Politik und Politiker in Deutschland entfremden sich offenbar immer stärker von „ihrem Volk“. Für den Politikwissenschaftler Herfried Münkler liegt dies auch daran, dass Deutschland das Land der kühlen Realpolitik sei. Nachhaltige Emotionen würden von den Mächtigen meist gescheut und schon gar nicht geschürt. Dabei brauche eine Gesellschaft Mythen und große politische Erzählungen, die rühren und bewegen. Ohne sie verliere der Staat die Bindung zum Bürger.

Zum Vergleich: In Frankreich oder Großbritannien ist dies anders. Frankreich lebt bis heute vom Ruf der „Grande Nation“ und seinem Gründungsmythos der Französischen Revolution; auch wenn diese bei weitem nicht so strahlend war, wie sie heute dasteht. Und Großbritanniens heimliche Hymne „Britannia rules the waves“ taugt auch lange nach dem Zusammenschmelzen des Empires als Mythos, um sogar einen multiethnischen Staat zusammenzuhalten. Und Deutschland? Hatte nur das verblasste Wirtschaftswunder. Die Mythen Mauerfall und Bürgerrechtspräsident habe man, so Münkler, verpasst. (vss.)

Faust-Gespräch mit Herfried Münkler

»Politik braucht Mythen«

Herr Münkler, Sie bedauern, dass den Deutschen die politischen Großerzählungen fehlen. Ist das eigentlich so schlimm?
Herfried Münkler: Nein, solange niemand von der postheroischen Gesellschaft, in der wir leben, verlangt, dass sie heroische Potenziale entwickelt. Schließlich ist die Geschichte der heroischen Gesellschaften in Europa eine schlimme, eine selbstzerstörerische Geschichte gewesen. Aber was, wenn Feinde auftauchen, die aus dem Segen des Postheroischen eine Schwäche machen?

Wer sollte das sein?
Münkler: Nicht die Kontrahenten von einst, keine Nachbarstaaten, sondern Terroristen, aber auch Geiselnehmer, die auf die notorische Freikaufmentalität der Deutschen setzen. Das Problem ist, dass an der Peripherie der Wohlstandzone eine Mentalität der Geiselnahme von Bürgern aus postheroischen Gesellschaften entstanden ist. Die Geiselnahme muss im Übrigen nicht physisch erfolgen, die kann auch darin bestehen, dass wir moralisch zu Geiseln genommen werden.

Wie das denn?
Münkler: Etwa durch Bilder des Schreckens, die dazu führen, dass wir in der Erinnerung an die eigenen Kriegsgräuel wie in einem Reflexschema glauben, intervenieren zu müssen, auch wenn das manchmal gar nicht klug ist.

Und politische Großerzählungen wie der Nibelungen- oder der Barbarossamythos können da helfen?
Münkler: Die gerade nicht. Das waren die großen Opfermythen des 19. Jahrhunderts. Während des Zweiten Weltkriegs stürzten sie wie die Städte in sich zusammen und verbrannten. Aber politische Mythen haben nun mal den Vorteil, dass sie in unsicheren Zeiten einer Gesellschaft Orientierung geben. Sie stiften Sinn und Identität und dienen der politischen Selbstaufklärung.

Dann ist die Bundesrepublik eine sinnlose Gesellschaft ohne Identität?
Münkler: Das ist viel zu pessimistisch. Immerhin hatte die alte Bundesrepublik durchaus eine Gründungserzählung, es war nur keine politische, sondern eine ökonomische. Ein Prosperitätsmythos. Man glaubte einfach, dass jedes Jahr besser wird als das vorangegangene, weil man sich noch mehr und schönere Konsumgüter leisten kann. Die D-Mark und der Käfer waren die Symbole des Wirtschaftswunders, an dem jeder teilhatte.

Die D-Mark gibt es nicht mehr, der Käfer heißt nun Beetle und ist ziemlich uninteressant. Was heißt das für den Mythos vom Wohlstand?
Münkler: Die ökonomischen Bedingungen haben sich geändert. Die drei Säulen des Prosperitätsmythos bröckeln: erstens die tendenzielle Angleichung der Einkommen in der Mitte, zweitens kontinuierliches Wachstum und drittens eine entgegenkommende weltwirtschaftliche Lage. Davon abgesehen haben wir wenig, was uns zusammenhält, was das Vertrauen schafft, dass sich die Herausforderungen der Zukunft meistern lassen. Das ist das Problem.

