Die Kompositionen von Komitas (1869-1935) basieren auf überlieferter armenischer Volksmusik. Das zehnköpfige Gurdjieff Ensemble interpretiert sie heute auf traditionellen Instrumenten. Die nun erschienene CD „Komitas“ ermöglicht die Begegnung mit einer in unseren Breiten kaum bekannten Musik, meint Thomas Rothschild.

CD

Der unbekannte Armenier

Von Thomas Rothschild

Das Interesse an der Musik Indiens und, in geringerem Maße, der anderen asiatischen Kulturen ist eine Episode geblieben. Längst wurde es wieder vom ökonomisch unterfütterten Blick nach Westen verdrängt. Unser Musikverständnis ist im buchstäblichen Sinne einseitig. „Weltmusik“ ist ein Schlagwort für Schallplattenhändler und Rundfunkprogrammgestalter. Wir sind, im schlechtesten Verständnis, Europäer oder, schlimmer noch, Kolonialvölker der USA.

Komitas, der eigentlich Soghomon Gevorki Soghomonian hieß, lebte von 1869 bis 1935. Er war Priester, Sammler von traditioneller Folklore und Musiker. Auf den Namen Komitas wurde er als Mönch getauft, als Priester erhielt er dann den zum Namen gehörenden Titel Vardapet. Seine Kompositionen könnte man, seinem musikwissenschaftlichen Studium, das er mit einem Doktorat abgeschlossen hat, zum Trotz, als musikalisches Pendant zur naiven Malerei kennzeichnen. Sie basieren auf dem Material überlieferter armenischer Volksmusik. Das zehnköpfige Ensemble unter der Leitung von Levon Eskenian, das sich den Namen des bewunderten, aber auch umstrittenen Mystikers und Komponisten Gurdjieff gab, interpretiert sie auf traditionellen Instrumenten. Der Klang ist geprägt von Holzblasinstrumenten, Varianten von Hirtenflöten, wie sie ähnlich auch in anderen Kulturen anzutreffen sind, und von unterschiedlichen Saiteninstrumenten, die gezupft oder mit Hämmerchen angeschlagen werden. Die Stücke, die zum Teil als Tänze, zum Teil als Lieder konzipiert waren, haben einen vorwiegend melancholischen Charakter und faszinieren durch wechselnde Rhythmen. Michail Vartanov hat die Musik von Komitas 1969 in seinem Dokumentarfilm „Die Farbe der armenischen Erde“ verwendet, in dem ein anderer armenischer Außenseiter, der in Georgien geborene Filmemacher Sergej Paradschanov auftritt.

Die jetzt bei ECM erschienene CD ermöglicht die Begegnung mit einer in unseren Breiten kaum bekannten Musik, die ebenso befremdlich wie eingängig ist. Es sollte nicht verwundern, wenn sie Kult würde wie der Mann, der dem Ensemble den Namen gab und immerhin keinen Geringeren als Peter Brook zu einem viel beachteten Film inspiriert hat.

Ausschnitte aus einem Konzert des Gurdjieff Ensemble in Amsterdam, 2015

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erstellt am 23.10.2015

Komitas
The Gurdjieff Ensemble / Levon Eskenian
ECM 2451

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