Kurzkrimi

E-Mord

Eine Geschichte von Andrea Richter

Monate lang zog sich dieser verdammte Prozess nun schon hin. Wenn sie es wenigstens wie jeden „normalen“ des Mordes Verdächtigen in Untersuchungshaft gesperrt hätten. Aber nein, man hatte es allen Gepflogenheiten zum Trotz in der Freiheit, die keine mehr war, gelassen. Man setzte es den Blicken aller aus. Täglich, stündlich, minütlich. Man beschimpft es, bespuckte es sogar hin und wieder. Es hatte seine Wohnung verloren, seine Freunde, seine Gewohnheiten. Einen Mörder wollte der Vermieter, obwohl es ihm die doppelte Miete geboten hatte, nicht in seinem Haus haben.
Geld hatte das I dank der monatlich fließenden Tantiemen von der Verwertungsgesellschaft Wort im Überfluss. Is wurden täglich millionenfach gedruckt. Es war deshalb reich. Nicht so reich wie es das E einst war. Aber dennoch sehr reich. Trotzdem war niemand bereit, das I aufzunehmen, ihm ein Dach über dem Kopf zu geben. Freunde oder solche, die sich früher voller Stolz als ihm verbunden bezeichnet hatten, hatten sich von ihm abgewendet, sprachen von der Schuld, die es auf sich geladen hatte.
Am meisten störte das I an ihrem Verhalten die Arroganz, mit der sie es behandelten. Dieses vermutete Wissen um die Wahrheit, das sie gar nicht haben konnten. Denn sie waren nicht dabei gewesen. Und dennoch erdreisteten sie sich, über es zu urteilen. Ja, in ihren Augen war es ein Schuldiger. Nicht einmal die Rolle des Beschuldigten, für den der Prozess unter Umständen einen Freispruch bringen könnte, billigte die öffentliche Meinung ihm zu. Heute, am letzten Tag des Verfahrens, würde das A aussagen. Und von dieser Aussage hing alles für das I ab.
Auf dem Weg ins Gericht wog es die Argumente von Anklage und Verteidigung noch einmal ab. Lebenslanges Archiv lautete die Forderung der Staatsanwaltschaft. Lächerlich, hatte sein Rechtsanwalt gekontert. Denn selbst wenn das I des Mordes schuldig sein sollte, was es de facto nicht sei, und deshalb weder die Höchst- noch irgendeine andere Strafe in Betracht komme, würde in der Konsequenz nicht nur der Vokal persönlich, sondern die gesamte Gesellschaft – Mensch für Mensch – der Bestrafung unterzogen. Der Fortfall des I s in der gesprochenen und geschriebenen Sprache wäre ein gänzlich unverantwortbarer, ein undenkbarer Akt.
Der legitime Anspruch der Gesellschaft auf Bestrafung eines Gewalttäters einerseits und der andererseits durch das Fortsperren des Vokals entstehende Schaden für die Allgemeinheit stünden in keinem Verhältnis zueinander. Niemandem sei es zuzumuten, im Bedarfsfall – und der Bedarf trete, das zeige die aktuelle Situation des Fehlens des Es täglich millionen- gar milliardenfach ein – jedes Mal das I im Archiv zu suchen. Zumal, das wisse jeder Archivbenutzer, das rasche Auffinden des Gesuchten durch schlampige Archivierung erschwert werden könne. Auch müsse durchaus mit der Bösartigkeit, die die Betreffenden wahrscheinlich als Humor bezeichneten, gerechnet werden, wenn sie nämlich absichtlich den Vokal an eine andere als die vorgesehene Stelle zurückstellten. Auch das sei seit dem Ausfall des Es längst bewiesene Tatsache.
Bei aller ihm eigenen Bescheidenheit, hatte der Rechtsanwalt gesagt, zögere er keinen Augenblick, die Bedeutung des I s für das Land als einmalig und absolut unverzichtbar einzustufen. Alle täten das: Die Menschen, die Medien – digital wie analog -, die Wissenschaft national und international. Man müsse nur die öffentlichen Diskussionen verfolgen, die Land auf, Land ab seit Beginn des Mordprozesses geführt würden. Schon der Ausfall des E s habe gezeigt, dass das Fehlen eines wichtigen Vokals den Eintritt der größten anzunehmenden Katastrophe bedeute. Seitdem habe man sich sprachlich nur äußerst mühsam behelfen können. Das zusätzliche Fehlen des zweiten hellen Lautes und Schriftzeichens würde voraussichtlich zum gänzlichen Sprachgau führen. Übrigens erlaube er sich anzumerken, so der Rechtsanwalt, dass mit dem Eintritt eines solchen Ereignisses niemand, absolut niemand im ganzen Land gerechnet hatte, was ein außerordentlich schlechtes Licht auf alle mit Sprache und Schrift befassten Wissenschaftler und zuständigen staatlichen Organisationen werfe. Vorwarnungen habe es zur Genüge gegeben. Die Verantwortlichen für das Debakel hätten Sorge dafür tragen müssen und können, dass zumindest die Auswirkungen eines Unglücksfalls dieser Art milder ausgefallen wären. Für alles entwickelte man Notfallpläne. Warum man es nicht für diesen Fall getan habe, fragte der Rechtsanwalt?
Vor der nun unabänderlichen Tatsache stehe man desorientiert wie ein Kind angesichts des plötzlichen Todes der Mutter. Anstatt aber, wie es die unschuldigsten aller Wesen, die Kinder, häufig täten, nämlich sich selbst die Schuld für das Verschwinden des geliebten Wesens zu geben, habe man einen Verantwortlichen gesucht. Dabei sei man auf das I gestoßen. Eindeutige Beweise gebe es nicht. Nur ein Motiv glaube man gefunden zu haben: Eifersucht. Das I habe das E aus dem Weg geräumt, weil es ihm das A ausgespannt habe. Eifersucht sei ein triftiges und häufiges Mordmotiv. Nur treffe es im diesem Fall nicht zu. Und vor allem gebe es keinerlei belastbare Beweise oder auch nur Indizien für Is Täterschaft, hatte der Rechtsanwalt vehement vorgetragen.
Das Gericht hatte jedoch seinen Willen angedeutet, angesichts der Schwere der Folgen des am E begangenen Mordes, besondere Beurteilungsmaßstäbe anzulegen, wozu die besondere Gewichtung der Aussage des A s über den Charakter des I s gehörte.
Dass das I der heutigen Aussage des A s nun mit gesteigerter Nervosität und Anspannung entgegensah, ist deshalb verständlich.

