fühlten sich von der Sitteneinfalt der Eingesessenen, ins Paradies gestoßen. Sie hatten bis dahin in der Zivilisation ein mühsames und unhygienisches Leben geführt. Das waren verkümmerte Menschen, diese spanischen Schiffer. Ihr Glaube war ohne Liebe, so wie sie selbst ohne Liebe zu leben gelernt hatten. Nun wohnten sie Menschen bei, die sich Lieblosigkeit gar nicht vorstellen konnten.
Kein Spanier wollte nach Spanien. Auf dieser „westindischen Insel“ waren die Neununddreißig nicht nur frei, sondern sogar Herren. Die Einheimischen unterwarfen sich sorglos. Sie begriffen den Wahn nicht, der in den Fremden kollerte. Die glaubten nämlich zu diesem Platz gesandt worden zu sein – die Havarie der Santa Maria als Zeichen Gottes. Hier sollte die Christianisierung losgehen. Die Fernfahrer zeigten einem Publikum, das für Pfeil & Bogen keine Verwendung hatte (vor bewaffneten Gegnern lief man beherzt davon) die Wirkung von Feuerwaffen. Sie synchronisierten das Kreuz mit der Ballistik.

Alsunas Augen ertrinken in dem Aquarium ihrer Ergriffenheit. Die armen Eingeborenen …
„Entscheidet Feuerkraft nicht alles?“ fragt ein Unbedeutender, der als Caddie, Fußnägelschneider und Fußabtreter einen schmalen Schatten wirft.
„Selten bis nie“, entgegnet Thunderbolt. „Die Inder hätten den Spanier noch fünfzig Jahre lang täglich ins Meer treiben können.“
Zierenberg nickt zustimmend, das sieht er genau so.
„Guckt euch den Taliban an“, ergänzt Coogan. „Das zum Thema Feuerkraft.“
„Oder den roten Vietnamesen“, trägt Zaimoglu nach.

Die Erkundung des Seewegs nach Indien konkurrierte mit einem größeren spanischen Staatsziel – der Rückeroberung des Heiligen Landes. Für das Seelenheil eines Christen lag in Indien wenig und in Jerusalem viel. Die königlichen Hoheiten Isabella und Ferdinand hatten den Ehrgeiz von Musterschülern. Sie wollten die besten katholischen Monarchen sein und folglich die Lieblingskönige des Papstes in seinem römischen Atrium des Himmelreichs.

Kolumbus versprach seinen Herrschaften eine Abkürzung zu in Gold aufgewogenen Spezereien und eine Tonne Gold gleichsam in bar, die Herrschaften hielten ihren Admiral zu Sparsamkeit an. Man hat sich die Gier und andere Gemeinheiten des „Entdeckers“ auch so erklärt, dass Kolumbus seine Reisekosten in jedem Fall ersetzen musste.

Mit Speck fängt man Mäuse. Kolumbus sagt zur Isabel: „Gib mir 'ne Flotte und im Gegenzug besorge ich dir die Kohle, die du brauchst, um mit dem Muselmann abzurechnen.“

Das war der Deal. Ausbreitung des Reiches Gottes gen Westen, um da die Mittel zur Rückeroberung jener Nahostgebiete zu gewinnen, die „der Christenheit vom Islam geraubt worden waren“. Ich zitiere Cornelius Kammschneider, umständlich formuliert er: „Die Erkundung des Seewegs nach Indien rückte versehentlich Amerika in die europäische Perspektive.“

Beachtet die Ökonomie des Plans. Das Kalkül erinnert an die Kaltblütigkeit der weiblichen Grabwespe. Sie lähmt ihr Opfer mit Gift (Stachelapplikation) und serviert das Opfer ihren Larven lebend.

Mit dem Kazikengold sollte ein Kreuzzug ausgerüstet werden.

Im Frühjahr 1495 passierte Kolumbus den Drachenschlund vor Trinidad und stieß bald auf ungewöhnlich „stattliche“ Inder, denen Freundlichkeit abging. Eine Streitmacht stellte sich der Expedition entgegen, auf einen Spanier kamen fünfhundert aufgebrachte Bürger.

„Aber die Übermacht hielt den Geschützen, der Reiterei und der Bluthundestaffel nicht stand. Der Sieg des Kolumbus war leicht und vollkommen. Der Admiral brachte das harte Recht der Sieger über den Verlierern zur Geltung.”

Der dahergesegelte Kolumbus spielte sich als Herr im Haus auf. Er verlangte nicht nur eine exorbitante Kopfsteuer vom Inder auf Trinidad, er kriegte sie auch. Anstatt ihn um seinen Kopf zu kürzen, gab man ihm jedes Jahr hundertsiebzig Gulden in Gegenwerten.

Zum Schluss wollte er nur noch eine Weltreise machen; eine Seniorensehnsucht bis heute. Im Juni 1502 erreichte Kolumbus Martinique. Beim letzten Durchgang hatte er „Westindien“ auf Geheiß des Francisco de Bobadilla in Ketten gelegt verlassen.

Bobadilla war ein geduldiger Mann. Monatelang hatte der Gouverneur der überseeischen Gebiete „Vizekönig“ Kolumbus mit der Empfehlung in den Ohren gelegen, zu demissionieren, um nicht von einer Absetzung beschädigt zu werden.

Kolumbus hatte eine Geliebte, das war die Bobadilla. Er verband also mit dem Namen sehr unterschiedliche Erfahrungen. Er teilte sich die Bobadilla mit König Ferdinand. So was gab es auch, das war nicht alles nur Matsch im Regen.

Man hielt in der Neuen Welt an einer Kultur der Verwaltungsakte fest. Obwohl nichts ungesetzlicher sein konnte als die Entrechtung der ursprünglichen Bevölkerung, bestand die Administration in den Departements auf Anstriche der Rechtsförmigkeit.

Kolumbus versagte in der Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols; da lag der Hase im Heu. Seine vom Herrschaftsanspruch der spanischen Krone abgeleitete Absicht wurde von Einwanderern untergraben. Die Kolonisten hatten keinen Bock auf Bevormundung. Das waren actionorientierte Jungunternehmer. Der pomadige Führungsstil des Vizekönigs, die geblähte Art, stank den Dynamikern. Sie wollten nicht erst nach Rücksprache mit einem Kolumbus Inder abschlachten dürfen. Nein, das musste zackzack sofort möglich sein.

Kolumbus hatte ein Autoritätsproblem. Deshalb war Bobadilla vorbei gekommen, um klarzustellen, was auch im Dschungel gelten sollte, soweit er spanisch war: der Souverän ist die Krone, nicht das Volk.

In seinem gefühlvollen Stil nennt der Kasseler Altphilologe Cornelius Kammschneider im Vorwort einer erweiterten und kommentierten Ausgabe der für Landgraf Wilhelm IV. bestimmten, geheimen Aufzeichnungen des Friedrich von Zierenberg Kolumbus einen „Gekränkten“.

Man legte ihn in Ketten und schaffte ihn nach Spanien, wie konnte man nur. Auch seine Brüder reisten gebunden. Die Erkundung des Seewegs nach Indien etc. war ein Familienunternehmen. Brüder, die in Europa kein Auskommen fanden, zogen Betriebe in Übersee auf. Sie segelten los, besetzten eine Insel, errichteten ein Terrorregime und mischten sich mit den Indigenen.

Die Brüder hätten in Spanien keine abgekriegt als Habenichtse. Für sie war die _Entdeckung Westindiens_ ein attraktives Geschäftsmodell. Das Modell widerstand jedem Versuch seiner Widerlegung, insofern viele Voraussagen von ihrer Überprüfung bestätigt wurden.   

In Spanien nahm Ferdinand Kolumbus persönlich die Ketten ab, der Entmachtung des Ex-Vizekönigs widersprach er nicht. Kolumbus, der nah am Wasser gebaut war, brachte wieder einmal das Selbstmitleid nicht unter Kontrolle. Er beklagte sich bei Bella.

Oh je, dachte Isabella I. von Kastilien.
Die Königin verkniff sich die Frage: Mann oder Maus? Sie faltete die Hände im Schoss und überzeugte in der Vortäuschung von Mitgefühl.

Heute würde man Burnout oder Heulsuse sagen, damals hieß es „schwer gekränkt“. Und so schwer gekränkt ankerte Kolumbus vor Martinique. Man verweigerte ihm die Einfahrt in einen Hafen. Das kränkte Kolumbus noch mehr. Er kränkte westwärts. Auf Honduras entdeckte er bei der Bevölkerung „Merkmale einer höheren Gesittung“.
„Die Leute gehen bekleidet. Sie führen Kupferäxte und Schwerter vom Feuerstein.“

Kolumbus überstand „einen der gefürchteten westindischen Stürme“, bevor er auf Costa Rica (Reiche Küste) seiner Goldgier tüchtig Nahrung geben konnte.
Auf Costa Rica schmückten sich die „Inder“ mit Goldblechen. Manche besaßen neunzehn Bleche in einer sehr bescheidenen häuslichen Umgebung. Das Interesse galt dem Glanz, nicht dem Wert. Die Strandläufer schichteten vor Kolumbus auf, was sie hatten. So kamen ein paar tausend Bleche zusammen.

„Nimm, du seltsamer Gott“, sagten die Inder. „Wir haben noch mehr.“
Kolumbus ließ sich nicht lumpen und revanchierte sich mit Glasperlen und Stoffstreifen. Die Beschenkten machten große Augen. Was für ein Fest.
Junge Männer führten vor dem Ehrengast und dem schimmelnden und schielenden Gefolge rituelle Schrittfolgen mit viel Sinn für Theatralik auf. Später performten ihre Schwestern und Bräute, mit dem „gefährlichen Liebreiz der Sirenen“. (Das behauptet C. E. Kammschneider in seinen fiktiven Erinnerungen.)
Wieder hieß es, Gold ohne Ende gibt es in der Hemisphäre eines Kaziken, der Köpfe im Akkord rollen lässt.

Kolumbus hatte den Zenit seiner Goldgier überschritten, die Schiffsjungen äfften ihn kaum heimlich nach. Ihre Pantomimen stellten einen im lippenaktiven Selbstgespräch gefangenen Greis dar. Kolumbus übersah die Faxen.
Nicht nur seine Männer verrotteten. Auch die Schiffe waren marode und mussten vor Jamaika aufgegeben werden. Kolumbus wusste sich in höchster Not.
Er ließ schwunglos ein Lager befestigen. Ein Skorbut der Seele nagte ihn auf.
In seiner Blüte war alles Lust und ein Grund der Neugier gewesen, jeder Sturm – und jede Rinne, die von einem Meer zum nächsten führen konnte. Nun angelte Kolumbus in der Freizeit.

Er sandte Boote nach Domingo, ein Schiffbrüchiger auf der ganzen Linie. Der Chef von Domingo, Nicolás de Ovando y Cáceres, ließ Kolumbus auf Jamaika hängen. Ovando war ein Großmeister der Befriedung. In seiner Amtszeit hörte die Renitenz der Kolonisten auf. Ovando brachte den transatlantischen Sklavenhandel in Schwung, nachdem klar geworden war, dass Einheimische der Arbeit auf dem Feld und im Berg so wie den ständigen Misshandlungen nicht gewachsen waren. Gescheitert war der Versuch, aus dem Inder mit Arbeit „einen gesitteten Menschen“ zu machen.

Versklavung als Christenpflicht – Der Sklavenhalter durfte sich Gottes Dank gewiss sein, hatte er doch Heiden im Wege schmerzhafter Christianisierung vor dem ewigen Höllenfeuer bewahrt.

Kolumbus‘ Abgeordnete lagen monatelang vor Ovando im Staub, der Statthalter machte sie zu Bettlern. Er war erkennender Sadist und Unterchef eines Geheimordens mit Regierungsgewalt. Die Mondfinsternis vom 29. Februar 1504 nutzte er als dramatische Kulisse für eine Demonstration seines Machtanspruchs. Besonders Unglückliche ließ er von Hunden zerreißen.

Allein der Mönch Bartolomé wagte es, Ovandos Zorn herauszufordern. Bartolomé verwandte sich für die Rettung von Ovandos Vorgänger.

Der Statthalter schickte Kolumbus sein schlechtestes Schiff und bereitete ihm einen schmählichen Empfang. Der resignierte Rivale setzte dem Korso der Erniedrigungen eine unerklärliche Heiterkeit entgegen. Bartolomé schreibt: „Kolumbus war in elender Verfassung, als er Domingo erreichte. Ovando gab sich jede Mühe, das Ausmaß seiner Missachtung nicht klein erscheinen zu lassen. Anstatt den Gast anzuhören, spielte der Gouverneur mit seinen Hunden.“

Das war das Ende. Im Herbst starb Isabella. Ihre schützende Hand hatte Kolumbus manchmal bewahrt. Nun schützte ihn nichts mehr außer den Mauern eines Klosters – Vita contemplativa. Der Tod erschien endlich freundlich.

20. Juli 2016

Hessenmeister

Die große Lüge

„Hinter jedem großen Vermögen steckt ein großes Verbrechen.“ (Balzac)

Die Verklärung des Kolumbus ist ein Meisterstück der Desinformation. Kolumbus missbrauchte seine Amtsgewalt. Er bekehrte mit dem Schwert. Seine westindischen Unternehmungen basierten auf einem zynischen Kalkül. Zeitgenossen und Nachfolger des „Entdeckers“ sahen Kolumbus noch nüchtern als Raubritter. Michele de Cuneo, ein Freund aus Kindheitstagen und Weggefährte des Kolumbus, schreibt: Wir nahmen auch zwölf sehr schöne und sehr fette Weiber gefangen, sie waren etwa 15 bis 16 Jahre alt, gleichzeitig auch zwei Knaben … Wir sandten sie nach Spanien als Muster.

*

Im Gefolge von Kapitän Torres erreicht Friedrich von Zierenberg eine namenlose Insel. Sie erhebt sich abseits der Schifffahrtsroute, die siebzig Jahre nach Kolumbus' „Entdeckung Amerikas“ schon wie ein Ozeantrampelpfad erscheint. Neben europäischem Ausschuss strandet Zivilisationsmüll an Ufern. Was man in der Neuen Welt noch nicht kennt, ist das impotente Mittelmaß.

Die Reisegesellschaft streift eine fluchtartig aufgegebene Siedlung.

„Wir fanden rohe Spuren der Kultur des Bodens neben geräumten Hütten.“

Die „Eroberer“ verbinden mit „eingeborener“ Landwirtschaft eine Entwicklungsstufe in steinzeitlicher Gosse. Da Torres mit den Einheimischen „in Verkehr zu treten wünschte“ und ein Kapitän der christlichen Seefahrt Gott schon ziemlich nahe kam, so schickten sich sechs Bewaffnete an, ins Inselinnere vorzustoßen.

„Die Insulaner brachten gegen uns die Vorsichtsmaßnahmen zur Anwendung, mit denen sie den gefürchteten Kariben begegneten. Wir waren wohl etwas noch Schrecklicheres für sie.“

*

Man muss sich klar machen, dass zu Zierenbergs Zeit Wissenschaft vor allem Theologie bedeutete. Die Mathematik war eine Geisel im Kerker der Glaubensgewissheit. Die Rechtswissenschaften lagen in römischen Scherben. Was uns die Psychologie zu denken gestattet, das trug kein Zierenberg im Köcher. Ein Zierenberg wusste nicht, was energetischer und psychologischer Missbrauch ist. Ihm wäre nie in den Sinn gekommen, in Weidro ein Opfer transgenerationeller Weitergabe von Traumata zu sehen. Dass Weirdo als Kind die Trauer und das Unglück seiner, von einer anderen Insel vertriebenen, auf St. Vinzent nur geduldeten, mit den besten Absichten (liebevoll) erzählenden Großeltern in sich aufgenommen hatte. Dass er dieser Übertragung nichts entgegensetzen konnte, da seine Eltern von einer emphatischen Dysfunktion gehemmt waren. Weirdo konnte die Weitsicht nicht haben, die zu der Einsicht führt:
Ich hatte die über meinen Verstand gehenden Gefühle meiner Großeltern. Meine Eltern ließen mich mit diesen Gefühlen allein. Ich fühlte mich schlecht und schuldig.

*

Die Schergen des Kapitäns bemerkten im Busch eine Frau.
„Mit großer Anstrengung setzten die Seeleute die Buschfrau fest. Ein goldener Schmuck, den sie in der Nase trug, gab Hoffnung, dass man das wertvolle Metall endlich finden werde. Torres freute sich außerordentlich über den glücklichen Fang.“ 
Mit „aufgedrungenen Wohltaten und väterlichem Gebaren“ überzeugt der Kapitän „die Wilde von der Redlichkeit seiner Absichten.“
Zierenberg fällt die Ähnlichkeit zwischen der Gefangenen und seinem Weirdo auf.
„Sie glichen einander wie Geschwister.“
Zudem verstand Weirdo die „Indianerin“. Er kannte ihren Zungenschlag von den Großeltern. Weirdo sah die Zaghafte mit seltsamen Augen an. „Eine Erinnerung des Blutes“ (Ernst Jünger) stieg in ihm auf. Auf dem Everest seines Selbstbewusstseins war Weirdo, als träumte es ihn (Novalis).
Torres vertrieb die Angst der karibischen Sylterin, indem er sie mit Glasperlen und „anderen Kleinigkeiten“ herausputzen ließ.
Zierenberg fährt fort vom Olymp seiner Deutungshoheit: „Dieses einfache Geschöpf war so erfreut über den Tand und so eingenommen von der gütigen Behandlung, mit der Torres ihm abgefeimt schmeichelte, dass es gern bei den eingeborenen Trossweibern an Bord unseres Schiffes blieb.“
Torres nennt die gefangene Bürgerin Maria. Maria erklärt Dolmetscher Weirdo, Gold sei in ihrem Clan verbreitet, nicht aber auf der Insel. Maria fördert die Neugier der Weißen auf einen vom Meer freien Flecken in der Form eines Schildkrötenpanzers.
Maria weigert sich, von Bord zu gehen. Eine verschämte Delegation schickt sie mit herrschaftlichem Gebaren fort. Offenbar hat sie der Kontakt mit den Weißen geadelt. Bald tauchen Marias Leute wieder auf, mit Beispielen aus der regionalen Küche und mit gezähmten Papageien.
Die Vögel singen bei Tag und bei Nacht. Sie scheinen an Schlaf nicht zu denken.
Auf den günstigen Eindruck vertrauend, den Marias Erzählung bei den Seeleuten hervorbringen muss, stellt Torres es der Freiwilligkeit seiner Kapitäne anheim, die entlegene Weltgegend auf der Suche nach unbekannten Goldinseln abzugrasen. Von Habgier geschwängert, will jeder da zuerst an Land gehen, wo das Metall auf den Bäumen wächst. Nicht, dass Maria so etwas gesagt hätte.

Marias Blicke folgen jeder Bewegung, mit der Torres „obergewaltig“* seinen Geschäften nachgeht. Will sie zur Pocahontas werden?
Endlich versendet der Admiral sämtliche Karavellen seiner Flotte.
*Friedrich von Zierenberg spricht von „Obergewalt“. Torres übe seine Obergewalt mitunter unbeherrscht aus, um dann wieder eine verblüffende Geschicklichkeit zu beweisen, wo es darum geht, die von ihren abhängigen Rollen gekränkten Kapitäne gegeneinander in Stellung zu bringen. Leise bezweifelt Zierenberg Torres' Treue zur spanischen Krone.

Zierenberg verliert sich auf manchem Müßiggang in Naturbetrachtungen. Er spekuliert darüber, ob sich Torres seiner Flotte absichtlich entledigte.

Weiß der Großkapitän mehr als seine Leute?
Für Torres' Generation ist „Entdecker“ ein Traumberuf. Der Aufbruch der Opas ist die große Geschichte der dekadenten Enkel. Kolumbus hatte bis zum Schluss seine Beobachtungen mit den Schilderungen Marco Polos in Einklang zu bringen versucht. (Er sah das, was er zu sehen erwartete – Asien.) Seine Nachfahrer finden Kolumbus deshalb „naiv“ und unabhängig davon (angemessen/zweckgebunden) brutal. Die Kombination von Gemeinheit und Naivität ergibt siebzig Jahre nach Kolumbus das Konzept der historischen Stunde. Man ist gerissen und traut keinem. Inzwischen haben sogar „Wilde“ den Zivilisationsgrad Lüge/Tücke erreicht.

Mit seinen Vertrauten, den Haushaltshilfen und einem verschwiegenen Kompetenzteam segelt Torres nach Tortuga. Die Insel liegt da immer noch so paradiesisch wie Kolumbus sie im Meer „entdeckte“. Zierenberg traut seinen Augen kaum. _Vor Tortuga in der Bucht_ (Brecht) ankert ein Schiff. Ditte is' keen Spanier. Der da über allen steht und überheblich rüberwinkt, das ist der Francis Drake. Noch ist er nicht Sir. Aber schon eine imponierende Erscheinung.

*

England und Spanien ringen um die Vorherrschaft auf den Weltmeeren. Zufällig treffen sich der spanische Admiral Torres, der kurhessische Geheimagent Ritter Zierenberg und der größte Korsar Britanniens Francis Drake vor Tortuga auf einer Fregatte. Sie führen allerdings keine Friedensgespräche.
Francis Drake (1540 – 1596) ist ein Liebhaber und Meister der reductio ad absurdum. Die stumpfen Resonanzprinzipien der Abergläubischen bringen ihn auf. Drake ist folglich ständig aufgebracht, da die Welt von Abergläubischen regiert wird. Drake nimmt Darwin vorweg. Während die einen festhalten noch an der Scheibenform der Erde, da ein altes Wort ihnen mächtiger erscheint als die Oktanten der Marine, wissen andere bereits, dass die Krone der Schöpfung eine Affe ist, der leicht friert.

Drake bringt im Namen der Jungfrau auf dem Thron Schiffe auf. Die Tochter Anne Boleyns hat Akzeptanzprobleme in der Bevölkerung. Die Piraterie atmet den Geist der Renaissance, Ellie Tudor aka Elisabeth I. ist eine tantenhafte, schnell einschnappende, vor dem eigenen Schatten erschreckende Schnepfe mit Mickey Mouse-Stimme und Fahrradhelmfrisur. Zu gern wäre sie die Braut ihres ersten Korsaren, doch will kein Mann, der auf hoher See gefochten und die dunkle Seite der Freiheit kennengelernt hat, sich Elisabeth unter gewissen Umständen vorstellen.

Im Weiteren fördert Drake die Unterminierung einer Handelsbeschränkung. Katholische Siedler in der neuen Welt dürfen auf Geheiß der spanischen Regierung von Protestanten keine Sklaven kaufen.
Das geht gar nicht.
Drake schießt auf jeden, der einen Engländer keinen guten Geschäftsmann sein lässt. Dann ist er lieber „Teufel als Mensch“, so sagt er es.
Er bietet Portwein an, zu seinen Gästen gesellt sich ein Afrikaner von vornehmer Gestalt. Ich begrüße Louis Crescendo Lafitte. Er ist ganz groß im Sklavenhandel. Zierenberg und Torres kennen Afrikaner nur in dienenden Funktionen. Sie verbergen ihr Erstaunen. (Sie wollen nicht unhöflich sein.)
Andre Völker, fremde Sitten.
Der Admiral poliert die Schnörkel und Tressen seiner Storys, er berauscht sich an der Süffigkeit seiner Schoten und kontrastiert so Drake, der nüchtern bleibt im Stil, auch wenn seine Erscheinung ins Barocke spielt.
Drake hat nie eine Schule besucht, trotzdem ist er gebildet. Ein gebildeter Haudegen. Sofort bemerkt Drake, dass Torres nicht logisch denken kann.
Gold, Gier und Gesang …
Offensichtlich ist Torres nicht der Ehrengast an Bord, besonders zuvorkommend zeigt sich Drake gegenüber Col. Crescendo Lafitte. Der Geschäftsmann erzählt von einer lustigen Symbiose. Die Krokodile in seiner Heimat chillten mit offenem Maul. Eine Putzkolonne sei inzwischen fleißig bei der Reinigung der Reptilgebisse.
„Wer putzt den Krokodilen die Zähne?“ fragt Zierenberg.
„Vögel“, entgegnet Lafitte. „Und ich versichere Euch, dass kein Risiko damit für die Vögel verbunden ist.“

„Das perfekte Zusammenspiel“, bilanziert Drake. Der amtlich bestellte Korsar hat meterlange Regenwürmer im Vorrat. Neben einem Regiment Schädel und einer Reihe furchtbarer Masken. So was hält jeder Kapitän zur Belustigung des Publikums bereit. Hinrichtungen und schikanöse Leibesstrafen ergänzen das Freizeitangebot. Es gibt noch kein Kino. 
Drake lässt einen gebundenen Kaziken bringen, dem weisgemacht wurde, in Europa gäbe es Leute, die wie Esel sich äußern. Man hat ihm die Eselsprache beigebracht. Nun bittet man ihn mit der Peitsche, seine Kenntnisse zum Besten zu geben. Ein Troubadour namens Bulldog John, genannt Tongue Bar, singt zugleich „I bought my fiddle for ninepence“ und „Don't be cruel“. Zierenberg notiert beglückt die Verse, die Gesellschaft unterhält sich im Themenkreis nature or nurture. Wie unbeschrieben kommen wir auf die Welt? Was wissen wir von Geburt?
Jemand schafft den Kaziken fort, in gleichgültigem Geschehen, als sei des Kaziken Bestimmung: gepeinigt und zum Narren gehalten zu werden. Der seiner Zeit voraus geflügelte Zierenberg, geneigt, nichts stellvertretend für etwas anderes zu nehmen, unterscheidet vom Menschen nichtmenschliche Tiere. Er befragt sein Erbarmen, es ist abgeneigt, eine Partie Dösen auf dem Ottomanen der Gleichgültigkeit zu unterbrechen.
Allerdings interessiert sich Zierenberg sehr für die Frage, was denn angeboren sein könnte. Ob Lebewesen ohne Vorbilder lernen? Gibt es da eine Automatik? Ein Programm, das auch in Isolation abläuft? Ein spätes Mittagessen mit Schweinebraten lässt nichts zu wünschen übrig.
„Der abrundende und ausklingende Schokoladenpudding war erste Sahne“, bemerkt Zierenberg.

Schokobapp unter der Totenkopfflagge. Zur Unterhaltung der Prominenz singt ein untalentierter Barde namens Tongue Bar Lieder der Südsee. Ich erwähne eines an Stelle vieler:  

Fuffzehn Mann auf des toten Manns Kiste, Ho ho ho und ne Buddel mit Rum! Fuffzehn Mann schrieb der Teufel auf die Liste, Schnaps und Teufel brachten alle um! Ja!
Fuffzehn Mann auf des toten Manns Kiste, Ho ho ho und ne Buddel mit Rum! Fuffzehn Mann schrieb der Teufel auf die Liste, Schnaps und Teufel brachten alle um! Ja!
Schnaps und Teufel brachten alle um!

*

Die ersten „Inder”, die Kolumbus ethnisch und geografisch falsch einordnen konnte, nannten sich selbst “gute Menschen”. Das hieß in ihrer Sprache Taíno. Sie hörten auf den Kaziken Guacanagari, der die “Entdecker“ auf seinem Grund siedeln ließ. Das sollte ihm noch sehr leid tun.
Der 23. Dezember 1492 ist ein Sonntag. Windstille legt alles lahm. Deshalb kann Kolumbus mit seiner Flotte nicht bis zur Residenz des Hispaniola-Herrschers oder eher doch Kleinkönigs Guacanagari gelangen. Guacanagaris Aufgeschlossenheit ist eine Instinktlosigkeit ohne Beispiel. Kolumbus will die „westindische Insel“ Hispaniola der spanischen Krone zuschlagen und so Guacanagari enteignen. Gleich nach dem Admiral kommt immer der Notar. Er hält jedem Ober-„Inder“ einen Wisch unter die Nase und nuschelt: „Nu unterschreib ma', du wilder Inder.“

Die Ober-Inder verstehen natürlich nur Bahnhof, sie können auch nicht schreiben. Manche sind nicht ganz so auf den Kopf gefallen wie Guacanagari. Ausgeschlafene Inselfürsten und Meistersurfer bedrängen Guacanagari:
„Pass jetzt mal Acht, Onkel Guacanagari. Wir tun am besten schnell den blassen Fuzzis die Schädel einschlagen und dann ist wieder Ruhe am Strand und bei den Bräuten. Rock'n'Roll.“
Doch hat Guacanagari einen ungesunden Narren an Kolumbus gefressen.

*

Ein Schiffsjunge am Steuerruder setzte Kolumbus' Flaggschiff, die Santa Maria, in der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember 1492 auf eine Sandbank. Der Unfall zwang Kolumbus, Männer in der Karibik zu lassen, während er mit Nachrichten von geringer Großartigkeit Spanien zu strebte. Der Zucht des Admirals entwunden, entfesselte sich in den Zurückgebliebenen das Übelste. Nichts engte die Fahrer mehr ein, die sie immer eingeengt gewesen waren.
Kaum hat sich Kolumbus mit seinen Sorgen zurückgezogen, als der Steuermann sein Amt dem Schiffsjungen Hermés anvertraut. Das ist ein grobes Dienstvergehen, da nach einem unabänderlichen Befehl das Ruder nie einem Schiffsjungen überlassen werden darf. Eine Strömung bemächtigt sich des Schiffs und schiebt es allgemach auf eine Sandbank. Der gedankenlose Junge nimmt die Brandung nicht wahr, obwohl sie lärmt wie verrückt.

Hermés ruft um Hilfe erst, als er das Steuerruder aus den Angeln fahren sieht und das Wasser gegen das widrig stehende Schiff aufkocht.
Hermés ist ein Greis von kaum achtzig Jahren, als ihn Friedrich von Zierenberg auf dem Flaggschiff des königlichen Kaperfahrers Drake trifft. Bei dem Pech, das Hermés hatte, wundert es Zierenberg, dass der alte Sack noch lebt. Hermés gibt vor Zierenberg an, dass er die Santa Maria quasi allein versenkt hat.
Zierenberg fragt sich, ob Alkohol am Steuer im Spiel war.
Hermés stinkt nach Wohnheim, er ist aufgerieben von einer Lebensweise, die sprichwörtlich wurde. Drake und Torres gesellen sich zu Zierenberg und dem Taugenichts. Das gestandene Auditorium lädt Hermés zur abgekanzelten Großspurigkeit ein.

„Der Admiral (Kolumbus) schoss wie ein Kugelblitz aus der Kapitänskajüte, nach ihm sprang der Steuermann aufs Vordeck. Der Admiral befahl dem Steuermann einen Anker weit hinter das Schiff zu werfen, um es im Heranzug wieder flott zu kriegen.“
Der Steuermann rudert ängstlich fort von seiner Aufgabe, hin zur Niña, einer Nao der kolumbischen Ostasien-Flotte. Schon sitzt der Kiel fest im Sand, das Schiff geht sofort aus den Fugen. Während der Strom immer mit voller Breite eine Längsseite trifft, krängt die Santa Maria, bis sie dem Wasser erliegt.

Der Steuermann wird in Ketten gelegt und zur Rechenschaft gezogen nach dem Rechtsgefühl der Epoche. Hermés entgeht den schwersten Bestrafungen nach dem Jugendstrafrecht. Er untersteht dem Kommando, das Kolumbus auf Hispaniola lässt, während den Admiral die Neugier seiner Gebieterin Isabella von Kastilien nach Spanien rufen. Unter der Aufsicht des Kaziken Guacanagari entsteht in der Gestalt eines Forts die erste spanische Siedlung auf amerikanischem Boden – La Navidad. Die Neusiedler benehmen sich wie die Axt im Wald, sie klauen wie die Raben. Sie schlagen sich wie Brunnenputzer. Endlich setzen sie Guacanagari eine Pistole auf die Brust. Bevor sie niedergemacht und das Fort dem Erdboden gleichgemacht wird, bemächtigen sich die Spanier der Reichskasse des Guacanagari. Der Schatz gilt seither als verschollen, so wie man auch nicht weiß, wo dieses La Navidad genau lag.

Hermés hat den Staatsschatz noch gesehen. Das macht ihn interessant. Das ist der Grund, weshalb er freigehalten wird.
Die erste Tortuga-Konferenz findet zu dem Zweck statt, eine Allianz zu schmieden. Drake, Lafitte, Torres und Zierenberg wollen den Schatz heben und sich dann gegenseitig kaltmachen. El ganador se lo lleva todo.

In den ersten sieben Bänden der geheimen Aufzeichnungen des kurhessischen Meisterspions und Ethologen Friedrich von Zierenberg, der im Auftrag von Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Cassel in Verhandlungen mit dem Freibeuter ihrer britischen Majestät Sir Francis Drake vor Tortuga Geschick bewies und uns als ein Leberecht von Blücher nach Art und Weise seines tätigen Wesens geschildert wird, finden wir wiederholt Bemerkungen, die von angeborenem Verhalten, Zierenberg spricht wie nach ihm Lorenz zunächst noch von „Instinktverhalten“, ausgehen.
Instinktverhalten – Was ist das?
Zierenberg nennt die Aufgeschlossenheit des Kaziken Guacanagari gegenüber Kolumbus zur Weihnachtszeit 1492 eine „Instinktlosigkeit ohne Beispiel“.
Die Kazikenkollegen in der Nachbarschaft hatten Guacanagari gewarnt.
„Wenn du den Kolumbus und seine skrofulösen Seeknechte erst mal an Land gelassen hast, dann ist Polen offen.“

Guacanagari antwortete: „Ihr Wurstis, das sind doch die Götter, von denen unsere Altvorderen uns überliefert haben, dass die eines Tages auf der Matte stehen werden, um die Syphilis zu verbreiten.“
Die Kollegen gaben Guacanagari zu bedenken: „Götter stinken nicht. Die scheißen auch nicht in die Dünen.“
Doch Guacanagari ließ sich nicht beirren. Er gab jedem Spanier ein Stück Baumwollzeug. Seine Untertanen folgten dem königlichen Beispiel. Sie schenkten den Matrosen ebenfalls Baumwollzeug. Das war das Kostbarste in ihrem Besitz. Zudem verschenkten sie auch noch alles, was sie in ihren Häusern hatten. Die Kleinigkeiten im Gegenzug nahmen sie begeistert hin.

Siebzig Jahre später beobachtet Zierenberg das Putzverhalten von Fliegen. Er bietet sich als Flughafen an und nimmt seine Untersuchungen vor, ohne eine Fliege zu verstimmen. Jede Fliege, die Zierenberg anfliegt, putzt sich nach der Landung, ich sag jetzt mal für den Hausgebrauch unwillkürlich. Sie putzt sich in einem x-stufigen Standardverfahren.
Besitzt die Fliege die Freiheit, den Ablauf zu variieren?
Auch die Pazifik-Feldgrille unterhält Zierenberg.
Doch wenden wir uns wieder Kolumbus zu. Als er die Herrschaft des Guacanagari zu penetrieren begann, hatte er die Erfahrung hinter sich, dass „gewaltsame Nötigungen bei Gelegenheit keine besseren Früchte tragen als Liebkosungen.“

Beides funktionierte mitunter, das Würgen genauso wie die Umarmung. Es gab da kein Patent. Gewalt und Liebe (vorgetäuscht oder egal) schienen auf einer Linie des Verhaltens zu liegen.
Kolumbus bat Gott: ihn mit seinem Erbarmen zu unterstützen, dass er endlich eine verfickte Goldmine fände. Der „Entdecker“ rechnete mit der Komplizenschaft Gottes. Diese neue Welt gehörte zu dem, was der Mensch sich nach Gottes Willen untertan zu machen hatte. Kolumbus zählte die „Inder“ zur Erde. Ihre Ausbeutung gefiel Gott ganz bestimmt zu dem Zweck, Spanien groß zu machen.
Noch ein Widerspruch: Kolumbus und seine Zeitgenossen erleben den „Inder“ als arglos und ohne Falsch. Das liest man immer wieder. Zugleich behaupten „die Entdecker“, der Inder sei ein zwanghafter Lügner.
„Er versicherte, dass große Mengen Gold zu finden seien und der Groß-Kazike ein Banner von geschlagenem Gold führe, doch läge die Gegend fern im Osten.“
Das Land im Osten konnte, so sah Kolumbus den Globus, nur Cipangu sein. Cipangu war Mythos und Japan in einem. Es diente einer Überflussgesellschaft als Unterlage.
Die Aussicht auf Gold (und Perlen) ließ Kolumbus alle und alles rosig erscheinen.

„Männer und Frauen sind von schönem Wuchs und nicht von dunkler Hautfarbe. Es ist wahr, sie bemalen sich.“
So schreibt Kolumbus der Hoheit seines Herzens – Isabella von Kastilien. Er schreibt so über Leute, deren Versklavung er zu seiner Angelegenheit gemacht hat. In Gefangenschaft hält er bereits zwei Dutzend „prächtige Wilde, Weiber wie Männer“, mit denen in Spanien die erste Völkerschau als royale Show aufgezogen werden soll. Kolumbus verheert die Seelen der „Inder“ in der Absicht, ihnen etwas Besseres als ihren steinzeitlichen Froh- und Gemeinsinn zu geben.
Für Kolumbus ist Gott so handfest wie er selbst. Gott hat die gleichen Bedürfnisse, er verfolgt die gleichen Interessen, nur in groß. Indem Kolumbus Gott die Seelen der „Wilden“ zuführt, erwirbt er ein Erste-Klasse-Ticket zum Himmelreich.
Kolumbus findet die Arglosigkeit der ländlichen Bevölkerung von Hispaniola „unnormal“. Da fehlt Tücke als Salz in der Suppe des Lebens, denkt Kolumbus. Vielleicht sind die „Inder“ auch nicht ganz so blöd wie sie tun.

Das ist eine Frage, die ihre Bedeutung nicht verloren hat. Warum werden die Helfer bei der Bergung einer Ladung nie zuvor gesehener Gegenstände nicht zu Strandräubern?
„Der Kazike und sein Volk weinen viel.“ Kolumbus
Der „gemeine Mann“ kriegt Dinge in die Hände oder sieht sie hochgestapelt, die für ihn von unschätzbarem Wert sind. Er greift nichts ab, der gemeine Mann – ein für die stinkenden, verlausten, seelisch verrotteten, von Skorbut entstellten Fernfahrer unfassbares Verhalten.

*

Zu Zierenberg legt sich die geschmeichelte Gattin seines Stiefelknechts, der sich auf St. Vinzent freiwillig zum Gefangenen gemacht hat. Es herrscht auf See eine Ordnung wie in englischen Internaten. Man bezeichnet das System organisierter Erniedrigung als Fagging. Weirdo ist Zierenbergs Fag.
Die eilige Unterwerfungsbereitschaft fiel Kolumbus siebzig Jahre zuvor auf.
„Die Dörfer und Häuser sind niedlich (kein Schreibfehler) und jeder Ortschaft steht ein Kazike vor, dem sie (die Bevölkerung) vollkommen gehorchen. Alle Gebieter reden wenig und haben ein sehr einnehmendes Wesen. Gar oft befehlen sie nur mit einem Wink, und ich (Kolumbus) muss staunen, wenn ich sehe, wie sie augenblicklich verstanden werden.“

Zierenberg nennt Weirdos Frau Ute.
Einst setzte der steinalte Schiffsjunge Hermés das Flaggschiff des Kolumbus auf eine Sandbank. Auf Drakes „Red Jane“ behauptete er (nach zwei Flaschen Rum und der Aussicht auf eine Metze von unverleugbarer Provenienz) genau zu wissen, wo der Schatz des alten Kaziken Guacanagari lag. Zierenberg hegte seine Zweifel. Er rümpfte die Nase angesichts der derangierten Erscheinung des betrunkenen Greises. War der mit allen Wassern gewaschene, nordhessische Welt- und Edelmann überheblich? 

Drakes Fregatte, deren Anblick weltweit Furcht erregt, ankert im natürlichen Hafen von Tortuga. Auf der Île de la Tortue leben fünftausend Zugezogene nach eigenem Gesetz. Sie haben sich eine Verfassung gegeben, die jedem Mann volle Freiheit einräumt. Das gilt auch für entsprungene Sklaven. Hat der Schmied einen Maroon vom Halseisen befreit, wird gleich eine schwarze Messe gelesen. Das geht als Rummel mit Wildschweinragout, Krabbensalat, Guave-Rum-Longdrinks, Sandelholz-Erleuchtungen und Trance-Operetten über die Bühne. Berühmte Zweikämpfer vergleichen sich in ihren Stilen. Capoeira ist das brandneue Ding, noch voll in der Entwicklungsphase. Athletisch anspruchsvoll.
Auf Tortuga gibt es keine Sperrstunde. Vögel und Schweine sind überschüssig vorhanden so wie natürliche Kräutergärten. Das sind regelrechte Apotheken auf der grünen Wiese. Das Meer lässt seinen Überfluss über die Ufer treten.

