Nach drei Jahren, in denen Michel de Montaigne schon an Nierenkoliken litt, begab er sich auf eine große Bäderreise über Paris, die Schweiz und Deutschland mit sechs Begleitern zu Pferde, drei Männern zu Fuß, zwei Dienern und einem Maultiertreiber nach Rom. Aber schon in Plombières sah Otto A. Böhmer den Philosophen bei einer Trink-Kur zur Erkenntnis kommen.

Holzwege

Was für ein Wasser

Der Philosoph Michel de Montaigne

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Michel de Montaigne war zu Beginn einer großen Reise, die ihn über Lothringen, Süddeutschland und die Schweiz bis nach Rom führen sollte, in das bekannte Kurbad Plombières gekommen, das im Ruf einer gewissen Freizügigkeit stand, obwohl es von seiner Lage her eher auf drängende Enge schließen ließ, denn der Ort duckte sich in eine schmale Felsenschlucht, durch welche die schäumenden Wasser der Augronne schossen. In Montaignes Begleitung befanden sich vier mehr oder weniger noble Herren: allen voran Bertrand-Charles de Mattecoulon, der jüngste Bruder des Philosophen, der in Italien an einem Intensivkurs zur Verbesserung seiner Fechtkünste teilzunehmen beabsichtigte; dann die Herren Bernard de Cazalis und Charles d’Estissac, beide bei Hofe wohlgelitten und mit vielseitig verwendbaren Empfehlungsschreiben der Königinmutter Katharina von Medici ausgestattet, sowie ein gewisser Monsieur Hautoy, der als wohlhabend galt und gern laut und ausgiebig über die eigenen Witze lachte. Die Badeanlagen von Plombières, das schon die Römer zu Erholungszwecken aufgesucht hatten, waren gepflegt, und man legte, zumindest während des Badebetriebs, Wert auf gesittetes Betragen. Laute oder gar unkeusche Reden waren unerwünscht, desgleichen abfällige Bemerkungen der katholischen Kirche gegenüber; zudem gab es eine Badeordnung, die sowohl für die Einzelwannen, in denen es zur Vor- und Nachreinigung kam, als auch für das langgestreckte Quellbecken galt, in dem sich die Badegäste schwimmend und plaudernd ergingen; sie sah vor, dass der Herr sich mit Hose, die Dame dagegen nur im langen Hemd ins Wasser begeben durfte. Montaigne gefiel es in Plombières; seine Begleiter hingegen, die allesamt deutlich jünger waren als er, äußerten schon nach drei Tagen ihren Unmut über die „wenig ergiebigen“ Baderituale, denen sie sich zu unterziehen hatten. Der Philosoph jedoch fühlte sich in bemerkenswertem Einklang mit jenem unspektakulären, seelisch und körperlich ausgewogenem Wohlbefinden, das er zeit seines Lebens angestrebt, aber mit zunehmendem Alter immer mehr verfehlt hatte. Montaignes Zufriedenheit wurde von seinen Mitreisenden mit deutlichem Argwohn bedacht; sie fanden es zudem ausgesprochen übertrieben, dass er als Badegast entschieden mehr tat, als man von ihm erwartete: Der Philosoph badete nämlich nicht nur im Quellwasser von Plombières, nein, er trank es auch – und zwar jeden Morgen um sieben Uhr neun große Gläser, die er, ohne Anzeichen des Widerwillens, sondern eindeutig vergnügt und bei bester Stimmung, nacheinander leerte. „Ihm beim Wassertrinken zuzusehen macht mich ganz krank“, klagte Herr d’Estissac. „Es kommt einer Provokation gleich, einer Anmaßung vorgeblicher Gesundheit, die mehr will als nur blühen.“ „Dabei ist es gar nicht gesund“, meinte Monsieur Hautoy. „Der Bademeister, dem ich eine kleine Aufmerksamkeit zukommen ließ, hat mir verraten, welche Inhaltsstoffe in diesem Quellwasser treiben … Ich kann Ihnen sagen, meine Herren.