Die Grande Dame der österreichischen Poesie, Friederike Mayröcker, hat nach den „Études“ den zweiten Band ihrer Prosa-Texturen vorgelegt, „Cahier“. In ihm führt die Autorin ihre eigenwillige und einzigartige Schreibweise fort. Bernd Leukert hat sich eingelesen.

Friederike Mayröcker in ihrem Arbeitszimmer, Foto: Barbara Klemm

Buchkritik

Madonna und das Lämmchen

Von Bernd Leukert

Schriftsteller gibt es, die um die Richtigkeit und Triftigkeit jedes ihrer Worte kämpfen; und es gibt andere, die als Kind schon in den Kessel mit dem Zaubertrank gefallen sind und sich dem Strom der Worte, der aus ihnen herausfließt, überlassen. Die disziplinarische Leistung – um es paradox zu formulieren – liegt bei ihnen darin, die geistige Kontrolle, die diesen ‚Flow’ blockiert, so weit zu deaktivieren, dass die Worte fließen können. Selbstverständlich kann es passieren, dass dann statt der Worte nur die Wörter hervorsprudeln. Friederike Mayröcker, nun über 90 Jahre alt, muss sich vermutlich nicht mehr disziplinieren. Denn offenbar kann sie Tag für Tag die Schleuse öffnen, um ihren Bewusstseinsstrom zu verschriftlichten: ach ich arbeite so instinktiv wie ich nur kann, aber auch: … und manchmal scheint es mir: je mehr ich mich gehen lasse desto kühner meine Phantasie, wie kann das sein? Das kann sein, weil die kühne Phantasie ihre Kraft nicht mit einem Willensakt, nicht mit Mut befeuert, sondern eben mit Kontrollverlust.

Mayröckers ‚Cahier’ ist in gewisser Weise die Fortsetzung der Bücher, die sie zuvor veröffentlichte. In gewisser Weise meint, dass die Darreichungsweise sich jedes Mal verändert, die Trägersubstanz aber sich ähnlich bleibt. Mit ihren über 80 Büchern gehört Friederike Mayröcker sicher zu den produktivsten Lyrikerinnen. Die ersten Bände waren noch nach Lyrik und Prosa unterschieden, und der Sammelband „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif.“ trug noch die Bezeichnung ‚Gedichte 2004-2009’. Spätestens die prosaischen Gedichte und lyrischen Prosastücke der „Études“ (2013) sind aber von Zuordnungen befreit, nun auch „Cahier“. Auch hier handelt es sich um Notate, die mit dem Tagesdatum abschließen. Es mag sein, dass Mayröcker aufschreibt, was ihr in den Sinn kommt. Aber was ihr in den Sinn kommt, ist dann schon kunst-fertig. Und man könnte auf den Gedanken kommen, dass es sich dabei um pure Gewohnheit handelt.

Schon der Anfang des Buches lässt keinen Zweifel darüber, dass es sich um die Wiederaufnahme eines gerissenen Gedankenfadens handelt: „einen Augenblick eine Sekunde lang war ihr Gesicht weich und betrübt vielleicht zündete (sie) 1 Zukunft an usw. irgend Terminologie der Fische sasz wie Bündel auf (Klo)Brille habe die Gärten liebkost …..” Erklärt wird nichts, es hülfe auch nichts. Stichworte und Satzfragmente prägen den Gesamteindruck, thematisiert werden (vor allem) die Liebe zu und die Trauer um den verstorbenen Lebensgefährten Ernst Jandl in postkartenartigen Szenen und Idyllen, emphatische Begegnungen mit der Lyrikerin Ann Cotten und dem Philosophen Jacques Derrida, ihre Neigung, schnell und oft zu Tränen gerührt zu sein, die Malaisen des Alterns oder die Natur: Liebster, die Astern im Garten Köpfchen wiegend, ganz zart wie Ästchen oder Marienkäfer = sich totstellend. Ach die Heckenrosen: ihr lieblicher Gesang usw.

Künstlerische Bezugspunkte

Der Text ist durchzogen von solchen usw., etc., und dgl., nicht wahr, aber auch von klingenden Namen, die wie Ertrinkende im Wörtermeer einmal auftauchen, um folgenlos wieder zu verschwinden: Pablo Picasso, Erik Satie, Les Murray, Marcel Beyer, Francis Bacon, Charles Baudelaire, Giorgio Morandi, Elke Erb, The Kinks, Hans Wollschläger, Oswald Egger, Oskar Loerke, Max Ernst, Samuel Beckett, Philipp Hössli, Sergej Rachmaninoff, Claude Debussy, Gennadi Aigi, Gory Graham, Antoine Forqueray, Theodor W. Adorno, Friedl Kubelka, Jean Paul, John Constable, Egon Schiele, Oskar Schlemmer, Georg Trakl, Andreas Gryphius, Colette, Paul Verlaine, Miles Davis, Jean Genet, Anna Achmatowa, Alban Berg, August von Kotzebue, Anne Bennent, Antoni Tapiès, Cy Twombly, Friedrich Rückert, William Shakespeare, Jan Vermeer, George Braque, Rachel Varnhagen, Giacomo Casanova, E. E. Cummings, Gerd F. Jonke, Georges Bataille, Seamus Heaney, Arnold Schönberg, Sandro Botticelli, Michael Hamburger, Friedrich Hebbel, Maurice Blanchot, Dante Alighieri , Arnulf Rainer, Francis Ponge, Carlfriedrich Claus, Thomas Kling, Roland Barthes, Peter Weibel, Christoph Schlingensief, Heinrich von Kleist, Paul Valéry, Franz Liszt, Novalis, Francesco Petrarca, Emily Dickinson, Albert Schweitzer, J. S. Bach, René Char, John Keats, Johannes Brahms, Hugo Wolf.

Das sind – auszugsweise – die künstlerischen Bezugspunkte an Friederike Mayröckers poetischem Firmament, die nicht nur für ihr Schreiben bedeutsam sind: nicht nur das Geschriebene auch die Existenz musz poetisch sein. Da weht uns ein romantisches Lüftchen an, das aber flugs kanalisiert wird. Denn was in diesen Texten herzzerreißend, tränenreich oder sentimental auch erinnert wird, ist immer zugleich Spielmaterial, Versatzstück, das in anderem Kontext wieder aufgenommen und variiert wird oder sich überlappende Abschnitte leitmotivisch einklammert. So begegnet einem ein Gedanke mehrmals in Abwandlungen, die sich über mehrere Tage erstrecken oder nach größeren Zeitsprüngen wieder unterkommen. Wenn dem ein System zu Grunde liegen sollte, ist es perfekt verborgen. Zu vermuten ist eher, dass Mayröcker einem sicheren Gespür nachgibt, das sie die formale Struktur gestalten lässt. Dass die in knapp angerissenen Bildern verschriftlichten Gedanken keiner narrativen Logik folgen, ergibt sich also von selbst. Diese inhaltliche Zwanglosigkeit ermöglicht Visionen: Wenige Monate bevor sie starb spiegelte sich ihr Jenseits-Leib in den tiefen grünen Falten eines Waldes welchen ich erblickte während wir in einem Gastgarten saszen: sie sasz mir gegenüber, ich achtete nicht auf die Gespräche die sie mit den Freunden führte sondern starrte stumm in das flutende Jenseits des Waldes das sich ausbreitete vor meinen Augen: es war ihr Jenseits aber sie wuszte es nicht … Es läuten bei ihr die Glockenblumen, Antony (Hegarty and the Johnsons) singt, auf dem GRAMMO gehört, wie 1 Erhängter, die Hortensie ist das Feuerchen in ihrer Brust, auf dem Tischtuch die üppigen roten Blütenblätter von Amaryllis wie rote Feuerzungen wie Lappen wie rote Löffel von Hase nicht wahr, die Kommunion des fliederfarbenen Hasen. Von der Schönheit der Olivengärten über das Herz bis zur Inkontinenz wird die eigene Wahrnehmung thematisiert. Das Aufblättern poetischer Bilder geschieht fast nebenbei, und zumeist sind sie als Erlebnis gestaltet: Der opale Schnee mitten im Juli die Ekstase der Hollerblüte, schade in die Täler wie hurtig, bin entfesselt als Schnee der ungemeine Glanz, zeichne oft tagelang 50 Blätter voll.