Die meisten Kapitäne verbieten ihren Besatzungen den Landgang auf Tortuga. Drake vertraut seinen Männern. Sie fühlen sich ihm so verpflichtet, dass sie sich auch verkatert in den Kampf werfen. Keiner rechnet mit einem langen Leben, alle fürchten das Schwinden der Libido und den Spott der Frauen. Wer tätig lebt und darin seinen Zweck erkennt, dem kann die Verminderung der Kräfte im Alter nicht gefallen. Ein Mann, der zwanzig Jahre Kaperfahrt überlebt hat, gilt als unsterblich und zugleich als Zombie. Die Afrikaner wissen Dinge, da schnallst du ab. Die beten dir die Stunde deines Todes vor, dann kauen sie wieder ihren Tabak und spucken so aus, dass du nicht weißt, ist das jetzt Verachtung. Musst du dich beleidigt zeigen? Besser ist, du tust es nicht. Tu so, als sei dir gar nichts aufgefallen. Pfeif, wenn du kannst, das Pfeifen lässt dich entspannt rüberkommen.

Ein Wort, das nie laut fällt – „Trépanation“. Die Gilde der Schädelbohrer schwärmt nächtens aus. Heiner Müller erinnert an Carmen Boullosa, wenn er das Wort von der „Karibischen Bruderschaft“ mit dem Geschäft des Trépanateurs in Verbindung bringt. Nicht nur im Zuge ritueller Menschenopfer werden Schädel geöffnet. Bohrer gehören zur regulären Bewaffnung mancher Bukanier-Secessionen.

Schädel werden im Zuge schönheitschirurgischer und magischer Maßnahmen geöffnet. Der entfesselte Europäer übernimmt Motive aus dem Voodoo-Portfolio. Er lässt sich tätowieren, piercen, rasieren und gegebenenfalls auch ohne medizinischen Grund ein Loch in den Kopf bohren, um die Freiheit als ungeheure Erfahrung archaisch zu schmücken. Zierenberg schreibt:
„Die Entbindung von allen europäischen Schranken stößt den Bukanier zurück in die Steinzeit.“
Zierenberg irrt. Eine Funktion extremer Körpergestaltung ist der aktive Selbstausschluss. Der Bukanier zeigt an, dass er mit der Alten Welt fertig ist. Er kann nicht mehr zurück. Das macht ihn vertrauenswürdig; es macht ihn zum „Bruder“.

Die karibische „Bruderhilfe“ kennt Renten- und Krankenkasse. Sie empfiehlt, sich gegen Erwerbsunfähigkeit zu versichern. Es gibt Piraten-Manifeste und –Statuten und die ersten standesamtlichen Eheschließungen. Gleichgeschlechtliche Verbindungen sind den Alternativen gleichgestellt. Während in Europa Ehen zwischen Katholiken und Protestanten ausgeschlossen sind, kann sich in der Karibik zusammen tun, wer will. Auch deshalb heißt es: Auf nach Tortuga!

Auf Tortuga wird die Emanzipation des Menschengeschlechts vorangetrieben. Piraterie ist ein Motor der demokratischen Zukunft. Damit einher gehen Exzesse, es geschieht viel im Geheimen. Zierenberg sieht sich an Land um. Bald stellt er fest, dass er verfolgt wird. Er stockt die Bewaffnung auf und bleibt in Bewegung. Wieder fragt sich Zierenberg, warum etwas, dass heute neu erscheint, nicht schon gestern aufgetreten ist. Da es doch gestern schon möglich gewesen sein muss. Arbeitet der Zufall als Verteiler von Informationen sinnvoll?
Harlekine tauchen auf, äffen Zierenberg nach, und zischen ab wie Brause. Zweifellos bilden die Harlekine eine Bande. Vielleicht braten sie nach dem Komment schrecklicher Verabredung Unvorsichtige am Spieß.
Wer kann das wissen?
Eine vom Laster gefallene Stimmenrauscherin bedeutet Zierenberg ihr unter Arkaden zu folgen.
„Wollt Ihr Rum, feiner Herr?“ fragt die Verworfene. Verfolgt sie die Absicht, Zierenberg mit OK-Tropfen reif für seine Ausweidung zu machen.

„Unschuldig bin ich ins Unglück gefallen. An sich bin ich nicht übel.“
Wer soll das glauben?
Schellen verraten ihre Zugehörigkeit zum „Bund gemeiner Schwestern“.
Bettler täuschen Gebrechen vor.
„Bring erst eine Flasche vom Besten. Ruf dann den Wirt, dass ich mir ein Bild von seinem Charakter machen kann. Beeil dich“, verlangt Zierenberg.

Von einem Markt kommt viel Lärm, vereinzelt wird doch noch oder schon wieder mit Menschen gehandelt.
Ein heimtückischer Bettler fällt vor Zierenberg in den Staub. Er lässt den Superhessen nicht aus dem Verschlag seiner gelbtrüben Augen.

*

Die Spanier haben „Westindien“ längst verladen. Die britischen Nachrücker betreten erwürgte Gebiete und treffen eine vergewaltigte Bevölkerung. Sie schlagen sich mit regulären spanischen Verbänden, sofern sie sich nicht mit Franzosen und Niederländer bekriegen.
Die Europäer in der Neuen Welt treiben Handel, Krieg, Landwirtschaft und jedwedes seemännische Gewerk wie in einem Atemzug. Sie mischen sich, Zierenberg beschreibt die Resultate in seinen geheimen Aufzeichnungen. Er zieht den Schluss, dass jede Population unweigerlich ihre Distinktion verlieren müsse.

Zierenberg spricht fatalistisch von einer „Mathematik des Sozialen“, er erinnert im Vorgriff an William Paterson (1655 – 1719). Paterson war erst einmal nur ein Schotte auf der Flucht. Pleite erreichte er Panama. Er sah sofort, welche Vorteile ein Kanal der christlichen Seefahrt bringen würde. Die Verbesserung der Handelswege in den Fernen Osten war eine Epochenobsession.

Paterson schloss sich Piraten an. Nach einem Schusswechsel zum Nachteil von John „Aloha“ Blake schwang er sich zum Kapitän eines Kaperfahrers auf. Er kritisierte sdie Anlagemöglichkeiten seiner Prisen als deutlich zu wenig gewinnbringend. Deshalb gründete der Pirat die Bank von England. Es versteht sich, dass Paterson in den Adelsstand erhoben wurde.
Die Erfindung des Pulvers zeigt, dass die im Begriff des Krieges liegende Tendenz zur Vernichtung des Gegners von Bildung keineswegs abgelenkt wird. Clausewitz

Indem Drake Verbrechen begeht, erfüllt sich für ihn das Leben eines Edelmannes. Er hält alles für eine Frage der Willenskraft. Wäre Clausewitz früher daran gewesen, Drake hätte ihm widersprochen. Clausewitz setzt „die Größe der vorhandenen Mittel“ und „die Stärke der Willenskraft“ in eins. Drake kommt aus dem Gähnen nicht heraus, ist der Gegner mannschaftlich nicht wenigstens drei Mal überlegen. Er hat es mit der spanischen Flotte zu tun und mit der Kollegenkonkurrenz. Seit einer Woche ankert er vor Tortuga und es ist erst ein Mord an Bord geschehen.

Die Luft steht über dem Hafen. Siebenundzwanzig Noten eines schottischen Whiskeys aromatisieren sie. Der fähigste Pirat und größte Schwarm der englischen Krone dreht zur Kugel einen Popel, während er, sein Interesse nachlässig verschattend, Ute beobachtet. Zierenberg drängt Prozessionsspinner in eine Kreisbewegung, um einmal wieder festzustellen, dass die Spinner einander folgen müssen und den Kreis auch nicht aufgeben können. Das ist erfolgreiches Verhalten!
Wie kann das sein?

Drake schnippt den Popel dem Bootsmann in die Perücke. Der Bootsmann schlägt sich unwillkürlich so wie man sich eines lästigen Insekts erwehrt. Er rülpst leidenschaftlich. Es hat sein Gutes, dass keine Frauen an Bord sind. Weibliches Personal und die Sinnlosen im Tross zählen nicht.

Zierenberg wendet seine Aufmerksamkeit einer pazifischen Feldgrille zu – Teleogryllus oceanicus. Der blinde Passagier wird sonst von keinem beachtet. Ute verfolgt jede Regung des Kasseler Feldjägers, verweigert aber den Gegenständen seiner Zuneigung die Beachtung.
Die Hitze prallt geschossartig und erbarmungslos aufs Deck, Hermés ist mittags schon blau, eher noch rabenschwarz. Dicht wie eine Eule. Voll wie eine Haubitze. Breit wie eine Wand. Doch solange Drake glauben möchte, dass die Alimentation des Greises einen Schatz heben hilft, wagt keiner, Hermés zu tadeln.

Das Kommandanteninteresse entgeht Ute nicht. Sie hat ein schweres Gesäß und eine Neigung zum Pimp Roll. Eine Tendenz zur maskulinen Attitüde. Gelangweilt verstrickt sie sich in ein Geplänkel mit Händlerinnen, die ihre Kanus dicht am Schiff halten. Die Zeiten ihrer billigen Beglückungen sind lange vorbei.

Die Händlerinnen von Tortuga haben mit den „Weibern der Wilden“, die Kolumbus auf den „westindischen Inseln“ traf, nicht mehr viel gemeinsam. Als seine Santa Maria ihre Seetüchtigkeit verlor, bargen die Untertanten des Kaziken Guacanagari „mit großem Mut und Eifer“ die Ladung.

Kolumbus beim Kamingespräch:
„Nirgends in der zivilisierten Welt konnte Gastfreundschaft reiner geübt werden, als sie von diesen unkultivierten Wilden geübt wurde. Alle Dinge, die vom Schiff kamen, ließ Guacanagari in einer Villa anhäufen und bewachen. Doch der gemeine Mann zeigte überhaupt keine Neigung, aus unserem Unglück Profit zu schlagen.“

13. Juli 2016

Hessenmeister

War Kolumbus wahnsinnig?

Als Kolumbus eine indische Straßenkarte auf die gewundene Küstenlinie von Haiti legte, glaubte er, mit einem Araber als Dolmetscher vor Ort gut aufgestellt zu sein

Zierenbergs Schilderungen der Neuen Welt fallen günstig aus. Bäume belasten Früchte von versuchender Gestalt. Da macht einer auf Camping im Paradies. Die von Kapitän Torres kommandierte, von unbekannten Fiebern erfasste, kaum gelegentlich willkommene Reisegesellschaft trifft in rascher Folge auf Weiler mit zwei, drei Unterständen in landestypischer Leichtbauweise. Überall Netze und Hängematten – gewirtschaftet wird im Spektrum zwischen Süßkartoffel und Baumwolle. Zierenberg exponiert in seiner Liste amerikanischen Pfeffer in Erinnerung an ursprüngliche Absichten des Kolumbus, der auf indische Spezereien scharf war. Zierenberg erwähnt besonders eine Gemüsbohne, die er den Lupinen zurechnet.

Er hört den Schlag der Nachtigall und betrachtet Vögel mit seltenem Gefieder. Dies als Beispiel für eine europazentrierte Perspektive. Zierenberg wähnt sich an einem Anfang der Kultur. Er erwartet (beobachtet/fiktionalisiert) die Bevölkerung auf einem Übergang von nomadischer zur sesshaften Lebensform. Die Rückständigkeit priviligiert den Weißen zur Vorherrschaft.

„Die Verwunderung, womit man uns allerorts betrachtet, zeigt klar, dass dieses Volk mit zivilisierten Menschen noch nichts zu tun hatte.“

Kolumbus hatte sich im ersten Anlauf Phantasien von orientalischen Despoten und Palästen hinter dem nächsten Hügel hingegeben. Bald sah er sich in eine unverständliche Region versetzt. Bei Leslie B. Mortimer las ich: „Kolumbus befand sich in einem Zauberland, da seine Einbildungskraft mit magischer Gewalt alles schuf, was sie brauchte, um die Herrschaften in der Heimat zu beeindrucken.“

Kurz gesagt, Mortimer behauptet, Kolumbus sei in „Westindien“ oder schon vorher wahnsinnig geworden und habe so wahnsinnig erstaunlich lange das Zepter im Griff behalten.

Siebzig Jahre später weiß jedes Kind: hinter dem nächsten Hügel wartet der nächste unkultivierte Hügel. Gerüchte von Gegenden im Osten, wo Leute Gold bei Fackelschein aus Flüssen fischen, sind das Geschirr, in dem alle stecken: Torres' Mannschaft, angeheuerte Haudegen, von der Gemeinschaft an Bord und am Ufer angeödete Einzelgänger. Darunter frühe Wissenschaftseuphoriker. Wahre Futuristen auf geträumten Feuerstühlen: gestrandet in der Vergangenheit.

Eiferer sind an Bord, die in Erwartung muslimischer Vorherrschaft in Europa das Weite suchen. Während sie das Kreuz hochhalten, zwinkern sie Luzifer zu. Nennt sie Bohemians. Manche nennen sich selbst so. Fernwald Classen heißt ihr Vorstand mit eigenem Manifest. Er nimmt Henry David Thoreau nicht vorweg.

Classen predigt Härte. Er entführt einen Youth Bulge, so sagt die Soziologie, einen Testosteron-Überschuss, seinen angestammten Plätzen der Entladung. Stellt euch vor, diese jüngeren und jüngsten Söhne und Brüder, allesamt kaum alphabetisiert, explodierten in Europa – soziale Sprengsätze, die sie in der Konsequenz einer anthropologischen Konstante (Fernwald Classen) angeblich sind.

Die „Eroberer“ sind Verlierer der europäischen Ordnung. Diese Ordnung hebt der Urwald auf. Dafür weiß keiner genau, wo er ist. Man kann nicht alles haben.

*

Friedrich von Zierenberg memoriert, dass Kolumbus ein Menschenalter vor ihm „Wilde an Bord nahm, Männer wie Weiber.“ Sie sollten Spanien sehen, Christen werden und bei künftigen Reisen nützlich sein.“
„Ich hörte“, zisiliert Zierenberg, „dass die Mitreise seitens der Wilden nicht eine freiwillige war.“
Kolumbus fand sich wohltätig. „Diese Leute“ kannten „Gottesverehrung nicht“, sie waren „von sanfter Art und ohne Falsch“.
Sie töteten einander nicht und beraubten sich nicht der Freiheit.
Kolumbus setzte das in Erstaunen. Komisch, diese Inder. Führen keine Waffen und sind „so furchtsam, dass ein einziger von uns reicht, um ihrer hundert „dahinfliehen“ zu lassen.

Sie glaubten alles, „was wir ihnen sagten“.
Zu Kolumbus‘ Zeiten verstand man ozeanische Reisen als Unternehmungen, die im besten Fall „zum Wachstum und Ruhm der christlichen Religion gereichten“. Man unterschied nicht groß zwischen Handel und Bekehrung. Die Missionare waren social fixer. Zierenberg zitiert Kolumbus: „Der Verkehr mit Nichtkatholiken bringt Gleichgültigkeit in Bezug auf die Glaubenssätze, erschüttert folglich das Fundament der Religion, während der Umgang mit nicht guten Christen unmittelbar Sittenverderbnis herbeiführt.“
Zierenberg ist evangelisch, die Reformation noch jung genug, um heftig zu sein. Der Protestant befährt den Rio de los Mares als eine Art Zaunkönig. Das Kommando auf der Karacke hat Kapitän Torres. Für ihn ist Zierenberg ein Abtrünniger, doch sind an Bord noch mehr zweifelhafte Christen. Über aufgegebene Götter der einheimischen Bevölkerung noch nicht ethnologisch nach. Er rechnet „die Götzen“ zu einer „tiefstehenden und traurigen Religion, viel armseliger als die Menschen, die sich fälschlich zu ihr bekannten“.

Er spricht mit Fernwald Classen, dem Anführer der Deutsch-Schweizer Landjugend. Classen ist charismatischer Führer einer Erneuerungsbewegung, in der Zukurzgekommene sich sammeln. – Bauernsöhne, ohne Aussicht auf ein Erbe. – Adlige und Gelehrte mit nichts als einem Titel. – Hochstapler. Rassistische Schriftsteller, ich erinnere an Odin Dunkel, der allerdings in der Schweiz zurückblieb. Ein Nachfolger, der „Transhumanist“ Bernd Kröll, beruft sich heute noch auf Dunkel. Muslime setzt er konsequent als „Musels“ herab. Unterstützt wird Kröll von „Stimmenrausch“-Aktivisten, die ihre Freude an der Anonymität nun auch als Leserbriefschreiber auf Spiegel Online ausleben. In einer Auswahlmannschaft sind die „Stimmenrauscher“ an der Berliner Stadtgrenze schon auf Menschenjagd gegangen. Ihr „repressives“ Repertoire erfüllt sie mit Stolz. Am liebsten legen sie ihre Einsichten unter den Kolumnen hoffentlich weitgehend ahnungsloser Spiegel-Online-Autorinnen ab.

Stimmenrauschender Leserbrief auf spiegel online (mit allen Fehlern:)
im gegensatz zu allen anderen religionen befindet sich die christliche welt seit ca. 1300 jahren in einer feindlichen auseinandersetzung mit der islamischen welt, mal mehr oder weniger offen, aber grundsätzlich ständig. diese 1300-jährige gegenseitige aversion und das ringen um die vormacht hat sich in das kollektive gedächnis der christlichen und der islamischen welt eingebrannt, das gibt es weder in bezug auf den buddismus oder hinduismus. muslime reagieren daher weit empfindlicher auf offene oder vermeindliche beleidigungen oder mangelnden oder vermeindlich mangelnden repekt vor ihrer religion. christen wiederum ist der muslim weitaus suspekter als der buddist, hinduist oder sikh und wird daher mit wesentlich größeren vorbehalten begegnet. es ist daher „normal” wenn es mit einwanderen aus islamischen ländern größere probleme gibt als mit anderen, da ist eine unterschellige gegenseitige abneigung am wirken die sich auch durch eine willkommenskultur nicht ausbügeln läßt.

*

Die Reisegesellschaft erreicht St. Vincent*. Da begegnet sie „einer starken Bande von Kriegern mit drohenden Mienen“. Zierenberg notiert: „Die Insel ist also nicht ganz ohne Polizei und staatliche Ordnung.“
Der Oberwachtmeister rät zur plötzlichen Abreise.
Zierenberg: Sonderliche Furcht hatten nun freilich die gepanzerten Seefahrer nicht; ihre Feinde waren armselig bewaffnet, ganz nackt, ohne Schild, mit spitzen Stöcken …
*Später Stamminsel der Garifuna, einer volkstümlichen Verschmelzung von Afrikanern und Kariben.

Zierenberg dilettiert als Ethnologe, Botaniker und Geograf. Er weigert sich in der Bewaffnung des Feindes etwas so Ausgereiftes wie Lanzen oder Spieße zu erkennen.

Der Mangel an Kleidung schmälert die Verteidiger. Zierenberg schwitzt unter Helm und Brustpanzer, doch kommt es ihm nicht in den Sinn, die Rüstung für unangebracht zu halten. Zierenberg ist richtig angezogen, die anderen sind es nicht. Der Mann wähnt sich immer im Recht, immer fühlt er sich überlegen. Immer sind die anderen doof und stinken.

Zierenberg steht am Strand von St. Vinzent und wartet von Fliegen umgarnt auf ein Gemetzel. In der Zwischenzeit erklärt der Dolmetscher den Kriegern, was sie erwartet.

„Der Dolmetscher hatte Angst, er zitterte fortwährend; er trat aber vor mit der Armbrust eines Christen und zeigte sie den Wilden. Er empfahl ihnen, sich in allergrößter Acht zu nehmen. Sie würden sonst getötet werden. Unser Mann nahm ein Schwert, entzog es der Scheide, wies den Wilden die Schärfe und bemerkte, damit würden sie in lauter Stücke gehauen, so sie sich nicht eiligst aus den Staube machten. Das wirkte: im Nu stoben die Wilden auseinander.“

Bei der nächsten Begegnung mit „Wilden“ sammeln die Europäer die angespitzten Stöcke ein.

„Torres gab ihnen ein bisschen Brot und verlangte dafür ihre Stöcke. Wer gehorchte, dem reichte er eine Schelle oder einen Messingring. Beinah augenblicklich strömten von überall Wilde herbei, begierig darauf, ihre Waffen gegen Tand einzutauschen.“

Die Einheimischen behandeln den Abfall wie Reliquien oder „hochgeschätzte Andenken“. Im Handumdrehen sind sie wehrlos.

Zierenberg nennt das „einen Handstreich“. Torres, seinem Wesen nach ein halluzinierender Querulant, streitlustig, bissig, verbohrt, seelisch entkernt, nur noch am Gold und an seiner Bequemlichkeit interessiert, beweist skrupellos Intelligenz. Für ihn besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen einen „Wilden“ und einem Affen. Affen sind ihm lieber, da diesen Primaten die Hybris der Menschenähnlichkeit abgeht. Eine Affe gibt sich als das zu erkennen, was er ist. Das tut der „Wilde“ nicht.

Den „Wilden“ an der Nase herumzuführen, ist Christenpflicht; die Schiffsjungen kommen vor den Granden auf den Trichter, wie weit man gehen kann bei den „Eingeborenen“. Sie erschrecken die Leute mit Tröten. Die Tröten erzielen die Wirkung der Posaunen von Jericho.

Um die Rechtmäßigkeit aller Verhältnisse einfach von den Füßen auf den Kopf stellen zu können, nennen die Europäer jeden Kariben einen Menschenfresser. Das macht den Kariben zum Feind der Christenheit. – Zu einem Ungläubigen. So einem den Schädel zu spalten, will auf Erden und im Himmel gelobt sein.

Zierenbergs auf Geheiß und Kosten des ersten Landgrafen von Hessen-Cassel (vorher hieß es bloß Landgraf von Hessen) Wilhelm IV. (1532 – 1592) abgefassten und gedruckten Reisebericht entdeckte ich 1980. Auf der Suche nach einem abgefahrenen Ort waren Mara, Susanne (genannt Flitz) Murat (genannt Osman, er gründete später das Label „Osman Universal“) und ich in eine aufgegebene Heilanstalt eingestiegen. Das war nicht einfach gewesen.

Alles war vergittert und verrammelt, wir halfen uns mit einem Brecheisen. Wir stellten fest, dass nicht amtliche Umsicht die Anlage vor unbefugtem Zutritt sicherte. Die Anstalt war als Seuchenkrankenhaus gegründet worden und lag abgeschieden im Wald. Man konnte es krachen lassen, fürchtete aber vandalische Konkurrenz. Abgeordnete der Kasseler Landkreisjugend hatten alles dichtgemacht, so dass andere da nicht als Punks einsteigen konnten. Die Reviergebieter waren Hartmetaller, das zeigte die Bemalung.

War alles magisch, zumindest unheimlich.

Gänge, in denen kein Licht anging. Räume wie Höhlen, die zu archäologischen Gesängen anregten. Ein Heizstrahler war eiskalt zurückgelassen worden.

*

Die „Wilden“ halten alle Europäer für „Spanier“ und alle Spanier für Menschenräuber. Auf dem Schlachtfeld der Propaganda treten den Menschenräubern Menschenfresser entgegen. Auf St. Vinzent bemerkt Zierenberg eine abgedrängte Population. Die herrschenden Kariben wurden bei einem Verdrängung und Verschmelzung verbindenden Prozess von den Spaniern gestört.
Zierenberg beobachtet. Einheimische verständigen sich mit Rauchzeichen. Sie bauen Häuser so, dass sie von See aus nicht zu sehen sind. Sie haben Strandwächter mit stutzerhaftem Gebaren. (Einen Polizeidienst mit Milizstruktur.) Sie fürchten Korsaren, sind aber auch selbst welche. Naht ein Feind, vergraben sie den Hausrat. Die Frauen fliehen mit Kindern auf Kämme, während Männer Banden bilden „und die Bewegungen der Korsaren beobachten, um sie zu überfallen, sollte der Feind unbehutsam vorgehen.“

„Im offenen Felde wagen sie keinen Kampf. Gewaltsam treten sie nur da auf, wo wenig Widerstand zu erwarten ist.“

Zierenberg wundert, dass eine so schwache Gemeinschaft wie die auf St. Vinzent dominanten Kariben Kraft zur Verdrängung entwickelt. Dass die „bedauerlichen Gesellen“ sich bestimmend auf ein Territorium so groß wie die Schweiz auswirken, hält er für eine Grille der Natur. Ihm fällt nicht auf, wie wenig Überflüssiges die Leute befrachtet. Sie leben in ständiger Alarmbereitschaft und leben doch gut. Bei ihren Nachbarn genießen sie die Achtung, die man furchtbaren Kriegern zollt. Den Spaniern bieten sie ihre Frauen an. Zierenberg folgt einer Einladung und macht sich später so seine Gedanken über den gastgebenden Gatten, den er „Weirdo“ nennt. Weirdo dient vielen Episoden und schlichten Einlassungen als Stichwortgeber.

Während für Kolumbus die neue Welt Enttäuschungen in Hülle und Fülle bereit hielt, ist sie für Zierenberg ein faszinierender Ort. Die Spanier stehen ihm kaum näher als Kariben. Sind alles Fremde für den Niederhessen auf großer Fahrt. Er stellt fest, dass die Insel „langgestreckt“ ist und erwähnt „die vielen Feuer des Nachts“.

Alles in allem kriegt er wenig Volk zu sehen. Die Kariben schwanken zwischen Angst und Begeisterung. Übrigens bezichtigen sie jeden Feind (und Fremden) der Menschenfresserei. Zierenberg prüft den poetischen Mehrwert der phonetischen Nähe von „Kariba“ und „Kanniba“. Schon Kolumbus hatte die Inseln der Kariben unter „Kanniba“ zusammengefasst und ihre Bewohner als „Kannibalen“ dem europäischen Gruseln überlassen.

Zierenbergs Aufzeichnungen sind nicht frei von Nachlässigkeiten. Plötzlich ankert man vor Hispaniola (heute Haiti) und Weirdo fürchtet sich mit seiner Familie an Bord vor den Konsequenzen der eigenen Entschlüsse.

Was ist geschehen? Hat sich Weirdo an die Fersen des Ritters geheftet? Schauen wir hier dezent vorbei an einem Abgrund? Zierenberg zeigt sich „ein großartiges Gebirge mit gelinden Abdachungen in Savannas“. Er bemerkt „Wiesengründe und Alpengelände“. Vor allem jedoch registriert Zierenberg landwirtschaftliche Nutzflächen neben „tropischem Pflanzenwuchse“. Dies stellt er „um die Vesperzeit“ fest, sein Schiff ankert in einem natürlichen Hafen, der von Kolumbus den Namen St. Nikolaus verpasst bekam.

„Eine reizende Ebene, von einem schönen Fluss durchschnitten …“.

Das Wetter schlägt um, tagelang regnet es. Eine Abordnung aus Puerto Concepción schließt auf, Zierenberg legt Weirdo ein Nachtlager an Deck nah, auf die Gefahr hin, dass ein Schnupfen den Kannibalen dahinrafft.

„Weirdo sieht heute morgen gar nicht gut aus“, notiert der Reiseschriftsteller. Offenbar gibt es keine bessere Gegend auf der Insel als das Gebiet in Aussicht der Ankernden. Ein reger Handel ist längst in Gang gekommen. Die Anlieger fahren im Kanu vor. Zum Zeichen ihrer Verehrung oder Unterwerfung legen sie die Hände auf den Kopf, bevor sie in Verhandlungen eintreten.

6. Juli 2016

Hessenmeister

Amerikanischer Pharao

Die Erfindung des Indianers in der Gestalt des edlen Wilden

Pizarro und Almagro fangen ihre Goldlandsuche im November 1524 mit hundert Mann an. Bis Weihnachten sind zwanzig Landsknechte am Fieber gestorben. Der Rest will heim (nach Panama). Pizarro bedroht jeden Defätisten mit einem schrecklichen Tod. Den Deserteur Luque lässt er mit Bluthunden jagen. Die Hatz endet mit einer Kreuzigung am Heiligen Abend. In den Aufzeichnungen des nordhessischen Freibeuters Gernegroß Huf, der schon mit Vasco Núñez de Balboa dem Gold nachstieg, erscheinen Pizarros Haudegen als goldsüchtige Blutsäufer.
Man sei daran gewöhnt, Untaten einen seriellen Charakter zu geben, schreibt Huf. Man überböte sich „in der Gemeinheit, um das Gewissen abzustumpfen“.
Die Eindringlinge beruhigen sich, indem sie morden und sich die Banalität der Sache so vor Augen führen. In den „Eingeborenen“ sehen sie rechtlose Wesen, vergleichbar mit Nutztieren. „Eingeborene“ sind ehrlos und können deshalb nicht betrogen oder beleidigt werden. Man fängt sie mit Listen und schierer Gewalt. Ergeben sie sich nicht einfach, wirft man ihnen den Widerstand vor.
Potentaten bitten Pizarro um Waffenhilfe. Nach der spanischen Art werfen die Gefolgsleute Gefangene der Meute in einer Grube zum Fraß vor.


Die Expedition erreicht ein Dorf, wo Mais und Kakao und die Kunde von einem zwölf Tagesreisen entfernten Großreich eingestrichen werden. Huf berichtet von kostbaren Gegenständen und Beweisen für Menschenfresserei. Die Leute wagen keinen Schritt, der mit ihren Geistern nicht abgesprochen ist. Alles ist Totem & Tabu.
Die Europäer werden gebeten, eine Nachbargemeinde niederzumachen.
„Man nimmt uns in Anspruch wie fahrende Metzger“, schreibt Huf. Seine Schilderungen liefern Ethno-Splatter. Er beschreibt die „Beschaffenheit der Eingeborenen“.

*

Bei Punta Quemada stößt der vorauseilende Almagro auf ein befestigtes Dorf. Er stürmt die Palisaden und verliert beim Angriff ein Auge. La bataille de Punta Quemada kennt als Anlass nur Goldgier.
„Die Zeichen von Kultur und Reichtum häufen sich“, schreibt Huf. Die Gefährten übernehmen Angewohnheiten und Schmuckvorlieben der „Eingeborenen“. Sie führen einen karnevalesken Tross aus Freiwilligen und Gefangenen.

Es gibt kein Gesetz, das Pizarro einschränkt. Es gibt kein Beispiel für seinen Feldzug. Pizarro hört von einem großen König und von Palästen. Der andalusische Lotse Bartoloméo Ruiz schließt auf.
Pizarro erforscht die Küste von Quito. Er wandert durch Wälder, in denen Affen den Ton angeben. Die Affen erscheinen seinen Männern wie „höhnende Teufel“. Riesenschlangen und Kaimane nehmen für den kleinen Hunger mit manchem Spanier vorlieb.

Vierzig Jahre nach Pizarro schifft Friedrich von Zierenberg auf dem Rio de los Mares. Ein waldreicher Höhenzug dehnt sich vor dem nächsten. Bei „ungünstigem Wind“ und mit der Aussicht auf „schlimmes Wetter“ geht die Reise voran. Die Eroberer entdecken „eine Sammlung elender Hütten“. Kapitän Rodrigo de Torres ist ein Gott auf der Flucht. Heiner Müller beschreibt ihn so: Torres war als Mann der Alten Welt kaum zu begreifen. Er verspürte keinerlei royale Sympathien. Ihm fehlte der innere Ankergrund Europa. Mit der von fremdem Blut nassen Hand brach er das Brot ohne Bedenken. Er folgte seinen Bedürfnissen als seien sie Gesetz.

Torres sendet zwei Boote ans Ufer, um die Unterkünfte zu inspizieren. Zierenberg schreibt: „Die Indianer fliehen aus Angst vor den spanischen Waffen und in dem Wahn, Torres befehlige eine räuberische Expedition und wolle sie zu Gefangenen und Sklaven machen, in die Wälder.“

Interessant ist die Personalisierung. Zierenberg erscheint selbstverständlich, dass die spanischen Kapitäne den Leuten am Fluss bekannt sind.

Interessant ist ferner „die Flucht in Wälder“. Man steht im Wald. Ist alles Wald. Die Konstruktion eines Außer Waldes auf dem Wasser definiert den weißen Standpunkt wie der Mondstein die Sterne. Schiffe sind Körper der Zivilisation, die Angst der Einheimischen gehört zu den traurigen Tropen.

„Wir kehrten zum Schiff zurück.“

Am Abend lässt Torres wieder ein Boot an das Ufer abgehen, mit einem Indianer an Bord, der die Eingeborenen von den wohltätigen Absichten der Spanier unterrichten und sagen sollte, dass sie mit den Menschenjägern in keiner Verbindung stünden. Nachdem der Indianer das den Wilden zugerufen hatte, sprang er ins Wasser und schwamm ans Gestade. Die Eingeborenen nahmen ihn gut auf und ließen so sehr von ihrer Furcht sich abbringen, dass bald vierzehn Kanus mit Ladungen von Baumwollgarn und anderen einfachen Handelsartikeln die Karavellen umgaben.

Der Fuchs Torres verbietet jeden Handel außer dem Tausch von Tand gegen Gold, dass „die Wilden versucht würden, die eigentlichen Reichtümer ihres Landes zu zeigen.“

Sie konnten aber nichts anbieten und waren von allem Schmuck aus kostbarem Metall entblößt. Nur einer trug in seiner Nase ein massives Stück Silber.

Die Wilden haben dazugelernt. Während sie zuerst nicht verstanden, weshalb sich die Eindringlinge bei jedem größeren Goldaufkommen in die Haare kriegen, ist ihnen die Sache nun klar. Kapitän Torres lädt den Bürgermeister und die wichtigen Mitarbeiter zum Umtrunk unter Deck ein. Zierenberg bemerkt angeschliffene Zähne, ein „verschlagenes“ Grinsen. Für den Reiseschriftsteller sind diese Leute zurückgebliebene Kinder Gottes – der Führung und Aufsicht bedürftig. Zu Gehorsam befähigt. Nicht übel in ihrer Art.

Der Skandal des Holocausts bestand darin, dass er in Europa stattfand. Heiner Müller 

Das Gold der Inka macht das Plumpsklo Spanien weltgeschichtlich salonfähig. Kein Mensch fragt nach der Rechtlichkeit des  Reichtums. Die Europäer stinken nach Blut. Jeder Satz beginnt mit den Worten _tu mal. Ob gusto oder aliento._ Die Spanier nehmen Kakao und geben Syphilis. Da die „zarten indianischen“ Bergwerkssklaven akkordisch sterben, importiert man Afrikaner. Trotzdem behält man einen moralischen Vorsprung und sowieso die Deutungshoheit. Es ist absurd, aber wahr.

Weiß zu sein, bedarf es wenig, doch wer weiß ist, ist ein König.

Zierenberg fasst den Besuch vom Bürgermeister ethnologisch auf. Er spekuliert darüber, ob dessen Knochenschmuck menschlichen Ursprungs sei.

Torres versteht die Einlassungen des Würdenträgers so, dass vier Tagesreisen landeinwärts ein amerikanischer Pharao wohnt.

Torres vermutet in Zierenberg keinen Spießgesellen, doch einen Mann seines imperialen Selbstverständnisses. Deshalb hält er mit nichts hinterm Berg.

Torres schickt zwei Boten ab, die dem König beste Grüße von Philipp II. überbringen sollen. Philipp II. nennt sich König von Spanien – anders als seine Vorgänger. Als Kolumbus den Rio de los Mares befuhr, grüßten noch zwei kastilische Majestäten. Philipps Vater, Karl I., war König von Kastilien und Aragón. Es bedurfte dieses Riesenraubs, um Spanien auf eine Formel zu bringen.

Identität und Verbrechen – der Dschungelmarsch deklariert sich als „Mission“. Extra erwähnter Teilnehmer: ein getaufter Jude, der Hebräisch und Chaldäisch spricht und Arabisch versteht. Siebzig Jahre zuvor hatte man diese Sprachen bei den „westindischen“ Fürsten als bekannt vorausgesetzt. Kolumbus versuchte seine Kenntnisse vom Küstenverlauf Asiens mit den Verhältnissen am Rio de los Mares in Einklang zu bringen.

Die Missionare unter Kapitän Torres „erhielten Schnüre von Glasperlen und anderes Flitterwerk zur Bestreitung ihrer Reisekosten“.

Zierenberg sucht einen Aussichtspunkt, doch eine „hermetische Vegetation“ verstellt jeden freien Blick. Er ist über den Punkt hinaus, zu glauben, irgendein Wohlgeruch verbände sich mit „orientalischen Hölzern“. Die Zeiten sind vorbei, dass Gerüchte von Zimtbaum- und Muskatnuss-Plantagen Karawanen in Gang setzten.

Inzwischen geht es nur um Gold, die Goldsucht droht auch Zierenberg, obwohl er aus bestem hessischem Holz geschnitten ist. Zierenberg ist ein unermüdlicher Wanderer, der für drei Leute Zeug schleppen könnte, gäbe es die Träger nicht. Seine botanischen und geografischen Interessen sind humboldtesk.

Die Kunde vom Goldkönig im Wald ist eine Ente, die nicht jeder überlebt. Von Kapitän Torres abgeschickte Emissäre geraten in ein Verteidigungswerk, das sich von seiner Umgebung kaum unterscheidet. Der Verhaucharakter einer Dornenhecke offenbart sich ihnen nicht. Die nachfolgende Gesellschaft findet gepfählte, angefressene, in Rekordzeit verfaulende Leichen. Unmutsäußerungen der „Wilden“ folgt ein kaum geordneter Rückzug. In ihrer Sprache sagen die Bewohner des Waldes:

„Wir sind das Volk und ihr seid die Pest.“

Was anderes sind die Spanier als Terroristen, die fern der karstigen Heimat einen Gottesstaat errichten wollen?

Torres lässt die Karavellen kalfatern. Die zur Teerverflüssigung in Brand gesteckten Stöße entwickeln einen aromatischen Rauch mit narkotisierender Wirkung. Friedrich von Zierenberg vermutet die Quelle des Rausches im Harz der Mastixbäume, auch bekannt als Wilde Pistazie. Das ist ein Irrtum, als Deutschländer weiß Zierenberg vieles nicht. Die deutschen Länder wälzen sich zwischen Agonie und Epochenschlaf. Funktioniert etwas, dann kannten das die Römer schon besser.

Zierenberg denkt über den Nutzen der Süßkartoffel nach. Er wird sich dazu noch gründlich äußern in einem Traktat. Ich stellte den Kartoffel-Zierenberg Kasseler Schülern vor. Das waren Vierzehnjährige, die nicht wussten, dass ihre Stadt sechshundert Jahre lang Residenz der kurhessischen Landgrafen gewesen war. (Seit Heinrich von Brabant, Enkel der heiligen Elisabeth, Kassel zu seiner Hauptstadt gemacht hatte.) Sie konnten aber sämtliche arabische Staaten fehlerfrei an die Tafel bringen. Sie gingen über die offizielle Zahl hinweg … aus einem internen Selbstverständnis. Israel war für sie Palästina.

An einer Mündung zum Rio de los Mares trifft Torres‘ Flotte auf eine Versammlung von fünfzig Hütten und wenigstens tausend Leuten. Das hat etwas von Großstadt im Dschungel. Die Zeiten sind vorbei, dass man Weiße für übermenschliche Wesen hält und ihnen zum Zeichen der Unterwürfigkeit Hände und Füße küsst.

Eine Delegation hat Anspruch auf Bewirtung im besten Haus am Platz. Man nötigt den Kapitän und die Entourage auf hölzerne Tierskulpturen. Ein Ritt wie auf dem Schaukelpferd. Gereicht wird fermentierter Fruchtsaft. Ein Dolmetscher macht den Redner für die Weißen. Er hält nach der Landessitte einen ordentlichen Vortrag.

Zierenberg beobachtet die Klassenunterschiede und Rangabstufungen der gastgebenden Gesellschaft. Er hat Gemeinschaften in „vollkommener“ Gleichberechtigung kennengelernt und setzt Egalität in einen Zusammenhang mit Goldferne.

Je näher die Expedition pharaonischen Reichen kommt, desto furchtbarer sind Regime. Nicht zum ersten Mal sieht Zierenberg Raucher, „sowohl Männer als auch Frauen“. Zigarren vergleicht er mit Papiertüten (papierne Düten) „wie man sie Kindern zu Pfingsten schenkt“.

„Sie zünden diese Vorrichtung an einem Ende an, während sie am anderen Ende saugen und mit dem Atem den Rauch einziehen.“

Zierenberg spekuliert über den Nutzen des Rauchens. Er hält „Tabacos“ für ein Mittel zur Steigerung der Ausdauer, so dass User keine Anstrengung „fühlen“.