Tagespolitik statt großer Werte

Durch Deutschland muss ein Ruck gehen?
Münkler: Warum nicht? Roman Herzogs berühmter Satz war der Versuch, einen politisch-moralischen Diskurs anzustoßen, der zu einem Mythos hätte führen können. Das ist deshalb wichtig, weil Mythen auch eine Antwort auf die Frage liefern: Warum soll ich als anständiger Bürger Steuern zahlen?

Das klingt wie das Motto einer Maybrit-Illner-Show.
Münkler: Gutes Stichwort. Denn die Vertalkung der Politik in den Neunzigerjahren hat maßgeblich dazu beigetragen, dass an die Stelle politischer Gründungs- und Orientierungserzählungen leichtfertiges Geplapper getreten ist. Daran laboriert die Politik. Dort auf den Talkshowsesseln brachte sich eine Spielgruppe der ökonomischen Liberalisierung in Stellung, die für eine bestimmte Politik Stimmung
machte. Sie baute ein Versprechen auf, das nicht nur politisch-operativer Art war, sondern den Anspruch erhob, eine große Erzählung mit einer beinah heilsgeschichtlichen Perspektive zu sein. Hier wurde ein mythischer Erwartungshorizont aufgemacht, um die Menschen zu locken, und mit Unheil gedroht, falls sie den Verlockungen nicht folgen. Der Grad des gesellschaftlichen Wohlbefindens sollte vom Grad der Privatisierung staatlicher Aufgaben abhängen. Es war ein Angriff des Neoliberalismus, der sich zum Ziel setzte, die Funktionalität des Ökonomischen in die Politik zu überführen.

Mythen funktionieren wie Fernsehen: Sie emotionalisieren und vereinfachen komplexe Sachverhalte. Kurz: Sie manipulieren.
Münkler: Sie können manipulieren, wenn sie missbraucht werden und von der Politik vereinnahmt werden. Die Nationalsozialisten haben das oft versucht. Denken Sie etwa an die bis zum bitteren Ende beschworene „Nibelungentreue“.

Eben.
Münkler: Aber ohne Mythen geht’s nicht. Ohne eine emotionale Bindung verliert Politik an Handlungsfähigkeit und wird gleichzeitig mit den erhöhten Erwartungen der Menschen konfrontiert. In diesem Dilemma steckt die schwarz-gelbe Regierung derzeit.

Ist das Leben zu stark, sind Politiker zu schwach … Oder müssen wir nun Mitleid mit Angela Merkel haben?
Münkler: Sie sind ein Zyniker. Mitleid? Nein! Aber Frau Merkel sollte daran erinnert werden, dass Politik sich nicht in der Regulierung des Ökonomischen erschöpft. Vor allem, wenn sich das Ökonomische kaum mehr regulieren lässt.

Politik braucht ein aus Geschichte und Kultur geformtes Fundament, um gestalten zu können.
Münkler: Da gibt es ein Problem. Politiker lesen nicht. Zumindest die meisten.

Realpolitik ist doch per se grau. Für Emotionen ist der Bundespräsident zuständig.
Münkler: Seine Aufgabe ist es, Gefühle nicht frei walten zu lassen, sondern sie ins Rationale einzubetten, ja.

Beispiel Köhler …
Münkler: Er hat das in der ersten Amtszeit durchaus hinbekommen. Dann fing er an, Stimmungen der Bevölkerung hinterherzurennen, indem er die Wirtschaft kritisierte, ohne die Kritik in Vorschläge übersetzen zu können.

Dabei stand er als ehemaliger IWF-Chef wie kein anderer Bundespräsident vor ihm für die ökonomische Erfolgsgeschichte Deutschlands.
Münkler: Er war jedoch monothematisch festgelegt. Das war das eine Problem Köhlers. Das zweite war, dass seine Wirtschaftskritik nur in Zeiten der Großen Koalition gut funktionierte. Nach dem schwarz-gelben Machtwechsel hätte er eine Politik gegen das regierende politische Lager machen müssen, das ihn ins Amt gebracht hat. Für dieses Problem hat er letztendlich keine Lösung gefunden.

Was hätte er machen sollen – im Angesicht der Rekordverschuldung im Garten von Schloss Bellevue ein Apfelbäumchen pflanzen? Politisch ist der Bundespräsident ein Leichtgewicht.
Münkler: Er hätte einen Denkanstoß geben können, sich wieder auf genuin politische Mythen zu besinnen. Der Wirtschaftsmythos ist ja nur die Dispensierung von der Erfordernis des Politischen, mit der die Deutschen sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts übernommen hatten. Dafür haben sie das Politische durchs Ökonomische ersetzt. Es ist Zeit, zum Politischen zurückzukommen.

