Im 25. Jahr ihres Bestehens präsentiert die Akademie Schloss Solitude ihre Sicht auf die Welt mit einem großen Atlas. Der Band versammelt Schilderungen aus etwa hundert Städten und Orten der Welt, verfasst von rund zweihundert ehemaligen Stipendiaten der Akademie aus annähernd fünfzig Ländern aller Kontinente, berichtet Volker Breidecker.

Solitude Atlas

Kein Zentrum, keine Peripherie

Von Volker Breidecker

Auf der Halbinsel Cornwall, etwa eine Meile unterhalb von Land's End, dem westlichsten Punkt Englands, liegt die malerische kleine Bucht von Porthcurno. Aus den Felsen der sie umschließenden Steilküste kragen aufgemauerte Geschützstellungen aus dem Zweiten Weltkrieg hervor. Sie dienten dem Schutz eines als Solitär gleich hinter dem weißen Sandstrand gelegenen kleinen Häuschens, von dessen Verbindung zur Welt äußerlich nur eine das niedrige Flachdach leicht überragende schlanke Antenne zeugt. Doch bis heute ist diese einsame Hütte eine der weltweit wichtigsten Knotenpunkte für die Kommunikation zwischen den Kontinenten. An seinen unterirdischen Fundamenten landeten seit 1870 die Kupferkabel der ersten elektronischen Verbindung zwischen Europa und Amerika an. An deren Stelle verläuft heute das Unterwasser-Glasfaserkabel „FLAG Atlantik-1“ und kommt doch noch immer an diesem unscheinbaren Kabelhäuschen als einer der weltweit wichtigsten Stationen der Breitbandkommunikation an.

Die britische Architektin Katharine S. Willis lässt das Kabelhäuschen von Porthcurno an den deutschen Soziologen Georg Simmel denken: In einem berühmten Essay über den Symbolgehalt von „Brücke und Tür“ hatte dieser das Trennen und Verbinden als zwei Seiten ein und desselben, für die Menschen der Moderne konstitutiv gewordenen Akts gefasst. Ihrer persönlichen Internetverbindungen eingedenk, die „zusammen mit den Daten von Millionen anderen Leuten“ über jenes Netz aus dünnen Kabeln“ transportiert werden, stelle sich ihr – schreibt Willis – „oben auf dem Kliff, mit Blick über das Wasser“ ein „seltsames Ortsgefühl“ ein: „Und während mir der Wind ins Gesicht bläst und ich hinabschaue auf den leeren Strand, von dem aus das Glasfaserkabel unsichtbar ins Meer hinausstrebt, fühlt es sich an wie ein Ort, an dem wir uns verbinden, während wir zugleich getrennt sind.“

Die ehemalige Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude beschreibt diesen Ort in einem großformatigen Atlas, den diese weltweit ausstrahlende Institution aus Anlass ihres 25-jährigen Bestehens im hauseigenen Verlag publiziert. Der als Künstlerbuch von dem britischen Designer Philip Baber gestaltete Band wiegt schwer und geht doch leicht zur Hand: ein leuchtend blauer, leinenbezogener Buchdeckel mit weißem Rücken trägt in stattlichen weißen Lettern den schlichten Titel „Solitude Atlas“, dazu kräftiges Papier, Lesebändchen, Schwarzweiß-Fotos. Versammelt sind Schilderungen – in Form kurzer Erzählungen, Essays, Reportagen und Gedichten – aus etwa hundert Städten und Orten der Welt, verfasst in zwanzig verschiedenen Sprachen von rund zweihundert ehemaligen Stipendiaten aus annähernd fünfzig Ländern aller Kontinente. Auf mehrspaltigen Seiten sind die deutschen Übersetzungen mit den Originalen gespiegelt.

Der Band zeugt von den Potentialen und kreativen Lernprozessen, welche diese in Deutschland einzigartige Institution seit ihren Anfängen gesammelt, versammelt und in ihrem auf fortdauernde Ausdehnung und Verdichtung angelegten Netzwerk von Stipendiaten und Ehemaligen gespeichert hat. Auf solchen Spuren kann sich der Leser des Atlas' auf eine Kopfreise kreuz und quer über den Globus begeben: Zuteil werden ihm vorläufige Einblicke in eine neue Weltgesellschaft, die nicht mehr nach Zentren und Peripherien gegliedert ist, eine Welt, in der Accra, Algier und Athen oder Sofia, Soweto und Stockholm nicht nur alphabetisch aufeinanderfolgen, sondern tatsächlich miteinander verbunden sind.

