Die Kammeroper zeigt eine „Antigone“ des italienischen Komponisten Tommaso Traetta. Hermann Bahrs selten aufgeführtes „Konzert“ läuft am Burgtheater, Werner Schwabs umso beliebtere „Präsidentinnen“ am Akademietheater. In der Josefstadt ist Georges Feydeaus „Gockel“ zu sehen. Thomas Rothschild berichtet über aktuelle Inszenierungen in Wien.

Theater

Wiener Spitzen

Von Thomas Rothschild

Es scheint ein unausgesprochener Konsens zu bestehen, wonach eine Großstadt nicht mehr als ein Musiktheater, wenn überhaupt eins, benötige. Womit, außer mit den Kosten, will man diese Überzeugung begründen? Der Bedarf unterstützt sie jedenfalls nicht. Wo es mehrere Opernhäuser gibt – in Berlin, in Paris, in London, in Prag oder eben in Wien –, sind sie nicht schlechter ausgelastet als das Sprechtheater.

In Wien gibt es neben der hochsubventionierten Staatsoper und der Volksoper, die einen Repertoirebetrieb pflegen, sowie dem Theater an der Wien, das mit seinem Stagionesystem in den vergangenen Jahren äußerst erfolgreich war, die Kammeroper und die Neue Oper Wien, die sich, ohne feste Spielstätte, speziell um das zeitgenössische Musiktheater kümmert. Nachdem die Kammeroper, trotz ihrem ambitionierten Spielplan, 2012 in Turbulenzen geriet, übernahm das Theater an der Wien das kleine Kellertheater am Fleischmarkt für vergleichsweise billige Produktionen mit jungen Künstlern. Hier kann man auch ein Risiko eingehen, Experimente wagen.

Nicht nur musikalisch erfreulich

Wie sehr sich das lohnt, bewies die Kammeroper jüngst mit einer Ausgrabung: einer „Antigone“ des italienischen Komponisten Tommaso Traetta von 1772. Traetta wurde 1727, also 13 Jahre nach Gluck und 29 Jahre vor Mozart, geboren und starb 1779, zwölf Jahre vor seinem berühmten Kollegen. Von 1768 bis 1775 arbeitete er als Hofkapellmeister am Zarenhof von Katharina II. in St. Petersburg. In dieser Zeit entstand seine „Antigone“. Hört man sie heute, kann man nur staunen, dass diese unaufwendige Oper mit ihrer charmanten, vom ersten Ton der Ouvertüre an packenden Musik nicht längst ihren Eingang ins Repertoire gefunden hat. Vor bald 5 Jahren hat René Jacobs sie an der Berliner Staatsoper dirigiert – als Kuriosum, sozusagen. Zugegeben: die Variationsbreite der Einfälle ist nicht allzu groß, aber das Vorhandene ist von hohem Reiz und handwerklicher Perfektion.

Nicht nur musikalisch erfreut die Aufführung mit dem Bach Consort Wien unter der Leitung von Attilio Cremonesi und einem vorzüglichen Ensemble, allen voran Viktorija Bakan in der Titelrolle. Der russische Regisseur Vasily Barkhatov hat auch eine originelle und plausible Inszenierung auf die beengte Bühne gestellt. Er verlegt die Handlung in die Gegenwart, ohne ihr Gewalt anzutun. Einem Überblick über den im Zusammenhang mit Ödipus stehenden Mythos schickt er einen Hinweis auf christliche Totenzeremonien voraus, die sich den antiken Gebräuchen vergleichen lassen. Kreons Bestattungsverbot allerdings entzieht er damit den nur historisch verstehbaren Hintergrund.

Das Bühnenbild von Zinovy Margolin zeigt eine Grabkammer, in der die Toten der Familie des Ödipus bestattet sind. Hier finden die Auseinandersetzungen zwischen Kreon, Antigone, Haimon und Ismene statt. Kurze Blackouts unterbrechen die Musik und trennen das aktuelle Geschehen von Fantasien und Erinnerungen der Protagonisten. Zugleich liefern sie eine Interpunktion für die zahlreichen Wiederholungen – einer Herausforderung für jeden Regisseur, insbesondere bei älteren Opern. Antigone wird ja schon im Schulunterricht als der Inbegriff der Menschlichkeit vorgestellt. Dass sie sich gegen das von Kreon repräsentierte Gesetz stellt, gilt als vorbildlich. Nur nachahmen sollte man sie nicht – wenn es etwa um syrische Flüchtlinge geht.

Am Schluss scheint es zu einem Happy End zu kommen. Doch das täuscht. Ismene findet sich zwischen lauter Toten wieder.