Mauerfall und Gauck als Präsident

An welche Erzählung denken Sie?
Münkler: Natürlich an den Mauerfall. Das war eine Veränderung mit weltpolitischen Folgen, zudem noch unblutig. Wer hätte das den revolutionsfaulen Deutschen vorher zugetraut?

Nicht einmal die Politiker damals. Statt den 9. November, das Datum des Mauerfalls, zum Tag der Deutschen Einheit zu machen, wurde es der 3. Oktober.
Münkler: Das war ein großer Fehler. Der 3. Oktober erinnert so an das politische Geschick Kohls. Er ist der Endpunkt einer Geschichte klugen, rationalen Agierens. Emotional hat dieser Tag nichts drauf. Das einzige Bild, das man mit ihm verbindet, sind Helmut und Hannelore Kohl, wie sie am Brandenburger Tor Händchen halten und die Fahne geht hoch.

Warum wäre der 9. November besser?
Münkler: Er stünde für das Unausgemachte dieser Zeit und ihre Wende zum Guten. Aus solchen Geschichten werden politische Mythen gemacht, Erzählungen, die Hoffnung geben. Das ist eine zentrale Funktion politischer Mythen Historische Fernsteuerung

Der 9. November ist als deutscher Schicksalstag historisch vorbelastet.
Münkler: Revolution 1918, Hitlerputsch 1923, Reichspogromnacht 1938 – alles am 9. November, ja. Genau das macht den Tag mythenpolitisch interessant. Das Datum zwingt, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen. Aber Kohl wollte einen aseptischen Feiertag, der keine negativen Assoziationen weckt. Wie öde.

Mythensteuerung von oben hat noch nie wirklich geklappt.
Münkler: Nein, Mythen leben von narrativer Varianz. Wenn sie von oben oktroyiert werden, sind sie für Literaten, Künstler und Journalisten nicht interessant. Die aber sind es, die den Mythos neu erzählen und beleben.

Der ökonomische Mythos des Westens wurde damals erfolgreich gen Osten exportiert …
Münkler: … aber von keiner politischen Erzählung flankiert. Dabei ist das Wunder von 1989 eine wunderbare, weil überraschende Geschichte. Stattdessen versprach Kohl den Menschen im Osten blühende Landschaften, während Lafontaine ihnen erklärte, dass Deutschland sie sich nicht leisten kann.

20 Jahre später hätte mit Joachim Gauck ein ehemaliger DDR-Bürgerrechtler Bundespräsident werden können. Wurde hier wieder eine Chance auf eine Großerzählung vergeben?
Münkler: Schon. Aber zugleich war es auch eine der spannendsten Bundesversammlungen, bei der viele ein Bewusstsein davon hatten, dass hier jenseits aller Parteitaktik die Möglichkeit einer politischen Anerkennung der Bürgerrechtler bestanden hat. Die Kraft der Bürgerbewegung ist am 30. Juni 2010 kurz sichtbar geworden, und sie hat in der Berliner politischen Landschaft Spuren hinterlassen.

Die Menschen im Osten werden diesen Spuren wohl kaum folgen können. Sie fühlen sich bis heute wenig gewürdigt. Die NPD könnte sich das zunutze machen.
Münkler: Das ist die Tragik von politischen Großerzählungen: Man lässt sie auf Dauer nicht einfach so am Wegesrand liegen – zumindest nicht ungestraft.

Mit dem Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler sprach Raoul Löbbert

erstellt am 23.2.2011

Herfried Münkler
Herfried Münkler

Herfried Münkler ist Politikwissenschaftler und Sozialphilosoph an der Humboldt-Universität Berlin. Geboren wurde er 1951 im hessischen Friedberg. Er promovierte 1982 über die Geschichtsphilosophie von Niccolò Machiavelli, bis heute gilt diese Arbeit als Standardwerk. In seiner Tätigkeit als Professor liegt der Forschungsschwerpunkt von Herfried Münkler auf politischer Ideengeschichte und der Theorie des Krieges. Bekannt wurde er unter anderem im Jahr 2002 mit dem Buch Die neuen Kriege, das sich mit der „asymmetrischen Kriegsführung“ in Zeiten des globalen Terrorismus befasst. Für sein Buch, Die Deutschen und ihre Mythen, wurde ihm im Jahr 2009 der Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse verliehen.
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