Der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam (1878-1934) war maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik im Jahr 1919 mitbeteiligt. Nach deren Niederschlagung kam Mühsam in Festungshaft. Faust-Kultur veröffentlicht in Auszügen Erich Mühsams Tagebücher aus dem Jahr 1921.

Originaltext

Erich Mühsam: Tagebücher

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 16. Februar 1921.

Genau vor 2 Jahren demonstrierten wir in München für die Abschaffung der politischen Paragraphen des Strafgesetzbuchs. Zwei Monate darauf – genau – wurde gegen mich das Verfahren nach § 81 etc. eröffnet. Heute halte ich mein Leben für verwirkt, falls nicht noch in letzter Stunde Rettung kommt. Gestern beobachteten wir von den Gangfenstern aus, wie Offiziere, geführt von Batum und Schröder (der also doch noch hier ist, scheinbar als Vorstand des Gefängnisses und wirtschaftlicher Chef des Ganzen) die Höfe besichtigten und offenbar die Befestigungen prüften. Heute, während wir beim Essen saßen, erschien vor dem Gitter, das uns vom Treppenhause trennt, Vollmann mit 8 Offizieren – einen von ihnen kennt Olschewski aus Augsburg, einen Major Tuma, der sich seinerzeit „auf den Boden der Tatsachen“ stellte –, beäugten uns wie die Raubtiere im Käfig, stiegen zum oberen Stockwerk und wahrscheinlich zum Dachgeschoß, wo die Maschinengewehre stehn, hinauf und kamen dann wieder herunter. Nur Provokation? Ich glaub’s nicht. Man plant einen Gewaltakt, davon bin ich fest überzeugt. Morgen tritt der Landtag zusammen, um Kahrs Erklärung über die Entwaffnungsfrage entgegenzunehmen. Die Münchner Post rechnet mit einem Staatsstreich, also wohl in der Form einer Auflösung des Parlaments und Errichtung einer Epp- oder Escherich-Diktatur. Dann können wir uns gratulieren. Schon hat Frau Niekisch vom I. Staatsanwalt Pollmann in Augsburg gehört, die politische Situation verlange, daß wir von der Außenwelt abgeschnitten werden. Der Bayerische Kurier, der Kahr-Moniteur, höhnt bereits, die Entwaffnung werde an technischen Widerständen scheitern, da die Waffen auf 4000 Höfe im Lande verteilt seien, die einzeln gestürmt werden müßten, da keine Waffe freiwillig herausgegeben werde. Dem Generalstreik, der einsetzen könnte – wird er? – ist durch eine umfassende Organisation „technischer Nothilfe“ vorgebeugt. Wenn nicht alle Zeichen trügen, stehn wir also der offenen Proklamation des weißen Schreckens in unmittelbarer Nähe gegenüber, und was das heißt, davon weiß die jüngste Geschichte Ungarns und vielleicht noch mehr Finnlands zu erzählen. Daß man sich nicht scheuen wird, wehrlose, seit 2 Jahren eingekerkerte Menschen zu töten, und daß ich und alle meine näheren Freunde hier drinnen dann die ersten Opfer sein werden, darüber bin ich mir völlig klar. Übrigens bin ich bereit. Vielleicht ist es das Einzige, was ich der Revolution noch zu geben habe, das Leben. Ich werde mich vor der Nachwelt dieses Lebens nicht zu schämen haben. Nur Zenzl! – Aber private Dinge haben keine Rolle zu spielen. Ich habe vorhin ein Telegramm aufgesetzt, das ich den 3 VKP-Abgeordneten ans Landtagspräsidium abzusenden empfahl und zwar als dringendes Telegramm. Etwa so: „Festungsgefangene Niederschönenfeld in höchster Gefahr. Erbitten umgehend Schutz gegen Festungsverwaltung, Sipo und Justizbehörde. Die Abgeordneten Hagemeister, Sauber, Schmidt.“ Ich glaube, die drei beraten jetzt über die Sache. Mag sich zeigen, ob der blöde Schwatzklub wenigstens die Macht hat, unser Leben zu schützen. Interessant wärs natürlich, wenn Vollmann die Beförderung ablehnte. Daß er dazu den Schneid hätte, ist mir gewiß. Aber es wäre ein Zeichen, daß man sich schon sicher weiß, daß keine nachträglichen Unbequemlichkeiten draus erwachsen werden. – Eben bringt mir Luki Egensperger die Nachricht, daß mein junger Freund Josef Fürbacher in München verhaftet sei, da er versucht habe, einen Kapitalisten um 50 000 Mk zu erpressen, die er für die politischen Gefangenen brauchen wollte. Daß der gute Junge das ehrlich gewollt hat, ist ganz zweifellos. Natürlich wird man es ihm nicht glauben. Übrigens könnte uns durch Geld jetzt wenig geholfen werden, wir brauchen garnichts andres als Solidarität, und die fehlt schon im Hause selbst gänzlich. Uns allen ist aufgefallen, daß der Götz heute vormittag mehrmals hinuntergerufen wurde. Nachher, während des Offiziersbesuchs stand er am Herd und horchte auf jedes Wort, das gesprochen wurde. Aber unsre Intellektuellen sehn die ganze Lage noch immer als harmlos an und trauen den Sipo-Leuten – die den Regierungserklärungen zufolge beileibe nicht militärisch organisiert sind, nichts Unrechtes zu. Sie werden bitter erwachen. Am 1. März beginnen die Verhandlungen in London. Hat die baierische Reaktion bis dahin nicht zugeschlagen, ist’s zu spät für sie. Die Entscheidung muß täglich fallen.

