Die Geschichte der Polytechnischen Gesellschaft reicht zurück bis in das Jahr 1816. Vor 200 Jahren wurde zunächst der Verein Polytechnische Gesellschaft e.V. in Frankfurt gegründet, 190 Jahre später entstand zudem die gleichnamige Stiftung. Beide haben das Ideal des aufgeklärten, Verantwortung tragenden Bürgers zum Ziel. Dessen Engagement wollen sie ermöglichen und fördern. Vor dem Hintergrund dieser bürgerschaftlich geprägten Tradition richtet sich das gemeinnützige Interesse der “Stiftung Polytechnische Gesellschaft” vor allem auf den Großraum der Stadt Frankfurt am Main. Petra Kammann führte anlässlich des 10-jährigen Stiftungsjubiläums ein Gespräch mit Roland Kaehlbrandt.

Gespräch

10 Jahre Engagement für die Stadtgesellschaft

Gespräch mit Roland Kaehlbrandt

Petra Kammann: Welche Bedeutung hat der Begriff polytechnisch, der im Namen Ihrer Stiftung vorkommt?

Dr. Roland Kaehlbrandt: Der eigentliche Ursprung des Begriffs stammt aus der französischen Aufklärung. Ziel war es, den Menschen in seiner vielseitigen Schöpferkraft zu unterstützen und zu formen. Polytechnisch heißt nämlich so viel wie vielseitig. Die aus dieser Überzeugung hervorgegangene berühmte École Polytechnique in Paris wurde 1794 unter dem Einfluss Napoleons begründet, um neue Eliten des jungen Staates heranzubilden. Zunächst war es eine reine Militär-Hochschule. Die jungen Menschen werden jedoch bis heute nicht nur in der Ballistik und im Festungsbau unterrichtet, sondern lernen auch Fremdsprachen und befassen sich mit Literatur und Rhetorik, kurzum, sie sollen eine umfassende Bildung erhalten. Noch heute ist die École Polytechnique eine der Kaderschmieden der französischen Republik.

Diese Bildungsidee trieb auch den Gründungsvater der polytechnischen Gesellschaft, den Naturwissenschaftler Johann Heinrich Moritz von Poppe, um. Der machte zunächst einmal eine Reise nach Paris, um sich vor Ort in dieser Schule kundig zu machen. Auch einige andere Polytechniker reisten damals nach Frankreich.

Insofern ist die Polytechnische Gesellschaft selbst auch ein Produkt der Spät-Aufklärung. Die französische Aufklärung ist für uns auch heute noch bedeutsam, wenngleich mir die deutsche Aufklärung, die Jahre zwischen 1770 und 1830, in denen sich großartige Köpfe und Polytechniker äußern, noch näher steht. Man denke nur an Leute wie Freiherr vom Stein – einer der Ehrenmitglieder – oder Goethe – einer der Stichwortgeber der Polytechnischen Gesellschaft. Das Konzept musste natürlich auf die heutige Situation übertragen werden. Daher hatten wir in den ersten Jahren des Stiftungsaufbaus intensive Diskussionen und Überlegungen mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Prof. Klaus Ring, wie wir dieses Gedankengut in eine moderne Stiftung einbringen könnten. Bildung für den Einzelnen und gesellschaftliche Verantwortung haben wir dann von der Aufklärung übernommen und uns zu eigen gemacht, ausgehend von der Überzeugung, dass der Mensch durch intensive Beschäftigung mit Bildung und Wissenschaft tatsächlich auch selber reift. Uns war dann besonders auch der Umschlag von Wissen in Verantwortung wichtig, die der einzelne aus der Bildung ableitet. Wir wollten eben nicht ,Intelligenzbestien’ heranziehen, sondern Menschen mit Potenzial, sowohl Junge als auch Ältere, zwischen 7 und 77 so fördern, dass sie ihre Erfahrungen in die Gesellschaft auch wieder zurückspielen.

Aufklärung ist gut und schön. Speziell in Frankfurt fällt einem natürlich auch die Vernunftkritik in Form der Adorno’schen „Dialektik der Aufklärung“ ein. Haben Sie solche Aspekte dabei auch mit bedacht?

