Jean-Luc Nancy nimmt im zweiten Teil seiner Ausführungen zum »Gewicht unserer Geschichte« Marx' Rede vom »Geist geistloser Zustände« zum Anlass, um erneut nach dem Sinn des Wortes »Geist« zu fragen. Seine Überlegungen zeigen, dass Geist dort aufhört, Geist zu sein, wo dessen Sinn fixiert wird, so dass die Grundlage für Dogmen und Gesetze, ob religiöse oder politische, entstehen kann. Daher gelte es, den pluralen Sinn des Geistes zuzulassen.

Essay – Teil II

Der Geist heute

Von Jean-Luc Nancy

»Wo diesen Geist heute finden?« ist eine gleich zweimal seltsame Frage. Zum einen: Wie käme man darauf, »den Geist« finden, ihn irgendwo entdecken zu können? … Zum anderen ist das Wort »Geist« eines der am meisten abgenutzten, eines der risikoreichsten und sogar gefährlichsten. Es hat für das Schlimmste wie das Beste hergehalten. Dennoch läßt sich Marx’ Ausspruch nicht vergessen, der die Religion als »Geist geistloser Zustände« qualifizierte. Um die Abwesenheit von etwas zu benennen, muss man dieses Etwas kennen. Marx hat folglich zumindest eine Ahnung, ein Gefühl oder ein Indiz in Sachen »Geist«. Marx ist hinlänglich als Materialist bekannt: wie kann er von Geist sprechen? Er spricht davon, weil sein Materialismus derjenige der durch Arbeit vermittelten Produktion des dem Menschen eigenen Sinns (oder seines eigenen Werts als absoluten Werts, weder Tauschwert noch auch nur Gebrauchswert) durch ihn selbst ist.

Mit oder ohne Marx kann man sagen, dass der Geist die Produktion eines Sinns benennt (so wie man vom »Geist Dantes« oder vom »Geist der romanischen Kunst« spricht). Ein Sinn ist keine als vollendet unterstellte Bedeutung (wie »Gott« oder »das Glück«), er ist eine Bewegung, durch die sich eine Existenz zur Welt, zu den Anderen und zu sich selbst verhält. Dieses Verhältnis erneuert sich fortdauernd und legt sich nirgendwo fest (wenn es festgelegt, zum Dogma oder Gesetz geworden ist, ist es kein Geist mehr, sondern lebloser »Buchstabe«).

Es handelt sich folglich nicht darum, den Geist zu finden, denn er ist nirgendwo angesiedelt, situiert, und er besteht in nichts Situierbarem (wie ein Text oder ein Name oder eine Form, ein Bild, etc.). Der Geist ist schon da, allein durch die Tatsache, daß man sich in Bezug auf ihn befragt, und er ist selbst dann noch da, wenn diese Frage Beunruhigung und Gefühl eines Mangels wird. Er ist also »da«, an diesem Ort, der nicht irgendwo, sondern durch unsere Handlungen, unser Sprechen, unsere Beziehungen ist. Er ist da wie der Drang, der uns nach ihm fragen lässt.

Zu oft glaubt man heute, ihn als Geist des Humanismus, des Rechts, dessen, was man »Werte« nennt, bezeichnen zu können. Dabei ist es nur zu offensichtlich, dass diese Wörter umso hohler klingen, je mehr man sich auf sie beruft. Geist ist, wenn die Wörter nicht hohl sind. Wenn sie es sind, müssen andere her.

»Mensch« ist ein Wort, das geändert oder neu mit Sinn aufgeladen werden muss. Das ist keine sprachliche Arbeit, es ist eine praktische, konkrete Aufgabe, die sich als die Aufgabe zusammenfassen lässt, eine ganze Kultur, eine Gesellschaft oder eine Zivilisation zu transformieren. Wir haben neue Bedeutungen, wie »Faser«, »Nanosekunde«, »Markt« oder »Netz«. Aber wir haben nur ein veraltetes Wort – »Geist« –, um das auszudrücken, wovon unsere Wörter nicht oder nicht auf verständliche Weise sprechen: wie unsere Existenz – die aller, aller menschlichen, lebenden, kosmischen Anwesenheiten – existiert, im starken Wortsinn, das heißt wie sie sich bildet, gestaltet, sich Verhältnissen öffnet … Wir haben das Gefühl und sogar das Bewusstsein, dass unsere Zivilisation den Geist, der ihrer war, aus sich selbst heraus ausgelöscht hat. Man kehrt nicht um – oder aber man lähmt die Existenz.

Der Geist heute ist schon da, zumindest auf diese Weise: lasst uns existieren, begehren und die Kraft, den pluralen Sinn und die Existenzweisen erfinden.

Umgekehrt und wechselseitig : Wenn Marx von Geist spricht und dabei an die vom Menschen ausgehende Produktion des menschlichen Werts denkt, dann weiß er offenkundig, dass dieser Wert weder ein reines in der Luft schwebendes Ideal ist noch eine schlichte Realität, die greifbar wäre wie ein Stück Stoff oder ein Gewehr. Tatsächlich weiß er, dass nichts in der einen oder der anderen dieser Formen existiert, die beide Bedeutungsidealitäten sind, Wörter, deren Sinn nur Sinn macht, indem er in einem Gebrauch und in einem Austausch bearbeitet, ausgearbeitet, verwandelt wird, für den bzw. die es keine Währung gibt, keine Konvertierbarkeit der Werte, kein allgemeines Äquivalent. Und das ist es, was er, flüchtig, »Geist« nennen kann: die Aneignung dessen, was nicht Eigenschaft, nicht Eigentum von etwas ist, sondern was ein Eigentlich-sein ist, ein Eigentlich-existieren.

Der Zerstörung des Menschen durch den Menschen ging immer einher die Produktion des Menschlichen. Nicht nur durch Krieg und Mord, sondern durch die Ausbeutung, die Knechtung, die Vorherrschaft, den Verrat, den Diebstahl und all dessen, was man »Entfremdung« nennen kann, ob sie nun die anderen oder eine/n selbst aufs Spiel setzt. Die Entfremdung steht letztendlich in Korrelation zur eigentlichen Existenz. Und zwar deshalb, weil dieses »Eigentliche« nicht gegeben, nicht identifizierbar ist und sich letztlich auch nicht aneignen lässt.

Dies ist keine Kleinigkeit, sie beschäftigt die Menschen seit sie Menschen sind. Aber eine Zivilisation, die einerseits durch die Aneignung aller Güter zur Herrschaft wurde und die andererseits das Idol eines universellen Herrschers geschaffen hat, das den Menschen auf den Ausführenden seiner Herrschaft reduzierte, diese Zivilisation ist im Begriff, sich zu verwirken und sich von sich selbst zu lösen. Deren Geist gerät in Konvulsion.

Aus dem Französischen von Ulrike Oudée Dünkelsbühler
(Lektorat: Bernd Schwibs)

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erstellt am 14.12.2015

Jean-Luc Nancy, Foto: Coco Hackel
Jean-Luc Nancy, Foto: Coco Hackel

»Geist ist, wenn die Wörter nicht hohl sind. Wenn sie es sind, müssen andere her.«

»Lasst uns existieren, begehren und die Kraft, den pluralen Sinn und die Existenzweisen erfinden!«

»Was Marx, flüchtig, »Geist« nennen kann, ist die Aneignung dessen, was nicht Eigenschaft, nicht Eigentum von etwas ist, sondern was ein Eigentlich-sein ist, ein Eigentlich-existieren.«