1626, als der englische Politiker und Philosoph Francis Bacon herausfinden wollte, ob sich die Haltbarkeit toter Hühnchen durch Ausstopfen mit Schnee verlängern ließe, bekam er eine Lungenentzündung, an der er starb. Otto A. Böhmer sah den Empiriker zu Lebzeiten mit dem Nachbarn disputieren, der seine eigene Logik praktizierte.

Holzwege

Was für Staubwolken!

Der Philosoph Francis Bacon

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Francis Bacon, der sich gerade noch überaus behaglich gefühlt hatte, spürte mit einem Mal ein leises Unbehagen, das vom Bauch ausging, wie er glaubte, und sich nun, leibesinnerlich, langsam zum Kopf hochgetastet hatte, den der Philosoph mit beiden Händen abstützte, wobei er recht besorgt dreinschaute; schließlich hielt er da sein bestes Stück in den Händen. Das Unbehagen verstärkte sich, wurde nun, ohne sich aufhalten zu lassen, zum Schmerz, der zunächst von einem Punkt, in der Kopfmitte etwa gelegen, ausging und sich dann verbreiterte. Er schien mit dem Kreisgang des Blutes vorwärtszudringen, ohne wirkliche Fortschritte zu machen; dazu war der Kopf denn doch zu klein, sogar der Kopf eines berühmten Philosophen, und als berühmt, dazu noch als Mann von Welt, durfte sich Bacon durchaus fühlen. Vielleicht war er nicht ganz so berühmt und nicht so ganz bedeutend, wie er glaubte; für einen Augenblick, kurz bevor ihn das Unbehagen ereilte, hatte sich der Philosoph dieser Vermutung hingegeben, – eine für ihn, zugegeben, recht untypische Vermutung, der, wie zur Strafe, der prompte Schmerz gefolgt war, den er nun aushalten musste, ungeachtet seiner für den großen Teil der Welt nicht sehr strittigen Bedeutung. Der Philosoph, dem Selbstzweifel bislang eher fremd gewesen war, hatte sich zuvor gerade an einem Thema versucht, welches er vom Kern her, ohne den dazugehörigen Übertreibungen anheimzufallen, sehr wohl zu beurteilen wußte. Bacon nämlich schrieb eine kleine Abhandlung „über die Prahlerei“, ein Gegenstand, wie gesagt, dem er sich als Vertrauter nähern konnte, ohne deswegen, darauf musste er Wert legen, auch nur ansatzweise selbst als prahlender Hans oder gar als Maulheld zu gelten. Als er mit seiner Schrift begann, war er noch guter Laune gewesen, in der ihn auch der elegante Auftakt bestärkte, den er für seinen Gedankengang fand: „Ein guter Einfall von Äsop ist folgender“, hatte er geschrieben. „‚Die Fliege saß auf der Achse des Wagenrades und rief: ‚Was für Staubwolken rühre ich auf!‘ So glauben dünkelhafte Menschen bei allem, was von selbst seinen Gang nimmt oder durch stärkere Hebel in Bewegung gesetzt wird, mögen sie dabei auch noch so wenig die Hand im Spiel haben, sie hätten es bewerkstelligt. Wer prahlerisch ist, muss notwendigerweise auch parteilich sein, denn alle Großtuerei beruht auf dem Vergleichen. Unverschämt muss er ebenfalls sein, um zu seinen eigenen Prahlereien zu stehen.“

Stimmte das denn? Der Philosoph, der noch immer mit den Händen seinen Kopf abstützte, fand es etwas merkwürdig, dass er alles, was mit dem Begriff ‚Prahlerei‘ zu tun hatte, ungefragt auf sich selber bezog – wie zur gefälligen Überprüfung durch einen weithin bekannten und ausgewiesenen Experten. Kam da nicht ein lästiger Verdacht auf, eine Ahnung, die in Richtung jener Unbescheidenheit wies, welche er gern, unter Berufung auf alte Tugenden sogar, gegeißelt hatte; er wußte ja stets, was er sagte. Vielleicht bin ich selber nur unverschämt, dachte Bacon, wobei der dumpfe Schmerz im Schädel nun in ein gleichmäßiges Pochen überging, das deutlich weniger unangenehm war. Er richtete sich auf, vorsichtig, wobei er seinen geplagten Kopf losließ, der auch ohne Unterstützung auf dem ihm angestammten Platz verblieb, immerhin; es ging wieder besser, zweifellos, ein vorübergehender Schwächeanfall, mehr nicht, mit Schmerzen verbunden, die aber der gewohnten Bedeutsamkeit seines Denkens, wie er feststellen durfte, keine dauernde Behinderung in den Weg legen konnten. So schrieb er denn weiter, frohgemut – und von der eigenen Stärke wieder auf das angenehmste überzeugt. „Überheblichkeit“, notierte er, „wer kennt sie nicht. Weitverbreitet ist sie und doch als Vorgang, der zur Gewöhnung ruft, noch immer nicht recht besichtigt. Bei Feldherren und Soldaten etwa darf die Überheblichkeit als wesentliche Eigenschaft gelten, denn wie das Eisen vom Eisen geschärft wird, so wetzt sich durch Großsprecherei der Mut des einen an dem des andern. Bei großen abenteuerlichen Privatunternehmungen bringt eine Gruppe ruhmessüchtiger Naturen die Sache häufig erst in Schwung, während die Gediegenen und Nüchternen mehr vom Ballast als vom Segel-im-Wind an sich haben. Der Flug des Gelehrtenruhms wiederum bleibt ohne die maßvolle Einwirkung von Prahlerei ganz schwerfällig. Schon bei Cicero nämlich können wir lesen: ‚Qui de contemnenda gloria libros scribunt, nomen suum inscribunt‘, was, frei übersetzt, soviel heißt wie ‚Wer über die Verächtlichkeit des Ruhmes Bücher schreibt, wird es trotzdem nicht versäumen, seinen Namen auf das Titelblatt zu setzen‘.“

