Bora Ćosićs Monumentalroman „Die Tutoren“, der die Chronik einer in Slawonien angesiedelten Familie erzählt, galt als fast unübersetzbar. Seit letztem Herbst liegt er in der Übersetzung von Brigitte Döbert auf Deutsch vor. Im Gespräch mit Alexandru Bulucz spricht Cosić über Epilepsie, über das Knirschen des Kieses, auf dem Robert Walser spazierte, über Peter Handke, über dummes Geschwätz und über den Ernst.

Gespräch

Epileptiker sind nicht melancholisch

Gespräch mit dem serbischen Schriftsteller Bora Ćosić

Alexandru Bulucz: Lieber Herr Ćosić, sicher kennen Sie diese Passage aus Walter Benjamins „Aufgabe des Übersetzers“: „Kein Gedicht gilt dem Leser, kein Bild dem Beschauer, keine Symphonie der Hörerschaft.“

Bora Ćosić: Das trifft hier nicht zu, denn man kann auch das Gegenteil behaupten. Ich habe schon gestern gesagt [Anm. d. Red.: Bora Ćosić bezieht sich hier auf eine Lesung, die am Tag vor dem Interview stattfand.], dass das Original dieses Buches in Deutschland erschienen ist und dass das serbische Original die eigentliche Übersetzung ist.

Ich könnte das auch so formulieren: Ihr Roman „Die Tutoren“ dürfte unmöglich dem Romanleser gelten. Dem komplexen Aufbau des Romans und der ständigen Vermengung von lyrischen, dramatischen und epischen Elementen fehlt, denke ich, jede Rücksicht auf den Romanleser, die ihm den Zugang zum Roman erleichtern würde.

Ich muss sagen, das hängt vom Leser ab. Ich kenne genug Leser, denen sich dieses Buch geöffnet hat. So gesehen, ist das Ganze relativ.

Mir jedenfalls fielen bei der Lektüre Ihres Romans Robert Musils und Georg Lukács’ Ausführungen zur Krise des Romans ein.

Unaufhörlich wird in der zeitgenössischen Kunst über die Krise diskutiert. Es gibt die Theaterkrise, die Filmkrise, die Literaturkrise. Das ist ebenfalls relativ. Es ist richtig, dass es eine ganze Schicht an Literatur und Büchern gibt, die für Schriftsteller geschrieben wurden. Schriftsteller lesen also Schriftsteller, und der Rest liest sie nicht. Ich aber hoffe, dass auch zwischen denen, die keine Schriftsteller sind, es jene Vorreiter gibt, welche das Lesen als positive Handlung in die Zukunft tragen werden.

Die Krise des Romans bei Lukács ist etwas, was sich auf formaler Ebene von der von mir schon erwähnten Vermengung von lyrischen, dramatischen und epischen Elementen innerhalb des Romans herleiten ließe. Die Form des Romans ist eine, die sich, weil sie sich ständig im Fluss befindet, nicht fixieren lässt.

Das ist nur eine Ausrede von Lukács. Wir wissen, dass Lukács eine zwiespältige Person war. Er war ein genialer philosophischer Denker und gleichzeitig ein rigider Ideologe. Im Grunde hat er nicht an die moderne Literatur geglaubt. Im Hinblick darauf war er sehr konservativ.

Ich schlage vor, Ihren Roman unter dem Gesichtspunkt einer Poetik der Epilepsie zu betrachten.

Das ist gut bemerkt. Jeder Roman trägt eine gewisse Art Epilepsie oder Krankheit im Sinne eines Nicht-nicht-krank-Seins mit sich. Jener Roman oder jene Literatur, die nicht krank ist, ist mir sehr suspekt, also das, was eigentlich nicht geschrieben werden sollte, was sich zum Beispiel hier [Anm. d. Red.: auf der Frankfurter Buchmesse] unter den Leuten wiederfindet. Eine ernsthaftere Prosa zu schreiben, bedeutet, ein persönliches Problem zu haben. Dieses Problem geht vielleicht in Richtung Epilepsie. Der Höhepunkt dessen heißt Dostojewski.

