Marina Naprushkinas Buch „Neue Heimat?“ dokumentiert die Arbeit einer 2013 in Berlin gegründeten Nachbarschaftsinitiative für Flüchtlinge. Es führt die Leser in privat betriebene Flüchtlingsheime und Notunterkünfte und auch zu den notorisch kühl und formell agierenden deutschen Behörden. Naprushkina und ihre Mitstreiter unterstützen die in einer Unterkunft in Berlin-Moabit lebenden Flüchtlinge auf freiwilliger Basis bei Behördengängen, engagieren Anwälte, bieten Malkurse für Kinder und Deutschunterricht für Erwachsene an. Sie helfen Flüchtlingen, die verlegt oder abgeschoben werden sollen. Nach Konflikten mit dem Heimbetreiber muss die Initiative ihre Arbeit in eigene Räume verlegen.

Wir sehen einige Flüchtlinge in religiösen Extremismus abdriften. Sie dürfen nicht arbeiten, sie dürfen nicht zur Schule. Weder können und wollen sie zurück in ihr Herkunftsland, noch bekommen sie eine Chance in Deutschland. Wir erleben aber auch Momente des Zusammenhalts, so zum Beispiel bei einem interkulturellen Kochabend.

Naprushkinas Stil ist nüchtern, und doch werden ihre Anteilnahme und ihr scharfer Sinn für Gerechtigkeit deutlich. Die tagebuchartigen Notizen und Alltagsgeschichten, von einigen Zeichnungen begleitet, erstrecken sich über einen Zeitraum von Juli 2013 bis Dezember 2014. Naprushkina demonstriert, dass gelebte Willkommenskultur vor allem harte Arbeit ist, die viel Ausdauer, Menschenkenntnis, aber auch juristisches Geschick verlangt. Das Buch zeigt, wie der Alltag der Flüchtlinge vielerorts noch immer aussieht, wie er nicht aussehen darf. Zu hoch wäre der gesellschaftliche Preis, der gezahlt werden müsste, wenn die Zustände auch für die jüngst Eingewanderten so blieben. (el)

Buchauszug

Neue Heimat?

Wie Flüchtlinge uns zu besseren Nachbarn machen

Von Marina Naprushkina

Juli 2013
Die Notunterkunft

Die leer stehende Schule ist jetzt eine Notunterkunft für Geflüchtete, glaube ich zumindest. Jedenfalls kann einem niemand was Genaues sagen, und es kann mir nicht egal sein, weil ich denke, das kann ich nicht ignorieren. Aber einfach so hingehen? Was soll ich fragen, was sagen, was genau will ich eigentlich da? Ein Glatzenmann am Eingang, schwarz, Security. Guten Tag, darf ich rein? Die Heimleiterin, Irina, ist verdammt jung, höchstens Ende zwanzig. Ihre Unerfahrenheit überdeckt sie mit herrischem Auftritt, so nehme ich sie wahr. »Wir machen hier viel für die Menschen«, sagt sie, »Deutschkurs, Sport. Sie wollen mit den Kindern malen? Einen Raum?« Sie ist einverstanden. Ich folge ihr. Sie führt mich in ein ehemaliges Klassenzimmer. »Hier findet unser Deutschkurs statt.« »Ficken« steht auf der Tafel. Zwei Securities kichern hinter unserem Rücken.

Frau Merkel

Ich habe Salima versprochen, sie heute zum Amt zu begleiten.

Wir treffen uns um neun Uhr vor Ort. Die Wartehalle ist voller Leute, viele sind mit der gesamten Familie dort, Kinder jeden Alters warten geduldig mit. Die einzige Attraktion in der Halle ist der Wasserautomat. Die Kinder gehen oft hin und holen sich Wasser.

Salima stellt sich in die Schlange, um eine Nummer zu ziehen.

Das geht relativ schnell. Wir schauen auf den Monitor. Dort werden die Wartenummern und die Zimmer angezeigt.

Salima hat ihr Baby dabei. Das kleine Mädchen schläft brav bei ihr auf dem Schoß.

Salima ist etwas aufgeregt. Ihre Familie soll aus Berlin verlegt werden. Sie will das nicht. Sie hat mich gebeten, mitzukommen und mit dem Sachbearbeiter zu sprechen.

Ich weiß auch nicht, was uns hier erwartet. Ich habe Salima gebeten, den Zeitungsartikel mitzubringen. In dem Artikel ist die Geschichte ihrer Verfolgung beschrieben. Salimas Mann wurde gefoltert. Seitdem Salima und Usman Tschetschenien verlassen haben, werden die Verwandten, die im Land geblieben sind, bedroht.

Salima hat ihre Anwältin in Berlin, deswegen hat sie Angst, Berlin zu verlassen.

Wir schauen ständig auf den Monitor, vergleichen die Nummern.

Sie werden nicht der Reihe nach angezeigt. Es kommen immer wieder ähnliche Zahlen, aber eben nicht die vier Ziffern, die auf Salimas Zettel stehen. Zwei Stunden sind schon vergangen. Salima stillt das Baby. Die Wartehalle ist voll. Langsam verbreitet sich Essensgeruch.

