Annegret Helds Roman „Armut ist ein brennend Hemd“ erzählt die Geschichte eines fiktiven Ortes im Westerwald. Er spielt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, einer von Stillstand, harter Arbeit, Hunger, Not und Leiden geprägten Zeit. Es ist ein großartiges Buch, meint Martin Lüdke.

Buchkritik

Geschichte einer Landschaft

Von Martin Lüdke

Es war Martin Walser, der Literatur einmal als die Geschichtsschreibung des Alltags bezeichnet hatte. Was wüssten spätere Zeiten vom ’wirklichen’ Leben, wenn es nicht in der Literatur festgeschrieben wäre. Dass der Grind auf dem Kopf des kleinen Heinrich mit einem „Krötepulver“ behandelt wird, einer Paste aus getrocknet zerriebenen Fröschen und Schweineschmalz. Für den Arzt hat die Familie nicht das Geld. Die Schwester Fine half, auf Rat eines fliegenden Händlers. Von solchen Geschichten findet sich nichts in den Statistiken, die dafür den Bevölkerungsschwund einer bestimmten Gegend zu einer bestimmten Zeit wiedergeben. Sie bieten uns Zahlen. Mehr nicht. Selbst die Benennung der Ursachen, Irland im 19. Jahrhundert – die Kartoffelfäule, besagt noch nicht allzu viel. Eine Million Iren sind zwischen 1845 und 1852 verhungert, zwei Millionen sind ausgewandert, vor allem nach Amerika und nach England. Dort trafen sie gelegentlich auf Menschen aus dem Hunsrück und dem Westerwald. Auch aus Scholmerbach. In der Fremde, vor allem in London, kreuzten sich dann ihre Lebens- und Leidensgeschichten.

„Apollonia, Charlotte, Bettchen, Fine, Anna, Margarete, ihre Namen sind aufgeschrieben im Kirchenbuch, sonst nirgends. Ihre Geschichten hat keiner erzählt, und keiner kann sich recht an sie erinnern, man hat sie auf dem Kirchhof vergraben und sich nichts, aber auch gar nichts von ihnen behalten. Sie waren ja bloß von Scholmerbach.“

Und Scholmerbach liegt auch heute noch ein kleines Stückchen hinter dem Ende der Welt, im Westerwald, der nicht von ungefähr für seinen kalten Wind berühmt geworden und geblieben ist. Bis mitten ins zwanzigste Jahrhundert hinein gab es dort kaum etwas, außer Kartoffeln und Rüben, die man essen, aus denen man aber auch Schnaps brennen konnte. Und wenn die Kartoffelernte ausblieb, dann gab es halt nur noch den Hunger, und in der Folge Platznot auf den Friedhöfen. Die Lebenserwartung war über Jahrhunderte hinweg äußerst gering gewesen. Tante Hermine, eine faulig riechende Alte mit nur noch einem Zahn im Mund, starb mit siebenundvierzig Jahren, in einem, wie man damals sagte, „stattlichen Alter.“ Viele sind so alt gar nicht erst nicht geworden.

„Gott, hier war doch nichts, sagten die alten Leute, wir waren nichts, wir hatten nichts, da gab es nichts, gar nichts.“

Das galt, für lange Zeit, auch für den Hunsrück, bis Edgar Reitz sein „Schabbach“ zu einem Inbegriff von Heimat überhaupt werden ließ. Und jetzt ist dieses Scholmerbach im Westerwald, auf dem Weg zu den großen Literaturlandschaften, die wir kennen. Ob Annegret Held mit William Faulkner, Uwe Johnson, Otto F. Walter und Martin Walser einmal zu vergleichen sein wird, muss die Zukunft erweisen. Das Vorhaben jedenfalls, ihr Scholmerbach im Westerwald auf jener berühmten imaginären Landkarte zu platzieren, auf der neben Jefferson, Mississippi in Faulkners Yoknatapawpha County, neben Jerichow im Mecklenburgischen von Uwe Johnson auch die alemannische Heimat von Martin Walser verzeichnet ist, dieser Plan scheint aufzugehen. Das lässt sich nach dem zweiten Band schon jetzt sagen.

„Armut ist ein brennend Hemd“ – das ist die rückwärts voranschreitende Fortsetzung ihres letzten Romans „Apollonia“, der Geschichte ihrer Großmutter und der Beziehung zu dieser bemerkenswerten und starken Frau aus einer bemerkenswerten und uns doch völlig unbekannten Gegend.

Scholmerbach, ein fiktiver Ort, trägt viele Züge Pottums, dem Kaff, in dem Annegret Held geboren und aufgewachsen ist. Dort stand einst, in ihrer Jugend, auch „Die Baumfresserin“, jene große Maschine in einem Sägewerk, die einem ihrer besten Romane den Titel gegeben hat.

