Was der Kabarettist Christoph Sieber anbietet, ist nicht so weit entfernt vom Agitprop der sechziger und siebziger Jahre, als das Genre in Deutschland seine letzte Blütezeit erlebt hat. Was ihn unterscheidet, ist die Form: Schnellsprechen und eine gespielte Tollpatschigkeit anstelle stilisiert vorgetragener Ensemblearrangements. Thomas Rothschild stellt Sieber vor.

Politisches Kabarett

Der nette Junge von nebenan

Von Thomas Rothschild

Komisch ist es nicht unbedingt, aber wahr: „Es ist symptomatisch, dass die, die unsere Kinder betreuen, in unserer Gesellschaft schlechter bezahlt werden als die, die unser Geld betreuen.“

Das könnte einen ja über manche Unbill hinwegtrösten: dass mit der Zeit die größten Idiotien in der Kultur und darüber hinaus verschwinden und ältere, verloren geglaubte Errungenschaften wieder zurückkehren können. So auch das politische Kabarett. Es ist nicht tot, sondern quicklebendig. Es hat sich lediglich in Nischen zurückgezogen, oder genauer: es wurde vom Schwachsinn dorthin verdrängt. Was Christoph Sieber anbietet, ist nicht so weit entfernt vom Agitprop der sechziger und siebziger Jahre, als das aufklärerische Kabarett in Deutschland seine letzte Blütezeit erlebt hat, von Hannelore Kaubs Bügelbrett oder vom Floh de Cologne, denen Sieber in Haltung und Aussage ähnelt. Was ihn unterscheidet, ist die Form: solistisches Schnellsprechen, eine gespielte Tollpatschigkeit mit etwas unbeholfen schlenkernden Armen anstelle stilisiert vorgetragener geschliffener Ensemblearrangements. Komisch sieht er nicht aus (was immer das bedeuten mag), sondern eher wie der nette Junge von nebenan.

Siebers Zukunftsperspektive, die sich aus einer Diagnose der Gegenwart ableitet, ist freilich keineswegs erbaulich. Der Titel seines neuen Programms „Hoffnungslos optimistisch“, mit dem der Träger des diesjährigen Deutschen Kleinkunstpreises zurzeit auf Tournee ist, täuscht. Sieber tritt auf in Jeans, Sneakers, Weste und einem kurzärmeligen schwarzen Hemd mit einer neckischen weißen Borte, die sich nach der Pause verbreitert. Er beginnt mit einer Selbstthematisierung des Kabaretts, um alsbald zur Politik zu wechseln. Das ist witzig formuliert, aber ernst gemeint. Obgleich sich Sieber über die Folgenlosigkeit von Kapitalismuskritik im Kabarett im Klaren ist.

„Wir werden die Welt nicht besser verstehen, wir werden uns nur genauer irren.“ Oder: „Was ist ein umweltfreundliches Auto? Ein Fahrrad.“ Sieber kann auch sarkastisch sein: „Wenn Gott gewollt hätte, dass der Afrikaner zu uns kommt, dann hätte er ihn schwimmen gelehrt. Halleluja.“

Sieber übt Kulturkritik auf dem aktuellen Stand: Apps, Amazon und Algorithmen, die er ausspricht, als wären sie eine Untergattung von Rhythmen, sind die Zielscheiben seines Spotts. Er setzt sich ein Baseballcap auf und wird zum Bäcker Häberle aus Oberleiblingen („Eine Bäckerei ist heute a place to stay to buy coffee to go“), er dreht den Schirm nach hinten und imitiert einen Rap. Mit einem weißen Jackett und rotem Stecktuch verkörpert er den reichen Kabarettbesucher: „Ich habe mich frei gemacht vom Geld. Ich zahl nur noch mit Karte.“

Zwischendurch liest er humoristische Erzählungen vor, wie man sie noch in den fünfziger Jahren in den Feuilletons der Wochenendausgaben von Tageszeitungen lesen konnte – ein Genre, das aus der Mode gekommen ist oder vielmehr den Tod des Zeitungsjournalismus vorweggenommen hat.

Manchmal verzichtet Sieber auf Pointen und vertraut, wie die 68er, auf die Überzeugungskraft von Statistiken. 156 Tote durch Rechtsextreme gab es seit 1990 in Deutschland. Die Zahl der Toten durch Islamisten: 0. Eine Schlagerparodie liefert harte Fakten über gewollte Armut. In seiner Schulkritik setzt Sieber fort, was Ivan Illich einst begonnen hat. Er verweist darauf, dass es genau so viele dumme Architekten wie Putzfrauen gibt und diese jenen immerhin darauf hingewiesen hätte, dass man beim Bau eines Flughafens an eine Landebahn denken sollte. Und er zitiert aus „Hyperion“: „Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissner wäre, wie die Deutschen.“ Das schrieb Hölderlin Ende des 18. Jahrhunderts.

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erstellt am 30.12.2015

Christoph Sieber
Christoph Sieber
Informationen und Termine

www.christoph-sieber.de

Christoph Sieber: „Hoffnungslos optimistisch“