Was war passiert?
Bis vor etwa zwei Jahren hatte das I eine jahrhundertealte Liaison mit dem E gepflegt. In die Beziehung hatte sich, wie es so oft geschieht, mit der Zeit eine gewisse emotionale Abstumpfung eingeschlichen. Eines Tages traf das I das A anlässlich der Feierlichkeiten zur Herausgabe eines neuen Kulturmagazins in Frankfurt. Das A sah eigentlich aus wie immer, doch es erschien dem I plötzlich in neuem Licht. Es verliebte sich unsterblich in das A. Es fühlte sich von den auseinanderklaffenden Schenkeln des Vokals erotisch angezogen. Es näherte sich ihm, umgarnte das A mit Charme, Witz und Esprit. Das A zeigte sich von den Avancen des I s geschmeichelt, entdeckte selbst in seinem tiefsten Inneren echte Gefühle für den Vokal. Das I trennte sich vom E, das I s Gefühle respektierte.
In der Folge verbanden sich A und I immer stärker miteinander, ersetzten, wo immer sie konnten, das E durch ein A, um beieinander sein zu können. Sie begannen dort, wo es am wenigsten auffiel, nämlich im Sprachgebrauch. Dann machten sie sich vorsichtig – und zunächst nur von schreiberisch gewandten Menschen bemerkt – an das Ersetzen im Bereich des Umlauts EI, das nun als AI erschien.
Das E rief daraufhin die Wissenschaft auf den Plan, mit deren Hilfe sogenannte Pisa-Studien durchgeführt und auf den alarmierenden Zustand hingewiesen wurden. Schüler und Studenten hatten sich in weiten Teilen der neuen, aber regelwidrigen Rechtschreibung angepasst. Und zwar mit einer durchaus dem Zeitgeist entsprechenden Begründung: Diese Art der Orthografie bringe ihnen mehr Spaß. Da sich also eine wenn auch nicht Mehrheit, aber doch ein großer Teil des schreibenden Volkes für den Fortfall des Es aussprach, wagte das Liebespaar einen Vorstoß: A und I brachten eine Rechtschreibreform ins Gespräch. Dieses Vorhaben stieß erwartungsgemäß auf geteiltes Echo. Eine Volksabstimmung sollte die Entscheidung bringen.
Eines der Lager, das sich „Gerechtigkeit für Alle“ nannte, wies auf die generelle Übermacht des E s hin. Es habe im Verlauf der Zeit eine kartellrechtlich höchst bedenkliche Vormachtstellung erworben und sei der mit Abstand am meisten vertretene Buchstabe des Alphabets. A und I hätten völlig Recht, diesem unhaltbaren, weil in der Verteilung ungerechten Zustand einen Riegel vorzuschieben. Den beiden Vokalen komme der unschätzbare Verdienst zu, auf diesen Missstand aufmerksam gemacht zu haben. Nun sei es Sache der Politik, Gerechtigkeit herzustellen, für eine quantitativ in etwa gleiche Verteilung von Buchstaben zu sorgen.
Das zweite Lager, mit dem programmatischen Namen „Freiheit für Alle“, lehnte jeden regulierenden Eingriff ab. Sprache sei der permanenten Veränderung unterworfen. In diese Entwicklung dürfe keinesfalls eingegriffen werden, da ansonsten die Freiheit im Allgemeinen gefährdet sei. Regulierung bedeute Diktatur und Diktaturen, das zeige die Erfahrung der letzten Jahre, würden von den Vereinigten Staaten – bevor man es so recht begriffen habe – zu Schurkenstaaten deklariert, überfallen und schließlich sprachlich dominiert. Ob denn tatsächlich irgendjemand in diesem Land wolle, dass Englisch statt Deutsch zum offiziellen Idiom ernannt werde? Mit dem Motto „Freie Buchstaben für freie Bürger“ zog dieses Lager in den Wahlkampf.
Die Konservativen und radikalen Traditionalisten, das dritte Lager, riefen mit ihrer Forderung, zu den guten alten Schreibweisen zurück zu kehren, zunächst einen Kampf innerhalb der eigenen Reihen hervor. Auf einem bundesweiten Vorwahlkampftreffen der Delegierten, gewann die genannte Meinung jedoch die Oberhand und fortan unterwarfen sich alle Mitglieder im Namen der anstehenden Volksabstimmung der demokratisch gefassten Mehrheitsentscheidung. Man ließ das E hochleben und bezog es aktiv in seinen Kampf für sich selbst ein. Das E wurde kurzfristig zum Star der Medien.
