Nach allem, was man weiß, gehörten selbstgewählte Armut, die Erledigung der Notdurft, Essen und Masturbieren in der Öffentlichkeit zur radikalen Lebensweise des Diogenes von Sinope. Der Kyniker lebte, was er lehrte, und konnte deshalb nach Ansicht Otto A. Böhmers mit Sicherheitsfragen nichts anfangen.

Holzwege

Überall nur Gesindel

Der Philosoph Diogenes von Sinope

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Diogenes von Sinope saß in seinem Fass und lauschte dem selten gewordenen Jahresregen, der seit einer knappen Stunde herniederging. Alles schön und gut, dachte der Philosoph, gibt es sanftere Klänge als die des herab streichenden Wassers, das den Menschen die erhitzten Köpfe kühlt und Balsam ist auf den Risswunden der Erde? Alles schön und gut – aber es regnet herein; mein Faß scheint undicht zu sein. Dabei bewohne ich es doch erst neunzehneinhalb Jahre. Kann es sein, dass ich – nach so kurzer Zeit – schon ein neues Fass benötige? Er fühlte sich unbehaglich; klammheimlich breitete sich Nässe aus in seiner Hausröhre, und aus gegebenem Anlass musste er fürchten, bald wieder vom Zipperlein geplagt zu werden. Diogenes beschloss zu handeln. Am nächsten Tag, an dem freundlicherweise die Sonne schien und seine schmerzenden Knochen wärmte, ging er zu Metrokles, seinem mit Abstand unbegabtesten Schüler, der allerdings ein Import- und Export-Genie von hohen Graden war: Metrokles kaufte und verkaufte alles; sein Haus glich einer ins Phantastische aufgewölbten Rumpelkammer, die früher einmal, so stand zu vermuten, als Lasterhöhle mit einem gewissen Wohnkomfort gedient hatte. „Mein lieber Diogenes“, rief Metrokles, der die Überschwänglichkeit für die Haupttugend des Handelsmannes zu halten schien. „Mein lieber Diogenes. Ich freue mich, dich, den größten noch lebenden Freund einer auf den Hund gekommenen Weisheit, in meinem Hause begrüßen zu dürfen. Was kann ich für dich tun?“ „Ich brauche ein neues Fass“, sagte der Philosoph. „Mein altes hat ein Loch.“ „Mich wundert, dass du nicht früher gekommen bist“, antwortete Metrokles. „Man trennt sich heutzutage viel früher von seinen alten Behausungen. Beizeiten Wohneigentum erwerben, heißt die Devise. Dafür gibt es auch günstige Finanzierungsmodelle. Wenn du möchtest, kann ich dir …“ „Wovon redest du?“ sagte Diogenes. „Ich will ein neues Fass, mehr nicht.“ – „Zufällig habe ich heute ein ausgesprochen formschönes Modell hereinbekommen“, sagte Metrokles. „Du stehst direkt davor.“ „Ich sehe nur dich“, brummte Diogenes, „und du hast in der Tat etwas Fassähnliches an dir.“ „Du musst schon genauer hinschauen“, sagte Metrokles. „Dieses herrliche, feinziselierte, rostfarbene Fass, vor dem du dich befindest, ist nicht nur garantiert wasserdicht, sondern auch mit einer speziellen Einbruchsicherung versehen.“ „So ein Unfug“, sagte Diogenes, „wer sollte bei mir, und dazu noch in ein Fass, einbrechen wollen?“ „Was weißt du, mein Freund“, rief Metrokles aus, „was weißt du von der Schlechtigkeit der modernen Welt. Überall nur Gesindel. Halunken und Diebe beherrschen die Szene. Man klaut heute, wenn ich das so sagen darf, alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Da bist du in einem von mir gelieferten Fass vergleichsweise gut dran, denn es hat, wie eben gesagt, einen verblüffenden Mechanismus an sich, eine perfekt funktionierende Einbruchsicherung, die …“ „Entschuldige, dass ich dich unterbreche“, sagte der Philosoph. „Aber bin ich in diesem so sehr gesicherten Fass auch sicher – vor mir?“ „Ich weiß nicht ganz, was du meinst, mein Bester“, sagte Metrokles. „Willst du das Fass nun haben oder nicht?“ „Ich nehme es“, sagte Diogenes. „Aber ich habe kein Geld, es zu bezahlen.“ „Das macht gar nichts“, sagte Metrokles. „Erwähnte ich nicht, dass es Finanzierungsmodelle gibt, die auf die Bedürfnisse des einzelnen Kunden zugeschnitten sind?“ „Erwähntest du, ja“, sagte Diogenes. „Aber gelten deine wundersamen Modelle auch für jene, die kein Geld, geschweige denn sonstiges Eigentum besitzen?“ „Gerade für die werden Finanzierungsmodelle gemacht“, sagte Metrokles. „Du magst dich in der Philosophie auskennen, mein Freund, aber von Finanzen verstehst du nichts. – Ich liefere dir dein Fass morgen vormittag.“ „Dann kann ich nur hoffen, dass es heute nacht nicht mehr regnet“, murmelte Diogenes. „Leb wohl, Metrokles. Von der höheren Weisheit hältst du dich auf gekonnte Weise fern – aber dafür scheinst du jederzeit Geld zu verdienen, und nur das, fürchte ich, zählt in aschgrauer Zukunft.“

