Brigitte Kronauer hat sich gerne in die Natur begeben und deren Wirkung mit ihrer Kunst verewigt. Nun sind zum 75. Geburtstag der Schriftstellerin ihre Essaybände „Poesie und Natur/Natur und Poesie“ erschienen. Otto A. Böhmer nimmt sie zum Anlass für einen Streifzug durch philosophische Naturbetrachtungen.

Natur und Poesie

Ein dauerhaft goldener Schein

Von Otto A. Böhmer

In unserem Alltagsleben sind wir der Natur nicht mehr nah, sie erscheint als zugerichtete und begehbar gemachte Natur. Oder sie liegt fernab, dort wo es angeblich noch Freiheit und Abenteuer gibt. Vielleicht sind wir deswegen zu befangen, um uns der Natur noch mit jener Begeisterung zuwenden zu können, die einmal gängiges Verehrungsmuster war. Für die große, die erhabene Natur, die als Gesamtkunstwerk gelten kann, bedurfte es allerdings schon immer einer besonderen Gestimmtheit; man musste in hohem Maße empfänglich sein. Der Stand, der dafür am ehesten in Frage kommt, sind die Dichter. Die Natur, die sie meinen, hat ihre eigenen, innigen Bilder: Um sie zu sehen, braucht es den etwas anderen Blick; um ihren Zuspruch zu vernehmen, muss man hinhören können. Der Schriftsteller Wolfgang Borchert z.B. spürte die Natur auch dort, wo sie für andere unauffällig war: „Gibt es einen schöneren Gesang als einen nächtlichen Regen? Ist irgend etwas so heimlich und so selbstverständlich, so geheimnisvoll und schwatzhaft wie der Regen in der Nacht? Haben wir so abgestumpfte Ohren, dass wir nur noch auf Straßenbahnklingeln, Kanonendonner oder Symphoniekonzerte reagieren? Vernehmen wir nicht mehr die Symphonien der tausend Tropfen, die bei Nacht auf das Pflaster plauschen und rauschen, lüstern gegen Fenster und Dachziegel flüstern, die den Millionen Mücken Märchen auf die Blätter, unter denen sie sich verkrochen haben, leis dommeln und trommeln, uns durch die dünnen Sommerkleider auf die Schulter tropfen und klopfen oder mit winzigen Gongschlägen in den Strom glucksen? Vernehmen wir nichts mehr als unser eigenes lautes Getue?“ Dem könnte auch eine heutige Dichterin zustimmen. Für die Hamburger Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer, die Ende des Jahres 75 Jahre jung wird, hat sich Natur schon länger als unverzichtbar erwiesen: „Natur erzeugt Stimmungen“, sagte sie einmal in einem Interview, „Natur schenkt Bilder und ist für Schriftsteller vermutlich immer ein Ansporn, hinter eine bestimmte Farbe zu kommen, eine Tönung, einen Geruch, oder auch das Geheimnis einer großen Landschaftsformation, der man nie wirklich ganz erschöpfend nahekommen kann. Umgekehrt aber kann man über Sprache, über Dichtung … Natur-Bilder evozieren, nie total, nie umfassend, aber in Augenblicken, in Konzentrationen, in Übersteigerungen. Die gesamte Dichtung, vielleicht auch die philosophische Sprache, ist durchsetzt von Natur-Metaphorik, nähme man sie weg, würde fast gar nichts übrig bleiben.“

Das Wesensmerkmal der Natur ist, von sich aus da zu sein. Sie hat den Menschen ins Dasein geworfen, tatsächlich aber braucht sie ihn nicht. Dass Natur gefährdet ist, dass ihr die Überwucherung durch blinde Vergesellschaftung droht, dass schließlich im Gefolge der sogenannten Globalisierung die natürlichen Lebensgrundlagen unseres blauen Planeten angegriffen werden, darauf kann man sich einigen, was noch nichts über die Konsequenzen besagt, die daraus zu ziehen wären. Gegen die Klage über den allgemeinen Zustand der Natur darf man auch begründete Nostalgie stellen: Wir erinnern uns an das Naturschöne, an das, was uns nahe geht, uns anrührt, wenn wir uns auf Natur einlassen. Was aber ist es, das uns in der Natur anspricht und eine Schönheit empfinden lässt, die nicht hausgemacht ist?