Das A und das I wähnten sich deshalb eine ganze Zeit lang auf der Verliererstrecke, was sie allerdings wenig tangierte. Denn sie durchlebten eine rauschhafte Phase der Liebe, die kein E anfechten konnte. Sie standen zueinander in Treue und Loyalität. Wer sie zusammen erlebte, war gerührt von dieser Übermacht der Gefühle. Zwei Wochen vor dem alles entscheidenden Tag der Abstimmung brachte die bekannteste und größte aller Publikumszeitungen im Lande eine zu Herzen gehende Berichterstattung über diese wunderbare Liebe, und die Menschen liebten sie für ihre Liebe. Ihre Gegner, nämliche Konservative und radikale Traditionalisten, glaubten dem nichts mehr entgegensetzen zu können und verloren sich in verzweifelten und zweifelhaften Attacken.
Endlich kam der Tag der Abstimmung. Die Wahlbeteiligung lag bei nahezu einhundert Prozent. Vor den Wahllokalen bildeten sich lange Schlangen und die Menschen waren bereit, stundenlang zu warten, trotz des über ganz Deutschland niedergehenden strömenden Regens. Mehrere Babys ertranken in ihren Kinderwägen.
Um achtzehn Uhr und fünf Minuten verlas der Sprecher des ersten Fernsehprogramms die erste Hochrechnung. Er verhaspelte sich mehrfach angesichts des unerwarteten Ergebnisses. Doch dann erläuterte er mithilfe mehrerer Grafiken das Unfassbare: Die Konservativen und radikalen Traditionalisten lagen mit weitem Abstand in Führung. Gegen Mitternacht hatten sie eine Mehrheit von siebzig Prozent der abgegeben Stimmen erreicht. Das E war nicht nur gerettet, sondern würde seine vormalige Vormachtstellung sogar noch ausbauen können. Seine Lagervertreter kündigten an, das I durch ein Y ersetzen zu wollen. Denn diese totale Abwahl des I s durch das Volk verlange drastische Konsequenzen.
Das A und das I saßen vor dem Fernsehen und verfolgten die Geschehnisse wie immer in inniger Umarmung. Als das A vernahm, dass das I abgeschafft werden sollte, packte es die Angst und es weinte. Dem I gelang es nur mit Mühe, das geliebte A zu beruhigen: Da werde im Siegesrausch über die Stränge geschlagen. Selbst in den härtesten Wahlkampfzeiten sei diese Forderung nicht ein einziges Mal aufgetaucht. Das wolle niemand wirklich.
Doch in der nächsten Zeit ließ das A das I nur selten zwischen seine gespreizten Schenkel schlüpfen und das I bemerkte eine gewisse Abkühlung der bisher so ergebenen Liebe. Das A entzog sich mehr und mehr den vertrauten Umarmungen des I s, gab vor mehr Ruhe zu brauchen, gar unter Schmerzen seines Querbalkens zu leiden. Das I merkte, wie das A sich langsam von ihm entfernte und war darüber sehr bekümmert.
Auch entging ihm nicht, wie das geliebte A sich immer öfter an der Seite des siegreichen E s sehen ließ, das sich huldvoll seiner annahm. Dabei verlor das E niemals ein böses Wort über das I, widersetzte sich allen Bestrebungen, das I durch das Y zu ersetzen, sprach von Verständigung und der Notwendigkeit der Existenzmöglichkeit für alle, und das A nickte dazu. An der Seite des E s gewöhnte es sich schnell an das Licht der Öffentlichkeit und nun erschienen E und A jedermann als das perfekte Paar. Nach einer Weile gaben sie bekannt, eines zu sein und heiraten zu wollen.
Der anfänglichen Bedrücktheit des I s über den Verlust des A s folgte reine Wut. Jede Parteinahme von E und A gegen die Fanatiker der I -Vernichtung erschien ihm als pure Lüge. Jedes Wort zu seiner Verteidigung war in seinen Augen nichts weiter als ein Angriff, ein Akt der Selbstgerechtigkeit, die das ideale Paar öffentlich zur Schau stellte mit einem einzigen Zweck: Das I noch weiter zu erniedrigen, es als ein bemitleidenswertes Wesen darzustellen, dessen Dasein allein von ihrer Gunst abhing, auf das aber letztlich verzichtet werden konnte. Wahrscheinlich liefen im Hintergrund längst Verhandlungen mit dem Y, das, soweit das I es kannte und einschätze, mit Sicherheit den Schmeicheleien und der Aussicht auf eine geradezu grandiose Aufwertung seiner Persönlichkeit erliegen würde. Obwohl das I das Y keineswegs für hinterhältig hielt, beileibe nicht, aber es kannte seine Schwäche nur zu genau. Die eines jeden vergleichsweise wenig Geachteten: Es wollte im Mittelpunkt stehen und würde, ohne die Folgen in ihrer Gesamtheit zu berücksichtigen, jedes Erfolg versprechende Angebot dankbar annehmen. Dass damit die Vernichtung des I s einherginge, würde ihm erst dann auffallen, wenn es geschehen war.
Im I reifte die Erkenntnis, dass es sich schnellstens gegen diese Unbilden zur Wehr setzen musste und zwar mit aller ihm zur Verfügung stehenden Macht und Kraft. Deshalb fasste es einen Plan.

