Die Uraufführung von Kleists „Penthesilea“ fand erst 1876 in Berlin statt. Das Echo der zeitgenössischen Kritik war verheerend. Michael Thalheimer konzentriert sich bei seiner Frankfurter „Penthesilea“-Inszenierung allein auf den Text. Sie wird zu einem Theaterhöhepunkt des Jahres, meint Martin Lüdke.

Theater

Wen die Liebe fällt

Von Martin Lüdke

Vorbemerkung: Naivität dient gelegentlich als Marschverpflegung der Spontaneität. Das ist mir, nicht schmerzlich, aber doch bewusst. Nach der „Penthesilea“, ich habe erst die zweite Vorstellung, nicht die Premiere gesehen, doch ein ebenso begeistertes Publikum erlebt, spürte ich überraschend Nachwirkungen dieses Theaterabends, wie ich sie bislang nur selten gespürt hatte. Eine nachwirkende Begeisterung, durchaus mit entgeisterten Zügen.
Bilder, Blut in Strömen, intensivste Bilder, dann diese röhrende, aus dem tiefsten Inneren sich herauspressende Stimme, dieses Stöhnen eines tödlich verwundeten Wesens, das nicht nur seinen Schmerz herausschreit, sondern mit diesen Lauten, es sind längst keine Worte mehr, nur noch ein „Oh, Oh“, das die ganze Welt von sich weist. Eine Welt, die das größte Glück, nämlich Liebe, im gleichen Zuge gezeigt und versagt hatte.
Die ganze Nacht hindurch haben mich diese Eindrücke verfolgt. Am nächsten Morgen musste ich, passenderweise, zur Beerdigung eines einst engen Freundes.

Thalheimers Inszenierung beginnt mit dem Ende.

Es ist dunkel. Still. Dann hebt sich langsam, knirschend der riesige eiserne Vorhang. Der Blick auf die völlig schwarze Bühne wird frei. Ein Dreieck, seine Fläche füllt den gesamten Bühnenraum aus. Es erhebt sich von der Rampe bis weit hoch in den Bühnenhimmel, steil nach oben, läuft spitz zu, als wäre es die uns zugeneigte Seite einer Pyramide.

Ganz oben auf der Spitze sitzt, in einem langen, leuchtenden, hellgelben, mit tiefroten Blut befleckten Rock, Penthesilea, nackter Oberkörper, in ihren Armen den Geliebten, den sie umgebracht hat, ja regelrecht zerfleischt hat, Achill, den König der Griechen, jetzt nackt und bloß, blutverschmiert, noch immer blutend.

PENTHESILEA, Regie: Michael Thalheimer, Felix Rech, Constanze Becker. Foto: Birgit Hupfeld

Tot. Das Bild gleicht einer Pietà.

Penthesilea stöhnt, stammelt. Sie begreift das Geschehen nicht. Und begreift es doch. Es ist das Ende. Achill gleitet aus ihren Armen, rollt, langsam, dann immer schneller die steile Fläche hinab, bis er irgendwann liegenbleibt.

An seine Vertraute Marie v. Kleist schrieb Heinrich von Kleist Ende 1807, nachdem er „Penthesilea“ fertig geschrieben hatte: „Sie hat ihn wirklich aufgegessen, den Achill, vor Liebe.“ Und im gleichen Atemzug: „Erschrecken Sie nicht, es läßt sich lesen.“ Lesen schon. Obwohl das nicht jeder so sah. Das Stück erschien denn auch im Jahr darauf als Buch. An eine Aufführung glaubte Kleist nicht, schon gar nicht in absehbarer Zeit. Und Goethe höchstselbst, der sich mit Penthesilea „noch nicht befreunden“ konnte, gibt dem Autor einen gutgemeinten Rat: Er möge nicht „auf ein Theater warten, welches da kommen soll.“

Der Stoff, nun gut, griechische Mythen, mit erheblichen Schreckenspotenzial, unbezähmbarer Gewalt. Aber die Handlung? Es geschieht, bei Lichte betrachtet, nichts. Nichts auf der Bühne selbst. Da sprechen Leute, mehr nicht. Die Handlung findet anderswo statt, ist verlagert. Die von Kleist so benannte „Szene“, das „Schlachtfeld von Troja“, auf dem gerade, und keiner weiß warum, ein Heer der Amazonen gegen die Griechen kämpft, kann von den Zuschauern nicht eingesehen werden. Sie sind damit auf die Berichte von Boten und Augenzeugen angewiesen. Also: ein Drama aus zweiter Hand. Das hatte bis dahin, meines Wissens, so noch keiner gewagt.

Die Uraufführung fand erst 1876 in Berlin statt. Das Echo der zeitgenössischen Kritik war verheerend, sowohl zu Kleists Lebzeiten als auch später im 19. Jahrhundert. Und, wie gesagt, mehr als verhalten, Goethe wusste es nicht einmal zu würdigen, dass ihm Kleist „auf den Knien seines Herzens“ entgegenrutschen wollte. Ludwig Tieck sprach von einem „seltsamen Ungeheuer“. Noch Friedrich Gundolf tut sich in seiner Monographie (1922) schwer mit dem Dichter, spricht der „Penthesilea“ schlicht die „Kunstleistung“ ab und nennt sie stattdessen eine „Natur=Erscheinung Kleists.“ Womit er, richtig verstanden, durchaus etwas Richtiges getroffen hat. Nämlich dieses dionysische Moment, das in der Dialektik von Natur und Naturbeherrschung (die jedes Individuum noch einmal in sich selbst austrägt) als fortwährender Sprengsatz wirkt. Doch langsam kam die Deutungsmaschinerie ins Rollen. Günter Blöcker, wohl der bedeutendste Literaturkritiker der alten Bundesrepublik, präsentierte 1960, in die Zeit passend, eine existentialistisch angehauchte Interpretation Kleists (und der Penthesilea). Das Pathologische, das seine Zeitgenossen an Kleist ausmachen wollten, dechiffriert Blöcker als unser wiederaufgedecktes archaisches Erbe. Ihm folgten von den (Post-)Strukturalisten beeinflusste (psychologische) Deutungen, die den Begriff des Begehrens ins Zentrum stellten. Usw., usw.