Poetisches Kunstwerk

Gleichzeitig ist das Buch eine permanente Reflexion über das eigene Tun, die mit den Erinnerungspassagen verschränkt ist und in die gleiche Leitmotivik eingebunden ist wie viele andere Exempel: bin ohne ANSPRACHE nachdem ich ans Fenster taumelte ……. das sind die Ellipsen meiner Sprache, weiszt du; etwa zehnmal noch wird dem Leser die elliptische Verkürzungstechnik erwähnt, schließlich streut die Autorin in eine wilde Montage sehr voneinander entfernter Einfälle ein: ich denke kaum mehr in Sätzen. Die raumgreifende Schreibweise, die in einen Modus des Denkens übergegangen ist, fügt sich geradezu glücklich einer Alterserscheinung: Eben da ich den nächsten Gedanken aufschreiben wollte jagte er hinweg – war es nicht als ob mein Kurzzeitgedächtnis in jeder Sekunde zwinkerte oder Immer mehr Sprache entfällt mir als sei ich ein Fichtenbäumchen und nadelte ab.

Dass die Träume die Poesie stiften und dass diese deshalb alogisch ist, setzt Friederike Mayröcker für ihre Arbeit voraus. Dennoch gestaltet sie die gestifteten Vorlagen: gewisse Permutations Techniken in meinen Schriften erwähnt sie häufig und (schon Rückert schrieb Permutationen). Im ‚Cahier’ führt sie die Technik nicht nur über längere Textstrecken verteilt vor. Ungefähr nach der Hälfte des Buches sind – als permutatives Konzentrat – die Variationen über das verirrte Lämmchen zu finden: „verirrtes Lämmchen über deine Schulter geschlungen : als du mir das weisze Jackett (das ich unterwegs verloren hatte) wiederbrachtest. Ich sah dasz du mir das weisze Jackett das ich unterwegs verloren hatte (über deine Schulter geschlungen) wiederbrachtest, ich sah dasz du das weisze Jackett : das weisze Lämmchen das du gerettet hattest wiederbrachtest, sah dich wie du langsamen Schrittes das weisze Jackett das ich unterwegs verloren hatte mir wiederbrachtest (über deine linke Schulter geschlungen). Als habest du 1 weiszes Lämmchen das sich verirrt hatte geborgen nämlich mir zurückgebracht usw., sah ich dich langsamen Schrittes die Strasze niederschreitend als ob du ein Lämmchen das sich verirrt mir wiederbrachtest ……. während, die rosa Röhrenknochen des Rhabarber”

Der Tonfall, der durch solche formalistische Textbehandlung entsteht und nicht zufällig an den einer anderen großen Poetin, nämlich Inger Christensen, erinnert, wird aber nicht selten von starken Sprachbildern überblendet: Madonna! die Seele zischte mir aus dem Leib oder Die böhmischen Ärsche hüpften nach Antonin Dvořák’s Musik usw. oder vom vielen Weinen war mein Geist reingewaschen. Dennoch enthält der in gedanklicher Kurzschrift protokollierte Bewusstseinsstrom viele Textpartikel, die von der Variantenmechanik erfasst werden, egal ob es sich um herausgehobene Dinge, Begebenheiten oder Personen handelt. Selbst der Freund Klaus Reichert, mit dem sie sich über die Musik von Liszt oder Beethoven unterhält, gerät damit in den Permutationskreislauf.