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 19. Februar 1921.

Die Atmosphäre ist etwas ruhiger geworden. Der Staatsstreich ist unterblieben – wozu auch? die Reaktion kann in Baiern durch Abstimmung genau dasselbe erreichen wie durch Militärgewalt –, Kahr hat eine schöne Rede gehalten und die Entwaffnung strikt abgelehnt. Die Sozialdemokraten haben etliche Pflöcke zurückgesteckt und praktizieren die loyalste Opposition von der Welt. Die Unabhängigen plärren, die Kommunisten spielen überhaupt keine Rolle mehr. Von der 7köpfigen Landtagsfraktion sitzen 3 bei uns auf Festung, einer (Eisenberger) im Gefängnis – Abgeordneten-Immunität! – und Graf ist jetzt, mitsamt Otto Thomas aus der VKP ausgeschlossen worden – durch ein Machtwort Levis, nachdem die Münchner Schäfchen sie erneut ihres Vertrauens versichert haben. – Hier drinnen folgt nach wie vor eine Schikane der andern, so darf man seit gestern Besuchern keine Bewirtung mehr hinunterschicken. Heut habe ich dem Arzt in einem plötzlichen Anfall von Wut die ganzen Ruchlosigkeiten der Verwaltung an den Kopf geschmissen und von ihm verlangt, daß er im Interesse unsrer Nerven und Allgemeingesundheit für menschenwürdige Behandlung sorgt. Als ich ihm u. a. vorhielt, daß bei besuchenden Frauen sogar die Geschlechtsteile abgetastet werden, fragte der Mann – ein Wasenmeister nach Art und Wesen –, ob dabei nur ein äußerliches Abgreifen erfolgt sei oder ob mit den Fingern in die Scheide hineingegriffen wurde. Unbequeme Tatsachen stritt er einfach ab. Ich sagte ihm schließlich, ich spräche mit ihm nicht als Beamten sondern als Arzt, sonst würde ich mich lieber gleich an einen Aufseher wenden. Ferner sagte ich: Hier im Hause wird statt Justiz Politik getrieben, wenn ich sehe, daß auch die Medizin durch Politik ersetzt wird, hätte ich weiter nichts zu verhandeln. Auf Verständnis stieß ich nicht bei dem Mann. Entzückende Dinge leistet sich Vollmann den Landtagsabgeordneten gegenüber. Sauber entschuldigte sich für sein Fernbleiben von den Verhandlungen beim Landtagspräsidenten in einem Brief, der Angriffe gegen die Verwaltung deswegen enthielt, weil Vollmann dem Landtag den Charakter einer Aufsichtsbehörde abstritt (nach der Verfassung ist das Parlament die überhaupt höchste Stelle in dieser „demokratischen Republik“). Vollmann hat das Schreiben des Parlamentariers an das Parlament zurückbehalten und erklärt, er habe von sich aus Saubers Fernbleiben entschuldigt. Schmidt hat er mitgeteilt, daß keine Veranlassung für ihn bestehe, ihm darüber Auskunft zu erteilen, ob er dessen Zuschriften an den Landtagspräsidenten vorher einer andern Stelle vorlege. Das macht mir altem Antiparlamentarier Mordsspaß, aber die Entrüstung der Betroffenen ist groß und als Agitationsstoff für draußen sind diese Fälle ausgezeichnet. – Ich persönlich habe großen Ärger. Vor einigen Tagen erschien Toller bei mir, sehr stolz, eine Neuigkeit für mich zu haben. Beierle hatte ihm geschrieben, daß mein „Judas“ am 5. März in Mannheim uraufgeführt werde, und daß er (B.) die Rolle des Schenk übernommen habe; die Proben würden demnächst beginnen. Ich lebte bisher in dem Glauben, die Aufführung finde am 26. Februar statt, die Schenkrolle werde von Vogel gespielt und die Proben seien längst im Gange. Heute erfuhr ich von Lederer, daß Toller richtig orientiert ist. Diesen eingebildeten Laffen sucht man sich also aus, um mich über meine privatesten Angelegenheiten zu verständigen. Ich bin wütend. Es scheint, daß mir keine aussinnbare Demütigung geschenkt werden soll. – Bei alledem ist unsre Gruppe, wie es scheint, im Zerfallen. Seit ich von der Einzelhaft wieder oben bin, ist es unter uns fünf so fad geworden, daß ich mich oft zu Paul Förster hinüberdrücke. Mein ganzer Trost ist der Seppl. Ich habe den Jungen so lieb wie einen Bruder oder Sohn. Die Stunden nach Gitterschluß am Abend, wo ich jeden Abend noch mit ihm bis Mitternacht auf dem Gang spazieren laufe, erhellen mir das Leben, das ich dem guten reinen jungen Menschen zum zweiten Mal scheine danken zu sollen. Vor zwei Jahren befreite er mein Körperliches aus den Fängen der Dürr, Seyffertitz und Gelichter. Jetzt gibt er dem Herzen Sonne und Freude. Gebe Gott, daß ich es ihm einmal vergelten kann!

