Der Schriftsteller Friedrich Ani ist ein Krimiautor von Format. In seinem neuen Roman „Der namenlose Tag“ schickt er den Kriminalkommissar Jakob Franck ins Rennen. Der frisch gebackene Ruheständler wird in einen älteren Fall hineingezogen. Anis Roman gewinnt seine Spannung aus einer beharrlichen Langsamkeit, meint Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Jenseits der Regelaltersgrenze

Der Schriftsteller Friedrich Ani (Jg. 1959) ist ein Krimiautor von Format; er hat zahlreiche Bücher geschrieben, und eigentlich tut man ihm unrecht, wenn man ihn auf das beliebte, noch immer expandierende Genre des Kriminalromans reduziert, denn er kann mehr, als Täter und Opfer ins Buch zu bitten, auf dass sie sich dort, meist erfolglos, den Nachstellungen von Ermittlern zu entziehen suchen, deren Verhaltensauffälligkeiten so unauffällig sind, dass sie im Dienst nicht weiter stören, wohl aber der Erwartungshaltung des geübten Lesers entsprechen, dem Kriminalkommissare mit Macken nur zu bekannt sind.

Ani, der über die Jahre die unterschiedlichsten Ermittler, darunter einen Vermisstenfahnder mit dem klangvollen Namen Tabor Süden, ihr Tag- und Nachtwerk verrichten ließ, schickt in seinem neuen Roman den Kriminalhauptkommissar Jakob Franck in ein Rennen, das eigentlich schon vorbei ist: Jakob Franck befindet sich nämlich seit zwei Monaten im Ruhestand; für ihn gibt’s nichts mehr zu ermitteln, außer dass er herausfinden muss, wie sich ein Leben anfühlt, dem die Regelaltersgrenze den Befindlichkeitstakt vorgibt. Franck war im Dienst nicht glücklich und nicht unglücklich; ein Zustand, der sich als nützlich für den Ruhestand erweist, da man zunächst weitermachen kann wie bisher. Mit der Vergangenheit, speziell einer solchen, die von Mord und Totschlag geprägt war, lässt sich jedoch noch immer nicht spaßen: „Die Toten waren das Personal seiner Gegenwart gewesen; es spielte keine Rolle, ob er im Dezernat 11 in einem Team als Mordermittler arbeitete oder neuerdings als geschiedener und beziehungsloser Hausmann das Ausmaß seiner Selbstgespräche halbwegs im Griff hatte. (…) Er hatte sich damals, beim Eintritt in den Gehobenen Dienst, für ihre Welt entschieden, und aus dieser Welt kehrt niemand unversehrt und traumlos zurück.“ Manchmal jedoch sind die Toten nicht so tot, wie sie es, nach Aktenlage, sein sollten. Jakob Franck bekommt das zu spüren; der Ruheständler wird in einen Fall hineingezogen, der kein Fall mehr ist. Vor zwanzig Jahren wurde ein damals siebzehnjähriges Mädchen in einem Münchener Park erhängt aufgefunden; die Spurenlage war nicht eindeutig, reichte aber aus, um Selbstmord festzustellen. Ludwig Winther, der Vater des Mädchens, mochte das schon damals nicht glauben; er hat sich über die Jahre hinweg in eine heillose Verzweiflung eingehaust, aus der er nicht mehr herausfindet. Als er seine verbliebene Kraft zusammennimmt und Jakob Franck, der mit den damaligen Ermittlungen nur am Rande zu tun hatte, um ein Gespräch bittet, kommt es, wie es kommen muss. Franck wird aufgestört; er hat nun einen Fall, den er nicht haben will, und taucht in eine Vergangenheit ein, die sich im trüben Licht der Gegenwart erst unkenntlich macht, dann jedoch immer deutlicher wird. Ludwig Winther, der den Mörder seiner Tochter zu kennen glaubt, ist selbst alles andere als unverdächtig, er hockt, mühsam gebändigt, in den Trümmern seiner Existenz; seine Frau hat sich umgebracht, aus Schmerz über den Verlust der Tochter, oder doch, weil ihr Mann, noch zu Ehezeiten, übergriffig geworden ist, was, besagen Gerüchte, auch die Tochter zu spüren bekam, die allerdings auch nicht ganz ohne war und das eine oder andere Geheimnis mit sich herumtrug. Überhaupt ist in diesem Fall nichts so, wie es seinerzeit den Anschein hatte. Die Kollegen, erkennt Franck, haben, wenn nicht schlampig, so doch bemerkenswert uninteressiert gearbeitet.

Friedrich Anis Roman gewinnt seine Spannung aus einer beharrlichen, immer wieder nachsetzenden Langsamkeit, die auch an den seelischen Abgründen, von denen das Buch-Personal einige zu bieten hat, kein Tempo aufnimmt, sondern so lange nachhakt, bis sich das Puzzle zusammenfügt und mit einer überraschenden Lösung aufwartet. Am Ende kehrt Franck in den Ruhestand zurück, der nun erst richtig beginnen könnte, bis er dann, steht zu hoffen, erneut unterbrochen wird; einer wie Franck nämlich, ein Ermittler mit der seltenen Fähigkeit zur „Gedankenfühligkeit“, sollte, bitteschön, weitermachen; für ihn wurde die Regelaltersgrenze nicht erfunden. Ani ist ein Seeleninspizient von hohen Graden, wobei er es, dankenswerterweise, mit der Düsternis, die zu ihm aufsteigt, nicht übertreibt; er gönnt uns sparsam gesetzte Lichtblicke, zu denen in diesem Buch auch das unkomplizierte Verhältnis gehört, das der Ermittler i. R. mit seiner geschiedenen Frau unterhält; man versteht sich, vielleicht besser als je zuvor, und weiß die Vorzüge liebevoller Distanz zu schätzen, aus der sich, bei Bedarf, wieder Nähe gewinnen lässt, die für Erinnerungen ebenso offen ist wie für wie beiläufige Zukunftserwartungen: „Am nächsten Morgen umarmten sie sich an der Wohnungstür …; auf dem Bürgersteig drehte Franck sich noch einmal um, sah zum ersten Stock hinauf und winkte Marion Siedler zu, bevor sie das Fenster schloss. Er blieb stehen und horchte. Die Vögel sangen; einige Augenblicke lang wusste er nicht, welcher Tag heute war. Dann fiel es ihm ein. – Sonntag.“

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erstellt am 06.1.2016

Friedrich Ani
Der namenlose Tag
Roman
Gebunden, 301 Seiten
ISBN: 978-3-518-42487-2
Suhrkamp Verlag, Berlin 2015

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Friedrich Ani liest aus »Der namenlose Tag«