In seinem Buch „Echt, du bist Jude?“ erzählt Yascha Mounk von seiner allmählichen Entfremdung von Deutschland und der Auswanderung nach New York. Autobiografische Skizzen wechseln sich darin mit politischen Essays ab. Trotz einiger Ungereimtheiten ist Mounks Buch ein durchweg liberales Plädoyer für gesellschaftliche Pluralität, meint Eugen El.

Buchkritik

Sehnsucht nach Normalität

Das Leben als Jude in der Bundesrepublik der achtziger und neunziger Jahre muss anstrengend gewesen sein. Von der jüdischen Gemeinschaft im Ausland wurde man misstrauisch beäugt, von der nichtjüdischen deutschen Mehrheitsgesellschaft antisemitisch oder philosemitisch herausgehoben. Viele Debatten drehten sich um die Aufarbeitung der deutschen Schuld im Zweiten Weltkrieg und im Holocaust. Der Historikerstreit und die Kontroverse um Martin Walsers Paulskirchenrede sind prominente Beispiele. In der medialen Öffentlichkeit wurden Juden gebraucht – als moralische Instanzen oder Provokateure: Ignatz Bubis, Maxim Biller und Henryk M. Broder sind prominente Stimmen dieser Zeit. Gleichwohl lebten zu Beginn der neunziger Jahre nur wenige Zehntausende Juden in Deutschland. Die jüdischen Gemeinden waren überaltert.

Wie es ist, als Jude in ebendieser Bundesrepublik aufzuwachsen, erzählt der 1982 geborene Yascha Mounk in seinem Buch „Echt, du bist Jude?“. „Stranger in My Own Country“ lautet der ursprüngliche Titel des essayistischen Bandes, der zuerst 2014 in den USA erschienen ist. Mounk lebt inzwischen in New York und unterrichtet politische Theorie in Harvard. Das Buch entstand für eine amerikanische Leserschaft, die mit den Details der deutschen Mentalitätsgeschichte nach 1945 wenig vertraut sein dürfte.

Den Nukleus des Buchs bildet eine Anekdote aus Mounks Schulzeit im schwäbischen Laupheim. Zu Beginn des fünften Schuljahres sollen die Schüler in evangelischen oder katholischen Religionsunterricht eingeteilt werden. Als Mounk an der Reihe ist und seine jüdische Herkunft verrät, bricht seine Klasse im Gelächter aus. Ein Mitschüler, berichtet Mounk weiter, wies darauf hin, es sei allgemein bekannt, dass es keine Juden mehr gebe. Als Mounk mit seiner Mutter nach München zieht, begegnet ihm wiederum extremer Philosemitismus. Gesprächspartner werden unsicher und behandeln ihn betont wohlwollend. Anschaulich erzählte autobiografische Begebenheiten wechseln sich in „Echt, du bist Jude?“ mit zuweilen trocken formulierten zeithistorischen Passagen ab.

Das Buch erzählt von einer Entfremdung. Mounk, in Deutschland geboren und aufgewachsen, will nicht länger ausschließlich als Jude wahrgenommen werden, sondern auch als Deutscher. Seine jüdische Identität ist eher diffus und areligiös. Jude ist Mounk vor allem in den Augen anderer. Er sehnt sich nach einer Normalität, die in Deutschland mit seinen historisch bedingten Neurosen nicht zu haben ist. Warum dennoch immer wieder von „deutsch-jüdischen Beziehungen“ die Rede ist, leuchtet nicht ein. Mounk zieht sprachliche Grenzen ein, die er selbst beklagt. Zum Studium ging Yascha Mounk nach Cambridge. Und erst New York, die Stadt, in der laut Mounk die Neuankömmlinge den Ton angeben, ermöglicht ihm das ersehnte Gefühl, kein Exot mehr zu sein. Dort muss er auch nicht länger Jude sein. Mit einer Hymne auf New York endet das Buch in seiner ursprünglichen Fassung. Für die deutsche Ausgabe entstanden drei weitere Kapitel. Mounk nutzt sie für einen Blick auf die Gegenwart sowie für einen Ausblick. Es sind politische Essays, die sich um Deutschlands jüngste Außen- und Europapolitik und um gesellschaftliche Pluralität und Integration drehen. Mounk betont den Wandel der Republik. (1) Migranten und ihre Kinder gehören zwar selbstverständlicher zu Deutschland, Bewegungen wie „Pegida“ agitieren aber gegen die neue Vielfalt. Mounk sieht auch, dass die deutsche Schuld als Debattenkatalysator in den Hintergrund zu treten beginnt. Die nachträglich eingefügten Kapitel haben wenig mit dem ersten, eher retrospektiven Teil des Bandes zu tun. Im Schlusskapitel liest man von Mounks Wunsch, trotz jüdischer Herkunft zur Volksgemeinschaft (sic!) gehören zu wollen. Es ist unverständlich, warum Mounk derartiges Vokabular in sein ansonsten durchweg liberales Plädoyer einfließen lässt.

1 Verwunderlich ist, dass Yascha Mounk die etwa 200.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, die vor allem in den neunziger Jahren in die wiedervereinigte Bundesrepublik eingewandert sind, mit keinem Wort erwähnt. Sie haben inzwischen das jüdische Gemeindeleben belebt und pluralisiert. Auch im Kultur und Medienbetrieb sind die „Kontingentflüchtlinge“ von damals mittlerweile angekommen. Als Eingewanderte finden sie sich im Zentrum einer Debatte wieder, die die kommenden Jahre bestimmen dürfte.

Kommentare


Dr. M. S. Bingert - ( 15-01-2016 07:07:43 )
Das Buch mag liberal sein, mit der Wirklichkeit von jüdischen Deutschen hat es kaum etwas zu tun. Dass er sich in Deutschland die Identität eines polnischen Juden bewahrt hat, ist seine Schuld und bezeichnend für manche Ostblockmigrantenfamilien mit einem Auswanderungsvisum nach Israel, die in diesem Lande landeten, weil sie um keinen Preis nach Israel wollten und eigentlich nur auf der Suche nach üppigem Wohlstand waren, möglichst in USA oder - wenn das nicht ging, dann eben in Deutschland. Sie haben sich pro forma sehr gut integriert, aber bauten frei und willig um sich und - wenn es denn eine gab - um die jüdische Gemeinde den Zaun eines virtuellen Ghettos. Darin wurden auch ihre Kinder geboren. So wie Yascha.
Dafür lege ich, der außerhalb des Zauns gelebt hat, die Hand ins Feuer.Ich nehme an, auch Evgehij-Jaugen oder Stefana wissen um diesen Zwischen-allen-Stühlen-Syndrom.

Das Buch ist übrigens auch sonst - wie auch in New York Times vemerkt - des Lesens nicht unbedingt wert
An Harvard, wo ich ihm einige Male zugehört habe, macht der Autor eine viel bessere Figur als in der literarischen Welt.
Gruß,
M.S. Bingert

http://www.nytimes.com/2014/01/15/books/how-yascha-mounk-grew-up-a-stranger-in-my-own-country.html?_r=0

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erstellt am 06.1.2016

Yascha Mounk
Yascha Mounk, Foto © Steffen Jänicke

Yascha Mounk
Echt, du bist Jude? Fremd im eigenen Land
Aus dem Englischen von Simone Jakob
Hardcover, 272 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5727-2
Kein und Aber, Zürich 2015

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