Man könnte auf den Gedanken kommen, dass die oft wild leidenschaftlichen, unverblümt intimen oder kitschigen (prompt mit ‚le kitsch’ markierten) Notate durch das repetitiv verwandelnde Verfahren ihre Aufladung verlieren und eine Fremdheit annehmen, mit der sie sich dann mit artistischer Coolness neu sortieren lassen, ja dass sie von vornherein dazu ersonnen wurden. Aber: was nicht aus dem Feuerschlund kommt, ist nichts wert, nicht wahr, es war das Blut der Erdbeeren das meine Zähne färbte, ach in ländliches Gefilden schwelgen Augarten vielleicht: gar nichts tun wollen den ganzen Tag nichts tun wollen nur im Gras liegen, an deiner Seite.

Friederike Mayröckers poetisches Kunstwerk ‚Cahier’ muss durchwühlt werden, befahren und durchtaucht. Überfliegen geht nicht. Der Überflieger erfährt nichts. Doch was gibt es zu erfahren? Die Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Herausgeberin Heidrun Loeper zitiert in dem Mayröcker-Auswahlband „Das Jahr Schnee“, was die Lyrikerin 1978 äußerte:

„Natürlich könnte ich Sie mit ein paar glatten theoretischen Äuszerungen, die jedem, der sich ein wenig in der modernen Literatur umgesehen hat, geläufig sind, abspeisen – und Sie würden vielleicht am Schlusz zur Einsicht gelangen, man müsse, um eine Sache gut zu machen, sie von Grund auf verstehen und sie durchleuchten können. Ich könnte Ihnen etwas von Random-Elementen in meinen Texten erzählen, von ästhetischen Verdichtungs- und Verdünnungszonen, und dasz ich mein Wortmaterial auflade, atomisiere, deformiere, dasz ich, indem ich Collage auf Collage stülpe, solches Fremdmaterial meist nur als Vorlage für eigene Bildmotive herstelle, dasz ich Verba substantiviere, Substantiva verbalisiere, dasz ich eine Armee von Satzzeichen einsetze, um sie attackierend, schmetternd beiseitesprechend, lockend, besänftigend, neutralisierend funktionieren zu lassen, dasz ich Wiederholungen als Leitmotive verwende, dasz eines meiner Hauptanliegen darin besteht, Disparatestes zu harmonisieren, gegensätzliche Verbalelemente zusammenzuknüpfen. Ich könnte Ihnen sagen, wie ich Gedanken, Erfahrungen, Eindrücke und Erlebnisse, Motivisches, Vorgefundenes und Übernommenes einsetze, wie manchmal durch ein zufällig aufgefangenes Wort, durch eine festgehaltene Aufschrift, durch eine ‚Verhörung’, oder ‚Verlesung’ irgendeines Zusammenhanges sich etwas weiterbewegt in meinem Bewußtsein: dasz solche unscheinbaren punktuellen Verschiebungen und Verfremdungen eine Kettenreaktion von Konstellationen auslösen, die ich sonst nicht nach stundenlangem Nachdenken oder Experimentieren gefunden hätte. Ich könnte Ihnen also von den minutiösen Imponderabilien eines schreibenden Menschen erzählen, aber – ich frage mich ernsthaft: wird es Ihnen etwas von dem vermitteln können, was seine Auslösung bewirkt hat?“

Kommentare


Marion Hinz - ( 10-11-2015 02:40:01 )
Vielen Dank für diese sensible Arbeit, für diesen feinfühligen Aufsatz. Er zeigt eine respektvolle Nähe zu Friederike Mayröcker, ist eine gelungene Verneigung.

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erstellt am 05.11.2015

Friederike Mayröcker
Cahier
Gebunden, 192 Seiten
ISBN: 978-3-518-42446-9
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014

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