Der Historiker Lionel, Ich-Erzähler des Romans „Endspiel“ von Pete Smith, lernt in einem Seniorenheim Elena Morgenstern kennen. Ihre Geschichte, die um Schuld und Aufarbeitung kreist, schreibt Lionel auf. „Endspiel“ ist ein komplexer, akribisch recherchierter Roman, meint Maria Knissel. Faust-Kultur veröffentlicht einen Auszug daraus.

Buchkritik

Sommer der Erinnerungen

Von Maria Knissel

Elena Morgenstern, die zentrale Figur in Pete Smiths Roman „Endspiel“, ist Tochter überzeugter Nazis – und Witwe eines Juden. Ihren Mann Seraphin, einen Auschwitz-Überlebenden, lernt sie während ihrer Flucht nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kennen. Es ist die große Liebe, nur über ihre Vergangenheiten können die Beiden nicht sprechen. Dann, 1954, als eigentlich alles in Ordnung scheint und Deutschland sogar Weltmeister wird, hält Seraphin die inneren Qualen nicht mehr aus, und zum Sprechen ist es für immer zu spät.

1963, 18 Jahre nach dem Krieg, beginnt in Frankfurt der erste Auschwitz-Prozess. Elena Morgenstern verfolgt und protokolliert jeden einzelnen Prozesstag, wie getrieben. Sie will verstehen, sucht Antworten und findet doch nur immer mehr Fragen, auch die nach der eigenen Schuld. Sie zerbricht beinahe an der Ungerechtigkeit, die im Prozess offenbar wird. „Den Opfern klopft das Herz bis zum Hals, doch die Täter sind mit sich im Reinen“, lässt Autor Smith Elena sagen. Besser kann man das nicht auf den Punkt bringen, und besser kann man nicht zeigen, wie wichtig Aufarbeitung ist – und wie schwierig.

Durch die Geschichte von „Endspiel“ führt uns Ich-Erzähler Lionel, ein Historiker kurz vor Abschluss seiner Promotion im WM-Jahr 2010. In einem Seniorenheim gibt er einen Computerkurs, dort lernt er Elena kennen, die ihn von Beginn an fasziniert und ihn in ihrer wunderbar feinen Art dazu bewegt, ja geradezu verführt, ihre Geschichte aufzuschreiben.

Damit hat Pete Smith, der für die Arbeit an „Endspiel“ mit dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichnet wurde, eine geniale Konstruktion geschaffen, um nicht nur die Tatsachen und Handlungen zu beschreiben, sondern gleichzeitig die Verlässlichkeit von Erinnerungen und Aufzeichnungen zu thematisieren. „Mein Leben – so wie Sie es schildern, habe ich es nicht in Erinnerung”, sagt Elena zu Lionel, „aber ich finde mich ausgezeichnet darin zurecht.”

„Endspiel” ist ein komplexer und differenzierter Roman, akribisch recherchiert, sprachlich vielfältig und niemals langatmig oder zu schwer. Denn neben Elena und Lionel lernen wir viele weitere interessante Figuren kennen, die sich durch den heißen, vom Vuvuzela-Sound begleiteten Frankfurter Sommer bewegen: Lionels schwangere Freundin als Wegweiserin in ein zukünftiges Leben, seinen Freund Edgar, seine Ma und die Senioren aus der Residenz („‘Mein Computer hat den Geist aufgegeben‘, begrüßt mich Frau Müller“). Und weil Weltmeisterschaft ist, begegnen wir auch Özil, Messi und Co. Und Julius „Juller“ Hirsch. Auch ein Fußballer. Nie gehört? Lesen Sie das Buch!

Originaltext

Pete Smith: Endspiel

[…]

„Sehen Sie“, sagt sie, „achtzig Jahre nehmen nicht viel Platz ein, sie passen in einen kleinen Koffer und lassen noch Luft.“

Der Koffer, der auf dem Bett liegt, hat schon bessere Tage gesehen. Sein hellbraunes Leder ist so schrundig wie die Armlehnen ihres Chesterfield. Rostige Plättchen verstärken die Ecken, der Deckel ist zerkratzt, aus den vernähten Kanten hängen Fäden. Zwei Lederbügel halten den Koffer in Form.

Sie legt die Finger an die Scharniere, lässt das Schloss aufschnappen, der Deckel federt hoch. Kein Springteufel schießt heraus. Sie meint es tatsächlich ernst.

„Mein Leben“, wiederholt sie, „zumindest das, was sich zu bewahren lohnt.“

Das Innenfutter des Deckels ist zerrissen. Ich trete näher und werfe einen Blick hinein. Kladden, Hefte, gebündelte Briefe, eine blaue Mappe mit Gummizug. Ich sehe sie an. Was fällt ihr ein? Was soll ich mit ihrem Leben anfangen? Ist sie verrückt, oder steckt hinter allem ein großer Plan?

Ich nehme eine Kladde heraus und blättere darin. Die Seiten sind vergilbt, der Geruch kommt mir seltsam vertraut vor.

Nein, ich habe keine Zeit für so etwas, kein geschenktes Jahr, außerdem, ich kenne sie ja kaum, was will sie von mir, was geht mich ihr Leben an?

„Ich bin Historiker“, sage ich, „kein Biograph.“

„Sie erforschen die Gemeinschaft der Menschen, nicht wahr?“

„Das ist es nicht.“

„Wobei das Individuum …“

„Nein, Sie verstehen das nicht.“

„Dann erklären Sie es mir bitte.“

„Ich denk darüber nach.“

„Ja, bitte tun Sie das.“

Sie geht um mich herum, öffnet die Nachtischschublade und holt ein Papiertaschentuch heraus.

„Im Grunde“, fährt sie fort, „geht es gar nicht um mich, sondern um ihn, um seine Geschichte, sein Leben, verstehen Sie, was davon übrig bleibt, wenn ich nicht mehr bin.“

In dem Moment, da ich die Kladde zurück in den Koffer lege, klingelt ihr Telefon. Sie entschuldigt sich und eilt ins Wohnzimmer.

„Ja?“ Sie lauscht, dann sagt sie „Nein“, dann „Ich bin noch nicht so weit“, dann „Gut“, schließlich „Ja, ich denke darüber nach“, in Gedanken antworte ich „Ja, bitte tun Sie das.“

„Ich denk darüber nach“, wiederhole ich, als sie zurückkehrt.

[…]

Auszug aus: Pete Smith, Endspiel
Mit freundlicher Genehmigung © Societätsverlag, Frankfurt am Main 2015

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 05.11.2015

Pete Smith. Foto: Maria Harsa
Pete Smith. Foto: Maria Harsa

Pete Smith
Endspiel
Broschur, 368 Seiten
ISBN: 978-3-95542-120-5
Societätsverlag, Frankfurt am Main 2015

Buch bestellen