Dass es einen Zusammenhang zwischen einem Kunstwerk und der Zeit, in der es entstand, gibt, ist offensichtlich. Wie aber nehmen wir den wahr? Hans-Klaus Jungheinrich hat anhand von neuerschienenen CDs mit Musik von Mehul, Schumann, Richard Strauss und Wolf-Ferrari Entdeckungen gemacht.

CD

Große Welt – Kleine Welt

Von der Französischen Revolution zum Zweiten Weltkrieg

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Intimität und Expansion sind zwei Pole, zwischen denen der musikalische Ausdruck pendelt – und solche Gegensätzlichkeiten sind keineswegs nur in den unterschiedlichen Genres wie Lied, Solo- und Kammermusik einerseits, großorchestrale und musiktheatralische Fasson andererseits „aufgehoben“, sondern ziehen sich quer durch diese hindurch – am reizvollsten vielleicht dort, wo sie sich mischen und ständige Perspektivänderungen erzeugen, etwa so, als blicke man abwechselnd durch die beiden Enden eines Fernrohrs. Wenn unvermutet hinter der kleinen Welt der individuellen Gefühlsäußerung die Vision eines Allgemeinen aufscheint oder das im großen rhetorischen Faltenwurf scheinbar verschwindende Einzelne plötzlich als genau gezeichnetes Detail hervortritt: durchaus triviale und nicht weit hergeholte Phänomene, die dennoch in der bewussten Wahrnehmung die Luzidität Hegel’scher Denkbewegungen darstellen können.

Betrachten wir zum Beispiel die Symphonien von Étienne-Nicolas Mehul, komponiert im Umkreis der Französischen Revolution und seit jeher überzeugende Exempla einer typischen Revolutionsmusik (Beethoven übernahm davon den pathetischen, überredenden, überrumpelnden Gestus). Méhul, das hat er mit dem deutschen Sturm und Drang gemein, schafft Pomp und Zierrat des höfischen Sounds radikal ab und konzentriert sich auf scharf geschnittene Einzellinien, gleichsam metallische Gravuren, die sozusagen das schroffe, schnörkellose gesellschaftliche Wesen des von den Prämissen von 1789 geprägten „einfachen“ Citoyen nachbilden. Dagegen wirken Mozarts Symphonien als raffiniert ausdifferenzierte Gebilde aus prononciert gestalteter Vielstimmigkeit. Fast suggeriert Mehul die Schlichtheit simpler, vor sich hin gepfiffener Straßenlieder; er lädt diese monophonen Melodien aber so stark auf, dass sie jeden Anschein von Beiläufigkeit verlieren und stets in hoher Dringlichkeit und Angespanntheit daherkommen. Großartig eingefangen wird dieser abrupte, aggressive Klangcharakter in der Ersteinspielung der Symphonien 3-5 mit der Nürnberger Kapella 19 unter der Leitung von Eric Juteau. Die markant donnernden Schläge der Holzpauke wecken die Vorstellung eines Gangs zum Richtplatz, wie ihn auch Berlioz im vorletzten Satz seiner „Symphonie fantastique“ imaginierte.

Ein knappes halbes Jahrhundert nach Mehul sieht sich der Symphoniker Robert Schumann in der Situation, das Fortschrittserbe Beethovens im romantischen Geist durch die Kleinlichkeiten der Restauration und des Biedermeier hindurch zu retten. Der „romantische Geist“, durchaus ambivalent, diente auch dazu, den großeuropäischen Entwurf Napoleons hinwegzufegen und deutsche Nationalstaatlichkeit vorzubereiten. Am deutlichsten zeigen sich Spannungen und Risse zwischen Groß und Klein in Schumanns „Rheinischer Symphonie“, in deren Scherzo ein geradezu wuseliger rheinischer Folklorismus herrscht, während der dritte Satz sich als idealtypisches Biedermeier-Idyll gibt. Immer wieder erlebt man in letzter Zeit interpretatorische Überraschungen mit Schumannsymphonien. Was mag ein relativ unprominenter Klangkörper wie das Symphonieorchester aus der dänischen Andersenstadt Odense Neues zu Schumann beitragen? Fulminantes, Vehementes! Der Dirigent Simon Gaudenz geht die „Frühlingssymphonie“ mit atemberaubenden Tempi an. Doch Rasanz ist bei ihm kein Generalrezept. Die C-Dur- und die d-moll-Symphonie überzeugen mehr durch Gemessenheit, ohne sich überstürzende Tempostrudel an den Schlüssen. Frisch und „unphilharmonisch“ ist der Klang mit den äußerst sparsamen Streichervibrati. Eine Entdeckung. Ein frappanter Beitrag zur gerade jüngst sich diversifizierenden Schumann-Rezeption.