Niederschönenfeld, Montag, d. 2. Mai 1921.

Grade bin ich mit der Einrichtung und dem Bücherstellen fertig. Seppl hat mir alle wirkliche Arbeit dabei abgenommen. Jetzt bin ich endlich aus dem Provisorium heraus, in dem ich bisher in den kleinen Löchern lebte. Jetzt heißt es aber schon, Vollmann wolle in den nächsten Tagen alle Zellen neu weißen lassen (was er in der Zeit, wo die Buden leer standen, verabsäumt hat). Ähnlich sähe es ihm schon: in dem Falle würde ich darauf verzichten, da ich sonst die ganze Arbeit noch einmal hätte, abgesehn von den Kosten für Nägel, Klebstoff etc. Zwingen wird er einen jawohl nicht, wenn man sich bereit erklärt, zwischen verdreckten Wänden zu leben. Heut hat sich der Mann wieder in voller Glorie als Staatsretter bewiesen: er hat aus dem Gemeinschaftsraum die Bilder von Marx, Liebknecht, Rosa Luxemburg, Lenin und Trotzki, die dort über ein Jahr hingen, und vom Hauptgang die Bilder von Trotzki und Landauer entfernen lassen. Nun werden wohl diese Namen und die Erinnerung an ihre Bedrohung aus unsern Geistern gelöscht sein. Typisch alldeutsche Logik. Ob er sich dessen bewußt war, daß er diese Maßnahme grade am zweiten Jahrestage der Ermordung Landauers durchführen ließ, will ich nicht entscheiden. Zuzutrauen wäre es dem „starken Mann“, als der er sich geriert, ohne weiteres. – In der Frauenhilfesache haben wir den Wagen wieder eine Station weitergeschoben. Mein Antrag, auf der Ablehnung der Spenden für diesen Monat zunächst zu beharren und mündliche Verständigung zu suchen, für das Verfahren mit künftigen Sendungen die Entscheidung vorerst offen zu lassen, wurde mit allen gegen Weigands – des Jüngsten! – Stimmen und zwei Stimmenthaltungen – des zweitjüngsten(!) Walter und Adolf Schmidts (mit dem das Mitleid und das Mißtrauen gegen die Konsequenz der Genossen durchging) angenommen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß gegen mich wieder mal von Neid erzeugte Verleumdungen umgingen: das Gerücht war verbreitet und natürlich allgemein geglaubt worden, ich besitze 1000, nach andrer Lesart sogar 1600 Zigarren, von denen ich nichts abgebe. Ich habe dann Taubenberger zu mir gerufen und ihm anheimgestellt, meine Bude zu durchsuchen. Was er über 20 Zigarren fände, dürfe er behalten. Ich denke, ich habe diesem Geschwätz nun das Genick umgedreht. – Wir haben nun erfahren, wer im ersten Stock die Annahme unsrer Wurstanteile verweigert hat: ganze 5 Mann (allerdings zweifle ich vorläufig noch daran, daß wirklich Rudolf Hartig und Kullmann unter den Nutznießern des Vorteils gewesen sein sollten). Nach unsern Informationen soll aber eine Erklärung an Vollmann gegangen sein, deren Unterzeichner mitteilten, sie lehnen die Annahme der für uns Genossen im II. Stockwerk bestimmten Waren ab, und die von folgenden unterzeichnet gewesen sei: Toller, Klingelhöfer, Zammert, Regler