Ich merke, dass ich Hunger habe. Nebenan ist eine Catering-Firma, die gleich am Eingang große Werbeplakate platziert hat und mit den Abbildungen von Gerichten wirbt. Es wird in demselben Gebäude gekocht. Für die Leute, die stundenlang hier warte müssen, ist es sicher kein Spaß, die Plakate zu sehen und hungrig das Essen zu riechen.

»Marina, geh fragen, wann wir drankommen«, bittet mich Salima. »Ich habe letztes Mal fünf Stunden gewartet, sie haben mich einfach vergessen.«

Ich nehme nicht so richtig ernst, was Salima sagt. Vielleicht hat sie letztes Mal einfach ihre Nummer verpasst. Aber nach drei Stunden Warten werde auch ich langsam ungeduldig. Ich stelle mich in die Schlange und warte, es geht nur langsam voran. Ein Mann drängelt sich nach vorn.

»Wer spricht Russisch?«, fragt er auf Russisch die Leute hinter der großen Empfangstheke. Keiner reagiert. Dann kommt eine Frau aus einem der Zimmer geschossen. »Was willst du hier?«, fährt sie den Mann auf Russisch an.

»Meiner Frau geht es nicht gut«, sagt er schüchtern.

Ich erkenne den jungen Mann, er und seine Frau haben neben uns gewartet. Er sieht aus wie achtzehn. Auch sie ist sehr jung, hochschwanger.

»Was ist los mit ihr? Hat sie Kopfschmerzen?«, schimpft die Frau weiter.

»Sie hat Schmerzen, ihr Bauch …«

»Ja, und? Bekommt sie das Kind jetzt?«, unterbricht sie ihn sofort. »Was meinst du, was ich tun soll? Denkst du, dass ich dich deswegen nach vorne lasse?«

Ich halte es nicht mehr aus. »Warum reden Sie so mit ihm, was erlauben Sie sich eigentlich?«, sage ich auf Russisch und bereue sofort, dass ich sie nicht auf Deutsch angesprochen habe. Aber ich wollte, dass sie merkt, dass ich alles verstanden habe.

»Und wer sind Sie, dass Sie mir sagen, wie ich mich zu benehmen habe?«, faucht sie und verschwindet schnell wieder in ihrem Zimmer. Der junge Mann schaut sich um und geht auch.

Nach fünf Minuten kommt die Frau zurück. »Wir bekommen hier ein Baby«, verkündet sie in Richtung ihrer Kollegen hinter der Theke laut auf Deutsch. »Ich habe den Krankenwagen gerufen.«

Die Schlange vor mir ist durch, ich komme an die Theke und wende mich an einen Mitarbeiter. Ich erkläre, dass wir mit unserer Nummer schon seit drei Stunden warten.

»Es dauert immer lange«, sagt er und schaut mich an. Er möchte mich einfach loswerden. Ich erkläre, dass wir nicht mehr länger warten können, dass die Frau müde ist und das Baby auch.

»Sie begleiten jemanden? Zeigen Sie mir die Nummer«, sagt er. Die Situation, dass Flüchtlinge jemanden dabeihaben, ist ihm neu.

Er tippt etwas in den Computer ein. »Ja, die Nummer wurde wieder rausgenommen«, sagt er. »Komisch.«

»Wie, rausgenommen? Wie kann so etwas passieren?« Ich werde ungeduldig.

»Warten Sie, ich rufe die Kollegin an.« Er nimmt den Hörer ab und telefoniert kurz, dann steht er auf. »Kommen Sie bitte mit mir mit.«

Salima und ich folgen dem Mann. Er bringt uns in die dritte Etage. Dort ist noch ein Warteraum. »Sie werden aufgerufen. Bitte warten Sie hier«, sagt er und geht.

Wir warten. Ich bin genervt. Hier sitzen dieselben Leute, die auch unten schon mit uns gewartet haben. Ich stelle mir vor, dass es in diesem Hochhaus auf jeder Etage noch weitere kleine Warteräume gibt. Man kommt immer eine Etage höher, um wieder zu warten. Man wird nie empfangen.

Nach einer halben Stunde klopfe ich an die Tür eines Zimmers.

»Ja, ich weiß, dass Sie da sind, aber es dauert noch. Ich bearbeite Ihre Papiere ja schon«, sagt mir eine junge Dame am Schreibtisch etwas genervt.

»Ich muss aber vorher mit Ihnen sprechen«, erkläre ich. Ich will vermeiden, dass wir hier im Korridor nur irgendwelche unterschriebenen Papiere bekommen, ohne überhaupt mit jemandem sprechen zu können.

»Um was geht es denn?«, fragt mich die Frau.

»Ich habe ein paar Unterlagen dabei. Die muss ich Ihnen zeigen.« Ich gehe ins Zimmer und packe die Papiere aus.