Die „Dialektik der Aufklärung“ ist natürlich ein unglaubliches Buch, das mich schon allein der Sprachgewalt wegen fasziniert hat. Es ist aber auch ein sehr schwieriges Buch, das die Kenntnis der Philosophiegeschichte voraussetzt. Das Tätigwerden in der Welt ist aber etwas anderes, es ist eine Setzung, um die wir nicht herumkommen. Man kann nichts gestalten und nicht Dinge prägen, ohne sich für Formen zu entscheiden und vielleicht manchmal auch zu dominieren. Und damit dies in vernünftiger Weise geschieht, muss man das Prinzip Verantwortung mit einbeziehen. Das Verantwortungsgefühl für andere ist dann das Korrektiv dafür, dass dieser Gestaltungswille nicht zu einer reinen Dominanz wird. Insofern meine ich, dass wir das in der Doppel-Begrifflichkeit von „Wissen und Verantwortung“ ganz gut aufgefangen haben.

Als Germanist und Romanist sind Sie eigentlich auch ein untypischer Intellektueller. Bringt Sie das nicht manchmal in Konflikte?

Der Intellektuelle ist ein anderer Typus als ich es bin. Ich schätze sehr den fruchtbringenden Austausch mit Intellektuellen. Aber in den Stiftungen haben wir die Möglichkeit, die Dinge nicht nur zu bedenken und zu beschreiben, sondern auch konkret zu handeln und damit einen greifbaren Beitrag zur Verbesserung der Situation zu leisten. In meiner Position ist es natürlich wichtig, der kritischen Vernunft zu folgen, Relativierungen anzuerkennen, Debatten und Problemstellungen zu kennen; aber dann eben auch, etwas zu tun. So bin ich auch nicht Wissenschaftler geworden, sondern Stiftungsmanager. Für mich ist es ganz wichtig, aus der Analyse der Situation und im Gespräch mit vielen Menschen zu einer Lösung zu kommen und diese dann kritisch zu testen, um zu sehen, ob sie funktioniert. Dabei ist der Doppelcharakter von Theorie und Praxis für mich bedeutsam. Polytechnisch heißt eben auch Handeln. Deshalb ist es für uns wichtig, Menschen ganz unterschiedlicher Couleur und Herkunft kennenzulernen. Das bestimmt unsere tägliche Arbeit.

Warum ist Ihre Tätigkeit lediglich auf Frankfurt begrenzt?

Das war eine Grundsatzentscheidung der Polytechniker. Das Vermögen der Stiftung ist hier verdient worden. Zudem wollen wir uns nicht verzetteln, sondern zeigen, wie weit man in einer international ausgerichteten, aber überschaubaren modernen Großstadt wie Frankfurt kommen kann. Dabei vergessen wir nicht die über 1200 Jahre lange Geschichte der Stadt. Frankfurt war eine freie Reichsstadt, eine Bürgerstadt, und auch die Stiftungen haben hier Tradition. Traditionell modern: In Frankfurt kann man deshalb auch gesellschaftliche Veränderungen wie im Brennglas erkennen und begleiten.

Gibt es in Frankfurt eine protestantische Tradition im Gegensatz zu Ihrer Heimatstadt Köln?

Meine Beobachtung: Hier wägt man nüchtern ab. Man spürt noch den Geist der Handelsstadt. Hier hat Priorität, dass etwas nützlich ist oder der Gemeinschaft nützt. Dabei ist man grundsätzlich offen, aber nicht schwärmerisch. In Köln zählt die Pointe, die Situationskomik, die Schlagfertigkeit. Sie ist aber durch eine gewisse Gemütlichkeit ausbalanciert: Leben und leben lassen. Darin spiegelt sich Souveränität, manchmal aber auch etwas Selbstzufriedenheit wider. Ich empfinde die Frankfurter Mentalität der Offenheit, der Vorurteilslosigkeit, aber auch der nüchternen Prüfung als angenehm und hilfreich.

Das spiegelt sich in Ihrem Programm wider, das vor allem kulturelle Bildung, Sprachbildung, naturwissenschaftliche Bildung umfasst. Finden Sie es nicht ebenso wichtig, sich im 21. Jahrhundert, das von einigen als Jahrhundert der Religionen beschrieben wird, mit dem Thema der Religionen auseinanderzusetzen, zumal Sie in Ihren Bildungsangeboten mit vielen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen arbeiten, für die genau das von Bedeutung ist. Sollte man deren Kenntnisse nicht erweitern?