Zierenberg zitiert einen Kritiker:
„Ich kannte Spanier auf Kuba, welche sich an die Tabacos gewöhnt hatten. Sie sagten aus, das es nicht mehr in ihrer Gewalt stehe, das Rauchen aufzugeben. Ich kann nicht begreifen, welchen Genuß und Vorteil sie davon haben.“

Der Witz dabei: Mit kubanischem Tabak wird zu Zierenbergs Zeiten schon mehr Schotter gemacht als in den Goldlagern auf Haiti.

30. Juni 2016

Hessenmeister

Was bedeutete Herkunft in der Neuen Welt?

Dawkins: „Wenn zwei gegensätzliche Standpunkte gleichermaßen energisch vertreten werden, liegt die Wahrheit nicht zwangsläufig in der Mitte. Möglicherweise hat auch eine Seite einfach Unrecht.“

„Der Titicacasee liegt unter dem 16. Grad südlicher Breite zwischen den beiden Cordilleren. Ein Querjoch trennt den Wasserspiegel vom Euzco-Thale.“
Das bemerkt Joachim Fenwur Hemue 1630. Der Reisende folgte der Bluspur, die Pizarro hundert Jahre zuvor in Peru gelegt hatte. Auch Hemue, der in Kassel ein Buch drucken ließ, wich nicht ab von Rechtsmäßigkeitsbegriffen, die den spanischen Schlächter geleitet hatten. Er schreibt:

„Endlich erhielt Pizarro von Karl V. die Erlaubnis, das Inkareich zu erobern.“

Das Recht, „ungläubige Völker“ mit der Schärfe des Schwertes einem christlichen Fürsten zu unterwerfen, wurde in manchen Kreisen als Pflicht kriegsgewandter Männer begriffen. Nach seiner Ernennung zum Statthalter von Neucastilien am 26. Juli 1529 trat Pizarro mit seinen Geschwistern, hundertneunzig Gefolgsmännern und siebenundzwanzig Pferden einer Armee von Zweihunderttausend entgegen – ein entfesselter Schweinehirte. – Endlich in der Gewissheit leben zu dürfen, dass alles nurmehr eine Frage von Mut sein würde. Die Aussicht darauf, in der Zukunft eine passable Herkunft (Vergangenheit) zu finden, mit der man überall vorstellig werden konnte.

Um erhobenen Hauptes zu leben, mussten nur Heidenhäupter von tausend Rümpfen getrennt werden. Das war doch einfach.

Das war das große Blutgericht. Das Blut rauchte, die Heiden bestrichen die Götzen mit dem Blut ihrer Opfer. Sie rissen Herz und Lunge rituell aus der Brust, schreibt Hemue … he muerto. Pizzaros Gegenspieler hieß Huayna Cápac. Nach dem Tod des alten Inkas zerfleischten sich die Erben in einem Bruderkrieg, der Pizzaro das Geschäft erleichterte.
Pizzaro schickte jeden Mann zurück, den er zaudern sah. Am 16. November 1532 traf er endlich auf den siegreichen Bruder. Atahualpa kam mit seinem Heer in drei Abteilungen von Cajamarca an. Die erste Abteilung bestand aus zwölftausend Schleuderkursabsolventen und Kupferkeulenschwingern. Die zweite Abteilung führte Lassos und Spieße. Die dritte Abteilung hatte Atahualpa für Prunk- und Parade aufgeboten, ich kann gar nicht sagen, wie viele mit Gold beschlagene und mit Prachtfedern staffierte Dinge in der Sonne glänzten.

Atahualpa trug ein Scharlachnetz mit zwei stehenden Federn des Vogels Coraquenque. Kein anderer durfte solche Federn tragen oder diesen Vogel töten.

Die alten Peruaner fürchteten wenig. Jederzeit konnten sie einer Laune ihres Herrschers zum Opfer fallen. Ihre Kinder hatten rechtlich keinen anderen Status als Kriegsgefangene. Im Grunde waren sie alle Gefangene des Gott gleichen Königs und seiner von Geschwisterehen degenerierten Sippe. Daran waren sie gewöhnt, darüber rissen sie ihre Witze. Der Spaß hörte da auf, wo Pferde ins Spiel kamen.

Peruaner hatten Angst vor Pferden. Schilderungen variieren Szenen, in denen eine Handvoll Spanier „auf schnaubenden Rossen in einen Haufen Indianer“ hinein ritten. Ich zitiere den nordhessischen Reiseschriftsteller Friedrich von Zierenberg, der „das Volk der Inka als Herrschervolk“ beschreibt. „Höhere Gesittung“ habe es Macht über „die Eingeborenen in den Hochthälern der peruanischen Anden“ erlangen lassen.

Zierenberg (offiziell 1554 – 1602 in Wahrheit aber unsterblich) war ein Kind seiner Zeit, die koloniale Perspektive steckte ihm in den Knochen. Eine „tiefstehende Menschenrasse“, die ihre Kinder „im Blute von Kriegsgefangenen“ ertränkte, Menschen _verspeiste_ und „Thiere … und Felsen“ anbetete, war von einer „höherstehenden Rasse“, die ihre Kinder „im Blute von Kriegsgefangenen“ ertränkte, Menschen _verspeiste_ und „Thiere … und Felsen“ anbetete (nach Zierenberg rasserechtlich einwandfrei) unterjocht worden. Die Besseren seien ursprünglich, so sagte es die Überlieferung, „weiße, bärtige Männer gewesen“. 

Ihr wisst alle, was los war, damals in Peru. Das muss ich euch nicht erzählen – die Geschichte als Blutbad und dann kam Pizzaro. Auf Toleranz legte man keinen Wert. Expansion war Pflicht – und zwar auf beiden Seiten.

*

Wie viele Adelige, die in Spanien auf den Hund gekommen waren und weltweit Kneipenwirte zu ihren Gläubigern zählten, züchtete Vasco Núñez de Balboa (1475 – 1519) Schweine auf Haiti. Ihm zur Hand ging Kuno Huf, der als Kriegsgefangener in der alten Welt vor die Wahl gestellt worden war: Steinbruch oder Seefahrt. In der Neuen Welt war er in den Besitz von Vasco Núñez de Balboa geraten. Wir wüssten nichts von Kuno, dem Seefahrer, wären nicht seine Tagebücher auf uns gekommen. Ich fand sie im Kasseler Stadtarchiv. Kuno stammte aus der Schwalm, seinen Scharfsinn hielt er im Verborgenen. Er hatte das Schreiben und Lesen von einem Mönch erst als Erwachsener gelernt. Sein Ehrgeiz war verboten.

Kuno war dabei, als Vasco Núñez de Balboa überschuldet und überstürzt Haiti verließ, um Ende September 1513 den Pazifik zu „entdecken“; einen bis dahin schon tüchtig befahrenen Ozean, nur eben nicht von Weißen. Kuno segelte auf dem ersten spanischen Schiff, „das die Südsee trug“.

Als Vasco Núñez de Balboa in Panama den Kopf auf einen Block legen musste, stand Kuno enttäuscht im Auditorium. Der Zug ins sagenhafte Goldland hatte gerade seinen Anführer verloren. Mit der Sachlichkeit des Scharfrichters beschreibt Kuno die Vorzüge seines Herrn. Vasco Núñez de Balboa habe als Erster begriffen, dass es klüger sein konnte, Bündnisse mit der indigenen Bevölkerung anzustreben als sie unverzüglich zu töten. Er sei in der Lage gewesen, so formuliert es Kuno, die Intelligenz und Würde (dignitas) einheimischer Herrscher anzuerkennen.

Vasco Núñez de Balboa hatte mehr Gelegenheit als andere gehabt, mit Einheimischen Bekanntschaft zu schließen. Er war viel auf der Flucht vor der spanischen Krone gewesen und wurde von der Hoffnung getrieben, mit der Entdeckung des Goldlandes den spanischen König gnädig stimmen zu können.

Unermessliche Reichtümer fielen ihm zu und entglitten ihm gleich wieder.

Bei Kuno taucht ein Wort auf, das mich überraschte: Goldsucht. Ohne jeden Aufwand stellt Kuno immer wieder diese Diagnose. Franz Pizarro sei goldsüchtig. Pizarros Kumpel Almagro ebenfalls. Die beiden traten auf den Plan der Geschichte, als Mexiko schon gefallen war. Die Kunde von der Eroberung Mexikos trieb Pizarro Schaum vor den Mund. Almagro und er pfiffen ihre Bluthunde herbei und ließen Männer Aufstellung nehmen, von denen jeder wusste, dass sie bald schwach sein würden vom Zeckenfieber etc. Ich glaube, körperliche Widerstandskraft und seelische Unempfindlichkeit waren die besten Voraussetzungen dafür, um in den Adelsstand erhoben zu werden. Süchtig musste man außerdem sein.

„Pizarro“, so schreibt Kuno, „war in seiner Jugend ein Schweinehirt in Trujillo, und als ihm seine Herde eines Tages durchbrannte, ging er aus Furcht vor Schlägen unter die Soldaten. Er machte einen Feldzug in Italien mit, versuchte dann sein Glück in der Neuen Welt und gelangte unter Balboa zu den Gestaden des Stillen Ozeans.“

Nun schloss sich Kuno der Pizarro/Almagro-Expedition an. Er war ein erfahrener Dschungelläufer und Hundeführer und im Weiteren von der Einsicht durchdrungen, dass Indios nur dienende Funktionen zukamen. Ein Weißer, geboren in Leibeigenschaft, der Weißen mal sklavisch, mal lediglich speichelleckend unterworfen gewesen, entdeckte sein El Dorado in der Überlegenheit gegenüber der ursprünglichen Bevölkerung. Dieser unerwartete Gewinn war die Triebfeder seines Engagements. Kuno vermutete die Leute vor Ort im Schatten des göttlichen Interesses. Anderenfalls hätten sie Christen sein müssen vor Ankunft der Conquistadores. Macht euch die Erde untertan: das war ein Auftrag. Das war Gottes Wille. Die „Eingeborenen“ gehörten zur Erde wie die Affen auf den Bäumen. Ende der Durchsage.

Was gab es da zu diskutieren. Da gab es nichts zu diskutieren. Kuno beobachtete die Führer, um von ihnen zu lernen.

Die Fürsten kämpfen für den Sieg, die Gefolgsmänner für den Fürsten. Germania

Was bedeutete Herkunft in der Neuen Welt?

Pizarro hatte unter Schweinen gelebt und war geringer geschätzt worden als ein Schwein. Und Almagro? – Auch er war von unrühmlicher Herkunft, schreibt Kuno. Ein Niemand, der sich aufgeschwungen hatte. Ein gewalttätiger Träumer.

Im November 1524 stachen Pizarro und Almagro südwärts in See. Die Jahreszeit war ungünstig. Sturm und Regen ermüdeten die Mannschaft. Am Ufer fand man nichts als Urwald und Morast.  

22. Juni 2016

Hessenmeister

Daheim bei Seiner Königlichen Hoheit Wilhelm I.

Jedes Jahr zur Vorweihnachtszeit begingen die Studentinnen der Casseler Universität Zum Alten Kurfürst, angeführt von Gouverneur Coogan und Meister Musashi und begleitet von den Professoren Jacob und Wilhelm Grimm so wie von den Spezialisten Feridun Zaimoglu und Texas Thunderbolt (um einige nur zu nennen) die Wohnung des Kurfürsten in festlicher Stimmung und guter Kleidung. Die Studentinnen waren eine internationale Sensation, es gab weltweit sonst keine. Auch gesundheitliche Gründe waren gegen sie vorgebracht worden.

Zur Wohnung Seiner Königlichen Hoheit gehörte ein Spiegelkabinett. Die Kunst kleinerer Meister fand sich darin ausgestellt. Man kam dann in den Speisesaal mit seinen Officen. Eine reich dekorierte Treppe führte zum ersten Geschoss.

Unsere Studentinnen wagten kaum zu atmen, stand doch auf dem Treppengipfel der Fürst im Hausmantel eines Sultans. Wilhelm I. hatte eine osmanische Meise. Coogan bedeutete den Studentinnen in ihren Respektbezeugungen nicht nachzulassen. Meister Miyamoto Musashi sprang leichten Herzens über die Stufen und nahm den Fürsten unförmlich auf den Arm. Wir wunderten uns nicht, da wir nicht wussten, wie förmlich der Japaner an sich ist und wie vielschichtig seine Huldigungsformate sind. Letztlich hielten wir Meister Musashi für einen Wilden bloß und Japan für ein anderes Amerika.

Der Fürst und sein Gast überboten sich. Ein Wettbewerb des Frohsinns nahm seinen Lauf, bis ein Däumling (ganz in rotem Samte) seinen Herrn ungeniert auf eine Galeere dringlicher Geschäfte abführte. Wilhelm hob bedauernd die Schultern. Wir begaben uns in ein Vorzimmer, wo Herkules und Apoll regierten. Diverse Eingänge zu den kurfürstlichen Appartements ließen sich bewundern. Sensationsgier und die Lust an der Indiskretion sind keine Errungenschaften eurer armseligen Gegenwart. Ihr, die ihr sterblich seid, könnt euch nicht vorstellen, was es alles schon gegeben hat. Die Vorstellung da hinter dieser Tür wird der Wilhelm privat entfachte manchen Kiefernspan der Phantasie. Übrigens folgten wir einem Major, geschult in Repräsentation und zugleich ein Knilch wie von Georg Büchner* in die Hölle geschickt.

*Büchner hatte sich bei uns beworben und sollte bald angenommen werden.

Der Major hieß Gerber oder Müller. Er war wohl kein Hesse. Er führte uns in den Cour=Saal, welcher mit größter Eleganz meublirt (akkurate Schreibweise) war, und an dessen Wänden acht vortreffliche Landschaftsgemählde hingen, unter denen vier vom berühmten Hackert** und zwei von Rohden*** die vorzüglichsten waren.

_**Jakob Philipp Hackert (1737 – 1807) war Hof- und Landschaftsmaler. Sein Name verbindet sich mit dem deutschen Italien-Hype des 18. Jahrhunderts. Goethe reagierte auf Hackert mit Prosa. Die Männer trafen sich in Florenz - der Klassiker von wegen deutsche Künstler in Italien. _
***Johann Martin von Rohden, 1778 in Kassel geboren, starb 1868 in Rom.
  *

Im 18. Jahrhundert waren Reisen nicht mehr nur feudales Vergnügen. Es gab die Grand Tour für den bürgerlichen Nachwuchs. In Kassel besuchte der Geck den Höhenpark mit dem Herkules auf der Spitze und begriff die Sache als Sensation im englischen Stil. Beinah mühelos gelangte er in die Wohnung S.K.H. In einem Kabinett fand die Prüfung der Penelope statt – so wie sie Johann August Nahl der Jüngere (1752 – 1825) aufgefasst hatte.

Neben der Penelope hingen eine Madonna und eine mütterliche Liebe, beide nach Raffael und von Marianne von Rohden, verh. Hummel. Eine Bildunterschrift stellt fest: Von Madame Hummel, der Gattin des hießigen talentvollen Malers Ludwig Hummel. Marianne wurde in Kassel geboren, sie war eine Schwester des Malers Johann Martin von Rohden. Um die napoleonische Jahrhundertwende hummelte sie nach Paris und kopierte mit Ludwig im Louvre den heißesten Scheiß ihrer Gegenwart. Das waren die Warhols von Raffael.

Zur Besichtigung bot sich dem Reisenden ferner ein Schlosszimmer, welches sehr schöne Thierstücke in Lebensgröße von dem in diesem Fache vorzüglich geschickten Professor Range enthielt. Das hierauf folgende Kabinet (so schrieb man 1824) (war) mit Original=Zeichnungen in Sepia von Hackert, Anton Raphael Mengs und Nahl geziert, die von hohem Kunstwerthe waren. 

*

1723 kam im Londoner Leicester House eine Königstochter zur Welt. Maria machte weiter keinen Ärger und wurde rechtzeitig Landgräfin von Hessen-Kassel. Allerdings war sie mit dem einzigen kurhessischen Regenten nach Luther verwopft, der sich vom Katholizismus angezogen fühlte. Das Paar trennte sich. Von einer Scheidung sah man ab, so dass der Katholik auf dem kurhessischen Thron, ich spreche von Friedrich II., sich wieder nicht verheiraten konnte. Man schaffte Maria, übrigens eine Tochter der Caroline von Brandenburg-Ansbach, u.a. Kurfürstin von Hannover, mit ihren Plagen nach Hanau, um sie in der Reinheit des Protestantismus und in der Lieblichkeit der Mainsenke vor allen katholischen Übeln zu bewahren. In Hanau schlug die Stunde des 1743 zu Kassel geborenen Wilhelm IX. Mit siebzehn wurde er Graf von Hanau, Steinheim & Kesselstadt. Er folgte dem bedenklichen Vater auf den hessischen Thron und brachte es zum Kurfürsten als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation sich gerade in die letzte Kurve legte und es keinen Kaiser mehr von Kurfürsten zu wählen gab. Auch das ein Treppenwitz der Epoche. Als Kurfürst hieß der Landgraf Wilhelm I. von Hessen-Cassel und trieb Menschenhandel. Soldatenverkauf machte ihn reich und Amerika hessisch. Gern wäre Wilhelm „König der Chatten“* geworden, so wie er im Ganzen rückwärtsgewandt und absolutistisch empfand.

*Die Chatten siedelten im Kasseler Becken. Sie waren international die besten Germanen, hatten kaum Berührung mit den Römern und blieben ihrem Gebiet bis auf den heutigen Tag treu, so dass man im ächten Casseläner immer noch einen wahren Chatten vermuten darf.

Der Kurfürst empfing Gouverneur Coogan und das akademische Gefolge. Eine pharaonische Grablege-Phantasie in Ebenholz, Marmor, Gold und Bronze überließ den nobilitierten Besucher dem Zustand zwischen Schauer und Entzücken. Das egyptische Zimmer war vielmehr eine Staffel von Kabinetten, die den Eindruck von Pracht und Düsternis buchstäblich vertiefte. Ich sah Männer, die den Teufel nicht fürchteten und sich einer direkten und ungetrübten Abstammung von den Chatten gewiss sein konnten, den Schweiß von der Stirne tupfen, ob der phantasmagorischen Erregungen vor Ort. Ein Löwe an der Leine S.K.H. trug zu allgemeinem Unbehagen bei. Man bewundert solche Majestäten auf der freien Wildbahn, als Hausgenossen befürchtet man Unannehmlichkeit.

Wir betraten einen Cour=Saal, der wohl sechzig Fuß lang sein mochte. Vier dorische Säulen unterstützten den Plafond. Halbzirkelförmige Aussparungen fassten einen Divan nach dem anderen. Da war zum Sitzen nichts. Man sollte die Möbel nur bewundern – Designerdreck von 1820.

*

Keiner konnte hochmütiger erscheinen als Seine Königliche Hoheit – Landgraf Karl von Hessen-Cassel (1654 – 1730) herrschte länger als ein halbes Jahrhundert in einem ausufernden Kreis dynastischer Gliederpuppen.

Während des Siebenjährigen Krieges tat sich der Franzose in Kassel grob um. Wir fanden es richtig, Landgraf Friedrich II. von Hessen-Cassel nach Braunschweig zu schicken. Da ließ er sich das Carolinum zeigen und als Vorbild ans Herz legen. Wir richteten ihm nah der Fulle ein Medico-Chirugicum ein, es ging Uns bald kein Unstudierter mehr ins Feld, um zu pfuschen.

Pfuschen ja, aber mit Titel, das war der letzte Schrei.
Das Collegium Carolinum war von Friedrichs Vater, Landgraf Karl, zum Behufe eines Kollegs und im Stil einer Ritterakademie bezweckt worden. Unser aristokratischer Nachwuchs sollte im Verein mit den Besten unseres Volkes, den untadeligen Hessen, in zweijähriger Ausbildung für die drei hohen Fakuläten Rauchen, Trinken, Huren aka Theologie, Jura, Medizin die nötige Mathematik etc. mit auf den Weg kriegen. Bevor Coogan der akademischen Sache Pfiff gab, spottete sie jeder Beschreibung.
Am liebsten trieben sich Studiosos Collegii Carolini im Reinhardswald und gewissen Randgemarkungen herum. Da lagen Wüstungen* schon lange in ritterlicher Schwermut brach- und danieder. Zerfallene Kirchen und Burgen – die Studenten gingen in Ruinen auf Sauenhatz. Sie jagten mit schrecklichen Hunden, halben Bestien, die mit dem wilden Dasein liebäugelten, sie jagten nach alter Art mit Lanzen. Sie gingen sich gegenseitig an die Gurgel in der Festlichkeit des andauernden Rausches. Bauern beschwerten sich über die juvenile Elite, Wir dachten uns, wer sich dem Militair widmen will, soll zu fromm nicht sein. Das Hauen und Stechen ist nun einmal in der Welt und wer am besten haut und sticht, wird der Üblichen Vorgesetzter.

Wir ritten zum Ahlberg hin, einem von Zeit zu Zeit Lava gurgelnden Vulkan. In seinem Gebiete natterte die Esse. Man folgte ihr von Wüstung zu Wüstung, eine jede mit Urkunden gut belegt. Eisenzeitliche Wehre boten sich im Wechsel mit mittelalterlichen Burgruinen historischen Phantasien an.

Leider gibt es auch anrüchige Unsterblichkeit. Wir hatten einen Burgmann namens Rotger, der im 12. Jahrhundert aus den Nebeln der Weserauen aufgetaucht und zum Wiedergänger geworden war. Rotger besorgte einem Landgrafen nach dem nächsten die Mätressenwirtschaft, exotische Tiere/Menschen und das Opium. Rotger schloss jeden üblen Handel ab.
Er war verheiratet mit Hilleke, auch sie eine Unsterbliche aus dem Geschlecht des geknickten Liebreizes jener Burgfrömmigkeit im Wolfsthal des Habichtswalds. Nach der ersten Jahrtausendwende ritten durchs Wolfsthal noch chattische Partisanen. Ihre Padischahs (Herzöge) hatten den Franken schon unter Karl dem Großen die Gefolgschaft verweigert. Sie waren vom Kaufunger Wald in den Habichtswald emigriert und lebten so urhessisch, dass ständig eine Schwarte krachte.

Alle historischen Spezialitäten aus „Das geheime Buch der Hessen – Band LXV”, herausgegeben von Prof. Dr. Mara D. Neusel und Texas Double Action Thunderbolt dem Älteren, erschienen in der Krieger'schen Buchhandlung zu Cassel 1812

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In den 1770er Jahren entstand auf dem Wilhelmsplatz das HÔPITAL DES FRANCOIS REFUGIÉS nach Plänen des Stadtbaumeisters Simon Louis du Ry. In dem französischen Armenhaus wurden nicht nur Hugenotten zusammengezogen. Landgraf Friedrich II. überließ Gouverneur Coogan die Aufsicht über den karitativen Betrieb. Coogan verließ sich im Wesentlichen auf Thunderbolt, ihm war beim Anblick der Syphilitiker und verkrätzten Gemütskranken nicht wohl. Das Institut diente Unterschichten, wer es sich leisten konnte, rief einen Arzt zu sich nach Hause.

Der brave Bürger verbrachte keinen Tag seines Lebens in so einer zwischen Kranken- Armen- und Findelhaus changierenden Einrichtung des Fortschritts. Doch der Armut lieferten bed & breakfast so wie die Aussicht nicht zu erfrieren bereits einen paradiesischen Vorgeschmack. Da gingen alle Lampen der Begeisterung an und das alleruntertänigste Gesabber los.

Es gab reichlich ausgesetztes Gesinde. Von seinenHerrschaften auf die Straße geworfen.

Eine Institution war der Drehkasten zur anonymen Säuglingsabgabe. Die Findelinge starben in Ammenobhut wie die Fliegen. Nicht zehn von Tausend erreichten das vierzehnte Lebensjahr.

Wir fühlten uns aufgeklärt und der Wohlfahrt verpflichtet, kamen aber nicht umhin, einen Missbrauch der landgräflichen Großzügigkeit festzustellen. Die liederlichsten Dirnen erreichten Casseler Gnadenstationen aus dem Ausland (Kurfürstentum Hannover, Herzogtum Braunschweig) um sich von ihrer Zuchtlosigkeit entbinden zu lassen.

Ein Kavalier unterschied nicht zwischen Arbeit und Sklaverei. Das Leben wollte von der passablen Seite angefasst werden, die Wände meines Wohnzimmers waren von carrarischem Marmor, den Plafond trugen acht Porphyr-Säulen. Professor Neusel ergab sich dem Raumgefühl in einem Wohnzimmer von vierhundert Fuß Länge, sechzig Fuß Breite und zweiundvierzig Fuß Höhe. Die Decke war von Glas. (Sollte es im Gespräch einmal wieder darum gegangen sein, bei jemandem den Himmel ins Haus zu lassen*, dann war das eine Umgangsprachlichkeit im Spektrum volkstümlicher Rechtsbegriffe gewesen.
 
*„Jemandem aufs Dach steigen”, kommt daher.)

Ihre Öfen waren mit größter Kunst in der Henschel’schen Gießerei aus Bronze gearbeitet worden. Sie hatten stückweise fünftausend Rthlr. Gekostet. Der Fußboden, die Türen und Lambris waren von Mahagonieholz und mit vergoldeter Bronze glänzend gemacht. Fünf Kronleuchter hatte Neusel anbringen lassen, der eindrucksvollste hatte eine Peripherie von dreiunddreißig Fuß. Sie hatte dafür den Pappenstiel von zwölftausend Rthlr. hingeblättert. Natürlich versahen das Geschäft des Leuchtens auch noch großartige Kandelaber.

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Wir mussten Prinzessin Marianne an den Mann bringen. Sie wurde bald siebzehn. Marianne war eine rosige Person von ländlich-feierlichem Wesen. In der Schwälmer Tracht hätte man sie für Trampel Trulla halten können. Für Marianne wurde eine „Prinzessinnensteuer“ von 35.000 Rthlr. fällig. Aufzubringen hatten die Steuer die hessischen Landstände zur Aussteuerung der Braut. Man kann sich der Stände Freude vorstellen.

15. Juni 2016

Hessenmeister

Das Gesindel an der Spindel

Man trug Coogan den Vorsitz in der Hessen-Casselischen Gesellschaft des Ackerbaus und der freien Künste an. Er bat mich an seiner Stelle die Sache zu bestellen, ich beriet mich mit Gustav Casparson, dessen Studie „Abhandlung der Verhütung des Bettels“ in dieser Zeit maßgeblich wurde. Johann Wilhelm Christian Gustav Casparson war Dramatiker und Professor der historischen und schönen Wissenschaften. Seine Einsichten gipfelten in der Idee, jeden, der auf Kassels Straßen ein Almosen begehrte, ins Arbeitshaus zu stecken.

Casparson unterschied a) Arme, denen es an Gelegenheit zur Arbeit fehlte, von b) Müßiggängern und c) bettelnden Kindern.

Wie dämmt man die Bettelei in der Residenzstadt ein? war eine Frage von zentraler Bedeutung. Hierzu hörten wir Koryphäen aller Couleur. Die Termine fanden im Alten Teehaus am Elbenknick statt. Die Ritter von Elben zu Mohrenhofe waren ein niederhessisches Geschlecht, das sich zurückverfolgen ließ auf die Zeit früher fränkischer Besiedlung der nach heutigen Begriffen Thüringen vorgeschobenen Gebiete.
Das älteste Teehaus Hessens war ein Kleinod der Gartenarchitektur an der Fulda und ein Geschenk des japanischen Meisterspions, Schwertkampfmeisters und Highlanders Toranaga, das europaweit Schule machte. Toranaga erschien am kurhessischen Hof als Gesandter und Gartenbauexperte von Shogun Tokugawa Ieyasu (1543 – 1616). Er überlebte Reichseiniger Ieyasu um Jahrhunderte. Toranaga war Liebling einer Reihe von Fürsten und Frauen. Er unterstützte schließlich noch unseren Freund Akira Kurosawa beim Abdrehen der „Sieben Samurai“, eine Variation des Märchens von den „Sechs Schwänen“ oder „Sieben Raben“. Die neue Kasseler „Armen-Verpflegungs- und Werkhaus-Anstalt“ half dem Ansehen der Stadt auf die Beine. Reisende lobten die Anstalt auf Facebook. Bis dahin waren sie in Cassel auf Schritt und Tritt von Bettlern verfolgt worden.

Hastde ma' ne Laubthaler?

Wir setzten unsere Waisenkinder an Baumwollspinner, gaben ihnen ein Dippchen heiß gekochte Suppe zum Frühstück und des Abends und genossen so volle Anerkennung des internationalen Journalismus. Unsere Schulmeister und Seminaristen unterrichteten das Gesindel an der Spindel.

Bereits 1761 hatten wir ein Accouchier- und Findelhaus eingerichtet, das waren wir dem Fortschritt und der Aufklärung schuldig. Nicht, dass ledige Frauen ihre Kinder straffrei in die Welt setzen konnten. Das Wohl der Schwangeren war kein Ziel. Vielmehr ging es uns in der Hessen-Casselischen Gesellschaft des Ackerbaus und der freien Künste genauso wie auf der Hauptwache und im Haus der Kriminalpolizei um eine Verminderung der Säuglingsmorde.

Ein Mensch, der keinen Anlass weiß, sich anders als gering zu schätzen, wird auch alles Hervorkommen (von seiner Person) außer Beachtung finden. Gouverneur Grand Slam Coogan in einer Vorlesung vom 12. März 1784

Darüber war zu sprechen in der Moralischen Anstalt, die wir ins Kadettenhaus neben die Artillerie-Schule getan hatten. Das Kadettenhaus diente als Erziehungs- und Unterrichtsanstalt für das Kadetten-Corps und andere Jünglinge, die sich dem Militär-Dienste gewidmet hatten. Sie unterstanden Commandeur (und Dramatiker) Hardboiled Jim (Feridun) Zaimoglu und mehreren Offizieren (Thunderbolt, Burroughs, Colt, Freud). Auch andere Lehrer unterrichteten die Früchtchen in allen Wissenschaften und Kenntnissen, die zur militärischen Bildung gehörten, so daß keine anderen als vorzüglich unterrichtete Subjekte aus dieser Pflanzschule kamen, welche für die kurhessische Armee von wesentlichem Nutzen waren.***
 _*** Aus “Cassel und die umliegende Gegend – Eine Skizze für Reisende”, Cassel 1825 in der Kriegerschen Buchhandlung_
so wie
aus Karl Ernst Demandts „Geschichte des Landes Hessen”

*  

Du gehörst/kimmest nach Haina (wahlweise Merxhausen) war eine Kasseler Umschreibung für: Du beklopptes Aas.

Im Zuge der Reformation löste Landgraf Philipp der Großmütige das Zisterzienserkloster Haina auf und stellte die Anlage 1533 in den Dienst der Ärmsten und Irrsten unter uns Hessen. Das “Hohe Hospital” Haina war Männersache. Für die Frauenzimmer in den Flammen der Verzweiflung stiftete Philipp das Landeshospital Merxhausen.

„Armenpflege, meine Herren, war lange eine katholische Angelegenheit.“

Gouverneur Coogan äußerte sich so an einem Abend des 18. Jahrhunderts im Alten Teehaus vor der Hessen-Casselischen Gesellschaft des Ackerbaus und der freien Künste. Freilich fand Coogan bewegende Worte. In den Klöstern und ihren Spitälern waren die Armen und Irren abgespeist worden, ich erinnere an das Spital Merxhausen, oft hieß es in einer Casseler Kindheit, da kimmeste noh (da kommst du hin) so von Sinnen wie man war, da man alle Erwachsenen für Irre hielt.

Landgraf Philipp der Großmütige hatte Klöster und Stifte säkularisiert, folglich stellte sich die Frage, wohin und wozu mit den Waisen und Wirren.

Coogan explizierte den texanischen Therapieansatz. Gebt jedem ein Pferd, ein Gewehr und ein Messer und dann ab durch die Mitte nach Amerika. Da verflüchtigt sich jede Geisteskrankheit oder ist wurscht, falls sie einen nicht zum Schamanen der Apachen prädestiniert.

So klùg sprach Coogàn zur Cassèler Crème de la Crème.

Unser Coogan!
Die Reformation brachte es mit sich, dass man gesunde Findel- und Waisenkinder in Hospitäler tat, anstatt ihre Arbeitskraft gezielt auszubeuten. Wir trieben die Wohlfahrtspflege voran, mit der Idee, dass Armenfürsorge eine Erziehungsaufgabe war. Wer auf Wohlfahrt angewiesen war, hatte das Vermögen eines Kindes (Mündels, Unmündigen). Folglich war die Obrigkeit ihm zum Vormunde bestellt. Ab schufen wir die letzten Refugien des lebenslang sabbernden Freigangs.

Tagträumen und Verrücktspielen bei freier Kost & Logis. Das war gestern. Wir führten Disziplin und den Zwölfstundenarbeitstag für alle Bedürftigen ein. Wir gründeten (in dieser Schreibweise) das reformirte Waysen- und Armenhaus an einem Unterneustädter Rand als koedukative Einrichtung. An sie richteten wir klipp und klar einen Versorgungsauftrag. Unsere Waisen versorgten die Alten und andere unauffällig in ihren Wohnungen verwahrte, jedenfalls zu keiner Sache zu gebrauchenden Arme und Bekloppte.

Noch in den 1930/40er Jahren entdeckte man vereinzelt unbrauchbar Bekloppte in Wohnungsverstecken. Angehörige verbargen Angehörige im Widerstand gegen die öffentliche Ordnung und Wohlfahrt.

Nun, liebe Freunde der Straßenbahnen, wo kamen denn all die armen Kinder her? Sie kamen von den Soldaten, welche Casseler Zwillen (Mädchen) ins Unglück gestoßen hatten. Wir alle hatten sie in Gassen betteln oder gemeinsam mit den Irren in Spitälern hausen sehen. Sie besaßen jetzt ihr Eigenheim und zeigten mit Fleiß ihre Dankbarkeit. Davon war die Rede vor der Hessen-Casselischen Gesellschaft des Ackerbaus und der freien Künste im Alten Teehaus, das der geheimnisvolle Toranaga spendiert hatte.

Der in Cassel bei Hofe stationierte Elitediplomat und diplomierte Gartenfreund so wie unsterbliche Toranaga war bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr Rōnin* gewesen.
*herrenloser Bushi/Samurai – auf sich selbst gestellter Krieger

Toranaga löste in der kurhessischen Kapitale den Tee-Wahn aus. Hochstehende Casselänerinnen kleideten und gerierten sich wie Japanerinnen.

Im weiteren Verlauf der Ereignisse stellten wir eine Manufaktur zum Waisenhaus. Wir ließen die Waisen spinnen, weben, stricken und sticken. Wieder wurde das Militär wichtig – diesmal als Abnehmer von Socken etc.

Wir gewannen Gelände im Schleifgang der Festungswälle. Schon hieß es, wir ziehen hinter der Manufaktur eine Maulbeerplantage auf und steigen in die Seidenproduktion ein.

*

Wo der Lindenberg den Eichwald küsst, da stand die Papiermühle von Kassel-Bettenhausen im kühlen Grund des Eisenhammers beim Messinghof.

Die Brüderkirche schloss an den alten Kollegienhof. Karmeliter hatten sie in die Welt gesetzt, Heinrich I., ein Enkel der Heiligen Elisabeth, war daran gelegen gewesen, Karmeliter in Kassel zu haben. Ihre schlossnahe Ansiedlung an der Fulda datiert auf das Jahr 1262. Hermann, Vikar der Mainzer Karmelitervikarie, bekundet, daß der Prior Heinrich und die übrigen Karmeliterbrüder in Kassel (Cassele) von dem Landgraf Heinrich den Hof mit Häusern und Grundstücken in Kassel, den vormals die Jüdin Rechelin und zuletzt der Vogt (Johann) genannt Riedesel (Rietesel) bewohnt haben, für 100 Mark hessischen Silbers zu einem Wohn- und Gotteshaus gekauft haben und jährlich dafür dem Landgrafen zu Martini und am Johannistag je fünf Mark zahlen müssen, bis sie diesen Zins mit 100 Mark auslösen. Ferner bezeugt Hermann, daß die Kasseler Karmeliter gelobt haben, kein dem Landgrafen gehöriges Haus, Grundstück oder sonstiges weltliches Gut ohne seine besondere Erlaubnis als Schenkung oder Vermächtnis anzunehmen, sowie keinen weltlichen Bürger Kassels außer zur Zeugnisabgabe vor das geistliche Gericht zu fordern; nur für den Fall, daß sie vor dem Gerichte des Landgrafen oder seiner Schöffen ihr Recht nicht erhalten haben oder abgewiesen worden sind, dürfen sie an beliebigem Orte den geistlichen Richter anrufen. Auf Bitten der Kasseler Karmeliter bestätigt Hermann nach voraufgegangener Beratung mit dem Karmeliterprior Hermann zu Frankfurt (Francvordensis) und andern Ordensbrüdern diesen Vertrag.

Aus den Regesten der Landgrafen von Hessen

Heinrich I. von Hessen (1244 – 1308) hatte Kassel zu seiner Hauptstadt gemacht. Wir hatten ihm dazu geraten, nach Tischgesprächen und heimlichem Getue mit Sophie von Brabant aka Sophie von Thüringen in ihrer Eigenschaft als Heinrichs Mutter. So wurde sie denn Stammmutter des Hauses Hessen. Übrigens war Sophie eine Wartburgerin, wir erwarten die Abgabe der Wartburg an Hessen bis auf den heutigen Tag. Darüber wird noch zu streiten sein.

Jedenfalls wurde die Brüderkirche 1376 erst fertig und war Gotteshaus der Brüder des Ordens der heiligen Maria vom Berge Karmel bis 1526. Die Reformation erzwang die Auflösung des Klosters.

Neben der Kanzel paradierten in Stein geschlagene Brustbilder der Stadtkommandanten. Die Orgel hatte Georg Wilhelm Wilhelmi gebaut. Besonders gern spielen hörten wir Johannes Becker (1726 – 1804). Unser Wilhelm VIII. hatte ihn in Italien ausbilden lassen. Er versah die Orgeln auch in der Martins- und in der Altstädter Kirche. Zur Frau nahm er eine Tochter vom Andreas, dem herrschaftlichen Papiermacher (Bappiermacher) in der Papiermühle (Bappiermole) beym Messingshoff. Bis dahin hatte das Papierwissen einen weiten Weg von Samarkand über Mallorca und Ravenna nach Kassel-Bettenhausen gehabt.

Lange hatten sich die Landgrafen in Frankfurt am Main mit Papier eingedeckt.

Der Andreas nun, ein Becker wie viele, setzte den ersten „Holländer“ ein, eine verbesserte Maschine zur Herstellung des Zeuges. Er leimte, was das Zeug hielt. Den Leim lieferten pürierte Schafsfüße, Maulwurfohren und Schweineschnauzen. Miyamoto Musashi (offiziell 1584 – 1645) diktierte die Zutaten seinem Sekretär. Gemeinsam mit Toranaga vertrat er im Konvent der Unsterblichen, man dachte lange, unsterblich könnten nur Hessen, Schotten (?) und Texaner sein, den Block der Ausländer. Wir vermuteten sogar, dass Toranaga dem Musashi ein Sohn war. Dem Gremium galt der Meister (das Vorbild aller Schwertkämpfer) als unverheiratet und kinderlos. Doch wer weiß. Musashi lehrte den gleichzeitigen Einsatz von Lang- und Kurzschwert. Er focht einen unprätentiösen Stil, in dem Natürlichkeit Trumpf war. Dem unstudierten Beobachter erschien Niten Ichiryū kunstlos und sportlich. Das Ziel war eine Verschmelzung des Mannes mit seinen Waffen. Musashi sagte: Es wäre bedauerlich, mit einer nicht gezogenen Waffe zu sterben.

*

Das Frontispiz des kurfürstlichen Palais war mit vier korinthischen Pilastern geziert.

Die einseitige Bebauung der Bellevuestraße bot freye Aussicht nach der Orangerie, der Aue und dem Felde. Das Schloss bestand aus dem alten Palais eines zur Regentschaft nie berufenen und bedeutungslos verschiedenen Landgrafen Friedrich und zwei weiteren kurfürstlichen Häusern, die man architektonisch zur Einheit gepresst hatte. Die erweiternden Bauten waren Quartiere für die Schlosswache und die Besatzung der Sternwarte. Eine frey stehende Communikations=Arcade will besonders erwähnt sein. Die Arkade erlaubte den beschirmten Gang von einem Portal zum nächsten.