Die Frau hört mir zu. Als ich den Zeitungsartikel zeige, wird auch ihr Kollege neugierig. »Können wir uns das kopieren?«, fragt er.

»Aber wissen Sie, wir können hier nichts entscheiden. Wir bearbeiten nur die Papiere und geben das Geld raus. Mehr nicht«, erklären sie mir.

»Und wer entscheidet dann?«, frage ich.

»Ein Computerprogramm. Das Programm verteilt die Flüchtlinge auf die Bundesländer. Es zeigt an, wohin sie gehen müssen. Wir können nichts daran ändern.«

»Aber es sollte doch jemanden geben, der über das Programm hinaus entscheiden kann?«, bemerke ich.

»Versuchen Sie, sich an Frau Merkel zu wenden. Sie ist aber sehr beschäftigt.«

»Frau Merkel? Wie meinen Sie das?« Ich habe den Eindruck, sie wollen mich verarschen.

»Frau Susanne Merkel, im sechsten Stock. Ich schreibe es Ihnen auf.«

»Kann ich einen Termin bei ihr bekommen?«

»Nein, aber Sie können ihr einen Brief schicken.«

Dann wird Salima ins Zimmer gerufen, sie hat die ganze Zeit draußen gewartet.

Salima soll auf mehreren Papieren unterschreiben, dass sie das Geld für den nächsten Monat bekommen hat.

»Marina, frag sie bitte, ob ich das Geld für die Winterkleidung bekomme«, sagt sie mir.

Ich frage.

»Nein. Heute nicht. Vielleicht beim nächsten Termin.«

Der nächste Termin ist Ende November. Sie wissen genau, dass die Familie bis dahin verlegt ist.

Februar 2014
Neue Aufgaben

Wir brauchen mehr Freiwillige.
Wir haben bis jetzt keinen einzigen Tag unser Programm ausfallen lassen. Ich verbringe viel Zeit mit der Organisation. Eine muss den Überblick behalten. Nach dem Unterricht stehen viele mit Behördenschreiben in den Händen da, bitten um Hilfe: Anwalt, Landesamt, Jobcenter, Krankenkasse, Stromversorger, Handyvertrag, Ausländerbehörde, GEZ-Gebühren. Wir können das nicht ignorieren.
Die Begleitung der Flüchtlinge tagsüber macht mich besonders fertig: Arzt, Behörde, Anwalt. Alles wird zu einem Problem. Wir brauchen mehr Leute, die auch diese Arbeit machen können. Es müssen solche sein, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, die sich durchsetzen können, die sich auf den Ämtern nicht kleinkriegen lassen. Manche unter uns sprechen Russisch, Serbisch, Arabisch. Wir kriegen viel gelöst, aber die Aufgaben wachsen mit.
Gruppentreffen. Sehr voll. Über vierzig Leute. Wir machen kleinere Arbeitsgruppen: Deutschstammtisch, Kinderbetreung, Kochgruppe. Sabine bildet eine Task-Force-Gruppe für alle Behördengänge. Und verteilt die Aufgaben. Die meisten bleiben ungelöst. Sabine muss sie selbst übernehmen.

Auszüge aus: Marina Naprushkina, »Neue Heimat? Wie Flüchtlinge uns zu besseren Nachbarn machen«
Mit freundlicher Genehmigung © Europa Verlag, 2015

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erstellt am 21.11.2015

Marina Naprushkina
Marina Naprushkina

Marina Naprushkina
Neue Heimat? Wie Flüchtlinge uns zu besseren Nachbarn machen
Mit einem Vorwort von Heribert Prantl
Klappenbroschur, 240 Seiten, mit zahlreichen Zeichnungen
ISBN 978-3-95890-007-3
Europa Verlag, München 2015

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Die Autorin

Marina Naprushkina

Die Künstlerin Marina Naprushkina wurde 1981 in Minsk (Weißrussland) geboren. Sie studierte an den Kunstakademien in Karlsruhe und Frankfurt. Naprushkina lebt und arbeitet in Berlin.

2007 gründete sie das »Büro für Antipropaganda«, das an politischen Aktionen teilnimmt und die Funktionsweise politischer Systeme sowie die Rolle der offiziellen Propaganda in autoritär regierten Ländern untersucht.

Naprushkina ist außerdem Gründerin und Leiterin der Flüchtlingsinitiative »Neue Nachbarschaft//Moabit«. Ziel der Initiative war es, einen Raum zu schaffen, der Migranten, Asylbewerber und die umliegend wohnende Bevölkerung zusammenführt, um voneinander zu lernen. In diesem Kontext entstand ihr Buch »Neue Heimat? Wie Flüchtlinge uns zu besseren Nachbarn machen«.

Zeichnung von Marina Naprushkina, aus: »Neue Heimat?«
Zeichnung von Marina Naprushkina, aus: »Neue Heimat?«
Zeichnung von Marina Naprushkina, aus: »Neue Heimat?«
Zeichnung von Marina Naprushkina, aus: »Neue Heimat?«