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In München inszeniert Jakub Gawlik Franz Kafkas Erzählung „Der Bau“ mit Valéry Tscheplanowa. Die Premiere fand am 4. November 2015 im Marstall des Residenztheaters statt. In einer minuziösen Konzentration auf den Text trifft Gawlik das Stück und den Spielort erstaunlich präzise, meint Andreas Engelmann.

Theater

Tanzen in Kafkas »Bau«

Von Andreas Engelmann

Immer, wenn man in den Münchener Hauptbahnhof einfährt, hat sich etwas verändert. Vor dem Gleisfeld drängt sich ein neues Ladengeschäft zwischen die alten und behindert den Weg hinaus, ein neues Spielergesicht des FC Bayern lächelt von einer Plakatwand, und die Süddeutsche wirbt mit einem neuen Kinderbild dafür, dass sich die Eltern wirklicher oder vorgestellter Kinder aus Statusprestige ein Abonnement der Zeitung zulegen. Immer ist etwas neu und doch bleibt alles so, wie es war. So ist das Wunsch- und Selbstbild einer sich modern gebenden Stadt mitten im sich traditionell gebenden Bayern.

Zum Bahnhofsvorplatz gehören Menschen ohne feste Unterkunft, und München unterscheidet sich von anderen Städten nur dadurch, dass selbst in der Armut noch ein kernig-bajuvarischer Menschenschlag vorherrscht. Zumindest bis vor Kurzem, denn das hat sich geändert und damit das traditionelle Münchener Gefüge des immer Neuen, das keine Veränderung kennt, ins Schwanken gebracht. Vor dem Bahnhof finden sich jetzt, wie fast überall in der Republik, Menschen auf der Flucht. Und das ist ein Problem, zumindest in Bayern.

Die Frau in der Pension spricht eher indirekt darüber: Was ich denn davon denke? – Wovon? Ja, ich wisse schon. Also, es seien nicht alle gut darauf zu sprechen. Besonders die Männer. Später ist die Rede von nebulösen „Vergewaltigungsquoten“, zu denen allerdings keine Zahlen vorliegen, weil „die Medien“ uns das lieber verschweigen. Ganz wie man es von der Axel Springer SE kennt. Da schickt man seine blonden Kinder doch lieber nicht mehr auf die Straße, im finsteren Mondenschein zu Bayern.

Das allgegenwärtige Gefühl, bedroht zu sein, das sich in den letzten Monaten zu einer Münchener Konstante entwickelt hat, ist vielleicht eine der Rahmenbedingungen, die man nicht verschweigen sollte, wenn es darum geht, warum die Inszenierung von Kafkas „Bau“ einen Treffer landet – und zwar einen lokalen.

Der Bau steht nicht sonderlich häufig auf Spielplänen deutscher Theater, denn einerseits handelt es sich nicht um ein Drama, sondern um eine Erzählung und andererseits ist der Text ein Fragment geblieben, das mitten im Satz abbricht. Das dritte Problem ist, dass die achtzig Seiten Text einem einzigen Charakter zugeschrieben werden, dem „Baubewohner“ (Valéry Tscheplanowa), und das überfordert im Regelfall Spieler und Zuschauer gleichermaßen.

Die Inszenierung von Jakub Gawlik besteht im Wesentlichen darin, nicht nach vorne zu treten. Statt eines komplizierten „Baus“, vorstellbar etwa als endlose Schläuche zum Kriechen oder Schlammbäder zum darin Suhlen, wählt Gawlik eine fast leere Bühne. Gestaltungselemente sind hier nur die quadratisch angeordneten Zuschauertribünen und eine Lampe in der Bühnenmitte.