und Kolbinger. Niekisch, Murböck, die Hartigs und alle übrigen hätten sich also gütlich getan an unserer prinzipiellen Charakterwahrung. Wohl bekomm’s! Kolbinger, der übrigens in den nächsten Tagen entlassen wird, soll allgemein eine sehr anständige Haltung zeigen und wird deshalb unten als nicht ganz normal angesehn. Toller und Klingelhöfer sind persönlich sehr gut gestellt, sodaß ihnen der Entschluß leicht gefallen sein kann. Von den drei andern, die nicht auf Rosen liegen, freut es mich. Übrigens soll der ganze untere Stock eine Eingabe an die Behörde losgelassen haben, worin korporativ eine Nachprüfung der Urteile und Freilassung auf Bewährung beantragt wird. Nur Kolbinger habe sie nicht unterschrieben. Kullmann scheint leider umgefallen zu sein und die gleiche Rolle zu spielen wie vorher Förster. Qui mange du pape … Mir wärs schon recht, wenn die Hochbesteuerten, Blößl und Hornung mit je 10, Valtin Hartig mit 7, Westrich und Daudistel mit 6, Klingelhöfer mit 5½, Toller und Bedacht mit 5 Jahren ihren Zweck erreichten. Wenn es so kommen sollte, daß anläßlich der Entwaffnung und Demission Kahrs große Ausmistung erfolgt und etwa nur die ganz Hochbestraften drinnen bleiben sollen, wäre mir diese Gesellschaft – ausnahmslos – schon recht zuwider. Eine Gefahr für die Bourgeoisie bildet sowieso keiner von ihnen. – In der Politik geht das Rätselraten weiter. Harding scheint nicht geneigt, der Hinterhältigkeit der Fehrenbach-Simons Handlangerdienste zu leisten. Zur Zeit findet eine neue Besprechung der Herren Briand, Lloyd George etc. statt, die über die Angelegenheit weiter beraten. Eventuell wird ein auf etwa 7 Tage befristetes Ultimatum an Deutschland gerichtet werden, nach dessen Ablauf das Ruhrgebiet besetzt werden soll. Eine Meldung will wissen, daß „farbige“ Truppen nach dem rechtsrheinischen Bayern zu in Anmarsch seien, um jedenfalls den Maingau zu besetzen. Ich halte das für eine verfrühte Sensationsmeldung. Eigenartig ist übrigens, daß angesichts der verzweifelten Lage Deutschlands der Markkurs verhältnismäßig langsam fällt. Der rapide Sturz wird wohl einsetzen, wenn die Sanktionen in ihrer robusten Form in Kraft treten, – was ich immer noch für mehr als wahrscheinlich halte. Die innerpolitischen Konsequenzen werden wohl zunächst in einer Reichs-Ministerkrise zutage treten. Fehrenbach und Simons sollen Rücktrittsabsichten haben. Der „Vorwärts“ erhebt schon durch die Blume auf ihre Ersetzung durch Sozialdemokraten Anspruch. Ob Kain mit seiner Aufassung recht hat, sie würden als Bedingung die Reichsexekutive zur Entwaffnung Bayerns stellen, bezweifle ich noch. Ihr Ehrgeiz wird sie auch ohne derartige Belastungen des nationalistischen Geistes wieder regierungswillig finden. Jedenfalls ist die Möglichkeit, daß diese Leute wieder obenauf kommen, sehr groß, – und dann kommt der