In den Wäldern wirft der Mensch seine Jahre von sich

Der Philosoph Theodor W. Adorno, der sich der Welt am liebsten mit dem Handgepäck der Theorie näherte, befand, dass Natur stets „mehr zu sagen scheint als sie ist“. Das klingt nicht nur einleuchtend, sondern verweist wiederum auf die Umklammerungsstrategie, der sich die Natur durch den ihr lästig gewordenen Menschen ausgesetzt sieht. Er mag nicht von der Natur lassen; zugleich hat er, ab einem bestimmten geschichtlichen Verfahrensverlauf, seine Phantasie so wenig unter Kontrolle, dass er der Natur alles zuschreiben kann, was aus den Winkelzügen seines Daseins zu ihm aufsteigt. Der Dichter Jean Paul schrieb: „Man genießet an der Natur nicht, was man sieht (sonst genösse der Förster und der Dichter draußen einerlei), sondern was man ans Gesehene andichtet, und das Gefühl für Natur ist im Grunde die Phantasie für dieselbe“. Die Natur antwortet darauf mit wohltuender Selbstvergessenheit. Zwar hat sie im Menschen, warum auch immer, ein Bewusstsein hervorgebracht, aber sie selbst muss gar nichts von sich wissen. Was ihr an Wissen zugemutet wird, bringt ihr der Mensch bei, oft mit zweifelhaftem Nutzen. So kann er sich der wunderbaren Illusion hingeben, dass die Natur sogar zu ihm spricht, auch wenn sie, objektiv, gar nichts zu sagen hat. Ihre Botschaft liegt im Auge des Betrachters. Er glaubt zu erkennen, dass die Natur, ist er selbst denn in der passenden Stimmung, auf alle, fast alle Fragen eine Antwort hat. Der amerikanische Philosoph und Dichter Ralph Waldo Emerson, der sein Glück in den Wäldern von Concord und im eigenen Garten fand, schreibt in seinem Essay „Nature“: „Wenn ich im Zwielicht über ein kahles Stück Gemeindewiese gehe, durch Schneepfützen, unter einem bewölkten Himmel, ohne einen Gedanken an irgendein besonderes Glück, verspüre ich vollendete Heiterkeit. Meine Freude grenzt fast schon an Furcht. Auch in den Wäldern wirft der Mensch seine Jahre von sich wie eine Schlange ihre Haut und ist, in welchem Alter auch immer, stets ein Kind. (…) In den Wäldern … spüre ich, dass mir im Leben nichts zustoßen kann – keine Schande, kein Unglück (solange ich mein Augenlicht behalte), die die Natur nicht wiedergutmachen könnte. Ich stehe auf der nackten Erde, mein Haupt umweht von linden Lüften und erhoben in die Unendlichkeit des Raums, und alle niedrige Selbstsucht fällt von mir ab. Ich werde ganz zum durchscheinenden Auge.“ Das ist es: Man muss, damals wie heute, „durchscheinendes Auge“ sein, um die Schönheit der Natur zu sehen. Sie ist anders als die von Menschen gemachte Schönheit, und doch gleicht sie sich dieser manchmal an, wie zum Spaß. Dann kann man ahnen, was das Geheimnis sein könnte, das unser Leben trägt : „Ich betrachte das Schauspiel des Morgens, vom Morgengrauen bis zum Sonnenaufgang, von der Hügelkuppe gegenüber meinem Haus mit Gefühlen, die ein Engel mit mir teilen könnte. Die langen, schlanken Wolkenbänder schwimmen wie Fische in einem Meer von tiefrotem Licht. Vom Ufer der Erde schaue ich hinaus auf dieses schweigende Meer. Mir scheint, als nähme ich teil an seinen raschen Verwandlungen; der tätige Zauber erfasst mich in meiner Vergänglichkeit, und ich dehne mich aus und vereinige mich mit dem Morgenwind.“