Baubewohner mit Blecheimer

In diese karge Anordnung tritt nun ein stolzer und selbstbewusster Baubewohner mit Blecheimer. Tscheplanowa ist dabei nicht in das Kostüm eines Kriechtieres geworfen, sondern tritt als Gartenzwerg auf. Neben einer kaum merklichen Textänderung (eine Anspielung auf „Landstraßen“) ist das Kostüm der einzige explizite Schlüssel für die offensichtliche und doch wenig ausdrückliche Interpretationsfolie, die Gawlik und Tscheplanowa ihrem „Bau“ gegeben haben – oder ist es die Stadt selbst, die jede andere Deutung unmöglich macht? Diese penetrante Zufriedenheit des Baubewohners mit seiner Bleibe, sein Stolz auf die eigene Arbeit, sein Perfektionismus in der Pflege seiner Schönheit, seine fleischfixierte Lust am Fressen, seine Überempfindlichkeit gegen Geräusche, seine Mutlosigkeit in der Fremde und am Ende seine paranoide Angst vor einem, der kommt, ihm zu nehmen, was er erbaut hat, all das sind Elemente, die bei Kafka gerade keiner eindeutigen Deutung zulaufen – und doch, im München des Jahres 2015, sind es Anspielungen auf den „einheimischen“ Stadtbewohner. Im Publikum versteht man das, ohne dass Gawlik und Tscheplanowa irgendetwas „dazutun“ müssen, ohne Erklärungen oder Anspielungen.

Das gibt dem Textkorpus den Raum, den er benötigt. Gawlik verzichtet weitestgehend auf performative Elemente und rückt sein Stück damit in die Nähe eines Hörspiels. Das funktioniert insbesondere deswegen, weil Tscheplanowa nicht nur den gesamten Text internalisiert hat, sondern in jeden Teilsatz eine so präzise Nuancierung legt, als wäre sie zum Text selbst geworden. Und nicht nur der Text ist in jeder Silbe durchgearbeitet – auch die Bewegungen des Baubewohners, seine Blicke, Regungen und Ticks scheinen von der ersten bis zur letzten Sekunde ebenso natürlich wie komponiert oder eben: wie ein Tanz. Was andernfalls schnell zu einer Länge werden könnte: endlose Satzkonstruktionen, Selbstbeschreibungen und Lobpreisungen des Baus, geht hier gut. Es ist nur eine getroffene Nuance, nur ein Schnipsen und die permanente Überspanntheit, die Selbstwidersprüche des Baubewohners, die Ambivalenzen seines Projekts und seiner Selbstliebe werden offenbar, ohne dass irgendetwas davon ausgesprochen oder erklärt werden müsste. Damit wird gerade in der außergewöhnlichen Konzentration auf den Text eine Kommentarfunktion abgerufen, die es ermöglicht, auf eine nicht oberflächliche Art eine erneute Lektüre von Kafkas Bau vorzunehmen, darunter diejenige, dass die Erzählung auch ein Kommentar auf die Münchener Angst vor Fremden ist.

Wir sehen also eine Inszenierung, die nichts herbei-inszeniert, sondern einen Text ausarbeitet, wir hören einen Kommentar, der nicht kommentiert, sondern spricht und einen Text, der für sich selbst – und gerade deswegen für mehr als sich selbst steht. Das sind die Markierungen, zwischen denen sich das abspielt, was an diesem Abend passiert. Allem voran eine Sprachleistung und Präsenz von Tscheplanowa, die gerade darin den Atem raubt, dass sie gar nichts Atemberaubendes beabsichtigt, sondern nur einen Text mit so viel Liebe aufbereitet, dass er lebendig vor den Zuschauern steht.

Die achtzig Minuten für achtzig Seiten sind lohnend, weil sie die Möglichkeiten des Theaters – starke Texte, sprachliches Fesseln und konzentrierte Bewegung – ausschöpfen, ohne sich den Zwang zur Performance oder Metakritik einzukaufen. Insofern handelt es sich um einen anachronistischen Abend und das wiederum gerade auch wegen der tagespolitischen Aktualität.

Insgesamt ein Abend für München.

Andreas Engelmann studierte Rechtswissenschaft und Philosophie in Frankfurt und Paris und ist seit 2011 Mitherausgeber und Redakteur der Literaturzeitschrift otium.

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erstellt am 16.12.2015

Szenenfoto Residenztheater München © Konrad Fersterer

Theater

Der Bau

Von Franz Kafka

Regie und Bühne Jakub Gawlik
Kostüme Eva Bienert
Dramaturgie Götz Leineweber

mit Valery Tscheplanowa

Residenztheater München

Szenenfoto Residenztheater München © Konrad Fersterer

Trailer "Der Bau" from Residenztheater on Vimeo.