PENTHESILEA, Regie: Michael Thalheimer, Felix Rech, Constanze Becker. Foto: Birgit Hupfeld

Nur: Wie soll man das auf die Bühne bringen?

Hundertfünfzig Jahre nach Kleists Tod verwies der große Theatermann Gerhard F. Hering auf die Konsequenzen des unerhörten Tempos, der atemlosen Verse. Hering schrieb: „Die gültige Aufführung der Penthesilea spielt auf der Bühne“ – und zwar auf der Bühne „unserer Phantasie“.

Diese Einsicht hat jetzt Michael Thalheimer in seiner Frankfurter Inszenierung konsequent und auch radikal umgesetzt. Er konzentriert sich, trotz (ja gerade durch seine erheblichen) Streichungen, allein auf den Text. Nicht zehn wie bei Kleist, sondern nur noch drei Personen stehen auf der Bühne: Penthesilea (von Constanze Becker regelrecht gelebt, nicht nur gespielt), Achill (Felix Rech, ein ihr ebenbürtiger griechischer Heros, Modellathlet dazu) und dann (Josefin Platt) „Eine Frau“, die Texte unter anderem von Prothoe und den anderen Fürstinnen der Amazonen, auch von Dianas Oberpriesterin spricht.

Im Zentrum steht der Kampf zwischen Penthesilea und Achill, die verschiedenen Phasen dieses Kampfes – um die Liebe des jeweils Anderen, um seine Unterwerfung, aber auch der Selbstaufgabe, um der Liebe willen, hemmungsloses Begehren, und vor allem bei Penthesilea der Stolz einer Frau, deren Rolle es von ihr verlangt, den Mann, den sie liebt, zu besiegen, zu unterwerfen. Die verschiedenen Facetten der Dialektik des Kampfes um Anerkennung werden von Kleist durchgespielt, konsequent – bis zum Ende. Hier wird Pathos, in seiner ursprünglichen Bedeutung, sichtbar und erlebbar. Das Leiden von Kreaturen, die – vergeblich – gegen ihre Natur und ihr Selbst ankämpfen müssen, und keine Chance haben, weil nicht das Gesetz sie bezwingt, sondern ihr eigenes Gefühl. Constanze Becker lebt es.

Als Achilles seiner Geliebten gesteht: „Zwar durch die Macht der Liebe bin ich dein, / Und ewig diese Banden trag ich fort; / Doch durch der Waffen Glück gehörst Du mir“, ist das Schicksal nicht mehr aufzuhalten. Doch, wie G. Blöcker meinte, führt nicht das Gesetz der Amazonen zur tragischen Wendung, sondern „die Überspannung eines groß gearteten Gefühls“.

Die Amazonen, seit jeher verpflichtet, die Männer, die sie zur Fortpflanzung brauchten, in einem Feldzug zu besiegen, im Triumph nachhause zu führen, und nach getaner Erfüllung ihrer männlichen Pflichten, wieder freizulassen, hatten sich Troja als Schlachtfeld ausgesucht. Es treffen hier zwei Welten aufeinander. Die archaischen Amazonen, die modern(ner)en Griechen. In dieser Frontstellung spielt Kleist aber auch den Konflikt zwischen Frau und Frau aus. In einer berührenden Szene erzählt Penthesilea ihrem Geliebten die Geschichte ihres Volkes und die Begründung ihrer seltsamen Sitten. Achill versteht ihre Motive, er würde sich sogar diesen Gesetzen unterordnen, nach denen sie handeln muss. Doch nach der Logik von Liebesbeziehungen, er glaubt, dass sie glaubt, dass er glaubt und, naturgemäß, auch umgekehrt, kommt es zwangsläufig zur Katastrophe.

Damit sind wir wieder am Anfang der Inszenierung und wieder am Ende des Stücks.

Penthesilea sitzt, den toten Achill in den Armen, blutüberströmt auf der schwarzen, leeren Bühne. Dazu Musik (warum, habe ich nicht herausgefunden). Große Schauspieler bringen einen großen Theaterabend zu Ende. Das Kleist’sche Schlusswort: „Die abgebrochene Eiche steht im Sturm, / Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder, / Weil er in ihre Krone greifen kann.“ – diese Worte müssen hier nicht ausgesprochen werden. Denn es ist so. Wir haben es gesehen. Erlebt und mit erlitten.

Kommentare


Alban Nikolai Herbst - ( 13-12-2015 07:45:08 )
Eine so großartige Kritik, daß ich in diese Inszenierung sofort hineinmöchte - auch weil sie, die Kritik, über das Stück selbst noch hinausgreift - was eigentlich gar nicht möglich ist. Und weil sie p e r s ö n l i c h etwas mitteilt, ein greifendes Verhältnis von Autor und Gesehenem. Mit dem kleinen Vorspann, "die ganze Nacht hindurch", wurde ich sinnlich in die Besprechung hineingezogen. Keine Abwehr, sondern Annehmen. Toll.

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erstellt am 11.12.2015

Penthesilea-Plakat
Penthesilea-Plakat

Szenenfoto Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

Theater

Penthesilea

Von Heinrich von Kleist

Regie Michael Thalheimer
Bühne Olaf Altmann
Kostüme Nehle Balkhausen

Schauspiel Frankfurt

Szenenfoto Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld