Plotin lehrte, dass alles seinen Ursprung in dem Einen hatte, das Geistige und das sinnlich Wahrnehmbare. Zugleich wünschte er seiner Philosophie die soziale Anwendung im Alltag. Otto A. Böhmer beobachtete, wie Plotins Schüler nach einer schmerzlichen Erfahrung die Nutzanwendung eigennützig interpretierte.

Der Philosoph Plotin

Das erste Mal

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Plotin hatte seine Vorlesung beendet, und alle atmeten auf. Es war wieder mal arg turbulent zugegangen im Kollegium des Meisters; Plotin hatte im besonderen die Vornehmeren unter seinen Zuhörern zum vorbehaltlosen Selberdenken ermutigt, und tatsächlich war es ihm gegen Ende seiner Vorlesung gelungen, seine gewichtigsten Schüler zur gleichen Zeit in ein listiges Frage-und-Antwort-Spiel zu bringen, bei dem er, der Philosoph, nur noch Zuhörer war. Ammonius, der erfolglose römische Senator, hatte zunächst über die Leere des Seienden schwadroniert, und war dann, als sich Protestgemurmel erhob, mit einemmal in Tränen ausgebrochen und hatte die Veräußerung seiner sämtlichen Besitztümer bekanntgegeben, worauf Simplikios, ein aus Griechenland nach Rom gekommener Advokat, der die Philosophie des Plotin als eine herrlich mystische Bereicherungslehre verstand, seine gewaltige Stimme erhob und darauf verwies, dass er jederzeit kaufen könne, was der Senator an irdischen Schätzen angeschachert habe. Simplikios war Plotins Sorgenkind – ein kluger Kopf, der seine Leidenschaft fürs Geldverdienen kultiviert hatte und manch trefflichen Kommentar dazu abgeben konnte, wie sehr auch die von aufgeklärten Dummköpfen schnöde verschmähten Reichtümer zur Erbauung jenes Gottes dienten, der, so pflegte es Plotin zu sagen, „keine Gestalt und keine Form hat und oberhalb des Geistes und der ganzen geistigen Welt thront“.

Simplikios ist ein Künstler, dachte Plotin zuweilen, er macht mehr aus den Menschen, als ihnen zusteht, und zugleich schröpft er sie, mit listigem Blick auf die makellos-verborgene Ewigkeit. „Ihr seid unter den Gaunern einer der Übelsten!“ hatte Ammonius gerufen und auf Simplikios gezeigt, der nicht weit von ihm entfernt saß, und Plotins Vorlesung glich daraufhin eher einer Tollhäuslerversammlung denn einer Gemeinschaft vernünftiger Studierender. Tische wurden umgestoßen, ein Tongefäß flog durch die Luft; – „von einem Gauner Gauner genannt zu werden, ist ein redliches Vergnügen“, brüllte Simplikios – „und es kostet nicht viel. – Ihr, Ammonius, seid eine Laus im Pelz des Staates!“ Plotin hatte sich daraufhin gezwungen gesehen, seine Vorlesung abzubrechen; „ihr habt mich sehr enttäuscht!“ rief er, und für einen Augenblick kehrte noch einmal eine trügerische Ruhe ein. „Geht und werdet ruhiger“, fügte der Philosoph hinzu, „und denkt über den Ursprung nach, in dem zugleich alles, und zwar alles als ganzes, befasst ist. Alles Seiende ist seiend nur durch das Eine. Wir, wir alle – und vor allem wohl auch ihr, Ammonius und Simplikios – müssen die Augen schließen und ein anderes Gesicht in uns erwecken. Schaut und werdet stille, bis ES erscheint!“

Als er geendet hatte, standen seine Schüler auf und verließen schweigend den Raum. Somit haben sie doch gewirkt, meine Worte, dachte Plotin zufrieden, und er bemerkte mit Vergnügen, dass Simplikios schon wieder mit Ammonius sprach: Sie steckten die Köpfe zusammen, tuschelten und verabschiedeten sich schließlich mit einem freundschaftlichen Händedruck voneinander. „Wartet auf mich, Meister“, sagte Simplikios, „Ihr wisst doch …“ „Ja, ich weiß“, sagte Plotin, „du hast Angst, und wie immer rufe ich dir zu, dass es keinen Grund dafür gibt.“ „Wenn Ihr bei mir seid, fühle ich mich wohler“, sagte Simplikios. Er fürchtete sich, weil sein Weg durch eine auch am Tage seltsam dunkle und verschattete Gasse führte, die als gefährlich galt; dort trieben sich Wegela­gerer herum, hieß es, und manch wohlhabender Bürger sei schon das Opfer ihrer dreisten Überfälle geworden. „Ist dir jemals etwas passiert in dieser Straße deiner Angst?“ fragte der Philosoph. „Nein!“

„Es gibt immer ein erstes Mal“, sagte Simplikios. Er drückte sich dicht an Plotin, dem die Ängstlichkeit seines sonst doch so selbstsicheren, ja: frechen Schülers lächerlich vorkam. Diese Gasse zählt wirklich nicht zu den schönsten von Rom, dachte er; sie könnte in der Tat ein wenig Licht gebrauchen. Aber sind wir nicht, gleich wo wir sind, stets vereint mit jenem Gotte, der lautlos gegenwärtig ist? In diesem Moment spürte er einen dumpfen Schlag, der ihn jedoch nicht voll traf, sondern von seinem Hinterkopf abrutschte und sich in seinem Rücken vergrub. Kleine Sterne tanzten ihm vor den Augen, aber er stand noch; Simplikios war neben ihm zu Boden gestürzt, er blutete aus einer kleinen Wunde über dem Ohr. Plotin meinte hastige Schritte zu hören, die sich eilends entfernten; er beugte sich zu Simplikios herab und drehte ihn auf die Seite. Der hatte die Augen geschlossen und schien bewusstlos zu sein. „O mein Freund“, rief der Philosoph, „du hattest gute Gründe für deine Angst, und ich muss dir nun glauben und dein Blut sehen.“ Vorsichtig hob er den Kopf seines Schülers an und versetzte ihm ein paar sanfte Ohrfeigen. Simplikios schlug die Augen auf und lächelte. „Seht Ihr, Meister“, sagte er, „es gibt immer ein erstes Mal. Jetzt fühl ich mich wohler.“ – „Ich muss dir Abbitte leisten, mein Lieber“, seufzte Plotin. „Aber es soll dir ein Trost sein, dass ein Zustand wie der deinige auch etwas Segensreiches an sich hat. Er ist wie ein Vergessen, das sich mit dem Geschenk einer ungeahnten und göttlichen Erkenntnis trägt. Erinnere dich: In einer der letzten Vorlesungen sprach ich davon, dass wir bei vollkommener Vertiefung in uns selbst, im Zustande der Bewusstlosigkeit vom göttlichen Licht plötzlich erfüllt und mit dem Unwesen unmittelbar eins werden.“ – „Das Geschenk einer ungeahnten Erkenntnis, ja“, murmelte Simplikios und erhob sich ächzend.

Er grinste. „Mir ist, werter Meister, wirklich ein Licht aufgegangen. Ich weiß nämlich nun, wie ich Ammonius zu einem Preis, der jeder Beschreibung spottet, einige Liegenschaften abschwatzen kann, die seine Seele so sehr bedrücken. Man hat mir zwar auf den Kopf geschlagen, aber dank Eurer Philosophie, Meister, bin ich wahrlich nicht auf den Kopf gefallen …“

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erstellt am 05.1.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Mutmaßliche Darstellung von Plotin, Museo Ostiense, Rom