Eugène Ionescos Theaterstück „Die Nashörner“ entstand Ende der fünfziger Jahre, als das absurde Theater an seine Grenzen gestoßen war. In seiner Mainzer Inszenierung geht Frank Hoffmann nun konsequent vor: Statt Avantgarde-Theater liefert er Boulevard. Hoffmann setzt auf Unterhaltung statt auf Provokation, meint Martin Lüdke.

Theater

Von der Avantgarde zum Boulevard

Von Martin Lüdke

Stürmischer, langer Beifall, der in rhythmisches Klatschen überging, als die Musikanten im Gänsemarsch durch den Saal zogen. Berechtigter Beifall. Das Mainzer Premieren-Publikum hatte sich über anderthalb Stunden hin mächtig amüsiert. Dann, am Ende, als der Spielmannszug der rheinhessischen Fastnachtsgarde über die Bretter stapfte, die auch am Rhein die Welt bedeuten, kam die Stimmung schon bedrohlich nahe an „Mainz, wie es singt und lacht“ heran. Bombenstimmung. Allerdings, das sollte man nicht vergessen, Nashörner sind etwas schwerfällige Tiere.

Frank Hoffmann, dem Regisseur, ist es mit Hilfe seines Bühnenbildners Christoph Rasche gelungen, ein Stück, das seit einigen Jahrzehnten schon in der Mottenkiste überlebten Theaters bestens aufgehoben schien, wieder herauszukramen und die einst als Provokation gefürchtete Verwandlung von spießigen Kleinbürgern in veritable Nashörner zum Vergnügen der Abonnenten äußerst unterhaltsam auf die Bühne und buchstäblich auch über die Rampe zu bringen. Denn: während wir darüber spekulierten, ob einige freie Plätze in den vorderen Reihen durch verspätete Zuschauer noch gefüllt werden würden, ging es genau dort plötzlich los, mitten im Publikum begann der Dialog zwischen Behringer, dem großem Helden des Stücks, einem leicht derangierten „Menschen“ und Hans, seinem Gegenspieler, einem unangenehm angepassten Spießer. Dessen Ratschläge und Vorwürfe, eilfertig, gehorsam, verhaspelt, von Samuel Finzi überzeugend vorgebracht, ließen Behringer (Wolfram Koch) keine Chance, sich dagegen zu behaupten. Er wird zum Schluss, nachdem alle anderen, die geliebte Daisy eingeschlossen, zu den Nashörnern übergelaufen sind, „Mensch“ bleiben, nicht, weil er besonders mutig oder klug wäre, sondern schlicht, weil er, so die schlichte Begründung, ein Mensch ist.

Hans zu Behringer: (…)Sie können Ihre verfügbare Zeit auf vernünftige Weise nutzen.
Behringer zu Hans: Zum Beispiel?
Hans zu Behringer: Besuchen Sie Museen, lesen Sie literarische Zeitschriften, hören Sie sich Vorträge an. (…) Statt daß Sie all Ihr verfügbares Geld für Spirituosen ausgeben, ist es da nicht besser, Sie kaufen Theaterkarten? Für eine interessante Vorstellung? Kennen Sie das Avantgarde-Theater, von dem man so viel spricht? Haben Sie den neuen Ionesco gesehen?

Es ist lange her, dass über Avantgarde-Theater gesprochen, gar gestritten wurde. Die frühen Aufführungen von Ionesco endeten allesamt als Skandal. Man sprach damals bald von einem „absurden Theater“. Die Zuschauer fühlten sich regelrecht auf den Arm genommen. (Sie wurden es auch!) 1950, bei der Uraufführung der „Kahlen Sängerin“ von Ionesco gab es weder eine Sängerin noch einen Kahlkopf, dafür aber ein mächtig empörtes (wenn auch zahlenmäßig kleines) Publikum. Von Skandal zu Skandal etablierten sich die Autoren dieses Theaters, darunter auch Samuel Beckett und Artur Adamov. In Deutschland gab es entsprechende Stücke von Günter Grass, Tankred Dorst und Wolfgang Hildesheimer etwa.

Eine paradoxe Entwicklung fand statt: In dem Maße, in dem sich das absurde Theater beim Publikum durchsetzte, brachte es sich selbst um seine Brisanz.

1959 wurden „Die Nashörner“ in Düsseldorf uraufgeführt (Karl-Heinz Stroux), ein Jahr später dann durch Jean-Louis Barrault auch in Paris. Bereits zwei unangefochtene Erfolge.

Es geht in den „Nashörnern“ um einige Banalitäten und, die Pointe, um Menschen, die sich mir nichts, dir nichts in Nashörner verwandeln. Was einige Jahre zuvor das Publikum noch auf die Palme gebracht hätte, regte kaum mehr auf. Die Provokation verpuffte.