Bacon erhob sich von seinem Schreibtisch. Er fühlte sich gut; der Schmerz im Kopf war verschwunden, desgleichen das Pochen, an das er sich fast schon gewöhnt hatte. Die Prahlerei als solche kann störend wirken, dachte der Philosoph, es kommt allerdings darauf an, wer da prahlt. Bei Leuten meines Schlages, von denen es leider nur sehr wenige gibt, wird die Prahlerei möglicherweise nur zur bloßen Ehrlichkeit, und mit dieser tun sich bekanntlich die meisten Menschen sehr schwer. Bacon verließ das Haus, um im weitgestreckten Garten vor seinem Anwesen einen Spaziergang zu wagen. Die Sonne schien, aber es war unangenehm kühl; der längst angekündigte Frühling ließ noch immer auf sich warten. Als der Philosoph die mächtige Rosenhecke erreichte, die das Ende seines Grundstücks markierte, erblickte er seinen Nachbarn Fitzwater, einen als Sonderling und Trunkenbold bekannten Mann, der prüfend den blassblauen Himmel betrachtete. Für Bacons Gedankengang, der sich noch immer bei der Prahlerei aufhielt, kam Fitzwater wie gerufen; der Nachbar nämlich, welcher einst als Mathematiklehrer gewirkt hatte, ehe er sich ganz dem tagtäglichen Genuss seiner sorgfältig gelagerten Fassweine widmete, verstand sehr viel von der Großmannssucht; das Prahlen, mit anderen Worten, war ihm längst zum wesentlichen Bestandteil der von ihm praktizierten, in der Regel recht unangenehmen Gesprächskultur geworden. „Nun, mein lieber Bacon“, begrüßte er den Philosophen, wobei unschwer festzustellen war, dass er wohl schon wieder kräftigst dem Weine zugesprochen hatte, „kommt Ihr nicht weiter mit Eurer Philosophie? Das Denken, ich sagte es Euch schon des öfteren, ist Eure Sache nicht; es fehlt Euch, leider, leider, am nötigen Format.“ „Das Ihr zweifelsohne besitzt“, sagte Bacon. „Natürlich“, meinte Fitzwater. „Ich bin ein Philosoph, dazu Dichter, Denker, König des wahren Menschenverstandes, was immer Ihr wollt.“ „Ein Prahlhans seid Ihr, weiter nichts“, sagte Bacon, „ein Prahlhans der dreisten Art. Als Lehrer seid Ihr kläglich gescheitert; nicht mal mehr einzelne Stunden könnt Ihr geben, weil Euch die Trunksucht auf geradezu jämmerliche Weise in Ihren Klauen hält.“ „Aber Herr Nachbar“, sagte Fitzwater, „Ihr zieht aus allem die falschen Schlüsse. Die Logik scheint Euch völlig fremd zu sein. Ich gebe jeden Tag meine Stunden, um trinken zu können; warum also sollte ich der Trunksucht, wie Ihr sie einfältigerweise nennt, entsagen, nur um wieder Stunden geben zu können? Geht in Euch, Meister Bacon, lernt nachdenken, und wenn dieses Bemühen, wie ich vermute, bei Euch nichts fruchtet, dann solltet Ihr vielleicht Abschied vom Glauben nehmen, ein Philosoph zu sein, und eine Umschulung in Erwägung ziehen.“

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erstellt am 22.12.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Francis Bacon
Francis Bacon