Mit dem grandiosen Schumann-Chorwerk „Das Paradies und die Peri“ präsentiert sich Sir Simon Rattle als künftiger Chef des London Symphony Orchestra. Mit wohlpräparierten Chören und Solisten realisiert er ein nun wieder öfter zu hörendes Werk, das nicht zuletzt deshalb Interesse findet, weil es als westeuropäische Reverenz vor einem idealisierten Islam (in einigem Anklang an Goethes „Westöstlichen Diwan“) eine beseelte weibliche Figur in den Mittelpunkt stellt, eben die Peri, die, halb Mensch, halb Engel, sich mit der Absolvierung dreier Prüfungsaufgaben den Eintritt ins Paradies erwirbt – entscheidend für ihre „Erlösung“ sind die gottgefälligen Tränen eines reuigen Sünders. Der Schlussgesang der Titelfigur (Sopran) ist ein lyrisches Langstrecken-Furioso von beispielloser Entflammtheit. Sally Matthews singt es kraftvoll und geradezu kämpferisch, was durchaus beeindruckt – man würde sich jedoch lieber eine weniger forciert dramatisch akzentuierte Kantabilität wünschen.

Große und kleine Welten prallen im Œuvre von Richard Strauss besonders krass aufeinander. Hier Vollmundiges wie das Orchestertableau „Ein Heldenleben“ und die Antikentragödie „Elektra“, dort Filigranes wie das minimierte Opernformat der „Ariadne auf Naxos“. Vor allem in seinem rätselhaften Spätwerk wird Strauss immer reduzierter, gläserner, skelettierter. Man muss das auch als ein spezifisches Modernitätsindiz sehen. Wohl auch als zum Teil illusionären Reflex auf den draußen tobenden Zweiten Weltkrieg, dem sich der greise Musiker durch Flucht in seine Innenwelt zu entziehen trachtete. Davon zeugt die intrikate, selbstreflexive Oper „Capriccio“, aber auch das 1947 entstandene Duett-Concertino für Klarinette, Fagott, Streicher und Harfe, obenhin eine daherplätschernde Petitesse, hinter deren Harmlosigkeit sich allerdings Gespenstisches tut – man höre nur die „überkochenden“ Passagen des Finale! Die CD enthält des weiteren die Suite „Der Bürger als Edelmann“, in der die Persönlichkeitsspaltung eines Parvenu – Großtuerei eines Kleingeistes – auf unterhalsam-drastische Weise und mit Barockmusik-Anleihen wie bei Strawinsky unmittelbar thematisiert wird.

Eine für unser Thema signifikante Figur war der deutschitalienische Komponist Ermanno Wolf-Ferrari (1876-1948), dem ein gewisses Comeback zu wünschen wäre. Er verlegte sich darauf, in zahlreichen Opern die heiter-beschränkte Sphäre der venezianischen Komödien von Carlo Goldoni zu musikalisieren. Mehrfach retrospektiv bezog er sich also auf Commedia dell’arte und Rossini. Dessen schmiegsamen melodischen und rhythmischen Elan unterfütterte er mit prägnant-beweglichen harmonischen Wendungen und praktizierte eine Art der Instrumentation, die man mit einem Ausdruck von Max Reger als „spinnwebfein“ bezeichnen muss. Auch das eine Art von Wagnerismus ex negativo – als äußerste Abkehr vom zeitbeherrschenden Großgenie. Auch, was die Stoffe betrifft. Im Einakter „Susannes Geheimnis“ geht es um nichts anderes als die charmante Peinlichkeit einer „heimlichen“ Zigarettengenießerin. Und die dreiaktige Goldoni-Oper „Die neugierigen Frauen“ kreist darum, wie die Frauen hinter die überaus ehrbaren Machenschaften einer männlich-geheimbündlerisch drapierten Vereinsmeierei kommen und damit allerlei Turbulenz schaffen. Die Oper, man kann auch sagen Öperchen, brilliert mit eloquenten und ausgreifenden Vokalensembles, gibt sich im Finale aber auffällig karg mit einer knappen kollektiven Rekapitulation des Leitmottos „Amicizia“. Wieder einmal erweisen sich der Dirigent Ulf Schirmer und das Münchner Rundfunkorchester mit einer vortrefflichen jungen Vokalistenriege aus dem Münchner Musikhochschulmilieu als interpretatorische Schatzgräber.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 21.11.2015

Étienne-Nicolas Mehul
Der Komponist Étienne-Nicolas Mehul

Étienne-Nicolas Mehul
Symphonien 3, 4 und 5
Kapella 19, Nürnberg, Dirigent: Eric Juteau

CD bestellen

Robert Schumann
Symphonien 1-4
Odense Symphony Orchestra, Dirigent: Simon Gaudenz
cpo 777 925-2

CD bestellen

Robert Schumann
Das Paradies und die Peri
Sally Matthews u.a.; London Symphony Chorus & Orchestra, Leitung: Sir Simon Rattle
LSO0782 A-B

CD bestellen

Richard Strauss
Der Bürger als Edelmann, Duett-Concertino
Corrado Giuffredi (Klarinette), Alberto Biano (Fagott), Orchestra Svizzera Italiana, Leitung: Markus Poschner
cpo 777 990-2

CD bestellen

Ermanno Wolf-Ferrari
Die neugierigen Frauen (Oper)
Solisten, Münchner Hochschulchor, Münchner Rundfunkorchester, Leitung: Ulf Schirmer
cpo 777 739-2

CD bestellen