Land aus Wind, Nebel und Schnee

Ich weiß, keine Sorge, „Heimat“ stand über Jahrzehnte hinweg in nicht so gutem Ruf. Auf der heimatlichen Scholle war halt der Boden mit Blut gedüngt. (Armleuchter aus dem ‚Tal der Ahnungslosen’, die montäglich ihren Rattenfängern hinterherhecheln, hängen noch heute solchen Vorstellungen an.) Der Westerwald aber, „dieses Land aus Wind, Nebel und Schnee“, bietet keinen Nährboden für Ideologien. Steinige Äcker, karges Land, auf dem kaum etwas wuchs, außer Kartoffeln und Rüben. Erst nach der großen Hungersnot um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden endlich Apfel- und Birnbäume gepflanzt. Der Herzog setzte neue Methoden der Bewirtschaftung durch. Die Menschen, die aus ihrer Heimat kaum je raus- und wenn, dann nur selten wiederkamen, waren allem Neuen gegenüber wenig aufgeschlossen. Schon Limburg, der Bischofssitz, war weit weg. Stur waren die Westerwälder immer schon, und allzu oft, in all ihrer Not, auch noch versoffen. Ihr Seelsorger in Scholmerbach, der Pfarrer Vinzenz, der uns durch ein halbes Jahrhundert begleitet, hat es bald aufgegeben, gegen den Alkohol anzukämpfen. Er prangerte sein Leben lang die Sünden an, zeigte sich aber im Laufe der Jahre den Sündern gegenüber immer gnädiger, auch wenn es ihm die reine Lehre nach wie vor verbot. Die Not war groß, die Verhältnisse besserten sich kaum, und Gottes Wort, schon gar wenn es von seinem Diener, aus dem Munde des Pfarrers kam, es galt. Man möchte heutzutage geradezu aus der Haut fahren, wenn man mit ansehen muss, wie diese armen Bauern darum kämpften, ihre angeblich „sündhaft“ gestorbenen Töchter in „geweihter Erde“ begraben zu dürfen. „In aller Stille … ohne Glockengeläute .. dann macht meinetwegen ein Kreuz drauf.“ Fine, die Mutter sank auf die Knie, und Vinzenz, der Pfarrer, fragte sich, „was er da angerichtet hatte. Eine Sünderin vor dem Herrn in die geweihte Erde aufzunehmen“. Die üble Rolle der Kirche, über Jahrhunderte hinweg, wird hier, unausgesprochen, noch einmal überdeutlich.

Wie erzählt man die Geschichte dieser Landschaft? Und zwar 1806 bis 1856. Von der napoleonischen Besatzung über die Freiheitskriege, den Vormärz und die Revolution von 1848, die in schwachen Ausschlägen auch die Täler des Westerwalds erreichte, der Wiederherstellung von „Recht und Ordnung“ bis zur Überwindung der großen Hungersnöte. Wie beschreibt man eine Zeitenfolge, die durch ihren Stillstand, das Immergleiche, Hunger, Elend, harte Arbeit, Not und Leiden geprägt ist?

Zwei junge Frauen haben am Waldrand ein Schwein vergraben, das an einer Art Schweinepest gestorben ist. Sie haben es nicht tief genug vergraben, sodass die Schweine, die der Schweinehirt an dieser Stelle vorbeitreiben wollte, wieder ein offenes Grab vorfanden und an ihrem Artgenossen so herumschnüffelten, dass sie sich ansteckten und bald ebenfalls verreckten. „In diesem Winter starben die Leute von Scholmerbach aufrecht sitzend in ihren Häusern und der Kirchhoff hinter seinen Buchsbaumhecken verwahrte sich mit seiner eiskalten Erde dagegen, ihre Leiber aufzunehmen.“

Im Frühjahr darauf: Bettchen traf den Pfarrer, der sie bat, ihm beim Aufräumen des Kirchhofs zu helfen. Unglücklicherweise begann es auch noch, stark zu regnen. Plötzlich ein Schrei, ein „gellender Schrei“. Pfarrer Vinzenz sah, wie Bettchen „vor einem Knochen aus Müllerkarls Grab zurückwich, der vom Regen blankgeschüttet aus der Erde ragte.“ Überall wurden Zipfel der Totenhemden, Knochenteile herausgeschwemmt. „Die Toten“ rächten sich „in ihren zerfallenen Hochzeitsgewändern für die halbherzigen und kraftlosen Begräbnisse des Winters“. Und Pfarrer Vinzenz sah hier den Satan selbst am Werk.

Es gibt viele solcher Anekdoten. Elemente einer Chronik. Familiengeschichten. Individuelle Porträts. Reiseabenteuer. Annegret Held erzählt von jungen Mädchen, die verkauft worden sind – nach Frankreich, in die Hafenkneipen von London. Einige dieser Mädchen kamen unbeschadet zurück, andere tief verletzt und dauerhaft gebrochen, viele verschwanden spurlos und manche machten in der Fremde sogar ihr Glück. Eine lange Reihe von oft imponierenden Frauengestalten zieht an uns vorüber.

Es gibt keine fortlaufende, schon gar keine durchgehende Handlung. Leitmotive schon. Zusammengehalten wird das Ganze allerdings durch eine eigentümliche Sprache, die sehr viele Dialektelemente (in die man sich schnell einliest) enthält und mir doch eher als eine Kunstsprache erscheint, angelehnt an jenes Deutsch, das vor hundertfünfzig Jahren in dieser Gegend vermutlich gesprochen und zum Teil auch geschrieben worden ist. Annegret Held hat viele Dokumente ausgegraben und umfangreiche Recherchen betrieben (Quellen aus England und sogar Australien angezapft). Trotzdem ist mir nicht ganz klar, wie sie es geschafft hat, aus diesen Unmengen von Material eine derart informative und zudem gut lesbare ‚Geschichte’ zu machen. Man spürt in jeder Zeile, dass die Autorin an ihren Figuren hängt. Man spürt aber auch, dass sie von Menschen schreibt, die allesamt wie Büchners Woyzeck von sich sagen können, wenn sie dereinst einmal in dem Himmel kommen sollten, dann doch nur, um beim Donnern zu helfen.

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erstellt am 05.11.2015

Annegret Held
Annegret Held

Annegret Held
Armut ist ein brennend Hemd
Hardcover, 367 Seiten
ISBN: 978-3-8479-0593-6
Eichborn Verlag, Köln 2015

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