Ruhestand ist für Autoren und Kulturschaffende ein beschönigender Begriff. Harry Oberländer wurde nach langer Tätigkeit für das Hessische Literaturforum im Frankfurter Mousonturm im Jahr 2010 dessen Geschäftsführer und gibt im März 2016 dieses verantwortungsvolle Amt an Björn Jager weiter. Aber selbstverständlich wird er weiter tätig bleiben für das Literaturforum, als Schriftsteller und als Redakteur für Faust-Kultur. Am 18. Dezember 2015 richtete ihm das Literaturforum eine öffentliche Abschiedsfeier aus, zu der neben dem interessierten Publikum, den Freunden, guten Bekannten und Mitarbeitern auch Vertreter des Landes Hessen, der Stadt Frankfurt und der fördernden Institutionen erschienen waren. Nach den Grußadressen trugen Autoren Texte vor, die – so die Vorgabe – die Dauer von fünf Minuten nicht überschreiten sollten. Im Bewusstsein, dass eine Abschiedsrede die Vorform eines Nachrufs ist, vermieden die Beteiligten die Adieus und entnahmen ihre Anregungen dem Werk des Literaturvermittlers. Denn Harry Oberländer, der Soziologie studierte, im Buchhandel, als Journalist und als Logenschließer in der Oper arbeitete, bevor er zum Literaturbüro kam, schrieb früh Gedichte und hat mindestens drei Gedichtbände veröffentlicht („Garten Eden, Achterbahn“, Edition Literarischer Salon im Focus Verlag, Gießen 1988; „Luzifers Lightshow“, Dielmann, Frankfurt am Main, 1996; „chronos krumlov“, editionfaust, Frankfurt am Main 2015). Auch der Beitrag von Bernd Leukert bezieht sich auf Oberländers lyrisches Werk. Die anfänglich erwähnte ‚postrevolutionäre Situation’ spielt auch darauf an, dass Harry Oberländer als junger Mann zur ‚Gruppe Revolutionärer Kampf’ gehörte, einem Kampf, der wohl dann sieglos beendet war.

Würdigung

Mit fliegenden Rockschößen

Von Bernd Leukert

Keine Abschiedsrede, sondern das frivole Aufspüren einer Kontinuität. „Der Aufruhr ging vorbei, die großen Reden/ von Freiheit und vom Geist der Utopie.“ Der Garten Eden, aus dem das stammt, ist ja selbst die fixierte, im Gegensatz zur Achterbahn ereignislose, Ewigkeit, ein offensichtlich geschöntes Totsein, die unwiderruflich liegende Acht. „Danach kommt nichts mehr, gute Nacht, Marie.“, heißt es im Achtundsechziger-Sonett.

Nun gilt es, Farbe zu bekennen, selbst auf die Gefahr hin, dass die Verse sich an ihrem inzwischen verwandelten Autor rächen. Denn in dieser postrevolutionären Situation reichert sich die Farbpalette an. Harry leuchtet die Szenen seiner lyrischen Bühne aus. Und es stellt sich heraus, dass neben dem Rot, dem Grün, dem Schwarz und dem Grau eine Farbe allmählich ins Zentrum rückt. Sie erscheint zunächst mineralisch, und zwar in Abwesenheit, als Nietzsche in Sils mit fliegenden Rockschößen zum See läuft, denn da ist „kein strahlender, reiner Azur.“ Kurz darauf, im Moment des Attentats von Sarajevo, ist es das Pigment eines modischen Gesichtsvorhangs: „Die Dame, abgewandt, verbirgt ein Hauch/ azurnen Schleiers, der vom Florentiner fällt.“ Doch eine Strophe zuvor „blaut“ die Uniform schon über Brust und Bauch. Mit der Verwandlung des Azur ins Blau wird es – allerdings wieder als abwesendes – auch schon mit Leben gefüllt wie im Bündener Maloja: „Gelassen zogen die Wolken, kein Blau rief auf zur Empörung.“ Und auf dem Land, „Da erinnert ein blaues Blechschild an den tuberkulosefreien Rinderbestand“.

