Die Geschichte der Juden an der Wiener Universität ist weitgehend eine Geschichte der Diskriminierung. Die Ausstellung „Die Universität. Eine Kampfzone“ im Jüdischen Museum Wien konterkariert Zeugnisse des Antisemitismus mit Bildern und Dokumenten über den Beitrag jüdischer Wissenschaftler zur Lehre und Forschung, berichtet Thomas Rothschild.

Ausstellung

Konfessionelle Rücksichten

Von Thomas Rothschild

„Es war schlicht und einfach eine Hölle. Hörer, von denen man wußte, daß sie jüdischer Abkunft waren, oder die so aussahen, wurden immer wieder aus den Universitäten hinausgeprügelt. Man saß in einer Vorlesung, und plötzlich stürmte ein Haufen Nazistudenten in den Hörsaal – meist in Stiefeln –; sie sprangen auf die Bänke und riefen ‚Juden raus!’ und ‚Rote raus!’. Bei den Roten war die Herkunft natürlich nicht so deutlich sichtbar, aber wer von ihnen sich profiliert hatte, zählt unumstößlich zu den ersten Opfern der sogleich beginnenden Prügelei. War man aus dem Hörsaal einigermaßen heil heraus, stand das Schlimmste noch bevor. Auf den langen Gängen und auf den Stiegen pflegten die Nazis nämlich sogenannte Salzergassen zu bilden, durch die man hindurchgeprügelt wurde, bis man mit Mühe und Not den Ausgang erreichte – meistens verletzt.“

Dieses Zitat aus den Erinnerungen von Bruno Kreisky hängt als eine der Schrifttafeln in der Ausstellung „Die Universität. Eine Kampfzone“, die noch bis zum 28. März 2016 im Jüdischen Museum Wien zu besichtigen ist. Der spätere Bundeskanzler spricht nicht etwa über die Zeit von 1938 bis 1945, sondern über die Jahre nach 1929, als er Student an der Wiener Universität war.

Die Fokussierung auf die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur bei der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in Österreich, wenn sie denn überhaupt stattfindet, dient einem einzigen Zweck: der Entlastung. Sie macht ihn zu einem Import, den die Deutschen mit dem Anschluss nach Österreich gebracht haben. Die Einschränkung auf den Holocaust, den Massenmord an den Juden durch die Nationalsozialisten, lenkt ab von der Tatsache, dass Österreicher daran zumindest ebenso skrupellos teilgenommen haben wie Deutsche, und dass es des Einmarschs der Wehrmacht nicht bedurft hat, um den Antisemitismus in Österreich zu verankern. Die Wahrheit ist: Antisemitismus hat lange vor dem Dritten Reich in Österreich einen Nährboden gehabt, und er hat das Ende des Zweiten Weltkriegs nahezu unbeschadet überlebt. Er ist Bestandteil der österreichischen Identität wie das Wiener Schnitzel und die Gemütlichkeit. Nein, das liegt nicht an den Genen, aber an einer Geschichte, in der es, auch nach dem Holocaust, niemals wirklich als anstößig galt, Juden zu diskriminieren – und zwar weit ins christlich-soziale Lager und in die Sozialdemokratie hinein. Der Antisemitismus war und blieb, von Karl Lueger bis Adolf Schärf, von Georg von Schönerer bis Oskar Helmer, konstitutiver Teil der österreichischen Politik und Garant für Wahlerfolge. Eben erst hat der FPÖ-Politiker Dieter Egger bewiesen, wie man für eine antisemitische Sottise gegen den Leiter des Hohenemser Jüdischen Museums Hanno Loewy belohnt und zum Bürgermeister gewählt wird. Hitlers mörderischer Judenhass war nicht Ursache, sondern Folge auch und gerade des österreichischen Antisemitismus. Deshalb bedurfte es keines Hitlers, damit die Österreicher nach dessen Tod fortsetzten, was sie lange vor seiner Geburt begonnen hatten.

