Im Jahre 1656 wurde Baruch de Spinoza, der vertraut war mit den Schriften des Maimonides und des Descartes, wegen seiner angeblich schlechten Meinungen und Handlungen von der jüdischen Gemeinde in Amsterdam ausgeschlossen. Er hatte an deren Glaubenslehren gezweifelt. Otto A. Böhmer weiß aber auch zu berichten, dass der Philosoph der Ratio von Träumen heimgesucht wurde, die sich nicht an die Vernunft hielten.

Holzwege

Der Zugriff der Unvernunft

Der Philosoph Baruch de Spinoza

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Spinoza saß, in eine Wolldecke gehüllt, an seinem Arbeitstische und las die Aufzeichnungen, die er in den letzten anderthalb Stunden zu Papier gebracht hatte. Es war kalt im Raum; ein kräftiges Stürmchen, das vom Meer kam und dort seinen Nachschub bezog, rüttelte am Haus. Seit Tagen regnete es; die Wege glichen Morastbahnen, und die alten Hinterlanddeiche drohten zu bersten. Spinoza liebte dieses Wetter; es machte ihn traurig und fröhlich zugleich. Wenn der Regen rauschte und die Winde pfiffen, fühlte er sich in elegische Hochstimmung versetzt; ihm war, als müsste er das Erkenntnisprogramm, das er wie eine Mauer um sich herum aufgebaut hatte, noch einmal erhöhen, um auch zu den begründenden, den aberwitzigen Geheimnissen vorstoßen zu können. In den letzten Tagen allerdings war sein Arbeitspensum empfindlich gestört worden: – Tagträume setzten ihm zu, die über ihn kamen und ihn veranlassten, mit verschüchtertem Blick ins Leere zu starren. Zwei dieser Träume hatten sich als besonders hartnäckig erwiesen; sie schienen in einem vertrackten inneren Zusammenhang zu stehen, der sich den Deutungsbemühungen des Philosophen verschloss. Im ersten Traum sah Spinoza sich als Kleinkind, das zu Füßen seines Vaters auf einem teppichbelegten Boden lag und Überlegungen anstellte, wie es wohl sein mochte, wenn man das Laufen erlernen musste. Der kleine Spinoza zog sich am Stuhlbein hoch, stand steif und starr wie ein Sockelzwerg, ließ sich dann, die Kühnheit überkam ihn, los, machte einen Schritt nach vorn und – fiel um. „Ach, du willst das Laufen lernen“, sagte sein Vater. „Komm, ich helfe dir.“ Er nahm den Sohn auf, hielt ihn an den Händchen fest und setzte sich mit ihm, den er unerbittlich vor sich her schob, in Bewegung. „Na bitte, es geht doch!“ sagte der Vater. „Man muss nur wollen!“ Der Sohn nickte, und so machte man einmal die Runde. Spinoza lachte; das Laufen war zwar anstrengend, aber es machte auch Spaß. Als der Vater ihn losließ, lief er noch ein paar Schritte weiter, griff dann in die Luft und fiel wieder um. Es gab kein Verschnaufen: Ihm wurde aufgeholfen; der Vater, ganz gütige Unerbittlichkeit, führte ihn, wanderte mit ihm durchs Zimmer. Er ließ den Sohn wie eine Holzpuppe vor sich her stolzieren; der aufrechte, schwankende Gang. Und immer weiter ging es, eine Runde nach der andern; er ließ nicht los, dieser Vater; wollte er dem Sohn in nur einer einzigen Stunde das Laufen beibringen? – Spinoza war zu erschöpft, um zu protestieren; er marschierte, umrundete Tisch und Stühle; er stieß irgendwo an und fiel nicht, denn der Vater wollte weiter. Der Sohn torkelte seines Weges, und allmählich schien auch der Vater müde zu werden. „Hienieden auf Erden“, murmelte er, „gehen wir alle, soweit die Füße tragen“, – und er ließ den Sohn los, der das tat, was der Vater erhofft hatte: Er ging weiter, tappte ein weiteres Mal im großen Kreise, die Augen waren ihm schon zugefallen; – er ging, als wäre er schon im Laufschritt zur Welt gekommen, und sein Alleingang endete erst, als er gegen eine Wand lief und wie ein Sack umfiel. Er schlief auf der Stelle ein, und sein Vater verließ leise den Raum.

