Mit einem groß angelegten Programm fand in Frankfurt vom 7. bis 11. Oktober 2015 die B3 Biennale des bewegten Bildes zum zweiten Mal statt. Zu dem diesjährigen Leitthema „Expanded Senses“ passte wunderbar der Ehrengast Brian Eno, dessen Auftritte Isa Bickmann beobachtet hat. Seine Ausstellung „My Life in Light“ ist noch bis zum 3. Januar 2016 im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt zu sehen.

Brian Eno

Dark Room mit Entschleunigung

Von Isa Bickmann

Mit 16 baute Brian Eno seine erste Lichtskulptur, damals, so erfährt man von ihm, noch mit einfachsten Mitteln. Er war also früh an Licht und Ton interessiert, bevor er, wie viele Kunststudenten seiner Zeit, eine Art-School-Band gründete, die berühmt werden sollte: Roxy Music. Müde von den Tourneen und der steigenden Popularität stieg er bald wieder aus und widmete sich fortan als Kollaborateur und Produzent den Projekten der Rockmusikkollegen von Bowie, Talking Heads, Coldplay bis U2. Wichtiger noch war ihm die Fortentwicklung seiner Tongestaltungen, die ihm den Beinamen „Erfinder der Ambient Music“ eintrugen. Soundteppiche, Music for Airports, Filmmusik bis hin zur Kreation der Startmelodie für Windows 95 umfasst sein tonkünstlerisches Werk. In Kombination mit den Lichtgestaltungen der frühen Achtzigerjahre, die auf der Erkenntnis beruhen, dass man ein Fernsehgerät durchaus als Lichtquelle nutzen kann, was sich bis dato von der Videokunst an sich unterschied, kann man ihn durchaus als Gesamtkunstwerker zu bezeichnen. Alle Sinne herausfordernd sind sie zugleich „music for the eyes“ als auch „paintings with sound“.
 
Das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt zeigt bis Ende des Jahres 2015 eine kleine Ausstellung, die der Multimediakünstler – technisch aktualisiert – mit älteren Werken aus den Achtzigern in neuer Konstellation und mit einer auf den Raum abgestimmten Toninstallation eingerichtet hat. Nachdem man im Ausstellungsgeschoss des Museums eine Wand mit Plakaten, Videobildern und Notizen Enos entlanggeschritten ist, die in den Gesamtkosmos seines Werkes einführen soll, betritt man einen dunklen Raum, in dem sich auf Plasmabildschirmen sehr langsam veränderte Farbbilder zeigen. Daneben treten Lichtobjekte auf, die von Bildschirmquellen erleuchtet werden und in einem seltsam verzogenen dreidimensionalen Arrangement erscheinen, das einem Ernst-Ludwig-Kirchner-Bild oder einem Film von Friedrich Wilhelm Murnau entsprungen sein könnte. Assoziationen zum Expressionismus mögen hier erlaubt sein, immerhin war David Bowie Ende der siebziger Jahre ein häufiger Besucher des Berliner Brücke-Museum, als Eno mit ihm an den Alben der Berlin-Triologie arbeitete. Kurz: der Eno-Raum entschleunigt stark und lässt einen zur Ruhe kommen, wenn man die ersten Vorbehalte gegenüber den psychedelisch anmutenden Farbbildern überwunden hat. Man lauscht den Tönen aus dem Multiple-Speaker-System, und das Ganze gewinnt an Magie. Eno erzählte dazu auf der Pressekonferenz, dass er für eine Krebsstation in einer Klinik in Brighton einen Licht-Ton-Raum entwickelt hat, der die schwerkranken Patienten aus dem Trubel des Krankenhausalltags herausholt und zu sich selbst finden lässt. Und man glaubt ihm sofort, dass das funktioniert.
 
Etwas überzogen mag freilich sein, dass die Kuratoren diese Ausstellung „Retrospektive“ nennen, ist sie doch mehr oder weniger auf anderthalb Räume beschränkt und damit ähnlich klein wie seine Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn im Jahre 1998. Angesichts mancher visueller Werke wie die international erfolgreichen „77 Million Paintings“ wirkt das unbefriedigend. Dass Brian Eno in Frankfurt Arbeiten aus den Achtzigern zeigen kann, ein Umstand, der wohl die Bezeichnung Retrospektive motivierte, hat er der Frankfurter Agentur Atelier Markgraph zu verdanken, die diese eingelagert hatte. Der Kontakt beruht auf früherer Zusammenarbeit z.B. für Messe Frankfurt 1985 und die Luminale 2004, die Enos Musik mit Licht/Farbinstallationen vereinigte.
 
Im Rahmen der Veranstaltung „Robert Johnson Theorie“ im Offenbacher Club Robert Johnson konnte man dem Tonkünstler Brian Eno noch etwas näherkommen. Heiner Blum, Professor an der Hochschule für Gestaltung und Initiator der Reihe, und Patrick Raddatz spielten dem Künstler unter dem Titel „What I Come From Or Where I Stole All My Ideas Or All The Things I Repackaged And Sold As Mine Or One Day I'll Have An Idea Of My Own I Promise“ die Platten seines Lebens vor und stellten Fragen. Doch Eno fühlte sich nach einer eher launigen Auskunft über seinen Kontakt zu John Cage, dem er als 19-Jähriger einen Brief schrieb und der ihm tatsächlich beantwortet wurde, von den abgelesenen Fragen der Interviewer eher gelangweilt. Es schien, als wollte er lieber seine alten Platten hören und mitsingen, als Fragen nach Tape-Rekordern zu beantworten. Die Musikauswahl erwies sich als höchst exotisch-bunt und ungemein unterhaltsam. Überraschend für alle Besucher war die Anwesenheit Laurie Andersons, auch sie Gast der Biennale, die mitten im Publikum Platz nahm, und des inzwischen 81-jährigen Experimentalmusiker Hans-Joachim Roedelius, der am Folgeabend, der Verleihung des Ehrenpreises für Enos Lebenswerk, ein kurzes Konzert gab. Eno hatte mit Roedelius‘ Band Harmonia 1976 gearbeitet und ist schon immer ihr Fan gewesen. Das war Musik für die Zukunft aus der Vergangenheit. Brian Enos Werk ist ein Teil davon. Er selbst scheint allerdings weniger an der Vergangenheit als an der Zukunft interessiert. Und er war ja seiner Zeit immer schon ein bisschen voraus.

Brian Eno über seine Lichtkunst

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erstellt am 17.11.2015

Brian Eno mit einem seiner Lichtobjekte im Museum Angewandte Kunst Frankfurt, Foto: Clemens Mitscher

Ausstellung in Frankfurt

Brian Eno. My Life in Light

Bis 3. Januar 2016

Museum Angewandte Kunst
B3 Biennale des bewegten Bildes

Detail. Ausstellung Brian Eno. My Life in Light, Museum Angewandte Kunst Frankfurt, Foto: Isa Bickmann

Brian Enos „Quiet Club“, die für die Luminale in Frankfurt 2004 installiert wurde.

Brian Eno, Heiner Blum und Patrick Raddatz im Robert Johnson, 10.10.2015, Foto: Thomas Engel

Hans-Joachim Roedelius, Eno, Blum, Raddatz, Foto: Thomas Engel