In ihrem Gedicht „Alice Licht“ setzt sich die irische Dichterin Moya Cannon mit der Schoah auseinander. Der Entstehung des Gedichts spürt Eric Giebel nach. Er besuchte das Berliner Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt und traf dort die Übersetzerin Eva Bourke. Faust-Kultur veröffentlicht Bourkes und Giebels Übersetzung von „Alice Licht“.

Lyrik

Die Geschichte der Alice Licht

Von Eric Giebel

Ende November 2015 traf ich mich mit der deutsch-irischen Dichterin und Übersetzerin Eva Bourke in den Hackeschen Höfen, Rosenthaler Straße 39 in Berlin-Mitte. Der Anlass für diese erste Begegnung war ein Übersetzungsprojekt, das mir im Kopf schwebte, seit ich im Mai 2014 die irische Dichterin Moya Cannon kennen und ihre Poesie schätzen gelernt hatte.

Bei Besuchen in Galway hatte ich mir Moyas Lyrikbände „Carrying the Songs“ und „Hands“ im Buchhandel besorgt. Im neuesten Band „Keats Lives“, im Herbst 2015 erschienen, findet sich das Gedicht „Alice Licht“. Nach meiner bisherigen Kenntnis des Werkes von Moya ist es ihr erstes Gedicht, das sich mit der Schoah auseinandersetzt. In Moyas Gedichten finden sich viele Referenzen zur Geschichte, nicht immer offenkundig oder gar sich aufdrängend, im Gegenteil. Wenn jedoch in „Murdering the Language“ (aus: „The Parchment Boat“, The Gallery Press, Loughcrew 1997) über „den Ordnungswahn der Grammatik“ und die korrekte Aussprache des Englischen gesprochen wird, die die gälischen Zungen nicht hinbekommen, ist viel über diese Auseinandersetzung zwischen Besatzern und Besetzten gesagt. Es war nicht nur ein Bombenkrieg, sondern ein Kulturkampf.

[…]
Unsere Sprache glich den Gezeiten,
sie unterhöhlte die Klippen
in einem langen mühsamen Feldzug
und lief die Strände hoch über Sand, Tang, Steine.
[…]

Moya schreibt in Englisch, ihre Sprache ist eine Hochsprache, geprägt vom Elternhaus und der dort vorhandenen Literatur, die weiter zurückreicht als die jüngste, blutige Vergangenheit der irischen Geschichte. Dem neuen Gedichtband den Titel „Keats Lives“ zu geben, weist über die Begegnung zweier Menschen in dem Gedicht „Keats Lives on the Amtrak“ hinaus und spricht von der Bedeutung des Poeten John Keats und der Romantik für die Autorin.

Viele Beispiele lassen sich finden, die Moyas Naturverbundenheit, die romantische Geste belegen. „Alice Licht“ hingegen ist anders. Moya stellt uns die Geschichte einer Schoah-Überlebenden vor, mehr noch: sie spricht vom Versuch eines Menschen, der posthum als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt wurde, „seine“ Juden zu retten: Otto Weidt, Inhaber einer Bürstenmanufaktur in Berlin. Es war naheliegend, diesen Ort, heute ein Museum, eine Gedenkstätte zu besuchen, um Eva – sie lebt im halbjährlichen Wechsel in Berlin und Galway – kennenzulernen und die Geschichte der Alice Licht, die in Moyas Gedicht erzählt wird, nachzuvollziehen.

In einem Interview, das Eva Bourke ihrem irischen Dichterkollegen John F. Deane für Poetry Ireland Review Nr. 106 gegeben hat, spricht sie über die Bedeutung der Schoah für ihr Leben und ihr Werk.

