Lessings Prunkstück der deutschen Aufklärung, „Nathan der Weise“, wurde in letzter Zeit selten gespielt. Nun zeigt das Staatstheater Mainz die berühmte Ringparabel. Die Mainzer Inszenierung von „Nathan der Weise“ demonstriert, wie man Klassiker entstauben und Kunstfiguren lebendig machen kann, meint Martin Lüdke.

Theater

Die Umarmung bleibt aus

Das Staatstheater Mainz zeigt »Nathan der Weise«

Von Martin Lüdke

Halbdunkel. Ein alter Mann, mit zwei schweren Reisetaschen, stolpert über die losen Pflastersteine, die vor seinem Haus liegen. Es ist Nathan, der Jude, ein Handelsmann, der von einer langen Geschäftsreise nach Jerusalem zurückkehrt ist. Er wird sehnsüchtig erwartet. Daja, eine Christin, einst Kindermädchen und jetzt Gesellschafterin seiner Tochter, steht aufgeregt auf dem Platz. Sie spricht von Brand des Hauses, von einem Tempelherrn, der Recha, die Tochter, aus dem Feuer gerettet habe. Nathan aber steht da wie versteinert. Ein altes Trauma hat ihn wieder eingeholt. Denn es war ein Feuer, bei dem einst seine ganze Familie ums Leben kam.

Eigentlich ist es riskant, Lessings Prunkstück deutscher Aufklärung, „Nathan der Weise“, noch immer im Kanon des Deutsch-Unterrichts, Pflichtlektüre, wenn möglich verknüpft mit einem Theaterbesuch, wieder aus der Mottenkiste der Klassiker zu holen. Es wurde selten gespielt in letzter Zeit. Denn die äußerst vertrackte Handlung transportiert eine erstaunlich schlichte Botschaft – das verspricht normalerweise: Langeweile. Die berühmte Ringparabel, die Lessing von Boccaccio übernommen hatte, besagt doch nur, dass es die eine Wahrheit nicht gibt und deshalb Toleranz für alle geboten sei. Nathan, der weise Jude, vor den Sultan geladen, zieht sich mit dieser Geschichte elegant aus der Schlinge, die ihn der Muselman um den Hals legen wollte. Er erzählt von dem Vater, seinen drei Söhnen, einem richtigen Ring und zwei Kopien, die in sich in nichts vom richtigen unterscheiden. Und Saladin, der Sultan, ist überzeugt.

Aber von Langeweile keine Spur.

„Fünfter Aufzug. Letzter Auftritt“. Lessing demonstriert hier, dass das von dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki gern missbrauchte Brecht-Zitat – „Vorhang zu und alle Fragen offen“ – für seinen „Nathan“ sicher nicht zutrifft. Denn hier ist, noch bevor der Vorhang fällt, alles klar. Zufriedene Mienen danken es Ihnen. Auf der Bühne. Aber vor allem im Publikum.

Das Stück endet denn auch schlüssig mit einer Regieanweisung: „Unter stummer Wiederholung allerseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.“

Noch während der Proben war da sogar mit dem Schlusschor von Beethovens Neunter Sinfonie, der Schiller’schen „Ode an die Freude“, hemmungslos Pathos geplant. Der Schrecken der Realität, die Ereignisse vom 13. November in Paris, haben das geplante Versöhnungsfest – „Alle Menschen werden Brüder“ – ad absurdum geführt. Es war nichts mehr mit der Fraternité, denn die Brüder, mitten unter uns, trugen Sprenggürtel und jagten sich selbst in die Luft, um möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen.

Mit dem, was wir Vernunft nennen, sind diese Brüder nicht (mehr) zu erreichen. Sie sprechen eine andere Sprache und denken in anderen Kategorien. Wir erreichen sie nicht, und sie begreifen uns nicht. Tragisch, ohne Frage. Diese Entwicklung hat Lessings „Nathan“ gewiss eine neue, unerwartete Aktualität gesichert. Dabei trifft es sich allerdings sehr glücklich, dass das Regiekonzept von K. D. Schmidt, dieser Entwicklung von vorneherein offenstand. Er präsentiert eine klare, ja schon karge Inszenierung und zusammen mit Christoph Hill ein passendes Bühnenbild dazu. Die gesamte Bühne, hinten begrenzt von einem eisernen Vorhang, ist völlig leer, bis auf die Pflastersteine, die in der Mitte dicht gestaffelt, nach außen hin immer mal wieder Lücken lassend, auf dem Boden verstreut sind. Die Kostüme sind zeitlos. Nichts lenkt ab vom Text, der nahezu ungekürzt, dafür aber ziemlich zügig geboten wird. Schnelle Wechsel, wobei die Szene unverändert bleibt. Die Zeitlosigkeit, auf die K. D. Schmidt offenbar zielte, erweist sich als zeitgemäß. Lessings „Nathan“ ist, ohne dass es irgendwelcher Zutaten bedurfte, in unserer Gegenwart angekommen.

Bis zum versöhnlichen und zugleich bitteren Ende.

Denn keine Umarmung findet mehr statt. Die Figuren bewegen sich, kaum ist das letzte Wort gesprochen, noch aufeinander zu und, keinen Schritt weit gegangen, verharren sie. Stumm und regungslos stehen fast alle der Protagonisten dieses Paradebeispiels nicht nur deutscher, sondern abendländischer Aufklärung auf der großen, leeren Bühne. Mitten auf den Pflastersteinen, die sich als Stolpersteine eigneten und die sie, ohne Schaden zu nehmen (auch wenn man als Zuschauer zuweilen bangt), erfolgreich überwunden haben. Da stehen sie nun.