Es war an einem Dienstag vor genau vier Monaten, als das A sich gerade seinem karitativen Engagement widmete, das den Partnern staatswichtiger Persönlichkeiten traditionsgemäß zuwuchs. In diesem Fall handelte es sich um die Alphabetisierungsunterstützung junger Menschen, die mangels besserer Angebote und erforderlicher Lebensdisziplin zu von purer Langeweile getriebenen Gewalttätigkeiten neigten.
Angezogen vom ungeheueren Charme wie von der Überzeugungskraft des A s strömten die jungen Leuten, vor allem die Problemgruppe der heranwachsenden Männer, die zweifelsohne allesamt von den gespreizten Schenkeln des As träumten, in seine Kurse an den Dienstagabenden. Und tatsächlich gelang es dem A, das richtige Schreiben zum populärsten aller Zeitvertreibe zu machen. Die Gewaltstatistik erlebte einen nie gekannten Tiefpunkt und die Kultur einen von niemandem erwarteten Aufschwung. Das I bewunderte das A grenzenlos dafür und seine Liebe zu ihm wuchs noch mehr.
An jenem Dienstagabend also, während das A seinen Kursus abhielt, brach das E wie üblich zu seinem Abendspaziergang auf, allein. Es ging durch die Straßen der Stadt und summte zufrieden vor sich hin.
Auch das I war unterwegs, um unter dem klaren Sternenhimmel frische Luft zu schnappen. Das hatte es früher allabendlich mit dem A getan und merkte nun noch schmerzlicher, wie sehr es ihm fehlte. Als es das E so zufrieden vor sich hin gehend entdeckte, packte das I plötzlich eine unbezähmbare Wut gegen den Konkurrenten. Es machte sich klein (i), so dass jetzt der Punkt über ihm schwebte. Dergestalt folgte es dem E und beobachtete es genau. Sein Hass auf den erfolgreichen Gegner wuchs dabei ins Unermessliche. Und als das E gemessenen Schrittes neben dem Dom der Stadt durch ein kleines, dunkles Gässchen ging, da brachte das I (i) den Punkt in Position, zielte sorgfältig und schoss ihn ab.
Das E spürte, wie es plötzlich in den Rücken getroffen wurde. An seiner empfindlichsten Stelle, da wo der mittlere Querstrich am vertikalen Längsstrich ansetzte, genau in der Mitte seines Körpers. Es merkte, wie das Blut aus ihm hinaus lief, wie es innerhalb von Sekunden jede Kraft verlor, wie es auf den Rücken fiel, wie dann die Horizontalstriche auf die liegende Gerade klappten, wie es zu einem Strich wurde und wie ihm die Sinne schwanden. Es starb auf dem Höhepunkt seines Lebens und dachte noch, dass es ein schönes Leben gewesen war.
Das I (jetzt i ohne Punkt) wartete eine Weile, bis das E sich nicht mehr bewegte. Dann schaute es sich um: die Gasse war menschenleer. E s pirschte sich vorsichtig an den am Boden liegenden, als E nicht mehr erkennbaren Vokal heran, hockte sich nieder, wühlte in den Eingeweiden nach seinem Punkt, fand ihn, nahm ihn an sich, säuberte ihn und brachte ihn wieder in seine Ausgangsposition über sich. Leise und unbemerkt schlich das I (i) davon. Es bemerkte niemanden und ging davon aus, dass es nicht bemerkt worden war.
Zuhause angekommen stellte es sich sofort unter die Dusche, um mögliche Blutspuren zu beseitigen. Dann legte es sich ins Bett und schlief ruhig ein. Getan war, was getan werden musste.
Am nächsten Morgen hörte es im Radio einen kaum verständlichen Bericht darüber, dass man im Gässchen neben dem Dom einen erschossenen Leichnam gefunden habe, dessen Identität Rätsel aufgebe. Bei dem Toten handele es sich offensichtlich um einen Buchstaben. Da gleichzeitig der meist gebrauchte Vokal, den man den Umständen geschuldet nicht erwähnen könne, verschwunden sei, gehe die Polizei davon aus, dass es sich bei dem Toten um besagten Vokal handele. Die Regierung habe den Notstand ausgerufen, Schulen blieben bis auf Weiteres geschlossen, Autofahrer sollten Wege vermeiden, bei denen sie auf Ausschilderungen angewiesen seien, da die Beschriftungen mangels des besagten Vokals zu Verwirrungen führen könnten. Zum Glück sei das Funktionieren der technischen Infrastruktur kaum berührt, da sämtliche Rechnerprogramme auf binären Systemen, also auf den Zahlen Null und Eins basierten. Es bestehe kein Grund zur Panik. Die Regierung habe angewiesen statt des abhanden gekommenen Vokals den Umlaut Ä oder die Kombination AI zu benutzen. Damit könne vorläufige Abhilfe geschaffen werden.