Solch neue Transnationalität spiegelt sich in der Diversität der Beiträge und ihrer Autoren: Die Städte, über die und aus denen sie schreiben, sind nur selten die Orte ihrer Herkunft, vielmehr sind es die Schauplätze ihres gegenwärtigen Lebens und ihrer künstlerischen Arbeit. Das wanderlustige Volk vagierender Notebookträger, das sich über die Jahre hinweg auf Solitude versammelt hat – rund 1200 Stipendiaten aller Kunstsparten von Tanz, Komposition und Performance über Malerei, Fotografie und Film bis zu Design Schriftstellerei und Dichtung wurden gezählt –, stammt zum guten Teil aus Weltgegenden, die erst seit der postkolonialen Ära und im nächsten Schub mit der neuen Weltgeographie nach 1989 die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erfahren haben. In Richtung Osteuropa leistete die Akademie Pionierarbeit mit beizeiten entwickelten Kooperationen. Das tut sie auch heute wieder, zumal im Blick auf Krisen- und Kriegsregionen, beispielsweise mit der Stiftung des Rousseau-Stipendiums für Schriftsteller in Not.

Der Solitude-Atlas spiegelt die grenzenlose Vielfalt von Möglichkeiten, neue Zugänge und Beziehungen zur Welt einzugehen. Das passt gut zu diesem auf einer Anhöhe hinter Stuttgart gelegenen ehemaligen Lustort der Herzöge von Württemberg, der seinen zeitweiligen Bewohnern eine Besinnungspause in gleich welchen Betriebsabläufen einräumt: Sie erlaubt ihnen, einen Schritt aus der Welt herauszutreten und diese doch im weiträumigen Blick zu behalten – mit ähnlichen Gefühlen, Sensationen und Gedanken, wie sie sich beim Blick von oberhalb des weißen Kabelhäuschens von Porthcurno auf das offene Meer einstellen.

Als Fensterschau aus Schreibzimmern, Ateliers und Studios sind nicht wenige der Beiträge konzipiert: „Klinische Studien der Verzweiflung“ betreibt die griechische Schriftstellerin Amanda Michalopoulou im Hinterhof ihres Athener Wohnhauses. Den Flug todbringender Geschosse beobachtet die Syrerin Rasha Abbas von ihrem Balkon in Damaskus. Und was Rom und Ramallah, Beirut und Belgrad, Budapest und Bukarest, Ankara und Tokyo, Ciudad Juarez in Mexico und Kalesija in Bosnien miteinander gemein haben, sind die Wunden, die ihnen von Krieg und Gewalt oder auch nur von Baggern und Abrissbirnen geschlagen wurden. Und es sind die vielerorts gepackten Koffer, auf denen Menschen im Aufbruch sitzen: „Unmöglich, die Lawine der Reisenden zu stoppen“, schreibt Jelena Andjelovski in ihrem Gedicht aus Belgrad. Nicht anders das Bild auf den Busbahnhöfen von Nairobi, Mumbai oder Mexico City: Allerorts das gleiche Spektakel des Austauschs und der Begegnungen unter Fremden. „Nirgends ganz hier oder dort, immer zwischen Orten und Augenblicken“, schreibt aus Kopenhagen die bildende Künstlerin Maj Hasager. Oder wie der Schriftsteller Thomas Hettche, der mit seinen hiesigen Kollegen Durs Grünbein, Kurt Drawert und Oswald Egger ebenfalls im Atlas vertreten ist, aus dem wallisischen Leuk über Menschen und Orte schreibt: „Nichts dauerhafter als die Wege von einem zum anderen, und nichts, was verletzlicher wäre.“

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erstellt am 26.11.2015

Katharine S. Willis, Kabelhäuschen in Pothcurno, Cornwall/Großbritannien

Solitude Atlas
282 Seiten
ISBN: 9783937158938
Edition Solitude, 2015

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Velimir Ćurgus Kazimir, In the Bedroom, Belgrad, Dorćol, 2014

Mica Cabildo

Christian von Wissel, Indios Verdes

Abbildungen aus dem besprochenen Band.