John F. Deane: „In that original collection, Gonella, there is a poem, Pilgrimage, that contrasts Bavarian light and faith with glances at Dachau, „the cruel death of millions / through hunger, torture and the gas chamber“: how does German history and landscape infiltrate your work? […]“

Eva Bourke: „My early life, the pastoral scenes of my childhood as well as later experiences and lessons will always be a major source of poetry for me. And of course the holocaust continues to haunt me. It has informed my consciousness and constitutes an undercurrent in everything I write. […]“

Eva führte mich durch das Museum, und ich stand genau dort, wo auch Moya gestanden hatte, als sie sich an die Schuhbürsten ihres Vaters erinnerte: vor einer Museumsvitrine, in der drei Bürsten liegen. Wofür stehen sie? Vielleicht für die wenigen geglückten Rettungen, für die wenigen Menschen, die ihr Leben dem fast völlig erblindeten und doch aufrechten Otto Weidt und seinem Helferkreis zu verdanken haben: Alice Licht, Inge und Ella Deutschkron, Hans Israelowicz, Marianne und Anneliese Bernstein.

Inge Deutschkron, die die Nazizeit in ständig wechselnden Verstecken überlebte, wird zu einer wichtigen Zeitzeugin werden, nicht müde werdend, über das Geschehen zu berichten, um die Jugendlichen aufzuklären, noch heute. Alice Licht, die das Grauen der Konzentrationslager erlebte, überlebte, wird ihre Erinnerungen fest verschließen und nie ein Wort darüber sagen können. Sie stirbt 1987 in Israel.

Originaltext

Alice Licht

Von Moya Cannon

Drei gewöhnliche Schuhbürsten in einer Museumsvitrine,
jene Art Bürsten, deren weiches Polieren
ich jeden Morgen hörte –
mein Vater, der 'das Leder'
seiner rissigen braunen Schuhe 'füttert'.

Das Reich braucht Bürsten, beharrte
der fast blinde Otto Weidt, auf den Tisch
einer Berliner Polizeistation hauend,
und ich brauche meine Juden, die sie binden.
Gebt mir meine Juden zurück!

Durch die Unterstützung seines Verbündeten,
des Polizisten,
bekam er sie zurück –
jene blinden und tauben Juden
und einige vorgeblich Blinde und Taube.
Er führte sie in einer langen Reihe,
wie händehaltende Kinder,
Kinder freigelassen
aus einer Tür am Berghang,
zurück zur Rosenthaler Straße,
wo sie zwei weitere Jahre arbeiteten,
Bürsten machten, Besen banden,
in seiner kleinen Manufaktur in den Höfen,
mit ihren engen Räumen,
angemalt mit rosa und grünen Wandstreifen,
mit ihrem fensterlosen Raum am Ende,
wo er eine jüdische Familie versteckte.

Und einmal fuhr er
zum Tor von Auschwitz, um Bürsten zu verkaufen
als könnte irgendeine Bürste den Höllenboden säubern –
mit der Absicht, drei Juden
zurückzuholen, eine junge Frau – Alice Licht –
und ihre Eltern.

Die Eltern starben
wie am Ende
all die blinden und tauben Bürstenbinder,
trotz Ottos List und Bestechung.
Sie wurden eines Morgens hinausgekehrt
spät im Krieg,
von Männern in glänzenden Stiefeln.

Seine Nachricht
wurde an Alice Licht weitergeleitet
und sie floh nach Berlin,
stand an seinem Fenster,
als der Krieg endete,
ein kleines Licht,
wie Mut
oder blinde Hoffnung.

Übersetzung: Eva Bourke, Eric Giebel

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VG-Nummer: | erstellt am 27.12.2015

Moya Cannon
Die Dichterin Moya Cannon

Arbeiterinnen und Arbeiter der Blindenwerkstatt
Foto: Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt

Museum in Berlin

Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt

Das Museum erzählt die Geschichte der Blindenwerkstatt Otto Weidt. Hier, im Hinterhof der Rosenthaler Straße 39, beschäftigte der Kleinfabrikant Otto Weidt während des Zweiten Weltkrieges hauptsächlich blinde und gehörlose Juden. Sie stellten Besen und Bürsten her. Verschiedene Lebensgeschichten berichten von Weidts Bemühungen, seine jüdischen Arbeiterinnen und Arbeiter vor Verfolgung und Deportation zu schützen.

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