Der Säkularisierungsschub, der sich durch die beiden Weltkriege enorm beschleunigt hatte, erfuhr nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal einen mächtigen Auftrieb. Nietzsches Nachricht „Gott ist tot“ hatte sich schließlich in breiten Kreisen herumgesprochen. Gott war nun tot, aber die Sinnfrage des menschlichen Lebens war offen geblieben. Offenbar aber waren die Menschen noch nicht so weit, diese Leerstelle zu akzeptieren oder auch nur zu kompensieren. Brot und Spiele waren, kurze Zeit nach dem Krieg, beides noch Mangelware. Die Etablierung einer Kulturindustrie kam nach dem Zweiten Weltkrieg erst allmählich in Gang. Und Menschen, die alles verloren hatten, erst ihren Gott, dann Reich und Führer, vielleicht auch noch Haus und Hof und viele Anverwandte, reagierten allergisch darauf, wenn ihnen die Absurdität ihres Daseins auch noch szenisch vor Augen geführt werden sollte. Das änderte sich spätestens in den sechziger Jahren. Für Martin Esslin, Verfasser des Standardwerks „Das Theater des Absurden“ (erstmals erschienen: 1961), steht es „außer Zweifel“, dass diese Strömung damals schon wieder „im Abklingen“ war.

Entsprechend konsequent geht Frank Hoffmann in seiner Mainzer Inszenierung vor. Statt Avantgarde-Theater jetzt Boulevard. Statt der Provokation durch ausgestellte Sinnlosigkeit jetzt die Akklamation der vorgeführten Unterhaltung. Das ist witzig. Das ist lustig. Und sogar konsequent. Das Publikum wird regelrecht mit einbezogen. Ich musste zum Beispiel zweimal aufstehen, um Daisy, die Sekretärin und spätere (kurzzeitige) Geliebte von Behringer, die – zeitweilig – in meiner Reihe direkt neben mir saß, durchzulassen.

So weit so gut.

Ionesco scheint selbst geahnt zu haben, dass sein absurdes Theater spätestens am Ende der fünfziger Jahre an seine Grenzen gestoßen war. „Die Nashörner“ arbeiten zwar noch mit den Mitteln des absurden Theaters, Menschen einfach so ausgerechnet in Nashörner verwandeln. Aber sie verwandeln jetzt die Absurdität selbst in eine griffige Botschaft. Konformität, Anpassungsdruck, Mitläufertum, Opportunismus – alle diese uns aus dem Dritten Reich vertrauten Verhaltensmuster finden sich hier wieder. Speziell Hans, der geschmeidige Spießer, zeigt im Laufe seiner Verwandlung in ein Nashorn bis in seinen Tonfall hinein, dass der Führer befiehlt und er folgen wird. Gelegentlich erinnert der schnarrend/bellende Finzi (=Hans) an Bruno Ganz, der im „Untergang“ Hitler spielte. Etwas unfreundlich könnte man „Die Nashörner“ durchaus als Thesenstück bezeichnen, fast das genaue Gegenteil des absurden Theaters. Die vorherige Befreiung von den Zwängen sinnhaften Sprechens wird von Ionesco jetzt durch eine schlichte Botschaft ersetzt: Der Mensch (als solcher) ist der geborene Mitläufer. Ob bei Reichsparteitagen oder großen Sport-Festen oder bei den Nashörnern ist dabei gleichgültig. Der einstige Antipode des Brechtschen Theaters orientiert sich plötzlich an dessen Zielsetzung. An diesem Punkt kommt nun auch die Inszenierung ins Schleudern:

Das absurde Theater war der Ausdruck von Angst und Verzweiflung der Menschen, die erkannt hatten, dass es nichts gibt, was ihrem Leben Sinn geben könnte. Solange man aber solchen Illusionen noch nachhängen kann, so lange wirkt die Ausstellung der Sinnlosigkeit auch noch als Provokation. Diese Zeiten sind längst vorbei. Nicht nur Gott ist tot, auch Marx und Mao, die ihn beerben wollten, sind über den Jordan gegangen. Heute begnügen wir uns gerne mit dem „Krieg der Sterne“. Allgemeiner gesagt: mit dem Spektakel, das uns die Kulturindustrie bietet. Dazu gehören, durchaus paradox, auch „Die Nashörner“, die uns in Mainz vergnüglich präsentiert worden sind. Warum? Diese Frage bleibt allerdings offen. Das sehen wir jetzt tatsächlich hier betroffen.

Denn Wolfram Koch als Behringer, Samuel Finzi als Hans und Jacqueline Macaulay als Daisy habe einem durchaus dafür dankbaren Publikum alles gegeben. Sie haben uns aber auch, eher unfreiwillig, gezeigt: Nicht nur Gott ist nämlich tot, sondern auch viele von denen, die uns mit dieser Nachricht beglücken wollten.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 20.12.2015

Szenenfoto Staatstheater Mainz: Birgit Hupfeld

Theater

Die Nashörner

Von Eugène Ionesco

Inszenierung Frank Hoffmann
Bühne Christoph Rasche
Musik René Nuss

Es spielen Jacqueline Macaulay, Christiane Rausch, Brigitte Urhausen; Marc Baum, Luc Feit, Samuel Finzi, Steve Karier, Wolfram Koch

Staatstheater Mainz

Szenenfoto Staatstheater Mainz: Birgit Hupfeld

Szenenfoto Staatstheater Mainz: Birgit Hupfeld

Szenenfoto Staatstheater Mainz: Birgit Hupfeld