Jonas Englerts Projekt »Zoon Politikon« ist ein Online-Video-Archiv, das beständig erweitert wird. Ausgewählte Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Kunst werden gebeten, über ihr Leben und Wirken zu berichten. Bereits teilgenommen haben Bazon Brock, Daniel Cohn-Bendit, Frigga Haug, Hilmar Hoffmann, Oskar Negt, Burghart Schmidt und Christina Thürmer-Rohr. Ralph Fischer stellt das Projekt vor.

Videoprojekt »Zoon Politikon«

Lehrstück und Gedächtnismaschine

Von Ralph Fischer

Das Projekt »Zoon Politikon« versteht sich als Online-Video-Archiv im künstlerischen Format, das fortwährend erweitert wird. Ausgewählte Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Kunst werden aufgefordert, über ihr Leben und Wirken als gesellschaftsgestaltendes Wesen (»Zoon Politikon«) zu berichten. Bereits teilgenommen haben Bazon Brock, Daniel Cohn-Bendit, Frigga Haug, Hilmar Hoffmann, Oskar Negt, Burghart Schmidt und Christina Thürmer-Rohr.

Sie alle haben gemeinsam, dass sie in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts geboren sind: 1936, 1945, 1937, 1925, 1934, 1942, 1936. Die meisten verbrachten ihre Kindheit in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Ihre persönliche Geschichte beginnt also in einem historischen Streckenabschnitt, der uns, die wir am Beginn des 21. Jahrhunderts stehen, womöglich schon als weit entfernt – in die Tiefe des historischen Raumes gerückt – erscheint. Ihre Gesichter sind in Nahaufnahme vor schwarzem Hintergrund zu sehen. Keine Zwischenfrage unterbricht den Fluss ihrer Worte – ihre Rede ist ein Monolog. Sie blicken frontal in die Kamera, wohl wissend, dass sie in einem öffentlichen Raum sprechen, aber ungewiss, wer genau die Empfänger ihrer Worte sein werden. Und dennoch wirkt die Situation auf eine unbestimmte Art und Weise intim, so als richte sich ihre Rede unmittelbar an uns – wer immer dies auch sei und welche persönlichen Erfahrungen und kulturellen Identitäten damit auch verbunden sein mögen. Die Videos dauern jeweils fünfzig Minuten. Dies ist der zeitliche Rahmen, in dem die Personen aus ihrem Leben berichten – sowohl als Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die das intellektuelle und politische (Zusammen-)Leben von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart mitgeprägt und mitgestaltet haben, als auch als Privatpersonen – als Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Ehemann, Ehefrau, Freund oder Freundin. Bei genauem Hinhören verweben sich die Sphären von privat und öffentlich zu komplexen Beziehungsgefügen.

»Zoon Politikon« thematisiert den Menschen als »politisches Tier«, so wie ihn Aristoteles in seiner Schrift »Politika« definiert hat: als ein Wesen, das Gemeinschaft(en) bildet. Als ein Wesen, das Verantwortung übernimmt, sowohl im Kontext seines unmittelbaren sozialen Umfeldes (Familie, Freundeskreis, etc.) als auch im übergeordneten Sozialgefüge des Staates. Die Reden der Persönlichkeiten umkreisen genau jenes Dazwischen von privat und öffentlich, in dem sich die Identität des Subjekts entfaltet. Die Teilnehmenden erzählen von ihrer Studienzeit, von ihrem politischen Engagement, ihren Forschungen, von Freundschaften und wichtigen Stationen und Begegnungen, aber auch von Verwicklungen und Konflikten im beruflichen und familiären Kontext.

Videostill Zoon Politikon: Oskar Negt

Oskar Negt beispielsweise schildert, wie Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit im Zuge der Studentenproteste in Frankfurt am Main seine Vorlesung über die Lehren Lenins störten, um zu einer Besetzung des Instituts aufzurufen. Er berichtet auch von der Kränkung, die er durch Joschka Fischers öffentliche Rede auf dem Frankfurter Römerberg erfahren hat, als dieser den ProfessorInnen aufgrund ihrer Theorielastigkeit jegliche Kompetenz zu politischer Handlungsfähigkeit absprach. Negt bekennt, dass er sich eine Entschuldigung von Fischer gewünscht hätte. Immerhin habe er sich selbst bei Habermas entschuldigt, nachdem er das Pamphlet »Die Linke antwortet Jürgen Habermas« veröffentlicht hatte. Kränkungen gibt es offenbar auch auf der Gegenseite. Daniel Cohn-Bendit berichtet, dass Personen aus dem universitären Kontext ihm, dem politischen Macher und Rebellen, die Fähigkeit zur theoretischen Reflexion absprachen.

Wie untrennbar die Sphäre des Politischen mit dem Privaten verwoben ist, zeigt sich unter anderem in der Erzählung von Frigga Haug, die sich erinnert, dass sie ihr Leben als junge Mutter als Käfig empfand, abgetrennt von der intellektuellen und politischen Energie, die ihre Studienzeit geprägt hatte. Diese Erfahrung des Eingesperrt-Seins befeuerte ihr Engagement für die Rechte der Frauen, das ihr ganzes weiteres Leben prägen sollte. Sie berichtet auch von der tiefen Entfremdung, die sich lange Zeit zwischen ihr und ihrer Tochter einstellte – das Ringen mit dem klassischen Rollenbild der Mutter führte offenbar zu Kämpfen innerhalb der Familie.