Fähigkeit zur Verwandlung

Die Regietheater-Diskussion ist an Wien nahezu unbemerkt vorbei gegangen. Zwar holt man sich seit einigen Jahren die prominenten deutschen Regisseure an die Donau, aber alles in allem hält Wien unbeirrt am Schauspieler-Theater fest. Kaum ein österreichischer Kritiker wagt es, von einer Premiere zu berichten, ohne jeden Darsteller wenigstens mit einem nichtssagenden Beiwort namentlich zu nennen. Man geht nicht zu Herbert Fritsch, sondern zu Joachim Meyerhoff ins Burgtheater.

Wie verlockend für die Schauspieler und attraktiv für die Wiener Zuschauer die Fähigkeit zur Verwandlung ist, konnte man beobachten, wenn man hintereinander Hermann Bahrs selten aufgeführtes „Konzert“ am Burgtheater und Werner Schwabs umso beliebtere „Präsidentinnen“ am Akademietheater besuchte. In beiden Inszenierungen spielen Regina Fritsch, Barbara Petritsch und Stefanie Dvorak mit. Und alle drei konnten in ganz unterschiedlichen Rollen brillieren. Insbesondere Regina Fritsch, die im „Konzert“ eine vornehme Dame der besseren Gesellschaft verkörpern durfte, beeindruckt durch den Mut zur Hässlichkeit, mit dem sie Werner Schwabs Erna Gestalt verleiht. Auch sprachlich beherrscht sie das näselnde Raunzen der Oberschicht, das Anton Kuh einst „das Negligé im Tonfall“ nannte, ebenso wie das ordinäre Geschimpfe einer „Mindestpensionistin“.

Stellen die drei Damen das Verbindungsglied zwischen diesen beiden Inszenierungen her, so ergeben sich beim Blick über das Burgtheateruniversum hinaus ganz andere Zusammenhänge. Bahrs „Konzert“ legt nämlich einen Vergleich mit Georges Feydeaus „Gockel“ in der Übersetzung von Elfriede Jelinek drüben in der Josefstadt nahe. Das Theater in der Josefstadt hat sein Image in den vergangenen Jahren zwar verändert – mit dem Stück „Am Ziel“ in der Regie von Cesare Lievi und mit der göttlichen Andrea Jonasson in der Hauptrolle hat es innerhalb von wenigen Jahren bereits den dritten Thomas Bernhard auf dem Spielplan, im Februar folgt eine Bearbeitung seines besten Romans „Die Auslöschung“ –, aber das Konversationsstück und die Farce sind im Rückblick seine eigentliche Domäne. Wie der Regisseur Josef E. Köpplinger das formidable Ensemble auf Trab hält, wie er eine Pointe die andere jagen lässt, das kann geradezu als Lektion für alle Boulevardtheater dienen. Köpplinger reizt die Grundstruktur der Farce – Tür auf, Tür zu – aus und macht sich darüber lustig, indem er neben den Kulissentüren, die nirgendwohin führen, einen durchweg freien Durchgang nutzt. Doch der Vergleich mit dem nur 13 Jahre später entstandenen Lustspiel von Hermann Bahr offenbart die Gnadenlosigkeit, mit der der Franzose die Heuchelei und Verlogenheit der Bourgeoisie bloßstellt. Vom „Konzert“ führt ein gerader Weg zur amerikanischen Screwball Comedy, in der nach Irrwegen am Ende die bürgerliche Ordnung wieder hergestellt ist. Bei Feydeau herrscht am Schluss nur noch das Chaos.

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erstellt am 11.12.2015

Szenenfoto Theater an der Wien in der Kammeroper
© Herwig Prammer

Oper

Antigone

Musik von Tommaso Traetta
Libretto von Marco Coltellini

Musikalische Leitung Attilio Cremonesi
Inszenierung Vasily Barkhatov
Ausstattung Zynovy Margolin

Theater an der Wien in der Kammeroper

Szenenfoto Theater an der Wien in der Kammeroper
© Herwig Prammer

Theater

Das Konzert

Von Hermann Bahr

Regie Felix Prader
Bühnenbild Werner Hutterli
Kostüme Ingrid Erb
Mit Peter Simonischek, Regina Fritsch, Florian Teichtmeister, Stefanie Dvorak, Barbara Petritsch u.a.

Burghteater / Akademietheater Wien

Die Präsidentinnen

Von Werner Schwab

Regie David Bösch
Bühne und Kostüme Patrick Bannwart
Mit Regina Fritsch, Barbara Petritsch, Stefanie Dvorak

Szenenfoto Theater in der Josefstadt Wien
© Erich Reismann

Theater

Der Gockel

Von Georges Feydeau

Regie und Licht Josef E. Köpplinger
Bühnenbild Judith Leikauf, Karl Fehringer
Kostüme Alfred Mayerhofer
Mit Dominic Oley, Silvia Meisterle, Michael Dangl u.a.

Theater in der Josefstadt