An den österreichischen Universitäten war der Antisemitismus seit dem 19. Jahrhundert besonders stark ausgebildet. Gleich nach 1945 hat der BSA, die Akademikerorganisation der österreichischen Sozialdemokratie, in Ermangelung einer originär sozialdemokratischen Intelligenz bis zu 40 Prozent ehemalige Nationalsozialisten aufgenommen, um dem Protektionismus des katholischen CV eingestandenermaßen ein „linkes“ Gegenstück zu schaffen. Den heimgekehrten Linkssozialisten Josef Hindels forderte der damalige SPÖ-Vorsitzende Adolf Schärf ausdrücklich auf, nach Schweden zurückzukehren, wo er die letzten Jahre des Exils verbracht hatte. Freimütig gab er ihm zu verstehen, dass bei den ehemaligen Nazis mehr Wählerstimmen zu holen seien als bei deren Opfern. Als ich in den sechziger Jahren an der Wiener Universität Germanistik studierte, lehrten dort ausschließlich Ordinarien, die Mitglieder der NSDAP gewesen waren: Höfler, Kranzmayer, Enzinger, Rupprich und dann Seidler. Die österreichischen Exilanten Heinz Politzer und Egon Schwarz wie der Deutsche Hans Mayer, die gerne einen Ruf nach Wien angenommen hätten, hatten ebenso wenig eine Chance wie der Theaterwissenschaftler Joseph Gregor, dem der bis zu seinem Tod im Jahre 1985 das Klima am Institut bestimmende übereifrige Nazi Heinz Kindermann vorgezogen wurde, oder wie Hanns Eisler, der sowohl von der Akademie für Musik und darstellende Kunst wie vom Konservatorium der Stadt Wien abgelehnt wurde. Auf die Zeit des Nationalsozialismus war lediglich die systematische Ermordung der Juden beschränkt. Der Antisemitismus, der dazu geführt hat und der den Nationalsozialismus unangefochten überlebt hat, bildet in Österreich und insbesondere an den österreichischen Universitäten jenes Kontinuum, in dem der Holocaust lediglich einen besonders drastischen Abschnitt abgibt. Fast alles, von den Essgewohnheiten über den Ehrbegriff, das Schulsystem und die Rechtsprechung bis zur Stellung der Frauen in der Gesellschaft, hat sich in der Epoche radikal verändert, in der der Antisemitismus konstant geblieben ist und allenfalls offener oder weniger offen geäußert wurde.

Eine Geschichte der Diskriminierung

Die Ausstellung im Jüdischen Museum konterkariert die antisemitischen Exponate mit Bildern und Dokumenten über den Beitrag jüdischer Wissenschaftler zur Lehre und Forschung an der Wiener Universität. Sie berichtet von dem – wie wir heute wissen: hilflosen – Versuch, der Diskriminierung durch die Taufe zu entgehen. Sie erinnert an die unheilvolle Rolle, die der berühmte Chirurg Theodor Billroth gespielt und die er selbst später relativiert hat. Die antisemitischen Karikaturen aus der Zeitschrift „Kikeriki“ nehmen bereits um die vorletzte Jahrhundertwende den „Stürmer“ vorweg. Die Ausstellung verschweigt auch nicht jene Phänomene, die uns angesichts der späteren Entwicklung paradox, ja wahnwitzig erscheinen müssen, wie schlagende jüdische Studentenverbindungen, gegen die sich dann die Waidhofener Beschlüsse richteten. Arthur Schnitzler hat bekanntlich sehr darunter gelitten, dass Juden nicht mehr als satisfaktionsfähig galten, obwohl er den Anachronismus von Duellen in seinen Werken mehrfach angesprochen hat. Auch der Kampf der Frauen um den Zugang zur Universität, der nur mittelbar mit der analogen Diskriminierung von Juden zusammenhängt, ist ein Thema der Ausstellung. Einzelne Biographien werden exemplarisch dargestellt. Ein wenig befremdlich ist es, dass am Ende des Katalogs ein Artikel aus einer trotzkistischen Zeitung abgebildet ist und der „Neuen Linken“ nach bewährtem Muster unterstellt wird, dass ihr Antizionismus antisemitisch sei. Ich erinnere mich noch sehr genau, woher mir in jenen Jahren aggressiver Antisemitismus entgegenschlug: nicht von einer neuen oder alten Linken, sondern vom RFS, der Studentenorganisation der FPÖ, die sich zurzeit daran macht, den nächsten Bundeskanzler zu stellen. Und ich weiß auch noch sehr genau, dass sich die spätere sozialdemokratische Frauenministerin Johanna Dohnal eine offen antisemitische Studienkollegin aus dem RFS-Milieu ins Ministerium geholt hat. Die wusste, dass man in Österreich die Judenfeindschaft nicht hinter Antizionismus verbergen muss. Ich kannte übrigens auch Neonazis, die die Tapferkeit der Israelis gegenüber den „feigen Arabern“ bewunderten. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass die Gerüchte, die Rechtsradikale heute über muslimische Flüchtlinge in die Welt setzen, den aus der Geschichte bekannten antisemitischen Vorurteilen aufs Haar gleichen.

