In Stuttgart zeigte das Béjart Ballet Lausanne drei Klassiker des Choreographen Maurice Béjart sowie ein Stück des aktuellen Leiters der Compagnie, Gil Roman. Die Choreographien kosten die Dialektik von Eigensinn und Konformismus aus, von Eleganz und Groteske, von Stillstand und Bewegung, meint Thomas Rothschild.

Ballett

Béjarts Erbe

Von Thomas Rothschild

Das Stuttgarter Ballett gastiert in Japan und Korea. Doch sein Chef Reid Anderson lässt sein heimisches Publikum nicht in Stich. Er hat das Ballet Lausanne, das der 2007 verstorbene Choreograph Maurice Béjart aus Brüssel an den Genfersee gebracht hat, eingeladen, und das zeigte drei Klassiker des Meisters sowie ein Stück seines Nachfolgers und aktuellen Leiters der Compagnie Gil Roman.

Béjarts Choreographien beglaubigen, dass Kunst historisch und doch absolut gegenwärtig sein kann. Nichts weist auf die Entstehungszeit zwischen 1992 und 2002 hin. Gleichzeitig belegt die Auswahl, mit der die Truppe aus der französischen Schweiz antanzte, die Spannweite von Béjarts Einfällen.

Die „Suite Barocco“ aus dem Jahr 1997 zeigt zu Musikstücken des Barock – daher der Titel – die Imaginationen eines Selbstmörders. Ein Vergleich mit John Crankos ebenfalls üppigem „Poème de l'extase“, das das Stuttgarter Ballett eben erst wieder in sein Repertoire aufgenommen hat, drängt sich auf. Hier wie dort verschwimmen die Grenzen zwischen Real- und Traumwelt, hier wie dort werden exotische und märchenhafte Motive herbeizitiert, wobei in der „Suite Barocco“ die fantasievollen Kostüme, an deren Entwurf Gianni Versace beteiligt war, eine wichtige Rolle spielen.

Das ernste Gegenstück zu der eher heiteren „Suite Barocco“ ist der Pas de deux „Liebe und Tod“ zu zwei Liedern von Gustav Mahler. Hier kommt Béjart dem klassischen Ballett am nächsten. Dass die aufgezeichnete Musik (viel zu laut) über Boxen kommt, schmälert hier wie beim nachfolgenden „Wunderbaren Mandarin“ von Béla Bartók leider das akustische Vergnügen. Visuell hat sich Béjart für dieses Stück an den Filmen von Fritz Lang orientiert. Wenn der Vorhang aufgeht, befinden wir uns in jener Versammlung aus „M“, in der die Unterwelt unter dem Dirigat von Gustav Gründgens beschließt, den Kindermörder Peter Lorre zu jagen. Später tritt Siegfried mit Schwert, nackter Brust und Fellschurz auf, ehe schließlich als dritter Freier der Mandarin wie ein Abgeordneter von Mao ins Zentrum rückt. Das Mädchen, das auf Geheiß der Gangster die Männer verführt und den Mandarin schließlich zu Fall bringt, wird bei Béjart von einem Mann getanzt und erinnert an Brigitte Helm als Maschinenmensch aus „Metropolis“.

Zwischen den Stücken von Béjart tanzt das Ballet Lausanne „Syncope“ von Gil Roman. Es ist eine Art Nummernrevue, überaus sinnenfreudig und auch komisch. Man denkt an Jacques Tati. Im Mittelpunkt dieser Kreation von 2010 steht Elisabet Ros mit einem Lampenschirm als Hut. Die Grenzen zwischen Handlungsballett und abstraktem Ballett verschwimmen. Die Choreographien des Abends kosten die Dialektik von Eigensinn und Konformismus aus, von Eleganz und Groteske, von Stillstand und Bewegung. An den „Schwanensee“ erinnert nur noch sehr wenig.

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erstellt am 30.11.2015

»Der wunderbare Mandarin«, Choreographie: Maurice Béjart, Musik: Béla Bartók
Foto: Philippe Pache / Béjart Ballet Lausanne

Gastspiel in Stuttgart

Béjart Ballet Lausanne

Choreographien von
Maurice Béjart und Gil Roman

Stuttgarter Ballett
Béjart Ballet Lausanne

»Syncope«, Choreographie: Gil Roman, Musik: Citypercussion