Die Gewaltakte festgeschlossener Terroristengruppen – ob in Paris, Bombay, Beirut, Kabul, Bagdad, New York, Madrid, Casablanca, Algier, Amman, Karatschi, Tunis oder Mossul – sind Teil eines hyperkomplexen Transformationsprozesses, dessen Anfang weit zurückreicht. In seinem Essay, der nach den Anschlägen in Paris im November entstanden ist, sucht Jean-Luc Nancy nach den Gründen für die gegenwärtige Brüchigkeit des globalisierten Okzidents und findet sie in den schwierigen Beziehungen zwischen Ex-Kolonisatoren und Ex-Kolonisierten im postkolonialem Zeitalter, im Umgang mit den Erfahrungen des Totalitarismus – dessen Bewältigung im Gehäuse einer demokratischen Staatsform nicht garantiert ist – und nicht zuletzt im Wirtschaftsfundamentalismus.

Essay – Teil I

Das Gewicht unserer Geschichte

Von Jean-Luc Nancy

Man würde lieber schweigen. Angesichts des Grauens und der Ergriffenheit. Angesichts der Wirkungen der Nähe – denn was in Paris passiert ist, passiert seit langem und unaufhörlich in Bombay, Beirut, Kabul, Bagdad, New York, Madrid, Casablanca, Algier, Amman, Karatschi, Tunis, Mossul, etc. etc. Angesichts der Armseligkeit unser Empörungen (gerechtfertigt, aber hohl) oder unserer Proteste („man sollte …“ „man müsste nur, …“) – und der bleiernen Perspektiven (Kontrolle, militärischer Gegenschlag …).

Man würde lieber schweigen, auch wegen des überscharfen Bewusstseins, das uns umklammert, sobald man sich die unentwirrbare Komplexität der Entstehungen, der Ursachen, der Verkettungen der Prozesse vor Augen führt, die in einer Weltkonjunktur großer ökonomischer und geopolitischer Konfrontationen ineinander verschränkt und eingebunden sind. Auch auf der Ebene des Denkens ist dies nicht die Stunde der „man müsste nur …“.

Man muss dennoch versuchen zu sprechen: aus denselben Gründen. Nicht nur, weil die Ergriffenheit es fordert, sondern auch und vor allem, weil die Stärke dieser Emotion durch etwas anderes bedingt ist als durch das Ausmaß der Attentate. Letzteres ist deshalb nicht minder bemerkenswert – die ganze Koordination, die Wahl des Zeitpunkts und der Örtlichkeiten sprechen Bände über die Vorbereitungsarbeit –, aber es steckt mehr darin: Da ist das Ausmaß einer langen Serie, die vor etwa 25 Jahren (um innerhalb der Grenzen der unmittelbaren Wahrnehmung zu bleiben) mit der Gründung des GIA (Groupe Islamique Armé) im Algerien der 1990er Jahre begonnen hat. 25 Jahre, eine Generation, das ist nicht nur ein symbolisches Kalkül. Es bedeutet, dass sich ein Prozess aufspannt, dass ein Reifungsprozess stattgefunden hat, dass sich eine Erfahrung konturiert. Konturen, Tonalitäten, Dispositionen haben sich eingestellt; natürlich nichts Festes oder Endgültiges, nichts, auf das sich etwas von der Art einer „Jahrhundert“-Geschichte stülpen ließe, aber doch eine Konfiguration oder zumindest die Form einer Wende, die Energie einer Krümmung, ja eines Impulses.

Die Kraft, die den Abend des 13. November 2015 in Paris auflädt, kommt aus dieser Energie. Deshalb scheint sie auch sofort die Perspektive entweder einer entscheidenden Wende oder des Beginns einer neuen Generation zu eröffnen: 25 Jahre vor uns, um eine andere Stufe oder eine andere Schwelle zu erreichen. Viele der Beschossenen dieser Bestialität sind kaum über 25 Jahre alt; tot oder verwundet gehen sie in dieses bedrohliche Dunkel ein.

Für das, was sie wesentlich konstituiert, schöpft besagte Kraft aus anderem denn den Quellen dessen, was man „Fundamentalismus“ oder „Fanatismus“ nennt. Gewiss, der aktive, rachsüchtige und aggressive Fundamentalismus – ob nun islamisch (sunnitisch oder schiitisch), katholisch, protestantisch, orthodox, jüdisch, hinduistisch (ja ausnahmsweise sogar buddhistisch) – kennzeichnet die letzten 25 Jahren zu einem nicht geringen Anteil. Aber wie könnte man außer Acht lassen, dass dieser eine Antwort auf das gewesen sein wird, was man als den Wirtschaftsfundamentalismus bezeichnen kann, dessen Beginn mit dem Ende der bipolaren Zweiteilung und der Ausweitung einer „Globalisierung“ einhergeht, die bereits fast zwei Generationen früher eingesetzt hatte und benannt war (das „global village“ von Mac Luhan datiert von 1967)? Wie zudem nicht auch die Eilfertigkeit feststellen, mit der die Erfahrungen des Totalitarismus ausgelöscht wurden, als ob die schlichte repräsentative Demokratie zusammen mit dem technischen und sozialen Fortschritt eine perfekte Antwort gäben auf die Beunruhigungen, die seit langem durch den modernen Nihilismus und das 1930 von Freud angesprochene „Unbehagen in der Kultur“ ausgelöst worden waren?

Der liberale Fundamentalismus behauptet den grundlegenden Charakter eines als „Natur-“Gesetz unterstellten Gesetzes der unbegrenzten wettbewerbsfähigen Produktion, der nicht minder unbegrenzten technischen Expansion und vor allem der tendenziell unbegrenzten Reduktion jedweden anderen Rechts – in erster Linie des politischen Rechts, vor allem wenn letzteres das Naturgesetz gemäß den besonderen Erfordernissen eines Landes, eines Volks und einer gemeinschaftlichen Existenzform reglementieren will. Der sogenannte „Rechts-“Staat repräsentiert auf paradoxe Weise die zugleich notwendige und tendenziell blutleere Form einer Politik, der Perspektive wie Konsistenz fehlt. Unser auf Produktivität fixierter naturalistischer Humanismus löst sich selbst auf und öffnet den unmenschlichen, übermenschlichen, allzu menschlichen Dämonen Tür und Tor.

Der religiöse Fundamentalismus kann sich auf die Befolgung einer postulierten Doktrin und eines unabänderlichen Ritus beschränken, ohne mit dem sozialpolitischen Kontext aneinander zu geraten. Wenn er in diesem Kontext aktiv werden möchte, setzt er ein Doppeltes: einerseits geht es darum, zur Kraft einer mystischen Gründung zurückzufinden, und andererseits darum, diese Kraft in die Lage zu versetzen, sich neben den technischen und ökonomischen Interessen zu behaupten, um in deren Machtverhältnisse einzutreten. Das sprechendste Symptom dieses Unternehmens ist die Anpassung des Bankwesens an das islamische Gesetz – und umgekehrt. Ein anderes Symptom ist der Krieg der Religionen: die iranische Revolution von 1979 hat, zur selben Zeit wie sie das Erwachen eines politischen Islam geprägt hat, diesem Gebiet die interne Hauptspaltung des Islam gebracht. Wie im alten Europa sind die Religionskriege eine Antwort auf soziale und politische Konfrontationen. Vereinfachend könnte man sagen, dass die derzeitigen Konflikte in Nahen Osten – neben dem mit Israel verknüpften – aus dem Scheitern oder der Entgleisung der scheinbar progressiven Versuche postkolonialer Revolutionen hervorgehen (Ägypten, Syrien, Irak, Algerien).

Zu einer Postkolonisierung, die teils vereitelt, teils gleichermaßen durch die Interessen der Ex-Kolonisatoren wie durch die Machtverhältnisse unter Ex-Kolonisierten von ihrer ursprünglichen Richtung abgebracht wird, ist eine wirtschaftliche Situation hinzugekommen, die durch den erhöhten Energiebedarf und die grundlegende Veränderung des Geld- und Finanzsystems erschüttert wird. Anders gesagt: die Weltkonstellation unterliegt seit zwei oder drei Generationen einem zentralen Transformationsprozess, wovon die Unruhen im Mittelmeerraum und in Europa nur einer der Aspekte sind – die anderen liegen in den tiefgreifenden Veränderungen des fernen Ostens und Lateinamerikas. Deshalb kann sich der Fanatismus heute außerhalb derjenigen Welt rekrutieren, die man allzu schlicht zur „arabisch-muslimischen“ verkürzt.

Was die muslimische Mittelmeerwelt angeht – und auch hier um den Preis einer Vereinfachung –, muss man zur Kenntnis nehmen, dass der Gegensatz von Schiismus und Sunnismus (der sich auch mit dem Unterschied zwischen persischer und arabischer Kultur deckt) sich in der unterschiedlichen Art und Weise niederschlägt, die Verbindung zwischen Religion und Gesellschaft zu gestalten. Die vollständige religiöse Prägung der Existenz, der Kultur und des Rechts, die der sunnitische Fundamentalismus einfordert, bleibt dem messianischen Schiismus teilweise fremd (dies sei gesagt, ohne das tatsächliche Verhalten des iranischen Staats zu vergessen). Das ist für die Beziehungen mit den europäischen und amerikanischen Ländern nicht folgenlos.