Gesucht würden Zeugen, die den Mord beobachtet hätten. Die Tat sei um etwa dreiundzwanzig Uhr mitteleuropäischer Zeit begangen worden.
Es war dann das Y, das behauptete, das I zum Zeitpunkt der Tat durch die Gasse habe gehen sehen, gerade als es selbst nach einer Stunde des Gebetes aus dem Dom getreten sei.
Aufgrund von Y s Aussage wurde das I vernommen. Es stritt jede Tatbeteiligung ab, konnte aber kein Alibi für die Tatzeit vorweisen. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen das I und der Prozess begann. Zwar kippte das Y bereits am zweiten Verhandlungstag nach scharfer Befragung durch I s Anwalt um und meinte, nicht mehr beschwören zu können, dass es tatsächlich das I gesehen habe. Vielleicht sei doch jemand ganz anderes die Gasse entlang gelaufen. Es wusste schließlich nicht einmal zu sagen, ob sich dort ein Mensch, ein Tier oder ein Buchstabe bewegt habe. Ein Buchstabe könne es bei näherer Betrachtung eigentlich doch nicht gewesen sein, da es zum Lesen eine Brille bräuchte. Buchstaben müsse man ja, auch wenn sie frei herumliefen, lesen, es sei denn, man höre sie. Gehört habe es aber nichts, weil es zusätzlich noch schwerhörig sei. Das Y blieb aber dabei, dass der Flüchtling – und den habe es auf jeden Fall gegeben – das I hätte sein können. Jedenfalls sei das sein Eindruck gewesen.
Trotz dieser für das I entlastenden Aussage des Y s betrachtete das Volk das I weiterhin als Täter. Der es ja auch war, was es aber aus verständlichen Gründen verschwieg. Allein die Vermutung seiner Täterschaft führte zu den anfangs erwähnten Konsequenzen, sprich, das I lebte inzwischen geächtet auf der Straße. Das Argument seines Anwaltes, das Y habe das I nur deshalb belastet, um an seine Stelle treten zu können, verhallte unbeachtet. Doch just das passierte dann tatsächlich. Denn viele Buchstaben weigerten sich, neben dem I zu stehen, genauso wie viele Menschen es ablehnten, es zu benutzen. Sie griffen stattdessen auf das altertümliche Y zurück.
Das I sprach daraufhin das A an, angesichts der dramatischen Lage auf sein Mitleid hoffend. Es erinnerte das geliebte Wesen an die einst so großen Gefühle. Es sagte, es würde ihm den Seitensprung mit dem E verzeihen, wenn es sich ihm nur wieder zuwenden würde. Doch das A antwortete: Egal, ob es der Mörder des E s sei oder nicht, seine Liebe gehöre dem Toten. Und das werde für alle Zukunft so bleiben. Es habe jedenfalls beschlossen, den weltlichen Genüssen ade zu sagen und sich ganz seiner, ihm an der Seite des Es zugewachsenen Aufgabe der Alphabetisierung von Randgruppen zu widmen. Darin sehe es seine Berufung. Man nenne das A bereits die Mutter Teresa der Sprache, und diesem Ruf müsse und wolle es gerecht werden. Das schulde es der selig Gesprochenen wie auch dem toten E. Ihre Liebe sei heute metaphysischer Natur, gelte einer Aufgabe und nicht mehr Individuen. Für das I empfinde sie sowieso keine Liebe mehr. Es tue ihr Leid. Jeder sei seines Schicksals eigener Schmied. Das I müsse für sich ein neues Ziel finden, ganz und gar unabhängig vom A. Das sei seine von Gott gewollte Aufgabe, seine Prüfung. Wenn es sie nur annehme, werde es erleben, wie erfüllend ein solches Leben sei. Das I suchte und suchte nach einer solchen Aufgabe, fand aber keine.