Wir konzentrieren uns in unserer Bildungsarbeit auf den Weg nach vorn oder nach oben. Es geht uns darum, dass die Menschen in diesem Land, in unserer Stadt ankommen, dass die Eltern die Chancen hier nutzen und dass die Kinder ihren Bildungsweg in Frankfurt gehen können. Uns interessiert vor allem, was die Menschen verbindet. Das interessiert auch die Menschen in allererster Linie, wenn sie zu uns kommen. Sie wollen dabei unterstützt werden, dass ihre Kinder die Bildungsorte der Stadt wie etwa die Stadtbücherei nutzen können. Sie entdecken hier eine reichhaltige Bildungslandschaft, die sie selbst nicht recht kennen und bei der sie Hemmschwellen überwinden müssen. Insofern sind wir für sie die Brückenbauer. Wir wollen sie vertraut machen mit dem, was allen zur Verfügung steht. Das ist für das Ankommen im Land, für Integration und Erfolg elementar. Und das hängt nun mal mit dem Kennenlernen der Bildungseinrichtungen zusammen. Das haben wir in den Mittelpunkt gestellt und bislang sehr gute Erfahrungen damit gemacht.

Was gehört für Sie denn mit zum Empfang von Menschen aus dem Ausland? Sind zum Beispiel spezielle Rituale notwendig?

Wenn eine Familie bei uns in ein Diesterweg-Stipendium für Kinder und Eltern aufgenommen wird, gehört es zur Anerkennung und Wertschätzung, dass Eltern gemeinsam mit ihren Kindern zu uns kommen. Nachdem wir zunächst Gespräche führen und eine Vereinbarung über die Mitwirkung der Eltern in diesem zweijährigen Bildungsprogramm getroffen haben, gibt es dann ein Aufnahmefest im Gallushaus. Hier steht die Stipendiatenfamilie im Mittelpunkt. Da macht sich die Familie extra fein. Es ist ein Fest, auf dem jede Familie ihre Urkunden entgegennimmt. Diesen Moment, in dem sie eine besondere Wertschätzung erleben, werden die Kinder und ihre Eltern sicher nicht mehr vergessen. Das Diesterweg-Stipendium ist ein Vertrag auf Gegenseitigkeit: Die Stiftung fördert und die Familien sagen: auch wir wollen die Angebote nach Kräften nutzen. Das besiegeln wir mit einer solchen Zeremonie. Das Festliche ist hilfreich.

Ist ein soziales Engagement aus zeitlichen Gründen für Berufsanfänger nicht sehr schwierig? Die Polytechnische Stiftung fördert auch junge Leute, wenn sie sich für ihren Stadtteil engagieren.

Ja, zum Beispiel im Projekt ,StadtteilBotschafter’. Dabei entstehen viele unterschiedliche Projekte junger Leute in den Stadtteilen. Zum Beispiel Dominic Peper, der in Sachsenhausen ein Repair-Café eröffnet hat. Er steht zum Beispiel schon voll im Berufsleben und macht das zusätzlich. Er sagt, ich bin ein junger Mann, bin gut vernetzt und möchte auch noch etwas über meinen Beruf hinaus für die Gesellschaft tun. Ich möchte nicht irgendwas tun, sondern dabei etwas Neuartiges ausprobieren zum Beispiel etwas gegen die Wegwerf-Gesellschaft. Zu ihm können Leute mit kaputten Gegenständen kommen und sie gemeinsam reparieren, und er hat gleich mit 50 Personen angefangen. Er hat sich bei uns dafür beworben, wurde von einer Jury ausgewählt und wurde dann feierlich aufgenommen.

Bei all Ihren StadtteilBotschafter-Projekten ist immer die Sach- und Fachkompetenz wichtig.

Nicht allein, die Bewerber müssen auch eine gute Menschenkenntnis haben und sie müssen natürlich Frankfurt gut kennen.

Soll der ,StadtteilBotschafter’ eine Identifikationsfigur werden, die mit dazu beiträgt, dass eine zivile städtische Struktur erhalten bleibt?

Unser früherer Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde hat einmal gesagt, dass der demokratische Staat die Voraussetzung seiner Existenz nicht selbst sichern könne, sondern dass Bürgersinn und Bürgertat das tun müssten. Man kann die Gesetze des Staates nur dann zur Anwendung bringen, wenn wir – auch unabhängig vom Gesetz – als Bürger eine bestimmte Haltung entwickeln. Deshalb ist das, was man Zivilgesellschaft nennt, auch so wichtig. Wie oft kommen neue Ideen aus der Mitte der Gesellschaft! Das Ehrenamt muss deshalb auch in die nächste Generation geführt werden. Junge Menschen wollen (und können) sich nicht mehr an langfristige Tätigkeiten binden, wohl aber an Punktuelles und Überschaubares. Das wollen sie dann aber sehr gut machen und achten daher auch darauf, dass etwas dabei herauskommt. Die jungen Menschen wollen Wirksamkeit erfahren. Deshalb müssen wir es ihnen ermöglichen, neue Themen aufzugreifen und neue Formate zu entwickeln. So stehen Themenbereiche wie Nachhaltigkeit, Empathiefähigkeit, Generationen-Solidarität und Einwanderungsgesellschaft im Fokus. Im Programm ,StadtteilBotschafter’ haben die jungen Leute übrigens anderthalb Jahre Zeit für ihre Projekte. Sie können also auch einmal Luft holen.

