Der Philosoph Jean-Paul Sartre, der in einem russischen Restaurant auf Simone de Beauvoir wartete, ärgerte sich über die Existenz des Anderen, der, in Gestalt eines Kellners, ein selektives Hörvermögen hat. Otto A. Böhmer gewahrte, wie dieser Umstand beim Existentialisten die Sehnsucht nach russischer Volksweisheit weckte.

Holzwege

Das Ohr des Anderen

Der Philosoph Jean-Paul Sartre

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Jean-Paul Sartre saß eines Tages im russischen Restaurant „Dominique“ und wartete auf seine Gefährtin Simone de Beauvoir, die sich jedoch offensichtlich verspätet hatte. „Schon wieder“, brummte der Philosoph, „letztlich ist nur auf das Stündlein Verlass, das man sich selber schlägt.“ „Bitte sehr“, sagte Anton, der alte russische Kellner; er hörte erbärmlich schlecht, ließ sich dadurch aber nicht sonderlich beeinträchtigen, sondern reagierte stets mit der ihm verbliebenen Phantasie, die sich bislang noch über jeden Gast hatte erheben können. „Ich habe nichts gesagt und demzufolge auch nichts bestellt“, sagte Sartre. Anton lächelte und nickte. „Wenn Sie mir jetzt schon wieder etwas zu trinken bringen“, sagte Sartre, „müssen Sie es selber saufen. Und, vor allem, selber – bezahlen.“ „Kommt sofort!“ rief Anton und begab sich in Richtung der im Halbschatten liegenden Bar, die aus der nahen Ferne so aussah, als habe sich dort ein mit endlicher Geduld ausgestatteter, mörderischer Trunkenbold verbarrikadiert. „Mein eigentlicher Sündenfall ist die Existenz des Anderen“, murmelte Sartre, der zuweilen gern das Wort an sich selber richtete.

In diesem Augenblick kehrte Anton zurück und stellte einen doppelten Wodka vor ihm ab. „Mit dem Anderen meine ich natürlich den Anderen – nicht aber die ob ihrer erstaunlichen Schwerhörigkeit gefürchteten russischen Exilkellner, die seit einigen Jahrzehnten dabei sind, die französische Lebensart mit Wodka zu durchfeuchten und mit Borschtsch zu verkleben.“ Er nahm einen Schluck Wodka und freute sich an der Wärme, die ihm die Seele bestrich und zum Bauch hinabstieg. „Ein Wodka ist kein Whisky, zugegeben“, sagte er, „aber dennoch ein feines Getränk. Man kann viel in ihm ertränken, auch die unersättliche Gewissheit der Existenz des Anderen. Wenn man rechtschaffen betrunken ist, wird einem von einem bestimmten Quantum an auch der Blick des Anderen egal sein. Ansonsten aber, in kahler Nüchternheit, ergreife ich den Blick des Anderen schon als eine Verhärtung und Entfremdung meiner eigenen Möglichkeiten. – Erblickt werden heißt, sich als unbekanntes Objekt unerkennbarer Beurteilungen erfassen … Ich bin in Gefahr. Jawohl!“ Sartre hob die Stimme. „Ich bin in Gefahr. Und diese Gefahr ist keine zufällige, sondern die beständige Struktur meines Für-den-Anderen-Seins. Ich bin in dem Maße Sklave, in dem ich in der Tiefe meines Seins von einer Freiheit abhängig bin, die nicht die meine ist und die doch die Bedingung meines Seins ist …“ „Das erscheint mir leicht übertrieben“, sagte Simone de Beauvoir, die auf einmal vor seinem Tisch stand. „Ach, Sie geben mir doch noch die Ehre, Mrs. Morgan-Hattick“, knurrte der Philosoph. „Mit Ihnen hatte ich schon gar nicht mehr zu rechnen gewagt.“ „Ich bitte um Nachsicht, Mr. Morgan-Hattick“, sagte Simone de Beauvoir, warf ihre Jacke über den Stuhl und setzte sich. „Ich bin, wie Sie sich sicherlich denken können, lange aufgehalten worden …“ „Wer war denn der Glückliche?“ fragte Sartre. „Geben Sie mir seinen Namen und seine Anschrift, auf dass ich ihn morgen oder übermorgen aufsuche und wuchtig verprügele … Sie wissen ja …“

,,Ich weiß, dass Sie groß und stark sind, Mr. Morgan-Hattick“, flüsterte Simone de Beauvoir, „groß und stark und, wie immer, rasend eifersüchtig …“ „In der Tat“, sagte Sartre, „man fürchtet mich. Ich bin immerhin 1,57 Meter groß und habe einige Bücher geschrieben …“ – „Macht doch nichts“, sagte Anton, „darf ich nun, da Unsere Liebe Frau eingetroffen ist, endlich den Borschtsch servieren?“ Er war förmlich herbeigeschlichen und schaute lauernd von einem zum anderen. „Das ist er, der Blick des Anderen“, rief der Philosoph. „Wenn ich Ihren bösen Blick richtig deute, ist der Borschtsch heute besonders schlecht.“ „Sie sagen es, Meister“ lächelte Anton verbindlich. „Dafür haben wir auch um ein Geringes die Preise erhöht. – Im Leben gleicht sich bekanntlich alles aus.“ „Das ist mir neu“, seufzte Sartre, „und ich bin auch geneigt, es für Unfug zu halten. Was meinen Sie, Mrs. Morgan-Hattick?“ „Vermutlich eine alte russische Volksweisheit“, sagte Simone de Beauvoir. „Im übrigen, Anton, hören Sie heute erstaunlich gut.“ „Ich habe immer gut gehört, Madame“, sagte Anton. „Aber wissen Sie, das eine will man hören, das andere nicht. Nicht nur die Augen treffen ihre Wahl, sondern auch die Ohren.“ „Noch eine russische Volksweisheit“, ächzte Sartre. „Heben Sie Ihre Füße, Mann, und bringen Sie uns den überteuerten Borschtsch und vom schlechttemperierten Wein, den Sie dazu auszuschenken pflegen.“ „Ich eile“, sagte Anton, „das Leben ist eine einzige Dienstreise …“

„Haben Sie schon einmal daran gedacht, Mrs. Morgan-Hattick, Mütterchen Russland einen Besuch abzustatten?“ fragte der Philosoph. „Wir hätten, denke ich, noch genügend Zeit dazu. Eine Hälfte des Lebens erst haben wir verspielt …“ „Das dürfte nur für Sie gelten, Mr. Morgan-Hattick“, sagte Simone de Beauvoir. „Ich werde älter als Sie. Überhaupt sind wir Frauen leistungsfähiger, ausdauernder. Und wenn ich hinzufügen wollte: auch klüger, würden Sie …“ „Sicher wider­sprechen, ja doch“, sagte Sartre. „Ein altes Weib bleibt ein altes Weib . .“ – „Ich möchte mit Ihnen, Mr. Morgan-Hattick, nicht in die Sowjetunion reisen“, sagte Simone de Beauvoir. „Ich glaube nämlich, dass Ihnen der Wodka dort womöglich noch mehr die Sinne vernebeln würde.“ „Es geht mir nicht um den Wodka, meine Liebe“, knurrte Sartre, „sondern um die russischen Volksweisheiten …“ In diesem Moment kehrte Anton zurück und brachte den Borschtsch. „Anton“, sagte der Philosoph streng, „Sie haben den Daumen im Teller!“ Der Kellner legte eine Hand an sein nächstbestes Ohr. „Wie bitte“, sagte er, „ich höre so schlecht. Sie müssen schon etwas lauter sprechen, Herr Philosoph. Aber bitte nicht brüllen. Man ist schließlich nicht schwerhörig …“

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 27.10.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Jean-Paul Sartre
Jean-Paul Sartre