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Armin Petras, der Intendant des Stuttgarter Schauspiels, bringt immer wieder hochkarätige Gastspiele in sein Haus. Mit „tauberbach“ zeigt das Ensemble von Alain Platel ein unorthodoxes Tanzstück. Thorsten Lensings Theater T1 spielt Tschechows „Kirschgarten“. So viele hervorragende Darsteller sieht man selten zusammen auf der Bühne, meint Thomas Rothschild.

Theater

Zwei Gastspiele

Von Thomas Rothschild

Armin Petras versteht die Verlängerung seines Intendantenvertrags für das Stuttgarter Schauspiel bis 2021 als Bestätigung seiner Arbeit: „Ich habe nicht um meine Verlängerung gebeten, sie ist mir angetragen worden.“ Könnte es nicht daran liegen, dass die zuständige Ministerin Theresia Bauer (Bündnis 90/Die Grünen), die, ebenso wie die Stuttgarter Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann (CDU), im Theater kaum je zu sehen ist, sich und der Welt beweisen muss, dass sie die richtige Wahl getroffen hat, als sie den durch die Gloriole der Bundeshauptstadt geadelten Theatermann nach Baden-Württemberg holte? Wäre jede andere Entscheidung nicht das Eingeständnis eines Irrtums oder mangelnder Informiertheit? Dass er sich zeitweise lieber fernab aufhält als am eigenen Haus, dass er auch gerne anderswo inszeniert, als gäbe es daheim nicht genug zu tun (da könnte er sich an Jossi Wieler von der benachbarten Oper ein Beispiel nehmen), dass er hingegen mit den Stücken von Fritz Kater, also von sich selbst, am eigentlichen Arbeitsplatz nicht geizt, dass er Bearbeitungen von theaterfremden Vorlagen dem überlieferten und aktuellen dramatischen Angebot vorzieht und diesem somit die Existenzgrundlage entzieht – all das konnte man bereits am Gorki-Theater beobachten, wenn man denn wollte und sich nicht nur auf Einflüsterungen verließ.

Immerhin kann man Armin Petras nicht vorwerfen, dass er den Vergleich der hauseigenen Produktionen mit Gastspielen der ersten Garnitur scheut. Ob das nun von übersteigertem Selbstbewusstsein zeugt oder von der Einsicht, dass man seinem Publikum auch Alternativen gönnen muss, kann hier nicht entschieden werden. Das Ergebnis jedenfalls ist für Stuttgart ein Gewinn und kann daher nicht laut genug gepriesen werden. Damit hat Petras, wenn nicht als Regisseur, so doch als Theaterleiter, gleich mehrere Gutpunkte erworben. Und eins hat das aktuelle Gastspiel des Ensembles von Alain Platel mit der Konzeption von Armin Petras doch gemein: Es bewegt sich unorthodox zwischen den Genres. Dabei allerdings verharrt Platel im Bereich der Bühnenkünste, während Petras mit Vorliebe auf Stoffe zugreift, die gerade und mit Bedacht für die Lektüre und nicht für die Bühne geschrieben wurden. Mit Bedacht, weil man davon ausgehen darf, dass Autoren wie Gogol, Goethe oder Kleist, die sowohl Dramen wie auch Romane verfasst haben, sehr genau wussten, warum sie für einen Stoff eine bestimmte Form und eine bestimmte Gattung gewählt haben.

Ästhetik der Müllkippe

Mit „tauberbach“ hat sich Alain Platel mehr als mit anderen Stücken als der eigentliche Erbe von Pina Bausch qualifiziert. Der rätselhafte Titel lässt sich auch als „Tauber Bach“ lesen, und von Johann Sebastian Bach stammt die unorthodox instrumentierte Musik, die fast die ganze Vorstellung begleitet. Wenn sich der Vorhang öffnet, sieht man Altkleider, die über die ganze Bühne verstreut sind. Aus ihnen erheben sich die Schauspielerin Elsie de Brauw und die fünf Tänzerinnen und Tänzer. Über der Spielfläche hängen, wie im Stuttgarter „Fidelio“, Mikrofone, in die fragmentarisch gesprochen und gelallt wird. Es könnte die Artikulation von Taubstummen sein, mit denen sich Platel seit längerem beschäftigt. Auch die tänzerischen Bewegungen und Verrenkungen verweisen auf Behinderungen. Sie scheinen zum Teil Spastikern, aber auch surrealistischen Filmen abgeschaut. Man mag auch an Paul Klees Radierung „Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend, begegnen sich“ denken. Dieser Abend verstößt gegen die Konventionen eines traditionellen Schönheitsbegriffs. Er huldigt einer Ästhetik der Müllkippe.

Das kleine Ensemble singt a cappella und treibt kindliche Spiele. Die Bilder vermeiden die Eindeutigkeit. Sie lassen unterschiedliche Interpretationen zu. Man könnte eine Verwandtschaft vermuten zu dem Intermezzo, mit dem Armin Petras den zweiten Teil seiner eben erst vorgestellten Inszenierung von Shakespeares „Sturm“ einleitet und das wie ein fader Aufguss des Wiener Aktionismus aussieht. Aber Platel verfügt über etwas, was Petras vollkommen fehlt: über einen ausgeprägten Sinn für Rhythmus.

