Bei Aldi

Drei Dosen Kartoffelsuppe

Von Shirin Kumm

Kochen ist Alfons Sache. Er würde zwar liebend gern im Wohnzimmer sitzen, genüsslich rauchen und die Sportsendungen im Fernseher schauen. Mit nichts davon kann ich mich aber anfreunden. Also flüchtet er in die Küche. Augenblicklich wird meine Küche in sein Reich verwandelt. Sie ist nicht mehr meine, ich habe dort nichts mehr zu suchen. Er schaltet und waltet, wie er will. Der kleine rote Tisch an der Wand wird mit Zigarettenhülsen und Tabak übersät, aus dem uralten Radio auf der Arbeitsplatte brüllt der Sportberichterstatter – Alfons schier weltentrückt in seinem Element.

Sein Kosmos ist komplett. Das Radio, Bier aus dem Kühlschrank, Fußballergebnisse und Tabellen, die er eifrig mitschreibt. Und seine sorgfältig, ja liebevoll gedrehten Zigaretten – und mich nebenan.

Gleich wird er die Treppe hinunterlaufen, schon im Treppenhaus seine Zigarette anzünden und rauchend die Straße gemächlich auf und ab gehen. Seine kleine Fluchten.
Voller Tatendrang kehrt er dann in die Küche zurück. Ich höre wieder das Klick-Klack seines Zigarettendrehgeräts. Hin und wieder schaue ich nach ihm. Er erzählt mir von dem überraschenden Sieg dieser und jener Mannschaft. Ich täusche Interesse vor und denke, wie weit im Grunde unsere Welten auseinander liegen, und was für Mühe wir uns machen, immer wieder, nur für diese seltenen Augenblicke, in denen wir uns finden.

Dieses Wochenende will ich kochen. Die Küche wird für Alfons zur no-go-area erklärt. Was denn nun kochen? Persische Gerichte munden Alfons nicht so sehr, auf meinen geliebten Reis will ich aber auch nicht verzichten. Ich entscheide mich für die asiatische Küche. Es trifft sich gut, Aldi wirbt gerade mit asiatischen Genüssen. Ich studiere das Infoblatt und schreibe alles auf, was mir gefällt. Danach gehe ich mein Budget durch. Es frustriert mich, dass Abstriche unumgänglich sind – bis zum Monatsende ist noch eine Weile hin, und mein Konto ist fast leergeplündert. Meine Einkaufsliste wird immer kürzer. Auch Erdnuss-Öl und tiefgekühltes Chicken Green Curry müssen noch gestrichen werden.

Ich mache mich auf den Weg zu Aldi. Dort gehe ich den Einkaufszettel noch einmal durch, langsam füllt sich mein Einkaufswagen mit Tüten, Dosen und Fläschchen. Melancholisch nehme ich auch die Köstlichkeiten meiner Streichliste in die Hand und studiere sorgfältig deren Rezeptvorschläge, um sie dann enttäuscht wieder ins Regal zu stellen.
Entbehrung fällt mir schwer.

An der Kasse reihe ich mich in die Schlange ein, die glücklicherweise nicht allzu lange ist. Recht bald gelange ich nach vorn – nur noch zwei Leute vor mir. Ich beginne, die Ware aufs Rollband zu legen. Unterdessen bemerke ich, dass die Frau vor mir sich umgedreht hat und meine Einkäufe beäugt. Tüte für Tüte, Flasche für Flasche nimmt sie unter die Lupe, als wolle sie alle bewerten. Unhöfliches penetrantes Anstarren! Wut steigt in mir auf, aber ich schweige. Die Frau hat ein regloses Gesicht, ist weder alt, noch jung, unauffällig gekleidet – Bluse, Rock, Sandalen. Irgendwas an ihr lässt sie ärmlich erscheinen, sogar eine Spur heruntergekommen. Kann auch nicht sagen, was es ist. Die Starre in ihrem Gesicht? Der tote Blick? Die gesenkten Mundwinkel? Ich schaue weg, will sie nicht in Verlegenheit bringen. Ihr gesamter Einkauf, drei Dosen Kartoffelsuppe, rollt langsam auf die Kassiererin zu. Reflexartig bedecke ich meine Asiasnack-Tüten mit der Einkaufstasche.

Alfons liest im Wohnzimmer. Ich decke den Tisch und bitte ihn, Platz zu nehmen. Während ich uns die Möhrensuppe mit Kokosmilch serviere, erzähle ich ihm von der Frau bei Aldi. „Weißt du“, sage ich, „da habe ich mich für meinen Frust geschämt, Entbehrung! Mein Gott! Nur weil ich ein paar Tüten weniger mitnehmen konnte. Da habe ich begriffen, dass Armut ein sehr relativer Begriff ist, ein ständiges Abwägen zwischen Verlangen und Erlangen. Du hast den Einkaufswagen voll und bist dennoch unglücklich, während eine Andere sich inmitten all den verlockenden Angeboten mit drei Dosen Kartoffelsuppe zu begnügen hat. Gott weiß, wie viele Leute sie damit satt kriegen muss. Auf einmal wurde mir klar, warum sie meine Einkäufe so beguckte, sicher würde sie auch gerne das eine oder andere kosten. Ich kam mir so schäbig vor.“

Alfons kostet einen Löffel der Kokosmilchmöhrensuppe. „Es kann aber auch sein, dass sie einfach nur deutsches Essen mag“, sagt er.

erstellt am 23.2.2011