Ein Aug, in Streifen geschnitten, / wird all dem gerecht – so lauten die letzten Verse aus Paul Celans Gedicht „Weißgrau“ aus dem Band Atemwende, die Ingo Ebener nicht nur zu verstehen versucht. Sie dienen ihm auch als Ausgangspunkt einer zweiteiligen, kurzen Geschichte der Blindheit. Teil II führt von Husserl zu Leibniz und Jean-Luc Nancy.

Essay zur Blindheit, Teil 2

Das Auge verschlingt sich selbst

Von Ingo Ebener

In seinen Cartesianischen Meditationen (1) greift Edmund Husserl Descartes Überlegungen im Discours auf, um diese auch gegen Descartes fortzuführen, selbst, wenn er sich genötigt sieht, „fast den ganzen bekannten Lehrgehalt der Cartesianischen Philosophie abzulehnen.“ (CM 3) Das „philosophierende Ich“ soll sich in einem Rückgang als „Ego der reinen cogitationes“ zu erkennen geben. (CM 4) Von einem Urteil über Dinge als „bloß vermeinte Sache“ unterscheidet Husserl „ein ausgezeichnetes urteilendes Meinen“, das er als Evidenz und das heißt „die Sache als 'sie selbst'“ bezeichnet. (CM 12) Mit diesem „Gemeinte[n] bzw. evident Erschaute[n]“ verbindet Husserl die Möglichkeit, dass Wissenschaft etwas als Wahrheit ausdrückt und „als ausdrückliche fixiert“. (2) (CM 12 f. – Meine Hervorhebung)

Unsere Erfahrung liefert uns kontinuierlich das Bild einer Welt, die uns „immerfort als fraglos seiende vor Augen steht.“ (CM 18 – Meine Hervorhebung) Husserl sagt damit, dass zu unserem „reflektierenden Leben“ eine „erfahrene Welt“ und zu dieser, ein bestimmter „Gehalt“ gehört, wobei der Schein, der mit dieser „Welterfahrung“ notwendig verbunden ist, von einem „aufmerkenden Blick mit erfaßt“ wird. (CM 21 – Meine Hervorhebung) Dieser aufmerkende und die objektive Welt einklammernde Blick wird von Husserl „phänomenologische έποχή“ genannt. (CM 22) In ihr sieht er eine „radikale und universale Methode“, die ihre Nähe zu oder sogar Übereinstimmung mit Descartes cogito nicht verleugnen will.

Ich fasse mich also als reines Ich, um „mit dem eigenen reinen Bewußtseinsleben“, die objektive Welt für mich erfassen, erfahren, erinnern etc. zu können, d.h. „so wie sie eben für mich ist“. (CM 22) Mit der έποχή findet für Husserl eine Eröffnung „des ego cogito“ statt, also desjenigen, das uns „wirklich und zunächst ganz unmittelbar gegeben“ ist, wobei wir anders als Descartes, der „vor der größten aller Entdeckungen steht, sie in gewisser Weise schon gemacht hat, und doch ihren eigentlichen Sinn nicht erfaßt, also den Sinn der transzendentalen Subjektivität, und so das Eingangstor nicht überschreitet, das in die echte Transzendentalphilosophie hineinleitet“, nur das „zur Aussage bringen [dürfen], was wir „selbst 'sehen'.“ (CM 26 – Meine Hervorhebung)

Husserl unterstellt hier also Descartes noch im Höchsten oder Äußersten seiner Philosophie eine Blindheit, die ihn der eigenen Entdeckung nicht gerecht werden ließ und sein Sehen verhinderte. Damit verkennt Husserl allerdings, dass es gerade Descartes Blindheit ist, die die Voraussetzungen für sein Sehen schafft.

Mit dem „mit der transzendental-phänomenologischen έποχή hervortretenden“ Ich verbindet (3) Husserl die Reduktion des eigenen menschlichen und natürlichen Ichs und des eigenen Seelenlebens, unter dem Husserl „das Reich meiner psychologischen Selbsterfahrung“ versteht. (CM 27) Diese Reduktion auf das eigene transzendental-phänomenologische Ich beinhaltet weiter auch die „objektive Welt, die für mich ist, die für mich je war und sein wird, je sein kann mit allen ihren Objekten, schöpft, sagte ich, ihren ganzen Sinn und ihre Seinsgeltung, die sie jeweils für mich hat, aus mir selbst“. (CM 27) Die objektive Welt, so wie sie hier beschrieben wird, ist also eine Welt, die für mich, mit all ihren Objekten Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges vereint, wobei die έποχή, die selbst ein Schauen oder Sehen ist, all dem gerecht werden kann.