Der Regisseur Michael Thalheimer sagte kürzlich in einem Interview: „Unser Ziel ist, gemeinsam mit Autoren große Inhalte mittels einer aktualisierten Sprache neu zu erarbeiten. Was wollten Tschechow, Ibsen, Shakespeare, und was ist das Äquivalent heute?“ Thorsten Lensings Theater T1 benötigt kein Äquivalent. Die großen Inhalte finden Lensing und sein Koregisseur Jan Hein bei Tschechow selbst, und für eine aktualisierte Sprache sorgen sie mit einer eigenen Übersetzung. Übrigens war es Thalheimer, der den „Kirschgarten“ zuletzt, noch in der Intendanz Hasko Weber, in Stuttgart inszeniert hat.

Freiraum für die Fantasie

Lensing und Hein haben sich in ihrer Version konsequent gegen Stanislawski entschieden. Es ist, als hätten sie den stets vom Missgeschick verfolgten Jepichodow (köstlich: Joachim Król) zum Angelpunkt ihrer Konzeption gemacht. Sie vermeiden Sentimentalität, als sei sie identisch mit Verlogenheit. Den Abschied vom Haus inszenieren sie prononciert sachlich, ja beiläufig, unsentimental eben. „Casablanca“ oder sogar die Dramen des Sentimentalitäts-Skeptikers Arthur Schnitzler fänden vor ihrem Blick keine Gnade. Aber sie sind keine Stückezertrümmerer, und sie können sich auf einen viel zitierten Brief des Autors an Olga Knipper berufen. Ganz entgeht freilich auch dieser „Kirschgarten“ nicht der Sentimentalitätsfalle. Spätestens ganz am Ende, wenn der alte Diener Firs (Valentin Jeker, der in Stuttgart bereits unter Peter Palitzsch als Schauspieler und Regisseur Erfolge gefeiert hat) im verlassenen Gut der Ljuba Ranjewskaja vergessen wurde, versagt der komödiantische Ansatz.

Zum Geheimnis des Regietheaters von Thorsten Lensing gehört, dass es in Wahrheit Schauspielertheater ist. Bei der Besetzung seiner raren Inszenierungen lässt er sich nicht lumpen. So viele hervorragende Darsteller wie im „Kirschgarten“ sieht man selten zusammen auf der Bühne. Seit der Premiere im Jahr 2011 hat Philipp Hochmair Philipp Richardt in der Rolle des frech-frivolen Jascha ersetzt, und der wunderbare André Jung ist für den verstorbenen Horst Mendroch eingesprungen. Wie er in Lensings „Karamasow“ nicht auf allen Vieren kriechen muss, um einen Hund zu mimen, so braucht er hier keine Frauenkleider für die Figur der Charlotta Iwanowna.

Dies ist überhaupt ein Kennzeichen von Lensings Theater. Er lässt der Fantasie des Publikums viel Freiraum. Das ist die intelligentere Art der Zuschauerbeteiligung. Die Vögel singen bei ihm nicht stanislawskisch im Garten. Stattdessen ruft Willi Kellers, der Musiker und Geräuschemacher am Rand der Bühne, die Nachricht wie ein Marktschreier aus. Requisiten werden nicht benötigt. Man sieht, was die Worte beschwören. Und als Bühnenbild dient eine Ziegelmauer, die die Schauspieler vor Beginn des eigentlichen Stücks aufbauen, später einreißen, dann wieder aufbauen.

Manches könnte man sich auch anders denken. Der dritte Akt leidet unter einer gewissen Monotonie, ehe Lopachin hereinschneit und verkündet, dass er den Kirschgarten ersteigert hat. Allzu lang bewegt sich Ursina Lardi als Ranjewskaja wie eine hypernervöse Göre, ehe sie im vierten Akt, sehr eindrucksvoll, zu einem desillusionierten Opfer der Umstände in gereifter Schönheit zusammenklappt. Lensing und Hein unterlaufen die sozialen Distinktionen, die bei Tschechow essentiell sind. Peter Zadek hat sie vor fast zwei Jahrzehnten grandios herausgearbeitet. Bis dahin hatte man Lopachin gemeinhin als den seelenlosen Kapitalisten interpretiert und das Mitleid auf die Ranjewskaja gelenkt. Seit Zadek schwanken die Aufführungen innerhalb der Ambivalenz, die in Tschechows Text angelegt ist: zwischen der Abneigung gegen die aufkommende Ideologie des Geldes und der Erkenntnis, dass sich die alte Klasse des Landadels historisch überlebt hat. Bei Lensing und Hein wirken die Gutsbesitzer fast ordinär, während der zappelige Lopachin (Devid Striesow) seine Herkunft aus einer Leibeigenenfamilie nicht so sehr bewusst, sondern hinter seinem ganzen scheinbar natürlichen Auftreten verbirgt. Die bittere Ironie der berühmten Bemerkung von Firs, wonach die Befreiung aus der Leibeigenschaft ein Unglück war, verpufft in solchem Kontext. Und mit ihr die Wahrheit, dass Unterdrückung nicht notwendig Revolutionäre hervorbringt.

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erstellt am 21.12.2015

Szenenfoto „tauberbach“ ImPulsTanz, Wien
(Screenshot)

Theater

tauberbach

Von Alain Platel

Schauspiel Stuttgart

Szenenfoto „tauberbach“ ImPulsTanz, Wien
(Screenshot)

Theater

Der Kirschgarten

Von Anton Tschechow

Regie Thorsten Lensing, Jan Hein
Kostüme Anette Guther, Christel Rehm
Musik Willi Kellers

Besetzung: Ursina Lardi, Lisa Hrdina, Anna Grisebach, Peter Kurth, Devid Striesow, Lars Rudolph, Rik van Uffelen, André Jung, Joachim Król, Maria Hofstätter, Valentin Jeker, Philipp Hochmair, Willi Kellers, Benjamin Eggers

Schauspiel Stuttgart

Joachim Król
Joachim Król