Für den heutigen, letzten Tag des Prozesses hoffte es inständig auf eine Wende, um den status quo ante, nämlich den des viel beschäftigten Vokals, wieder zu erhalten. Als das A gefragt wurde, ob es sich angesichts seiner intimen Kenntnis von I vorstellen könnte, ob dieses als Täter infrage komme, wollte das A zunächst die Aussage verweigern. Das sei nur möglich, wurde es belehrt, wenn es entweder mit dem I in naher Linie verwandt sei oder sich mit einer Aussage selbst zu belasten drohe. Ob einer dieser Fälle zuträfe?
„Nein“, flüsterte das A mit gesenktem Blick. Dann berichtete es, dass es das I nur als einen liebevollen Kollegen des Alphabets erlebt habe. Nein, es könne sich das I nicht als Mörder vorstellen, beschloss es seine Aussage. Das I atmete auf und war dem A unendlich dankbar, dass es die Wahrheit und nichts als die Wahrheit gesagt hatte. Nun würde man es frei sprechen.
Das geschah auch, aber am Freispruch klebte ein Makel. Das I kam aus Mangel an Beweisen frei, was soviel hieß wie: Die Richter hielten es für einen Mörder, nur konnte das nicht bewiesen werden. Das bedeutete zwar die Rettung vor lebenslangem Archiv. Aber von nun an wollte niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben.
Mit der vollen Unterstützung des gesamten Volkes wurde nun eine große Rechtschreibreform durchgeführt, das I durch das Y ersetzt und für das fehlende E ein Ausweg gefunden, indem man beispielsweise für die Kombination aus EU das OY einführte oder für IE das YH. Der „Frayspruch aus Mangäl an Bäwaysän“ zeigte nachhaltige Wirkung und ging mit seinen erheblichen Folgen in die Kulturgeschichte Deutschlands ein. Denn von nun an fehlten zwei Vokale.
Womit allerdings vor dem E-Mord niemand je gerechnet hätte: Man kam ganz gut ohne sie aus.