Geschichte und Lebensgeschichte(n) sind eng miteinander verknüpft. Die Intensität des politischen Gestaltungswillens, der in den Worten der Personen mitschwingt, fasziniert – ist manchmal melancholisch gefärbt, etwa wenn Oskar Negt das Ende der intensiven Auseinandersetzungen unter Intellektuellen bedauert, das die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt hatte, manchmal hoffnungsfroh, so wenn Cohn-Bendit mit ironischem Augenzwinkern mutmaßt, wie wohl seine Eltern reagiert hätten, wenn er ihnen unmittelbar nach seiner Geburt erzählt hätte, dass es zwischen Deutschland und Frankreich in einigen Jahrzehnten keine Grenzbefestigungen mehr geben würde. Sie hätten ihr Neugeborenes wohl für verrückt erklärt.

»Zoon Politikon« öffnet einen medialen Gedächtnisraum: Zeitgeschichte wird erfahrbar, das Vergangene, das die Gegenwart gestaltet hat, deren Bühne wir bevölkern – denn auch wir sind ProtagonistInnen historischer Prozesse. Der Akt der Rezeption erfordert die Bereitschaft, sich einzulassen – dafür müssen wir den sprechenden Personen über einen längeren Zeitraum unsere Aufmerksamkeit schenken – eine empathische Kompetenz, die in unserer Kultur zwanghafter Selbstdarstellung zunehmend zu verkümmern droht. Dieses Sich-Einlassen auf das Erzählte er­möglicht erst das Eintauchen in den Strom der Erinnerungen der Persönlichkeiten.

Videostill Zoon Politikon: Frigga Haug

»Zoon Politikon« fungiert als Archiv und Gedächtnismaschine – es formiert eine kollektive Form des Erinnerns, transportiert ein politisches und intellektuelles Erbe, das stets auch eine Herausforderung für die Gegenwart enthält. Die genaue Betrachtung dessen, was von den vorigen Generationen vererbt wurde, sei Aufgabe jeder Generation, äußert Frigga Haug in ihrem Monolog. Denn wir erben, Jacques Derrida zufolge, immer ein Gespenst – spürbar unter der brüchigen Oberfläche ungelöster Aufgaben und Konflikte, kühn hervorbrechend in Zeiten der Krise. Erbe stiftet Identität, beinhaltet jedoch auch Risiko und bedeutet zugleich Segen und Fluch. Erst in der bewussten Aufarbeitung des Vergangenen können Gegenwart und Zukunft gestaltet werden. Dann können, um die Worte Oskar Negts aufzugreifen, Krisenherde zu Hand­lungsfeldern transformiert werden.

»Zoon Politikon« lässt sich in seiner Multiperspektivität nicht auf einfache Formeln und Botschaften reduzieren, doch es legt nahe, dass Gemeinschaften gestaltet werden müssen und dass Identitäten sich primär in Beziehungen, in Gemeinsamkeiten und Zugehörigkeiten ausformen. »Zoon Politikon« kann als Lehrstück über politisches Handeln begriffen werden, als Impuls zur Mitgestaltung der Lebenswelt, in einer Zeit, in der alternative Gesellschaftsentwürfe kein Gehör mehr finden – einer Zeit des (scheinbar) alternativlosen Kapitalismus.

Wir lauschen den Stimmen von Menschen, die das geistige und politische Klima der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mitgeprägt haben. Das Lehrstück ist an uns gerichtet. Wir stehen auf einer leeren Bühne, die auf ihre ProtagonistInnen wartet. Die Personen scheinen zu uns zu sprechen, obgleich sie nicht wissen können, wer ihnen zuhört. Auch Aristoteles konnte nicht wissen, wer ihn künftig rezipieren würde, als er vor seinen Schülern sprach und seine Thesen zum »Zoon Politikon« entwickelte. Seine Worte wurden aufgezeichnet und hallen seitdem wider – im Resonanzraum der Kultur. Ein Monolog in den offenen Raum – eine Botschaft an die Gespenster aus der Zukunft, in deren Fußstapfen wir treten. Die Monologe bei »Zoon Politikon« sind gleichsam ein Sprechen ins abgedunkelte Auditorium der Medienkultur – eine tastende Suche nach der persönlichen Vergangenheit, ein Reaktivieren von Erinnerungen, ein Erzählstrom unter dessen Oberfläche sich zuweilen das Pulsieren tiefer Emotionen beobachten lässt, die sich insbesondere im Kontext von gesellschaftspolitischen Errungenschaften, aber auch von enttäuschten Erwartungen und erlittenen Kränkungen zu starken Unterströmungen intensivieren.

Und letztendlich soufflieren uns diese Persönlichkeiten ihre Geschichten als Impuls und Antrieb für unsere eigene Identität als »Zoon Politikon«. Es liegt an uns, wie wir diese soziale Rolle mit Leben füllen und unsere Identität gestalten möchten.

Das Projekt wird u.a. gefördert von der Faust-Kultur-Stiftung

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erstellt am 28.12.2015

Videostill Zoon Politikon: Daniel Cohn-Bendit

Videoprojekt

Zoon Politikon

Online ansehen: zoonpolitikon.net

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Bis 19. Februar 2016

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