Der amerikanische Autor Atticus Lish kann auf Einsätze als Irak-Kämpfer zurückblicken und geht lieber ins Fitnessstudio als in Buchläden. Sein Roman „Vorbereitung auf das nächste Leben“ erzählt davon, was es heißt, in den Weiten Amerikas auf eine verwandte, verständnisvolle Seele zu treffen. Das Buch ist anstrengend und höchst befriedigend zugleich, meint Peter Henning.

Buchkritik

Vernarbte Seelen

Von Peter Henning

Die Bezeichnung „Great American Novel“ war zuletzt vor allem Romanen vorbehalten, wie sie seit einiger Zeit in schöner Regelmäßigkeit US-Autoren wie Jonathan Franzen oder Jeffrey Eugenides aus der Feder fließen. Denn sie gleicht einem fetten Ausrufezeichen, das uns Lesern signalisieren soll: Achtung, ganz große Literatur! Es handelte sich dabei bislang um Bücher, die unausgesprochen den Anspruch ihrer Verfasser mitformulierten, es darin auf nicht weniger als das „große Ganze“ abgesehen zu haben, also im Fall der US-Boys auf eine Zustandsbeschreibung von Gesamtamerika. So wie einst Tolstoi es in „Krieg und Frieden“ oder „Anna Karenina“ für Russland tat. 

Doch nun ist ein sogenannter „Nobody“ in die dünnluftige Phalanx der Franzen und Eugenides eingebrochen, und das wie über Nacht. Sein Name: Atticus Lisch, ein 43 Jahre alter, schwer einschätzbarer Streuner, der sich jahrelang durch ein Leben schlug, das selbst anmutet wie ein dreckig-cooler US-Roman. Lish kann auf Einsätze als Irak-Kämpfer zurückblicken, frönt seit seinem 12. Lebensjahr einer unstillbaren Liebe für asiatische Kampfsportarten, spricht seit Kindesalter Mandarin-Chinesisch, jobbte bei McDonalds und geht lieber ins Fitnessstudio als in Buchläden. Und dass er mit gerademal zwanzig seine große Liebe Beth heiratete, mit der er heute noch zusammenlebt, passt dabei ebenso ins Bild des „bunten Hundes“ wie sein abgeschlossenes Mathematik-Studium oder die Tatsache, dass sein Vater kein Geringerer ist als die amerikanische Lektoren-Legende Gordon Lish. Jener Mann, der einst Raymond Carvers später weltberühmten Minimalismus-Stil schuf, indem er dessen manchmal allzu sentimentale Erzählungen wie mit dem Tranchiermesser so lange verknappte und zerkleinerte, bis daraus eine neue Literaturform wurde, für die man Carver anschließend weltweit feierte: eine Art Streichholzschachtel-Realismus, der auf allerengstem Raum ganze Leben inszenierte und barg.

Aus all dem, und darum die lange Vorrede, hat Lish-Junior seinen ersten Roman gestrickt: ein Buch wie ein riesiger Flickenteppich, der von allem und nichts erzählt, von Liebe und Verlangen, Fremdheit und Vertrauen, Zusammengehörigkeit und Einsamkeit und davon, was es heißt, in den scheinbar unbewohnbaren Weiten Amerikas urplötzlich auf eine verwandte, verständnisvolle Seele zu treffen.

Fünf Jahre schrieb Lish an „Vorbereitung auf das nächste Leben“, und man versteht nach der Lektüre, weshalb. Denn tatsächlich liest sich das Buch wie die Sprache gewordene Häutung seiner eigenen Person vom heimatlosen Vagabunden zum Schriftsteller. Der Roman schlug in Amerika ganz groß ein, kassierte wichtige Preise und viele, viele gute Rezensionen. Zugleich gab er all jenen namenlosen Schreibern den Glauben zurück, die dachten, nur mit anspruchsvoll gebauten Sätzen sei so etwas wie Erfolg möglich. Lishs Roman zeigt gekonnt, dass es auch anders geht.  Sein Buch ist schnell und lebendig und dreckverkrustet, seine Sprache rau und vibrierend, und manchmal wild wie ein unbezähmbares Pferd. Vor allem aber: seine Geschichte ist gut genug, um zu zeigen, dass es manchmal bereits genügt, das Zusammentreffen eines Ex-Irak-Kämpfers mit einer ziel- und mittellosen Sinnsucherin zu beschreiben, um den Leser zu bezaubern. Denn genau davon handelt „Vorbereitung auf das nächste Leben“: von dem Zusammentreffen des Ex-Soldaten Skinner und der illegal durch die USA vagabundierenden uigurischen Kriegswaise Zou Lei – und ihrer gemeinsamen Vorbereitung auf das nächste, nämlich gemeinsame Leben.

Subtil und einfühlsam beschreibt Lish, wie sich die beiden vom Schicksal stark vernarbten Seelen langsam aufeinander zubewegen. Und wohl nie zuvor las sich der Beginn einer großen Liebesgeschichte derart schweißtreibend. Denn beide, sowohl Skinner als auch Zou Lei, lieben Bodybuilding, den Kampf der eigenen Muskeln gegen den Schmerz. Und so treibt Zou Skinner zu immer neuen Höchstleistungen an. Das Resultat: aus zwei verletzten Muskeln wird am Ende ein starker,  der sich dem kalten Wind, der in Amerikas Straßen weht, entschlossen entgegenstellt. So gehen sie gemeinsam durch die sich ihnen stellenden Prüfungen, bis Skinner am Ende sagen kann: „Er war am Leben, das Herz schlug immer noch. Im Licht der Straßenlaternen sah man den Dampf aufsteigen. Ja, ja, und nochmals ja.“ 

Und, ja! Lish ist eine „Great American Novel“ geglückt, ein Buch wie ein Körpermarathon aus 500 Liegestützen: höllisch anstrengend und höchst befriedigend zugleich.

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erstellt am 12.11.2015

Atticus Lish
Atticus Lish

Atticus Lish
Vorbereitung auf das nächste Leben
Aus dem Amerikanischen von Michael Kellner
544 Seiten, mit Schutzumschlag
ISBN-13: 978-3-7160-2745-5
Arche Literatur Verlag, Zürich 2015

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