Die Geschichte der Juden an der Wiener Universität ist weitgehend eine Geschichte der Juden, die man von der Universität ferngehalten hat – vor 1938, nach 1945, und dazwischen sowieso. In Franz Werfels Erzählung „Eine blassblaue Frauenschrift“ von 1941 heißt es: „Früher war er zu jung für ein Ordinariat. Jetzt ist er zu alt. Und zwischendurch hatte er das Pech, Abraham Bloch zu heißen…“ Als Paradigma kann ein Abschnitt von Sigmund Freuds „Traumdeutung“ aus dem Jahr 1900 dienen:

„Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Professoren unserer Universität mich für die Ernennung zum Prof. extraord. vorgeschlagen hatten. Diese Nachricht kam mir überraschend und erfreute mich lebhaft als Ausdruck einer durch persönliche Beziehungen nicht aufzuklärenden Anerkennung von seiten zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir aber sofort, daß ich an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. Das Ministerium hatte in den letzten Jahren Vorschläge solcher Art unberücksichtigt gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an Jahren voraus waren und an Verdiensten mindestens gleichkamen, warteten seitdem vergebens auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund anzunehmen, daß es mir besser ergehen würde. Ich beschloß also bei mir, mich zu trösten. Ich bin, soviel ich weiß, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Tätigkeit mit zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne daß mich ein Titel empfiehlt. Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob ich die Trauben für süß oder sauer erklärte, da sie unzweifelhaft zu hoch für mich hingen.

Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen lassen. Seit längerer Zeit ein Kandidat für die Beförderung zum Professor, die den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott für seine Kranken erhebt, und minder resigniert als ich, pflegte er von Zeit zu Zeit seine Vorstellung in den Bureaus des hohen Ministeriums zu machen, um seine Angelegenheit zu fördern. Von einem solchen Besuche kam er zu mir. Er erzählte, daß er diesmal den hohen Herrn in die Enge getrieben und ihn geradeheraus befragt habe, ob an dem Aufschub seiner Ernennung wirklich – konfessionelle Rücksichten die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet, daß allerdings – bei der gegenwärtigen Strömung – Se. Exzellenz vorläufig nicht in der Lage sei usw. 'Nun weiß ich wenigstens, woran ich bin', schloß mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues brachte, mich aber in meiner Resignation bestärken mußte. Dieselben konfessionellen Rücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall anwendbar.“

Kommentare


O. Cunea - ( 08-01-2016 09:15:34 )
Sehr interessant danke für diesen Beitrag !

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erstellt am 22.12.2015

Zerrissene Promotionsurkunde, gesendet von Fritz Brügel an den Rektor der Universität Wien am 21. November 1931; Archiv der Universität Wien

Ausstellung in Wien

Die Universität. Eine Kampfzone

3. November 2015 bis 28 März 2016

Jüdisches Museum Wien

Frauen in der Unterzahl. Gertrude Kurth an der Universität Wien, um 1925; © Leo Baeck Institut New York

Zweisprachiger Katalog

Die Universität. Eine Kampfzone
Herausgegeben von Werner Hanak-Lettner im Auftrag des Jüdischen Museums Wien
Klappenbroschur, 240 Seiten
ISBN 978-3-7117-2031-3
Picus Verlag, Wien 2015

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Die schlagende jüdische Studentenverbindung Emunah in ihrem Clublokal in der Servitengasse, um 1925; © Ze’ev Aleksandrowicz, Beit Hatfutsot, Tel Aviv