Gerade feiern Erich Kästners Helden, Emil, das doppelte Lottchen, Pünktchen und Anton auf den Bühnen wieder Auferstehung. So auch in Stuttgart. Die Schauspieler der dortigen Inszenierung von „Pünktchen und Anton“ sind mit außergewöhnlicher Freude bei der Sache, meint Thomas Rothschild.

Theater

Kästners Triumph

Von Thomas Rothschild

Es ist schon erstaunlich. Wie viele Bücher, Theaterstücke, Filme, die zu ihrer Zeit Erfolg hatten, sind nach zwanzig Jahren vergessen, als habe es sie nie gegeben. Nicht so die Kinderromane von Erich Kästner. Vier Generationen sind mit ihnen aufgewachsen. Das ist umso erstaunlicher, als sie keineswegs „zeitlos“, sondern tief in der Wirklichkeit der späten Weimarer Republik verwurzelt sind.

Gerade feiern Kästners Heldinnen und Helden, Emil, das doppelte Lottchen, Pünktchen und Anton auf den Bühnen wieder Auferstehung. So auch in Stuttgart. Und ein fasziniertes Publikum sitzt atemlos im ausverkauften Theater, dass man die Luft vibrieren spürt vor Spannung und Aufregung. Allenfalls einigen Großvätern fallen die Augen zu. Während in den Feuilletons der Tod des Theaters verkündet wird, entdeckt der Nachwuchs das Geheimnis, das die Menschen seit Jahrtausenden in den Bann geschlagen hat. Und man kann nur beklagen, dass es Kinder gibt, denen diese für den Rest des Lebens prägende Erfahrung vorenthalten bleibt, weil ihren Eltern der finanzielle und soziale Hintergrund fehlt, der nötig ist, um die Schwelle zum Theater zu überwinden. Die Ungerechtigkeit fängt im Vorschulalter an.

Damit sind wir auch schon bei „Pünktchen und Anton“, wo es unter anderem um die Frage geht, warum es Arme und Reiche gibt. Die Frage ist ja seit den Jahren der Weltwirtschaftskrise nicht gegenstandslos geworden, auch wenn sich die äußeren Merkmale heute unterscheiden mögen. Die Regisseurin Hanna Müller versucht gar nicht erst, Kästners Story gewaltsam in unsere Gegenwart zu verlegen. Sie traut ihrem sehr jungen Publikum zu, auch zu begreifen, wenn statt von Euro von Mark die Rede ist oder wenn jemand Eierkuchen zubereitet, die man in Stuttgart gemeinhin als Flädle kennt.

Natascha von Steiger hat eine Mischung aus Karussell und Vorstadttheater auf die Bühne gebaut, die zum Zuschauerraum hin zunächst durch einen roten Vorhang verdeckt ist. Nina Gundlach hat fantasievolle bunte Kostüme hinzugefügt. Die ganze Inszenierung bedient sich verschiedener volkstümlicher Inspirationsquellen: des Rummels, der Revue, des Films der zwanziger und dreißiger Jahre (der Verführer und Einbrecher „Robert, der Teufel“ ist ein direktes Zitat aus der frühen Filmkunst), der zeitgenössischen Buchillustration. Darsteller dürfen auf offener Bühne in eine andere Rolle schlüpfen. Kinder lernen solche Kunstgriffe schnell verstehen. Sie sind nicht dumm. Sie werden allenfalls dumm gehalten, wenn man sie unterschätzt und unterfordert. Und sie sind, wie die Stuttgarter Aufführung – nicht zum ersten Mal – beweist, nicht hoffnungslos der Prägung durch das Fernsehen verfallen.

Das Publikum wird drei, vier Mal direkt angesprochen, aber die Regie verzichtet auf den modischen Schwachsinn des Mitmachtheaters. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind allesamt mit einer Freude bei der Sache, die außergewöhnlich ist. Offenbar spüren sie die Rückkoppelung aus dem Zuschauerraum. Sie lassen die Sau raus wie selten, und das ist hier am Platze. Denn im Übermut der Frauen und Männer auf der Bühne erkennen die Kinder sich selbst. Beim Verlassen des Theaters spielen sie weiter. Auch das ist Fortsetzung der Kunst im Leben, lustvoll und nicht so besserwisserisch wie bei manchen aktuellen Unternehmungen für Erwachsene.

Warum es Arme und Reiche gibt – diese sehr ernste Frage wird nicht weggefegt. Sie wird auch manches Kind weiter beschäftigen. Sage keiner, Kindertheater sei eine zweitrangige Angelegenheit. Sie ist es nur bei der Verteilung der Finanzen. Und das ist schlimm genug.

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erstellt am 22.11.2015

Szenenfoto Schauspiel Stuttgart. Foto: Bettina Stöß

Theater in Stuttgart

Pünktchen und Anton

Von Erich Kästner

Regie Hanna Müller
Bühne Natascha von Steiger
Kostüme Nina Gundlach
Dramaturgie Anna Haas

Schauspiel Stuttgart

Szenenfoto Schauspiel Stuttgart. Foto: Bettina Stöß