Man hatte Miyamoto Musashi als maßgeblichen Mann im Schloss Bellevue untergebracht. Des Fürsten Garde (Berater, Steigbügelhalter, Arschkriecher – Männer von Format & Fortune) unterrichtete Miyamoto Musashi bei jedem Wetter im Schlosspark. Hauke von Salzmannshausen und Colette Peignot unternahmen es, Gedanken und Einfälle des Meisters zu eckern. Er führte sie in die Kunst des Kampfes mit Haushaltsgegenständen ein. Die Schärfe trivialer Sachen zu erkennen und zu nutzen war ein beiläufig betriebenes Hobby. Unser Stand kettete uns an Etikette, Hauke und Colette wäre kein Blumentopf Gewinn geworden, so sie sich mit einer Forke oder zwei Essstäbchen aus einer Bredouille zu befreien gewusst hätten. Es gab Lagen im Leben, da konnten blaublütige Kurhessinnen nur noch eine Ohnmacht vorschützen.

Miyamoto Musashi fand das närrisch. Er ordnete Liegestütze und praktische Kleidung für Frauen an. Wer das Training verweigerte, wurde des Landes verwiesen. Die Begeisterung für den Japaner ließ bei den Lauen schnell nach. Die Tüchtigen aber erkannten in dem formidablen Lehrer ihr Glück.

Gern ging Meister Musashi mit unserem jungen Volk nach der Ertüchtigung vom Schlosspark zur Oberneustadt. Da nahm den ersten Rang unter allen Bauten sowohl in Rücksicht seiner Bestimmung als seiner inneren Pracht das Palais Seiner Königlichen Hoheit ein. Es lag am nördlichen Ufer des Friedrichsplatzes. Das Palais kehrte seine Hauptfassade dem Platz zu, während die Seitenfassaden der Königs- und Karlsstraße bestaunte Begrenzungen boten.

Das Frontispiz wurde von vier korinthischen Pilastern inszeniert. Beim Eintritt in das Vestibül fand man links ein geschmackvolles Versammlungs=Zimmer, und in diesem verschiedene, sehr vortreffliche Gemälde; zum Beispiel einen Pygmalion mit der durch die Venus schon halb belebten Bildsäule der Galathée. Das war Epochentrash, die olle Kamelle vom Künstler Neo Smoke Pygmalion, der nach zig Gangbangs mit den Propoetiden die Nase vom Geschlechtsverkehr voll hat und erst in der Inklusion eine Statue schafft, die ihm wieder Lust auf Bock macht. Venus, die lange schon scharf auf Superstar Pygmalion ist, bietet ihm an, den Stein zu erweichen, falls er nur eine Nacht mit ihr verbringt. Pygi sagt okay, aber mehr läuft def. nicht. Er begeht den Fehler, ein sagenhafter Liebhaber zu sein. Zwar erfüllt Groupie Venus ihr Versprechen, macht aber jede Menge eifersüchtige Sperenzchen, während unser Held voll auf seine Galatea, französisch Galathée, eingeht und sie auch ratzfatz mit dem Paphos schwängert.

Die Szene im Versammlungszimmer S.K.H. hatte unser Hofmaler Wilhelm Böttner barockt. Böttner war ein begnadeter Ziegenhainer und Meisterschüler von J. R. Tischbein-Thunderbolt d.Ä.

8. Juni 2016

Hessenmeister

Montreux

Montreux besaß die Autowerkstatt und ein paar prächtig verzwillingte Muskovit*-Aggregate
*Katzensilber

Bier kam und wurde getrunken.

Die Jungen hatten sich auf gekippten Stühlen hinter ihren Knien verschanzt; ihre Sohlen wetzten die Tischkante.
Sie hätten aufs Klo gehen können. Sie gingen vor die Tür und bestrichen eine Laterne im Einvernehmen. Ein Kanake schnürte vorbei. Für ein Fest im Freien war es zu kalt. Mehr als ein gewissenhaftes Dutzend Tritte kam (perspektivisch) überhaupt nicht in Frage. Das sollte eine normale Kriegsgeschichte werden, gut zu verbreiten in Brocken auf dem Schulhof.

Kein Mensch rechnete damit, dass der Türke die Bodenlosigkeit besitzen könne, sich von drei blauen Pfadfindern ohne Gegenwehr nicht niedermachen zu lassen. Mit einem leichten Hammer klopfte der Flüchtlingsschicksale recherchierende Schriftsteller Feridun „The Ugly“ Zaimoglu dem „Heizer“ Pit Montreux das Brett am Kopf fest. In der realistischen Annahme, dass sein Leben in den Nestern des Fichtelbergs nun erst recht nichts mehr wert war, türmte Zaimoglu. Bald hörte Montreux sen. von der Sache. Er verstand sie als Unterbrechung der Langeweile vor dem Fernseher. Er ließ sich den Hammermörder beschreiben.

„Der ist hässlich wie die Nacht. Den kann man gar nicht verfehlen.“
Um den Sohn in die Irre zu führen, alarmierte Montreux den fußkranken Schwager, der in den Containern nachzusehen versprach, wo die Einheimischen ihre Asylanten hielten. Seelenruhig stieg Montreux zu der ramponierten Tischtennisplatte, dem Eingemachten, der Steyr Mannlicher und dem Mosin Nagant in den Keller. Er legte gerade auf Kirschen an, als die Alte das Flurlicht auf die Treppe fallen ließ. Montreux sah flüchtig in eine von Kummer regierte Beule.

„Was hast du vor?“ fragte sie, als ob der Mann jemals etwas Aufschlussreiches zu ihr gesagt hätte.
„Geh ins Bett, du Uhu.“
Des Gatten Gleichgültigkeit war ein Abgrund, den Lisbeth Montreux nur lächelnd überwinden konnte. Lisbeths Lächeln erzählte das Märchen von der heimlichen Überlegenheit. Montreux schob sich seinen Lieblingsdolch in den Gürtel. Er bedachte eine von Hunden gestellte Sau, die er Tage zuvor auf einer Treibjagd abgefangen* hatte. Die Treiber waren Westler gewesen. Man hatte sie zu keinem Schuss kommen lassen.
*Abfangen bedeutet in der Jägersprache töten ohne zu schießen. Mit einem Saufänger wollte Montreux dem Türken Zaimoglu den Rest geben.

Montreux amüsierte sich noch immer über die Enttäuschung der Göttinger Korporierten, die von Forstfreunden des Erzgebirges zu Handlangern degradiert worden waren. Er holte den P3 aus der Garage. Er war aufgeräumt, den Flüchtling stellte er sich wehrlos vor. Sollte der Kanake in den Wald gelaufen sein, würde er ihn kriegen.

Montreux sah den fliehenden Zaimoglu. Erregung schnürte seine Kehle. Ihm war, als habe er einer witzlosen Wirklichkeit Ade gesagt. In Erwartung eines Ausbruchs der Beute ins Gelände, beschleunigte Montreux den Jeep.

Zaimoglu wich von der Piste. Montreux rüstete sich mit der Steyr Mannlicher* und dem Handscheinwerfer und setzte die Verfolgung zu Fuß fort. Der Scheinwerfer schnitt meterhohe Luftwurzeln aus. Der Jäger krachte durch den vom Unterholz bezwungenen Bestand.
*Aus der Produktwerbung: Eleganz in ihrer schönsten Form – Bayrische Backe mit Doppelfalz und ergonomisch bedienbarem Handspannsystem.

Lebte Zaimoglu noch? Oder hatte ihn der alte Montreux mit seiner Büchse und dem Browning Saufänger bereits in die ewigen Jagdgründe geschickt?

Ich nehme den Erzählfaden an anderer Stelle auf und überlasse den Leser der Ungewissheit. An einem Samstag Anfang Okt. machten wir uns auf den Weg – Grand Slam Coogan, Texas „Double Action” Thunderbolt, „One Finger Joe“ Conrad, Bill & Jake Grimm, Wild Bill Buffalo Burroughs, Jimmy „The Kid“ Freud, Hauke von Salzmannshausen, Edith von Hoyerswerda, Colette „Laure“ Peignot, die Weißrussin Lilija und wie unsere Freundinnen von der antifaschistischen Front (AfF) auch noch hießen.

Wir waren Helden, das ganze Kasseler Kollegium ohne Ausnahme. Ich nenne stellvertretend für viele an dieser Stelle noch einmal Präsident Coogan. Er hatte die Kasseler Hochschule im Handstreich gegründet und die Germanistik als Hobby für höhere Tochter erfunden.
Wenigstens regnete es nicht.
Wir passierten Alsfeld. Die Vogelsberger brachten ihre Bärenfelle und Biberpelze auf den Markt. In Alsfeld versorgten sie sich mit Süßigkeiten und Munition. Sie erstanden Tand und Spielzeug für die zottelige Sippe. Man sah Schnee- und Höhlenmenschen, sie gingen reihum wie du und ich.

Wir orientierten uns Richtung Eudorf. Bei Neukirchen begann der Anstieg in den Knüll. Basaltische Erhebungen schlichen sich wie Hünengräber an. Stoßtrupps der Melancholie überholten uns im gestreckten Galopp. Flagellanten veranstalteten im Verein mit Fackelträgern Trauerspiele. Vor den Häschern des Grafen von Ziegenhain geflüchtete Vogelfreie fielen vor unserem Zug in den Staub. Ein Himmel, der zu Gottesfurcht erzog, lastete auf den Giebeln stiller Gehöfte, die aneinandergedrängt, einsame Gemeinden abgaben.
Die Dorfjugend hielt ihre Zusammenkünfte an den Unterständen der Busstationen ab. Eine kilometerlange Abfahrt endete kurz vor Homburg/Efze an der B 253.

Wir hatten die Wabernsche Senke erreicht und wendeten uns entschlossen Felsberg zu. Endlich erreichten wir die Kartause Eppenberg. 1440 hatte Landgraf Ludwig biedere Erfurter Mönche in den Eppenberger Stift gesetzt. Sie verjagten die ansässigen Nonnen auf fürstlichen Geheiß. In den Wäldern waren die Abgemeierten zu Nonnen und Köhlerinnen, wie man sie auch in Grimm’schen Geschichten trifft. Im Siebenjährigen Krieg hatte man sich in der Kartause gegen den Franzosen verschanzt. Nur ein alter Imker lebte mit seiner siechen Tochter nun im zerfallenden Kloster.
Wir biwakierten im Hof.

Des Imkers Tochter drohte einer wenig erforschten Stoffwechselkrankheit zu erliegen. Coogan begab sich in Begleitung führender Köpfe und unserer Laternenträger zu einem traurigen Haufen Stroh, auf den der Vater das Mädchen gebettet hatte. Das Koma währte ein Jahr schon.

Der alte Scheich sprach sich aus. Es lag etwas Anstößiges in der ungezügelten Bereitschaft seinem Unglück Worte zu geben. Er prahlte mit einer Aufzählung grausamer Späße und abseitiger Gewohnheiten.
Hauke von Salzmannshausen warf einen Blick in die Runde. Sie warnte vor den Hexen.
Coogan befahl Aufbruch & Abmarsch. Ein bedrücktes Gefolge gehorchte schlaftrunken.

Wir lebten in der Residenz- und Hauptstadt des Kurfürstenthums Hessen. Die Lage der Kapitale fand man vortrefflich. „Die Schönheit seiner neueren Theile, die Seltenheiten, die sie enthielt und ihre reizenden Umgebungen (machten sie) zu einem Gegenstande der Aufmerksamkeit aller Reisenden.“*

Aus einem „weiten Thale erhob sich eine Anhöhe, welche der Fuldafluß durchschlängelte“. Über die Fulda führte eine 273 Fuß lange und 42 Fuß breite Steinbrücke über drei Bögen. Wir hatten sie (1788 – 1794) errichten lassen und sie nach dem höchstseeligen Kurfürsten Wilhelmsbrücke genannt.

Man darf nicht unerwähnt lassen, dass unsere Altstadt stark befestigt gewesen war. Coogan selbst hatte Landgraf Friedrich zum schleifenden Abtrag der Mauern geraten. So war es in der Zeit von 1767 bis 1774 geschehen. Wir brauchten Raum für Verschönerungen. Unsere Stadt sollte schöner werden.

Im Wettbewerb der Residenzen gelangte Kassel auf einen guten Platz. Gleichwohl zogen wir um die alte und die neue Pracht eine 18 Fuß hohe Mauer. Nur die Südostseite der Oberneustadt sparten wir Stein, der schönen Aussicht willen.

Die Kasseler Altstadt lag zwischen Oberneu- und Unterneustadt, die Fulda sonderte sie ab. Unsere Altstadt war nichts weniger als schön, da sie wie alle alten Städte krumme und enge Straßen hatte. Die Holzhäuser dienten als Beispiele schlechter Bauart. Vereinzelt fand man steinerne, in einem besseren Styl gebaute Häuser. Sie zeichneten sich vorteilhaft ab vom Ensemble und hätten es verdient an vorzüglicher Stelle zu stehen.

Das Quartier hatte neun freie Plätze und einundfünfzig Straßen. Coogan erklärte das unseren Studentinnen auf dem Marktplatz, der zur Fulda hin gelegen war. Das Altstädter Rathaus und der neue Stadtbau erwarteten die Neugier der Elevinnen. Die Frauen genossen den Ausflug in die Unterschicht mit parfümierten Taschentüchern vor der Nase. Man hielt sie sonst fern vom Volk.

Natürlich staunte auch das Volk – bucklige Marktweiber mit ihren tellerminengroßen Warzen auf den höckrigen Zinken. Drangsalierte Rotkäppchen. Buschige Selleriehändler, die sich noch nie gewaschen hatten. Rumpelstilzchen aller Couleur.

Flügellahme Schwäne, die behaupteten, Prinzen zu sein.
Die Mütter Courage jeder Fünften Kolonne.
Schwälmer Schweinehüterinnen in Tracht.
Studentinnen gab es damals weltweit nur in Kassel nach einem akademischen Modell, das „Grand Slam“ Coogan gemeinsam mit den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm und dem Einzelkind Samuel Single-Action Colt* entwickelt hatte. Colt prägte den ersten Hauptsatz der Vergleichenden Literaturwissenschaft:
The hammer must be cocked before the trigger will work.
*Sämtliche Angaben aus „Cassel und die umliegende Gegend – Eine Skizze für Reisende”, Cassel 1825 in der Kriegerschen Buchhandlung

Cassel im 19. Jahrhundert. Reiseführer und Regierungsräte sprachen von den drei Städten.
1) Die Altstadt
2) Die Unterneustadt (am rechten Ufer der Fulda)
3) Die Oberneustadt (auf der Anhöhe)
So wie von den acht Toren (Thoren).
1) Das Friedrichsthor (südostwärts)
2) Das Frankfurterthor (südwärts)
3) Das Wilhelmshöherthor (südwestwärts)
4) Das Königsthor (westwärts)
5) Das Köllnische Thor (nordwestwärts)
6) Das Holländische Thor (westwärts)
7) Das Weserthor (nordostwärts)
8) Das Leipziger Thor (ostwärts)
Alle Straßen und Plätze der landgräflichen und kurfürstlichen Residenz (in einigen Quellen geschildert als „Straßen und Plätze der drei Städte“) wurden von August bis April bei Nacht erleuchtet, die Hauptstraßen der Altstadt von mehr als hundert Réverbères. Un réverbère ou lampadaire extérieur est un dispositif d’éclairage public placé … , in Nebenstraßen brannten 778 Laternen. „Eine beträchtliche Zahl“ argantischer Lampen (nach Aimé Argand) illuminierte die Umgebung des kurfürstlichen Palais. In nächster Nähe lag die japanische Botschaft, zu den heimlichen Späßen des aristokratischen Nachwuchses gehörten Beobachtungen des Diplomaten Toranaga bei seinen Schwertkampfübungen im Garten der Botschaft. Es kursierte das Gerücht, die zu ihrer Erziehung in der Residenz weilende Prinzessin Hannelore vom Harz habe sich einmal als Göttinger Burschenschaftler ausgegeben, um Zugang zu erhalten und etwas Air & Aura von Toranaga Lifestyle zu erhaschen.

Wir hatten uns den Japaner zum Freund gemacht, die Leidenschaft für Hieb-, Stich- und Schusswaffen flocht uns in ein Band. Toranaga inspirierte (in der Konsequenz einer unbedachten Äußerung) eine Geschäftsidee, die in Hessen nicht zündete. Ich spreche in den nächsten Tagen einmal wieder über unsere Maulbeeren und Seidenraupen. Es gab einen Affekt gegen die Zucht, dagegen war kein Kraut gewachsen.
Als Geheime Staatsräthe waren wir eingeweiht bis in die marinierten Fingerspitzen. Gouverneur Coogan, Prof. Jimmy Freud und Prof. Jim (Feridun) Zaimoglu behandelten kollegial die amouröse Krankheit unseres Landesherrn. Dazu später mehr.

*

In der Altstadt standen 1183 Häuser, in der Unterneustadt 209, und in der Oberneustadt 168. Das machte 1560 Häuser im Ganzen. Dazu rechneten wir einiges aus der Wilhelmshöher und Leipziger Vorstadt. Bevölkert wurde Cassel (Kassel) von dreiundzwanzigtausend Seelen, zog man die Garnison in Betracht.

Das Gouvernementsgebäude imponierte zwischen Martinskirche und Hauptwache vor einem Platz, der nach dem Willen des Kurfürsten ständig in formidablem Zustand gehalten wurde. Der Bau bot Arbeit und Wohnung dem Gouverneur von Cassel. Ihm unterstanden mit beträchtlichen Aufgaben und leidenschaftlicher Hingabe die Germanisten und Texas Ranger Jacob & Wilhelm Grimm, Joe Conrad, Sam Colt, Bill Burroughs, Jimmy Freud, Hard Boiled Jim Zaimoglu, Fürst Metternich und als Minister für besondere Aufgaben Texas Double Action Thunderbolt.
Abends spazierten die Herrschaften etwa zum Marstall-Platz. Die Nordseite einer Baustelle begrenzte das Areal. Da entstand die Kattenburg als neues kurfürstliches Schloss. Wir visitierten die Krämerhalle beim Marstall mit ihren einander anhängenden Zirkelbögen. Frau Holle bediente beileibe uns gern persönlich. Schneewittchen pogte mit ihren sieben Zwergen. Aschenputtel machte ihre Moves, leidende Erlöserinnen groovten mit dem Geschmeiß, das nach Verwandlung schrie und den darbenden Königstöchtern ganze Fugen auf den Schoss reiherte. Das Volk stürmte zuhauf, um sich nicht zuletzt vom Glanz der Granden blenden und von diversen Gehenkten lustvoll erschrecken zu lassen.
Auch gab es revolutionäres (strafbares) Ausspucken von manchem Köhler, der für sich tief im Habichtswald daheim war, wo er mit seiner dissozialen Persönlichkeitsakzentuierung keinem auf die Ketten gehen konnte. Ich vertiefe das Thema in der nächsten Legislaturperiode, mein lieber Herr Schwanengesang. Oder wir verfolgten die Große Johannisstraße vom Gouvernements-Platz zum Markt. Ferner ergab sich zuzeiten zum 540 Fuß breiten und 530 Fuß tiefen Kasernenplatz ein Spaziergang, der von Exerzierexerzitien unserer lieben kurfürstlichen Infanterie gekrönt wurde.

Ich will nun die vornehmsten Straßen der Altstadt nennen. Da war die Fürstenstraße, vom Schlosse kommend als Magistrale, die Schlossstraße, im gemeinen Leben verrufen als „der Graben“, die Große (und schicke) Elisabetherstraße, die zum Hofhospital hin führte, die St. Martinsstraße, im Volksmund „Obere Gasse“, so wie die St. Dionysienstraße, berühmt wegen des ersten Großkaufhauses Europas.
Die geringeren Straßen zu nennen, wäre befreit von jedem Nutzen. Ein Fremder fand alles leicht, da jeder Straßenname an einem Eckhaus angeschrieben war.

Fragt mich nicht nach dem besten Haus am Platz. Ich müsste mit Rücksicht auf unseren Fürsten das Residenzschloss nennen – ein unerhebliches Werk.

Beachtung verdiente es allein mit Rücksicht auf seine Bilder und Tapeten. Während der Westphälischen Zwischenregierung brannte uns der östliche Flügel ab, unterstützt von den Kriminalräthen Zaimoglu und Thunderbolt ermittelte Gouverneur Coogan wegen Brandstiftung. Unter uns, ich hatte S.K.H. den Höchstseeligen Kurfürsten im Verdacht: Nero gespielt zu haben. Seiner königlichen Thorheit war das gothisch-veraltete Dings ein Greuel im Dorn. Nun brach er alles ab, um an nämliche Stelle die schönste Kattenburg zu setzen.

„Der Anfang dieses für die Ewigkeit berechneten Baues, welcher 552 Fuß lang, 402 Fuß breit ist und mit vierundachtzig Säulen geschmückt werden soll, wurde im Jahr 1815 nach dem Entwurf des Ober-Bau-Direktors Jussow gemacht, indessen konnte doch wegen der Beschaffenheit des Terrains nöthig gefundenen, außerordentlich tiefen Fundamente und theilweisen Pilotage das Werk nicht schleuniger betrieben werden, als daß der Grundstein von dem hohen Erbauer am 27. Juni 1820 mittelst einer besonderen Feierlichkeit gelegt wurde, und kurz vor dem im darauffolgenden Jahre erfolgten Ableben S.K.H. das Erdgeschoß nebst einem Theil der ersten Etage fertig war.“*
*Wir zitieren nach dem Handbuch zur Kurfürstlich Hessischen Hof- und Staatshaltung auf (auf – so steht es geschrieben) das Jahr 1865. Der Titel erschien im Druck und Verlag des reformierten Waisenhauses. Ich sag nur Kinderarbeit und Ausbeutung und ein Jahr später kamen die Preußen. Von da an standen Gouverneur Coogan und die Ranger unter der gefühlvollen Führung der Literaturwissenschaftler Texas Double Action Thunderbolt und Sam Single Action Colt im dauernden Kampfe.

Wir bedauerten alle den Abbruch der Kolonnade* vor dem abgebrannten Schloss. Das neue Schloss (die Kattenburg) war ein leidiges Thema. S.K.H. hatte die Bauarbeiten nach Fertigstellung des Erdgeschosses einstellen lassen. Unser Kurfürst konzentrierte sich auf eine Reform der Staatsverfassung, die Feder führte ihm Coogan in Absprache mit seinen Staatsrechtlern J. Conrad und J. Freud.**
*Der Ingenieur Friedrich von S. sicherte Statuen in abgesegneter Heimlichkeit bei Nacht und Nebel. Man findet sie heute im Superb der Orangerie.

Wir inspizierten den Marstall im plaudernden Gefolge hoher Herren. Der Marstall stand schlossunmittelbar seit dem 16. Jahrhundert auf seinem Platz. Er stand da seither mit vier Flügeln. Die Flügel behüteten zweihundert Pferde und eine Sattel- und Geschirrsammlung von europäischem Rang. Die Schönheit der kurfürstlichen Pferde trieb jeden Kenner mit dem Kopf gegen die Wand. Das Leibgespann S.K.H. von acht isabellefarbenen Hengsten löste Stampeden aus.
Nun zog es uns nach der Ostseite der Altstadt hin zur Unterneustadt jenseits der Fulda. Wir nahmen die Wilhelmsbrücke. Am östlichen Brückenende diente uns eine ehemalige Artillerie-Kaserne als Staatsgefängnis. Wir hatten die brave Anlage mit Wall und Graben zum jetzigen Behufe einrichten lassen von Spanndienstlern aus der Leipziger Vorstadt. Wir passierten das Leipziger Tor in einem herrlichen Auflauf. Alles war wie Flieder und da …
da war
ja
da war die Unterneustädter Kirche im guten Stil erbaut. Neben ihr hielt sich das Wachthaus des Leipziger Thors gerade und vis-à-vis rockte unser reformiertes Waisenhaus. Wir eilten in die Vorstadt zu den Schmuddelkindern und dem Siechenhof, der seine eigene Kapelle hatte.

*

Ohne eine dynastische Landesteilung im 16. Jahrhundert in der Verantwortung von Philipp dem Großmütigen (1504 – 1564) wäre Hessen so wie Preußen ein europäisch eindrucksvoller Militärstaat geworden. Kassel glänzte schon, als Berlin lange noch Grotte war und der preußische Adel in der Mark Brandenburg verzweifelte. Da gab es nichts, sah man ab von Sandstürmen und Klapperschlangen.

Kassel war die größte hessische Stadt und weltweit die schönste. Kein Wunder, dass wir eine Party nach der anderen feierten. Wir waren die Happy Few. Wir aspirierten auf die Kurfürstenwürde, die ganze Stadt aspirierte mit dem Landgrafen. Wir nahmen Flüchtlinge auf ohne Ende, sie hatten ihre eigene Stadt in den Grenzen Kassels. Das war unsere Villeneuve. Gottesdienste auf Französisch waren selbstverständlich! Selbstverständlich hatten der Franzos seine eigene BürgermeisterIn, Madame de Pompadour. Sie konferierte mit uns wie du und ich von Haus zu Haus nicht immer nur in großer Toilette. Da gab es ganz informelle Déjà-vus und Endurupplifuns.

*

Aus dem Alltag
Wenn wir zum Beispiel die Siebente Klasse bestellten, dann hatten wir zu bestellen:
Legations-Secretäre, Hofmedici, Außerordentliche Professoren, Ober-Berg-, Zoll-, Hütten-, Bau und dergl. Ober-Inspectoren. Hof-Baumeister. Polizei-Inspectoren. Staatsanwälte. Wirkliche Secretare (mal mit a, mal mit ä) und Archivare, sowie Ober-Buchhalter bei den oberen Behörden.

Auch den Kassierer der Landeskreditkasse mussten wir bestellen; Bibliothekare und Auditeure. Außerordentliche Stadt- und Kriminalgerichts-Assessoren. Den Jagd-Zeugmeister.
Ich saß im Gouvernement am Gouvernementsplatz und entschied von morgens bis abends, wer bei uns in der Stadt mitmachen durfte und wer nicht. Drei Chinesen brachten mir mittags mein Chop Suey und lobten immer auch die Aussicht, die mir Fenster und Balkon meines Büros boten. Nach dem Mittagessen machten wir einen Gang über den Platz: zu unserer St. Martinskirche, um sich ihre gothisch-schöne Bauweise“ vor Augen zu führen. Wir kannten die große Kirche seit dem 14. Jahrhundert. In ihr war das Erbbegräbnis der Landgrafen von Hessen-Cassel etabliert. Sehr ansehnlich war ein Monument, das unser Landgraf Wilhelm IV. seinen durchlauchtigsten Eltern errichten ließ als Andenken, nach einem Entwurf von E. v. Hoyerswerda. Es stand am Ende des Chors und war von Marmor und Alabaster. Hin reichte es beinah an den Kirchenhimmel. Zu Seiten des Monuments standen Statuen von Philipp dem Großmütigen und seiner Gattin in Lebensgröße. Philipp hatte die Stiftsbibliothek in die Sakristei gelegt. Man musste da durch, wollte man zum neuen Begräbnisgewölbe. Die (regierenden) Landgrafen seit Wilhelm IV. standen mit ihren Frauen in Stein Spalier.

Sich in der Martinskirche zu verewigen war aus der Mode gekommen. Landgraf Friedrich II.* hatte sich als Katholik vom kurhessischen Regentschaftsbetrieb abgesondert, Landgraf Wilhelm IX. (1743 – 1822) sich in die Löwenburg legen lassen. Wir waren mit seiner Lieblingsmätresse, der Karo von Schlotheim und Heckershausen (1766 – 1848), gut bekannt gewesen. Wilhelm hatte mit ihr dreizehn Kinder gehabt.
*Ein Katholik auf dem Thron – Friedrich II. von Hessen-Kassel (1720 – 1785) durchbrach den reformierten Regentschaftsbetrieb, indem er konvertierte. Man hatte ihm abgeraten und isolierte ihn nach Kräften.

1. Juni 2016

Hessenmeister

Ohnsgrond

„Ich hatte sehr wenig mit der Generation gemein, deren Stimme ich sein sollte.“ Bob Dylan

Thorsten Casmir litt schon unter jener Krankheit, der er mit vierunddreißig erlag, als er sich daran machte, ein Buch zu schreiben. Regina und ich redeten mit ihm in einem Kelkheimer Vereinsheim. Eine Freundin nutzte ihren Geburtstag, um in die Kindheit abzugleiten. Was ein paar Jahre später zur schicken Selbstverständlichkeit wurde, dass man Feste auf den Hartplätzen der Heimatgemeinde beging, erschien augenblicklich noch schrullig. Jedes Lächeln konnte verkehrt sein.

Viele kamen fluffig an. Bewährte Paare verteidigten Frankfurt gegen Offenbach. Casmir trug Kaschmir und bekannte sich zu Offenbach. Er überhörte Einwände, verströmte Überlegenheit. Casmir sah aus wie George Michael. Er hatte die Krankheit. Alle hatten Ansteckungsangst.

*

Casmirs Roman spielt auf einer norwegischen Insel. Zwei Familien beherrschen Ohnsgrond nach den Maximen archaischer Gemeinschaften. Das Leben der Bauern vollzieht sich in äußerster Armut und Unwissenheit. Ich korrigiere mich, das Leben erscheint weniger archaisch als vielmehr degeneriert. Der idealistische Doktor Finn gerät von Amts wegen auf die von Natur- und Menschengewalt verwüstete Insel. Sie stellt sich Finn als Zuflucht der Verdammten und Perversen dar.

Seine Tatkraft ändert alles. Den eingesessenen Profiteuren feudalistisch-finsterer Verhältnisse begegnet Finn als Vorhut des Jüngsten Gerichts.

Finn kann die Katastrophe einer Epidemie nicht aufhalten. Trotz einer bis zum Zusammenbruch praktizierten Fürsorge, behauptet er, „in allem zuerst das Abgründige zu sehen“ und von „allen Menschennormalitäten abgewiesen“ zu werden.

„Nur die Todkranken“ bleiben ihm, „die sich gar nicht gegen ihn wehren können“.

Finn bemüht sich, auf organische Zerfallsprozesse zielende Obsessionen mit Arbeit in Schach zu halten. Ihn lockt „Kot, Urin, Blut, Eiter und Nekrose“. Er ist bisexuell, sein Liebhaber einer „mit dem zweifelhaften Charme derer, die bei aller Ruhe, die sie ausstrahlen, vor Selbstbewunderung fast benommen sind“.

Thorsten Casmir, Ohnsgrond, Roman, Axel Dielmann Verlag, 445 Seiten hier

Drei Tage nach der Party in Kelkheim, ein Jahr bevor Ohnsgrond erschien, traf ich Milo Dor in einem aufgeheizten Zug. Die Heizung wurde zentral reguliert, die Hebel lagen im Hoheitsgebiet eines gnadenlosen Schaffners.

Die Fenster ließen sich nicht öffnen.

Der Zug war überfüllt. Ich vermutete komplette Haushalte unter Decken und Planen. So reiste man in Zeiten großer Umbrüche. Die Unsicherheit in Bewegung gesetzter Massen griff nach der Sicherheit der Übrigen.

Einen Speisewagen würde es erst ab Brest geben. Für drei Rubel, wir saßen in einem russischen, von der Reichsbahn übernommenen Zug auf der Strecke Warschau – Minsk, servierte der Terrorschaffner Tee. Für fünfzehn Rubel brachte er Kaffee im Glas.

Es gab nirgends Platz für einen Kaffee in Ruhe.

Dor war 1923 in Budapest als Sohn von Serben geboren und im Banat aufgewachsen. Er ortete den breit gestreuten Glauben an eine kosmopolitische Lösung für Europa „in tiefer Enttäuschung“.

Das fand ich erstaunlich, Rumänisch war Dors erste Sprache gewesen. Seine griechische Großmutter hatte deutsche Lieder gesungen. Wollten die Eltern ihn ausschließen, sprachen sie ungarisch.

Als Gefangener der Wehrmacht gelangt Milo Dor 1942 nach Wien. Er wird von „rückwärtsgewandten Utopien“ überrascht, denen „Nachkommen des untergegangenen Vielvölkerstaates“ rauschhaft und fiebrig anhängen. Die ordnende Kraft der Habsburger Monarchie ist die beliebteste (abgegriffenste) Spielkarte der umlaufenden Klischees, Dor reagiert „angewidert“. Ihn „übersäuern“ die politischen Nostalgien. Zum Beispiel nennt man wieder und wieder „das vorbildliche Kataster“ zu Zeiten Maria Theresias über „Besitzverhältnisse in der Lombardei“.

Den Zug überfüllten Völker der ehemaligen Sowjetunion. Im CCCP-Standard war die 24-Stunden-Strecke ein Kurztrip. Man war heiter bis zur Ausgelassenheit. Westeuropäische Berührungsängste flutschten away, triefendes Gemüse regierte im Gewitter der Erscheinungen. Bürger saßen wie Turner im Schneidersitz. 

Wer konnte, schaute aus einem Fenster.

Dor und ich sprachen über „die positiven Wirkungen so wie den problematischen Rest multiethnischer und polyglotter Prägungen“. Dor war als Sohn von Serben in Budapest geboren und im Banat aufgewachsen – in einer Stadt, die zuerst ein türkisches Feldlager gewesen war. Man habe ihn zu einem serbischen Patrioten schmieden wollen. Das sei den Eltern nicht gelungen. Vielmehr setzte sich ein weit reichendes Misstrauen gegenüber „nationalen Gefühlen“ durch.

Dor verschränkte sein persönliches Schicksal mit der Entwicklung mitteleuropäischer Staaten, die zustande gekommen waren „durch Zufall und Gewalt“.

Mir war das damals zu viel Geschichte. Ich sah nur noch Barbarei und keinen Sinn mehr. Eine Erziehung zur Härte hielt mich gerade. Ich lief Gefahr, ein Junkie von Elend und Grauen zu werden. – Ein Vagabund des Nachrichtenwesens, der Eau de Toilette von Calvin Klein auf ein Taschentuch kübelte, wenn es zu sehr stank. Während der Belagerung von Sarajevo hatte man den Brennwert von Büchern ermittelt und einen Kubikmeter Holz für 350 Mark gehandelt.

Uns war wenig mehr erlaubt als auf dem Gang zu stehen oder zu schlafen.

Man rauchte in Waggonzwischenräumen. In Männergesellschaften. Ab und zu verirrte sich eine Frau in dem qualmenden Geschiebe. Nach ihren Begriffen fanden die Kolloquien wohl an europäischen Rändern statt. Sie hielten sich an den Grandseigneur Dor, zumindest an Männer in guten Anzügen. Ich hielt das zivile Betragen in vielen Fällen für Schieber-Fassade.

Die Scheiße tanzte auf ihren Tümpeln. Ich beobachtete  Postklogesichter. Ich sah Leute, die nichts aus der Ruhe brachte. In ihnen überlebte eine Gesundheit, mit der eine Rückkehr in die Steppe gegebenenfalls gut möglich sein würde.

Ich sprach mit einer Frau aus Kasachstan. Sie war nach Deutschland gefahren, nur um zu erfahren, dass eine Operation, die sie nötig hatte, für sie unbezahlbar war. Ihr Nationalstolz brach auf. Kasachstan sei wunderschön, Weißrussland langweilig und Russland am Ende. Sie zählte die mit Krieg überzogenen ehemals sowjetischen Gegenden auf, den Kaukasus, Tadschikistan. In Minsk bekam ich später das hohe Lied auf die Nation in der weißrussischen Version zu hören.

Im Umspurwerk von Brest wurde die Schienenspur von 132 auf 160 cm verbreitert. In einer doppelt gespurten Halle hob man die besetzten Waggons einzeln an.

Der Minsker Bahnhof hatte keine Bahnsteige. Im Dunklen meinte man auf freier Strecke zu halten. Die Schaffner bedrängten uns. Sie vertrieben die Reisenden in biblischen Szenen, die einen zeitgenössischen Exodus illustrieren konnten.

Masse und Herrschaft – Schaffner als Schergen.

Dass in Minsk zwei Millionen Menschen lebten, wurde einem nicht klar. Die Stadt war spakoino. Sie war bis auf die Grundmauern im 2. Weltkrieg zerstört worden. Man hatte das Regierungsgebäude originalgetreu wieder aufgebaut – im Stil sowjetischer Gigantomanie.  Die Altstadt war ein Fehlschlag der Restauration. Man musste sowjetische Architektur lieben, um Minsk schön zu finden.

Die Lenin-Statue stand noch. Der Platz hieß nun Unabhängigkeitsplatz. Bei 20 Grad minus waren Straßen spiegelglatt. Kinder spielten Eishockey auf der Straße. Gestreut wurde mit Sand, anscheinend planlos. Die Busse rappelten im Andrang, privaten Verkehr gab es wenig. Westmänner zahlten staatliche Leistungen nach wie vor in Valuta. Eine Übernachtung im Ausländerhotel kostete sechshundert Mark, dafür wurde nichts geboten.

Mir machte das Spaß, ich war jung und zynisch. Ich zahlte für ein Ballett-Ticket hundert Mark, mein Kontakt, die Germanistin Lilija, vierzig Rubel. In einem staatlichen Kaufhaus musste ich den Pass vorlegen. Lilija intervenierte, das bürokratische Geplärr war ihr peinlich. Sie schämte sich für die „Rückständigkeit“ ihrer Leute. Sie war selbst enorm altmodisch.

Lilija verglich ständig.

„Ihr habt Obst, aber wir haben Fleisch“, sagte sie und begrub gemeinsam mit der Schwiegermutter den Tisch unter Speisen. Ja. Ja, ich hatte Orangen und Bananen mitgebracht. Das wäre nicht nötig gewesen, war aber erwartet worden.

Die Versorgungslage sollte aus meinen Gastgebern in keinem Fall Bittsteller machen. Sie waren voller Scham und erfüllt von einem brennenden Verlangen, sich zu rechtfertigen und zu erklären.

Die Preise explodierten. Zwei Jahre zuvor hatte ich für die Metro oder den Bus fünfzehn Kopeken bezahlt. Nun zahlte ich drei Rubel.

Benzin in Liter: vierzig Kopeken/sechzig Rubel.

Der Brotpreis hatte sich verdreifacht. Zigaretten gab es auf Bezugsschein, ein Paket pro Woche und Person für zehn bis zwanzig Rubel. Wer mehr rauchen wollte, musste in Privatgeschäften bis zu dreihundert Rubel für eine Schachtel hinlegen. Zehnmal so viel wie 1990.

Die Löhne:
1990 – achthundert bis zweitausend Rubel.
1992 – achttausend bis zwanzigtausend.
Nur als Spitzenverdiener und alleinstehend Kinderloser kam man gut klar. Lilija und ihr Mann verfügten über achttausend Rubel. Sie gaben die Hälfte für Lebensmittel, vierhundert für die Miete und achthundert für den Kindergarten aus. Sie erklärten, dass die Versorgung ohne die in roten oder blauen Buden installierten Privatgeschäfte zusammenbrechen würde.

Man nötigte mich zu essen. Schon zum Frühstück gab es Würstchen und Kartoffeln und zu jeder weiteren Mahlzeit Wodka nach der Regel: Zwanzig Grad Kälte plus vierzig Grad Wodka ergibt zwanzig Grad.

Lilijas Mann war Physiker. Er spottete, dass im Physikalischen Institut der Minsker Universität das Zusammenschrauben von Kochplatten an die Stelle der Grundlagenforschung getreten sei. Gemeinsam fuhren wir Bus. Ungarische Busse erkannte man an den (auch von innen) vereisten Scheiben. Kälte stieg vom Fußboden auf. Sibirische Busse waren besser.

Wir besichtigten eine Wodka- und Weinfabrik. Die Arbeiter hielten uns für Kontrolleure. Sie waren sehr freundlich. Die Anlage war baufällig. Auf dem Werkhof stand Lenin.

Die Produktion lief hochtourig, trotz acht Millionen Flaschen Ausstoß pro Monat gab es zu wenig Wodka. Man zeigte uns die gesamte, ein langes Regal füllende Produktpalette; in den Geschäften fand man nur zwei Sorten.

Im Gästesaal wurden wir mit Wurst, Speck, Käse und der aktuellsten Kreation des Hauses, einem Magenbitter bewirtet. Man hielt uns gnadenlos an.

„Humanitäre Hilfe“ – das war ein Wort, das die Leute schüttelte. Niemand wollte humanitäre Hilfe.

Die Religion erstarkte. 1990 hatte ich nur kaputte und ihrem Zweck entfremdete Kirchen in Minsk gesehen. Jetzt rockte der Gottesdienst.