Und was haben sie erreicht? Die große Versöhnung zwischen Juden, Christen, Muselmanen?

Die verzwickten Verwicklungen sind gelöst, die äußerst komplizierten Fragen der Herkunft sind geklärt, die sozialen, ja sogar die religiösen Differenzen sind, holterdiepolter, biologisch, nämlich kraft des „Bluts“ plötzlich alle auf einmal aufgehoben. Denn alle Figuren sind schließlich miteinander verwandt.

Sittah, die Schwester des Sultans, ist die Tante Rechas, der (Zieh-)Tochter Nathans, und die des Tempelherrn. Saladin, der Sultan, ist entsprechend der Onkel dazu. Nur Nathan, der Jude, steht außen vor. Dieser Jude, er wird weise genannt und von Murat Yeginer sehr überzeugend dargestellt, hat ein übles Schicksal zu tragen. Christen waren es nämlich, die einst sein Haus, mitsamt seiner Frau und allen seinen sieben Kindern, abgefackelt hatten. Solche Fanatiker wie heute die sächsischen Dumpfbacken, die Flüchtlingsheime anzünden. Dieser Nathan ist eben nicht nur weise, sondern auch vom Schicksal geschlagen, und er erscheint deshalb auch leicht nervös und leicht reizbar. Damals, als er alles verloren hatte, brannte er selbst vor Rachsucht. Doch bald kam er wieder zu sich, will heißen zur Vernunft und, dank einer glücklichen Fügung, auch wieder zu einem Kind. Recha, ein Christenkind, das er wie eine eigene Tochter aufziehen wird. Diese Tatsache wird von der Kirche als Todsünde betrachtet und wie ein Verbrechen geahndet. „Der Jude wird verbrannt.“ Tatsächlich hatte der Patriarch davon gehört, dass ein Christenkind der ewigen Seligkeit entzogen und unter Ungläubigen aufgezogen wurde. Der Patriarch möchte deshalb den Juden brennen sehen. Die üble, nicht zu entschuldigende Rolle, die unsere ach so christliche Kirche im Laufe der Geschichte gespielt hat, wird in einer prägnanten Szene mit dem Patriarchen vorgeführt: „Tut nichts! der Jude wird verbrannt.“ – ganz gleich, welche Erklärungen oder Entschuldigungen es für sein Verhalten gibt. „Tut nichts! der Jude wird verbrannt.“ Es macht fast schon Spaß, diesen überzeugenden „Werbespot“ für einen Austritt aus der katholischen Kirche mitten in der Bischofsstadt Mainz, direkt neben dem Dom, auf einer großen Leinwand zu sehen.

Szenenfoto Staatstheater Mainz © Bettina Müller

Gleichwohl bleibt, schon bei Lessing, Nathan in jeder Hinsicht eine positive Figur, weise, tolerant und klug. Nur am Ende steht er, wie gesagt, wieder alleine da. Von Lessing, wie es scheint, fast ungewollt.

Nathan, der reiche und weise Jude, und Saladin, der Sultan; seine Schwester, der Tempelherr, Recha, die Tochter des Juden, sie stehen zu weit voneinander entfernt, um sich berühren zu können. Versöhnt haben sie sich. Aber die Umarmung bleibt aus, auch weil die gesellschaftliche Utopie, die Lessing mit seinem „dramatischen Gedicht“ in die Welt setzen wollte, ausgeblieben ist. Zumindest setzt Schmidts Inszenierung hier ein Fragezeichen.

Die Versöhnung, die in dieser Mainzer Inszenierung schlüssig vorgeführt wird, bleibt individuell. Öffentliche Aufklärung führt allenfalls noch zur privaten Befriedung. Allein am Beispiel des Patriarchen zeigt sich, dass Religion ohne jede Gnade und ohne jede Toleranz auskommen kann. Nicht nur zu Zeiten der Kreuzzüge, in der Lessing die Handlung angesiedelt hatte, sondern auch zu seinen Zeiten, ebenso wie heute. Das wurde jetzt in Paris wieder einmal demonstriert. Ganz offenbar ist die Aufklärung an ihre Schranken gestoßen. Offenbar ist die universelle Vernunft, auf der alle Hoffnungen der europäischen Aufklärung beruhten, eine eurozentrische Illusion geblieben. Um das zu erkennen, muss man vielleicht nicht gleich ins Theater gehen. Oder doch?

Die Mainzer Inszenierung von „Nathan, der Weise“ zeigt jedenfalls, und zwar jenseits aller „Aktualität“, wie man Klassiker entstauben und Kunstfiguren lebendig machen kann. Es war auch eine großartige Ensemble-Leistung. Entsprechend der Beifall.

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erstellt am 03.12.2015

Szenenfoto Staatstheater Mainz © Bettina Müller

Theater

Nathan der Weise

Von Gotthold Ephraim Lessing

Inszenierung K.D. Schmidt
Bühne K.D. Schmidt / Christoph Hill
Kostüme Lucia Vonrhein

Staatstheater Mainz

Szenenfoto Staatstheater Mainz © Bettina Müller