In ihrem kürzlich erschienenen Buch verbindet Elisabeth U. Straßberger literarische und theologische Deutung, um Liebesbeziehungen und ihr Scheitern in Gegenwartsromanen zu untersuchen. Den fiktionalen Beziehungen stellt sie Prophezeiungen aus den biblischen Passionsberichten gegenüber und zeichnet nach, unter welchen Voraussetzungen ein wirkmächtiges Versprechen auf Liebe und Treue gegeben und gehalten werden kann und welche zukunftseröffnenden Auswege aus dem Scheitern die Passionsberichte bereithalten. Faust-Kultur veröffentlicht eine gekürzte Fassung von Straßbergers Einleitung.

Essay

Treue und Passion

Von Elisabeth U. Straßberger

Der Traum von der Treue, schrieb „Die Zeit“ in einer Artikelserie über die Liebe, sei ein ewiges Ideal. Sofort schließt sich die Frage an, warum dieses Ideal die stete Widerlegung durch die Realität überlebt. Sabine Walper, Leiterin des Projekts „pairfam“ (Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics“) an der Ludwig-Maximilians-Universität in München fand heraus, dass Exklusivität in der Partnerschaft den Jüngsten aus der Gruppe der Befragten am wichtigsten sei, denen, die zwischen 1990 und 1994 geboren wurden. Der Psychologe Christoph Kröger von der Psychotherapieambulanz der TU Braunschweig hat demgegenüber Statistiken gesichtet und Zahlen zu der erwartbaren Desillusion parat: Einer aktuellen repräsentativen Befragung von 2.500 Paaren zufolge gebe es bei vierzig Prozent der Paare eine Außenbeziehung. Kröger erarbeitet zur Zeit eine „Paartherapie nach Affäre“, denn die Auflösung einer Beziehung werde neben dem Verlust des Partners durch den Tod zu den am stärksten belastenden Ereignissen im Lebenslauf eines Menschen gezählt. Es sei daher nicht verwunderlich, dass Trennungen und psychische Störungen eng verbunden sind. Religiosität spiele nur sehr bedingt eine Rolle. Gläubige seien nicht per se treuer. Aber die Ergebnisse seiner Pilot-Studie belegen die These, dass Treue eine willentliche Entscheidung ist, eine Haltung, die gelernt werden kann, auch und gerade in der Krise.

Treue als Muster partnerschaftlicher Beziehungen ist auf vielfältige Weise in der öffentlichen Diskussion zu finden. Aber die Vorstellung einer unauflöslichen Bindung schreckt ab, erscheint entweder als Rückfall in rigide Varianten veralteter bürgerlicher Lebensweisen oder als unerreichbares, romantisches Traumbild vor der Alltagserfahrung von Trennung, Scheidung und Patchwork.

Im wissenschaftlichen Diskurs führt der Begriff Treue im deutschsprachigen Raum ein Schattendasein. In aktuellen theologischen Kontexten findet das Thema Treue eher implizit Beachtung, z.B. kirchenrechtlich im Zusammenhang mit der Unauflöslichkeit der Ehe, sakramententheologisch bei der Zulassung Wiederverheirateter zur Kommunion und pastoraltheologisch bei der Ehe- und Familienberatung. Es fällt auf, dass Treue in theologischen Untersuchungen überwiegend mit negativem Vorzeichen verhandelt wird, dann nämlich, wenn Visionen gescheitert und Ehen zerbrochen sind.

Es fehlt eine grundlegende Reflexion auf das Realsymbol der Treue, das eine gemeinsame Wurzel der Sakramente Taufe, Firmung, Ehe und Weihe ist. Christliche Lebensentwürfe sind, betrachtet man die abnehmende Zahl der Taufen, die hohen Scheidungsraten und den anhaltenden Priestermangel, offensichtlich für immer weniger Menschen plausibel und nachvollziehbar. Die unwiderrufliche Festlegung auf einen der Gemeinschaft verpflichteten Lebensentwurf scheint im Widerspruch zu stehen zu einer beweglichen Gesellschaft, in der die individuellen Visionen vom guten Leben relativ sind und die Einzelnen sich vor der Aufgabe sehen, ihren Glücksentwurf selbst zu wählen.