Wir betraten eine Kirche der Orthodoxen. Nicht-Orthodoxe dürfen das nicht, es scherte keinen. Die Kirche war brechend voll. Emphatische vor Kreuzen.

Ein großes Thema war der Nationalismus. Lilija grenzte sich von Russland ab, sie sah in der Abhängigkeit von russischer Energie eine Gefahr für die weißrussische Unabhängigkeit. Das kam flammend und dringend, als stünde der Russe mit dem Sturmgewehr vor der Tür.

Lilija rechnete mit einem weiteren Putschversuch in Moskau. Im Fall seines Gelingens würden die neuen Machthaber – Großrussen – unweigerlich und unverzüglich die unlängst gegründeten Kleinstaaten an der russischen Peripherie kassieren.

Da war Hitze und Unversöhnlichkeit …

Im Schattenreich ihrer Sehnsüchte strebte Lilija nach einer Verabredung mit dem Schicksal Weißrusslands. Ihr Mann, der Physiker, schien von vaterländischer Liebe wenig zu wissen. In seinem Institut schraubte er Komponenten zusammen und erdachte Billiglösungen. Der Professor erwartete Angebote aus dem Westen wie eine lockere Braut. Zu Lande, im Meer und am Himmel starben Männer, weil kein Mensch mehr für sie zuständig war. Wissenschaftler verhökerten das akademische Tafelsilber, sie erlebten den freien Fall der Forschung wie in einem Delirium von Dostojewski.

Der Physiker gab vor, sich aus Wodka gar nicht so viel zu machen. Er war ein Scharlatan, der sogar seiner Frau nach dem Mund redete. Mit Schnurren und Grillen entzog er sich.
Lilija fand überall die nationale Identität bedroht. Sie pochte auf die Einführung von Weißrussisch als Amtssprache, obwohl Weißrussisch von kaum einem geschäftsmäßig beherrscht wurde. Sie schleuste mich durch unterirdische Versorgungslabyrinthe.

Im Begriffskarneval und Blut- und Bodenrausch wurde die Landbevölkerung zum Salz der Erde. Flotte Knilche aus der Kreisstadt griffen ins Rad der Geschichte. Sie putzten ihre moralische Indifferenz mit Weltläufigkeitsformeln.
Ich beobachtete die strangulierende Wirkung einer ständig alarmierten Wahrnehmung von Machtverhältnissen.

Lilijas Schwiegermutter strich die Hände an der Schürze ab. So deutete sie an, dass sie im Leben nicht mehr ausrichten konnte als Speck auf den Tisch zu bringen. Ihr Mann taugte immerhin als Monument der Unbeweglichkeit.

25. Mai 2016

Hessenmeister

Der schwarze Osmane

Der schwarze Osmane Kadir Rauf Bey aka Hamed bin Juma bin Rajab bin Mohammed bin Said el-Murjebi hatte sieben Mal zehntausend Mann unter Waffen und konnte mitunter grimmig werden

„Wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden“, dichtete 1658 Andreas Gryphius in der Rechtschreibung seiner Zeit. Auf der bebenden Flanke der Gegenwart zeigte sich nichts anderes. Wir ritten mit Pierre Jean Jouve (1887 – 1976), „dessen Existenz in einem fast quälenden Verhältnis zu den reißenden Strömungen des Boulevard stand.“ (Grand Slam Coogan in der Vorlesung vom 07.04. 1920, nach Notizen von Hauke v. Salzmannshausen)

Bei Heinrich Mann, dem alten Lebemann und Bettelbruder, riefen Jouves Prosa jene „unbestimmten Nostalgien“ hervor, „die uns ein Buch lieben lassen“.

Wir lasen im Sattel die „Abenteuer der Catherine Crachat“. Catherine ist „von Berufs wegen schön“. Sie hält sich in einer Mittellage zwischen gesellschaftlichem Erfolg und künstlerischer Bedeutungslosigkeit. Von ihrer „Bereitschaft mit einem Mann … Dinge bis zum Morgen zu treiben“, fängt sie ständig an. Jouve selbst irrlichtet im Geschehen, er wartet mit bizarren und banalen Einzelheiten des mondänen Lebens auf. Catherine verliebt sich in Pierre, einem männlichen Model, das sich mit „philosophischer Mathematik“ befasst, wir erreichten Kapitän Müllers dreistöckiges Hexenhaus im Finsterwald (Föhrenweg/keine Hausnummer oder PLZ). Eine Band begrüßte uns mit Stormy Monday. Nachkommen der von Müller in den hessischen Urwald verschleppten Afrikaner hatten eine Kommune aufgezogen, geblendet von Pierres Erscheinung rechnet Catherine ihn „einer außergewöhnlichen Rasse“ zu. Gemeinsam verkehren sie im Jack, „einem Tanzlokal, in dem Schwarze arbeiten“ und amerikanische Touristinnen „kreischen“. Paul Morand sitzt am Tresen, Josephine Baker an seiner Seite. Da kommt Gertrude Stein, die Liebe schüchtert Catherine ein. Im Taumel des Nachtbetriebs zweifelt sie an sich.

„Konnte Pierre ein Mädchen wie mich lieben?“ fragt sie ohne Hoffnung und bekennt mit der Großartigkeit von Betrunkenen, dass ihr „erster gründlicher Fehler“ sich in „der Sünde“ erschöpfte, „zu existieren“.

Catherine verliert Pierre an eine andere Schauspielerin, sie trifft ihn wieder in Wien, wo ein Film gedreht wird. Ihr begegnet ein monumentaler Adelsmann in Lederhosen,
„schlicht und schön wie eine Scheibe Weißbrot“;
während Pierres Mutter sich an die schöne Französin heranmacht. Fünfzig Jahre später bietet ein Mann in ordentlichen Verhältnissen einer Streunenden die Wohnung seiner reisenden Eltern als einmaliges Nachtquartier an. Er überlässt sie rasch der Stille und dem Staub auf abgedeckten Möbeln und eilt zu einem Rendezvous ins Restaurant. TV-Nachrichten eröffnen ihm die Identität des Gastes. Einer Entsprungenen hat dieser Herr mit Affären und Vermögen sein Kinderzimmer überlassen. Er wird noch mehr für Edith (Heidi) tun.
Erst gefallen, dann entsprungen – so geht es den Leichtherzigen! Der nächste (nach dem kurfürstlichen, von der Thronfolge wegen einer bürgerlichen Mutter ausgeschlossenen Leutnant, der Edith zwar schwängerte, aber nicht heiratete) war ein Sarde mit dem Gemüt eines Bluthundes – Murati. Er residierte als Bordellbesitzer in Bechar. Seinen Betrieb führte er direkt neben dem Raketenstartplatz.

Er verlangte von Edith, dass sie den Freiern Komplimente machte. Die fiebrigen Legionäre erachteten Edith als etwas Besonderes, im Bordell erwarteten sie sonst nur einheimische Frauen im Zustand der Teilnahmslosigkeit.

Drogen, Läuse, Pilze, Depressionen, Langeweile, um jetzt nicht von schwerwiegenden Dingen anzufangen.

Edith hatte Nonnen ihr Kind gegeben, sie hielt sich für verdammt. Ich widerspreche ihr nicht. Vor dem Bordell verelendete Oleander. Ein Geländer lag wie abgebrochen neben der Veranda. Es war nie angebracht worden.

Föhn zog um die Häuser und raschelte im Stacheldraht. Die Wüste kam näher. Die Legionäre sehnten sich nach Europäerinnen. Das Departement d’outre-mer organisierte zwar alles, einschließlich des Bordellbetriebs. Man hielt das bewaffnete Personal in Schuss. Aber eben nur mit dem, was da war.

Aberrationen können Leben retten. Die weiße Frau bot sich einer Obsession an. Die Legionäre hatten sich ans Erzwingen gewöhnt. Korporal Willi, der ganze Mann: ein Brustkorb, wettete mit den Kameraden.

Zu prahlen, es fiel ihm leicht. So ein Willi trumpfte an der Rummelplatzschießbude auf. Der trennte einen Teddybär von seinen Knopfaugen und erntete selbstverständlich Bewunderung.

Edith erlag Willis Knallchargencharme. Nun musste noch ein Mord geschehen, Willi zeigte Lust, zu desertieren. Man setzte ihn fest, eins kam zum anderen. Edith riss sich los. Sie wurde gesucht – nicht nur von der Polizei. Die Sarden waren sauer. In Paris spielte Edith ihrem Gastgeber eine Amour fou vor, dass er sie weiter versteckt hielt in der Wohnung seiner Eltern. Vor der Tür fand ein Entwurzelungsfestival statt, mit trister Notzucht, milieugerechten Trottoir-Erpressungen und schillernden Härteauftritten. Die Leute scharten sich um brennende Tonnen.

*

Nie waren sie die ersten, aber nach europäischem Verständnis galt als entdeckt nur, was Weiße gesehen hatten. Über die Quellen des Nils spekulierte man seit der Antike. Herodot bemerkte 450 vor unserer Zeitrechnung, dass keiner die Quellen kenne. Nero sandte Soldaten zur Erkundung des Verlaufs. Schwimmende Grasinseln hielten sie auf. Fortan sagte der Römer, wollte er etwas Aussichtsloses anfangen: Caput Nili quaerere.

Der Fluss bot Anlass zu fantastischen Vermutungen. Die Ägypter nannten ihn Jeter-o (Iteru), sie hielten den Nil für einen Gott. Und warum sollte man nicht für Gott halten, was einen erhob und erhielt? Auf einer Länge von 6397 Kilometern floss der Nil durch vier Reiche, um schließlich in dem 270 Kilometer breiten und 170 Kilometer langen Nildelta Mittelmeer zu werden.

Wir wussten schon einiges, als uns der Schotte James Bruce dazu ermutigte, Verstand, Mut und Vermögen in die Erkundung der Nilquellen zu investieren. Klar war, dass im Erfolgsfalle alles England zugeschlagen würde, man sollte uns nicht für kleinlich halten. Also schifften wir uns mit James ein und wähnten uns im November des Jahres 1770 nach einer strapaziösen Reise, der Champagner war ausgegangen, Joe (Conrad) hatte sich das afrikanische Fieber eingefangen, Bill (Wilhelm Grimm) einen Fuß verloren und Jim (Zaimoglu) litt unter chronischem Nasenbluten, an einer der Quellen. James erklärte sie erwartungsgemäß dem König von England zu Eigen, die Leute aus der Gegend fassten sich an den Kopf. Nach ihren Begriffen konnte kein Mensch Land „besitzen“.
Wie soll das gehen? fragten sie.
Wir erklärten es ihnen später mit mancher Bleilektion. Fürs erste brauchten wir die Leute aber noch als Träger, Ruderer und Pfadfinder so wie zur Aufrechterhaltung des Feldküchenbetriebs. Schließlich konnte man nicht alles selbst machen.

Ich zitiere aus Nilfieber, dem 107. Band der Anderen Bibliothek. Ediert und eingeleitet von Georg Brunold. Die Rede ist von den herausragenden Protagonisten des Wettlaufs zu den Nil-Quellen. Ihre Namen kannte jedes Kind. Im kollektiven Bewusstsein ihrer Epoche kam den Afrikareisenden die gleiche Bedeutung zu wie dann den Astronauten. Keiner war populärer als der englische Missionar David Livingstone, abgesehen von dem amerikanischen Journalisten Henry Morton Stanley.

Tatsächlich lag die Quelle (des blauen Nils), die wir glaubten gefunden zu haben, 1500 Kilometer entfernt. Unser Standort war außerdem schon 150 Jahre zuvor von einem Portugiesen beschrieben worden. So zermürbend die Anreise gewesen war, so katastrophal wurde der Rückmarsch. Beraubt, ausgezehrt und krank auf den Tod betraten wir endlich wieder hessischen Boden, nur um, ob der unglaublichen Kunde, ausgelacht und als Bramarbasse geschnitten zu werden. Gründlicher konnte man nicht scheitern.

Alternativ: Man empfing uns überall mit Hurra und ehrte uns bis über sämtliche Ohren. Man feierte uns als große Sportsmänner.

*

Einmal ritten wir von Málaga nach Norden. Noch in Andalusien rasteten wir auf einem Flecken, der aus einer Tankstelle, einer Herberge und einem Parkplatz bestand. Im Schatten der Arkaden fürchtete sich ein Schock Nonnen. Es waren bäurische Bräute, sie lunsten herüber. In ihrer Mitte verbargen sie beinah ein Mädchen in Schuluniform. Es kam mir vor wie eine Gefangene.

Joe (Conrad) sprach durch den Rauch seiner Pfeife: „Diese … Wesen brauchen eine starke Verzweiflung, da sie sonst nichts sind.“

Coogan spuckte zustimmend. Jake (Grimm) nickte zustimmend. Auch unserer Pferde Schnauben ließ sich als Zustimmung nur deuten.

Ennio Morricone trommelte sein Orchester zusammen.
Wir betraten die Herberge, einen kühlen, dunklen Raum. Gepfeffert mit Alkoven. Erschöpfte Reisende verdämmerten an den Tischen. Der Patron bat uns, die Waffen abzulegen, James (Bruce) versetzte ihm einen verächtlichen Tritt. Seit den Tagen des texanischen Unabhängigkeitskrieges trennte uns kein Anlass mehr von unseren Waffen.

Am Tresen würfelten verelendete Landarbeiter.
Plötzlich.
Plötzlich sickerten die Nonnen in die Szene. Sie gingen zu zweit oder zu dritt und es sah so aus als würden sie sich um die Reisenden kümmern wie um Verletzte in einem Lazarett.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei James (Bruce). Wir nannten ihn Jim, er war Geograph, Astrophysiker, Historiker, Linguist, Botaniker, Ornithologe, Kartograph, Feldjäger und Mediziner.
Alan Moorehead liefert folgende Charakterisierung:
„Bereits der oberflächliche Blick auf das Leben von Bruce enthüllt den Abgrund, der zwischen uns und den privilegierten Klassen im England des 18. Jahrhunderts klafft. Jim ist Teil einer Welt, die längst versunken erscheint – dazu gehören Familienwappen und ererbter Grundbesitz, klassische Bildung, Patronatsrechte und heftige Vorurteile. Jim hasste. Er hasste Papisten, wie manche Leute Schlangen oder Ratten hassen, und war, auch wenn er nicht an das göttliche Recht der Könige glaubte, Monarchist aus tiefstem Herzen.“

Das waren wir gewiss alle und zugleich waren wir Demokraten und Revolutionäre. Wir glaubten an die Gleichheit der Menschen, trotzdem stellten wir uns mit unserem Dünkel und der hohen Herkunft über alle. Wir verfassten die freiheitlichste Verfassung, wuschen aber nie ein Hemd selbst.

Alle Menschen werden Brüder, doch wir waren ganz klar was Besseres.
Ein zweitklassiger Romancier hätte Jim sich nicht besser erfinden können. Er verkörperte die Tugenden eines Haudegens. Er maß beinah zwei Meter, eher mehr noch. Muss ich euch sagen, dass er athletisch war, mit rotem Haar und lauter Stimme, ein ausgezeichneter Reiter, Maler, Mathematiker, Ringer und Schütze,
„und wo immer er auftrat“, so der olle Moorehead, „schien selbstsichere Überlegenheit von ihm auszustrahlen. Seine angeborene Sprachbegabung versagte nicht einmal vor arabischen Dialekten. Überdies war er ohne jeden Zweifel außerordentlich mutig und entschlossen.“

Zu unserer Gruppe zählten Burton und Speke. Burton beherrschte neunundzwanzig Sprachen und war Kenner arabischer Erotica. Man schimpfte ihn einen „Romantiker“, einen „Liebhaber der islamischen Welt“ und „hingerissenen Dilettanten“.

Die Grausamkeit abessinischer Herrscher überschritt alle Begriffe. Wahllos marterten und verstümmelten sie ihre Untertanen ebenso wie andere Feinde, um die Leichen Staubpistenkötern zum Fraß vorzuwerfen.
Coogan schilderte unsere Abenteuer den hessischen Prinzessinnen. Sie kannten Aufschneidereien von ihren englischen Cousins. Coogan erzählte aber weniger als die Wahrheit. Der Äthiopier verspeiste das Rind bei lebendigem Leib. Mit Löchern in den Flanken kehrte das Vieh auf die Weiden zurück und wurde da zum Fest für Fliegen. Kühe verschwanden in den Wolken. Die Schwärme loopten mit der Startakustik von Tornados.

Von der Ignoranz des britischen Publikums gekränkt, hatte sich James Bruce, wir nannten ihn Bad Luck Jim, an die Kasseler Universität zurückgezogen, wo der Lehrkörper nun von Bill (William Seward) Burroughs und Jimmy (Sigmünd) Freud verstärkt wurde.

Liste der Texas Ranger-Professoren aus dem Jahr 1843
Texas „Grand Slam“ Coogan, Germanist (Präsident)
Texas „Double Action“ Thunderbolt, Germanist (Dean)
Wilhelm „Bigfoot Bill“ Grimm, Germanist
Jacob „Crazy Jake“ Grimm, Germanist
Joseph „One Finger Joe“ Conrad, Soziologe
James „Bad Luck Jim“ Bruce, Geograph, Astrophysiker, Historiker, Linguist, Botaniker, Ornithologe, Kartograph, Feldjäger, Mediziner
Feridun „Hardboiled Jim“ Zaimoglu, Germanist
William „Buffalo Bill“ Burroughs, Germanist
Sigmund „Jimmy the Kid“ Freud, Germanist

1857 startete eine Expedition zu den Quellen des weißen Nils, die Kasseler Universität schloss sich auf Sansibar an. Sansibar war damals ein Zentrum des Sklavenhandels.

„Zu jener Zeit lebten etwa fünftausend Araber auf Sansibar, einige besaßen nicht weniger als zweitausend Sklaven.“*
* Ich zitiere aus Nilfieber, dem 107. Band der Anderen Bibliothek. Ediert und eingeleitet von Georg Brunold.

Wir logierten beim schwarzen Osmanen Kadir Rauf Bey, dessen richtiger Name Hamed bin Juma bin Rajab bin Mohammed bin Said el-Murjebi der Welt lange verschwiegen blieb. In seiner Jugend war er mit meinem Vater unter Marshall Greg-Coogan Austin geritten, ich kannte ihn als einen Mann von äußerster Herzlichkeit und Treffsicherheit.

„Bei beinah allen Bewohnern der Insel gab es eine natürliche Neigung zu Alkohol & Drogensucht – entweder Opium oder Haschisch – und ein ganz selbstverständliches Abgleiten in die Wollust.“

Der schwarze Osmane war der größte Sklaven- und Elfenbeinhändler seiner Epoche. Sein Palast stand in einem Park. In einem Parkhaus brachten wir unsere Studentinnen unter, um sie keinen weiteren Gefahren ausgesetzt zu wissen. Nur Hauke sollte als Isabelle Eberhardt nach Art des müslüman oder musulmano mit uns in die Wildnis gehen. Hamed bin Juma bin Rajab bin Mohammed bin Said el-Murjebi bewirtete und supportete sämtliche Expeditionen, er war Vertrauter des belgischen Hand-ab-Königs und des Deutschen Reiches (in Gründung) im Rang eines Ministers für besondere Aufgaben. In Ostafrika führte an Hamed bin Juma bin Rajab bin Mohammed bin Said el-Murjebi aka Kadir Rauf Bey genannt der schwarze Osmane kein Weg vorbei. Ihm folgten zweimal zehntausend Mann, die westlich des Tanganyikasees jeden Strauch mit Zöllen belegten.

Eine so beherrschende Stellung weckte in ihrer Einmaligkeit Begehrlichkeiten. Sultane schickten ihre Heere gegen den ehrlichen Kaufmann, der selbst in seiner Uneigennützigkeit die historische Begegnung von Stanley und Livingstone
„Dr. Livingstone, I presume?“
arrangierte.

*
Richard Francis Burton trat 1842 in das 18. Regiment der Bombay Native Infantry ein. In den folgenden sieben Jahren lernte er Hindustani, Gujarati, Sindhi, Panjabi, Marathi und Persisch. 1849 ging Burton nach Ägypten und lernte Arabisch. Im April 1853 reiste er, verkleidet als Pilger, nach Mekka.

Speke war aus anderem Holz, ein guter Organisator und Gesundheitsfanatiker. Die beiden harmonierten wenig, Speke verhielt sich dem sehr viel gebildeteren Burton gegenüber rebellisch. Das sollte Burton zum Verhängnis werden.
„Er brauchte einen Jünger und erhielt einen Rivalen.“

In Tansania bestaunten uns die Bürger des Landes wie jeden Faschingsumzug. Wir klapperten närrisch durchs Gelände, Burton litt unter einem vereiterten Kiefer. Speke war so gut wie blind. Das hielt ihn von nichts ab. Die Weggefährten stritten, gelegentlich gestattete sich ein Expeditionsteilnehmer eine Bemerkung zur _Schönheit der Schöpfung_. Dann kam etwas Verächtliches von Speke. Für ihn war der Dschungel ein Fitness-Parcours.

Wir erreichten den Victoriasee und dachten einmal wieder am Ursprung des Nils angekommen zu sein. Burtons Skepsis ging im Taumel unter, es wurde getrunken wie in den Führungsstäben der Nationalen Volksarmee. Wir trafen Sam Baker, er reiste mit Gattin. Sam und Florence waren in Karthum aufgebrochen, den Nil hinaufgefahren und von Moskitos bis aufs Blut gequält worden. Halbtot hatten sie den Albert-See erreicht und sich da an der Nilquelle vermutet. Gemessen an den Verirrungen vieler „Entdecker“, waren sie ziemlich dicht dran gewesen. Auf dem Heimweg verloren sie ihr letztes Kanu, ein Nilpferd bootete sie aus.
Wir nahmen die Bakers in unsere Mitte, längst pilgerten wir in zwei Abteilungen. Die Streitenden stritten, die Gelassenen rückten im Sonderzug vor. Vorsätzlich verloren wir Burton und Speke aus den Augen, doch hörten wir noch lange das Geschrei.

Wir folgten einem Karawanenweg, den die europäische, indische und amerikanische Gier nach Elfenbein zur Hochfrequenzstrecke gemacht hatte. Tausende von Trägern liefen im Geschwindschritt durch die Gegend.

Im Geschwindschritt durch den Wald - Nichts war billiger als Arbeitskraft. Weiß zu sein war eine Qualifikation für Führungsaufgaben.

An der Mündung des Rowuma trafen wir Livingstone.
„Wir sind es gewöhnt, uns Livingstone als alten Mann vorzustellen, doch als er zu seiner letzten Reise aufbrach, war er gerade zweiundfünfzig und verfügte mehr denn je über jene Gabe, die die Araber baraka nennen: Er konnte auch unter den widrigsten Umständen jedem das Gefühl vermitteln, das Leben sei gerade jetzt reicher und besser als sonst. Seine bloße Anwesenheit scheint auf alle, die mit ihm zu tun hatten, wie eine Wohltat gewirkt zu haben.“*
* Ich zitiere aus Nilfieber, dem 107. Band der Anderen Bibliothek. Ediert und eingeleitet von Georg Brunold.

Livingstone, aller Spekulationen überdrüssig und entschlossen, die Koordinaten der Quellen endgültig auf eine Landkarte zu bringen, lehnte unsere Beteiligung an seinem Vorhaben ab. An der Grenze zwischen Tanganjika und Portugiesisch-Ostafrika begann er jene unglaubliche Serie von Wanderungen, die sich über sieben Jahre hinziehen und mit einem Fehlschlag enden sollte, der zugleich ein Triumph seines unbesiegbaren Geistes war.

„Selten dürfte ein Unternehmen auf so viele Fehleinschätzungen begründet gewesen sein. Livingstone suchte die Quellen eines Stroms in einem Gebiet, wo es den Strom gar nicht gab.“
Livingstone glaubte:
„er könne allein, unbewaffnet und ohne Unterstützung Afrika durchqueren.“
Unterwegs erkrankte der Reisende schwer, er überlebte mit Hilfe arabischer Sklavenhändler. 1869, drei Jahre nach seinem Aufbruch, inzwischen galt er als verschollen, erreichte er, körperlich in erbärmlicher Verfassung, Ujiji, eine am Ostufer des Tanganyikasees gelegene Ortschaft.

Nachtrag
Als ich die kleine Sache vor einer Ewigkeit zum ersten Mal wohl noch aus einer Schreibmaschine zog, um Wort für Wort zu prüfen, wie es mir die Eitelkeit vorschrieb, stolperte ich über manche sprachliche Unebenheit, doch nicht über Eingeborene. Ich schrieb „Eingeborene“ wie jeder Kolonialsekretär seiner Majestät dem Hunnen-Wilhelm.
Im Original steht: „Der zivilisierten Welt galt Livingstone als verschollen.“

So schrieb ein weißer Mann im Geist arabischer Sklavenhändler. Ich will mich dem Thema bald hermeneutisch zuwenden. Wir müssen uns befragen, so wie ich den schwarzen Osmanen Kadir Rauf Bey aka Hamed bin Juma bin Rajab bin Mohammed bin Said el-Murjebi einst auf Sansibar fragte, was ihn eigentlich von seiner Ware unterscheiden würde. Er hatte sieben Mal zehntausend Mann unter Waffen und konnte mitunter grimmig werden.

Er war der uneheliche Sohn eines Hausmädchens, ein Bastard nach den Begriffen seiner Zeit. – Gegenstand schrecklicher Fürsorge. Mit fünf kam er ins Arbeitshaus, mit siebzehn brachte er den Atlantik zwischen sich und das Elend. In Amerika erfand sich das walisische Heimkind als Draufgänger neu. Er gab sich den Namen Henry Morton Stanley.

*Henry Morton Stanley fand den sagenhaften Afrikaforscher David Livingstone am Ostufer des Tanganyikasees – 1871 die Sensation weltweit!* 

„Härte, Hitzigkeit und Egozentrismus (waren) seine hervorstechenden Eigenschaften.“*
Im Sezessionskrieg verfocht Stanley die Sache des Südens. Später ritt er mit Generalmajor Winfield Scott Hancock gegen die Seminolen. Diese Bürger Floridas hatten unser besonderes Interesse. Sie boten sich der Kasseler Universität zur Untersuchung einer Ethnogenese an. Aus ihren ursprünglichen Verbreitungsgebieten verdrängte und dezimierte indigene Völker fusionierten im 18. Jahrhundert zu einer neuen Nation. Sie integrierten afrikanische Flüchtlinge (entsprungene Sklaven). Die schwarzen Seminolen stellten einen zumal von Prof. Feridun Zaimoglu erforschten historischen Sonderfall dar. Die englischen Sklavenhalter nannten die Afrikaner auf Freiheitsfüßen verächtlich Maroons, eine fiese Ableitung des spanischen (Negro) Cimarrón.

1871 schickte der Verleger James Gordon Bennett junior Stanley nach Afrika, um den verschollenen Livingstone in die Schlagzeilen zu bringen. Stanley fand den Entdecker der Vicoriafälle in einem Strandkaff am Tanganyikasee.

„Nirgendwo in der weiten Welt dürfte es zwei so gegensätzliche Charaktere wie Livingstone und Stanley gegeben haben – aber auch nirgendwo zwei Männer, die einander im Moment dermaßen dankbar waren. Livingstone brauchte Medizin, Nachschub, Nachrichten, und sein junger Besucher verfügte über all das.“*

Stanley hatte Cochones und brauchte kudos – Ruhm. Livingstone brachte ihm viel mehr ein als Ruhm. Das afrikanische Intermezzo wurde zum entscheidenden Erlebnis in Stanleys Leben. Livingstone gefunden zu haben, verlieh dem grandiosen Egoisten die Statur einer moralischen Autorität.

Die Begegnung der Männer am Ostufer im Dorfe Ujiji bildet die berühmteste Szene der Afrikaliteratur. Erreicht wird sie allenfalls von dem Bild des toten Livingstone, dessen Leichnam Fans 1600 Kilometer durch den Wald zur Küste trugen. Das vollzog sich acht Monate nach dem sagenhaften Treffen. Mit Medikamenten versorgt, war Livingstone kurz soweit genesen, dass er glaubte, seine Suche nach den Quellen des Nils fortsetzen zu können. Das nenne ich zielstrebig. Stanley war inzwischen ans Mittelmeer marschiert, um die gute Nachricht und Livingstones Tagebücher an die große Glocke zu hängen. 1874 leistete er mit einer äußerst verlustreichen Expedition einen entscheidenden letzten Beitrag zur Klärung des Nil-Ursprungs.

18. Mai 2016

Hessenmeister

Im Vergleich mit der Feenhölle Hessen war die Reise ins Herz der Finsternis ein Spaziergang am Kongo

Vom Redakteur auf einen überfälligen Artikel angesprochen, antwortete Joseph Roth: „Bei der Frankfurter Zeitung schreibt man nicht für den Leser, sondern für die Nachwelt.“
In den Pariser Scheunenvierteln zaristischer Emigranten bemerkte Roth „den Duft der Armut“.
„Je länger die Emigration dauert, desto näher kommen ihre Protagonisten den Klischees. Der Großfürst als Chauffeur eines Taxis steuert unmittelbar in die Literatur.“
Im Galopp der Begabungen löste Friedrich Sieburg Roth auf dem französischen Posten ab. Ich kam in ein Hotel, Raoul Schrott saß mit H.C. Artmann an der Bar. Artmann sollte am folgenden Tag den Büchner Preis kriegen, er fiel sich schwer.
Wenn schon H.C., dann Artmann.
Artmann sah aus wie Pound. Damals wollte ich noch glauben, dass solche Koinzidenz kein Zufall hinbog.
Schrotts Urwüchsigkeit ließ ihn wie Artmanns Knappen erscheinen. Zu seinem Tiroler Erbe gehörte eine Bergweltstatur. Der Mann war ein Berg hinter zwanglosem Gebaren. Obwohl er zum Debattenfürst taugte, gab sich Schrott lieber korporativ – eine Zöglingseigenschaft. Dass Schrott sich klar war, zeigt eine Zeile in Finis Terrae:
„Man antwortete, wenn man gefragt wurde, und hatte den anderen zu beweisen, daß man dasselbe unter Kameradschaft verstand wie sie.“
Schrott hatte eine umständliche Diktion. Für ihn war Artmann „bis heute der einzige Dichter geblieben, den ich ohne lange nachzudenken so apostrophieren würde“.
Sie waren sich in einer Wiener Bahnhofsgaststätte zum ersten Mal begegnet. Schrott erzählt das im Nachspann. Zuvor hatte er sich in der Erzählung beinah den Hals gebrochen.
„Ich sprach Artmann an. Ich mußte wohl etwas bleich ausgesehen haben, dem Tod von der Schippe gesprungen: jedenfalls schrieb er mir ein Vorwort.“
Schrott kannte den Indischen Ozean, den Pazifik und die China-See. Couchgruppen unterhielten sich. Sie achteten nicht auf die Autoren.

Schrott war überall gewesen. Allein seine Hochschullaufbahn hatte ihn von Innsbruck nach Norwich, Paris, Berlin und Neapel geführt. Er erinnerte mich an Wissenschaftsabenteurer des 19. Jahrhunderts. Er war polyglott bis ins Unwahrscheinliche. Segler und Wüstenwanderer. Von der Warte dreihundert Meter hoher Dünen hatte er den Spielraum der Sprache gemessen, um zu finden, dass im Sand kein Wort mehr traf.
„Die Erde (ist) ein Punkt, kaum größer als ein Korn im Universum, er malte es mit der Gabel auf das Tischtuch.“ Finis Terrae
Mit dreiunddreißig hatte Schrott zwanzig Titel zusammengeschrieben, seine Frau war im Hotel. Zwar schlug die Literaturmode von 1997 mit ihren lateinischen Überschriften und historisierenden Einschlägen auf die Produktion durch, doch ging Schrott weiter als die Kollegen.
Ich sah ihn starr vor Staunen an.
Die Vorhänge waren wie die Lampenschirme so orange: eine Farbfloskel, die sich oft mit schmiedeeisernem Stuss paarte. Schrott hatte gerade die Erfindung der Poesie veröffentlicht – Gedichte aus viertausend Jahren. Auswahl, Übersetzung, Kommentierung: Schrott. Was für ein Durchmarsch.
„Kein gelungenes Gedicht spricht von sich oder seinem Ich“, verrät die Erfindung. Da ist ein Watt aus Wörtern und Spurrillen in Zeiten als Götter noch selbst dichteten und menschliches Dasein sakral sich vollzog. Der Himmel, ein Dom über Ur.
„Die Sprache arbeitet den Kategorien der Logik entgegen.
Die Klarheit der Buchstaben bleibt eine scheinbare.
Die Silben können nicht die Grundelemente einer Grammatik der Welt sein.“
Ich füge ein, dass ich ausgerechnet bei den Grimmbrüdern einen Vorbehalt gegen Buchstaben fand. Buchstaben als Angriff auf das Gedächtnis/ Buchstaben als Profanisierungsmedium.
„Schreiben“, schreibt Schrott, „ist ein nüchterner Rausch, eine Anspannung, die etwas mit Glück zu tun hat.“
Sie hatten Hörner auf dem Kopf – Antilopenhörner, glaube ich.
Schrott war auf einem Schiff zur Welt gekommen. In österreichischen Handelsangelegenheiten hatte der Vater die Familie von São Paulo nach Tunis gescheucht. „Bücher im Haus“ waren das Beständige im Dasein der Wohlstandsvagabunden.

*

Coogan kantete eine Schädelkalotte mit der Hand auf, seine Studentinnen besahen die Dura, unwahrscheinlich, dass sie glauben konnten, Gefäße für etwas so Hässliches zu sein. Es führte in ihren Vorstellungen gewiss kein Weg vom grauen Gewebe zu Eudaimonia. Coogan verlangte von Colette (Peignot) eine Trennung des Klumpens von seinen Verbindungen.
Colette hob den Flutsch aus der Schale. Sie weigerte sich, den Flutsch Gehirn zu nennen. Das war doch lächerlich und noch unerfreulicher als einige Emanationen des Stoffwechsels.
„Als ginge man beim Abdecker in die Lehre“, wisperte Steffi von Salzmannshausen.
Colette rettete sich zu stiller Heiterkeit. Coogan rief das Faktotum, Quasimodo trieb die Studentinnen mit seiner bloßen Erscheinung zu den letzten Bänken. Coogan scheuchte Quasimodo mit Flutsch und Glutsch zur Hörsaaltür hinaus, er bat Hauke, die Fenster zu öffnen. Die Vögel sangen von ihrem Entzücken. Sie saßen Spalier auf der Fensterbank. Gute getarnte Spanner.
Colette genoss die besondere Aufmerksamkeit des Professors. Coogan führte sie zu ihrem Platz, die Vögel lachten sich einen Ast. Colette übertrieb ihre Schwäche.
„Die stimuliert nur“, petzte Steffi.
Coogan ließ ihr die phonetische Ungenauigkeit durchgehen. Er wusste, was von ihm erwartet wurde. Coogan versprach ein gutes halbes Stündchen Religionsgeschichte.
„Wer hat schon einmal von einer Anstalt gehört, die den in Einsamkeit wahnsinnig gewordenen Eremiten zur Frühzeit des Christentums vorbehalten war?“
Auf solche Stories standen die Studentinnen. Bloß nichts mit Anspruch. Barbara von Fallersleben gab die richtige Antwort. Der alte Theodosius hatte im 6. Jh. vor Bethlehem ein Kloster aufgezogen, in dem verknatterte Solisten zu einem Ensemble zusammengefasst wurden.

Am Nachmittag kamen Raoul Schrott und Feridun Zaimoglu von Sidi Bou Saïd herüber geritten, die Studentinnen erhoben sich zu einem Chor der Freude.
„Denken wir an Agatha“, sagte Zaimoglu. „Die Jungfrau widerstand dem Begehren eines Mächtigen, so dass man sie bei lebendigem Leib zerschneiden musste. Die Brüste, „klein und noch gar nicht voll ausgereift“, wurden dem Mädchen vor die Füße geworfen. Es äußerte milden Tadel:
„Errötest du nicht, den Teil eines Menschen zu zerreißen, der dir an deiner Mutter einmal Nahrung gegeben hat?““*
*Die Zitate stammen aus Albert Sellners „Immerwährenden Heiligenkalender“

„Oder Doris“, ergänzte Schrott. „Unserer lieben Doris, Schutzheilige der Brauer, war als Bräutigam nur der Erlöser recht. Wegen eines abgewiesenen Freiers musste sie zu siedendem Öl in einen Bottich – sie überstand die Prozedur ohne Schaden.
„Was also“, fragte Coogan die Studentinnen, „macht heilig?“
„Standhaftigkeit vor allen Anfechtungen“, antwortete Heidi (Edith) von Schauenburg-Lippspringe.
„Zudem eine Leidensfähigkeit, die von bodenloser Verachtung des Körpers rührt“, ergänzte Hauke von Dänemark und Holstein.
Von Zaimoglu wussten die Studentinnen schon alles, Schrott kannten sie noch nicht so gut. Sie baten ihn, von sich zu sprechen, einen größeren Gefallen könne er ihnen nicht tun.
„Wissen ist Lust“, verkündete Schrott. Ihn unterhielt eine Kristallstruktur, die in drei Dimensionen symmetrisch war genauso wie ein Tonzylinder, der Informationen aus undenkbarer Vergangenheit hieroglyphisch auf uns brachte.
Schrott hob eine Seite seiner philologischen Neigungen an. Er sprach von Erregung aus Sprache, die Studentinnen erröteten unter den Schleiern. Erotik hatte ihr ganzes Interesse. Nur wenn es darum ging, waren sie nicht faul und oberflächlich und ständig am Telefonieren oder Instagramen.
Das war die Zierde Hessens, versprochen unseren Besten als Bräute.
Zaimoglu seufzte. Coogan schüttelte bedenklich den Kopf. Er hatte die Germanistik (gemeinsam mit den Brüdern Grimm) erfunden in Sorge um den weiblichen Nachwuchs. Man konnte den schließlich nicht Kriegswissenschaften studieren lassen, Penthesilea hin oder her.
Schrott sprach von sich in der 3. Person: „Für den Heranwachsenden hieß zu sprechen immer wieder Fremdes sich aneignen. In Afrika hauten Buben ihm die Hucke voll. Er dichtete schon, als er aus dem Maghreb nach Landeck geriet. Dialekt half, sich in Vielsprachigkeit nicht zu verirren.
In Schwalbenform segelten die ersten Botschaften aus den letzten Reihen.
Haste heute Abend schon was vor? Ich warte bis sieben am alten Haupttor. Weeste, wo das alte Haupttor is? Gruß Prinzessin Conny v. Hessen-Nassau
Schrott wog die Beziehungen zwischen Hochsprache und Kopfhaltung. Die weltweit einzigartige Großschreibung der Deutschen rückte er neben jüdische Mystik.
„Großschreibung als verborgenes Akrostichon oder Anagramm einer verschlüsselten Nachricht Gottes.“
Mit vierzehn brannte Schrott durch. In Griechenland fand er das Licht seiner Kindheit.
„Ich saß jeden Abend in einer Bar auf einer venezianischen Festungsmauer, rauchte, ohne zu inhalieren, und trank Gin in großen Schlucken.“
Paris erreichte er mit einem Käse als Mundvorrat. Er strich an den Huren vorbei. Auf der Suche nach Stellen, wo Rimbaud den Rinnstein geküsst hatte, richtete er sich, ganz Navigator auf dem Eismeer der Kunst, nach den Sternen.
„Die hybriden Tauben auf den Masten von Paris“ wird er später bemerken, als Hilfsbuchhändler bei Shakespeare & Company, „heruntergekommen zum Touristenbums“, und als Sekretär des greisen, von Michael Jackson amüsierten Surrealisten Soupault.
Die Pilger hatten das Feuer mit ihren Winchester-Flinten eröffnet und streuten Blei ins Dickicht.

Joe Conrad verirrte sich in den Werra-Sümpfen. Er floh vor Waldmenschen, entlaufenen Sklaven, verwilderten Hunden und Bären. An der Grenze zu Niedersachsen wäre er beinah umgekommen. Sein Fazit: Im Vergleich mit der Feenhölle Hessen war die Reise ins Herz der Finsternis ein Spaziergang am Kongo.

Der fünfzehnjährige Roaul Schrott referiert Camus` Mythos von Sisyphos. Englisch ist die Sprache seiner Jugendprosa. Er spielt konzertreif Gitarre. Täuschte ich mich? Mir schien, als brächte so viel Tugend Coogans hochgeborenen Studentinnen nicht ins Träumen, sondern zum Gähnen. Die Mädchen dösten wohl hinter ihren Schleiern. Es wäre Hessen kein Schaden entstanden, hätten wir sie alle (einschließlich der Prinzessinnen) nach Kairo verkauft.
Sie sollten ja auch nur mit einem Anstrich in die Ehe geschickt werden, Bildung zierte nach der Mode, immer wieder lud Coogan Gelehrte ein. Im Jetzt dieser kleinen Erzählung sprach Roaul Schrott zu den Studentinnen. Er sah aus wie ein Pferdeknecht, der es zum Reitlehrer gebracht hatte.

Was weiß das Holz einer Geige. Auf der Heimfahrt saß ich mit Schrott und Joe (Conrad) in der Kutsche. Längst hatte sich die Landschaft im Nebel davongemacht. Wir hörten den Hund von Baskerville seine Memoiren heulen. Seit einiger Zeit gingen wieder Vampire um. Es gab auch Wiedergänger von Sklaven. Ich erinnere an Kapitän Müller, der sich einen Schock Unglücklicher von der Elfenbeinküste zu seinem Plaisir in den Finsterwald mitgebracht hatte und nun nicht allein von Heimsuchungen bedroht wurde. Die schwarzen Gespenster bewegten sich auf dem Territorium chattischer (kattischer) Hochländer – Häuptlinge, die wieder- und wieder kamen als Garanten hessischer Tapferkeit und Freiheit. So unsterblich wie unschlagbar. In Sarajevo verhalf das Fernsehen der Gestaltungskraft von Granaten zu international durchschlagender Wirkung. Die Stadt wurde mit Waffen skulpturiert, während Baudrillard Amerika als „erfüllte Utopie“ beschrieb und der hessische Kurfürst Friedrich Wilhelm I. eine Ehe zur linken Hand mit Gertrude geb. Lehmann, erhoben zur Fürstin von Hanau und Gräfin von Schaumburg, im zwanzigsten Jahr führte. Aus dieser Verbindung waren neun Kinder hervorgegangen. Ein wegen der morganatischen Ehe seiner Eltern nicht nachfolgefähiger Wilhelm hatte als Unterleutnant im Leibgarde-Regiment eine Tochter mit unserer Edith (Heidi) vollbracht, ich hebe nicht hervor, dass Edith dabei ledig blieb. Das doppelt illegitime Geschöpf von Willis Samen hatte nichts zu erwarten als den sauren Atem barmherziger Schwestern.

Auch Edith durfte nicht mehr hoffen. Wer sie nicht schnitt, dem warf sie sich an den Hals. Ich sah die ganze Person schwinden, die Tage wurden auch immer kürzer. Weihnachten rückte auf. In Zwehren, wo wir bei der Witwe Voss und einer Schwadron Töchter untergekommen waren, gab es seit dem Texanischen Unabhängigkeitskrieg (1835/36) die Motel Bar.

10. Mai 2016

Hessenmeister

Kölner Leichenschleim

Janet Flanner folgte alliierten Truppen im Auftrag des New Yorker. Im März Fünfundvierzig erreichte sie Köln. Flanner berichtete: (Die Stadt) „ist in die Luft gesprengt worden. Im Schutt und in der Einsamkeit völliger physischer Zerstörung lehnt Köln, bar jeder Gestalt und schmucklos, an seinem Ufer. … Die meisten Kölner haben nicht viel zu erzählen.“
Einer dafür um sie mehr. Heinrich Böll lieferte Flanners Bestandsaufnahmen Innenansichten:
„Aus dem Keller kam ihm schwüle, säuerliche Luft entgegen; er ging langsam die schleimigen Stufen hinunter und tastete sich in ein gelbliches Dunkel hinein. Von irgendwoher tropfte es; die Flüssigkeit vermengte sich mit Staub und Schutt.“
Aus „Der Engel schwieg“
Böll wusste, dass er Redakteuren mit Leichenschleim nicht kommen durfte. Der Scheu vor harten Stoffen trug er vorauseilend Rechnung. In seinen Zeitungsgeschichten verbreitete er eine biedere, von Euphemismen und Redundanz aufgetriebene Sprache:
„Auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen, muß ich hier eine Tatsache erwähnen, zu deren Verteidigung ich nur sagen kann, daß sie wirklich eine ist. In den Jahren 1939 bis 1945 hatten wir Krieg.“
Aus „Nicht nur zur Weihnachtszeit“

Bölls Post der frühen Jahre umkreist Beschaffungsprobleme und die Chancen der literarischen Mehrfachverwertung. Böll setzt dem Kolossal des Wiederaufbaus unbeabsichtigt ein günstiges Denkmal. Die ersten Mitteilungen an Freund Kunz, Ernst Adolf, sind Verständigungen in Landsermanier. Das Essen ist „beschissen“, Böll schwebt eine brüderliche „Tabakgemeinschaft“ vor.
Aus Herbert Hoven (Hg.): „Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier“, Kiepenheuer & Witsch 1994

Böll ist Hilfsarbeiter in der Tischlerei seines Bruders, 1945 verliert er einen Sohn im Säuglingsalter. Kunz kondoliert und stellt weiter fest, dass er jeden Preis für Tabak zu zahlen bereit sei, „ehe ich mir einen Tag verbiestere“.
„Das Leben ist fürchterlich, ich kann es gar nicht begreifen.“ H.B.

Großfamilie Böll übernimmt eine Ruine, Heinrich kommt mit Frau und zwei Kindern in zwei Räumen unter. Die Tagesordnung wird vom Mangel diktiert. Die Lage ist immer beinah unhaltbar. Böll schreibt, um zu überleben. Der Markt erzwingt Geschmeidigkeit; Böll knüpft vor allem kommerzielle Erwartungen an seine Produktion. Daneben entsteht Prosa, die seinen Ruhm vorbereitet.
Böll ist kein Künstler in der Klause. Er trommelt und trompetet für seine Sache.
„Im Grunde ist doch jede Kunst irgendwie Gebet.“
Böll beweist Sendungsbewusstsein und Familiensinn. Ihn trägt die Überzeugung, dass „die Leute auf mich warten“.

Als kurz vor Deutschermark Honorare noch in der alten Währung beglichen werden, schreibt Böll: „Mich enttäuscht diese Haltung kaum, da ich die abgründige Verworfenheit der Literaturhändler zu Genüge kenne.“

Zunehmende Resonanz stachelt Bölls Geschäftssinn. Im Jahr der ersten Einzelpublikation (1949, „Der Zug war pünktlich“) verhandelt Böll mit mehreren Verlagen und Redaktionen. Er will die Marie, er glaubt an den materiellen Wert seiner Sache. (Während Benn kein Mark aus seiner Kunst schlägt.)

Böll trumpft auf, er nimmt den Debütantenstil von Generationen vorweg:
„Die ganze Literatur hängt mir kilometerweise zum Hals heraus und was ich wirklich möchte ist: spazierengehen. Ich scheiß auf alles.“
Das notiert Böll, nachdem er Himmel & Hölle in Bewegung gesetzt hat, um überhaupt veröffentlichen zu können.

Selbst schwanger vom Künstlerwahn, zwingt Künstlerpech Kunz zu einem Metierwechsel. Auf der ersten Stufe einer Kaskade gescheiterter Unternehmungen verkauft er Kugelschreiber.

*

Oft geht im Märchen körperlicher Verfall moralischem Bankrott voran. Das kehrt als Motiv deshalb so leichtfüßig wieder, weil es für eine Gemeinschaft leicht ist, auf solche zu verzichten, die beim Fruchtbarkeitstamtam sowieso keine Rolle (mehr) spielen.

Sage vergeht nie ganz … denn sie ist unsterbliche Göttin
Motto der Grimm’schen Hausmärchensammlung

Wir entnehmen das Vortext einer Nebenarbeit von Jacob G., der von Heinrich Böll wenig hielt. Da war kein bloßes Dasein, „das hinreichte“, ein Werk zu schützen, so wie die nackte Existenz der Märchen den Schutz der Sammlung selbstverständlich erscheinen ließ. Coogan, Zaimoglu, William & Jake Grimm, Thunderbolt, Conrad, Burroughs so wie die schönen Töchter der üblichen Witwe Voss (daheim in Niederzwehren) waren sich ohne ein Wort der zweifelnden Einrede einig. Die Tapferen waren zur See gefahren, hatten Bären im Nahkampf bezwungen, ein Vermögen im Sklavenhandel erworben, die Freiheit am Hindukusch verteidigt, Erfindungen gemacht, in der Nase nach Öl gebohrt und manches mehr. Dafür wurden sie von den Holden natürlich bewundert. Die Holden griffen in ihre Löcken. Sigmünd Freud erklärt euch gern, was das zu bedeuten hatte.

Wilhelm II. – Der Herr der Hessen nahm heimlich die Kutsche nach Niederzwehren, um im Haus der Witwe Voss jener Sonderkonferenz vorzusitzen, die nach dem wahren, den wenigstens Erdenwürmern nur bekannten Antlitz der Welt zum Anschluss Hessens an Texas führte.

Ihr dürft euch Coogan nicht ohne Colt am Gürtel vorstellen. Seiner Zeit voraus, verschoss das Prunkstück .5oo Wyoming Express Munition. Der Rückstoß hätte einem normal kräftigen Schützen den Arm aus der Schulter gerissen und manchen Finger von der Hand gelöst. Die Drachen und Riesen in den dunklen Wäldern längs der Fulda und Weser, der Eder und der Lahn sowie des Mains, der damals mehr Wasser als der Mississippi führte, fürchteten nichts mehr als die Durchschlagskraft solch ballistischer Körper.

Coogan war ein Mann kurzer Prozesse. Das Amt des Friedensrichters nahm er ein, wo immer hin er einen Arm ausstreckte.
Er gründete die hessische Texas Ranger Division und – Hand in Hand mit Bill & Jake Grimm – die Germanistik. Ferner gründete er die Kasseler Universität auf dem Weinberg. Hochstehenden Jungfrauen gewährte er Bildungsprivilegien. Sie durften ihm zuhören.
Da stand er vor der verschleierten Blüte des vornehmsten deutschen Landes und sprach: „Die Temperaturen und Temperamente der Mythen sind aristokratisch. Der Mensch ist das Maß, der Dichter formt die Götter nach seiner Gestalt. Seinen Stimmen gibt er ihre Namen. Noch kann ihn sein Platz im Universum nicht beleidigen.
Märchen sind Schrumpfformen von Mythen. Märchen kapriolen und schnurren, sie zeigen den enthronten Menschen, ob er König oder Köhler heißt. Oft ist von Dummheit die Rede. Darüber sprechen wir heute. Der Bauer in seiner Einfalt findet die Dummheit so weiblich wie ihr grammatisches Geschlecht. Dummheit kann gut oder schlecht sein. Der dümmste Bruder (Königssohn in brüderlicher Konkurrenz) mag einmal einen guten König abgeben. Gott kehrt lieber bei ehrlichen (gastfreien) Eseln ein. Soll Gott Schlaumichel drei Wünsche erfüllen, hilft das Wünschen nichts Gutem.

Die Studentinnen machten hinter ihren Schleiern lustige Gesichter. Es gehörte zum guten Ton, in Coogan verliebt zu sein.
Nehmen wir das Märchen von den klugen Leuten, fuhr Coogan fort. Da ist der Mensch männlich, das Weib ihm gegeben. Es kommt nach dem Vieh, das Vieh ist dem Bauern lieber als die Hausfrau. „Eines Tages holte ein Bauer seinen hagebüchnen Stock aus der Ecke und sprach zu seiner Frau Trine, ich gehe jetzt über Land und komme erst in drei Tagen wieder zurück. Wenn der Viehhändler in der Zeit bei uns einspricht und will unsere drei Kühe kaufen, so kannst du sie losschlagen, aber nicht anders als für zweihundert Taler, geringer nicht, hörst du?
Geh nur in Gottes Namen, antwortete die Frau, ich will das schon machen.
Ja, du! sprach der Mann, du bist als ein kleines Kind einmal auf den Kopf gefallen, das hängt dir bis auf diese Stunde nach. Aber das sage ich dir, machst du dummes Zeug, so streiche ich dir den Rücken blau an, und das ohne Farbe, bloß mit dem Stock, den ich da in der Hand halte, und der Anstrich soll ein ganzes Jahr halten, darauf kannst du dich verlassen.

Damit ging der tüchtige Mann seiner Wege.
Coogan fragte die Studentinnen nach ihren Ansichten. Das war unerhörter Fortschritt. Doch stand den ersten Germanistinnen das Bäurische so fern, dass sie wie leblos die kotigen Umstände der kleinen Leute ansahen. Kaum, dass sie in ihnen Menschen erkennen konnten. Die Mohren und Elefanten in landgräflichen Gehegen schienen eher als Gegenstände einer Überlegung geeignet. Die Studentinnen hatten den Hochmut im Blut, er schützte sie vor Mesalliancen. (Man kennt den Nutzen des Dünkels nicht mehr.)
Wofür sie sich begeisterten, das war Bram Stokers „Dracula“. Eine jede hielt ihr Exemplar unter der Bank. Die Sensationen tödlicher Bisse und Untoter Taten führten die Studentinnen Zuständen zu, über die an dieser Stelle bald Texas Ranger S. Freud zu euch sprechen wird. Stoker orientierte sich an einem nachtaktiven Aristokraten, der 1431 in Transsylvanien zur Welt kam. BILD sprach mit ihm, sein Name verkleinert Dracul. Dracula war der Sohn des Drachen. Der Senior verdiente sich den Beinamen mit Brutalität in wechselnden Allianzen und wurde deshalb von Kaiser Sigismund 1431 in den Drachenorden aufgenommen.

Dracula erweiterte das väterliche Repertoire der Grausamkeit. Man nannte ihn den Pfähler. Zu pfählen, das war seine liebste Hinrichtungsart. Wir wissen, dass Dracula eine Jugend in osmanischer Geiselhaft zubrachte, um den Vater gefügig zu halten. Wir nennen die unfreien Jahre „einen Schlüssel zum Verständnis seiner Persönlichkeit.“

Auf diese Persönlichkeit fuhren unsere angehenden Philologinnen ab. Für sie stand fest, dass bestimmte Wesen nicht sterben, sondern eine Transformation durchlaufen, in deren Konsequenz sie etwa wie ————-
——-
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nun —- wie Coogan aussahen.
Ich gebe Coogan hier nur zum Beispiel an.

*

Zaimoglu berichtete von den Beschwerlichkeiten früher Hochseereisen. Wir hörten ihm mit Behagen zu, bequem wie wir es uns gemacht hatten in den Fauteuils der Witwe Voss. Es war die hohe Zeit der Shisha-Kultur und der überheizten Stuben voller Jagdtrophäen. (Was gab es Löwenköpfe in hessischen Haushalten. Afrika schien am Edersee zu liegen.) Rauchend ließen sich die Strapazen der mit unzureichendem nautischem Gerät den Elementen trotzenden Abenteurer am besten überstehen. Zaimoglu schilderte uns den verträglichen Charakter des Tischlers John Harrison (1693 – 1776). In unserem Kreis verkehrten Kapitäne, jeder Schiffsführer sang sein Loblied auf den Hobby-Uhrmacher, der das Längenproblem gelöst und die Seefahrt so voran gebracht hatte. König George I. hatte sich der Auslobung eines Preisgeldes für eine Längenproblemlösung nicht widersetzt, er regierte zunächst in der Opposition. Ich berichtete für die engl. Ausgabe der Frankfurter Rundschau: (vom 08.05. 1715) A series of riots occurred in England, protesting against the first Hanoverian King of Britain and his new Whig government.

Harrison hatte die Akribie und den Wahn der Autodidakten (auch Kalaschnikow war Autodidakt) er schuf mit einem seetauglichen Chronometer die Voraussetzung für eine exakte Bestimmung des Längengrads an Bord eines Segelschiffs.
Es gab in unserem Kreis keinen Mann, der Amerika nicht gesehen hätte. Wir wussten alle zu schätzen, was Harrison getan hatte. „Die gute Uhr“ (Captain Cook) hatte ihm zwanzigtausend Pfund Preisgeld eingebracht, entsprechend dem Longitude Act.

Täuschte ich mich? Heidi (Edith), eine der dreiunddreißig Voss‘schen Töchter, stieß anders als gewöhnlich an die Schicklichkeitsgrenze. Unser Freund Zaimoglu genoss den Applaus für seinen Bericht, ihm folgte der greise Kapitän Müller als Erzähler. Er hatte seinen Schnitt im Sklavenhandel gemacht, für jeden Matrosen, der sich verloren gab, waren ihm die Verpflegungskosten gutgeschrieben worden. Müller verdiente an den Toten und an den Lebenden, denn jeder überlebende Afrikaner brachte am Bestimmungsort einen Bonus.

Kapitän Müller war eine große Nummer im Sklaventransportgeschäft gewesen. Er hielt einige Unglückliche im dunklen Wald seines Ruhesitzes gefangen. Ihre Lieder und Klagen fanden Eingang in hessische Volksweisen. So erklärt sich die Affinität des Hessen zum Blues.

Dem schwarzen Elfenbein, der heidnischen Fracht galt größere Fürsorge als jenen, mit denen die auf ihren schwankenden Gebieten alttestamentarisch/gottgleich schaltenden Herren oft die Nationalität und immer die Religion verband.
„Alles was nicht blinder Gehorsam war, lief auf Meuterei hinaus“, dröhnte Kapitän Müller. Er lachte rostig.

Da konnte ein Seemann mit Selbstachtung leicht in Schwierigkeiten geraten. Müller rieb seine Nilpferdpeitsche, die er aus Gewohnheit mitführte als elegante Handarbeit. Müller kratzte sich mit einer Schrumpfhand, die auch zum Schuhlöffel taugte.
Den Voss’schen Töchtern war Müller unheimlich, doch uns gefiel er als guter Nachbar der Hessen und türkischen Texaner. Man munkelte, dass Müller sich einen Stall voll Sklaven in seinem Haus hielt, das tief im Finsterwald lag und laut Grimms Märchen bereits zum Schauplatz eines königlichen Verhängnisses geworden war.
Wieder und wieder waren Coogan und ich so wie Bill & Jake (Grimm) einer Einladung in das angeblich dreistöckige Hexenhaus nicht nachgekommen. Da war ein Hemmnis, das man sich kaum zugab. An der Tüchtigkeit des Kapitäns ließ sich nicht zweifeln. Etwas Abstoßendes verbarg sich aber vor der Analyse.

3. Mai 2016

Hessenmeister

Fundevogel Reloaded

„Sind sie immer noch hinter dir her?“ fragte Coogan.
„Ich schätze schon.“
„Diese dreckigen Arschgesichter“, choralierten Hauke & Steffi wie in einer Tragödie. Es war die Rede einmal wieder von den linksdrehenden Stimmenrauschrassisten, bei denen Gewalt und Gedichte Hand in Hand gingen.
Edith machte verschwiegene Handzeichen, da war was faul.
„Okay“, sagte Coogan gefährlich.

Joyce Lee Johnson war mit Jack Kerouac zusammen gewesen. Jack was known for his willingness to sleep with anything. (Dylan Foley) Joyce Lee kannte Coogan von früher.

Wieder gingen wir über die Gleise, Joyce Lee Johnson, Colette „Laure“ Peignot, Feridun „The Maverick“ Zaimoglu, „Grand Slam“ Coogan, Texas „Double Action“ Thunderbolt. Baustoffe streunten. Krähen salutierten. Kaninchen vagabundierten. Wind putzte Dreck gegen alle Ränder. So viel Angefangenes war nicht zu Ende gebracht worden.
Das Ostend ging im Brautkleid, Colette Peignot konnte nicht absehen von Zaimoglu. Ein Bundeswehrtarnnetz hing an der Decke der Galerie Fruchtig durch. Joyce Lee Johnson fragte Coogan: „Weißt du noch?“

Colette erzählte von ihrer zwanghaften Liebe zu Zimmermädchen und Waschfrauen mit brennenden Rücken und argentinischen Zuhälter, „eine … im Absinth ertränkte Liebe … im Herzen tragend“.
Ich fand das überspannt. In „harten Gesichtern“ erriet Colette „einen gewissen unmittelbaren Sinn des Lebens“.
Es war immer das Gleiche. „Auf der Suche nach dem wahren Leben“, war Joyce Lee dem Beat nach New York gefolgt. Eine Gitarre wurde ihr „Eintrittsticket für diese neue Welt downtown.“
Joyce Lee zitierte Thoreau: „Die Masse der Menschen führt ein Leben stiller Verzweiflung.“
Joyce Lee wollte eine junge Frau gewesen sein, die zu McCarthys Zeiten den Konventionen getrotzt und ihren Traum vom „selbstbestimmten Leben“ gegen Widerstände verteidigt hatte.
Coogan fragte: „Alles okay?“

„Es gab diese Waschfrauen, die ich glücklich glaubte, ihre Hände in die Seine zu tauchen” – Colette „Laure“ Peignot verließ Georges Bataille wegen Zaimoglu. Sie erlebte mit dem Maverick ihr tercio de muerte. Sie warf sich ihm an den Hals, um ihre Gefühle nicht länger durch ein Sieb pressen zu müssen. Michel Leiris kommentierte nüchtern: Vermutlich ist überhaupt keine erotische Erregung möglich ohne das wenigstens vage Suchbild einer grenzenlosen Schönheit … die wir degradieren möchten.

Das nördliche Mainufer verlor seinen Promenadencharakter vor dem Westhafen. Im Schatten der Friedensbrücke kreuzten Ratten die Spuren der Voortrekker. Colette und Zaimoglu erwarteten mich in einem hohlen Brückenpfeiler. Wilhelm und Jacob Grimm stießen bald dazu. Sie waren verfinstert wie vor einem Aufstand. Schnell ritten wir zu „einer altberühmten Gegend deutscher Freiheit“ (sämtliche Zitate aus der Vorrede zu den Kinder- und Hausmärchen, Ausgabe letzter Hand, Reclam 1980). Die Brüder lobten das Gedächtnis vor der Schrift, das Eigene vor dem Fremden, den Halm vor der Sichel. Sie redeten davon, dass Sitte immer weniger wurde zu Gunsten „leerer Prächtigkeit“. Sie erinnerten an das gallische Verbot, heiligen Gesänge aufzuschreiben, während sämtliche Angelegenheiten im Übrigen schriftlich zur Sprache gebracht wurden.

War uns ein Garten im Weg, ritten wir ihn nieder. Unter allgemeinem Bravo erreichten wir Zwehren und nahmen Quartier bei der Frau Voss, die von Berlin ins Dorf geheiratet hatte. Die gute alte Voss mit ihren gichtkruden Augen. Es wurde aufgetragen, vom Fasan bis zum Fisch viel, die Vettel (gute Hausmutter) sang das Lied der Hessen.

„Ein Ernst, eine gesunde, tüchtige und tapfere Gesinnung, die von der Geschichte nicht wird unbeachtet bleiben“, zeichnet uns Hessen aus. „Selbst die große und schöne Gestalt der Männer in den Chattengauen erhielt sich und ließ die Mängel der Thüringer und Sachsen deutlich erscheinen. „Überhaupt müssen die Hessen zu den Völkern unseres Vaterlandes gezählt werden, die am besten sind.“

Die blöde Nuss (umsichtige Wirtin) hatte drei ebenmäßig gewachsene, von Klugheit geschwängerte, jungfräuliche Töchter, sie hießen wohl Hauke, Steffi und Heidi (Edith). Wir sollten sie uns tüchtig einverleiben und Königreiche ergatten.

Im Fernsehen lief wieder nur Mist, ich sah nach den Pferden. Dem Knecht, ein vom Grind überwachsener, verhunzter Gnom, traute ich bis zum Rossraub alles zu. Er wurde mir bald lieb, wir schmauchten unsere Maiskolbenpfeifer halb im Unterholz seines Obdachs. Der Grindige hieß Vince Lopez, es sprach der germanische Geist geradezu aus ihm. In den Schwestern meinte er „mehr Schimmer als Nutzen“ zu erkennen.

*

Die Witwe Voss sandte ihre Töchter nach dem Kasseler Markte und wenn sie nicht genug einbrachten, setzte es was. Das war gemein, wir berieten, was da zu tun sei.
„Heiratet uns“, baten die Töchter verzweifelt.
„Heiratet uns und tut uns fort von hier.“
Nun, wir hatten andere Pläne. Wir standen im Kampf gegen die Linksrassisten und wollten die jungen Frauen nicht als Witwen verderben lassen. Sie hätten sich dann vielleicht hergegeben an Prahlhälse, die weiblicher Tandsucht nichts zu wünschen übrig ließen.
Wir setzten „am Gebrauch der Sprache“ an, Coogan gefiel allen mit seiner gesunden Freude an Ausrufen und Schallwörtern.
Rums, Bums, Autsch, Peng.

Die Witwe Voss (das elende Weib/die brave Hausmutter) rief Coogan „Stimmenrauschers Pissblume“. Wilhelm und Jacob Grimm hatten noch manch anderes anstöszige Wort in ihren Hornistern.

Es traf sich eines Tages, dass wir in den dunklen Wald bei Zwehren ritten, da hörten wir Geschrei von einem Kinde. Wir stellten die Telefone lautlos und starteten die Mondraketen. So gerüstet, erreichten wir den Tanganjikasee. Der Teich lag da wie ein Sinnbild von Stille. Das Kind aber war von einem Vogel „mit dem Schnabel weggenommen“ worden.

Wir sahen uns bedenklich an, wackere Männer in der Blüte ihrer Hüte. Eine Frau trat vor uns, knickste gefällig und fasste ihren Mut zusammen. Ob wir dem Kinde Vater und Mutter sein wollten, da es für sie nun ans Sterben ginge.
„Gute Frau“, rief Wilhelm, „wir haben auch einen leibhaftigen Arzt in unserer Mitte, den ehrwürdigen Doktor Coogan von Amerika. Er will Euch wohl untersuchen. Legt Euch nur rasch ins grüne Gras (da auf die Lichtung neben dem Teich).“
„Ach nein“, schluchzte das Weib, „mir ist das Leben ganz verleidet. Geht nur, ihr braven Herren, und nehmet das Kind (den Wechselbalg/Bankert) mit Euch.“
Wir entspannten die Hähne unserer vortrefflichen Büchsen, es wäre doch zu toll gewesen, die rußige Köhlerin über den Haufen zu knallen, und besprachen den Deal. Ein Hirsch kam des Weges und verlangte, dass wir seine Tochter heirateten. Da stieg Coogan auf den Baum und nahm das Kind mit nach Hause, „um es gemeinsam mit seinem Lenchen aufzuziehen“. Dem Wildling wuchsen bald Federn aus dem Kopf, deshalb hieß er Fundevogel.
Die alte Haushaltshilfe der Witwe Voss wollte den Fundevogel rupfen und braten wie er sieben Jahre alt und so ansehnlich wie ein Pfau geworden war. Die fleißige Person sagte niemandem etwas von ihrem Plan, bloß dem Lenchen, das mit dem Fundevogel verschworen war, vertraute sie die arge Absicht an.
„Kuhl“, sagte das Lenchen, indem es sich eiskalt verstellte, „ich nehme auf jeden Fall einen Schlegel und einen Flügel.“
Die listige Köchin versprach dem Lenchen einen Schlegel und einen Flügel vom Fundevogel.

In Wahrheit aber wollte die Alte dem Lenchen gar nichts abgeben und das Lenchen wollte in Wahrheit den Fundevogel vor dem Kochtopf bewahren. „Des anderen Morgens in aller Früh“ gingen Coogan, Zaimoglu, Thunderbolt, Jacob und Wilhelm wieder in den Wald, um zu rülpsen, da sprach das Lenchen zum Fundevogel:
„Verlässt du mich nicht, so verlass ich dich nicht.“
„Ist geritzt“, antwortete der Fundevogel. „Gib mir Fünf.“
Die beiden flohen vor dem Kochtopf der furchtbaren Witwe Voss und ihrer Spießgesellin Gisela Wurmfortsatz in den Wald, wo der alte König mit seiner hochmütigen Tochter, die nichts tat als ihre Freier zu verspotten, in einem Schloss wohnte. Der König hatte ein Woodstock nach dem anderen organisieren lassen, dass die Tochter unter die Haube kam, aber Sophia hatte an jedem Freier etwas auszusetzen. Das erzürnte den König und so sprach er:
„Der nächste Bettler, der mir das Parkett einsaut, soll dein Gemahl werden. Dann gnade dir Gott, bei mir haste nämlich verschissen.“
Der Fundevogel, der von dieser Sache überhaupt nichts wusste, kam ins Schloss, wurde für einen Bettler gehalten und mit der edlen Schabracke, die nicht kochen und nicht spinnen und nicht Körbe flechten konnte, vermählt und in einer Köhlerhütte tief im Wald vergraben. Das Lenchen, das ihm heimlich gefolgt war, wohnte dann auch da. Das waren die ersten Hippies. Sie verdienten sich in Wetzlar und Gießen „geringe Almosen“ und verhökerten Geschirr. Dazu sangen sie: Hare Kṛṣṇa Hare Kṛṣṇa Kṛṣṇa Kṛṣṇa Hare Hare Hare Rāma, Hare Rāma Rāma Rāma Hare Hare. (Zitiert nach Wikipedia.)

Eines Tages ritt ein Königssohn von edlem Wuchs vor die Köhlerhütte und nahm die Unfähige (zarte Jungfer) zur Sophia. Der Königssohn war verwachsen und hatte einen schlechten Fuß und war deshalb recht traurig. Da sprach das Lenchen, welches als Zofe am Hof diente:
„Gebt mir den Fundevogel zum Mann, so will Euch schon helfen.“
Die Hochzeit ging im kleinen Kreis über die Bühne …

*

Wörter benutzten die Brüder wie Nägel. An früher hingen sie alles, was ihnen richtig erschien. Gravität und Gier, Biedersinn und Bauernschläue. Bis zu idiomatischen Nuancen schilderte uns Jacob den Charakter eines Köhlers, wie er ihm von Odysseus dargestellt worden war. Den Köhler verdonnerte man zum Wächter eines Kız Kulesi im bayrischen Wald. Er verliebte sich in jenes Rapunzel, welches von seinem königlichen Gatten in den Turm gesperrt worden war, da eine Weissagung so ging, dass es ihm keine Söhne wohl aber eine Tochter gebären würde. Deren Sohn hatte das Schicksal zum Mörder seines Großvaters bestimmt. Um sich dagegen zu versichern, hatte der König Rapunzel in den Turm getan, abgesperrt und den Köhler davor gestellt. Den Turmschlüssel aber hatte er in den Bosporus geworfen.
Rapunzel sang jeden Abend die Tiere des Waldes ins Koma. Betört von der schönen Singstimme: bat der grimmige Köhler um ein Stelldichein im Sturmstübchen.
„Wie willst du bei mir landen, du Fliegenfranz?“ fragte Rapunzel artig.
Der Köhler ging der Frage auf den Grund und fand die Lösung. Ihr kennt sie – Extensions. Kleiner Scherz. Bis Rapunzels Haupthaar von der Höhe des Gefängnisses bis zum Boden sich lockte, vergingen eher weniger als sechs Wochen. Nun wurde die Tochter gemacht, die den Sohn kriegen sollte, der … Auch fing hier der Krautrock an.

*

„Aber zu welchem Zweck ist die Erde denn erschaffen worden?“ fragte Candide. „Um uns rasend zu machen“, lautete die Antwort. Voltaire 1758
„Alle Welt spricht von Schönheit, obwohl doch Schmerz das Gefühl der Epoche bestimmt“, erklärte die Witwe Voss in ihrem Niederzwehren. Wir saßen behaglich am gemauerten Ofen, ich hielt den Ausspruch der Witwe für „eine Abdichtung der Information gegen die Erfahrung“ (Walter Benjamin). Die ebenmäßigen Jungfrauen, die als Töchter der bösen Voss Arges zu erleiden hatten, warteten uns hurtig auf. Sie waren krass erfreut, uns wieder einmal bewirten zu dürfen. Alle hofften noch, dass wir sie im Hochzeitswege erlösen könnten, und so gurrten und kokettierten sie, soweit das schicklich war.
Der Grindgnom und die schlimme Haushaltshilfe lagen unter dem Tisch. Da lagen auch Fundevogel, Lenchen, ein Hirsch, zwei Hexen, serbische Waffenschieber, osmanische Unterhändler und weltanschaulich entgleiste Büttel.
„Nur der Text zählt“, behauptete der Hirsch.
Die Eroberung Niederzwehrens schien unabwendbar. Vor der Tür übergab sich der Schultheiß den Büschen.
Die Verknüpfung von Strom und Bewusstsein hatte ihre Karriere zum Allgemeinplatz noch vor sich. Die Psyche war ein „unerschlossener Kontinent“.
„In uns ist Afrika“, sagten die serbischen Waffenschieber.
Es gab immer eine Märchenvariante, die vom Tod der Heldin erst beglaubigt wurde. Ein Dreh bloß und etwas narrativer Budenzauber … und schon heiratet Allerleirauh doch den Vater, dessen falsches Begehren es (das Allerleirauh) in Armut und Hässlichkeit (vorgeblich) zu entgehen versucht hatte.

Ich bemerkte bei Wilhelm eine verstohlene Freude an der Valeurmannigfaltigkeit seiner Fundstücke. Legt sich Rotkäppchen bewusst zum Wolf und stellt sich dumm, wenn es Oma sagt?
Die Märchenampeln leuchteten von den befestigten Ufern einer der Tat verpflichteten Lebenspraxis in Gegenden, wo Tiere Menschen berieten und Drillinge einander „wie ein Tautropfen dem nächsten“ glichen.

Coogan suchte Abkürzungen im Dickicht der Verrätselungen. Er fragte: Warum schaffen es manche Märchen nicht bis in die Gegenwart? Obwohl sie doch nichts anderes transportieren als ihre berühmten Tanten. Jacob legte Coogan eine Hand auf die Schulter, da sprach ein Rabe durchs Fenster.
„Märchen“, hub der Rabe an, …

27. April 2016

Hessenmeister

Gastronomie mit der Brechstange

Donnerstag gegen drei tat es Schläge in Cargo-City Nord (Rheinmain-Power-Power). Mit zweihundert Sachen brach Coogan in seinem schwarzgelben Camaro durch die Sperrschranke der Zufahrt am Tor Fünfundzwanzig.

Er spielte Autoscooter mit dem Fuhrpark und rammte eine Rampe, an der zwei Lastwagen beladen wurden. Irgendwas störte Coogan am frühen Fleiß, er hielt an und stieg aus. Infernalisch brüllend und blutend … Flughafensicherheitskräfte überwältigten Coogan mit „äußerster Mühe“. So stand es dann in der Frankfurter Rundschau. Eine Glastür barst beim Einsatz. Zeugen meldeten sich, die Coogan am Frankfurter Kreuz beobachtet hatten, wo er den Abzweig Basel verpasst und auf der Flughafenausfahrt vergeblich zu wenden versucht hatte.

Man schaffte Coogan in eine unterirdische Besenkammer der Bundespolizei, eingerichtet für Leute, die am regulären Abfertigungstingeltangel vorbei einreisen durften.
Doktor Patriot sedierte Coogan und informierte mich. Man überließ ihn mir, wir fuhren zu seinem Lieblingswasserhäuschen im Riederwald. Am nächsten Tag flogen wir nach Manila, unser Informant markierte den vom Glauben abgefallenen kanadischen Katholiken. Er war weiter nichts als ein leergedroschener Halbfranzose.

Der Veteran verpasster Gelegenheiten nannte sich Montreal. Manila griff um sich, der Landesrest war Bereitstellungsraum, ein unterversorgter Versorgungspark. Taifune schlugen in die Peripherie, oft ging nichts mehr, kein Flug, keine Fähre.

Auf den Philippinen herrschte eine mörderische Kanaille. Ständig stürzten halbfertige Häuser ein, man ließ dem Beton nicht genug Zeit zum Abbinden. Da die Arbeiter in den Rohbauten schliefen, wurden die Baustellen zu Massengräbern. Soldaten erzwangen die Fortsetzung der Bauarbeiten. Leichen wurden kurzerhand einbetoniert.
Vermutlich steckte auch in unserem Hotel nicht nur Arbeit.

*

Immer gab es einen Perser, der deutsche Tugenden rühmte, und Sven auf der Flucht vor Gläubigern. Den Boris im Alimente-Rückstand, ungefragt Besserung gelobend. Es gab falsche Fröhlichkeit und echten Neid. Soziale Wucherungen, die Bildung von Randgewächsen. Verfallserscheinungen. Im Neunundneunziger Sommer fanden Wochenmärkte nachts statt. Kegel von Flakscheinwerfern unterhielten sich über den Leuten. Die Zeit hatte einen Sprung in der Schüssel, manche Genossen nahmen die Hitze zum Vorwand, um das Bekleidungsminimum zu unterschreiten. Dagegen schritt der Freiwillige Heimatschutz ein. Trotzdem sah man Angehörige der neuen Stämme mit hochgebundenen Penissen. Ich erinnere an die Barfüßer, die nach dem Gesetz lebten und sich nicht waschen durften.

Edith ging blau in blau, sie gab sich fern jener Maschinenstürmerei und dem Quatsch von wegen Fahrradfahren ist politisch, mit dem sie sonst davon ablenkte, dass sie eine Geisel ihres Gatten war. Der irre Wanz hatte seine Frau im Café erwischt, gerade als sie mir ihre Zuneigung zeigte. Edith betrachtete ihre Verhaftung als Familienangelegenheit. Wanz machte Bemerkungen in meine Richtung, während er Edith abführte. Sogar in dieser Szene reizte mich die geknickte Grazie der fitten Heulsuse.

Ein Schock indischer Schriftsteller montierte sich ins Gruppenbild, ich erkannte Adyasha Dash, Gagan Gill, Shafi Shauq und Kiran Nagarkar. Indien war zum Wahrzeichen der globalisierten Zukunft geworden, indian vibes benoteten den ewigen Sommer.

*

Marktmeister Günter Gerster sah aus wie Gregory Peck als Kapitän Ahab. Er bearbeitete in Unter-Ostern siebzehn Hektar land- und forstwirtschaftliche Nutzflächen. Sein Vater war noch echter Waldbauer gewesen. GG schlachtete und kelterte. Arbeitsfrei kannte er nicht. Er war ein bisschen vertrackt und um die Ecke. Mitteilen musste er sich nicht. Sogar seinen Humor konnte GG für sich behalten.

Er verlieh Privilegien und bestimmte Treueverhältnisse. Die Leute flutschten überhastet am Angebot der anderen vorbei, mit nur einem heißen Wunsch, zum kultischen Kern zu gelangen und sich GG da zu unterwerfen.

GG besaß 5600 Apfelbäume. Ferner erntete er Birnen, Sauerkirschen, Walnüsse und Zwetschgen. Auf drei Hektar stand Getreide und Mais, auf acht Hektar wuchs Gras.

GG hielt Rinder und Schweine. Das wusste jeder, der sein Nachtgebet an einem der siebenhundert Tische verrichtete, die von GG aufgestellt worden waren.

GG trat mit dem heiligen Bembel an unseren Tisch, Edith maunzte. GG flirtete nicht oder vielleicht doch so im Verborgenen, dass es keine bemerkte.

*

Die Belebung Frankfurter Rückseiten ist das Geschäft von Entdeckern, die seit Jahr und Tag ökonomisch robusten Nachfolgern den Boden bereiten. Das Spiel läuft immer gleich. Zuerst nisten sich Künstler und Galeristen an einem der öffentlichen Wahrnehmung fernen Ort ein. Dann kommen die Partymacher, ihnen folgen Studenten. Werber trudeln ein. Die Strategen tauchen zuletzt auf und bauen nach den Regeln einer Gastronomie mit der Brechstange alles um.

Neunundneunzig hatte die Hanauer Landstraße dieses Schicksal schon erlitten. Es wimmelte Ateliers und Agenturen. Eine Insel der Seligen blieb Annette Glosers Schuppengalerie Fruchtig an der Südlichen Zufuhr. Der Asphaltgrat lief parallel zu einem stillen Gleis.
Jemand hatte einen Steg vor dem Schuppen verlegt. Glosers Einrichtungsentscheidungen vibrierten wie ein in der Luft stehender Kolibri zwischen vagant und flüchtig.

Jemand sagte: „Ich habe drei quotes genommen für liner-notes.“

Ich ging über die Gleise. Bahnhofsgestrüpp bleichte, es trieb mehr Dornen aus als früher. Der Aids-Hospiz-Verein hatte an einem Hang Tulpen gegen Hoffnungslosigkeit gepflanzt. Nichts konnte hoffnungsloser sein als die Tulpen in ihrem Kasten.

Ein neuer Stamm tanzte in Formation. Die Tänzer bekannten sich zu einem Getränk ihrer Großväter. Sie huldigten dem Jägermeister im Sambaschritt. Sie beteten die grüne Flasche an.