Doch Husserl übersieht – so die Feststellung von Maurice Merleau-Ponty – den blinden Fleck (punctum caecum) innerhalb des Bewusstseins. Dieser blinde Fleck, d.h. diese Blindheit ist jedoch konstitutiv für das Sehen. (4)

Jean-Luc Nancy hat – auch in jahrzehntelanger Beschäftigung mit Descartes (5) (und Husserl) – die Trennung von Körper und Seele, res extensa und res cogitans nicht nur aufgehoben, sondern in der einzigartigen Weise der Berührung sinnlich verortet. In Corpus (6) greift er die, von ihm bereits früher entdeckte Notiz Freuds: Psyche ist ausgedehnt, weiß nichts davon wieder auf und stellt nicht nur fest, „daß die 'Psyche' Körper ist“, sondern, dass damit ein „Entgangene[s] oder Entgehen“ verbunden ist, was „sie als 'Psyche' konstituiert, und zwar in der Dimension eines Sich-nicht-Kennen(-Könnens/ Wollens).“ (Corpus 23)

Diese Überlegungen modifizierend, notiere ich: Psyche ist ausgedehnt, sieht nichts davon. Sie sieht nichts, will nichts und kann nichts davon erkennen, ist blind gegenüber der eigenen Blindheit. Für Nancy findet in der ausgesprochenen, geistig-nach-innen- und mündlich-nach-außen-gesprochenen-Sprache des cartesianischen ego „ein und dasselbe“ statt, Geist und Mund berühren sich in einer, vom Körper gestifteten Identität, als „corpus ego“. (Corpus 27)

Corpus ego – ein physisches, körperliches Ich befreit den Sinn von seinen Ketten und ermöglicht die indefinite – und vielleicht gerechte – „Durchquerung von Ort zu Ort, aller Orte“, die Durchquerung eines Körpers durch alle Körper, „quer zu sich selbst (…): Das ist das exakte Gegenteil einer Welt von geschlossenen Monaden, es sei denn als die Wahrheit des Einschneidens [meine Hervorhebung] und der gegenseitigen Durchdringung der Monaden in ihrer Gesamtheit, endlich als Körper.“ (Corpus 28)

Monaden – wie Leibniz sie denkt – als „substance[s] simple[s]“ (7), als „veritables Atomes de la Nature“ (8), fensterlose (9) Seelenteilchen (10), können durch ihre innere Geschlossenheit oder Autarkie nicht die Freiheit des Sinns enthalten, der durch die Körperlichkeit gegeben ist, es sei denn – so gibt Nancy zu bedenken – es gibt etwas, dass sich paradoxerweise in die Geschlossenheit einschneidet, diese in Streifen schneidet, ohne zu zerstören (11), gegenseitige Durchdringung ohne Verschlingung.

Aber ist eine Durchdringung ohne Verschlingung überhaupt möglich? Nancy entdeckt die epopteia, „der vollendete Blick, das heißt der Blick, in dem sich die Initiation (die nur 'versteht') überwindet, um zur 'Kontemplation' zu gelangen, zu einem 'Über-Sehen', das ein 'Mit-den-Augen-Verschlingen' ist (wo sich das Auge selbst verschlingt), das ein Zugriff und, schließlich, ein Berühren ist: das Absolute selbst des Berührens, das Den-Anderen-Berühren als Sich-Berühren, ineinander aufgegangen, voneinander verschlungen.“ (Corpus 42) Wenn es den vollendeten und auch das Blicken vollendenden Blick geben kann, den Blick, der sich nicht nur teilt oder zerteilt, aufteilt und verteilt, dann muss sich dieser Blick als ein Blick, der über jedes Blicken hinausgeht, als Meta- oder Über-Blick im eigenen Blick auflösen und erlösen. Das Auge verschlingt sich also selbst, zerschneidet sich bis nichts mehr übrig bleibt, nichts mehr als die Reinheit der Berührung, der anderen Berührung und der Berührung mit dem Anderen, nichts anderes als absolutes Sehen oder Blicken: Blindheit.

Hier kämen wir zu einem Ende, doch es muss noch etwas – und es müsste noch viel mehr – über den Körper geschrieben werden, denn einen Körper zu sehen, bedeutet für Nancy nicht, „ihn mit einer Sicht zu begreifen: Das Sehen selbst entfernt sich dort, es schafft sich dort Raum, es umfaßt nicht die Gesamtheit der Ansichten. Die 'Ansicht' selbst ist ein Fragment des arealen Umrisses, das Sehen ist fragmentarisch, fraktal, ekliptisch. Übrigens ist es ein Körper, der einen Körper sieht…“ (Corpus 42)

Wenn Körper einander im Sehen begegnen, wenn sich also Blicke kreuzen, überlagern, aufeinander überspringen, zerspringen, entfernt sich das Sehen zugunsten eines Raumes, der als „Komplize des Sichtbaren, der Zurschaustellung und der Ausdehnung“ auch immer als Schauplatz eines Gerichts betrachtet werden kann: „wer sieht, der erscheint (vor Gericht) [comparaît] mit dem, was er sieht.“ (Corpus 43) Wie aber kann man (allen) Körpern gerecht werden?