Wo die Worte fehlen, stellt sich ein Gefühl ein, das Demütigkeit simuliert. Der Mensch macht sich klein in der Natur, oder besser: er sieht sich klein gemacht, was indes keine Herabwürdigung seiner selbst bedeutet, sondern absolute Begünstigung: In der Natur spürt er das Übernatürliche, werden ihm Einflüsterungen zuteil, die auf die eine, auch in Atheistenkreisen nicht totzukriegende Vermutung hinauslaufen, dass das Leben vielleicht doch eher auf einem Schenkungsakt beruhen könnte, als aus dem einen Urknall hervorgegangen zu sein, von dem manche Bücher berichten, als seien ihre Autoren seinerzeit selbst mit dabei gewesen. Ungeachtet solcher Erhabenheiten kann man sich aber auch das Recht herausnehmen, die Natur unschön zu finden. Der Schriftsteller Thomas Bernhard, der gute Literatur als „Übertreibungskunst“ bezeichnete, beschreibt in seinem Roman „Frost“ einen Ort namens Wenig, einen heruntergewirtschafteten Flecken Natur, der ihm geradezu widerwärtig vorkommt: „Diese Landschaft wird, sooft ich sie anschaue, immer hässlicher. Sie ist hässlich und droht und ist voller böser Erinnerungspartikel, eine den Menschen zerzausende Landschaft. Mit ihren Finsternissen, ihren Wildrudeln, mit ihrem zusammengerotteten Unheil unten, wo die Arbeiterschaft gehetzt wird. Unablässige bösartige Hohlwege, da Risse, Flecke, zerraufte Gebüsche, zerborstene Baumstämme. Alles feindliche Haltung. Und rücksichtslos. Außerdem ist hier alles vom Zellulosegestank geschwängert. Die Vögel schwirren im Sommer völlig hilflos in alle Richtungen, dazu kommt noch die Finsternis des Gesteins; man glaubt immer, man erstickt. Die Kälte ist nirgends so groß, die Hitze nirgends so unerträglich.“

Natur als Herausforderung für die Sprache

Im Hässlichen wie im Schönen, in Extremen, ja selbst im herabgestimmten Gleichmaß: Die Natur ist immer anders. Sie ist eine Herausforderung für den, der aus ihr seinen Lebensunterhalt bestreitet, eine Herausforderung aber auch für die Sprache. Um das Ungebärdige und Ungezähmte der Natur wiederzugeben, muss die Sprache über sich hinauswachsen und einen neuen, unerhörten Ton anschlagen. Brigitte Kronauer: „In meiner Literatur bedeutet Natur, glaube ich, immer etwas wie eine Übersteigerung, es ist der Ausdruck von etwas Wildem, Unzivilisierten, von etwas Unbürgerlichem vor allen Dingen, was direkt zu Herzen geht, also etwas sehr Zentrales (…).Für mich ist das Beschäftigen mit Natur weniger eine Erinnerung, es ist eher etwas Zukünftiges im Sinne einer Utopie unendlicher Sinneseindrücke. Ich möchte in meinem Schreiben über Natur anknüpfen an die Wucht, die die Kindheitseindrücke bei einem erzeugt haben und die später blasser zu werden scheinen, aber in bestimmten Momenten die alte Kraft wiedergewinnen …“

Die Möglichkeiten, die ihm die Natur gab, hat der Mensch angenommen und, auf seine Weise, genutzt: In einem langwierigen, weitgehend unspektakulären Prozess ist er vom Naturwesen zum Kulturreferenten seiner selbst geworden, ein Vorgang, der verschämtes Vergessen, Verunsicherung, aber auch Überheblichkeit zur Folge hatte. Die Natur wurde – unter aufdringlicher Assistenz des Menschen – zu der, die sie ist. Auf seinem Weg durch die Natur, der kein Friedensmarsch war, aber auch kein Kreuzzug, ist der Mensch an einem Punkt angelangt, wo er sich Rechenschaft ablegen muss – über sich selbst und über die Natur. Beide, Mensch und Natur, können nicht voneinander lassen. Diese Ehe, die in guten wie in schlechten Zeiten Bestand hatte, ist zerrüttet; sie am Ende doch noch scheiden zu lassen, wird teuer und traurig. Die Natur befindet sich, milde gesagt, in einem Zustand, der sie pflegebedürftig erscheinen lässt. Darin gleicht sie dem Menschen, der gegen Ende seines Lebens ebenfalls auf Pflege und Betreuung angewiesen ist. Der Mensch steht in doppelter Verantwortung, er muss sich um sich selbst kümmern und die Natur, seine Heimat auf Erden, bewahren. Noch hat er es selbst in der Hand, ob ihm sein Zuhause bleibt oder ob er zum Heimatvertriebenen wird: „Es gibt Rechnungen, die zeigen, dass die Beseitigung der Umweltschäden, die vom Menschen durch seine Wirtschaft und Technik produziert werden, bei weitem die Leistungsfähigkeit derselben Wirtschaft übersteigen“, notierte der Philosoph Otfried Höffe. „Insofern ist das schon ein bedrohliches Szenario. Daraus folgt, dass der Mensch gewissermaßen zu einer neuen Umgangsform mit der Natur kommen muss, nämlich einer Allianztechnik, wo er nicht ein totales Ökomanagement ins Auge fasst, dass er die Natur total beherrscht, sondern sich in eine partnerschaftliche Beziehung mit der Natur setzt und der Natur möglichst viel eigentlich in Eigenregie lässt, gerade um sich selbst zu entlasten.“