Sind anderthalb Jahre ein zeitlicher Durchschnittswert für ein solches Projekt?

Oft braucht man so viel Zeit. Erst kommen die Jugendlichen auf eine Idee. Diese Idee muss sich dann erst einmal an der Praxis reiben. Nicht alles läuft gleich auf Anhieb. Es ist kein Schulunterricht. Es ist echtes Handeln im real existierenden Leben. Dann entwickelt sich langsam das richtige Format. Dabei begleiten wir die Stadtteilbotschafter mit Trainern auf ihrem Weg. Am Ende kommt es darauf an, dass aus der Idee ein Konzept, aus dem Konzept ein Projekt und aus dem Projekt eine gesellschaftliche Realität wird. Es ist ein Reifungsprozess der Idee wie der Person. Wenn dann das Projekt eingeführt ist, stellt sich ein gewisser Stolz ein. Und dann verabschieden wir die jungen Leute auch in einer festlichen Zeremonie. Eine unserer StadtteilBotschafterinnen, Emel Dogan, hat in Rödelheim einen orientalischen Teegarten angeboten. Sie ist medizinische Fachangestellte und hat das neben ihrem Beruf gemacht. Bei der Zehnjahresfeier der Stiftung hat sie eine Rede über ihr Engagement vor mehr als 400 Personen gehalten. Sie hat Selbstvertrauen entwickelt.

Können Sie eine so sorgfältige Betreuung noch gewährleisten, wenn es demnächst immer mehr Flüchtlinge gibt?

In der Frage der ankommenden Flüchtlinge sind wir in dem Projekt ,Frankfurt hilft’ aktiv geworden. Es ist eine Koordinierungsstelle für bürgerschaftliche Hilfeleistung. Wir fördern das Projekt gemeinsam mit neun weiteren Stiftungen. In der Führung des Projekts arbeiten wir eng mit dem Sozialdezernat zusammen. Was leistet ,Frankfurt hilft’? Die beiden Mitarbeiterinnen, die diese Stelle leiten, pflegen eine Homepage, auf der man nachsehen kann, was aktuell gebraucht wird. Sie bieten Fortbildungen für Menschen an, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Sie organisieren monatlich eine Informationsveranstaltung für interessierte Bürger. Und sie sind sehr gut vernetzt mit den Hilfsorganisationen und Initiativen, die Betreuung und Unterbringung gewährleisten.

Ihrem sehr interessanten gerade erschienenen „Logbuch Deutsch“ (Verlag Vittorio Klostermann) habe ich entnommen, dass man mehrere Tausend Stunden braucht, um eine Sprache bestmöglich zu erlernen. Die meisten Flüchtlinge sprechen kein Deutsch. Wenn man das hochrechnet und wenn man täglich sechs Stunden lernt, braucht man sechs Jahre. Wie soll das gehen? Wie sollen die Flüchtlinge sprachlich integriert werden?

Wenn man mehrere tausend Stunden zugrunde legt, dann gilt das für Philologen, die eine Fremdsprache perfekt lernen wollen. Im Falle der Flüchtlinge, die eine Bleibechance haben, geht es zunächst um alltagstaugliche Sprachkenntnisse, verbunden mit Landeskunde. Es geht um einen Grundwortschatz und um grundlegende Sprechakte, die dann ausgebaut werden müssen. Integrationskurse sind ein wichtiger Schritt. Quereinsteigerklassen sind unverzichtbar. Anders als in früheren Jahrzehnten ist heute allen klar, dass Deutschlernen im Vordergrund stehen muss. Deshalb hilft es übrigens auch wenig, alle möglichen Aktivitäten auf Englisch zu bezeichnen. Insgesamt brauchen wir in der Einwanderungsgesellschaft im schulischen Bereich eine tiefergehende Ausbildung aller Lehrkräfte in Fragen des Sprachenlernens. Und was die tägliche Not angeht: Jede Sprachlerninitiative ist willkommen; für die Ehrenamtlichen sind Handreichungen über den Sprachbau und über Methoden der sprachlichen Basisvermittlung erforderlich. Hier müssen wir schnell vorankommen und flächendeckend arbeiten.