Auf dem Heimweg dachte Diogenes über sein Sicherheitsproblem nach. „Es kann keine absolute Sicherheit geben“, murmelte er vor sich hin, „das weiß jeder Verteidigungsminister, dem die nötige Einfalt zu Gebote steht. Wenn er sterben soll, stirbt der Mensch, ob im Fass oder in der Tonne; wer mir ans Leben will, wird sich von seinem guten Vorsatz nicht abhalten lassen. Alle Einbrecher aber, so sie sich denn mit mir ins Benehmen setzen wollen, schicke ich von jeher weiter zu dem ebenso vornehmen wie reichen Platon, einem wahrhaft unsympathischen Philosophen: Bei dem gibt es viel mehr zu holen.“

Diogenes war, so zu sich selber sprechend, an einen kleinen Platz gekommen. Dort erblickte er einen vierschrötigen Mann, der mit Pfeil und Bogen auf eine in geringer Entfernung stehende Scheibe zu schießen versuchte. Es war Hermippos, der anerkannt schlechteste Schütze der Stadt, der seinen Begabungsmangel durch eisernen Trainingsfleiß zu ersetzen suchte. „Mein lieber Hermippos“, rief Diogenes, „ich sehe dich, wieder einmal, bei deiner Lieblingsbeschäftigung. Du lernst es nie, nimm’s mir nicht übel.“ „Übung macht den Meister“, brüllte Hermippos zurück, „sagte das nicht ein bekannter Philosoph?“ „Das kann nur Platon gewesen sein“, brummte Diogenes, „von ihm dürfen wir stets solche trefflichen Weisheiten erwarten“. Er sah, wie Hermippos den Bogen spannte und den Pfeil um einige Meter an der Scheibe vorbeifliegen ließ. Diogenes lächelte; hier bin ich zweifellos besser aufgehoben als in jedem einbruchsicheren Fass, dachte er, ging hinüber zur Zielscheibe und setzte sich direkt davor. „Was soll das?“ rief Hermippos. „Mein Freund“, sagte Diogenes. „Ich kann dir jetzt schon verraten, dass es demnächst eine neue olympische Disziplin geben wird: das Schießen auf den ruhenden Philosophen. Zeig also, was du kannst, und sei mir nicht böse, wenn ich dir sage, dass dies der einzige Ort ist, an dem ich mich sicher fühle.“

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erstellt am 08.12.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Diogenes von Sinope
Diogenes von Sinope