Das Ideal der Treue erlebte um 1900 einen bemerkenswerten Aufschwung. Mit der Erfahrung der beiden Weltkriege und der Aufarbeitung des Nationalsozialismus geriet Treue als Lebensentwurf buchstäblich zwischen die Fronten. In einer durch gewaltbereite Ideologien und Revolutionen gekennzeichneten Wirklichkeit erscheint der Begriff der Treue im öffentlichen Raum als unhinterfragbares, statisches und dadurch stabilisierendes, auch instrumentalisierbares Motiv, das mit seiner durch klassische Literatur und die Erfahrung der Weltkriege genährten Nähe zum Opfertod in Spannung tritt zu einer Wirklichkeitsdeutung, die der Relativierung, kritischen Reflexion, Dynamik und aktiven Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit verpflichtet ist. Es stellt sich angesichts der Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus einerseits und des Lebenszeugnisses zum Beispiel von Dietrich Bonhoeffer andererseits die dringende Frage, an wen oder was sich ein Mensch in unbeirrbarer Treue binden kann und soll.

An diesen prominenten Beispielen wird deutlich, was im privaten Kontext vielleicht schneller übersehen wird, dass nämlich von einer Bindung, deren Konsequenzen weiter reichen als zum Zeitpunkt der Entscheidung abzusehen ist, das Leben, Überleben, Glück und Heil der beteiligten Personen nachhaltig geprägt wird. Da scheint es zunächst lebenspraktisch und klug, ein solch überwältigendes Versprechen gar nicht erst abzugeben.

Vor diesem Hintergrund ist zu klären, wie der Begriff der Treue über seine Verengung auf einen sexualethisch legitimierten Verhaltenskodex hinaus und jenseits einer konservierenden Verinnerlichung von Leitbildern der Vergangenheit am Beginn des 21. Jahrhunderts neu gedeutet werden kann. Impulse, die die Marginalisierung kirchlicher Standpunkt in dieser Debatte beheben können, entstehen im unvoreingenommenen Rückgriff auf die biblischen Passionserzählungen, die Menschen in existentiellen Krisen zeigen, und im Ausgriff auf zeitgenössische Literatur, wo uns aufkeimende und zerbröckelnde Liebesbeziehungen im Hier und Jetzt unserer Gesellschaft samt ihren leiblichen Verwerfungen vor Augen geführt werden.

Im Zuge dessen lässt sich auch die Frage anschaulich beantworten, welcher Wahrheitsgehalt, und davon ausgehend welche Verbindlichkeit literarischen Texten und damit auch einzelnen Kernsätzen und Kompositionen, Motiven und Metaphern in der Bibel zukommt. Dabei geht es nicht darum, die Frage der Inspiration der Heiligen Schrift neu aufzurollen, sondern den Stellenwert literarischer Kompositionen als verbindliche Ausdrucksform realer Erfahrungswerte herauszustellen. Bei einem solchen Zugriff wird deutlich, dass die performativen Wirkweisen von Begriffen, Sprachspielen und Erzählstrategien im allgemeinen Bewusstsein unterschätzt werden. Sie sind durch die Vormacht digitaler Bilder und Bildgebungsverfahren vielleicht in unserer Wahrnehmung an den Rand gedrängt, aber schon bei der Interpretation der Bilder wieder virulent. Viel stärker noch gilt dies im zwischenmenschlichen Bereich, wo Zu- und Absagen, Versprechen und Wortbrüche performativ wirken, also unumkehrbare Veränderungen hervorrufen, wobei der Inhalt der Aussage seine Wirkung über die Art und Weise der Mitteilung entfaltet. Diese Mechanismen werden in der Literatur nachvollziehbar, wiederholbar und dadurch reflexiv.

Die Suche nach dem Treue-Motiv im literarischen Text, sei er biblisch oder nicht biblisch, macht einen tiefer liegenden Zusammenhang zwischen Literatur und Theologie deutlich, der seinen gemeinsamen Ausgangspunkt in der leiblichen Verfasstheit des Menschen hat, speziell in seiner Sprachmächtigkeit, mit der er seiner Inspiration, Reflexionskraft und Sinnsuche eine narrative Gestalt verleiht – leiblich im strengen Sinn verstanden als Zusammenspiel von Körper und Seele. Damit ist ein gemeinsamer Kernbereich von Theologie und Literatur umrissen, der allerdings weit weniger erforscht ist als zum Beispiel das Zueinander von Theologie und Bildender Kunst, von dort aber wertvolle Impulse erhält.

Treue wird im Sakrament als Realsymbol der Gegenwart Gottes in der Welt verstanden. Anschaulich wird diese Deutung in einer Relecture der neutestamentlichen Kreuzigungsgeschichte mit ihren Bezügen zum Alten Testament. Die typologische Charakterisierung der Figuren Jesus, Petrus und Judas zeigt den Menschen in existentieller Bedrohung zwischen Zweifel, Angst, Bestärkung und Scheitern. Die sakramententheologische Auslegung zieht die Linie von dieser biblisch fundierten Grunderfahrung in und mit der Treue Gottes zu den Sakramenten Ehe und Weihe und thematisiert das lebenslang prägende Versprechen der Glaubenden als Versuch, Treue als leiblich gestaltete Antwort auf die geschenkte Gnade Gottes zu leben. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf das Verständnis von individueller Leiblichkeit, Gemeinschaft und Kirchenzugehörigkeit. Insofern trifft die Frage nach den Grundbedingungen von Treue und dem Umgang mit dem allgegenwärtigen Scheitern des ehelichen wie des priesterlichen Treueversprechens ins Herz einer sich sakramental verstehenden Kirche. Und gerade weil das Sakrament etwas sichtbar machen will von der Gegenwart Gottes in der Welt, darf sich Kirche nicht in einem Exklusivismus abschließen gegenüber den Erfahrungen der Gesellschaft, in der sie auftritt. Diese Erfahrungen werden verdichtet in zeitgenössischer Literatur lesbar: In einer zunehmend mobilen und individualisierten Gesellschaft erscheinen einzelne Phasen und Fragmente vor einer undurchdringlichen Zukunft als typisches Muster des Lebensentwurfs. Schmerzhafte Trennungen setzen in der aktuellen wie in der nachfolgenden Generation ein erhebliches Gewaltpotential frei. Dem kann aus christlicher Glaubenserfahrung der Rat zur Treue entgegengehalten werden. Wirksam werden kann dieser Rat aber nur, wenn die missverständlichen Vorbehalte gegenüber menschlicher Sexualität aus der kirchlichen Lehre ausgeräumt und die Möglichkeit des menschlichen Scheiterns im Sakrament durchreflektiert wird. Der Schlüssel dafür liegt in den Passionserzählungen, und die Worte, die daraufhin den am Treueversprechen Gescheiterten zugesprochen werden müssen, weisen auf Schuld und Vergebung, aber niemals auf Ausschluss aus der Gemeinschaft, sondern auf Neuanfang oder biblisch gesprochen auf Auferstehung.

Elisabeth U. Straßberger ist Studienleiterin für Literatur der Katholischen Akademie Rabanus Maurus – Haus am Dom in Frankfurt am Main.

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erstellt am 28.10.2015

Elisabeth U. Straßberger
Treue und Passion
Liebesbeziehungen unter dem Druck des Scheiterns
Paperback, 384 Seiten
ISBN: 978-3-7867-3055-2
Matthias Grünewald Verlag, Ostfildern 2015

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