Maxim Gorkis Stück „Kinder der Sonne“ wurde 1905 uraufgeführt. Wie in „Nachtasyl“ gibt es ein Panorama unterschiedlicher Typen, die aber diffuser, weniger konturiert erscheinen als in Gorkis bekanntestem Drama. Nora Schlocker hat nun „Kinder der Sonne“ am Theater Basel inszeniert. Ein großer Abend, meint Thomas Rothschild.

»Kinder der Sonne« in Basel

Theater statt Effekt

Von Thomas Rothschild

Ein lautes Bravo für Nora Schlocker. Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ dienen der Regisseurin am Theater Basel nicht dazu, wie es gegenwärtig fast zur Regel geworden ist, um sich mit möglichst „originellen“ Einfällen zu profilieren, sondern als zu interpretierender Text, und dafür lässt sie sich voll und ganz auf die Schauspieler ein. Da ist es wieder, das zuletzt so häufig gescholtene Schauspielertheater, und es macht die Regisseurin nicht überflüssig, aber es teilt ihr eine andere Rolle zu als dem Autor: Sie hält die Individuen zusammen, sorgt für Stimmigkeit, für den stilistischen Gesamteindruck. Dafür steht Schlocker ein großartiges Ensemble zur Verfügung, und zwar lückenlos, ohne Ausnahme. Ein verheißungsvoller Neuanfang in der drittgrößten Stadt der Schweiz.

„Kinder der Sonne“ wurde 1905 uraufgeführt, drei Jahre nach „Nachtasyl“ und ein Jahr nach Anton Tschechows „Kirschgarten“. Wie in „Nachtasyl“ gibt es ein Panorama unterschiedlicher Typen, die aber diffuser, weniger konturiert erscheinen als in Gorkis bekanntestem Drama und die Orientierung dadurch erschweren. Und sie gehören nicht der Unterschicht an, den Erniedrigten und Beleidigten, wie die Obdachlosen im Nachtasyl, und auch nicht dem heruntergekommenen Landadel oder der Klasse der Grundbesitzer wie bei Tschechow, sondern der Intelligenzija und dem sie umgebenden Personal.

Das Verständnis von „Kinder der Sonne“ wird für den heutigen (westlichen) Zuschauer noch dadurch beeinträchtigt, dass sie zwar 1892 zur Zeit der Choleraepidemie und der damit verbundenen Unruhen spielen, aber 1905, unter dem Eindruck des so genannten „Blutigen Sonntags“ in der Peter-Paul-Festung geschrieben wurden, wo Gorki – eigentlich Alexej Peschkow – wegen seiner Stellungnahme zur Februarrevolution in Haft saß. Heute kommen wir nicht umhin, bei diesem vorrevolutionären Stück, ebenso übrigens wie unlängst bei Platonovs „Tschewengur“ aus der Zeit der jungen Sowjetunion, mitzudenken, was wir über die nachfolgende Geschichte Russlands wissen.

Versagende Männer

Unabhängig aber von der historischen Positionierung begegnet man in „Kinder der Sonne“ jenen Fragen, die Gorki in seinem gesamten Werk beschäftigt haben und die man auf die Formel von Brechts bekannten Versen aus der „Dreigroschenoper“ bringen könnte: „Ein guter Mensch sein! Ja wer wär's nicht gern?/ Sein Gut den Armen geben, warum nicht?/ Wenn alle gut sind, ist Sein Reich nicht fern./ Wer säße nicht sehr gern in Seinem Licht?/ Ein guter Mensch sein? Ja wer wär's nicht gern?/ Doch leider sind auf diesem Sterne eben/ Die Mittel kärglich und die Menschen roh./ Wer möchte nicht in Fried und Eintracht leben?/ Doch die Verhältnisse, die sind nicht so.“

Die Menschen – die Männer in diesem Stück (anders als zum Beispiel in „Wassa Schelesnowa“) übrigens mehr als die Frauen – versagen, sie tun einander Leid an, aber sie tun es nicht, weil sie von Natur aus böse wären, sondern weil sie dazu gemacht worden sind. Wenn der Chemiker Pawel Protassow dem Schlosser Jegor in paternalistischem Ton sagt, er solle seine Frau nicht schlagen, dann begreift der gar nicht, was man von ihm will: Er sei ja auch geschlagen worden. Protassow „predigt“ ebenso erfolglos und letzten Endes verlogen, weil verständnislos, wie Luka im „Nachtasyl“. „Kunst muss die Menschen besser machen“, heißt es an einer Stelle, und das ist das Credo des Autors, an das er doch nicht so recht zu glauben scheint, mehr Wunsch oder Postulat als Bestandsaufnahme. An einer anderen Stelle sagt die Epileptikern Lisa „Macht mal eure Augen auf“ und wendet sich dabei ans Publikum. In Basel. Viel Glück.

Lisa sagt auch: „Man muss den Hass besiegen – da draußen…“ Und von da draußen dringt er dann durch die türlose Wand, der Hass, die Aggression. Das steht so nicht bei Gorki. Und es ist auch kein Regieeinfall, den man noch nie gesehen hätte. Aber er passt zur Situation von 1905 und zum Stück wie die Axthiebe im Kirschgarten bei Tschechow, er ist das logische Ende.

Vor der kuppelförmigen weißen Wand sitzen sämtliche Darsteller wie bei einem Festmahl an einem langen Wirtshaustisch, auf dem PET-Flaschen, Thermosbehälter, Kaffeetassen, Aschenbecher wie in einer Kantine stehen, auch drei Musiker an Kontrabass, Bassklarinette und Perkussion, die nur sparsam eingesetzt werden: kein Popsong, kein Video – man glaubt es kaum. Nora Schlocker muss sehr genau bei Jürgen Gosch hingesehen haben. Sie findet die richtigen Tempi, die richtigen Übergänge für Gorkis offene Dramaturgie, in der die Gespräche bruchlos in einander übergehen. Virtuos löst sie die Positionen durch Gänge auf, wenn ein neuer Dialogteil beginnt. Wie Gosch, so hat auch Schlocker einfach nur Vertrauen zum Text und zur Präsenz von Menschen auf einer hell ausgeleuchteten Bühne: Theater statt Effekt. Ein großer Abend.

In einer der beherrschenden Buchladenketten frage ich nach einer Gorki-Ausgabe. „Gorki haben wir nicht“, sagt die Verkäuferin. In der DDR gab es noch Gorki und übrigens auch billige Ausgaben der Klassiker, Hölderlin, Jean Paul. Aus, weg. Müssen wohl alle für die Stasi gearbeitet haben. Heute gilt: Coca Cola muss die Menschen besser machen. Wer schreibt das Drama dazu?

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 02.11.2015

Szenenfoto Theater Basel © Sandra Then

Schauspiel in Basel

Kinder der Sonne

Von Maxim Gorki
Aus dem Russischen von Werner Buhss

Inszenierung Nora Schlocker
Bühne Bernhard Kleber
Dramaturgie Constanze Kargl

Theater Basel

Szenenfoto Theater Basel © Sandra Then

«Kinder der Sonne» Schauspiel von Maxim Gorki from Theater Basel on Vimeo.

Szenenfoto Theater Basel © Sandra Then