Die amerikanische Kunst der vergangenen Jahrzehnte bildet den Schwerpunkt in der Sammlung des Industriellen und Mäzens Peter Schaufler, der im August dieses Jahres gestorben ist. Nun sind im Schauwerk Sindelfingen rund 100 von den mehr als 3000 Werken aus der Sammlung zu sehen. Thomas Rothschild hat die Ausstellung besucht.

Ausstellung

Das Autostereotyp

Von Thomas Rothschild

Man muss nicht in den USA gewesen sein, um Bilder von diesem Land im Kopf gespeichert zu haben. Es scheint uns vertrauter als irgend ein anderes Land, das eigene eingeschlossen. Die Wolkenkratzer von Manhattan, die Leuchtreklamen von Las Vegas, die Wüste von Nevada, die Golden Gate Bridge in San Francisco – sie gehören zum kollektiven Besitz an visuellen Zeichen, auf die man Bezug nehmen kann, ohne ein Missverständnis zu riskieren.

Der Film, unterstützt von der wirtschaftlichen Vorrangstellung des Imperiums, hat zur weltweiten Verbreitung dieser Bilder wesentlich beigetragen, aber auch die bildende Kunst, die Fotografie eingeschlossen, hat ihren Anteil daran. Amerikanische Künstler haben sich Ansichten ihres Landes, sei es apologetisch, sei es kritisch, geradezu klischeehaft zum immer wieder abgewandelten Thema gemacht. Und die amerikanische Kunst hat, spätestens seit der Pop Art, nicht weniger erfolgreich als der Film und die Populärmusik, die Welt erobert. Man muss schon lange suchen, um jemanden zu finden, der noch nie ein Werk von Andy Warhol, zumindest als Druck, gesehen hat. Und es wird schwer fallen, einen russischen oder chinesischen Künstler zu nennen, der diese Beliebtheit genießt. Warhols Marilyn Monroe ist Leonardos Mona Lisa, seine Tomatensuppendose Dürers Hase von heute.

Sammler und Mäzene

Die amerikanische Kunst der vergangenen Jahrzehnte bildet den Schwerpunkt in der Sammlung des Industriellen und Mäzens Peter Schaufler, der im August dieses Jahres gestorben ist. Die wenig attraktive Satellitenstadt Sindelfingen südlich von Stuttgart kann sich seit fünf Jahren mit einem Museum schmücken, das Schaufler in ehemaligen Fabrikhallen eingerichtet hat. Die großzügige Architektur eignet sich hervorragend für die Hängung großer Formate. Die weniger großzügigen Öffnungszeiten des Museums lassen allerdings auch den Gedanken an Verschwendung aufkommen. Am Ort selbst überschlagen sich Zitate in devoter Dankbarkeit an den Kunstsammler. Dabei wird, wie so oft, übersehen, dass auch für ihn die Millionen nicht vom Himmel gefallen sind, sondern von den Käufern seiner Klimaanlagen aufgebracht werden mussten. Offenbar war die Gewinnspanne nicht zu knapp bemessen. Die wirklichen Mäzene aber, eben die Kunden Schauflers und jene, die die Folgekosten zu tragen haben, ermächtigten den Gerühmten, nach Gutdünken zu entscheiden, ob die erworbenen Werke öffentlich gezeigt oder in privaten Abstellräumen vor sich hin dümpeln sollen. Es liegt ja nicht am bösen Willen und auch nicht am mangelnden Interesse, dass unsereins keine Museen baut und keine Kunstwerke sammelt.

Kritische Haltung

Wir brechen solche unziemlichen Überlegungen ab und freuen uns stattdessen, dass nun im Schauwerk Sindelfingen rund 100 von den mehr als 3000 Werken aus der Sammlung Schaufler unter dem von Joseph Beuys geliehenen, bei ihm jedoch ironisch zu verstehenden Titel „I Like America“ zu sehen sind.

Am deutlichsten artikuliert Robert Longo seine kritische Haltung zur amerikanischen Wirklichkeit in seinen großformatigen, extrem realistischen Grafiken aus der Welt des Krieges. Hier wird nichts beschönigt.

Die amerikanischen Symbole sind zugleich die Symbole des Kapitalismus – und umgekehrt. So wird das Geld, meist in Form seiner materiellen Erscheinungsweise, als Dollarnote, zum Thema und die Ware als Fetisch – zum Beispiel bei Jonathan Seliger.

Als späte Ausläufer der Pop Art kommen die Werke von Tom Sachs daher: wohl als Antwort auf Jasper Johns eine bis zur Unkenntlichkeit ausgeblichene US-Flagge von 2014 oder, mit Bezug zu Andy Warhol, eine weiße Brillo Box von 2003. Täuschend echt, nur durch Größe und Material irritierend, sieht sein Abfallbehälter aus, dessen Modell er bei McDonald's fand. Den Vätern der Pop Art erweist auch das Multitalent Dennis Hopper Reverenz mit fotorealistischen Porträts von Roy Lichtenstein und von Andy Warhol. Sein überdimensionales Bild „Double Standard“, das, durch die Frontscheibe eines Autos gesehen und unterhalb des Rückspiegels, eine Straßengabelung zeigt, ist zugleich ein vexierendes Beispiel für jene amerikanische Bildwelt, die sich auf den ersten Blick lokalisieren lässt.

Zu den reizvollsten Exponaten gehören die minimalistischen, fast monochromen und impressionistischen Landschaften von Alex Katz. Er lässt eine ganz eigene Handschrift erkennen.

Die ungegenständliche Alternative zu den Spielarten des Realismus vertreten in der Ausstellung Peter Halley, Ruth Boot, John McCracken, Donald Judd, Christian Eckart, David Reed sowie mit seinen wenig abwechslungsreichen Neonröhrenarrangements Dan Flavin. Bei Robert Barry schimmern durch die geometrisch angeordneten Quadrate, die zunächst rein dekorativ wirken, kaum erkennbar Menschengesichter hindurch: eine Polemik gegen die abstrakte Kunst wie in Alfred Hrdlickas „Roll over Mondrian“?

Im Souterrain des Museums füllt eine Videoinstallation von Tony Oursler einen ganzen abgedunkelten Raum: Sich bewegende Augen werden auf je eine Kugel projiziert, die so wie isolierte Augäpfel wirken – ein gespenstisches Bild für eine Welt der allgegenwärtigen Überwachung.

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erstellt am 29.10.2015

Jonathan Seliger George, 2000. Öl, Alkydfarbe, Acryl, Modellierpaste auf Leinwand, 37,5 × 10 × 45,7 cm. Foto: Frank Kleinbach © Jonathan Seliger

Ausstellung in Sindelfingen

I Like America

27. September 2015 – 4. September 2016

Schauwerk Sindelfingen

Zum Ausstellungskatalog

Robert Longo Ohne Titel (Mirage F1-CR), 2013. Graphit und Kohle auf Papier, 241,5 × 180 × 7,6 cm. Foto: Galerie Ropac © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Tom Sachs Flag, 2014. Synthetisches Polymer, Stahl, Sperrholz 106,7 × 160 cm. Foto: Galerie Thaddaeus Ropac © Tom Sachs