Im zweiten Traum war Spinoza zu einem alten Mann geworden. Es hatte ihn in die Berge verschlagen, ins Hochgebirge, das er in Wirklichkeit nur vom Hörensagen kannte. Die Berge waren gewaltig; sie lagen in einem Licht, das wie der erste Widerschein alles Tatsächlichen war; aufgehoben die Konturen und Grenzen, zurechtgestutzt der Horizont, der aus Eisschründen aufwuchs, ein glänzendes, Nähe beschwörendes Himmelsdach, weitreichend hell, und was sich auftat, war wie die Sichtbarkeit der Dinge selbst. Spinoza, der alt gewordene Philosoph, saß auf einer Bank am Rande eines wahrhaft göttlichen Tales; das Licht nahm ihn in sich auf, die Bergriesen trugen den Himmel, der sich auf Schneefelder und Steilgärten herabsenkte; – das Land öffnete sich, als wenn es eine letzte, alle Zweifel verwehende Befragung erhoffte. Auf einmal aber tauchte Spinozas Vater auf; er schien eher jünger geworden zu sein mit der Zeit, und der Sohn war ihm nun nicht nur an Weisheit voraus, sondern auch an Alter. Der Philosoph sprang auf und rannte davon; er stolperte einen Abhang hinunter. Er lief, als ginge es um sein Leben. Vor ihm türmten sich Steilhänge auf, und rasch gewann er an Höhe. Er ließ Strauchwerk und verkrüppelte Büsche hinter sich, die letzten Bäume; schließlich sprang er, komisch musste das aussehen, wie ein gichtiger, ganz und gar erleichterter Bergmensch von Felsblock zu Felsblock. Dann kam auch schon der Schnee; weithingestreckte, wuchtig nachgezogene Flächen, die ein scharfes Sonnenlicht zurückwarfen und in die Augen brachten. Nachgiebig war der Schnee; man sackte ein bis zu den Knien, kam nicht mehr weiter, und alle Standgeräusche des Himmels, die er zuvor noch auf unvergleichliche Weise zu hören geglaubt hatte, wurden aufgesogen und verschluckt. Spinoza sank immer tiefer ein; Eiseskälte stieg in ihm auf, machte ihn warm und wärmer. Aus dem Himmel, der nur noch zwei Handbreit über ihm war, fiel Schnee; er strich mit Bleifedern über sein Gesicht, hüllte es ein –, und nun, da er zugedeckt war und sich um nichts mehr zu kümmern hatte, – nun konnte er sehen …

Spinoza schreckte hoch. Es war merkwürdig still im Raum. Seine Aufzeichnungen lagen auf dem Boden verstreut. Er ging ans Fenster. Der Wind hatte nachgelassen, und der Regen war in Schnee übergegangen. Ein aufgepumpter Himmel stand über dem Land; er hatte den Wolkenzug, der die Entscheidung bringen sollte, vor sich versammelt und war in schwärzliches Licht getaucht. Die Träume des Tages sind eine Macht, dachte der Philosoph. Sie stellen mir nach, aber sie können mich nicht treffen. Dem Zugriff der Unvernunft entziehe ich mich im selbstbewussten Erwachen. Als er seine Papiere, die ihm im Tagtraum aus den Händen geraten waren, einzusammeln begann, las er auf einem der Blätter: – Gott existiert notwendig und dennoch frei, weil er allein aus der Notwendigkeit seiner Natur existiert. So begreift Gott in freier Weise sich selbst. (Wir selber aber begreifen oft – gar nichts …)

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erstellt am 24.11.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Baruch de Spinoza
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