Ein idealistischer Aufklärer

Matt Rees und sein palästinensischer

Detektiv Omar Jussuf

Von Stefana Sabin

Jahrelang berichtete Matt Beynon Rees für die amerikanische Wochenzeitschrift „Time“ über die kriegerischen Zustände im Nahen Osten. Rees, der 1967 in Wales geboren wurde, hatte zuerst in Oxford und dann an der University of Maryland studiert und in New York das journalistische Handwerk erlernt, bevor er nach Jerusalem kam. Ab 1996 berichtete er von dort über den israelisch-palästinensischen Konflikt, über die Intifada und immer wieder über die Macht(missbrauchs)verhältnisse innerhalb der palästinensischen Autonomiebehörde. Der Fokus seiner Berichte lag stets jenseits dessen, was er als diplomatic nonsense beschreibt, und seine Titelgeschichte von 1997 für das Nachrichtenmagazin „Newsweek“, überschrieben „The Mafia State,“ war eine bahnbrechende Enthüllungsgeschichte über die Korruption der palästinensischen Selbstverwaltung, die dementsprechend den Zorn des damaligen PLO-Chefs Arafat weckte. In einer internen Sitzung soll Arafat seinen Kopf gefordert haben, so erzählt Rees heute mit ebensoviel britischer Ironie wie amerikanischer Gelassenheit.

Tatsächlich gehörte Rees zu jenen Journalisten, die immer wieder auf die Missstände innerhalb der PLO Arafats hingewiesen haben – und feststellen mussten, wie der Westen in einer selbstauferlegten Blindheit verharrte. Es war nicht zuletzt die Vergeblichkeit seiner Berichterstattung, die Rees dazu bewog, das Medium zu wechseln. Zuerst fasste er seine Erfahrungen und seine Recherchen in journalistischer Form zusammen und beschrieb die Spannungen innerhalb der palästinensischen Gesellschaft, die komplexen Beziehungen zwischen der israelischen und der palästinensischen Führung und die Hintergründe der Gewalt im Nahen Osten („Cain’s Field. Faith Fratricide and Fear in the Middle East,“ dt. „Kains Land. Glaube, Brudermord und Angst im Nahen Osten,“ 2004), dann griff er zu einem bewährten Medium der literarischen Aufklärung: dem Kriminalroman.

In inzwischen vier Krimis hat Rees die unheimliche Verquickung von politischem Taktieren, manipulativem Nationalismus und religiöser Einschüchterung, die den Alltag in den palästinensischen Gebieten bestimmt, als Kulisse für kriminalistische Geschichten benutzt und den ersten palästinensischen Detektiv der Kriminalliteratur erfunden: Omar Jussuf, ein „Lehrer, der die bedauernswerten Kinder aus dem Flüchtlingslager Dehaischa in Geschichte unterrichtet.“

Jussuf verbindet die Entschlossenheit eines amerikanischen „hard boiled detective“ à la Sam Spade mit dem gesellschaftlichen Durchblick eines französischen Kriminalisten à la Maigret und dem Scharfsinn einer englischen Hobbydetektivin à la Miss Marple. Er ist kein strahlender Held, sondern ein alternder Mann, in schlechter körperlicher Verfassung und in subdepressiver Dauerstimmung – ein Antiheld, dessen detektivische Tätigkeit in einem Kriegsgebiet abgesiedelt ist. Wie alle Detektive vor ihm ist Jussuf ein einsamer Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit, ein überzeugter Aufklärer, der die Wahrheit herausfinden will; sein Heldentum besteht darin, dass er sich von keiner Ideologie vereinnahmen lässt und auf der zivilisatorischen Funktion von Bildung besteht.

Nachdem er einen Schüler von dem Verdacht, mit den israelischen Besatzungstruppen kollaboriert zu haben, befreit („Der Verräter von Bethlehem,“ 2008), die Entführung des Schuldirektors aufgeklärt („Ein Grab in Gaza“, 2009) und das Geheimnis hinter dem Verschwinden einer wertvollen Tora-Rolle aufgedeckt hat („Der Tote von Nablus,“ 2010), muss Omar Jussuf nun die Unschuld seines eigenen Sohnes beweisen, der unter Mordverdacht verhaftet wird („Der Attentäter von Brooklyn“). Und nachdem er seine detektivischen Talente in Bethlehem, Gaza und Nablus vorgeführt hat, muss Jussuf diesmal in einer besonderen palästinensischen Stadt ermitteln, nämlich in Bay Ridge, in jenem Viertel von Brooklyn also, wo sich so viele Palästinenser niedergelassen haben, dass es „Little Palestine“ genannt wird.

Das ist eine zugleich vertraute und fremde Umgebung: der Geruch des arabischen Kaffees und die Begrüssungsrituale zwischen den palästinensischen Emigranten erinnern Jussuf an zu Hause, aber die meteorologische Kälte und die zwischenmenschlichen Umgangsformen tragen zu seinem ständigen Unbehagen bei. Wie zu Hause in Bethlehem kommt sich Jussuf einsam und fremd vor, wie zu Hause ist er entschlossen, die Wahrheit herauszufinden. So scheut er keine Anstrengung, die Morde, die die palästinensische Gemeinde erschüttern, aufzuklären und seinen Sohn aus dem Gefängnis wieder freizubekommen. Dabei legt er bei seinen Ermittlungen kriminelle Verstrickungen zwischen verschiedenen arabischen Gruppierungen bloß und deckt die Verlogenheit palästinensischer Politfunktionäre auf – und sichert sich den Respekt des palästinensisch-amerikanischen Polizisten, mit dessen Hilfe er schließlich einen grossangeleten terroristischen Anschlag verhindert.

Die bewährte Mischung aus kriminalistischer Handlung, sozialpolitischer Beschreibung und Lokalkolorit prägt auch diesen Roman, in dem Matt Rees seinen palästinensischen Hobbydetektiv zum vierten Mal agieren lässt. Rees erzählt mit der Dringlichkeit des Berichterstatters und der Gelassenheit des Krimischriftstellers. Er baut Spannung auf, hält den erzählerischen Rhythmus durch und endet mit einer unerwarteten Auflösung.

Obwohl Rees New York zum Ort des Geschehens macht und somit die unterschwellige antiarabische Stimmung in der amerikanischen Öffentlichkeit nach dem 11. September thematisiert, konzentriert er sich wie schon in den vorigen Omar Jussuf-Romanen auf die innerpalästinensischen Verhältnisse. Er schöpft dabei aus seinem Hintergrundwissen über die Machtkämpfe und die Zerrissenheit innerhalb der palästinensischen Behörden, und unter der Oberfläche der Krimihandlung zeichnet er ein Sozialgemälde Palästinas, das aufschlussreicher ist als viele Reportagen. Und wie in den vorherigen Romanen gibt es auch in diesem eine stets überwältigende Abwesenheit: diejenige der israelischen Besatzungsmacht. Denn Rees’ Thema ist Palästina: die Korruptheit der Politfunktionäre, die das Volk als Verhandlungsmasse betrachtet, und das Bestreben anständiger Leute wie Omar Jussuf, die ideologische Manipulation durch Kulturarbeit zu kontrakarieren. So ist Jussuf – wie jeder Detektiv – ein idealistischer Aufklärer, der hartnäckig an die heilende Wirkung von Bildung glaubt.

Nicht zufällig also ist Rees’ Hobbydetektiv Lehrer. Mit unermüdlicher Energie legt er seinen Schülern die eigene Geschichte und die historischen Zusammenhänge dar und vertraut darauf, dass Bildung auch der Weg zu Selbständigkeit und Demokratie ist. Der Kriminalroman, so postuliert Rees, ist eine Gattung, die nur in Demokratien florieren kann, weil sie auf dem Konsens beruht, dass Kriminelle gefasst werden müssen und bestraft werden können. Deshalb, sagt er, gibt es in der arabischen Welt keine Krimis und deshalb sind auch seine Omar-Jussuf-Romane in viele andere Sprachen – auch ins Hebräische! – übersetzt, aber nicht ins Arabische. Angesichts der jetzigen politischen Umwälzungen in der arabischen Welt hofft er nun auf ein neues Publikum.

Stefana Sabin

erstellt am 26.2.2011

Matt Beynon Rees
Der Attentäter von Brooklyn
Omar Jussufs vierter Fall
Roman
Aus dem Englischen von Klaus Modick
288 S., C.H.Beck, München 2011
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