Diese Frage beantwortet Nancy mit der Evidenz, doch mit Evidenz ist nicht die Evidenz im husserlschen Sinne gemeint, sondern – mit Blick auf Descartes – „keine andere Evidenz als die des Körpers.“ (Corpus 44) Körper sind für Nancy evident, weil sie sowohl Anfang als auch das Ende „jede[ r] Richtigkeit [justesse] und jede[ r] Gerechtigkeit [justice]“ sind, wobei sich auch so ausmachen lässt, was Ungerechtigkeit bedeutet: „die Körper zu vernebeln, zu zerbrechen, zu zerquetschen, zu ersticken, sie unterschiedslos zu machen (auf einem dunklen Zentrum aufgehäuft, so sehr zusammengepfercht, daß der Raum zwischen ihnen, in ihnen erdrückt wird – um ihnen selbst den Raum ihres gerechten Todes zu morden).“ (Corpus 44)

Ein Körper – und wenn auch das Auge bei Celan, in seinem geschnittenen Zustand, (Glas-)Körper ist – ist belebt, beseelt, unterschieden. Er kann und darf nicht zerstört werden, wenn er sich nicht in der unendlichen Teilung selbst zugunsten einer absoluten Reinheit auflöst, die uns in der Figur der epopteia bereits berührt hat und der wir den Namen Blindheit gegeben haben.

1 Die Cartesianischen Meditationen (Hamburg 1987) werden unter der Sigle CM fortlaufend im Text zitiert.

2 Husserl möchte damit jedoch keine „Vollkommenheit“ suggerieren und weißt darauf hin, dass eine „'adäquate[ ] Evidenz' (…) prinzipiell im Unendlichen liegt.“ (CM 16)

3 „Ich als natürlich eingestelltes Ich bin auch und immer transzendentales Ich, aber ich weiß darum erst durch Vollzug der phänomenologische Reduktion.“ (CM 39)

4 Analog zur trüben Iris in Celans Gedicht Sprachgitter, wird auch für Merleau-Ponty der Sehakt durch einen blinden Fleck ermöglicht, der blind ist, weil ihm die Lichtrezeptoren fehlen, der aber auch der Ort oder Un-Ort ist, wo der Sehnerv aus dem Auge tritt, also das Sehen seinen Ursprung hat. Vgl. Maurice Merleau-Ponty, Le visible et l'invisible, Paris 1964, S.308.; Vgl. zu Celan: Holger Steinmann, Sperrpoetologie, Zu Paul Celans Sprachgitter, in: Treibhaus, 5 (2009), S.104-116, bes. S.110-111.

5 Ich verweise hier auf Jean-Luc Nancys Interpretation in Ego sum (Paris 1979), die auch Descartes' Dioptrique mit den Meditationes verbindet und Jacques Derridas nach wie vor beeindruckende Ausführungen in Le toucher, Jean-Luc Nancy (Paris 2000).

6 Jean-Luc Nancy, Corpus, 2.Aufl., übers. von Nils Hodyas und Timo Obergöker, Zürich-Berlin 2007. Ich zitiere im Folgenden unter Angabe der Sigle Corpus im Text.

7 G.W. Leibniz, Monadologie, Stuttgart 1998, § 1. Dort wird weiter erläutert: „Simple, c'est à dire sans parties.“

8 Ebd. § 3.

9 Ebd. § 7: „Les Monades n'ont point de fenêtres, par les qvelles qvelque chose y puisse entrer ou sortir.“

10 Ebd. § 16.

11 Nancy könnte also sogar Leibniz Äußerung in § 77: „l'Ame (…) est indestructible“ unterstreichen.

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erstellt am 07.12.2015

Edmund Husserl
Edmund Husserl

»Husserl übersieht – so die Feststellung von Maurice Merleau-Ponty – den blinden Fleck (punctum caecum) innerhalb des Bewusstseins. Dieser blinde Fleck, d.h. diese Blindheit ist jedoch konstitutiv für das Sehen.«

»Nancys „Überlegungen modifizierend, notiere ich: Psyche ist ausgedehnt, sieht nichts davon. Sie sieht nichts, will nichts und kann nichts davon erkennen, ist blind gegenüber der eigenen Blindheit.“«

»Wenn es den vollendeten und auch das Blicken vollendenden Blick geben kann, den Blick, der sich nicht nur teilt oder zerteilt, aufteilt und verteilt, dann muss sich dieser Blick als ein Blick, der über jedes Blicken hinausgeht, als Meta- oder Über-Blick im eigenen Blick auflösen und erlösen.«