Ist das nicht ein wenig pessimistisch?

Das ist es nicht, es ist real. Für mich gleicht das literarische Schreiben dem Dreh einer Szene, auf der Straße oder sonst wo. Während des Drehs geschieht eine kleine Verschiebung. Es ergeben sich Momente der Unschärfe. Diese Verschiebung, diese Trübung, das ist für mich Literatur. Ohne diese Verschiebung kann es für mich keine richtige Literatur geben.

Sie wurden und werden noch immer mit vielen großen Namen aus der Literaturgeschichte verglichen. Wenn ich selber einen zum Vergleich heranziehen dürfte, so wäre das für mich Robert Walser, dessen Roman „Der Gehülfe“ wie Ihr Roman „Die Tutoren“ eine Familiengeschichte erzählt. Sowohl Gehilfen als auch Tutoren haben eine Vermittlerfunktion.

Robert Walser und ich sind sehr verschieden. Nichtsdestoweniger ist er für mich einer der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller. Zwar lassen sich in meinem Buch Walsersche Elemente finden, aber von den achtzehn verschiedenen Sprachvarianten, die ich darin verwende, ist vielleicht nur eine von ihnen verwandt mit der Sprache von Robert Walser. Er war eine sehr melancholische Person, ein Mann, hinter dessen Rücken man das Knirschen des Kieses hören konnte, auf dem er ging. Mein Buch ist überhaupt nicht melancholisch, im Gegenteil, es platzt vor Nicht-Melancholie. Außerdem sind Epileptiker nicht melancholisch.

Erlauben Sie mir, Ihnen ein paar Fragen zu stellen, die ins Politische gehen.
Karl Dedecius zufolge, der einer der versiertesten deutschen Übersetzer polnischer Literatur ist, müsste man in einer nicht unter Zensur leidenden Staatsform für eine präzise und nicht verrätselte, also metaphernarme literarische Sprache plädieren. Karl-Markus Gauß bezeichnet „Die Tutoren“ als ein „Universum von Metaphern“. An diesem Universum schrieben Sie, als Sie mit Veröffentlichungsverbot belegt waren.

Kein Schriftsteller muss klar schreiben, egal wie der Zustand einer Gesellschaft ist. Genauso wie in Terrorregimen Schriftsteller nicht in Metaphern schreiben mussten. Es gab durchaus jene, die sehr klar geschrieben haben. Der „Archipel GULAG“ ist keine Metapher, genauso wenig wie die Dramen von Václav Havel. Das waren reine und reale Bilder der damaligen Gesellschaft. Natürlich bezahlt man mit dem Gefängnis, der Internierung, dem Lager, aber es ist kein Gesetz, dass Schriftsteller die Metapher gewählt haben, um sich zu verstecken. Ich behaupte sogar, dass jene, die in Metaphern schreiben, dies in glücklichen Zeiten tun, weil sie nichts daran hindert.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Peter Handke in Anbetracht seiner Verteidigung Slobodan Miloševićs beschreiben?

Das zwischen uns liegt in der Vergangenheit. Ich halte ihn nach wie vor für einen der bedeutendsten Schriftsteller der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur, vor allem als Dichter. Und das, was war, also seine Beziehung zu Milošević, war im Grunde eine Art von negativer Epilepsie. Es gab sehr viele positive, aber das war seine negative Epilepsie, von der er sich, so meine ich, befreien konnte. Ich glaube, er ist genesen. Ich habe schon vor langer Zeit heimlich Frieden mit ihm geschlossen. Ich würde ihn nie wieder konfrontieren, mehr noch, ich würde gerne mit ihm an einem Tisch sitzen. Sowohl er als auch ich schreiben sehr viel. Es kann nicht immer alles auf gleicher Linie sein. Wir sind beide Schreibbesessene.

Schön, dass Sie nicht nachtragend sind.