Die Rückkehr zur ursprünglichen Natur ist uns verstellt; wir haben nicht nur die Regierungen, sondern auch die Natur, die wir verdienen. Daraus sollte man das Beste machen: Natur kann man ausbeuten, plündern, zerstören, man kann sie aber auch – kultivieren. Brigitte Kronauer: „Ich glaube, dass man lernen muss, sowohl als Schriftsteller wie als ganz normaler Mensch, die Natur in Abkürzungen zu sehen, also die Orte zu untersuchen, die eigentlich schon immer künstliche Orte gewesen sind, z.B. die Zoos, die botanischen Gärten, die Naturschutzreservate, aber eben nicht nur in einem Jammerton, sondern zu konstatieren, dass man auch da wieder in Momenten ein sehr intensives Naturglück erleben kann, denn zu den Besonderheiten der Natur gehört eben, dass schon ein paar Büsche im Grunde genommen diese alte Macht und Beeindruckung der Natur erzeugen …“

Natur bleibt uns nicht nur als unausdeutbarer Bildhintergrund unserer Herkunft erhalten, nicht nur als Pflegefall, an dem wir nachhaltiges Handeln zu beweisen haben, sondern sie belegt auch eine hartnäckige Sehnsucht, die mal gebieterisch, mal wehmütig an wesentliche Konstanten unserer emotionalen Selbsterfahrung erinnert. Otfried Höffe: „Die Evolution bringen wir nicht hervor, Luft, Wasser, Boden verdanken wir nicht uns selber, und die verschiedenen anderen Dinge der Natur, angefangen mit den Naturgesetzen bis hin … zur Natur als einem Ort der Erholung, des Schönen, des Erhabenen, des Gegenstandes der Meditation, auch das kann der Mensch nicht selber herstellen, und wir können nur hoffen, dass Dinge wie die Niagarafälle … oder Blitz, Donner, das Tosen des Ozeans, dass das nicht nur zur Herstellung von Strom genutzt wird, denn dann würde nicht nur die Natur, sondern vor allem unser eigenes Leben unendlich arm.“

Der Mensch ist ein Natur- und ein Geistwesen. Daraus hat die Philosophie einen Widerspruch konstruiert, bei dem wir uns heute nicht länger aufhalten sollten. Ein geistvoller Umgang mit der Natur – vielleicht läuft es auch darauf hinaus: „Die Natur ist zwar nicht menschlich, aber wir Menschen sind natürlich“, schreibt die Philosophin Ute Guzzoni in ihrem lesenswerten Buch „Über Natur“ (1995). “Wir unterscheiden uns von ihr dadurch, dass wir den Geist 'haben', gleichgültig ob wir ihn als äußerste Äußerung der Natur selbst begreifen, oder ob man ihn als eine ureigene Gegengröße zu ihr ansieht. Aber zugleich sind wir auch und ganz natürliche Wesen, die geboren werden und sterben, schlafen und wachen, ein- und ausatmen, wahrnehmen und fühlen und träumen. Die Natur erstreckt sich bis in uns hinein. Gerade weil sie das tut, weil wir selbst natürlich sind, ist sie uns nah und fern zugleich, ist unsere Beziehung zu ihr sowohl durch Zugehörigkeit zu ihr gekennzeichnet wie durch Fremdbleiben ihr gegenüber. Merkwürdigerweise kann beides Glück bedeuten.“

