Das Lavieren zwischen der amerikanischen Moderne und der europäischen Tradition war das prototypische Thema des Schriftstellers Henry James. Zwei gelungene Neuübersetzungen wollen nun die Wiederentdeckung des Erzählgroßmeisters anstoßen, berichtet Stefana Sabin.

Buchkritik

Von Künstlern und Verzweifelten

Von Stefana Sabin

Henry James. Gemälde von John Singer Sargent

Zu seinem siebzigsten Geburtstag 1913 ließ Henry James sich von John Singer Sargent porträtieren: In Gehrock und eleganter Weste vor dunklem Hintergrund lehnt er sich gemächlich zurück und schaut eher ernst, vertraut und distanziert zugleich. Das Porträt sei von „lebendiger Ähnlichkeit“, so James, und zeige „Sargent at his best“. Maler und Dichter verband eine lange Freundschaft: als Künstler modern und traditionssicher, als Personen zurückhaltend und gesellschaftlich beflissen – und als expatriierte Amerikaner in Europa zwischen zwei Kulturen und zwei Lebensstilen gefangen.

Das Lavieren zwischen der amerikanischen Mentalität und einer selbstgewählten europäischen Verankerung, zwischen der amerikanischen Moderne und der europäischen Tradition war das prototypische Thema des Erzählers Henry James. Schon in seinem frühen Roman „The American“, 1877 erschienen, ließ James einen jungen amerikanischen Geschäftsmann auf Europareise sich am französischen Adel reiben und kombinierte Melodrama und Gesellschaftskomödie. Der gleich darauffolgende Roman war gewissermaßen eine symmetrische Umkehrung: In „The Europeans“ zeichnete James ein Sittengemälde des neuenglischen Großbürgertums Mitte des 19. Jahrhunderts und beschrieb den Umgang mit unerwarteten Gästen aus Europa. Nur, dass die Europäer des Titels gar keine sind, sondern Amerikaner, die allerdings in Europa gelebt und europäische Manieren angenommen haben und die auf der Suche nach der verlorenen Identität (und vor allem nach einem neuen Vermögen!) nach Amerika zurückkehren, wo sie nun als Europäer wahrgenommen werden.

Vergnügen und Ernst

Wie sich diese europäisierten Amerikaner, die Geschwister Felix und Eugenia, bei ihren Verwandten, den Wentworths, in Boston einzuleben versuchen; wie sie mit ihrem nach puritanischen Regeln unkonventionellen Verhalten anecken; und wie sie die sentimentalen Verstrickungen, mit denen sie sich konfrontiert sehen, durcheinander bringen – das berichtet ein allwissender Erzähler mit ironischer Distanz und verbrämter Sympathie für die „Europäer“.

Vor allem Felix, der Künstler und Lebenskünstler, genießt das Wohlwollen des Erzählers, wenn er mit gelassener Verspieltheit der puritanischen Strenge seiner Verwandten entgegentritt. „Sie sehen das Leben nur als Mühsal“, hält Felix seiner Cousine Gertrude ihre Lebenseinstellung vor und stellt sein eigenes Leben als Gegenentwurf zum puritanischen Ernst dar. Man solle, bringt er Gertrude bei, „… ein Ereignis nackt und bloß im Lichte des damit möglicherweise verbundenen Vergnügens betrachten.“ Gertrude ist von der Lebensfreude ihres Cousins aufrichtig fasziniert, während ihre Schwester eher über die geschliffenen Manieren ihrer Cousine staunt. Denn mit ihrem geschickten Geplaudere und ihrer guten Laune tragen Felix und Eugenia bei den Abendessen im Hause Wentworth zur gepflegten Unterhaltung bei.

Es wird in diesem Roman viel geredet – und jede Unterhaltung bringt eine neue Wendung, nach jedem Gespräch dreht sich die Handlungsspirale weiter, bis alle emotionalen Wogen geglättet sind. Und anders als in „The American“, wo der Amerikaner in Paris seine Heiratspläne aufgeben musste, darf Felix, der Europäer in Boston in „Die Europäer“ eine gute Partie machen – und auch alle anderen Figuren finden den passenden Partner, so dass der Roman mit vier Hochzeiten endet.

Nicht zuletzt wegen dieses umfassenden happy end fand James’ strenger Bruder William, der Philosoph des Pragmatismus, den Roman öde – und James selber nahm ihn in die Sammlung seiner Werke von 1907-09 nicht auf. Erst der britische Kritiker F. R. Leavis rehabilitierte diesen frühen Roman von Henry James, als er ihn in seiner kanonischen Studie von 1948 „The Great Tradition“ zu einem Meisterwerk deklarierte.

Nun ist dieses Meisterwerk, das 1878 erschien, in einer neuen, flüssigen Übersetzung von Andrea Ott veröffentlicht worden. Ott, die schon Jane Austen und Edith Wharton übersetzt hat, bewahrt den Dialogen ihre Spritzigkeit und gibt auch sonst sowohl das Preziöse als auch das Ironische in James’ Diktion angemessen wieder.

Keine Verlängerung

Die ironische Dimension fehlt in der Erzählung „Die mittleren Jahre“, die zuerst 1893 in „Scribner’s Magazine“ veröffentlicht wurde und die jetzt von Walter Kappacher übersetzt wurde. Es ist vielleicht die ergreifendste von allen Jamesschen Künstlergeschichten: Der schwerkranke Dichter Descombe glaubt, dass er jetzt, als seine Karriere und sein Leben zu Ende gehen, das Schreiben gelernt hat und dass er „eine zweite Gelegenheit“ brauche, um die Lektion umzusetzen. Denn das Leben „reichte bloß, um Material zu sammeln; so dass man, um den Stoff zu befruchten und zu nutzen, eine zweite Lebenszeit brauchte, eine Verlängerung.“

Diese Erzählung über die Selbstzweifel des Dichters und seine Verzweiflung darüber, dass es keine Verlängerung gibt, ist eine weitere Gelegenheit, den Erzählgroßmeister James in diesem Herbst neu zu entdecken.

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erstellt am 16.12.2015

Henry James (ca. 1863)
Henry James (ca. 1863)

Henry James
Die Europäer
Roman
Aus dem Amerikanischen von Andrea Ott
Gebunden, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7175-2388-8
Manesse Verlag, Zürich 2015

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Henry James
Die mittleren Jahre
Erzählung
Übertragen von Walter Kappacher
Gebunden, 66 Seiten
ISBN: 978-3-99027-077-6
Jung und Jung, Salzburg 2015

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