Ich hoffe, er ist es auch nicht. Ich habe ihn sehr lange nicht getroffen. Ich kenne ihn von Jugendjahren her, als er als junger Autor zum Bitef-Theaterfestival nach Belgrad gekommen war. Damals war er sehr zurückhaltend.

In Ihrem Roman darf auch das dumme Gerede der Figuren zu Wort kommen. Bei Martin Heidegger wird das Gerede vom (großen) Man her bestimmt und bezeichnet einen Modus der Uneigentlichkeit des Menschen. Man könnte das Gerede auch Geschwätz, Gelabber oder Geplapper nennen.

Es war mein Ziel, ein Buch zu schreiben, das nicht den Normen der Literatursprache entspricht, sondern das Geplapper verschiedener Menschen auffängt, das Gerede. Das ist vor allem ein Widerstand gegen das Nicht-Geplapper. Nicht-Geplapper kann manchmal sehr langweilig sein. Geplapper und alles, was außerhalb der Sprachregulation steht, ist für mich viel heiterer und interessanter. Alles, was rigide, trocken und konventionell ist, ist uninteressant. Man kann nicht in der gleichen Reihenfolge schreiben, wie sie im Wörterbuch steht. Aus diesem Grund habe ich ein Wörterbuch geschaffen, das das Wörterbuch als Begriff diffamiert, weil jedes Wort durch eine deformierte und korrosive Methode beschrieben wird.

Trotz der grotesken Komik Ihres Romans sind Sie darin bemüht, dem Begriff des Ernstes eine neue Bedeutung zu verleihen.

Sicherlich. Meiner Meinung nach ist die Nicht-Ernsthaftigkeit sehr ernsthaft. Der serbische Philosoph Radomir Konstantinović (1928-2011), der ein sehr guter Freund von mir war, beharrte darauf. Er sagte, dass der Müßiggang etwas höchst Positives sei, so wie alle anderen diffamierten menschlichen Eigenschaften. Sie sind nicht so im Minus, wie viele meinen.

Die Endlichkeit des Daseins ist auch eine jener nicht erwünschten Eigenschaften des Menschen.

Auch der Tod ist eine Art Geplapper im Angesicht des Lebens. Das sind ja völlig unterschiedliche Berufe. Der Tod hat einen anderen Beruf als wir Lebende. Zurzeit beschäftigen wir uns mit dem Beruf des Lebens. Egal wie sehr dieses Leben voll mit Geplapper, Müßiggang und Dummheit sein mag. Die Dummheit ist eine sehr wichtige Quelle für dieses Buch. Die Dummheit ist deshalb so interessant, weil sie irrational und surreal ist. Es gibt nicht wirklich etwas Interessantes an der Ernsthaftigkeit und Nicht-Dummheit. Die Dummheit ist durchsetzt von Interessantem.
Und was den physischen Tod angeht, habe ich eine genetische Garantie: Alle meine Großväter sind mit ungefähr 100 Jahren gestorben.

Das Gespräch führte Alexandru Bulucz am 15. Oktober 2015 auf der Frankfurter Buchmesse.

Aus dem Serbischen von Marko Dinić

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erstellt am 24.12.2015

Bora Cosić im Gespräch mit Alexandru Bulucz
Foto: Alexander Paul Englert

Zur Person

Bora Ćosić

Bora Ćosić, 1932 in Zagreb geboren, hat in über 30 Prosa- und Essaybüchern vielfältig das Sinnlose, Groteske, Absurde und Tragische der Geschichte des Balkan gezeichnet. Ćosić lebt in Berlin und Rovinj. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2002 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, 2008 den Albatros-Preis der Günter-Grass-Stiftung sowie zuletzt den Internationalen Stefan-Heym-Preis 2011.

Alexandru Bulucz und Bora Cosić, Frankfurt, 15.10.2015
Foto: Alexander Paul Englert

Bora Ćosić
Die Tutoren
Roman
Aus dem Serbischen von Brigitte Döbert
Gebunden, 792 Seiten
ISBN: 978-3-89561-587-0
Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2015

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