Zum besseren Verständnis hier ein Gedicht von Robert Gernhardt in der neuen Schreibweise:

St. Haynä

Jädwädäs Dychtän hat Folgän,
An dyh ayn Poät nyh gädacht.
Du, Haynä, hast unsärän Lytäratän
Dän Frydän auf Ärdän gäbracht.

Dych, Haynä, praysän hyhr Fädärn,
Dyh sych sonst bäkämpfän aufs Blut.
Laut rühmt dych där Raich-Ranycky.
Und där Raddatz-Frytz yst dyr gut.

Auf Dych bärufän sych Dychtär,
Dyh aynandär sonst spynnäfaynd.
Dayn Lob hat zärstryttnä Poätän
Wyh Rühmkorf und Byhrmann gääynt.

Vyhl fählt nycht, syh sprächän dych haylyg.
Wyllst du dych dässän ärwähr`n,
Dann lassä noch mal daynä Stymmä
Yn göttlychär Frächhayt hör`n.

Sag uns was zum Raych-Ranycky,
Zum Byhrmann, zum Raddatz-Frytz,
Zum Rühmkorf, zum Schraybär där Zaylän,
Zu allän, dyh daynän Wytz

Aus sychrär Äntfärnung värährän –
Trytt yhnän nur aynmal zu nah:
Und statt däs haylygän Haynä
Wär wyhdär där höllyschä da.

erstellt am 23.2.2011