Das tun bereits viele freiwillige Initiativen. So hat eine ehemalige Stadtteilbotschafterin den Verein „Begegnungen in Bockenheim“ gegründet, in dem auch Sprachunterricht gegeben wird. Unter diesen Umständen werden wir unsere Förder-Klassiker wie das ,Diesterweg-Stipendium’ und den ,DeutschSommer’ ganz bestimmt nicht aufgeben. Das Thema Einwanderung und Integration wird für uns alle eine Generationenaufgabe sein.

Wie sehen Sie Ihre Stiftung in Bezug auf die anderen Stiftungen in Frankfurt?

Wir sind kooperationsfreudig. Es gibt bei uns kein Programm, das wir alleine durchführen. Wir suchen immer nach geeigneten Kooperationspartnern auch auf der Ebene von Stadt und Land. Wir pflegen eine sehr gute Zusammenarbeit mit dem hessischen Kultusministerium, mit dem Sozialministerium, mit dem Integrationsstaatssekretär sowie mit dem Frankfurter Sozialdezernat, dem Integrations- und dem Bildungsdezernat. Und vor allem mit anderen Stiftungen.

Ja, und wenn es um Sprache geht, die Ihnen besonders am Herzen liegt?

In unserem Diktatwettbewerb haben wir eine Kooperation mit der F.A.Z., mit dem HR, mit der UBS und dem DUDEN. Bei dem Diktatwettbewerb geht es um Sprachsport auf hohem Niveau, „sportlich, heiter und lehrreich“ ist die Devise. Es geht uns dabei um Sprachkultur, um eine Freude am großen Wortschatz der deutschen Sprache, um eine Bemühung um Beherrschung der Bildungssprache. Die Diktattexte werden von sehr sprachkundigen Leuten verfasst. Dann werden sie von der DUDEN-Redaktion geprüft. Und ich habe eine „Gift-Liste“ mit 200 schwierigen Begriffen. Da wird auch das ein oder andere reingestreut. Das Ergebnis ist ein kleines Sprachkunstwerk, das allen Mitwirkenden viel Spaß macht, das aber auch anspruchsvoll ist. Dümmer wird man dabei jedenfalls nicht, eher klüger.

Dabei war Rechtschreibung doch jahrelang verpönt. Auf die Inhalte komme es an, hieß es.

In einer hochmodernen Kommunikationsgesellschaft so zu denken, wäre gelinde gesagt leichtfertig.

Haben Sie diese Erkenntnis, dass Rechtschreibung wichtig ist, auch Ihrem Aufenthalt in Frankreich zu verdanken?

Die Franzosen haben seit vielen Jahren einen Diktatwettbewerb, an dem Millionen von Menschen teilnehmen. Aber unser Wettbewerb ist humorvoller. Außerdem hat er mehr Regionalkolorit. Hier in Frankfurt haben wir frankforderischen und hessischen Bezug. In Hamburg kommt ein wenig Seemannsdeutsch dazu. Viele Menschen mögen das. Das Ganze ist außerdem ein Spracherlebnis. Man kann nichts verlieren, nur gewinnen.

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass wir diese ganze Projektarbeit nur mit Hilfe eines sehr guten Teams machen können. Wir haben 23 Stellen. Unser junges und trotzdem schon erfahrenes Team arbeitet in einer Mischung aus Leidenschaft und Professionalität. Ebenso gut sind wir auch im Finanzbereich aufgestellt. Dort werden schließlich unter der Leitung meines Vorstandskollegen Johann-Peter Krommer an den Kapitalmärkten die Erträge verdient, mit denen wir unser gemeinnütziges Tun finanzieren. Keine einfache Aufgabe in unserer Zeit!

Als Vorstandsvorsitzender legen Sie aber doch die inhaltliche Strategie fest.

Nein, unser Stiftungsrat legt in Zusammenarbeit mit dem Vorstand die Stiftungsstrategie fest. Den Stiftungsrat bilden der Präsident der Polytechnischen Gesellschaft, Walther von Wietzlow, seine Stellvertreterin Dr. Birgit Sander, sodann Erika Pfreundschuh, Prof. Dr. Herbert Beck, Eberhard Kramer, Prof. Dr. Dr. h.c. Volker Mosbrugger und Louis Graf von Zech. Stiftungsrat und Vorstand tagen mehrmals im Jahr. Da wird alles gewissenhaft geprüft und diskutiert. Und einmal pro Jahr präsentieren wir das, was wir tun und vorhaben, vor der Stifterversammlung, bestehend aus den Mitgliedern der Polytechnischen Gesellschaft. Wir sind schließlich eine Stiftung aus dem Frankfurter Stadtbürgertum.

