Seit den politischen Stellungnahmen dieses Frühjahrs ist klar: Der Massenraubmord von 1915 an den Armeniern war ein Völkermord. Doch wer war eigentlich auf welche Weise beteiligt? Und wer genau waren die Opfer? Valentin Schönherr stellt zwei Bücher zu diesem Thema vor.

Geschichte

Nicht vergessen, sondern vertuscht

Zwei Bücher zum 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern

Von Valentin Schönherr

Die Geschichte des Genozids an den Armeniern wird seit langem wissenschaftlich erforscht, und gut lesbare Überblickswerke wie „Tod in der Wüste“ (C. H. Beck Verlag 2015) von Rolf Hosfeld geben den aktuellen Kenntnisstand wieder. Daneben sind jedoch Bücher erschienen, die für die meisten im hiesigen Publikum Neuland bieten dürften. Zwei dieser Bücher leisten besonders viel. In einem geht es um die deutsche Beteiligung am Völkermord, im anderen um die Binnenperspektive osmanischer ArmenierInnen vor, während und nach dem Massenmord von 1915/16.

Jürgen Gottschlich hat als Türkei-Korrespondent verschiedener Medien genau beobachten können, wie sich in den vergangenen Jahren der Umgang mit dem Völkermord an den Armeniern in der türkischen Öffentlichkeit gewandelt hat. An der skandalösen Leugnungspolitik der türkischen Regierungen hat sich nichts geändert, der Freiraum für Debatten ist gleichwohl stark gewachsen. Die Grenzen dieses Freiraums hat er selbst getestet: Dem Versprechen, die türkischen Archive seien mittlerweile zugänglich, ist er bis in den Lesesaal des Militärarchivs in Ankara gefolgt. Dort war dann allerdings Schluss. Wenn die entscheidenden Akten nicht herausgegeben werden, ist das Archiv eben nicht offen, selbst wenn man es betreten und einen Ausleiheantrag ausfüllen darf.

Dabei galt Gottschlichs Hauptinteresse gar nicht einmal den türkischen Verantwortlichkeiten. Sein Buch „Beihilfe zum Völkermord“ geht der Frage nach, in welchem Maß deutsche Funktionsträger – die als wichtigste Kriegsverbündete des Osmanischen Reichs dort in allen Rängen präsent waren und zum Teil Befehlsgewalt hatten – an der Vernichtung der Armenier beteiligt waren.

Verordnetes Schweigen

Die Ergebnisse sind bestürzend. Führende deutsche Militärs und Beamte haben von den schweren Verbrechen im Detail gewusst, vom Massenraubmord in den anatolischen Hauptsiedlungsgebieten ebenso wie von den Vernichtungsdeportationen in die syrische Wüste hinein. Sie haben sie hingenommen, die antiarmenische Propaganda mitgetragen, die türkische Seite in ihrer Rechtfertigungsstrategie – Sicherung des Hinterlands an der türkisch-russischen Front – bestärkt, moralische Bedenken zerstreut und sich an der Organisation der Verbrechen beteiligt.

Dies gilt nicht für alle Deutschen, die damals im Osmanischen Reich lebten. Gottschlichs Buch zeigt auch, wie diejenigen, die Zweifel an den türkischen Mordaktionen anmeldeten oder den Verfolgten gar aktiv helfen wollten, mundtot gemacht oder zwangsversetzt wurden.
Allen, auch den Botschaftern, Konsuln und Generälen in der Türkei und den Regierungsbeamten in Berlin, war bewusst, dass nicht nur der Massenmord selbst, sondern auch die Beihilfe dazu verbrecherisch war und vertuscht werden musste, was überaus erfolgreich gelang. Selbst Johannes Lepsius, einer der engagiertesten Ankläger des Völkermords, hat über die deutsche Beteiligung absichtsvoll geschwiegen. Diese Einsicht wird von Gottschlich überzeugend herausgeschält und gehört zu den wichtigsten Leistungen dieses Buches.

Zugleich sind einige Schwächen zu bemerken. Der Autor folgt nicht der Chronologie, sondern einer thematischen Gliederung, was Verwirrung schafft, da viele Ereignisse und Protagonisten immer wieder auftauchen. Der investigative Zugriff des erfahrenen Journalisten sorgt zwar für gute Lesbarkeit dieses brisanten Stoffes, was aber einige Male auf Kosten gründlicher Argumentation geht.

Neben einigen Fehlern – 1905 gab es keine jungtürkischen Massaker an Armeniern, aber 1909; die wichtige Augenzeugin Beatrice Rohner war Schweizerin, nicht Deutsche – stören auch Lücken. So wäre zumindest eine Seitenbemerkung dazu angebracht, wie sich denn der dritte Kriegspartner Österreich-Ungarn zum Völkermord verhalten hat. Wenig ergiebig ist auch das Kapitel, das „Fakten und Zahlen zu den Deportationen“ verspricht.
Dennoch ist dieses Buch, das so unglaublich spät ein derart wichtiges Thema wie die deutsche Mitverantwortung aufgreift, Pflichtlektüre – und angesichts der nicht zugänglichen Akten auch nicht das letzte Wort zu dem, was mit „Beihilfe zum Völkermord“ einen griffigen Titel erhalten hat.

Auch der Anthologie „Wege ohne Heimkehr“ sollte man sich nicht entziehen. Die Historikerin Corry Guttstadt und ihr Team haben Pionierarbeit geleistet, indem sie armenische, meist literarische Originaltexte zusammengetragen haben, die fast ausschließlich erstmals auf Deutsch erscheinen. Auch mit diesem Buch ist längst nicht alles gesagt, aber ein großer Schritt getan.

Es vermittelt genaue Einblicke in städtische wie ländliche Lebenswelten, in konfliktreiche wie friedliche Phasen der jüngeren armenischen Geschichte, umfasst aber auch erschütternde Texte von Überlebenden des Völkermords über die Verbrechen selbst und das Leben zwischen Identitätsverlust, Anpassung und Verleugnung in den Jahrzehnten danach. Das Buch ist auch wegen seiner vielen Fotografien – in der Mitte ein eigener Fotoessay – und der exzellenten historischen und literaturgeschichtlichen Einbettung der Texte dringend zu empfehlen.

Dass am Schluss dieser Anthologie noch ausführlich auf das von der Historikerin Elke Hartmann geleitete virtuelle Archiv Houshamadyan („Erinnerungsbuch“) hingewiesen wird, ist nur folgerichtig: Dahinter verbirgt sich eine ständig wachsende Sammlung von Texten, Bildern und Objekten armenischen Lebens vor dem Völkermord, eine faszinierende Arbeit, die versucht, einen ganzen vernichteten Kosmos dem Vergessen zu entreißen.

Zuerst erschienen in der Zeitschrift Südlink 172 vom Juni 2015.

Valentin Schönherr ist Lehrer für Geschichte und Redaktionsmitglied des Südlink.

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erstellt am 02.11.2015

Jürgen Gottschlich
Beihilfe zum Völkermord. Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier
Hardcover, 344 Seiten
ISBN: 978-3-86153-817-2
Ch. Links Verlag, Berlin 2015

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Corry Guttstadt (Hg.)
Wege ohne Heimkehr. Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die Folgen
Hardcover, 204 Seiten
ISBN 978-3-86241-440-6
Assoziation A, Berlin/Hamburg 2014

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