Ständige Ausstellung

Neues Kabinett im Goethe-Haus

„300 Seiten über Goethes Jugendjahre zu schreiben wäre einfacher gewesen als so eine Ausstellung zu konzipieren“, sagt Dr. Petra Maisak, Leiterin des Goethe-Hauses, bei der Presseführung durch die beiden Räume im Dachgeschoss des Frankfurter Goethe-Hauses. Eine neue Kabinettausstellung wurde am 22. Februar eröffnet, sie wendet sich dem jungen Johann Wolfgang von seiner Geburt im Jahr 1749 bis zum Jahr 1775, als er Frankfurt verließ und nach Weimar zog, zu.

In der ehemaligen Kammer und dem angrenzenden Hofmeisterzimmer ist in fast dreimonatiger Arbeit eine Übersicht auf Werk und Umfeld der frühen Jahre Goethes entstanden. Bereits vor zwei Jahren war die Idee dazu geboren worden. Die Umsetzung gestaltete sich schwierig, denn am liebsten hätte Petra Maisak mit Originalen gearbeitet. Doch das verbot sich angesichts ihrer Empfindlichkeit, die Papiere sind zu wertvoll und zu sensibel, um sie ständig ausstellen zu können. Also musste man den Originalen sehr nahe kommen.

Die Exposition in den Räumen, die früher mit Vitrinen und Bildern ausgestattet waren, sollte übersichtlich und informativ werden, ohne den interessierten Besucher mit zu viel Details zu verprellen. „Wir mussten einen Weg finden, der sowohl für Goethe-Kenner als auch für wissbegierige Laien gangbar ist“, erläuterte die Leiterin des Hauses.

Mit viel Liebe zum Detail hat Petra Maisak in Zusammenarbeit mit Ausstellungsarchitekt Holger Wallat, Prof. Charlotte Schröner von der Agentur Opak, dem Videokünstler Rozbeh Asmani, Absolvent der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Joachim Schröder, Tonmeister am schauspiel frankfurt und den Handwerkern der Schirn Kunsthalle Frankfurt aus den beiden Räumen eine übersichtliche und abwechslungsreiche Fundgrube für Interessierte gestaltet und hofft, dass viele der jährlich etwa 100.000 Besucher des Hauses dieses Angebot annehmen.

Eine Videoschleife, die mehr als 20 Bilder von der Gesamtansicht bis hin zu Details zeigt, zieht die Besucher praktisch in den ersten Raum. Der Bildschirm ist in der Mitte einer altrosa Wand, die an eine Papierrolle erinnert, angebracht. Rechts und links davon werden in Spalten wichtige Informationen zur Zeitgeschichte in den Jahren vor und nach Goethes Geburt geliefert. Dabei stehen alte Dokumente im Mittelpunkt, sie werden durch kleine Texte erläutert.

Ein alter Stadtplan von Merian auf einer Glasstele zeigt die Lage wichtiger Orte der Familie Goethe auf.

Gegenüber informieren zwei weitere Glasstelen über die Familiengeschichte. Noch ist Petra Maisak nicht ganz zufrieden mit den Glasstelen; die Texte – gerade die in Englisch – sind schwer lesbar.

Die üblichen Hörstationen wurden in jedem Raum durch jeweils eine Hörbank ersetzt, der Besucher kann wählen zwischen Texten, vorgetragen von Torben Kessler, Claude de Demo und Oliver Kraushaar vom schauspiel frankfurt, und Musik, interpretiert von Sylvia Ackermann am Pyramidenflügel von 1745 im Goethe-Haus. Die Aufnahmen stammen aus dem November 2010.

Im zweiten Raum, der in seiner Konzeption dem ersten vergleichbar ist, geht es um Goethes Werke. Die ersten „Faust“-Zeilen „Ihr naht Euch wieder, schwankende Gestalten!“ scheinen bei der Videoarbeit im zweiten Raum Pate gestanden zu haben: Auch hier ist ein großer Bildschirm angebracht, auf dem Scherenschnitte wie im Tintenfluss entstehen und zerfließen – die Köpfe zeigen Freunde aus der Goethe-Zeit, die Video-Präsentation wird mit Goethes Handschriften eingeleitet.

Wiederum sind es Glasstelen, auf denen eine Goethe-Zeichnung seines Zimmers, entnommen einem Brief an Auguste Louise, Gräfin zu Stolberg-Stolberg, und die ersten Ausgaben seiner Werke zu sehen sind. Eine dritte Stele bezeichnet die wichtigsten Stationen im Leben des jungen Dichters.

Der Farbton der angedeuteten Papierrolle im zweiten Raum ist Türkis-Blau. „Beide Farben finden sich im Gemälde ‚Die Familie Goethe im Schäferkostüm’ von Johann Conrad Seekatz, gemalt 1762“, macht Petra Maisak auf Details aufmerksam. Um diese Töne so hin zu bekommen, mussten mineralische Farben verwendet werden, mit chemischen Zusammensetzungen hätte das nicht funktioniert. Übrigens hat Goethes Mutter ihrem Sohn dieses Bild angeboten, als sie 1794/95 das Haus im Großen Hirschgraben verkaufte und umzog. Er wollte es nicht haben. Auf wundersamen Pfaden fand es dennoch den Weg nach Weimar und hängt heute im Goethe-Nationalmuseum. Eine Kopie, 1894 von P.L.F. Junker extra für das Goethe-Haus in Frankfurt angefertigt, das 1863 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, ist heute noch zu sehen.

Etwas aus dem Rahmen gefallen wirkt die Vitrine in der linken hinteren Ecke des ersten Raumes, eine Reminiszenz an Museales – oder ein Stück Wohnambiente im Kabinett. Hinter Glas sind Tassen, der Legende nach ein Geschenk der preußischen Königin an Goethes Mutter, eine Figur, die spielende Kinder zeigt, aus der Porzellanmanufaktur Höchst und zwei originale Kacheln aus dem Fußboden des Hauses zu sehen.

Die Kabinettausstellung wendet sich an Besucher des Goethe-Hauses, die mehr über den Dichter und seine Zeit erfahren wollen. Die Hörbänke sind eine sinnvolle Audio-Ergänzung zum visuell orientierten Charakter der Exposition.

Wer sich auf diese informative Zusatzschau einlässt gerät nicht nur in eine Zeitschleife zwischen Vergangenheit und Gegenwart, er bekommt auch Lust auf Goethe und sein Umfeld, Lust, in der Literatur zu stöbern, Musik zu hören. Glücklicherweise kann man klassische Musik beinahe im Goethe-Museum – nämlich bei Karsten Krämer, Am Salzhaus 1 – erwerben, die nächsten Buchhandlungen sind nur ein paar Minuten zu Fuß entfernt.

Jeannette Faure lebt als freie Journalistin in Frankfurt am Main.

erstellt am 23.2.2011