MC-Stimmenrauscher fuhren im Schritt, sie bestrichen mit den Kegeln ihrer Maschinen die Dürre am Wiesensaum.
„Du alter Habak, wir wissen, dass du da bist. Zeig dich, dass wir dir die Beine brechen und die Ohren abschneiden können.“
Ich stand auf der Wiese und war doch allem Anschein nach nicht zu sehen.

Wir folgten dem Apenninen-Kamm nach Norden auf einer Wolfsroute. Luigi Boitani erklärte, wie man reine Wölfe von Mischlingen und den vielen verwilderten Haushunden unterschied. Damals schätzte man die Zahl italienischer Vaganten auf zweihunderttausend. Die Hälfte war zu den Modalitäten echter Wildhunde zurückgekehrt; sie verhielt sich, als hätte es Domestikation für sie nie gegeben. Absolute Menschenscheu war in manche Verbände zurückgekehrt. Boitani behauptete, dem afrikanischen Wildhund sei der Sprung über das Mittelmeer gelungen. Hauke, die selbst viel vom Hund hatte, bezweifelte die Anwesenheit des afrikanischen Wildhundes auf dem europäischen Kontinent.

„Ich wüsste es, wäre er da“, sagte sie.

Die Streuner richteten größere Schäden an als alle Wölfe, aber die Hirten und Bauern brauchten für ihren Aberglauben blutige Wolfslefzen. Die Regierung entschädigte sie für jedes gerissene Schaf.

Wölfe paarten sich nur selten mit Hunden, dies geschah immer zum Nachteil der Wölfe. Unter dem Vorwand der Forschung näherte sich Boitani seiner zweiten Natur, manchmal heulte er vor Sehnsucht nach den Brüdern.

Die Kontakte zur Bevölkerung waren Lehrstunden. Zwischen hospitalité und hostilité lag nichts. Die Bauern hassten uns.

20. April 2016

Hessenmeister

Ornithologischer Enthusiasmus

„Da.“

Hauke reichte mir das Fernglas. In einer Auslage am Turm der Müllverbrennungsanlage horstete ein Wanderfalkenpaar. Ich sah einen Jung- und einen Altvogel. Hauke behauptete, es sei der Vater mit dem Sohn. Sie wusste jetzt immer alles ganz genau. Die Falken trieben Vorratshaltung. Eine Taube verweste im Gitter der hohen Randerscheinung. Der Nistplatz klebte unter dem Schlot und sah so ungemütlich aus wie eine mit mehr Müll als Möbeln übernommene Wohnung.

Abwärme beflügelte Segler. Angeblich waren drei Junge geschlüpft. Hauke bewunderte den Lebensstil der Vögel, Speichel flutete das Kinn. Mir fehlte der ornithologische Enthusiasmus.

Hauke packte das Fernglas in ihre Fahrradtasche und kramte in Vorräten. Überschrittene Verfallsdaten waren eine ihrer Spezialitäten, seit sie von einem Stimmenrauscher am Kopf getroffen worden war. Das Trauma forcierte eine Tendenz zum Bio-Aktivismus und zur utopischen Autarkie. Hauke reichte das Tauchermesser für alle Belange. Rotz zog sie mit der Hand ab, um die Kante im Kniekehlenbereich an der Multifunktionshose trocken zu wischen.

Wir erreichten das aufgegebene Schwesternheim von Nied. Kletterkraut hatte die Fensterläden in rechtsgängiger Helix überzogen. Die Tür war eingetreten. Zur Bewachung oder Verteilung gammelnder Äpfel hatte man Schwester Gisela zurückgelassen.

„Alle noch essbar“, frohlockte Gisela.

Sie zog uns in die berstende Kleiderkammer. Hauke packte ein, es war nicht immer leicht mit ihr. Sprunghaft redete sie über Gianni Versaces Mörder, der wie Bruce Lee aussah. Dem Gazettenleser wurde Andrew Phillip Cunanan als ein vom Zwang zur überinszenierten Selbstdarstellung bedrängter Partyfürst geschildert.

Gisela begleitete uns in das örtliche Jugendkulturzentrum. Zaimoglu las*, das Rahmenprogramm wurde von Vierzehnjährigen bestritten.
„Der Murat hat kein‘ Bock heute hier vorn rumzumachen, weil sein Leben so Scheiße ist“, erzählte einer. Ich fragte mich, wo Eva Demski blieb, Ulrike Kolb, Frank Schirrmacher und Achim Vandreike. Alle hatten uns volle Unterstützung im Kampf gegen die Stimmenrausch-Rassisten zugesagt.

Zaimoglu tat seine Pflicht, der Sozialarbeiter wirkte überangepasst. Ein Journalist stellte Fragen, wir lösten uns vom Geschehen. Die Gemeinde, als deren Sprecher Zaimoglu im Feuilleton gehandelt wurde, sah uns ratlos nach. Wenigstens blieb Schwester Gisela.

*versöhnlich sei das mal mit zack, die kreatur glaubt, sie sei betrachter des superdings auf ner strecke zwischen haustür und verrichtung. gott is ne pauschalkraft und himmel und hölle sind verwandte huren: sagt die gosse oder es blackt mal sone derrickfigur heran und n kanakster der weiß was n revier fürn krauskopp bringt zischt ihm zu: ihr habt angst vor unserm sperma.

meine hässlichkeit war unumstritten, mich hätt man auch ins feld stellen können als dohlenscheuche (…) ich wollt ne schandtat losmachen was hochkalkuliertes und fand im raum der pauker nur ne üble toleranz für rocker. es waren diese 2 inner klasse: der eine warf nen apfel hoch und als die frucht einer christa auffe kalotte krachte bog sich der hundesohn vor schnappdieluft: s äußerste an hardcore. der andere ne nazisau saß ausgerechnet neben mir: immer diese scheiß filmreifen batzen erinnerung. dem schwein sollte ich in 3 bis 5 fächern gedankengänge öffnen dabei hätt er schon gern aus meiner haut riemen geschnitten. die wucht reißt s trübe auf. manchs reichtn schmaler schlag oder das wunder eines minimalen schnappkicks und sone hebelmotte kriegts inner sprache wieder die sie schlägt gnadenlos. mann keine reue! da warn aus dem plotz die feinde brigade und doch bloß blöde bagage und arierpack, jede youngmiss sprach tingeltangelliesig daher so mit purpurschleifen zöpfchenmonster arschwich! kirchenstiege bricht nicht, bin die rechte braut nicht das war nun mitnemmal ihre neue fassong. heute sagt man schmollmund dazu ist aber lallfallera mit ner küßmichmasche. die sah aus als würde sie ihr beutel tugend beim pfaffen zurren lassen. kommt die mir mit dem stubensentiment, dachte ich bei mir diese puppe was geht hier nicht? Für ne puppe is gelenkigkeit gefühlshöchstes und so ner puppe posenpopperei is partyknutschen mit nem passablen. die erste erfahrung die sone puppe macht: dass man gefühl knüllen kann. jeden kann man mit miezmiez locken jeder kann anner mittelbewegten straßenecke plötzlich auf vulgär machen von wegen leben is n kummergeber und ich frickel mal aus der rolle.

Tuschick/Zaimoglu 1999

9. April 2016

Hessenmeister

Ich sprach mit Edith in der Katakombe unter der Bornheimer Keksdose

Edith kursierte als Frankfurts dienstälteste Fahrradbotin. Massiv litt sie unter ihrem Mann, dem Disponenten und Psychopathen Ingo Wanz. Er schrieb jeden Morgen ein politisches Gedicht. Wanz lebte nicht nur in seiner Lyrik und unter dem Pseudonym In Digo Gewaltfantasien aus. Der Psycho-Poet wanzte Edith beileibe. Er verdammte Demokratie & Rechtsstaat. Mal drosch er von links, mal von rechts auf unsere Grundordnung ein. Er korrespondierte mit den Berliner „Stimmenrauschern“, die „Linksrassismus“ als german-pro style propagierten. Die Stimmenrauscher“ hatten geschworen, Zaimoglu zur Strecke zu bringen.

In Ediths Firma gab es eine sportliche Fraktion, Triathleten, die mit einem 35er-Schnitt unterwegs waren, und Leute mit einem politischen Begriff vom Kurierwesen. Die voll eingetütete Edith hielt sich für politisch.
Fahrradfahren als Straßenkampf.
„Viele Verkehrsteilnehmer wissen nicht, was ein Radweg ist“, klagte Edith. Zugeparkte Radwege/ Rechtsabbiegende Autofahrer.
„Die übersehen uns absichtlich.“
Mir wurde die Sache klar. In einer Welt rabiater Autofahrer fiel Wanz nicht auf. Seine Drohungen und Ausbrüche gingen im allgemeinen Handgemenge unter.
„Die schneiden einem vorsätzlich den Weg ab.“
Dann war eine Schreierei immer schon das nächste und auch ganz schnell der steile Finger gerichtet.
„Oder du haust mit der flachen Hand aufs Dach.”
Keks kam mit Getränken und setzte sich zu uns. Zurzeit „entschlüsselte“ er „Mitteilungsfelder, die man in sich trägt.“

*

Im ewigen Sommer Neunundneunzig schossen die Temperaturen durch die Decke, es gab keine historische Wetterbeobachtung, die dergleichen überlieferte. Die Bevölkerung arabisierte. Frauen verschleierten sich vor der sengenden Sonne. Leute zogen mit Monsterkühlboxen über die Dächer.

Hauke hatte eine Verabredung und wusste nicht, was sie anziehen sollte. Das war neu nach Jahrzehnten im Sweater. Eine Kehrseite des Wohlstands, der über uns gekommen war. Hauke verschüttete Gin, das Paar neben uns setzte sich zu Liedern der Spencer Davis Group unter Drogen. Keep on Running. Die Hitze hatte viele Trennungen verdampfen lassen, die Leute wohnten praktisch mit uns zusammen. Er war Maler, sie Galeristin. Ihr Dreh und Schnapp war art for rent, so dass die Agenturen immer wieder neue Sachen im Foyer hatten, den Mist aber nicht kaufen mussten. Horst und Heike waren Sachsenhäuser Hippies gewesen, richtige Schmorenten, die den Arsch nicht hochbekommen und Tag und Nacht im „Schwarzmarkt“ abgehangen hatten – bis zu ihrer Geschäftsidee. Zuerst sammelten sie Bilder ihrer Freunde ein und schoben sie der Geschäftswelt für ein paar Groschen unter. Die Groschen läpperten sich.

Nun waren Horst und Heike reich und liebten sich immer noch. Sie hingen aneinander, sie klebten zusammen. Sie hatten nach fünfzehn Jahren gemeinsamem Abhängens Sex miteinander. Horst wollte trotzdem mit Hauke swingern. Hauke betrachtete die Angelegenheit in Abhängigkeit von den Fortschritten, die Edith machte.
Hauke und ich hatten uns die Wahrheit versprochen. Es war uns beiden unheimlich, dass wir so aufeinander abfuhren. Hauke war keine Schmuserin, sie hatte nie jemandem einen Rosengarten versprochen. Sie war leise gespielter Rock and Roll. Ich spürte, wie es ihr immer schwerer fiel, die Worte nicht zu sagen, mit denen man sich bindet.
Hauke täuschte Unabhängigkeit vor. Ich nutzte das aus. Ich zwang Hauke, kuhl zu bleiben.

Horst kam angewanzt, wir lebten auf unseren Terrassen. In einer Pose nachlässiger Beweglichkeit lehnte er gegen die Brüstung. Seit er Schotter hatte, baute er seinen Körper auf. Hauke brachte ihm aromatisiertes Wasser, die Aufmerksamkeit ging gegen mich.
Horst näherte sich Hauke wie ein Miettänzer. Heike rückte auf und fragte nach meiner Arbeit. Sie hängte sich an meine Schulter.
„Ich habe einen harten Rücken“, sagte sie.
Ich entzog mich und zerrte einen Heimtrainer aus dem Bestand von Horst und Heike unter das Sonnensegel.
Hauke fragte: „Soll ich hierbleiben?“
Ich hatte vergessen, mit wem sie verabredet war.

Leute aus der Musikbranche kamen über das Dach auf die Terrassenflucht. Sie brachten eine Kühlbox voller Cocktails mit. Die Cocktails mischten Vietnamesen in ihren Telefonläden. Es gehörte zum new style mit einer Monsterkühlbox durch die Gegend zu laufen.
Die Produzenten übernahmen die Geräte, wir hatten auch Hanteln für den Hausgebrauch. Man legte den Oberkörper frei, machte drei, vier athletische Bewegungen und slammte dann ein Mischgetränk. Manchmal blieb der Besuch Tage und die Eigentümer oder Besitzer suchten sich eine andere Terrasse und manchmal auch einen anderen Partner.

*

Edith trat im Gefolge von Wanz auf. Sie glaubte mit einem Strindberg geschlagen zu sein. Der von Kunstanstrengung gebändigte Wahnsinn war als Idee ihre Zuflucht. Sie rettete sich zu der Legende vom kranken Genie und verwirrten Einzeltäter.
Wanz war aber kein Einzeltäter. Seine Lyrik entstand nicht selten in Kollaborationen. Er kam den Leuten gern zu nah, lief auf, fasste an.
Wanz gehörte zu einem bundesweit aktiven, vor allem in Berlin randalierenden Syndikat linksdrehender Rassisten und psychotischer Lyriker. Sie verbanden Gedichte mit Gewalt. Den Rechtsstaat wollten sie abschaffen. Sie kriegten die Junge Freiheit, die taz und das Faustrecht unter einen Hut. Dreschen nannten sie „günthern“ nach ihrem Obergassenhauer Günther. Ihr Stammlokal hieß nach Hitler Wolfsburg.
Zaimoglu und mich sprach Wanz in seinem Werk mit „Berber“ oder „Straßenköter“ an, wenn er freundlich sein wollte. Er schrieb, als habe man G. Benn, E. Pound und W.H. Auden auf die Galeere einer Dichtergemeinschaft gezwungen und das Ensemble unter A. Artauds Kuratel gestellt. Seine Begabung retardierte den Irrsinn. Interessanterweise wiederholte sich das im physischen Apparat. Wanz wartete auf seine Wirkung. Er erwartete sie wie einen Zug mit Verspätung. Kam die Wirkung nicht an, sah ich ihn manchmal mit hängenden Armen dastehen als Denkmal einer Vergeblichkeit.

*

Hauke und Horst schmackten sich auf meiner Seite der Terrasse ab, das war die Quittung für Edith. Heike schaukelte zwei Terrassen weiter in einer Hängematte den „Spiegel“.
„Bist du okay?“ fragte sie.
„Ich bin okay“, antwortete ich.
„Möchtest du einen OMMK*?“
*Orange-Maracuja-Minz-Kiwi-MK
„Ein OMMK kommt jetzt, glaube ich, sehr okay.“
Heike drehte sich aus der Matte, sie sah an sich herab.
„Findest du mich okay?“
Was sollte ich sagen? Heike verschleierte sich von der Hüfte abwärts, sie beeilte sich, den OMMK zu bringen. Der OMMK schmeckte wie ein Wassereis meiner Kindheit. Mein Geschmack und seine Knospen verweigerten jeder exotischen Note das Existenzrecht.
Heike konkurrierte im erotisch Lapidaren. Ihr trüber Ehrgeiz, mit Horst gleichzuziehen und mit meiner Hilfe einen Ausgleich in ihrem Liebesspiel zu erzielen, strotzte vor Routine. Die Routine raffinierte eine Bettelprosa zum Erbrechen. Ich war Heike vielleicht nicht völlig egal.
Well as well him as another sagt Molly Bloom im Ulysses. Zum Glück kam Horst und fragte:
„Alles okay bei euch?“
Heike bot ihm keinen OMMK an. Im Augenblick war sie verbitterte Dreiundvierzig. Umgehend würde sie dafür sorgen, dass Horst seelisch auf dem Zahnfleisch kroch.
„Man lebt nur einmal“, sagte Horst. Im ewigen Sommer Neunundneunzig sagten das alle ständig. Die apokalyptischen Reiter hatten sich gezeigt so wie Räuber Hotzenplotz. Ganze Horizonte waren aufgerissen worden. Es herrschten denkwürdige Zeiten.
Ich drückte Horst meinen OMMK in die Hand.
„Ist noch kalt.“
Hauke erweiterte den Freundeskreis.
„Alles okay bei dir?“ fragte ich.
Würde sie sich jetzt auch in eine verbiesterte Alte verwandeln, die swingern musste, um sich lebendig zu fühlen?
Eine Nachbarin namens Urschel eilfertigte Honigmelonenschnitzel.
„Seid ihr okay?“ fragte Urschel. Es hatten einmal wieder alle alles mitgekriegt. Die Phase der Moderation lief an. Man wusste, dass Hauke und ich keine bewährten Swinger waren, sondern Anfänger, die vielleicht nie Fortschritte machen würden. Ich suchte Anschluss an meine Einheit. Ich wäre gern mit Hauke allein gewesen, doch Hauke suchte Gemeinschaft. Horst hatte seine Badehose liegengelassen, Hauke hinterher sie ihm getragen.
Die Nachbarschaft wuchs sich auf der Terrasse aus. Knowbot*-Grills machten sich ans Werk. Die Party konnte beginnen. *Knowledge Robots

6. April 2016

Hessenmeister

Mirko, der Fahrradbote

Seit mich Mirko beinah umgefahren hatte, interessierte ich mich für sein Metier. Was ein Fahrradbote verdiente, sagte er, hing nicht allein vom Tempo ab. Wichtig wären Adressengedächtnis und Ortskenntnisse. Zwischen zehn und sieben fuhr Mirko achtzig bis hundert Kilometer. An einem gewöhnlichen Tag war der Wetterbericht falsch und du wirst von der ersten Minute an mit Aufträgen zugeschissen. Und wegen des falschen Wetterberichts trägst du die falschen Klamotten.

„Schönes Auto.“
Mirko musste sich die Anerkennung abpressen. Ich fand, dass er es sich unnötig schwer machte.
„Hass mich doch“, munterte ich ihn auf.
Wir saßen vor dem Grössenwahn, bis zu einer Holzstauballergiediagnose hatte Mirko Schreiner gelernt. Gemeinsam sahen wir Steffi nach, die zum Klo schwebte.
Jeder Kellner war eine umfassende Persönlichkeit, manche waren berühmt. Was ein Fahrradbote verdiente, sagte Mirko, hing nicht allein vom Tempo ab. Wichtig wären Adressengedächtnis und Ortskenntnisse, die in Gebäude hineinreichen mussten.
War das nicht Frankfurt, wie wir die Stadt liebten? Die Marie strich ein, wer sich besser zurechtfand.
Ein 3D-Spiel mit der Wirklichkeit – zwischen zehn und sieben fuhr Mirko achtzig bis hundert Kilometer. Klar, dass am Wochenende der Arsch klemmte.
Mirko hatte Knoten im Gesicht, einen Bart wie Stacheldraht. Das Haupthaar empörte sich. Die Frage war doch, warum hatten solche durchhängenden Figuren Allergien und Steffi hatte nichts. Nicht mal Schnupfen.
Steffi kam vom Klo und machte, als müsse sie kotzen. Der Koch erschien, mein alter Freund Brunky, er wollte, dass ich für ihn einen siebenstöckigen Wodka bestellte. Er hatte Alkoholverbot im Dienst, zum Glück gab es so was nicht für Journalisten.
Ich bestellte, Hauke tauchte auf. Ich fand sie immer noch schön.
Mirko brachte Zeitungen zu Abonnenten, wenn der reguläre Zustellservice das verbockt hatte. Banken ließen Hauspost zwischen ihren Filialen kursieren. Fand die Musikbearbeitung eines Spots an einem anderen Ort als die Textbearbeitung statt, wurde dazwischen ein Bote geschaltet.
Private Kunden waren selten.
Unangenehm war wenig. Manchen Kunden durfte Mirko kein Rad auf den Hof stellen. Im Messeturm durften Kuriere Personenaufzüge nicht benutzen. Sie mussten Lastenlifte nehmen.
„Dir kann passieren, dass du zur Hintertür geschickt wirst, weil du vorn nicht ins Erscheinungsbild passt.“
Mehrere Anlaufstationen (Portale) und internes Wuschwusch-Dingeldong konnten eine Übergabe erschweren. Wartezeiten beim Kunden waren unerfreulich, wurden aber bezahlt.
Mirko riet mir, Wanz zu befragen.

*

Wanz war Disponent. Er sagte: „Für einen Brief, der zehn Gramm wiegt, muss nicht gleich eine Tonne Stahl bewegt werden.“
Ich war Beobachter in einem Prozess gewesen, den man Wanz gemacht hatte. Er hatte in unüblichen Formaten seine Ex bedrängt, ich hatte mit der Frau geredet. Sie war demoralisiert gewesen, ein Wrack.
Ich fragte Wanz nach seinem Familienleben.
„Alles paletti.“
Wir saßen in einer Hinterhofklitsche mit Gartenmöbeln vom Flohmarkt. Vorn im Haus war ein Bäckerladen, wo es alles gab. Eine Kiste Bananen stand zur Grundversorgung neben dem Disponententisch. Allwetterkleidung roch fies nach Weltanschauung. Ladestationen für die Akkus der Funkgeräte standen dekorativ in Reihe.
Eine Fahrerin meldete per Funk: „Hab nen Platten.“
„Meld dich, wenn du weiter kannst“, sagte Wanz gemütlich.
Ein Fahrer sollte Autokaufverträge in einem Formulargeschäft besorgen. Die Auftragsentgegennahme erfolgte in einer Kette nahezu identischer Aussagen. Aufrechterhaltung der Illusion von just in time hieß das Prinzip. Selbst wenn alle Fahrer auf der Strecke geblieben waren, nahm Wanz dem Kunden die Terminlast von den Schultern.
„Es kommt gleich jemand.“

Ich trat auf den Hof und traf die Frau, die Wanz bis zum Nervenzusammenbruch drangsaliert hatte. Sie war zu ihm „zurückgekehrt“ (nachdem sie ein Annäherungsverbot durchgesetzt hatte).
Sie hieß Edith und war zum zweiten Mal mit Wanz verheiratet. Glücklich sah sie nicht aus. Das interessierte mich …

*

Bornheim am frühen Abend. Albatrosse landeten auf der ruinierten Erde, um diese Zeit tranken sie Castro Cooler, das Getränk der Avantgarde im endlosen Sommer Neunundneunzig.
Edith sagte: „Autofahrer sind meine Feinde.“
Sie hatte nur einen Feind, den eigenen Mann. Aber lieber hasste sie Autofahrer, das war einfacher. Wanz wusste nicht, ob er links oder rechts war. Er brannte darauf, großartig zu sein. Den Unterschied zwischen Anzünden und Beschützen von Flüchtlingsunterkünften kannte Wanz nicht. Er schrieb rassistische Gedichte und verstand sie als Beitrag zur internationalen Solidarität. Und auch wieder nicht. Diesem verworren sein war Edith ausgeliefert. Sie hatte sich ergeben. Wanz war ihr Schicksal, ein Irrer, der noch nie in nennenswerten Zusammenhängen veröffentlicht hatte und sich für verkannt hielt.
Das alles hatte der Prozess ergeben und war im Urteil berücksichtigt worden. Mich erinnerte Wanz an die Berliner Stimmenrauscher, Papenfüßler, Schleimbeutler und Lindenblütler. Hinter den harmlosen Namen verbarg sich eine Verschwörung wider alle Vernunft. Diese Leute wachten als Hooligans auf und gingen als Punks zu Bett. Sie waren links, rechts, rassistisch, solidarisch in wirrem Durcheinander. Ihr Wort für Dresche war „günthern“ oder „franzkissen“ (von french kiss). Manche erkannten sich an hochgekrempelten Hosenbeinen, dass andere sie daran auch erkannten, war ihnen bis zu den ersten Verhaftungen nicht in den Sinn gekommen.
Edith folgte mir wie zufällig und frei von jeder Absicht in die „Sonnenuhr“. Die „Sonnenuhr“ hätte man für ein Café halten können. Sie bot jedoch nur einer Handvoll Bornheimern Lebensraum. Diese Leute waren von morgens bis abends in der „Sonnenuhr“. Sie spielten, lasen und unterhielten sich. Sie bedienten die Kaffeemaschine, belegten Brötchen, brieten Eier vom Geiger. Ihr Aufenthaltsraum gehörte dem Geburtsbornheimer Keks. Der Name Keks hatte in Frankfurt einmal Klang besessen. (Dazu später mehr.)
Unter der Küche lag eine verborgene Welt, aus der Zeit, als man noch keine Kühlschränke kannte. Edith und ich verzogen uns in eine Katakombe, Keks reichte mir einen Karabiner. Es gab jede Menge Gänge unter Bornheim, man konnte sich nie sicher sein.
„Wenn Wanz das herausfindet, bringt er mich um“, bebte Edith.
„Warum ist er so grässlich?“ fragte ich investigativ.
„Ich glaube, er hat zu viele Absagen gekriegt.“
Ich will das jetzt nicht vertiefen, zum Ausgleich für ihre sklavische Abhängigkeit von Wanz erlebte sich Edith als Maschinenstürmerin.

30. März 2016

Hessenmeister

»Ich bin vollkommen antidemokratisch.«

Gerald Zschorsch donnerte gegen „allgemeine Seichtigkeit“. Leichtigkeit war Seichtigkeit, war unverbindliches Gehabe, war ein Geschäft der Vermeidung. So schmucklos wie schneidig zwang Zschorsch sich in den kurzen Satz:
„Ich bin vollkommen antidemokratisch.“
Das wurde variiert: „Ich bin nicht konsensfähig.“
Wir saßen in einem Westendcafé, tranken Kakao mit Sahne, mir war fad von so viel Rigorismus.
Zschorsch kam aus Plauen im Vogtland. Sein Vater war Diplomat gewesen, die DDR eine Ecke Deutschlands, an der Zschorsch sich gestoßen hatte. Man hatte ihm die Kettenburg angetan.
Die Eltern hatten sich losgesagt.
„Vom Westen freigekauft“, wurde Zschorsch Weihnachten Vierundsiebzig.
Zu lang her sei das, um zu zundern.
Steffi spielte mit einem Löffel, Zschorsch fühlte sich um seine Wirkung betrogen. Wir verkörperten den Westen und die Seichtigkeit, Zschorsch war Deutschland in seiner Tragik. Er meinte es ernst. Er warnte vor den Gefahren des Unernst, er warnte uns vor uns. Er rauchte Steffis Nelkenzigaretten. Seine Bemerkungen stießen Pforten zu Erinnerungen auf: an frühe Tatorte und den jungen Egon Bahr.
Willie rief an, sie wollte wissen, wo wir waren.
„Wir sitzen mit einem Dichter im Café“, antwortete ich klassisch. Es hätte keinen Sinn gehabt, den Dichter beim Namen zu nennen. Man sah Willie überall auf Plakaten, eine Lingerie-Matrone und Kneipenchefin mit einer Schwäche für fußballverrückte, armdrückende Broker – Hool-Banker, ein Fach für sich und nur echt mit dem Gütezeichen Made in England.
„Klingt wie sitzengeblieben“, sagte Willie. Sie hängte mich ab. Auf ihre Art war sie so rigoros wie Zschorsch.
Meine Routine der biografischen Auffassung seiner Person missfiel Zschorsch. Er wollte nicht mit links abgehandelt werden. Ich konnte nicht anders. Ich war Ende Dreißig und lebte wie ein betuchter Fünfundzwanzigjähriger. Was nicht leicht von der Hand ging, kam mir vor wie eine Krankheit. Wie etwas, dass nach Abstand schrie.
Steffi spielte das auf dem Teppich gebliebene Mädchen aus Bad Soden. Sie war eine Marktführerin, sie gab sich Mühe, Zschorsch nicht mit Gleichgültigkeit zu verletzen.
Nach Frankfurt kam er Zweiundachtzig.
„Hier war der Verlag“, also Suhrkamp.
Zschorsch stellte ein Bild mit Zschorsch, Johnson, Unseld scharf, Literaturgeschichte vor dem Verlagshaus in der Lindenstraße.
Nie krank gewesen, nie verheiratet. Zschorsch berief sich auf „die alte Garde der konservativen Revolution“, weil sie ein gutes Deutsch schrieb.
„Die Linke hat ja kein Verhältnis zur Sprache.“
„Das ganze reaktionäre Pack“ war Zschorsch recht, so kamen Stefan George und William Burroughs zusammen. Er rührte gern die Kriegstrommel.
„Ich bin ein alter Minenleger.“
„Alle großen Armeen wurden von Partisanen besiegt.“
„So langweilig wie heute war die Welt noch nie.“
„Jeder kann nur eine Sache.“
„Ich schöpfe aus dem Wahnsinn.“
Steffi malte in Zucker und Krümel. Sie verlangte die Rechnung.
Sie fragte den Dichter: „Können wir Sie irgendwo absetzen?“

22. März 2016

Hessenmeister

Die Heilpraktikerin als Kopfgeldjägerin

Um die Jahrtausendwende trieb Hauke für eine auf Ugly Casting spezialisierte Agentur weltweit schräge Gesichter und Figuren auf. Gefragt war nicht satirische Extravaganz.
Wir konnten uns an keine andere Jahreszeit erinnern, so lange währte schon Sommer. Hauke las eine Herbstgeschichte vor, während ich Lammlachse zubereitete.
An den Wänden hingen aufgeblasene Karteikartenbilder von Ugly-Stars. Hauke hatte ihre fünf Jobs gekündigt und machte nur noch ugly-scouting für Steffi. Steffi handelte weltweit mit schrägen Typen, ausgefallenen Gesichtern und jeder Art physiognomischer Extravaganz. Gefragt waren nicht satirische Varianten, das Lachen sollte im Hals des Verbrauchers steckenbleiben.
Hans Herbst schilderte schwarze Schönheit aus einer fernwehkranken Perspektive, ab und zu rief der Amerikaner an, mit dem Hauke vor mir angeblich schon lange nicht mehr zusammen gewesen war. Man war nur noch einmal gemeinsam in den Urlaub gefahren, bis auf Weiteres sozusagen.
Manchmal sprach ich mit Warren. Er war Biologe in der Armee, ein Trekker zwischen Wildwasser und Marihuana. Zurzeit stationiert auf Hawaii.
Hauke nannte Warren einen cunt hunter, sie war zu hell für Hitze:
„Der Afrikaner bewegte seine langgliedrigen, kräftigen Hände, während er sprach, und wenn er lachte, legte er sie zusammen wie zum Gebet, ließ sie wieder fallen wie große Schmetterlinge.“
Hauke schmolz förmlich, auf den Terrassen wurden Sonnensegel hochgezogen.
„Die alte dumpfe Furcht der weißen Rasse vor den Mysterien Afrikas“, schrieb Herbst.
„Keksdosenprosa“, sagte Hauke, die Leute kamen maritim über die Dächer. Man trug Tropenhelm, wenn man gut angezogen sein wollte, und dazu imperialistische Shorts. Für alte Wurlitzer Musiktruhen wechselten Vermögen ihre Besitzer. Wer eine Wurlitzer Musiktruhe besaß, war ganz weit vorn.
Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt …
Freddy Quinn hatte seinen Künstlernachnamen an eine Freddy-Manie verloren. Jeder sagte Freddy, selbst Hauke mit ihren ungepolsterten Grundsätzen. Sich bloß nicht anbiedern! Das war so wichtig für Hauke.
Auf ihre Art wollte sie auch was Besonderes sein, obwohl sie das immer abstritt. Während ich ganz normal sagte, komm, lass uns Porsche fahren. Das liegt im Trend, so ein alter Porsche. Darin sieht man auf jeden Fall gut aus.

*

„Was haltet ihr von den Drei Spinnerinnen?“, fragte ich.
Das Märchen ist so sinnlos wie viele Fernsehsachen. Es hat ein läppisches Happy End. Eine ursprüngliche Moral könnte im Zuge Grimm’scher Stoffverharmlosung verschütt gegangen sein.
Wir stromerten durch unsere Gebiete und deren Nachbarschaften, es ging einmal wieder um die Ugly Story. Ich kann euch das nicht ersparen. Die ultimative Ugly Story war „ein TV-Format der Zukunft“.
Ich wollte auf jeden Fall ganz vorn dabei sein. Permanent Performance – Steffi führte die Agentur in einem Hinterhaus. Vorn residierte Willie in der Kneipe gleichen Namens. Andere Kneipen hießen nach dem Sandweg „Sandsturm“ und „Sandbar“. Wir kamen über das Willie’s selten hinaus. Wir wohnten in einem „gefühlten Bornheim“, das nach den harten topografischen Tatsachen im Ostend lag.
Willie verdiente gut als korpulentes Unterwäschemodell. In ihrem Metier war Seltsamkeit Alltag. Eines Tages brachte sie Steffi einen Strauß Dark Metal-Swinger, der sich „künstlerisch“ fotografieren lassen wollte. Beruflich swingten die Paare in der Sozialarbeit. Sie lebten einigermaßen unauffällig unter der Woche. Am Wochenende feierten sie in ihren Kreisen. Sie vertraten konventionelle Ansichten. Über Gothic redeten sie wie über eine märchenmonarchische Gesellschaftsform.
Sie wollten sich „ausleben“. Überschreitungen waren Formalitäten, für die es Regeln gab. Körperbehaarung ging gar nicht, Übergewicht war kein Problem.
Man kratzte am S/M-Portfolio. Ich dachte, eine Kombination von Brüder Grimm und Gothic-Paartherapie könnte uns die erste echte Ugly Story liefern. Ich redete mit Hauke, ihr gruselte vor Hemmungslosigkeit nach Plan. Sie glaubte damals noch, dass andere Leute sich für Verhaltenswidersprüche interessieren würden.
Dass sie für ihr Glück Analyse brauchten.
Ich war das beste Gegenbeispiel, Frankfurt swingte, ich swingte mit. Ich trat vor die Tür, ein Fahrradkurier konnte es eben noch vermeiden, mich umzunieten. Anstatt die Ikone der Informationsgesellschaft anzuschreien, sagte ich:
„Sie sehen gut aus. Sie sollten sich fotografieren lassen.“

„Ich erbringe eine Dienstleistung.“
Er sagte das zu Steffi vor dem Gewächshausdschungel im Hof. Mirko saß auf meine Veranlassung und in Vernachlässigung seiner beruflichen Pflichten vor der Agentur und freute sich über ein zweites Frühstück. Er fand es kuhl, dass Steffi Fleischwurst aß und …

11. März 2016

Hessenmeister

Im Journalismus gehörte Ausschlafen zur Berufstätigkeit

Katja Lange-Müller beherrschte die Kunst, beim Ausatmen von Rauch ihre Rede nicht unterbrechen zu müssen.
„Guck mal“, sagte ich zu Hauke im Club Voltaire, wo alle am langen Tisch saßen, „was die kann.“
Lange-Müller war in den Neunzigern Stadtschreiberin gewesen, ich hatte ihr die Streuobstwiesen auf dem Berger Kamm gezeigt. Sie fand mich angenehm normal und schrieb mir sogar Postkarten. Von mir als Autor hielt sie wenig und damit nicht hinter dem Berg. Heute weiß ich, wie recht sie hatte. Damals dachte ich, die Katja hat keine Ahnung.
Birgit Vanderbeke war auch da, und Eva Demski. Demski gangelte mit einem Hünen … dunkle Brille/heller Mantel … der halb auf ihr lag.
Hauke fragte mich: „Ist das jetzt ein verrückter Lord oder kommt der vom Flohmarkt.“
Es sah so aus, als würde Demski ihn füttern.
„Das ist der Peter Kuper“, hörte ich mich sagen, „früher hat er Autos geklaut und später das Buch geschrieben.“
Das Buch kannte Hauke – „Hamlet“. Eine gute Geschichte von einem Seckbacher Buben, der die Gesellschaft zockender Metzgerssöhne und Metalldiebe der bürgerlichen Kulisse seiner Herkunft vorzog und mit Knast für seine Vorlieben zahlte. Gelegentlich kam er in den Genuss einer besonderen Gunst bei besonderen Frauen. Seinen Nom de guerre auf allen Pisten hatte er weg von einem geplatzten Statistenjob in einer Shakespeare-Inszenierung. Eine Sache des Scheiterns im Fritz Rémond Theater am Zoo.
Hamlet spielte eine größere Rolle auf den Bühnen des Nachtlebens, wo die Demimonde dem Mondänen begegnete. Er hatte etwas anzubieten, das gab es im Dutzend nicht billiger. Ein kompromissloser Kommunikationsstil sicherte ihm das Interesse jener gierigen Party-Society, die sich nach dem Krieg auf Rheinmain etabliert hatte.
Knast und Literatur – Für die Kombination war an erster Stelle Henry Jaeger zuständig. Jaeger war ein echter Bornheimer (Bernemer Bub) und Gangster mit eigener Bande gewesen, bevor er Großschriftsteller geworden war.

*

Wilhelm Genazino hatte bei „Pardon“ angefangen. Er lachte über die allgemein gewordene Forderung nach dem grandios die deutsche Vereinigung spiegelnden Roman. Genazino überraschte mit Entschiedenheit. Für seine Ansichten fand er kräftige Formulierungen, die defensives Gebaren kontrastierten. Am „öffentlichen Selbstdarstellungsgemetzel“ wollte er nicht teilnehmen.
Anders als ich. Zurückhaltung lag mir fern. Wir brachen einmal wieder auf, Hauke und ich, ich glaube, es war schon spät. Nun begann auch für Hauke der Arbeitstag branchentypisch nach zehn. Kein Mensch war vor zehn im Büro, wenn er in einem Verlag oder in einer Redaktion arbeitete. Im Journalismus gehörte Ausschlafen zur Berufstätigkeit, was hatte es mich schon genervt, wenn Hauke mit ihren fünf Jobs morgens um sechs angefangen hatte zu rumoren. Inzwischen arbeitete sie für Steffi als Ugly-Scout, das brachte viertausend im Monat. So viel hatte Hauke zuvor mit sämtlichen Job nicht verdient. Nicht mal die Hälfte hatte sie mit der ganzen Maloche von früh bis spät zusammengekratzt. – Und ich konnte ihr natürlich das Nachtleben nicht ersparen. Wir waren immer bis drei zugange, feiern war für mich auch Berufstätigkeit.
Allmählich ging Hauke Frankfurt auf, ich merkte manchmal schon Vorformen der Gerissenheit und der gemütlichen Gemeinheit.

5. März 2016

Hesenmeister

Kurzeck knatterte sein Oberhessisch mit dem Romrod-R

Peter Kurzeck hatte mehr Literaturpreise gewonnen als jeder andere. Inzwischen erfand man Preise für ihn. Unter seinem Schädeldach brannten die Reichsbahnhöfe noch. Der Krieg ging munter weiter in der Besenkammer seines Seins.
Ich traf Rumpelstilzchen, wie es sich die Hände rieb, in der HR-Kantine. Kurzeck war zum Abstauben bei Rosie Altenhofer von HR 2 Kultur im Haus. Er war ein Fall für Förderer. Er besaß das Talent in seiner Umgebung Großherzigkeit hervorzurufen. Einer, der in der Rolle des Hilfsbereiten nicht scheiterte, war Herbert Heckmann – Geburtsfrankfurter und Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Er trug einen Kolossalkopf auf dem breiten Hals des in die Jahre gekommenen und den Fleischtöpfen ergebenen Athleten. Heckmann hatte geboxt und gerudert. Er kam aus dem Kuhwald, einer Ecke vor Nied. Die Frisur war wie mit Absicht nie ganz in Ordnung, der Mann im Ganzen ein Beispiel für handfeste Lässigkeit. Ansehen genoss er als Freizeitfleischer. Er sprach eine Frankfurter Mundart, man konnte mit ihm gut über Wurst und Wein reden.
Heckmann gab S. Fischer den Vorzug. Da war was mit Suhrkamp über Kreuz. Geduldig wie ein Kaltblüter ließ sich Heckmann an unserem Tisch von armen Schreibleuten bequatschen, zu seinen Füßen lagerten Bücher in Säcken, Heckmann klapperte Antiquariate ab. Die Beute würde von Frankfurt bis nach Bad Vilbel getragen werden. Heckmanns Bibliothek bedrohte die Statik seines Hauses.
Wir waren leidenschaftliche Fußgänger, schon hatten Kurzeck und ich den Plan gefasst, Heckmann nach Vilbel zu begleiten. Wir malten uns die Route aus, jeder Umweg war uns recht. Es herrschte Vorfreude.
„Ihr Süßen habt es gut“, sagte Rosie Altenhofer.
Rosie sagte „ihr Süßen“, das müsst ihr mir schon glauben.
Der große, dicke Heckmann, der kleine, dünne Kurzeck und der allerdings athletische Texas Tuschick zogen nun los, um bei Eschersheim die Nidda zu gewinnen. Ich machte mir einen Sport daraus, die Bücherbeute zu schleppen.
Heckmann seichte seine Frankfurterisch, Kurzeck knatterte sein Oberhessisch mit dem Romrod-R, da waren lauter Verträgliche beisammen. Wie sie so gemeinsam zur Nidda hin ausschritten, lief ihnen Hauke über den Weg. Meine Freundin Hauke aus dem Land der Hauken. Einer ihrer fünf Jobs hatte sie ins Gebiet unserer Begegnung geführt. Sie jubelte, als man ihr eröffnete, welchen Willens und Weges wir waren.
„Da kümm' ich doch gleich mit“, rief Hauke zur Freude der Schriftstellerschar.
Leise fügte sie an: „Der Kurzeck hat ein Gesicht für Steffi wie gemalt.“

*

Steffi war formidabel im Geschäft. Wir führten Kurzeck zu ihrer Hinterhof-Agentur. Steffi war hellauf von Kurzecks verschrägter Flüchtlings- und Vertretervisage begeistert. Sie schickte den Assistenten Andi, damit er Willie herbei hole. Willie war nicht nur korpulentes Dessousmodell, sondern führte zudem die Kneipe gleichen Namens im Vorderhaus – „Zum Willie“.
Im „Willie“ betranken sich vor allem Engländer, die kurz vor Burnout standen. Sie waren einmal Wunderkinder gewesen und wollten immer noch bewundert werden.
Willie war von Kurzeck entzückt.
„Super, dass ihr den Steffi gebracht hat“, sagte Willie und fasste mich nach ihrer Gewohnheit scharf ins Auge. Sie war ein weiblicher Stecher mit durchgreifendem Jagdtrieb.
Ich brachte Haukes Verdienst an, Hauke hatte Kurzecks „Ugly“-Potential zuerst gesehen.
Steffi fragte Hauke unumwunden: „Willst du das nicht hauptberuflich machen und für mich Schrägis scouten?“
Haukes Blick bat mich um Rat.
Ich kniff ein Auge, ein Haukeauge kniff zurück. Das war Liebe.

29. Februar 2016

Hessenmeister

Ugly Casting

Steffis Spezialität war die Vermittlung schräger Gesichter und Figuren an Fotografen und Werbeagenturen. Gesucht wurden „humane Formate“, die nicht im Traum auf die Idee gekommen wären, sich optisch wertvoll zu finden.
„Wir sehen sie jeden Tag auf Straßen und im Fernseher. Nur hier sehe ich sie zu selten“, klagte Steffi.
Wir saßen vor der Agentur und genossen es, so prall am Leben zu sein.
Steffi nahm Maß, die Luft brannte.
Assistent Andi kam vor die Tür und sagte: „Puh.“
Steffi scheuchte ihn zurück, fast gleichgültig. Sie entschuldigte sich für den Trottel. Andi sei „zwanghaft unangemessen“.
Wir sahen die Schrägen jeden Tag, ohne daran zu denken, dass es in den Prozessen bis zur Publikationsreife einer Reklame immer einen Moment gab, in dem Berufskreative nach der waschmittelfesten B-Promimutti-Darstellerin oder einem schläfenschläfrigen Mann Mitte Vierzig riefen. Steffis Karteikartensammlung war eine unerschöpfliche Ressource des seltsam Normalen.
Steffi hatte zu internationalen Produktionen beigetragen. Sie beschrieb den Aufwand für einen Neunzigsekundenfilm, den jeder wegdrückte.
Hauke sagte: „Das ist doch Zuhälterei.“
Steffi war begeistert. Gleich morgen wollte sie sich zuhälterisch zurechtgemacht fotografieren lassen.
„Du hast einen tollen Blick“, sagte Steffi blasiert.
Sie rief Andi, er sollte Karteikarten herbeischaffen und aus Willies Gaststätte Getränke bringen. Inzwischen tranken die Bestien Caipirinha aus Bembeln.

Steffi kommentierte Karten: „Das ist die Anna. Die macht viel Wäsche.“
„Das ist die Bella. Die ist totfotografiert. Mit der geht gar nichts mehr.“
In Steffis Sachlichkeit turnte Schickeriasadismus. Im letzten Jahr des Jahrtausends standen fähige Despotinnen hoch im Kurs. Man konnte viel Geld verdienen, wenn man den Nerv hatte, Leute in Clubs auszupeitschen. Gutes Aussehen war Voraussetzung. Die Dompteure erwarteten ihre Kunden auf Decks.
Der Sommer Neunundneunzig war eine okkulte Großveranstaltung mit viel Sterndeuterei.

*

Wir waren über Nacht geblieben, Steffi hatte im Hinterhaus eine Wohnung. Nichts Spektakuläres. Nun beobachtete ich sie wieder im Dienst, während Hauke am Cityring den Süchtigen gefiel. Gegen neun erschien Schneewittchen. Es rauschte mit einem Schminkkoffer ins Bad. Viersprachig laut eigenen Angaben und einem ordentlichen Stand zugehörig, zeigte es eine verstörende Bereitschaft zur Kooperation mit der routiniert erniedrigenden Steffi. Den Ursprung der Verfügbarkeit, vermutete ich in einem Hoffnungsschlund, in den ich nicht gucken wollte. Der klickenden Kamera schenkte Schneewittchen das Lächeln der Verliebten, da Steffi es von ihr verlangte.
Willie kam verquollen vorbei, singende Engländer hatten sie die ganze Nacht auf Trab gehalten. Sie hätte die Kneipe einer Angestellten überlassen können, Schuld am Kater hatte ihre Vorliebe für singende Engländer.
Wir setzten uns zum zweiten Frühstück. Ein Ring Fleischwurst musste daran glauben. Die Frauen hatten viel zur Verfügung.
Eine Familie rückte an. Das Mädchen hatte sein Debüt in der Sparte Teil-Casting. Sie reüssierte mit einer Hand, die abgenagter Fingernägel wegen gebucht worden war.
Wie annoncierte man so was?
Ich fragte nicht. Im Teil-Casting lieferte Steffi neben kräftigen Unterarmen für das Titelbild eines Gewerkschaftsorgans vor allem Augen. Etwas „Selbstbewusst-Starkes“ in den Augen zu haben, konnte jemanden für einen Augen-Job qualifizieren.
Der Ernährer der Hand-Darstellerin erschien als vollbärtiger Jeansmann unter seiner Kappe. Seine Frau schob ihn auf den Schießplatz. Um Gestik gebeten, probierte er Steuerbewegungen. Nachdem die Familie gegangen war, analysierte Steffi: „Der taugt zum Angler, falls wir mal einen brauchen.“

*

Mit dem Ostpark hatte Gartenbaudirektor Karl Heicke den ersten echten Frankfurter Volkspark verwirklicht. Alle anderen Parks waren übernommener Privatbesitz.
Ich traf Hauke im Ostpark. Mädchen übten American Football. Taschen markierten Torräume.
Hier wollte ich alt werden als einer der grauen Männer, die bei jedem Wetter Bier am Wasserhäuschen tranken. Manchmal rollte ein Cadillac mit getönten Scheiben vor, man konnte sicher sein, dass der Fahrer allen bekannt war.
Wir stellten uns auf die Schwedlerbrücke und sahen hin zum Ostbahnhof. Auf der Südlichen Zufuhr klopfte Annette Gloser Teppiche. (Später mehr dazu.)
Wir durchmaßen den Riederwald und das Enkheimer Ried. So lebten wir miteinander, Hauke und ich, im Stundenlang des Einvernehmens. Manchmal traf ich Hauke im Bethmannpark. Schon im frühen 19. Jahrhundert, als der Anlagenring seine Gestalt empfing, dachte man über die Fortsetzung der Begrünung entlang des Mainufers nach. 1860 wurde „das Nizza“ angelegt.
Hauke war fremd in Frankfurt, ich konnte ihr die Stadt erzählen, ohne auf Widerspruch zu stoßen. Ich sah Genazino. Klar, dass er keine Bodenunebenheit oder kaputte Plastikgabel auslassen konnte. Alles würde Text werden.
Ich unterbrach meinen Vortrag und sagte zu Hauke:
„Guck mal, da ist der Genazino.“

19. Februar 2016

Hessenmeister

Mit Hauke auf dem Hauptfriedhof

Wäre das von zahllosen Motoren als Geräuschsumme erzeugte Rauschen in der Luft nicht gewesen, wir hätten uns an einer der verkehrsreichsten Frankfurter Ecken im Wald fühlen dürfen.
Ich erzählte meinen Tag, beschrieb das Drehortgeschehen so genau, bis ich keine Psychologie mehr zur Verfügung hatte. Das war eine Leidenschaft.
„Alle sehen sich im Wettbewerb. Die letzten Pfeifen halten sich für effektiv“, sagte ich.
Ich holte aus: „Bringer konkurrieren nicht.“
„Das glaube ich nicht“, widersprach Hauke. „Der Punkt ist, dass es für vieles ganz früh zu spät ist. Bestraft wird die Verspätung und vergütet wird Rechtzeitigkeit. Rechtzeitig gewusst zu haben, was man will und nicht erst mit vierzehn oder fünfzehn.“
So redete Hauke über sich. Sie gehörte zu jenen, die probierten. Gitarre, Extremferien, Atemtherapie – Hauke hatte zwei Jahre Yoga und ein halbes Jahr Karate gemacht und außerdem zwanzig Sachen angefangen. Das rächte sich.
Auf dem Friedhof lagen bedeutende Leute genauso tot in der Erde wie andere. Wir besuchten das Grab von Ricarda Huch, uns zuvor gekommen war Peter Härtling. Er klappte auf einem Stuhl vom Segeltuch. Die Arme stützten den Rumpf strebengeometrisch, die Hände hingen raumfordernd vor dem Leib in der Luft. Der schwäbische Liebling aller Buchhändlerinnen zog eine Versenkungsdemo ab.
Eine Frau in der Aufmachung privat musizierender Lehrerinnen, eine von Selbstzucht verbogene Schwärmerin, schlich sich zur Kontemplationsschau.
Ja, wir nahmen uns an die Hände in diesem Neunundneunziger Sommer. Der Sommer stand bullig in der Tür zum Herbst, es gab kein Durchkommen für den kleinen Dicken. So nannte Hauke den Herbst.
Sie spielte gern und lockte mich auf ihre Spuren.
Aus Monumenten sprach ein fantastischer Bürgerstolz.

*

Wir überflogen die Friedberger Landstraße und landeten in dem 1891 von der Stadt Frankfurt erworbenen Park der Günthers. Die Günthers waren vortreffliche Hessen gewesen. Das Geschlecht der Günthers fand im Nibelungenlied Erwähnung. Darin erinnerte die Nibelungenschänke. Im Günthersburgpark traf der deutsche Anwalt, die schrille Tochter an der Hand, seinen spanischen Gemüsehändler. Wir trafen Wilhelm Genazino, den alten Mannheimer, und folgten ihm zu seiner Wohnung an der Rohrbachstraße.
Ein Blechkäfer schmückte die Berührungslinie versetzt gestellter Beistelltische.
Die Wohnung war dunkel und wirkte wie ein Schrankflur, den keiner mag.
Hauke und Genazino redeten über Heimatgefühle. Heimatgefühle entstünden, wenn man sich freuen könne, in einem Geschäft, wo man gestern freundlich begrüßt wurde, heute noch erkannt zu werden.
Die Geschäfte und ihre jungen Inhaber wechselten rasch, während die Verbraucher im Nordend vergilbten. (Damals war das so.) Genazino erzählte von einem Raum in seiner Nähe, in dem von der chemischen Reinigung bis zum Gemüseladen schon alles Laden gewesen sei.

*

Ich springe in den Ostpark. Ich könnte Hauke bei Genazino lassen, sie könnte auch um die Ecke Alissa Walser oder Ulrike Kolb besuchen. Schriftstellerinnen hatten wir im Nordend wie Sand am Strand im Schuh. Nein, Hauke kommt mit. Der Ostpark wurde 1906 entworfen und bis 1911 mit großen Wiesen, einem Teich und Schulgarten gestaltet. Bodo Kirchhoff kreuzte unsere Bahn. Er zog einen zum Mantel passenden Koffer hinter sich her. Kirchhoff hatte seine Deutschstunde in meinem Leben gehabt, als er noch nicht der große Romancier auf den Klippen des Trivialen gewesen war, sondern ein Autor für Liebhaber von Egomanenprosa mit Bahnhofsviertel-Hautgout.
Kirchhoff litt unter einer unglücklichen Liebe zum eigenen Bart. Ich empfand ihn als Virtuosen. Vielleicht verwechselte er den Park mit einem Flughafen.
Ein Bettler sprach ihn an. Das war keiner von der Haste-ma-ne-Mark-Fraktion. Er agierte im Trenchcoat. Ihm fehlte Kleingeld für eine Fahrt nach Bad Homburg. Unter der Verkleidung als abgebrannter Verkehrsteilnehmer platzte die soziale Haut.
Kirchhoff ignorierte das Begehren, umging den Wegelagerer, ganz der Metropole, der jeden Abend, bevor er zu Bett geht, noch einmal aus den Fenstern nach den Pennern schaut. Nach ein paar Metern schlug ihn das Gewissen. Er wandte sich um und eilte auf den Bettler zu, der Kirchhoff abgeschrieben hatte und vor der unerwarteten Annäherung zurückwich – die Kläglichkeit in Abwehrhaltung. Kirchhoff manövrierte mit Koffer und Geldbeutel. Er schaffte es, ein Almosen loszuwerden. Der Beschenkte wollte etwas sagen, aber Kirchhoff wollte nichts hören. Er machte das klar mit einer Geste. Die Geste sagte: Keine Lügen. Erzähl mir bitte keine Lügen.
Diese Ästhetenangst vor der armseligen Fantasie beschränkter Schwindler, die im allgemeinen Kreislauf des Gebens und Nehmens einfach nur mitmischen wollen, ohne Erwägungen und Raffinesse.

*

Im Vorderhaus war ein Lokal für fünfunddreißigjährige Bringer. Verbrauchte Broker schrien ihren Siegeswillen heraus. Ihr Sport war Rugby. Manchen reichte es mit der Trainingstasche in die Kneipe zu kommen.
Für dauerhaft galten kurze Fristen. Wer zwölf Monate durchgehalten hatte, kriegte einen Traditionswimpel ins Fenster gestellt, das war Haukes fünfte Nebenbeschäftigung. Hauptberuflich war sie blonder Engel der Malteser, gab Methadon ab und nahm Urinproben an. Sie arbeitete in der Burg, schob den Dienst der Aufsicht über die Dinosaurier im Senckenberg Museum, half im Altenheim und verteilte die Traditionswimpel von Unsere Stadt soll schöner werden und Kauft im Kiez. Die Vereine gaben Rabattmarkenhefte aus, das war der letzte Schrei im verröchelnden Jahrtausend. Rabattmarken waren todschick. Der geilste Schnickschnack. Hauke stellte ihre Wimpel in unerzählbare Hipster-Schwemmen und Frisör-Stuben mit piefigem Pfiff. Sie platzierte Wimpel auf Umschlagplätzen für gebrauchte Tonträger. Ich war immer dabei, Hauke und ich klebten zusammen. Wir waren ein Paar, das keiner kapierte.

*

Im Hinterhof stand ein Bassin getarnt als Teich. Es gab das Klappstuhlensemble und den kaputten Grill und eine Begrünung, die im Herbst dramatisch rot zu werden versprach. Stefanie nahm den Wimpel von Hauke entgegen, sie gewährte uns ihre Gastfreundschaft. Vielleicht ging ihr Interesse an Hauke weiter als sie zuzugeben bereit gewesen wäre.
Steffi hatte sich auf schräge Sachen spezialisiert – Ugly Casting. Sie kam aus Bad Soden und war normal geblieben.
Steffi hakte nicht in die Luft, um etwas in Anführungszeichen zu setzen. Sie war privilegiert bis hin zur vornehmen Handschrift.
Im Vorderhaus war ein Lokal für die fünfunddreißigjährigen Bringer. Verbrauchte Broker schrien ihren Siegeswillen heraus. Ihr Sport war Rugby. Manchen reichte es mit der Trainingstasche in die Kneipe zu kommen.
In Steffis Studio stand ein Weltraumfahrrad. Die Studioleitungen lagen auf dem Putz. In Metallschränken verwahrte Steffi sechstausend Karteikarten. Sie rauchte am offenen Fenster eine exotische Marke. Die Zigarette roch nach Nelke. An der Pinnwand klemmten das Pilates-Flugblatt und die Thai-Speisekarte.
Das Geschäft mit dem Foto, das sogar dich reich und berühmt machen konnte, übte enorme Anziehungskraft nicht nur auf die Siebzehnjährige aus, die keinen Zweifel daran hatte, dass ihr Karriere-Glück in naher Zukunft wie in einem Überraschungsei steckte. Ein paar Gepiercte erwarteten den Kamerablitz stoisch im Vorraum.
Steffi nahm den Nachwuchs mit, ihr Hauptgeschäft war die Vermittlung von in Perückenbenutzung versierten Rentnerinnen mit Spaß an krauser Performance. Wichtig war Willie, Wirtin von Beruf und Darstellerin aus Passion. Typ Sägebrecht.
Willie galt als gut für schräg.
„Wollt ihr sie sehen?“ fragte Steffi. Sie würde die Gewissheiten ihrer Eltern vielleicht nie entbehren müssen.
Es gab Anfragen für leicht schräg und ein bisschen witzig.
Willie führte das Lokal im Vorderhaus, für den Traditionswimpel war sie zu lang im Geschäft. Sie kam aus der Küche, eine glühende Brumme.
„Auf eine Zigarette“, sagte Willie. „Dann muss ich wieder.“
Steffi zeigte mir die Kartei eines kahlen Profi-Pantomimen.
„Der geht und kommt gut“, sagte Steffi. „So wie Willie.“
Willie hisste halbe Ärmel über den Oberarmen, die durchhingen wie ältere Schenkel mitunter.
„Warum fragst du mich nichts?“ fragte Willie. „Ich meine, weshalb bist du sonst hier?“
„Wir haben den Traditionswimpel von Unsere Stadt soll schöner werden und von Kauft im Kiez vorbeigebracht und sind hängengeblieben.“
„Du willst nicht über mich schreiben?“
Viel gebucht wurde ein junggeselliger Fliesenleger mit Familienvaterausstrahlung. Steffi beschrieb ihn als begnadeten Gesichtsgymnastiker. Ein Naturtalent der Lebensfreude.
Willie warf mir einen bezwingenden Blick zu.
„Ich schätze, du bist okay. Ihr kommt, wenn ihr mit Steffi fertig seid, zu mir ins Lokal. Sagt der Bedienung Bescheid, dass ihr es seid.“
Hauke nahm eine Nelkenzigarette und verzog sich in die Idylle vor der Tür. Ein Assistent arbeitete die nächsten Topmodelle ab. Eine Karteikarte anzulegen, war leichter und ging schneller, als die Mädchen abzuwimmeln.
„Die verstehen das nicht. Dass es nicht um sie geht. Es wird nie um sie gehen, aber das verstehen sie auch nicht“, sagte Hauke. „Erst strolchen sie zum Casting, dann sitzen sie bei mir in der Methadon-Vergabe. Unsere Kinder lassen wir erst gar nicht vor die Tür.“
Ich freute mich über den Heiratsantrag.

12. Februar 2016

Hessenmeister

Feridun Zaimoglu verweigert dem Handkäs die letzte Ölung

Plaudernde Menschen im Hintergrund: das war die Aufgabe von fünfzehn Komparsen. Man hatte sie weggestellt, um den Wahnsinn und die Not ihres fehlgehenden Ehrgeizes nicht ertragen zu müssen.
Jede hielt sich für eine Schauspielerin. Die Lage im Verließ einer Kellerbar zersetzte mich auf Anhieb.
Ich hatte mich in das Zufallsensemble geschleust, um darüber zu schreiben. Die Komparsen gaben voreinander an. Ihre Angaben standen im abenteuerlichen Gegensatz zu der Nullreputation im TV-Produktionsgeschehen. Der Widerspruch zog Konfliktketten nach sich und sorgte für idiosynkratische Reaktionen. In Spezialtaschen mitgeführte Sachen wurden auf einem abgedeckten Billardtisch der Ansicht zur Verfügung gestellt.
Beiläufige Materialprüfungen. In Kennerschaft vorgeschobene Unterlippen. Stoffe zwischen Daumen und Zeigefinger.
Ich sah lauter schicke Waschweiber. Gesten der Empfindsamkeit ergaben ein Makeup der ebenso allgemeinen Aggressivität. Vor den Frauen lagen zehn Stunden Bedeutungslosigkeit. Dafür gab es hundert Mark.
Männer waren „lecker“.
Ich beobachtete mimisch verschleierte Feindseligkeit. Der Gesprächsfluss nahm sexuelle Frachten auf, eine Münchnerin brachte die „Besetzungscouch“ ins Spiel. Sie würde im Raum fehlen, könne jedoch vom Billardtisch ersetzt werden. Das klang wie eine Denunziation besser untergebrachter Darstellerinnen.
Die technische Einweisung lieferte eine Regie-Assistentin, die, von Arbeit wie gerupft, beinah schmutzig, vor den geleckten Komparsen um Hochmutsbegrenzung sich bemühte.
Die zarten Modelle musterten sie mit den Augen der Menschenfresserinnen.
Während der Dreharbeiten dürften wir nicht in die Kamera schauen. Wir sollten tonlose Redebeiträge liefern. Unser Warten nannte die Assistentin eine unvermeidliche stand-by-Situation.
Die Zeit der Komparsen ist billiger als jedes andere Modul einer Fernsehserienfolge. Ich glaube, das sagte die Assistentin auch.
Ab und zu jaulte ein Spielautomat auf.
Plötzliche Lautlosigkeit auf Anweisung, nach drei Stunden Geplapper. Es wurde gedreht, noch ohne uns. Manche hielten die Spannung nicht aus, begannen zu flüstern und zu kichern wie in der Schule. Die Szenen liefen von „Bitte“ bis „Danke – Aus.“
Nach vier Stunden in Ecken wurden wir aufs Set geschmissen, in eine Geschichte mit Mischgetränken aus Farbstoffen, Wasser und Lametta: für Männer, die nach Feierabend noch Krawatte tragen, und Frauen, die ihre Chefs aufregend finden. Männliche Komparsen mussten sich so setzen, dass die Kamera ihre Rücken, allenfalls das Profil zeigte, während die weiblichen Kollegen frontal zur Kamera platziert wurden. Gesichtsprostitution. Verlangt wurde, dass die Frauen ihre Gesichter hergaben zur Belebung einer Szene, in der ein richtiger Schauspieler (Jacques) eine auf Hure getrimmte Joanna zurückwies.
Meine Situationspartnerin war wie erschlagen von der Nähe zu Fernsehpersönlichkeiten. Sie konnte den Blick von Jacques und Joanna nicht abwenden, obwohl sie nur mich angucken sollte. Sie war Fotomodell (nicht Schauspielerin) und fest entschlossen, berühmt zu werden. Deshalb war sie schon in der SAT 1-B.Kerner-Schau zum Thema „Ich will ein Star sein“ gewesen.
Die Schauspieler machten ihren Job, ich konnte nicht sagen, ob gut oder schlecht, die Regie-Assistentin schmierte um den Regisseur herum. In seiner heiteren Macht- und Leibesfülle glich er einem zynischen Buddha. Die Assistentin kniete und kroch vor ihm, um dieses oder jenes in der Regiekladde zu notieren oder um an Kabeln zu zupfen.
In der Mittagspause wurden die Schauspieler vor den Komparsen in einem Restaurant nebenan versorgt. Bestimmt hatten sie eine Wahl, im Gegensatz zu uns. Ich freute mich über Nudeln in Pilzsoße. Meine Situationspartnerin verblüfft mit Appetit. Das superschlanke Modell hielt weder Diät noch trieb es Sport. Todernst erläuterte es seinen Karriereplan. Mir gegenüber saß die einzige Ältere. Ich schätzte sie auf Ende Zwanzig. Vielleicht war sie mal wer gewesen, zumindest kultivierte sie die Aura einer glorreichen Vergangenheit. Sie nannte, was sie tat, „semi-professionell“. Ihre Ansichten fußten auf Nüchternheit und waren von Melancholie überschattet.
Am Nachmittag zerfiel die strikte Trennung zwischen Komparsen und den wichtigen Menschen. Es kam zu einem Andachtsmoment, als Barbara Wussow zum ersten Mal auftrat. Meine Partnerin bewunderte Wussows Rokoko-Korkenzieherlocken hemmungslos. Sie hieß auch Barbara und hielt das für ein gutes Zeichen.
Hauke holte mich ab, sie musterte die Modelle, sie konnte stinkig werden. Angeblich hatte ich den Tag angenehm mit „geilen Bräuten“ verbracht, während sie gearbeitet hatte.
„Es war lähmend“, sagte ich.
„Augen auf bei der Berufswahl“, wiederholte Hauke einen alten Stalburg-Spruch. Sie kämpfte sich durch vier Jobs und war schon einmal vor Erschöpfung vom Fahrrad gefallen.
Wir stießen hart durch die Händelstraße auf die Nibelungenallee vor. Wir überquerten den Alleenring ohne Rücksicht auf Verluste und stürmten auf den Hauptfriedhof. Als „Friedhof vor den Toren“ war die Anlage 1828 nach Plänen von Sebastian Rinz geschaffen worden.

Hessenmeister

5. Februar 2016

Zaimoglu nimmt seinen The bei Frau von Holzhausen

„Unsere Wohnung ist wunderstill und allein. Es ist übrigens eine sehr närrische Wohnung. Der ganze Bezirk, in dem sie liegt, heißt Mohrengarten.“

Das schrieb 1830 ein Nachbar der Holzhausens. Er hieß Wilhelm von Humboldt und wurde gemeinsam mit seinem Gemeinschaftsgenossen Feridun von Zaimoglu von Frau Holzhausen „von Zeit zu Zeit zu einem Thee“ gebeten. Der Gatte der Gastgeberin, das überliefert Zaimoglu, „verachtet das bürgerliche Gewerbe und tut, als ginge es ihn nichts an.“

1030 ha Grünflächen entfielen in Frankfurt auf Parks. Die Liga, eine Splittergruppe der Nordend Kanakster Lauf- und Literaturgruppe, gab die Parole Kanakster sind Grün aus. Das war ein Aufbruch ins bürgerliche Lager, wirkte zuerst aber wie eine Veganisierung des Kanakstertums. Eine KG-AG betrieb dann die erste und einzige Kanak-A-Movement-Hausbesetzung. Auch sie scheiterte im Erfolg.

Der größte Park der Stadt lag an der Nidda, mit Spazierwegen über zwanzig Kilometer. Auf diesen Strecken entstand die Idee zu Kanakster studieren Germanisti, der Urform unserer NK-Lehrergruppe (NKL). Kontrovers besprochen wurde die Frage, ob es gegenüber unseren Kanakas unhöflich sei, „deutsche“ Freundinnen zu haben. Murat legte mir seine Ansichten dar, er begriff mich als Zaimoglu für den Hausgebrauch.

*

Am Oeder Weg stand einsam ein Portal. Soweit ragte der Holzhausenpark historisch ins Nordend.

Wir marschierten auf der Fürstenbergerstraße. Sie drängte mit der Hammanstraße in einen rechten Winkel. Da betraten wir den Holzhausenpark. Wir hatten die ursprüngliche Parkausdehnung auf Stichen uns angesehen. Auch Nihan war im Stadtarchiv „fündig“ geworden.

Fündig war ein Nihan-Wort. „Pfundig“ fand ich noch schlimmer.

Straßennamen bezeugten die Herrlichkeit einer Familie. Die Hammanstraße war nach Hamman von Holzhausen benannt, der 1503 das Anwesen in/auf der Oede erworben hatte. Parallel zur Hammanstraße verlief die Justinianstraße. Justinian hieß Hammans Sohn. Justinian heiratete Anna von Fürstenberg.

Es gab eine KA-Initiative zur Nutzung des Wasserschlösschens im Holzhausenpark. De la Fosse hatte sich da um 1728 als Architekt bewährt. Der war auch Ausländer in Frankfurt. Einige NK-Gruppen und KA-AGs nutzten das Schlösschen für Veranstaltungen. Anderen erschien die Kulisse zu bourgeois.

Das Selbstgefühl entschlossener Städter verströmte im Park. Die Leute verband eine Happy-End-Variante der alten Geschichte von Auflehnung und Anpassung. – Vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer. – Vom Anarchiegedöns zur Pensionsberechtigung.

*

Haukes Sachlichkeit trug Sommersprossen, ich war schon sehr verliebt. Hauke las zu ihrem Vergnügen und nicht, so wie die Kanakster, um sich aufzuladen und sich der Muskel-APO überlegen zu fühlen. Für uns waren Schriftsteller Mitarbeiter der Gegenwart. In Ingo Schramms „Fitchers Blau“ entdeckten wir eine vorgetäuschte Manie und eine Realitätssucht am Blindenstock der Moderne. Karl K. ist Schramms Mann fürs Grobe, ein kurzweiliger Kolonnen-Kuli und „Engerling im Arsch der Erde“. Der Ostberliner weiß: „Woraus getrunken wird und was trinkt, muss eines Tages zerbrechen.“

Neunundachtzig beschleunigte sein Absinken. Der letzte Sturz steht an. In der Regie des echten Zaimoglu folgten die Kanakster Karl durch ein Revier der Trinkgelegenheiten in Prenzlauer Berg. Gemeinsam trafen wir die sozialistische Soziologiestudentin Janni und Aynur, den Türken. So lasen wir, so eingehend und hingerissen.

„Wir werden Türken bleiben“, sagte Murat.

„So wie die Ossis auch“, antwortete Hauke gekonnt ungenau.

*

Der Sommer nahm kein Ende, ich schleuste mich als Komparse in eine Filmproduktion. Der Job war ein Angriff aufs Ego. Ich stieß zu einer Truppe, die bei Gelegenheit die Aufgabe plaudernde Menschen im Hintergrund erfüllen sollte. Das war erst einmal eine Versammlung von zehn Frauen und fünf Männern, die im Spielzimmer einer Kellerbar wie weggeschlossen ihren Einsatz erwarteten. Wer nicht Schauspielerin war oder werden wollte, war Modell. Die Komparsen verharrten in Duldungsstarre. Ihre Ambitionen schufen einen extremen Gegensatz zu ihrer Funktion. In den Hierarchien der TV-Welt waren sie die Letzten.

29. Januar 2016

Hessenmeister

Zaimoglu informiert Bill Gates

Der Tag begann mit SUB (Schwul, Unabhängig, Bunt), dem „ersten schwulen Frühstücksradio Frankfurts“. „Coming out als Hörspiel“ – Hauke brauchte Minderheiten, um frei atmen zu können. Das ging morgens los mit Radio X-Mix auf 107.5. Alle hörten HR3, Hauke hörte unabhängiges Stadtradio. Sie störte sich nicht an den herumlungernden Aufklärungsabsichten der Programmmacher, die auf dem Sprung ins Establishment waren und ihr Publikum mit „liebe Zielgruppe“ ansprachen.
Nach SUB kam Gameboy Günther und dann eine Stunde Mosern über die täglichen Glanzleistungen der Presse. Hauke hatte den Vormittag frei und wollte nach dem Frühstück noch mal mit mir ins Bett. Im Bett redeten wir über „Microsklaven“, den zweiten Roman von Douglas Coupland, und über die Earth Tones in „Generation X“. Den Eltern der Earth Tones war der amerikanische Traum zum Fetzen geraten. Ihre Deklassierung ertrugen sie in batikbunten Kostümen – schwul, unabhängig, bunt. Man konnte sich drehen und wenden wie nur was: bunt war überall.
Die Eltern verwandelten ihre Enttäuschungen in Weltanschauungstheater, das ihre Chancenlosigkeit wie eine Sichtblende kaschieren sollte.
In „Microsklaven“ spielen Armutssubkulturen keine Rolle. Es geht um Geeks, die für Bill Gates oder bei Nintendo arbeiten. Geeks träumen davon, mit ihren Rechnern sprechen zu können.
„Geek impliziert Geld“, schreibt Coupland. „Geeks vergleichen sich mit Rechnern. Sie beschreiben sich als „menschliche Festplatten“.
„Mir wurde klar, dass die Menschen voll mit Bazillen und Viren sind, genau wie ein extrem vollgestopfter Quadra. Wir sind alle zweibeinige Terrarien.“
„Was, wenn der Rechner doch sein eigenes Unbewusstes hat?“
Hauke wollte die Übung unterbrechen, das duldete ich nicht. Geeks orientieren sich an Comic- und TV-Helden. Sie überbieten sich im Spleen. Sie erfinden Marotten. Nur Schlaf und Spiele unterbrechen die Arbeit. Computerprogramme erscheinen den Twens forever als „die Architektur der Neunziger“. Ausländer erkennen sie auf Anhieb, weil die immer noch rauchen.
Dan ist ein e-mailsüchtiger Microsoft-Bug-Tester, ein Kind, das in die Jahre gekommen ist. Mit einem Vater bei IBM. Microsoft ist für Dan nicht ganz nur ein großer Bürobedarfshersteller. Der Kult um Bill macht den Unterschied.
Dan lebt mit den Kollegen zusammen.
„Das sollten wir auch tun“, verlangte Hauke. „Lass uns im Namen von Kanak-A-Movement ein Haus besetzen.“
In diesem Augenblick unterbrach Murats Erscheinen das Gespräch. Wir hatten ihn zwar erwartet, aber nicht damit gerechnet, dass er durchs Fenster einsteigen würde, während Hauke und ich uns im Bett mit Coupland beschäftigten. Die Idee, im Namen von Kanak-A-Movement ein Haus zu besetzen, fand Murat großartig. Vielleicht galt seine Begeisterung viel mehr Hauke.
„Möchtest du Kaffee?“ fragte Hauke.
„Bist du wahnsinnig?“ fragte Murat. Er kannte von Friede keine Verwöhnung. Wie alle Konvertiten übertrieb Friede. Ihr Aktionismus ging jedem echten Kanakster auf die Nerven.
Hauke befleißigte sich der Eile, dass Murat zu einem Kaffee kam.
„Du hast es gut mit Hauke“, sagte Murat.
Ungefragt hatte er sich auf die Bettkante gesetzt.
„Du steigst auch noch dahinter“, tröstete ich den jungen Aktivisten.

*

Wir setzten unseren Frankfurter Lern-Spaziergang fort in folgender Besetzung: Hauke, Zaimoglu, Murat und Friede. Ich verstehe mich von selbst als Chronist der Ereignisse, die unerhörten Höhepunkten entgegen strebten. Wir erreichten nun den Rothschildpark, der im frühen 19. Jahrhundert als Hinterland eines Palais angelegt worden war.
„So hat man damals gewohnt“, sagte Zaimoglu zu seiner kleinen Schar. Er lud dazu eine Geste aus, die sich mühelos mit den Zehen am Ohr kratzen konnte. Hauke und Friede fanden das empörend: Wie konnte eine Familie so viel Raum beanspruchen! Auch der Grüneburgpark war eine Rothschildgründung. Der Park geht auf ein Gut des 14. Jahrhunderts zurück.
Ich fand, dass Friede nach Verwesung ein wenig roch, die Rothschilds erwarben das Anwesen 1837. Er diente jetzt verschiedenen Gruppen und Interessen gleichermaßen.
Bedachte man, dass eine Sonnenbrille spielend mehr gekostet haben konnte als mein Fahrrad. Ach so, wir waren auf Rädern unterwegs. Plastikdeckel flogen uns um die Ohren. Eine kaum gezügelte Kopulationsbereitschaft des Parkmenschen machte Hunde biestig. Sie schnappten nach den Waden der Läufer. Für Frankfurt wurden unter Berücksichtigung der Friedhöfe über 15.000 ha Grünflächen ausgewiesen.
„Wisst ihr, was Alienation of Affection bedeutet?“ fragte Murat im Palmengarten, den vom Grüneburgpark nur eine Straße trennt, benannt nach einem Gestalter beider Anlagen, dem Landschaftsarchitekten Siesmayer.
Zaimoglu wusste es nicht, die Frauen reagierten erst gar nicht. Reiner Zufall, dass ich wusste, wovon Murat sprach. Mir war nicht klar, warum Murat das amerikanische Gesetz ins Gespräch brachte. Er sah aus wie ein Schauspieler, mit dem die DDR ihre Indianerrollen besetzte. Ich kramte in meinem Gedächtnis, ja, Murat erinnerte an den Häuptling aller Sachsen – Gojko Miti?.

22. Januar 2016

Hessenmeister

Zaimoglu begrüßt Johann Christian Senckenberg

Harkan passte seine Preise den Möglichkeiten der Kunden an. Mit einem Blick erfasste er Spielräume. Seit Jahr und Tag stand er mit seinem Gemüse vor der Zoo-Passage. Aus einem Schacht strömten die Verbraucher zur Auslage. Auch Straßenbahnen hielten förmlich davor. Harkan hatte den besten Platz der Stadt. Das war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Analyse. Harkan war Geburtsfrankfurter und Nordend Kanakster der ersten Stunde.
Es gab Leute, die bloß einen Apfel brauchten, den sie mit Kennermiene angelten, am Ärmel polierten, um wie in einem Spot die Zähne ins Fleisch zu schlagen. Andere hatten für Familien einzukaufen und schleppten Harkans 1-B-Gemüse tonnenweise weg.
Jede Lebensäußerung wurde gedeckt von echter und vorgetäuschter Gleichgültigkeit der Übrigen. Man ging einfach vorbei. An den Junkies im Windfang der Passage. An den vor Fremdheit und Zurückweisung Gestauchten. An in ihren Gehzelten Verborgenen.
Trinker beschützten ihre Gesichter. Das war im Ostend Alltag.
Hauke kam zu uns, sie arbeitete in der Methadon-Vergabestelle der Malteser, ihr letzter Chef war als Hochstapler aufgeflogen. Ein Junkie, der den Arzt gespielt hatte.

Zurzeit leitete Hauke die Einrichtung. Sie ignorierte ihre Kundschaft auf der Straße, sie betete den Herbst in einem Rollkragenpullover herbei.
An einer Hauptverkehrsstraße wähnte sich Harkan an der frischen Luft. Er nannte die frische Luft einen Vorzug seiner Arbeit. Nur an den kältesten Tagen verlor er seine Gemütlichkeit. Dann fing sich der Wind im Verschlag, die Eilenden im grauen Frost nahmen eine sich selbst umarmende Jammergestalt wahr.
Im ewigen Neunundneunziger Sommer verdunstete jeder Gedanke an Abkühlung. Wer es sich leisten konnte, quartierte sich in einem Hotel mit klimatisierter Lobby ein. Wir ließen Harkan stehen. Hauke begleitete Murat und mich, Süchtige grüßten den Engel der Malteser. Wie viele Drogenhelferinnen war auch Hauke ein halber Junkie. Der Underdog in ihr schlug ständig an. Hauke konnte sich nur gehen lassen, wenn keine Bürgerlichkeit im Spiel war. Sie verkehrte fast intim mit den lottrigsten Typen. Zwei Brüder umkreisten uns. Die Jungen lebten seit Jahren auf der Straße, sie hatten beide einen schweren Hau, überstanden sich aber gut im brüderlichen Schutz- und Trutzbund.
Diese Jungen würde keiner mehr auf eine gesellschaftliche Bahn kriegen, Hauke war für sie sowohl Mutterersatz als auch Objekt der Begierde. Die Drei verständigten sich in einem Kode.
„Kannst du sie nicht abschütteln?“
Hauke pfiff und die Jungen stoben davon.

*

Zaimoglu kam oft in die Burg ohne Namen, wo die Nordend Kanakster Sing- und Spielegruppe sich im alten Singsaal gegenseitig aus Romanen vorlas. Das brachte die jungen Leute weg von der Straße, das war zu loben und zu preisen. Zaimoglu und ich versahen Ehrenämter, da gabs keine Zuschüsse vom Land Hessen für unser Kanakster-für-Deutschland-Engagement.
Wir trafen Zaimoglu in dem kleinen Garten am Eschenheimer Turm. Die Anlage schien vom Verkehr wie in die Ecke gedrückt. Hier entstand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Stiftsgarten, als erster Botanischer Garten Frankfurts vom Stadtphysikus Johann Christian Senckenberg gegründet und später in die Siesmayerstraße verlegt.
Wie mit Gewalt schien die Bauwut vor den Wällen zum Stehen gebracht. Zaimoglu wusste, dass das Wallservitut die Bebauung beschränkte. Morgen erklärt Zaimoglu das Wallservitut. Es gilt bis heute.

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erstellt am 06.1.2016