Konflikt zwischen Reich und Bayern zum offenen Ausbruch. – Ich las heute Levis Broschüre „Unser Weg. Wider den Putschismus“. Subjekt und Objekt erscheinen in der Schrift in gleich schöner Bestrahlung. Levi, der engstirnige, marxpfäffische Gernegroß, der den autoritären, disziplinnärrischen, nur auf ihre eigne Macht erpichten Zentralebonzen der VKPD (seinen Nachfolgern) Bakunismus vorwirft und das Wort schon als Beschimpfung braucht, der die Terrorakte dem „Lumpenproletariat“ in die Schuhe schiebt, das er wie Marx und Engels es sträflicherweise stets getan haben, durch den Dreck zieht ohne einen Begriff davon, daß eine soziale Revolution von vornherein gerichtet ist, der nicht die am tiefsten von der bürgerlichen Gesellschaft zermürbten ganz Ausgestoßenen sich begeisterungsvoll widmen, Levi kämpft – ganz in Übereinstimmung übrigens mit Lenins kläglicher Kinderkrankheitsbroschüre – für reformistische Revolutionsmethoden: er hat keine Ungeduld; er ist ein deutscher Rechtsanwalt und weiß genau, wie die „Entwicklungsgesetze“ alles beschlossen haben. Aber was er gegen die Macher des mitteldeutschen Aufstands sagt, was er von den Vorgängen in den Konventikelsitzungen der Zentrale verrät, ist zum großen Teil sehr ernst zu nehmen. Meine Beurteilung der Sache gleich anfangs erweist sich als richtig: diejenigen, die den Aufstand inszeniert haben, bekamen, als sie merkten, daß ihre Parolen aufgegriffen und befolgt wurden, Angst vor der eignen Kurage, bremsten ab, schoben die Schuld auf Spitzel oder auf die unverständigen Arbeiter, die ihre Haut zu Markte trugen und trugen am meisten dazu bei, daß das Feuer, das sie wie mit Streichhölzern spielende Kinder angelegt hatten, nicht um sich griff, und schließlich, als schon alles verloren war, schürten sie von neuem nach, damit ihnen keine Bremserei nachgesagt werden konnte. Wann wird das deutsche Proletariat endlich lernen, sein Schicksal selbst zu bestimmen? Wann wird es seine Parteien sprengen, seine Professionsführer zum Teufel hauen, seine Organisationen den Notwendigkeiten der Revolution anpassen und zuschlagen, wenn es die Stunde aus eigner Erkenntnis gekommen sieht? Was heute vor 2 Jahren geschah, – es kam aus denselben Fehlern, die immer noch, die immer von neuem gemacht werden. Levi bekämpft den Bakunismus bei den deutschen Kommunisten. An dem Tage, wo Bakunins Geist in Wahrheit in den deutschen Kommunisten lebendig wird, wird die deutsche Revolution ihren Sieg einleiten.

Quelle: muehsam-tagebuch.de
Ausgewählt von Harry Oberländer

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erstellt am 23.10.2015

Erich Mühsam, um 1925
Foto: National Library of Israel, Schwadron collection

Erich Mühsam
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Herausgegeben von Chris Hirte und Conrad Piens
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