“ „Genug“, rief Bertrand-Charles de Mattecoulon. „Mein Bruder ist ein großer Denker, dessen Gesundheit uns allen am Herzen liegt. Aber ich will nach Rom, um mit dem Degen zu arbeiten. Also sollten wir Herrn de Montaigne dazu veranlassen, die nötigen Schritte für eine baldige Weiterreise einzuleiten … Ich wüsste da auch schon, wie wir ihn unseren Absichten gewogener machen könnten.“ Am nächsten Morgen stand, wie gewohnt, die große Karaffe bereit, aus der sich der Philosoph mit dem Quellwasser zu versorgen pflegte, dessen Wirkung er nicht genug rühmen konnte. „Hoffentlich merkt er nichts“, flüsterte de Cazalis, „für den Kenner sieht guter Wein allemal anders aus als trübes Wasser.“ „Seien Sie still“, zischte de Mattecoulon, „mein Bruder hat noch den Schlaf in den Augen; er kann gar nichts merken.“ „Aber danach“, rief Monsieur Hautoy und konnte sich vor Lachen kaum halten, „danach wird er’s merken.“ „Meine Freunde“, sagte Michel de Montaigne. „Ihr seht mich so merkwürdig an … Ist etwas mit euch? Oder gar mit mir?“ „Aber nein“, meinte d’Estissac. „Nichts ist. Sie sollten jetzt trinken.“ Gespannt verfolgten sie, wie der Philosoph das erste Glas in einem Zug leerte. „Dieses Wasser ist wundersam“, sagte er und leckte sich die Lippen. „Es schmeckt von Tag zu Tag besser. Heute mundet es mir besonders gut; es ist so kräftig und voller Geschmack. Wenn ich nicht wüßte, daß es Wasser ist, würde ich es für Wein halten.“ Als der Philosoph sein fünftes Glas geleert hatte, hielt er sich am Tisch fest und murmelte: „Dieses Wasser hat auch wahrheitsfördernde Wirkung. Im Augenblick macht es mir klar, dass ich nicht mehr der allerjüngste bin.“ „Ich glaube nicht, dass er neun Gläser schafft“, flüsterte de Cazalis. „Er schaut schon so schief.“ „Ach was“, sagte de Mattecoulon. „Mein Bruder ist, wie die meisten Philosophen, trinkfest. Er wird kaum merken, dass wir ihm Wein anstelle des trüben Quellwassers eingeschenkt haben. Nach dem Genuss desselben aber dürfte er zur baldigen Abreise bereit sein.“ Montaigne leerte sein neuntes Glas. Er beäugte die leere Karaffe und machte sich dann kopfschüttelnd auf den Weg zum Schwimmbecken, wobei er, zugegeben, ein wenig schwankte, aber im Groben doch die Richtung zu halten wusste. Ohne anzuhalten oder sich wie sonst seines Mantels zu entledigen, ging er ins Wasser, in dem er wie ein Stein versank. „Er säuft uns ab“, rief Monsieur Hautoy und eilte, gefolgt von den anderen, an den Beckenrand. Der Philosoph trieb auf der Wasseroberfläche; er lag auf dem Rücken und hatte die Arme über der Brust verschränkt. Als man ihn an Land zog, schlug er die Augen auf und lächelte. „Was für ein Wasser“, sagte er. „Mir ist, als wäre ich auf einer langen Reise gewesen und hätte mehr gesehen, als ich sehen sollte. Eine Ahnung ist mir zur Gewissheit geworden, und so erinnere ich mich mit einem Mal an die Oden des Horaz, in denen es heißt: ‚O fortes, pejoraque passi / Mecum saepe viri! Nunc vino pellite curas: / Cras ingens iterabimus aequor – Brave Gefährten, mit mir härterer Schickungen Dulder, / Scheuchet die Sorgen durch Wein, / Morgen durchwallen wir das weite Meer‘.“

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erstellt am 10.11.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Michel de Montaigne
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