Was haben Sie sich für das kommende Jahr vorgenommen?

Wir werden uns erstens stärker mit der Digitalisierung der Bildung beschäftigen. Wir werden zweitens ein ,Forum junge Polytechnik’ anbieten, in dem vielseitig interessierte junge Leute im Alter von 14 bis 29 Jahren aus dem Bereich Musik, Sprache, Technik und Naturwissenschaft zusammenkommen. Und drittens werden wir uns im Thema Flüchtlinge und Integration auch in der kommenden Zeit engagieren.

Mit dem geplanten Deutschen Romantik-Museum wird ein einmaliger Ort literarischer Bildung in Frankfurt geschaffen, an dem die herausragende Sammlung des Freien Deutschen Hochstifts einen Platz findet und zugänglich wird. Mit der Förderung verbindet die Stiftung das Ziel, einen Beitrag zur Bereicherung des Museumsstandorts Frankfurt zu leisten und die Bildungs- und Vermittlungsarbeit des Museums zu unterstützen. Die Stiftung hat im August 2015 zugesagt, das Museum der Romantik in Frankfurt mit einer Förderung in Höhe von 750.000 € zu unterstützen.

Das Gespräch führte Petra Kammann

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erstellt am 16.12.2015

Roland Kaehlbrandt Foto: Petra Kammann

Zur Person

Roland Kaehlbrandt

Geboren 1953. Nach dem Studium der Romanistik, Germanistik und Völkerkunde in Köln und Paris arbeitete Roland Kaehlbrandt als Lektor für deutsche Sprache und Grammatik an der Universität Sorbonne, Paris, und wurde 1987 zum Direktor der Deutschen Stiftung /Maison Heinrich Heine in Paris berufen.

Nach einer kurzen Zeit als Pressesprecher des Deutsch-Französischen Jugendwerks wechselte er in die Bertelsmann Stiftung, Gütersloh, wo er von 1993 bis 1999 Kommunikations-Chef war. Von 1999 bis 2006 war er Geschäftsführer der Hertie-Stiftung in Frankfurt. Dort initiierte er „START“, das Schülerstipendium für begabte Zuwanderer mit dem Ziel, eine junge Einwanderer-Elite in Deutschland aufzubauen. Außerdem entwickelte er gemeinsam mit Fachleuten ein Konzept zur Wiederbelebung der rhetorischen Bildung in der Schule. Der von einem Stiftungskonsortium getragene „Bundeswettbewerb Jugend debattiert“ hatte zuletzt 100.000 Teilnehmer.

Seit 2006 war Dr. Roland Kaehlbrandt Mitglied des Vorstandes der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main und zuständig für Inhalte, Projekte und Kommunikation; seit Dezember 2008 ist er Vorstandsvorsitzender.

Sitz der Stiftung Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt am Main
Foto: Petra Kammann

Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft

Die Stiftung setzt die Tradition der Polytechnischen Gesellschaft fort, die 1816 von Frankfurter Bürgern gegründet worden war, um Bildung, Wissenschaft, Kultur und Gewerbe zu fördern.

Die Stiftung verfügt über ein Vermögen von rund 400 Mio. Euro. Sie fördert Bildung und Verantwortung in der Stadtgesellschaft. Die Kernkompetenzen der Stiftung sind Familienbildung, Sprachbildung, Hinführung zu Naturwissenschaft und Technik, kulturelle Bildung sowie Bürgerengagement. Zu den Leitprojekten der Stiftung gehören die ,StadtteilBotschafter’, die ,StadtteilHistoriker’, der ,DeutschSommer’, ,Frankfurt schreibt! Der große Diktatwettbewerb’, das ,Diesterweg-Stipendium für Kinder und ihre Eltern’ und das ,MainCampus-Stipendiatenwerk’.

Vortrag der Stadtteilbotschafterin Emel Kocjancic Sauer bei der 10-Jahr-Feier der Stiftung Polytechnische Gesellschaft
Foto: Petra Kammann

Roland Kaehlbrandt
Logbuch Deutsch
Wie wir sprechen, wie wir schreiben
252 Seiten
ISBN 978-3-465-04255-6
Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2016

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