Diese wenigen allzu schematischen Erinnerungen, um das beträchtliche Gewicht der Gegebenheiten, die eine luzide Reflexion berücksichtigen muss, nur zu erwähnen. Denn genau dieses Gewicht ermöglicht den Ausbruch so gewaltsamer und bornierter Fanatismen wie die, die wir sehen. Wenn eine Welt sich auflöst, verschärfen sich die Verrücktheiten. Im Zuge tiefgreifender Veränderungen tauchen tödliche Möglichkeiten auf. Die spanische Inquisition oder die Fanatismen der Reformation oder anderer (angefangen mit denen des Frühen Christentums oder dessen vielfältigen Ausprägungen), stehen ohne Zweifel immer in enger Verbindung mit kritischen Situationen, ob auf sozialer oder existentieller Ebene.

Diese Schwerkraft und diese erneuerte Erbitterung begünstigen die Wege zu einer Lösung mit Sicherheit nicht. Zumindest aber können und müssen wir wissen, dass wir nicht einfach vor der plötzlichen Entfesselung einer Barbarei stehen, die von wer weiß welchem Himmel gefallen wäre. Wir befinden uns vor einem bestimmten Zustand der Geschichte, unserer Geschichte – die dieses „Okzidents“, der zu der über sich selbst erschreckten globalen Maschine geworden ist.

Es wäre zu einfach, diese Geschichte zu verurteilen, ebenso wie sie rechtfertigen zu wollen. Aber wir können uns auch nicht vor der Frage drücken, ob es möglich ist, sie aus ihrer eigenen Sackgasse zu holen – sei sie nihilistisch, kapitalistisch, islamistisch oder alles auf einmal.

Als er über Alarichs Einnahme von Rom sprach, erklärte Augustinus im nordafrikanischen Hippo, wo die römischen Flüchtlinge hinströmten, dass „aus dem gepressten Leib der Geist herausströmen möge“ (1). Wo diesen Geist heute finden?

1 „Premitur caro, liquescat spiritus“ : „Der Geist möge sich verflüssigen wie aus der [Oliven]Presse kommend“

Der Essay erschien am 20. 11. 2015 in l’Humanité

Aus dem Französischen von Ulrike Oudée Dünkelsbühler
(Lektorat: Bernd Schwibs)

Ausgehend von der Zeile „Gelobt seist du, Niemand“ aus Paul Celans Gedicht „Psalm“, setzt sich Jean-Luc Nancy in seinem namenstheoretischen Essay, der nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo im Januar entstanden ist, mit dem Unterschied zwischen dem unfixierten Sinn des Namens „Gott“ in den drei großen monotheistischen Religionen und den Möglichkeiten des Missbrauchs dieser Religionen durch Aufkommen von „Götzenbildern“ auseinander.

Siehe hier:

Essay von Jean-Luc Nancy vom Januar 2015

erstellt am 30.11.2015

Jean-Luc Nancy, Foto: Coco Hackel
Jean-Luc Nancy, Foto: Coco Hackel

„Man würde lieber schweigen, auch wegen des überscharfen Bewusstseins, das uns umklammert, sobald man sich die unentwirrbare Komplexität der Entstehungen, der Ursachen, der Verkettungen der Prozesse vor Augen führt, die in einer Weltkonjunktur großer ökonomischer und geopolitischer Konfrontationen ineinander verschränkt und eingebunden sind.”

„Wie könnte man außer Acht lassen, dass der aktive, rachsüchtige und aggressive Fundamentalismus eine Antwort auf das gewesen sein wird, was man als den Wirtschaftsfundamentalismus bezeichnen kann, dessen Beginn mit dem Ende der bipolaren Zweiteilung und der Ausweitung einer ,Globalisierung' einhergeht […]. Wie zudem nicht auch die Eilfertigkeit feststellen, mit der die Erfahrungen des Totalitarismus ausgelöscht wurden, als ob die schlichte repräsentative Demokratie zusammen mit dem technischen und sozialen Fortschritt eine perfekte Antwort gäben auf die Beunruhigungen, die seit langem durch den modernen Nihilismus und das 1930 von Freud angesprochene ,Unbehagen in der Kultur` ausgelöst worden waren?”

„Der sogenannte ,Rechts-'Staat repräsentiert auf paradoxe Weise die zugleich notwendige und tendenziell blutleere Form einer Politik, der Perspektive wie Konsistenz fehlt.”

„Wenn eine Welt sich auflöst, steigern sich die Verrücktheiten. Im Zuge tiefgreifender Veränderungen tauchen tödliche Möglichkeiten auf.”

„Wir können und müssen wissen, dass wir nicht einfach vor der plötzlichen Entfesselung einer Barbarei stehen, die von wer weiß welchem Himmel gefallen wäre. Wir befinden uns vor einem bestimmten Zustand der Geschichte, unserer Geschichte – die dieses ,Okzidents', der zu der über sich selbst erschreckten globalen Maschine geworden ist.”