In eine Landschaft eintauchen

Zurück zu Brigitte Kronauer. Wer sich einen Überblick über ihre Arbeiten zu Poesie und Natur verschaffen möchte, dem sei eine bibliophile Ausgabe empfohlen, die ihr Verlag mit Blick auf den 75. Geburtstag seiner besten Autorin herausgebracht hat. Darin wird ein wahrhaft buntes Programm geboten: Es geht (u.a.) um Tiere, Landschaften und Reisen, um „animalische Seligkeit“ und „Die Gewalt der Bilder“; das Spektrum reicht von Goethe bis Grzimek und Hagenbeck. Zudem wird Grundsätzliches angesprochen wie etwa die Frage nach unserem „Umgang mit der Natur und wie sie mit uns umspringt“. Insgesamt eine lohnende Lektüre, in der, einmal mehr, der unnachahmlicher Blick dieser Autorin zu entdecken ist, mit dem sie Anklänge an das „sanfte Gesetz“ aufspürt, das Adalbert Stifter einst als sein persönliches, ins Allgemeine gehobene Prinzip Hoffnung beschwor, ohne dadurch selbst zur Sanftheit beruhigt werden zu können. Brigitte Kronauer ist, was ihre Lieblingsorte in der Natur angeht, eine Wiederholungstäterin; so hat es ihr beispielsweise eine Landschaft angetan, die sich nur „zwanzig Autominuten“ entfernt befindet. „Es ist das etwas über 500 Hektar große Wald-Heide-Moorgebiet Klövensteen, in dem es in unverkennbarer Komposition nach Nadelhölzern, Sand, Erika, Waldmoder und Tümpeln riecht, wo man in kleinen Mulden schlafen, an Baumstümpfen diskret picknicken kann, und wo auf den dazwischengestreuten Koppeln gefleckte Pferde trotzig näherkommen, wo man Maronen und Birkenpilze sammelt, ganze Sommernachmittage an Tümpeln mit blauen Lupinen und Blick auf kleine Wollgrasmeere verdöst, gestürzten Bäumen im Dunkel beim Verwittern zusieht und zu allen Tages- und Jahreszeiten, aber vor allem bei leichter Dämmerung glaubt, bereits im menschenleeren Finnland zu sein. Alle paar Meter ändert sich etwas, und hier findet man sie, die ‚Schweiz seiner Seele’ (Melville), abgebildet und begehbar in sonnigen und düsteren Naturkabinetten.“ Wer in eine solche Landschaft eintaucht, sie muss nicht unbedingt in der Nähe von Hamburg sein, kann für ergreifende Momente zum Beschenkten werden; die Jahreszeiten verschwimmen, alles, auch das kleine Ich, verliert sich und ist doch, im bedachten Augenblick, der widerrufen wird, das geht gar nicht anders, ganz bei sich selbst. „Mit dem September begann die Zeit der maßlosen Räume über den Weiden und dem hochstehenden Mais hier draußen, gleißend unter finsterem Himmel, der Wind tobt in den Eichen. Es ist ein großer Anblick, wenn sich unter dem Sommer die nächste Jahreszeit regt. Ich kenne die Signale. Erste Strähnen in den Bäumen und ein dauerhaft goldener Schein, unabhängig vom Licht. Die Dämmerungen schieben sich sachte, sacht nach vorn.“

Als wir Brigitte Kronauer zu ihrem runden Geburtstag (2010) ein Würdigungsständchen brachten, war an dieser Stelle (u.a.) zu lesen: „Brigitte Kronauer, wir dürfen das so ungeschützt sagen, steht einzigartig da in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. (…) Dass diese großartige Schriftstellerin jetzt angeblich 70 (!) geworden ist, kann keiner, der sie kennt, glauben.“ Als lernfähig haben wir uns seither nicht erwiesen, denn dass Brigitte Kronauer nun, ein paar Jährchen später, auf einmal 75 wird – auch das wollen wir nicht glauben.

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erstellt am 23.12.2015

Brigitte Kronauer
Brigitte Kronauer

Brigitte Kronauer
Poesie und Natur/Natur und Poesie
Essays
2 Bände im Schuber, gebunden 295 Seiten
ISBN: 978-3-608-98303-6
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2015

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»Die gesamte Dichtung, vielleicht auch die philosophische Sprache, ist durchsetzt von Natur-Metaphorik, nähme man sie weg, würde fast gar nichts übrig bleiben.«

Brigitte Kronauer

»Man genießet an der Natur nicht, was man sieht (…), sondern was man ans Gesehene andichtet, und das Gefühl für Natur ist im Grunde die Phantasie für dieselbe.«

Jean Paul

»Die Natur ist zwar nicht menschlich, aber wir Menschen sind natürlich.«

Ute Guzzoni

»Diese Landschaft wird, sooft ich sie anschaue, immer hässlicher. Sie ist hässlich und droht und ist voller böser Erinnerungspartikel, eine den Menschen zerzausende Landschaft.«

Thomas Bernhard (Frost)