In der Mitte des nächsten Gedichtbandes gewinnt das Blau schließlich Raum und Ambivalenz. „Das Ohr hört die Krähen sehr laut, die schreien ins bitterste,/ ins äußerste Blau, woraus ich retten will unser geschundenes/ Herz.“(Alien), Orpheus singt: „Kehr aus ich reisigblau: Land unter, ab solls fluten.“(Orpheus), und, ganz in der Tradition des Blues, „Abschieds Elends Gestalt jetzt,/ Zwielicht, grundiert auf Blau.“(Epilog)

Dann aber, im Kapitel ‚Luzifers Lightshow’ wird Harry zum Sänger des Blau.
Da trägt der Ritter Parcevelo einen Fetzen Blau an der Lanzenspitze, wenig später ebenda das Blau des blutlosen Himmels; die Sterne weinen blaue Lava, Leviathans Körper ist nackter als das Neon des düsteren Blaus, das die Insekten anzieht, und die Tage wandern beerenblau in den Abend. Im Kapitel „Atlas“, und zwar im Gedicht „Nachtschicht im Dezember“, steht die Farbe, die Leonardo da Vinci und Goethe an die Grenze zur Dunkelheit setzten, bei Harry für das Allerletzte: „Es ist der Tod, der macht wortlos das Wetter zum Winter,/ sein kalter Atem ist es, der friert, sein wahrer Name ist Blau.“ Immer noch todbringend agiert er im „Traum des Winterkönigs“: „Verwünscht sei der Tag,/ als mein blauer Falke sich hinabstürzte,/ zu schlagen die weiße Taube …“ Doch dann, bevor aus stahlblauer Ferne Licht an Rain schlägt, im Kapitel „Nach Genua!“, in der „Zweiten Natur“, wechselt die Farbe die Gesinnung: „Vorm Walde wächst ein Frühling, blau und gut.“ Schließlich ist es das Frühjahr, das ihn, zum Chiffrieren mit Wolken, ins leere All schickt: „Dorthin will ich, ja, in ein viel schöneres Blau.“

Den Höhepunkt der blauen Periode erreicht der Künstler mit einer Folge von Gedichten, die im Dezember 2008 unter dem Titel „Schwarzweiße Spur“ in den „Akzenten“ erschien. Mit Ausnahme des letzten, der „Stimme auf Rhodos“, das mit einem homerisch weinroten Meer und einem schwarzen Schiff prunkt, stahlt aus allen Gedichten ein zumeist ätherisches Blau. Was in Maloja vermisst wurde, tritt in der „Monade“ in den Text: „Der Himmel empört sich blau.“. „Über das Grabfeld am Kreuz reisen durch Irisblau/ Engel mit zierlichen Koffern von Auftritt zu Auftritt“ (Wintergedicht mit reisenden Engeln), auch ist das „Fragment Himmel im Fenster blau.“; „Blau fällt vom Fleisch, das nicht bluten kann.“ (Bordeaux). Und nachdem das Messer den reduzierten Mond blau spiegelt (Winkel), kommt die Welt noch einmal mit einem blauen Auge davon. (Wittenberger Epiphanie)

Die drei Nachklänge des Blues in „chronos krumlov“ finden sich wieder in der Natur: im Blau der Moldau (krumme aue), im blauen Band mächtiger Berge (Göckelberg1) und, mittendrin, ‚ein dunkles feuchtes blau’ an Schieles „Liegender“, sein Ursprung der Welt.

Alban Nikolai Herbst schreibt ein Gedicht von Harry Oberländer an die Wand, Foto: Irmgard Maria Ostermann

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erstellt am 01.1.2016

Harry Oberländer, Türöffner. Foto: Irmgard Maria Ostermann

Harry Oberländer
chronos krumlov
Gedichte. Mit einem Vorwort von Wulf Kirsten
Gebunden mit Schutzumschlag, 72 Seiten
ISBN 978-3-945400-06-7
Edition Faust, Frankfurt am Main 2015

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Foto: Irmgard Maria Ostermann