Die „Salome“-Inszenierung von Kirill Serebrennikov an der Stuttgarter Oper kleidet die psychologische Handlung in eine politisch aktuelle Gestalt. Mit seiner Interpretation gelingt es Serebrennikov, Gewalt als ein komplexes Phänomen zu zeigen, ohne Oscar Wilde oder Richard Strauss zu beschädigen, meint Thomas Rothschild.

Oper

Jochanaan in Guantanamo

Von Thomas Rothschild

Simone Schneider ist Salome. Das sieht man nicht, aber man hört es. Mit einer sicheren, kraftvollen Stimme und unbeirrbarer Intonation manövriert die kleine, stämmige Person durch die Partie, die gewiss nicht zu den leichtesten der Opernliteratur zählt.

Die Inszenierung von Kirill Serebrennikov an der Stuttgarter Oper übernimmt die Interpretation Salomes als Kindfrau, die in der Literatur mehrfach anzutreffen und der Konzeption Salomes als abgründiger Femme fatale entgegengesetzt ist. Es geht um eine Frau, die zerstören muss, was sie liebt. Weil Jochanaan ihr Begehren zurückweist, verlangt sie seinen Kopf. Ihre Grausamkeit ist das Ergebnis einer narzisstischen Kränkung.

So weit, so abstrakt. Serebrennikov kleidet diesen psychologischen Vorgang in eine politisch aktuelle Gestalt. Sein Jochanaan ist ein arabischer Fanatiker, der, wie die ebenfalls von Serebrennikov entworfenen Kostüme verraten, in Guantanamo gefangen gehalten wird. Und er ist nur sprachloser Körper. Seine Stimme (also sein Gesang) ist von ihm getrennt. Der fabelhafte Iain Paterson leiht sie, im Abendanzug und von der Seite der Bühne her, dem Darsteller Yasin El Harrouk.

Doch damit nicht genug. Der Regisseur überfordert sein Publikum mit ständiger Bewegung auf der Bühne und flackernden Filmen auf mehreren Bildschirmen. Dort treffen Videovergrößerungen des Bühnengeschehens auf vertraute Bilder aus der Weltpolitik. In ihnen findet die Grausamkeit statt, die Salome angelastet wird. Wohl lässt sie Jochanaan köpfen. Aber mit dem legendären Tanz der sieben Schleier bedient sie in Stuttgart weder den geilen Onkel und Stiefvater Herodes (Matthias Klink), noch die Zuschauer. Stattdessen sitzt sie da, eine trotzige Göre im T-Shirt, die gerade ein Tutu mit Schmetterlingsflügeln abgelegt hat und ihren Willen durchsetzen möchte.

Das alles geht, so weit von Richard Strauss es entfernt sein mag, erstaunlicherweise auf, weil es nicht nur apart, sondern auch konsequent gedacht ist. Jedes Detail fügt sich in die Konzeption. Und die Musik leidet nicht darunter. Im Gegenteil. Das Orchester unter der Leitung von Roland Kluttig ist trotz der üppigen visuellen Konkurrenz ebenso präsent wie die gesangliche Leistung aller Beteiligter.

Der Gegenwartsbezug ist unmissverständlich, aber der Bühnenbildner Pierre Jorge Gonzalez verweigert sich einem platten Realismus. Seine in Grautönen gehaltene Einrichtung deutet an, statt auszuführen, betont die Konstruktion. Der Mond, von dem im Libretto mehrfach die Rede ist, geht bei ihm als Neonring auf. Die Monitore beherrschen den Raum wie in einem perfekten Überwachungsstaat.

Das Interessante an Serebrennikovs Interpretation ist, dass es ihm, ohne Oscar Wilde oder Richard Strauss zu beschädigen, gelingt, Gewalt als ein komplexes Phänomen zu zeigen, das nicht aus einem bösartigen Charakter erfließen und sich nicht gegen einen Feind richten muss, sondern, im Gegenteil, gerade trifft, was man liebt (oder, politisch gesprochen, lieben sollte). Das macht sie freilich umso verzweifelter. Salomes Schuld ist es nicht. Ihre Tragödie wohl. „Man töte dieses Weib“ sind die letzten Worte der Oper.

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erstellt am 25.11.2015

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

Oper in Stuttgart

Salome

Von Richard Strauss

Musikalische Leitung
Roland Kluttig, Georg Fritzsch
Regie und Kostüme Kirill Serebrennikov
Bühne Pierre Jorge Gonzalez

Oper Stuttgart

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer